12.11.2008

Großer Krieg mit unerwartetem Ausgang

Im Tucholsky-Museum in Rheinsberg ist derzeit eine Ausstellung zu sehen, die ein »kollektives Tagebuch französischer und deutscher Schriftsteller 1914-1918« abbildet. Die in den Medien viel beachtete Ausstellung ergibt nach Angaben der Ausstellungsmacher eine »Chronik jener Umbruchzeit, die das Ende des alten Europa markiert und heute als die eigentliche Zeitenwende im 20. Jahrhundert verstanden wird«.

Von den deutschen Schriftstellern gab es nur wenige, die im Sommer 1914 nicht von der Kriegsbegeisterung erfasst wurden. Der Tagesspiegel erinnert an Thomas Mann, Gerhart Hauptmann, Hugo von Hofmannsthal, die unter anderem die Frage stellten: »Muß man nicht dankbar sein, für das vollkommen Unerwartete, so große Dinge erleben zu dürfen?« (Mann). Das Deutschlandradio Kultur weist darauf hin, dass allein im August 1914 rund eineinhalb Millionen Kriegsgedichte geschrieben wurden (wer immer diese Gedichte gezählt haben mag). Aus diesem Grund lohnt es sich, hier zu dokumentieren, wie sich Tucholsksy in den ersten beiden Jahren zum Krieg geäußert hat:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Vielschreiber war komplett verstummt. Noch Ende Juli 1914 hatte er sich in den parodierten »Demonstranten-Briefen« über die wachsende Kriegsbegeisterung in Berlin lustig gemacht. Nach dem Ausbruch des Krieges hatte es ihm dagegen angesichts des Enthusiasmus am zu erwartenden Massentöten die Sprache verschlagen. Die Stimmung seiner Mitbürger war in den »Demonstranten-Briefen« offenbar zu gut getroffen:

»… Am Vorabend eines Krieges! Er wird, er muß kommen! Dafür werden wir schon sorgen. Gestern abend haben wir den Anfang gemacht – mit einer Demonstration! Es war glänzend! Entblößten Hauptes sind wir zwei und eine halbe Stunde in der Stadt herumgezogen und haben gelärmt wie Tollhäusler. Herrlich! Ich habe persönlich ein Hoch auf den Krieg ausgebracht, unmittelbar vor dem Kanzlerpalais. Ich hoffe, er hat es gehört. Er muß jetzt kommen, der Krieg. Du ahnst gar nicht, wie ich mich darauf freue. Ich höre schon den Donner der Kanonen von ferne in meinen Ohren; mein geistiges Auge sieht schon das Schlachtgewühl: Reiterattacke, die Säbel sausen, gespaltene Schädel, spritzendes Blut, quellende Eingeweide … Herrlich! Großartig! Welchem Patrioten schlägt das Herz nicht höher, wenn er sich vorstellt, wie Deutschland so einmal wieder kriegerischen Lorbeer pflückt. Ach, was gibt es Schöneres als den Krieg?! Faul und matt sind wir geworden durch den langen Frieden. Stickig und schwül ist die Luft. … Nun aber soll es kommen, das erlösende Gewitter, reinigend, beglückend. Gewiß, es wird Opfer fordern. Aber – süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben! … Wer wollte zögern, wenn die Stunde der Entscheidung schlägt? … Frisch auf, mein Volk, die Flammenzeichen rauchen! Vorwärts immer, rückwärts nimmer! Deutschland, Deutschland, über alles –!

Leb wohl, ich kann nicht mehr.

Dein begeisterter
Emil.
(Landsturm ohne Waffe.)«

Es ist auch nicht so, als habe Tucholsky erst 1931 das Töten im Krieg als Mord bezeichnet. Schon im Mai 1912, also 19 Jahre vor seinem berühmten Soldaten-sind-Mörder-Zitat, veröffentlichte er im Vorwärts den Dialog des lieben Gottes mit einem preußischen Militärpiloten, der den Höhenrekord eines französischen Fluglehrers hatte brechen wollen und dabei abgestürzt war.

Kleines Gespräch mit unerwartetem Ausgang

Der Herrgott saß auf Wolkenkissen
und sah sich seine Erde an.
Was braust herauf? – Sieh da, das is ’n
Wolkenkahn!

Ein Offizier grüßt freundlich lächelnd:
»Jestatten! Schwaben Nr. 4!«
(und die Propeller surren fächelnd) –
»Wir sind nu hier!«

»Was sagen Sie zu unserm Siege?
Wir brachen spielend den Rekord.
Wozu? – Wir brauchen das zum Kriege.« –
»Zum Krieg? – Zum Mord!«

»Erlauben Sie, Sie sind zu schwächlich …»
»Und wer gab Euch das viele Geld –?»
»Das Volk! das Volk war es hauptsächlich
vom Rhein zum Belt!« –

»Das Volk? – Habt ihr so krumme Nacken?
Ist denn bei euch das Volk so dumm?«
Hier lachte Gott aus vollen Backen.
Man kippte um.

Das heißt jedoch nicht, dass Tucholsky als Pazifist und Antimilitarist auf die Welt gekommen und zeitlebens diese Position beibehalten hätte. Gegen Ende des Ersten Weltkrieges spielte er sogar mit dem Gedanken, als Offizier bei der Feldpolizei Karriere zu machen. In einer Abhandlung über Tucholskys pazifistische Positionen zwischen 1912 und 1919 kommt Ian King daher zu dem Fazit:

Ein junger Mann sucht seinen Weg. Als Schriftsteller, als zum Kriegsdienst Eingezogener, als Journalist und als Friedenskämpfer. Tucholsky macht nicht auf Anhieb alles richtig, prüft verschiedene Facetten seines Talents, überlebt den Krieg in Kurland und Rumänien, verspricht sich, nachher die Wahrheit über seine Militärerfahrungen zu erzählen, hält trotz aller Anfechtungen und Gefahren Wort.

Ian King: »Der verhinderte Offizier. Der junge Tucholsky über Militär und Pazifismus«, in: Friedhelm Greis, Ian King (Hg.): Der Antimilitarist und Pazifist Tucholsky. Dokumentation der Tagung 2007 »Der Krieg ist aber unter allen Umständen tief unsittlich«. St. Ingbert 2008, S. 39-56, hier S. 53

9.11.2008

Erinnerung an eine Unvollendete

Um die Ursachen zu finden, an denen die Weimarer Republik schließlich scheiterte, muss man nach Ansicht Tucholskys in ihrer Entstehungszeit suchen. Auch wenn die Revolution im November 1918 in wenigen Tagen jahrhundertealte Herrscherhäuser vom Thron fegte, hatte sie den Titel offenbar nicht wirklich verdient. Über die Ereignisse vor 90 Jahren schrieb Tucholsky wenige Monate später, im März 1919, in seinem programmatischen Artikel »Wir Negativen«:

Wenn Revolution nur Zusammenbruch bedeutet, dann war es eine; aber man darf nicht erwarten, daß die Trümmer anders aussehen als das alte Gebäude.

Der große Fehler der ersten republikanischen Regierung habe darin bestanden, den neuen Staat auf eben diesen Trümmern des alten Kaiserreiches zu errichten: Justiz, Verwaltung, Militär. Vor allem den ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert machte Tucholsky für diese verhängnisvolle Entscheidung verantwortlich. Noch nach dessen Tod wetterte er:

Wer so wenig politisches Gefühl hat, um nicht zu sehen, daß es in diesem Moment das Äußerste an verbrecherischem Wahnsinn war, einen Staat, der grade an seinen Lastern zusammengebrochen war, mit eben diesen Lastern wiederaufzubauen, dem ist nicht zu helfen. Hinter Ebert standen wenige Tage lang Millionen von Arbeitern – er holte sich entlaufene Offiziere und baute mit denen etwas auf, was er die Ordnung nannte, und was die Arbeiter bald als Gefängnis erkannten. Hinter ihm standen wochenlang zahllose Studenten, Rechtsanwälte, selbst Beamte – er beließ die Richter und Landräte in ihren Stellungen und baute auf. Was dann begann, ist frisch in aller Erinnerung.

»Die Ebert-Legende«. in: Die Weltbühne, 12.1.1926, S. 52

Typische Formulierungen, mit denen Tucholsky auf die Revolution zurückblickte, lauteten:

Das war eine deutsche Revolution:
Eine mit Organisation,
eine mit Stempeln und Kompetenzen –
beileibe nicht mit wilden Tänzen
(1920)

Kriege sind über uns hereingebrochen, Volksbelustigungen, denen man in Deutschland den Namen »Revolution« anhängte, … (1925)

Aber es ist doch traurig zu sehen, wie wenig diese sogenannte Revolution eigentlich bewirkt hat. (1925)

Es ist ja dieser »Revolution« genannten deutschen Volkssehnsucht, Weihnachten 1918 wieder bei Muttern zu feiern, vorbehalten gewesen, einen staatsrechtlichen Umschwung mit »wohlerworbenen Rechten« einzuleiten. (1927)

Diese Revolution war keine. (1927)

Die deutsche Revolution hat im Jahre 1918 im Saale stattgefunden. (1928)

Die deutsche Revolution steht noch aus. (1928)

Wegen ungünstiger Witterung fand die deutsche Revolution in der Musik statt. (1930)

Tucholsky selbst verhielt sich in dieser umwälzenden Epoche um den Jahreswechsel 1919 alles andere als revolutionär. Als er um den 20. November 1918 aus dem Kriegseinsatz in Rumänien nach Berlin zurückkehrte, war die Republik bereits ausgerufen. Im Dezember wurde er Chefredakteur des Ulk, der Satirebeilage des Berliner Tageblatts. Anders als in der Weltbühne, wo er beispielsweise noch Sympathie für die Spartakisten aufbrachte, die »die Geschichte beim Schopfe« packten, kritisierte er im Ulk:

Der Spartakus, der Spartakus,
der möcht uns gern regieren;
er will bei diesem Friedensschluß
die Leut noch kujonieren.
Im ganzen Kriege schoß er nicht
so viel um sich herum
wie hier, nut, nut, an einem Tag

»Berliner Drehorgellied«, in: Ulk, 17.1.1919

Erst, als es schon zu spät und Revolutionäre wie Kurt Eisner, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ermordet waren, verspottete Tucholsky die halbherzigen Aktionen der Regierung:

Seit November tanzt man Menuettchen,
wo man schlagen, brennen, stürzen sollt.
Heiter liegt der Bürger in dem Bettchen,
die Regierung säuselt gar zu hold.
Sind die alten Herrn auch rot bebändert,
deshalb hat sich nichts bei uns geändert.
Kommts, daß Ebert hin nach Holland geht,
spricht er dort zu einer Majestät:
»Schließen wir ’nen kleinen Kompromiß!
Davon hat man keine Kümmernis.
Einerseits – und andrerseits –
So ein Ding hat manchen Reiz …«
Und durch Deutschland geht ein tiefer Riß.
Dafür gibt es keinen Kompromiß!

»Das Lied vom Kompromiß«, in: Die Weltbühne, 13.3.1919, S. 297

Rückblickend räumte Tucholsky 1935 in einem Brief ein, in der damaligen Situation selbst die Lage nicht richtig erfasst und zu sehr auf den Tageblatt-Chefredakteur Theodor Wolff gehört zu haben:

1918/1919 habe ich überhaupt nichts verstanden – aus dieser Zeit datieren meine dümmsten Arbeiten, die ich teils selbst auf dem Gewissen habe, zum Teil ließ ich sie publicieren, verleitet durch den etwas dümmlichen Mann, den Du neulich kennen gelernt hast, und der nicht weiß, wo Gott wohnt.

In den zahlreichen Rückblicken der Medien auf den 90. Jahrestag der Novemberrevolution finden sich auch mehrere mit Bezug zu Tucholsky:

2.11.2008

Die Verbreitung einer Gedicht-Legende

Es war wohl kaum anders zu erwarten, als dass sich das vermeintliche Tucholsky-Gedicht »Höhere Finanzmathematik« mit der Geschwindigkeit eines Computerwurms im Internet verbreiten würde. Aber diesmal wurden nicht die Rechner, sondern die Gehirne der Leser befallen. Ein poetischer Hoax.

Hat sich wenigstens der hier zuvor geäußerte Wunsch erfüllt, dass die Presse ihre Leser über dieses kollektive Missverständnis aufklärt? Von wegen. Gleich mehrere Zeitungen sind der falschen Zuschreibung auf den Leim gegangen und haben das Gedicht unter der Urheberschaft Tucholskys abgedruckt. So in Deutschland die Westdeutsche Zeitung und die Nürnberger Nachrichten (die zwei Tage später den Fehler berichtigten), oder in der Schweiz die Basler Zeitung und das St. Galler Tagblatt. Was wiederum das Boulevardblatt Blick für einen kleinen Seitenhieb auf die Kollegen nutzte:

Doch geschrieben hat die etwas holprigen Reime ein Österreicher im September, berichtet die «Financial Times Deutschland». Trotzdem hat es die «Basler Zeitung» in ihrem Kulturteil abgedruckt und als Autor Tucholsky vermerkt.

Das Tagblatt sah sich ebenfalls zu einer Berichtigung genötigt und schrieb unter der etwas irreführenden Überschrift »Lug & Trug«:

Es ist ein Gedicht, stimmig und aktuell. Tucholsky wird als sein Urheber genannt — auch gestern, in diesem Blatt. «Wenn die Börsenkurse fallen»: So fing es an. Doch Tucholsky war’s nicht, das erklären die Fachleute, auch wenn das Gedicht unter seinem Namen quer durchs Netz floriert.

Wenig rühmlich auch, dass der ehemalige Zeit-Chefredakteur Roger de Weck das Gedicht im Medienmagazin des RBB zitierte. Und als »Finanzexperte« hätte Oswald Metzger vor der Veröffentlichung in seinem Blog etwas vorsichtiger sein können. Dennoch sei zur Ehrenrettung der Medien erwähnt, dass viele Zeitungen skeptisch waren und vor einem möglichen Abdruck des Gedichtes bei der Tucholsky-Gesellschaft nachfragten, ob Tucholsky der Urheber sei. Die Financial Times Deutschland sprach sogar mit dem tatsächlichen Autor, dem 69 Jahre alten Wiener Richard Kerschhofer. Der kann die Verwechslung gar nicht nachvollziehen und meinte mit Blick auf die starken stilistischen Unterschiede zu den Versen Theobald Tigers: »Kurt Tucholsky hat nicht annähernd so saubere Reime geschrieben wie ich.«

Kerschhofers Nähe zum rechten politischen Lager — er schreibt auch für die österreichische Zeitschrift Zeitbühne — müsste nun eigentlich linke Kapitalismuskritiker in Erklärungsnöte bringen. Etliche haben das Gedicht unter dem Autornamen Tucholsky oder anonym veröffentlicht (so auch die KPÖ). Worüber sich nicht nur die Wiener Presse, sondern auch Kerschhofer selbst amüsiert:

Offene Ohren fand das Gedicht vor allem bei linksgerichteten Kapitalismuskritikern. Dies dürfte damit zusammenhängen, dass laut dem Gedicht das Finanzsystem aufgrund der »Spekulantenbrut« eine Umverteilung nach oben bewirkt, für die der »kleine Mann zu blechen hat«. Der Urheber ist politisch jedoch eher auf der anderen Seite zu finden. »Ich bin sicher kein Linker. Und ich fand es zuerst unglaublich, dass diese es sofort für sich reklamiert haben«, sagt Kerschhofer im Gespräch mit der »Presse«. Für ihn sei es nun aber eine »Genugtuung«, dass sein Gedicht – wenn auch unter falscher Urheberschaft – so große Berühmtheit erlangt hat.

Aber schon zu Zeiten Tucholskys waren lechts und rinks bisweilen zu velwechsern. Ein Leser der Westdeutschen Zeitung geht die Debatte daher sehr unideologisch an und meint: »Na egal wer es geschrieben hat, ob linker Weltverbesserer oder rechte Ätzbacke, das Gedicht ist trotzdem gut.«

Letzterem kann die Berliner Morgenpost hingegen nicht zustimmen. In einer ausführlichen Analyse der angerichteten Verwirrung schreibt Hendrik Werner:

Als erdrückendes Indiz, das von Anfang an gegen eine Urheberschaft Tucholskys hätte sprechen müssen, kommt noch hinzu, dass seine Lyrik zeitlebens sehr viel sperriger war als das ihm jetzt angehängte Gedicht. So hingegen klingt ein echter Tucholsky: »Ihr, in Kellern und in Mansarden, / merkt ihr nicht, was mit euch gespielt wird? / mit wessen Schweiß der Gewinn erzielt wird? / Komme, was da kommen mag. / Es kommt der Tag, / da ruft der Arbeitspionier: / Ihr nicht. / Aber Wir. Wir.« Dies ist die Schlussstrophe eines Gedichts namens »Die freie Wirtschaft«, das unter dem Pseudonym Theobald Tiger am 4. März 1930 in der »Weltbühne« veröffentlich wurde. Auch diese Verse sind kämpferisch und kritisch. Aber sie sind, anders als der Fake »Höhere Finanzwirtschaft«, nicht von dieser monotonen Betulichkeit, die bei einem formal konventionelleren Dichter wie Erich Kästner weit eher anzutreffen ist. Nichts gegen behäbige Paarreim-Strophen; Tucholsky indes war in ästhetischen Dingen um einiges avancierter.

Warum Werner aber dauernd von »Fake«, »Lug und Trug« und »Fälschung« spricht, ist nicht ganz ersichtlich. Eine Fälschung liegt laut Wikipedia dann vor, »wenn einer eigenen Leistung die Urheberschaft eines Anderen unterstellt wird«. Diesen Vorwurf kann man Kerschhofer nicht machen. Und der Person, die die »Höhere Finanzmathematik« wohl erstmals mit Tucholsky in Verbindung brachte, ist wohl eher Schusseligkeit vorzuwerfen. Bei der weiteren Verbreitung des Fehlers gelten dieselben Mechanismen, die auch die Weiterleitung von Hoaxes befördern: eine gewisse Gutgläubigkeit und Unbedarftheit gepaart mit fehlendem Hintergrundwissen. So entgegnet Thomas Wendt, der das Gedicht auf der Website des SPD-Ortsvereins Rerik Salzhaff Kröpelin veröffentlicht hat, auf den Vorwurf der ungeprüften und unreflektieren Übernahme dieser »Ente«:

Ungeprüft, das mag sein. Ein gewisser Grad an Plausibilität ist gegeben und das darf in diesem Falle reichen. Ob Tucholsky oder nicht, ist für die Aussage egal. Aber der Vorwurf, hier wäre etwas unreflektiert übernommen worden trifft auf keinen Fall zu. Da scheint mir eher der Vorwurf selber unreflektiert zu sein. ;-)

Um diese höhere Form der Dialektik zu beherrschen, muss man wohl Jahrzehnte auf Parteischulungen verbracht haben.

Vielleicht sollte man inzwischen dazu übergehen, wie es die Börsen-Zeitung gemacht hat, statt der Kerschhofer’schen Finanzmathematik den »Kurzen Abriß der Nationalökonomie« von Kaspar Hauser abzudrucken. Das ist immer noch unterhaltsamer, zutreffender und aktueller als alles, was sich beispielsweise Frank Schirrmacher im Feuilleton der FAZ zur Finanzkrise zusammenschreibt.

23.10.2008

Die Entstehung einer Gedicht-Legende

Es ist ja häufig kaum nachzuvollziehen, warum und weshalb bestimmte Aussagen Tucholsky untergeschoben werden. Um so schöner ist es daher, wenn sich die offensichtlich falsche Verbindung eines Textes mit der Autorschaft Tucholskys einmal „live“ mitverfolgen lässt.

Seit gut zwei Wochen geistert im Internet (wo sonst) ein Gedicht herum, das Tucholsky angeblich 1930 in der Weltbühne veröffentlicht hat. Es beschreibt so perfekt die aktuelle Finanzkrise, dass jede Debatte um eine mögliche Vergleichbarkeit mit der Weltwirtschaftskrise von 1929ff sofort verstummen müsste: Heute alles genau wie damals!

Das titellose Gedicht beginnt mit:

Wenn die Börsenkurse fallen,
regt sich Kummer fast bei allen,
aber manche blühen auf:
Ihr Rezept heißt Leerverkauf.

Keck verhökern diese Knaben
Dinge, die sie gar nicht haben,
treten selbst den Absturz los,
den sie brauchen – echt famos!

Leichter noch bei solchen Taten
tun sie sich mit Derivaten:
Wenn Papier den Wert frisiert,
wird die Wirkung potenziert.
[…]

Schon die Tatsache, dass Tucholsky damals von Leerverkäufen und Derivaten schrieb, sollte einen arg stutzig machen. Vom Stil ganz abgesehen. Wohl auch deswegen gingen bei der Tucholsky-Gesellschaft schon mehrere Anfragen ein, ob dieses Gedicht tatsächlich von Tucholsky stamme. Diese Frage haben sich ebenfalls einige Leser im Niggemeier-Blog gestellt, wo das Gedicht bald aufgetaucht war. Und sie haben des Rätsels Lösung gefunden:

Die Angabe von Tucholsky als Urheber ist wohl sicher ein Lesefehler, der auf folgender Seite gut nachvollzogen werden kann und auch von ihr stammen müßte:
http://weltrandbewohner.blog.v…..die-krise/
Ein gewisser Waltomir (bzw. eben eine Freundin von ihm, s.u.) hat nicht genau gelesen und mit dem Fehler am 15.10. die seriöse und von Bibliothekaren gern frequentierte Zeit-Kommentar-Seite infiziert:
http://kommentare.zeit.de/user…..e-freundin
Womit das bisher namenlose Poem dann auch einen recht hübschen Titel hätte, jedenfalls besser als die nicht sehr phantasievolle erste Zeile.

Weil die falsche Fährte so klassisch schön angelegt ist, sei sie hier noch mal wiedergegeben:


[…]
Aber sollten sich die Massen
das mal nimmer bieten lassen,
ist der Ausweg längst bedacht:
Dann wird bisschen Krieg gemacht.

Klasse! Und jetzt Tucholsky. Es wurde 1930 in der Weltbühne veröffentlicht. Und es trifft bis heute zu…

Die freie Wirtschaft
[…]

Der eigentliche Autor des Gedichtes scheint ein gewisser Richard G. Kerschhofer zu sein, der den Text unter dem Pseudonym Pannonicus und dem Titel „Höhere Finanzmathematik“ wohl zuerst hier veröffentlicht hat.

Die Verbreitung des Gedichtes unter der Urheberschaft Tucholskys wird sicher munter weiter gehen. Es sei denn, alle Zeitungen klären ebenso brav wie die Frankfurter Rundschau ihre Leser über den wahren Sachverhalt auf.

28.9.2008

Sudelblog-Spezial: „Vom Sinn und Unsinn der Börse“

Aus gegebenen Anlässen sei hier mal wieder auf Auszüge eines Textes verwiesen, der vor einiger Zeit in einer Tucholsky sehr nahestehenden deutschen Zeitschrift gestanden hat.

Vom Sinn und Unsinn der Börse

[…] Die Psyche des Börseaners ähnelt nicht der des Schachspielers, sondern der des Hazardspielers. Und wenn man für die letzten Gedankengänge des Metaphysikers und für die Kalküle der Burgstraßenherren das gleiche Wort „Spekulation“ anwendet, so ist doch nicht nur das Stoffliche, das Thema, sondern auch der Gedankenprozeß bei beiden grundverschieden. Der spekulative Philosoph baut auf schwankendem Boden; aber das Gebäude, das er errichtet, ist von feinster logischer Konstruktion. Der Börsenspekulant klammert sich an irgendeine reale Tatsache; aber schon die erste Hoffnung, die er darauf stützt, ist logisch nicht mehr standfest. Der eine konstruiert im luftleeren Raum; der andre errichtet ein Kartenhaus. Der eine baut auf Sand; der andre baut aus Sand. Beiden gemeinsam ist nur die Funktion, das Handeln-Müssen. Der richtige Börsenspekulant ist, wie der wirkliche Denker, ein Besessener. Und wie die geistige Spekulation letzter Ausdruck einer aufs Jenseitige gerichteten Epoche ist, so ist die Börse das vollkommenste Sinnbild einer nach Besitz, nach Geld jagenden Zeit. Die Funktion bleibt auch dort erhalten, wo der Inhalt, wo das Ziel zum Nichts geworden ist. Als in der Zeit des strengsten Sowjet-Kommunismus die Börsen geschlossen waren, da handelte man in Moskau Lagerscheine, von denen man genau wußte, daß sie keine Ware mehr vertraten, orientalische Noten, die längst verfallen waren, und auch diese chimärenhaften Dinge hatten einen Kurs, fielen gestern und zogen heute an. Man handelte, weil dieser Handel einer gewissen Schicht Lebensbedürfnis ist.

Das ist, wenn man so will, der ästhetische Wert der Börse an dem man als unbeteiligter Zuschauer seine Freude haben mag. Bedauerlich bleibt nur, daß es, streng genommen, unbeteiligte Zuschauer bei diesem unterhaltenden Spiel nicht gibt. Wir alle sind darein verwickelt: Akteure und Zuschauer. Denn letzten Endes muß das Publikum bezahlen, was dort gewonnen, was dort verloren wird. Das ist ja das Ungeheuerliche, daß eine verhältnismäßig kleine Zahl von Devisenspekulanten bestimmt, zu welchem Preis der Bürger sein Brot, seinen Anzug, seine Kohle kaufen muß. In der Blütezeit des doktrinären Liberalismus galt die Börse als die herrlichste Institution der modernen Wirtschaft. Hier hatte man ja den idealen „freien Markt“, auf dem Angebot und Nachfrage, ungehindert durch staatliche und zünftlerische Schranken, den Preis bestimmten. Heute wagt auch der eingefleischteste Manchestermann der Börse nicht mehr dieses Prädikat auszustellen. Wohl laufen auf der Börse alle Fäden der Wirtschaft zusammen; aber der Knoten wird geschürzt von einer Menschenkategorie, die weder nach ihrer weltwirtschaftlichen Übersicht noch nach ihrer volkswirtschaftlichen Bildung, weder nach ihrer Verstandesklarheit noch nach ihrem moralischen Verantwortungsgefühl geeignet ist, im Mittelpunkt des Wirtschaftsgeschehens zu stehen. Es mag zehnmal sein, daß jede Spekulation, die gegen die organische Wirtschaftstendenz gerichtet ist, auf die Dauer zusammenbricht. Einstweilen beherrscht der Spekulant das Feld und bestimmt die Lebenshaltung von Millionen und Abermillionen werktätiger Menschen. […]

Autor: Morus (Richard Lewinsohn)

In: Die Weltbühne, 16. November 1922, S. 529

Editionen: Aus Teutschland Deutschland machen. Ein politisches Lesebuch zur Weltbühne, Berlin 2008, S. 254-256.

18.9.2008

Mondkalb Adof

Um heutzutage einen kleinen Aufschrei auszulösen, reicht es noch immer, irgendjemanden mit Hitler oder Goebbels zu vergleichen. Das passierte neulich auch Altkanzler Helmut Schmidt, als er in einem Interview mit der Bild am Sonntag die Redekünste Oskar Lafontaines mit denen von »Adolf Nazi« gleichsetzte.

Der Berliner Tagesspiegel näherte sich dem Vergleich nun von der geschichtlichen Seite und fragte den Historiker und Journalisten Rudolf Rietzler:

Woher stammt dann die Bezeichnung »Adolf Nazi«?

Der Name stammt wohl aus den mit harten Bandagen geführten politischen Auseinandersetzungen in der Weimarer Republik. Tucholsky hat schon 1922 von den »Nazis« geschrieben. Es gab die »Sozis« (Sozialdemokraten), es gab die »Kozis« (Kommunisten) und es gab die von den Linken gehassten »Nazis«.

Diese Antwort ist in mehrfacher Hinsicht verwirrend. Zum einen müsste ein Historiker doch in der Lage sein, die Verwendung des Begriffs »Adolf Nazi« in der Weimarer Republik zu belegen. Zum anderen meinte Tucholsky, als er im Juni 1922 einen Text mit dem Titel »Die ›Nazis‹« veröffentlichte, damit mitnichten die Nationalsozialisten, von denen er zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch nie etwas gehört hatte. Mit »Nazis« bezeichnet man damals abfällig die Deutsch-Österreicher und Deutsch-Böhmen, was aus dem Text auch eindeutig hervorgeht.

Mach keine Kulleraugen, Leser. Wir wollen uns schnell darüber einigen, daß ich mit den »Nazis« jene gewisse Gattung des österreichischen, mährischen und speziell wienerischen Künstlervölkchens meine, die anfängt, obgemeldetes Berlin auf das Heftigste zu verpesten. Wir wollen das aber gar nicht mehr.

Der Begriff »Nazi« leitete sich offenbar vom Kosenamen für Ignaz ab. Auch in seinem satirischen »Requiem« von 1923 erwähnte Tucholsky an seinem Grab »eine Abordnung von Nazis, die der Tote so geschätzt hatte …«. Drei Jahre später, im Juni 1926, tauchte der Begriff ein weiteres Mal in der ursprünglichen Bedeutung auf. Tucholsky schrieb in einer Besprechung des Schwejk:

Könnte der deutsch-nationale Student lesen und läse er dieses Buch, so wäre er schnell bei der Hand, etwa zu sagen: »Solch einen Feldkuraten hats sicherlich nicht einmal bei den Nazis gegeben.«

Vier Jahre später, nach den ersten größeren Wahlerfolgen der NSDAP, hatte sich die Bedeutung des Begriffes dagegen gewandelt:

Die tiefe Blutsverwandtschaft zwischen diesen Richtern und allem, was Militär heißt, ist evident; man hat das ja wieder aus den letzten Prozessen gegen die Nazis gesehen.

Womit Tucholsky im Februar 1930 auf den Prozess von Schweidnitz anspielte, in dem Nationalsozialisten trotz Anzettelung einer schweren Schlägerei meist freigesprochen worden waren.

Wenn sich Tucholsky später über Hitler lustig machte, hat er ihn nie »Adolf Nazi« genannt. Nach der »Machtübergreifung« (Tucholsky) verspottete er ihn als »Adof (dem wir das L nun endgültig wegnehmen wollen, wir brauchen es ja für Eckner, Hei Adof!)«. Anders als Schmidt schätzte er Hitler auch nicht als »charismatischen Redner« ein. Nachdem er ihn zum ersten Mal im Radio gehört hatte, schrieb er:

Die Stimme ist nicht gar so unsympathisch wie man denken sollte – sie riecht nur etwas nach Hosenboden, nach Mann, unappetitlich, aber sonst gehts. Manchmal überbrüllt er sich, dann kotzt er. Aber sonst: nichts, nichts, nichts. Keine Spannung, keine Höhepunkte, er packt mich nicht, ich bin doch schließlich viel zu sehr Artist, um nicht noch selbst in solchem Burschen das Künstlerische zu bewundern, wenn es da wäre. Nichts. Kein Humor, keine Wärme, kein Feuer, – nichts. Er sagt auch nichts als die dümmsten Banalitäten, Konklusionen, die gar keine sind – nichts. Ceterum censeo: ich habe damit nichts zu tun.

In der Weltbühne gab man sich ebenfalls Mühe, für den Hitler kreativere Namen als »Adolf Nazi« zu finden:

»Sadistischer Oberkonfusionsrat«, »deutscher Duce«, »Wechselbalg des Teufels«, »halbverrückter Schlawiner«, »Narr in Folio«, »übergeklappter leopoldstädter Heringsbändiger«, »alberner Poltron«, »großformatiger Dummkopf« und »pathetisches Mondkalb« lauteten die Bezeichnungen.
Aus Teutschland Deutschland machen. Ein politisches Lesebuch zur Weltbühne, S. 444

Zum Glück gab es bis dato in der Geschichte noch niemanden, mit dem man Hitler hätte vergleichen können.

14.9.2008

Mediale Waschmaschine

„Zunächst soll man seinen Gegner nicht im Bett aufsuchen“, schrieb Tucholsky 1932, als die Linkspresse die Homosexualität des SA-Führers Ernst Röhm publik machte. Gilt diese Einschätzung auch dann, wenn es sich nicht um den politischen Gegner, sondern um einen Parteifreund handelt? (Was ja häufig genug identisch ist.)

In einem aktuellen Fall sollen Parteifreunde das Gerücht befördert haben, wonach ihr Regierungschef eine nicht folgenlos gebliebene Affäre mit einer Sekretärin hatte. Die Schwierigkeit bei solchen Bettgeschichten besteht jedoch darin, sie an die Öffentlichkeit zu bringen, ohne als Urheber bekannt zu werden. Das sollen dann bitte die Medien übernehmen. In diesem Fall setzte die Bild-Zeitung das Gerücht auf die erste Seite ihrer Regionalausgabe. Das Besondere an der Aktion: Der Betroffene lieferte das Dementi gleich mit. Dem gingen offenbar interne Diskussionen voraus, wie die ansässige Lokalzeitung berichtet:

In der Opposition hält man es dagegen für einen Fehler, einem bis dato nicht publizierten Gerücht dadurch den Boden entziehen zu wollen, indem man es in einer bundesweit erscheinenden Zeitung dementiert. In der Staatskanzlei wurde dem Interview-Wunsch von Bild dem Vernehmen nach erst nach intensivem Abwägen stattgegeben.

Offen bleibt, ob und was gedruckt worden wäre, wenn die Staatskanzlei das Interview abgelehnt hätte. Im Fall Seehofer war die Bild-Zeitung nicht gerade zimperlich vorgegangen.

Das Blatt hatte damals argumentiert:

Wer sein Privatleben groß plakatiert, wer es politisch einsetzt, muss sich daran messen lassen. Und genau das tun wir.

Im vorliegenden Fall könnte es darum gegangen sein, dem Politiker mit den bloßen Gerüchten zu schaden. Was auch dann funktioniert, wenn er sie prominent dementiert.

Für die Seriosität der bundesdeutschen Medien spricht, dass bis auf besagte Lokalzeitung, eine weiteres Springer-Organ sowie ein Internet-Boulevardmagazin niemand das Gerücht nebst Dementi aufgegriffen hat. Die eigentliche Geschichte lautet ohnehin: Wollen die „Parteifreunde“ ihren politisch angeschlagenen Chef möglicherweise weiter diskreditieren? Und falls ja, welche Rolle sollte die Presse bei solchen Intrigenspielen übernehmen?

Was Letzteres betrifft, so hat Paul Krugman in seiner jüngsten New York Times-Kolumne das unkritische Verhalten der Medien mit dafür verantwortlich gemacht, dass politische Lügenkampagnen erfolgreich sein können:

Warum glauben die Leute von McCain, dass sie mit diesem Kram davonkommen? Sie rechnen offenbar mit der üblichen Praxis der Nachrichtenmedien, um jeden Preis „ausgewogen“ zu sein. Wir wissen, wie es läuft: Wenn ein Politiker sagt, dass Schwarz Weiß ist, heißt es in der Nachrichtenmeldung nicht, dass er unrecht hat, sondern dass „irgendwelche Demokraten sagen“, dass er sich irrt. Oder einer grotesken Lüge der einen Seite wird eine unbedeutende Falschbehauptung der anderen an die Seite gestellt, wodurch der Eindruck befördert wird, dass beide Seiten gleichermaßen schmutzig sind.

Hauptsache, die Medien bleiben dabei sauber.

13.9.2008

Ein Staatsbürger in Uniform

Oberstleutnant Jürgen Rose ist sicher einer der ungewöhnlichsten Offiziere in der Geschichte der Bundeswehr. Es gibt wohl nicht viele unter seinen Kameraden, die gegen die Stationierung von Atomwaffen auf deutschem Boden demonstrieren und dabei Sätze sagen würden wie:

Für all jene Soldaten, die sich an der nuklearen Massenvernichtung beteiligen, gilt das bekannte Verdikt des scharfzüngigen Publizisten und leidenschaftlichen Pazifisten Kurt Tucholsky: Diese Soldaten sind Mörder.

Nur zur Erinnerung: 1932 verklagte das Reichswehrministerium wegen dieses Satzes den Weltbühne-Herausgeber Carl von Ossietzky, noch Ende der 90er Jahre strebte die schwarz-gelbe Koalition deswegen einen Ehrenschutzparagrafen für die Bundeswehr an. Zwei Jahre zuvor hatte das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass das Zitieren von Tucholskys Diktum durch die Meinungsfreiheit gedeckt sei.

Die Verbindung von Rose zu Tucholsky kommt nicht von ungefähr. So vertrat Rose im Oktober vergangenen Jahres die Soldatengruppierung Darmstädter Signal, die Zielen der Friedensbewegung nahe steht, auf einer Podiumsdiskussion zur Aktualität Tucholskys pazifistischer Positionen. Das vollständige Transkript der Diskussion wurde vor kurzem veröffentlicht. Regelmäßige Leser des Freitag oder des Ossietzky werden darin bekannte Positionen Roses wiederfinden. Interessant ist die Lektüre vor allem, um die rhetorischen Leistungen der beiden auf dem Podium vertretenen Offiziere zu vergleichen. Allerdings sprach natürlich nicht Rose, sondern Oberstleutnant Uwe Ziesak für die Bundeswehr.

Was sagt die Tatsache, dass ein Offizier wie Rose weiterhin der Bundeswehr angehört, über die Bundeswehr selbst? Tucholsky hatte für Einschätzungen gesellschaftlicher Gruppen eine Regel aufgestellt:

Kollektivurteile sind immer ungerecht, und sie sollen und dürfen ungerecht sein. Denn wir haben das Recht, bei einer Gesellschaftskritik den niedersten Typus einer Gruppe als deren Vertreter anzusehen, den, den die Gruppe grade noch duldet, den sie nicht ausstößt, den sie also im Gruppengeist bejahend umfaßt.
Ignaz Wrobel: „Deutsche Richter“, in: Die Weltbühne, 12.4.1927, S. 581

Im Sinne Tucholskys taugt Rose somit nicht als Maßstab für ein solches Kollektivurteil, da ein friedensliebender Offizier als höchster Vertreter seiner Gruppe angesehen werden müsste.

Aber mit seinen Positionen hat sich Rose in der Bundeswehr alles andere als Freunde gemacht, von einem Bußgeld wegen Kritik am KSK abgesehen. Der Spiegel zitierte im März 2008 aus einer „politischen Hass-Mail“ an Rose:

„Ich beurteile Sie als Feind im Inneren und werde mein Handeln danach ausrichten, diesen Feind im Schwerpunkt zu zerschlagen“, schreibt Daniel K. Er distanziere sich von „diesem linken Zeitgeistkonglomerat uniformierter Verpflegungsempfänger“, Rose solle zurückkehren in „die Sümpfe des Steinzeitmarxismus“.

Dass es in einer rund 250 000 Soldaten starken Armee Menschen gibt mit höchst divergierenden politischen Ansichten, kann weder erstaunen noch die Wehrkraft gefährden. Was Daniel K. jedoch im Folgenden in seiner E-Mail schreibt, legt den Verdacht nahe, dass er sich als Teil einer Gruppe sieht, die linksdenkende Kameraden mehr als verachtet: „Sie werden beobachtet, nein nicht von impotenten instrumentalisierten Diensten, sondern von Offizieren einer neuen Generation, die handeln werden, wenn es die Zeit erforderlich macht.“ In einem Postskriptum schließt er seine Tiraden mit dem Satz: „Es lebe das heilige Deutschland.“

Es ist bislang nicht bekannt, dass die Bundeswehr diese „Offiziere einer neuen Generation“ nicht dulden würde.

1.9.2008

Ein Bilderbuch für Verpflichtete

Die Bibliophilie mancher Verleger treibt bisweilen bizarre Blüten. So hat der Berliner accurat verlag in der vergangenen Woche zu einer besonderen Buchpräsentation am 1. September eingeladen. Der Anfang des Schreibens sah ungefähr so aus:

1912 geschah:

1. Kurt Tucholskys Evergreen,
 
RHEINSBERG,
EIN BILDERBUCH
FÜR VERLIEBTE,

 
illustriert von Kurt Szfranski,
erscheint.

2008 geschieht:

1. Die reprintete Erstausgabe
von
Kurt Tucholskys
RHEINSBERG
placiert auf einem
SILBERTABLETT,
(noblesse oblige)
erscheint.

Als nächste Paralle wird dann die Eröffnung einer „Bücherbar“ auf dem Kurfürstendamm angekündigt, in der ebenso wie bei Tucholskys damaliger Werbeaktion die Neuausgabe des Rheinsberg-Büchleins festlich begangen werden soll. Hintergründe zu dem Neudruck sowie der Bücherbar wusste der Oranienburger Generalanzeiger schon zu berichten:

Darüber hinaus kultiviert der Berliner die einst von Kurt Tucholsky und Kurt Szafranski ins Leben gerufene „Bücherbar“ für einen Monat neu. In Berlin, Am Kurfürstendamm 41, können Interessierte über Gott, das Leben und die Welt sprechen, ganz wie zu Tucholskys Zeiten. Bis Ende September soll die „Bücherbar“ zum Politisieren anregen. Als Chef des Clubs auf Zeit konnte Heinicke Hans-Peter Marcuse gewinnen, welcher dem Clan um den Philosophen Ludwig Marcuse entstammt. Bardame wird übrigens Gerhart Hauptmanns Enkelin Birgit Hauptmann sein. Das Rheinsberg-Paket in seinen zwei Varianten kann auch im Berliner Club erworben werden.

In einem Zusatzzettel der Presseinladung bot sich Peter Marcuse an, „Ihnen weiß behandschuht, das auf dem Silbertablett befindliche Besprechungsexemplar in der BÜCHERBAR zu überreichen“. Wessen Adel zu diesem Brimborium verpflichtet, geht aus der Ankündigung nicht ganz hervor. Der erwiesenermaßen nicht blaublütige Tucholsky verwandte diesen Ausdruck ohnehin nur in Verballhornungen: Noblessoblisch, Snoblesse oblige oder Pleitesse oblige.
Der Verlag kann sich daraus das Passende aussuchen.

11.8.2008

Rücksichtsloses Gebell

Der Anlass ist nicht ganz ersichtlich, aber die taz hat sich ein bisschen mit dem Medienkritiker Tucholsky beschäftigt. Daraus wird in Sabrina Ebitschs Artikel „Salat für Zeitungsleser“ jedoch gleich ein kläffender, Verzeihung yapping „media watch dog der ersten Stunde“. Ein Leser weist in einem Kommentar zu Recht darauf hin, dass dieser Anglizismus doch für den Hundehasser Tucholsky kein passender Titel sei, was wiederum Detlef Gürtler zum gegebenen Anlass nimmt, in seinem „Wortistik-Blog“ über sinnvolle Übersetzungen des Begriffs zu sinnieren. Warum der Ausdruck Medienkritiker dem selbst ernannten „word watch dog“ der Nation nicht gefällt, ist nicht ganz ersichtlich.

Nun aber zum eigentlichen Thema: Dass Tucholsky überhaupt den Kollegen ihre „Unsauberkeiten“ laut taz „genüsslich unter die Nase“ reiben konnte, lag auch an dem Medium, das ihm diese Kritik ermöglichte. In diesem Fall war das die Schau- und Weltbühne, die sich zu Anfang des 20. Jahrhunderts darüber hinwegsetzte, dass die Presse nicht über sich selbst schrieb. Dazu heißt es in dem kürzlich erschienenen Lesebuch zur Weltbühne im Kapitel Medienkritik:

Während es heutzutage selbstverständlich scheint, dass die überregionalen Zeitungen jeden Tag eine ganze Seite den Entwicklungen innerhalb der Medien widmen, war dies zu Beginn des 20. Jahrhunderts völlig anders. Das lag nicht nur daran, dass es die elektronischen Medien wie Fernsehen, Radio und Internet noch nicht gab. Bezeichnend für den damaligen Zustand ist eine Klage [Siegfried] Jacobsohns in einer „Antwort“ vom 30. September 1915: „Immer wieder wird mir vorgehalten, daß ich dem Stand nicht nütze, indem ich seine eigenen Angelegenheiten erörtere. Aber dem Stand kann nur diese öffentliche Erörterung nützen, die rücksichtsloseste am meisten.“ Indem sie gegen presseinterne Widerstände solche Themen aufgriff, trug die „Weltbühne“ dazu bei, eine journalistische Medienkritik zu etablieren. Sie befasste sich dabei mit grundsätzlichen Fragen von Theorie und Praxis der Medienproduktion und -rezeption. Ihre frühen Analysen besitzen zum Teil zeitlose Gültigkeit.

Oder, mit den Worten der taz: „Manches, was er [Tucholsky] schreibt, würde sich allerdings selbst heute auf den Medienseiten der Zeitungen nicht anachronistisch lesen.“

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