2.6.2024

Zum 100. Todestag: „Kafka. Ganz großer Mann. Ich habe ihn noch gekannt“

Zu den Verdiensten, die sich Tucholsky auf literarischem Gebiet zurechnen kann, gehören die frühe „Entdeckung“ und anhaltende Wertschätzung Franz Kafkas. Schon Anfang 1913, nur kurz nach dem Erscheinen im Rowohlt-Verlag, besprach er Kafkas Erstlingswerk „Betrachtung“. Darin verglich er dessen „singende Prosa“ mit derjenigen Robert Walsers und schreib:

Wenn sich über die Berechtigung solcher Literaten streiten läßt, so bestimmt das nicht über das große Können Kafkas (…) Hier scheint mir der Weg zu liegen, der zum Parnaß führt: so etwas ist tief und mit den feinfühligsten Fingern gemacht.

Die Besprechung „Drei neue Bücher. Max Brod, Franz Kafka, Ernst Blaß“ im Prager Tagblatt vom 27. Januar 1913 war kein Zufall. Tucholsky verehrte Kafkas Freund und Förderer Max Brod schon länger und hatte ihm zusammen mit seinem Freund Kurt Szafranski im September 1911 einen Besuch in Prag abgestattet. Damals lernte Tucholsky den blinden Dichter Oskar Baum und den literarisch noch ziemlich unbekannten Kafka kennen. Zurück in Berlin, schrieb Tucholsky in einem Brief an Brod:

Ich bitte Sie, mich Herrn Dr. Kaffka und Herrn Baum zu empfehlen.

Auf Kafka schien der Besuch der jungen Berliner Freunde ebenfalls Eindruck hinterlassen zu haben. In seinem Tagebuch notierter er am 30. September 1911:

Tucholsky und Szafranski. Das gehauchte Berlinerisch, in dem die Stimme Ruhepausen braucht, die von „nich“ gebildet werden. Der erste ein ganz einheitlicher Mensch von einundzwanzig Jahren. Vom gemäßigten und starken Schwingen des Spazierstocks, das die Schulter jugendlich hebt, angefangen bis zum überlegten Vergnügen und Mißachten seiner eigenen schriftstellerischen Arbeiten. Will Verteidiger werden, sieht nur wenige Hindernisse gleichzeitig mit der Möglichkeit ihrer Beseitigung: seine helle Stimme, die nach dem männlichen Klang der ersten durchredeten halben Stunde angeblich mädchenhaft wird – Zweifel an der eigenen Fähigkeit zur Pose, die er sich aber von größerer Welterfahrung erhofft – endlich Angst vor einer Verwandlung ins Weltschmerzliche, wie er es an ältern Berliner Juden seiner Richtung bemerkt hat, allerdings spürt er vorläufig gar nichts davon. Er wird bald heiraten.

Szafranski, Schüler Bernhards, macht während des Zeichnens und Beobachtens Grimassen, die mit dem Gezeichneten in Verbindung stehn. Erinnert mich daran, daß ich für meinen Teil eine starke Verwandlungsfähigkeit habe, die niemand bemerkt. Wie oft mußte ich Max nachmachen. Gestern abend auf dem Nachhauseweg hätte ich mich als Zuschauer mit Tucholsky verwechseln können. Das fremde Wesen muß dann in mir so deutlich und unsichtbar sein wie das Versteckte in einem Vexierbild, in dem man auch niemals etwas finden würde, wenn man nicht wüßte, daß es drin steckt. Bei diesen Verwandlungen möchte ich besonders gern an ein Sichtrüben der eigenen Augen glauben.

Zu einer weiteren Begegnung zwischen Tucholsky und Kafka ist es offenbar noch einmal in Berlin gekommen. Das geht aus einem Brief Tucholskys an Marierose Fuchs aus dem Oktober 1930 hervor:

Kafka. Ganz großer Mann. Ich habe ihn noch gekannt – aus Berlin und Prag. Willy Haas hat schön über ihn geschrieben. Ein großer Dichter.

Vermutlich traf sich die beiden vor dem Ersten Weltkrieg in Berlin, als Kafka seine damalige Freundin Felice Bauer dort besuchte. Mehr Details sind dazu jedoch nicht bekannt.

Nach dem Krieg lobte Tucholsky in der Weltbühne Kafkas Erzählung „In der Strafkolonie“ überschwänglich.

Dieses schmale Buch, ein wundervoller Drugulin-Druck, ist eine Meisterleistung.

Seit dem Michael Kohlhaas ist keine deutsche Novelle geschrieben worden, die mit so bewußter Kraft jede innere Anteilnahme anscheinend unterdrückt, und die doch so durchblutet ist von ihrem Autor.

(…) dieses Kunstwerk ist so groß, daß es keiner Entschuldigung bedarf, und eine Allegorie ist erst recht nicht vonnöten. Es ist ganz etwas andres.

Ihr müßt nicht fragen, was das soll. Das soll garnichts. Das bedeutet garnichts. Vielleicht gehört das Buch auch garnicht in diese Zeit, und es bringt uns sicherlich nicht weiter. Es hat keine Probleme und weiß von keinen Zweifeln und Fragen. Es ist ganz unbedenklich. Unbedenklich wie Kleist.

Peter Panter, Die Weltbühne, 3. Juni 1920

Im darauf folgenden Jahr besuchte Tucholsky eine Lesung des Vortragskünstlers Ludwig Hardt, die er zu einer weiteren Eloge nutzte:

Franz Kafka. Wer das ist, wissen leider noch viel zu Wenige – ich habe einmal über seine „Strafkolonie“ referiert und will es nächstens über den ganzen Mann tun. Er ist ein Großsohn von Kleist – aber doch ganz selbständig. Er schreibt die klarste und schönste Prosa, die zur Zeit in deutscher Sprache geschaffen wird. Er blüht von Phantastischem und Phantasie – aber fest und sachlich sind Sätze und Rhythmus gestaltet. Nichts von der konventionellen Weichheit Prags, in welcher Stadt er wohnt – nichts von Modeströmung. Das ist auf einer andern Welt gewachsen.

Peter Panter, Die Weltbühne, 1. Dezember 1921

Zu dem Referat „über den ganzen Mann“ kam es jedoch nicht mehr.

Am 14. Juni 1924 schrieb Tucholsky aus Paris an seine Frau Mary Gerold:

Franz Kafka ist gestorben, von dem „In der Strafkolonie“ ist. Ludwig Hardt hat ihm einen schönen Nachruf geschrieben

Wenige Tage später erläuterte er in einem weiteren Brief an seine Frau:

Kafka ist mit 41 Jahren gestorben, an Lungenschwindsucht. Er wußte das seit Jahren. Ich kannte ihn – vor dem Kriege – als einen langen, magern, braunen Menschen, dunkel, sehr schweigsam, sehr schüchtern und zurückhaltend. Im Gegensatz zu Max Brod, der mir nicht recht gefiel und mir in Prag und Berlin eine große Enttäuschung war, liebte ich Kafka – ohne eine Zeile von ihm zu kennen. Er wollte nie etwas veröffentlichen – Brod mußte ihm alles einzeln aus der Schublade ziehen. Es heißt, er habe einen großen Roman vernichtet. Ich sehe in seinen Sachen das beste klassische Deutsch unserer Zeit. – Er war Schreiber bei einer Versicherungsgesellschaft.

Bekanntlich ging Kafkas literarische Karriere nach seinem Tod erst richtig los. Denn Brod veröffentlichte postum mehrere Werke, die er eigentlich vernichten sollte. So konnte Tucholsky im Herbst 1925 den „Prozeß“ in den Händen halten und schrieb im November 1925 an Brod:

Mit der größten Erschütterung habe ich den Prozeß von Franz Kafka gelesen. Ein Brief reicht nicht aus, um zu sagen, was ich empfunden habe.

An den Kunsthändler Eduard Plietzsch schrieb Tucholsky wenige Tage später:

Kafka, Der Prozeß, scheint mir eine ganz dicke Sache zu sein. Mir ist es immerzu den Rücken herauf- und wieder runtergelaufen. Lesen Sie das mal, bitte.

Die Rezension in der Weltbühne folgte erst drei Monate später. Gleich am Anfang verlieh Tucholsky seiner Ratlosigkeit Ausdruck:

Wenn ich das unheimlichste und stärkste Buch der letzten Jahre: Franz Kafkas „Prozeß“ (im Verlag Die Schmiede zu Berlin) aus der Hand lege, so kann ich mir nur schwer über die Ursachen meiner Erschütterung Rechenschaft ablegen. Wer spricht? Was ist das?

Peter Panter, Die Weltbühne, 9. März 1926

Schon unmittelbar nach der Lektüre hatte Tucholsky bei Brod um Interpretationshilfe gebeten.

Können und wollen Sie mir das schicken, was Sie etwa an anderer Stelle über das Buch geschrieben haben? Wenn es dergleichen nicht gibt: wollen Sie mir Ihre Ansicht – kurz, denn Sie werden andres zu tun haben – über Deutung, Anlage, Symbol des Werkes schreiben? Sie täten mir damit einen großen Gefallen.

In der Rezension selbst stellte er klar:

Mit Kafka selbst konnte man natürlich nie über Deutungen sprechen, auch bei der größten Intimität nicht. Er selbst deutete so, daß die Deutungen neuer Deutungen bedürftig wären. So wie ja auch sein Prozeß nie recht entschieden werden kann.

Dieser Prozeß ist selbstverständlich, wie auch aus Brods Darlegungen im Nachwort hervorgeht, niemals eine Allegorie gewesen. Er ist sofort als Symbol konzipiert, tatsächlich hat sich das Symbol selbständig gemacht, es lebt sein eignes Leben.

In der Besprechung des Romans hat Tucholsky den Kafka-Kult der vergangenen 100 Jahre bereits vorweggenommen.

Franz Kafka wird in den Jahren, die nun seinem Tode folgen, wachsen. Man braucht Niemand zu ihm zu überreden: er zwingt. Wände beleben sich, die Schränke und Kommoden fangen an zu flüstern, die Menschen erstarren, Gruppen lösen sich auf und bleiben wieder wie angebleit stehen, nur der Wille zittert noch leise in ihnen. Man sagt von Tamerlan, er habe einmal seine Gefangenen mit Mörtel zu einer Mauer zusammenmauern lassen, zu einer brüllenden Mauer, die langsam verzuckte. So etwas ist es. Ein Gott formt eine Welt um, setzt sie neu zusammen, ein Herz steht am Himmel und scheint nicht, sondern klopft; ein Fetisch wandelt, eine Apparatur wird lebendig, nur, weil sie da ist, die Frage Warum? ist so töricht, beinah so töricht wie in der realen Welt.

Deren Teile sind da – aber sie sind so gesehen, wie der Patient kurz vor der Operation die Instrumente des Arztes sieht: ganz scharf, überdeutlich, durchaus materiell – aber hinter den blitzenden Stücken ist noch etwas Andres, die Angst brüllt der Materie in alle Poren, erbarmungslos steht das Operationsbett, hab doch Mitleid! sagt der Kranke, auch du! Das Bett ist so fremd, aber es ist doch im Bunde.

Ein solcher Wille begründet Sekten und Religionen – Kafka hat Bücher geschrieben, einige wenige, unerreichbare, niemals auszulesende Bücher. Hätte sich der Schöpfer anders besonnen, und wäre dieser in Asien geboren: Millionen klammerten sich an seine Worte und grübelten über sie, ihr Leben lang.

Wir dürfen lesen, staunen, danken.

Weder Tucholsky noch die Weltbühne verwendeten den Begriff kafkaesk oder kafkisch, was laut Duden „nach Art der Schöpfungen Kafkas“ bedeutet.

Allerdings hat Tucholsky schon im Juli 1928 in einem Brief an Brod von der besonderen Wirkung berichtet, die von Kafkas Texten ausgeht:

Ich habe einmal eine Seite Aphorismen Kafkas gelesen, von denen mir ganz angst geworden ist. Man fragt sich immerzu: „Wer war das? Was ist das?“ Es gibt, wie mir scheint, überhaupt ein „Kafka-Gefühl“, ein Gefühl, das man nur beim Lesen seiner Werke hat. Über „Amerika“ schreibe ich bestimmt noch – das Buch hat eine ganz große Wirkung bei mir hinterlassen, größer noch als das „Schloß“ – es sind einige ganz vollendete Seiten darin.

Diese letzte Kafka-Rezension Tucholskys erschien im Februar 1929 in der Weltbühne.

Ich habe mich mit dem „Schloß“ Kafkas nicht im gleichen Maße befreunden können – es ist das ein Buch, in dem eine „Deutung“ der Vorgänge fast unumgänglich nötig erscheint, und weder hat mir die Deutung noch die Handlung gefallen. Hier in „Amerika“ aber ist jeder Vorgang Selbstzweck, dichterische Frucht und Blüte schmerzlicher Erkenntnis. Es läuft da ein Band vom Dostojewskischen Idioten über Schwejk zu der Hauptfigur des kleinen Karl – sie wehren sich gegen das Leben nicht, aber sie sind so allein und siegen noch in den Niederlagen. Was immer wieder an Kafkas Werk zur größten Bewunderung zwingt, ist die Unwiderruflichkeit der Szenen und ihre traumhafte Eindringlichkeit

Am schönsten an diesem großen Werk ist die tiefe Melancholie, die es durchzieht: hier ist der ganz seltene Fall, daß einer „das Leben nicht versteht“ und recht hat.

Peter Panter, Die Weltbühne, 26. Februar 1929

Zu seinem 100. Todestag hat Kafka sogar einen „Spiegel“-Titel bekommen. Tucholsky würde sich sicher darüber freuen und die Kafka-Lektüre mit den Worten empfehlen:

Sie meinen, das Buch sei schon vor langer Zeit erschienen? Ich meine, daß es eine Albernheit ist, nur „Neuerscheinungen“ zu kaufen – als ob man der Literatur mit der Fixigkeit nahe käme! Wir wollen nicht das Neuste lesen – wir wollen das Beste, das Bunteste, das Amüsanteste lesen. Ja, also Amerika.

Und natürlich immer mal wieder was von Tucholsky.

10.1.2024

Rezension: Die besten falschesten Zitate aller Zeiten

Es hat bisweilen etwas Tröstliches, wenn man sich nicht allein als ein Don Quijote fühlen muss, der gegen die Windmühlen der literarischen Ignoranz ins Feld zieht. Ein solcher Ritter ohne Furcht und Tadel ist gewiss der Österreicher Gerald Krieghofer, der sich den Kampf gegen falsch zugeschriebene Zitate, von ihm Kuckuckszitate genannt, fast schon zur Lebensaufgabe gemacht hat. Während sich das Sudelblog nur um Zitate kümmert, die Kurt Tucholsky falsch zugeschrieben werden, widmet sich Krieghofer seit Jahren auf seinem Blog sämtlichen „im deutschen Sprachraum verbreiteten Falschzitaten und Memes nach den Regeln der Zitatforschung“. Von der Antike bis zur Gegenwart, von Adenauer bis Zweig.

Kurt Tucholsky hatte gegen das Zitieren anderer Autoren nichts einzuwenden. Im Gegenteil. In einem seiner letzten Briefe vor seinem Tod schrieb er an seine Freundin Hedwig Müller:

Ich bin einmal ein Schriftsteller gewesen und habe von S.J. geerbt, gern zu zitieren.

Dass er selbst einmal zu den Prominenten wie Albert Einstein, Bertolt Brecht, Hildegard von Bingen oder Karl Valentin gehören würde, die am häufigsten falsch zitiert werden, hätte er sich sicher nicht träumen lassen. Aber Tucholsky kannte schließlich weder das Internet noch soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter. Laut Krieghofer ist aber auch „gefühlt jedes zweite Augustinus-Zitat auf Todesanzeigen (…) daneben“.

Wie aus Krieghofers frühen Blogposts zu sehen ist, hat er sich zunächst vor allem um Zitate gekümmert, die Karl Kraus fälschlicherweise zugeschrieben werden. Dass Krieghofer damit im Jahr 2007 anfing, ist wohl kein Zufall. Denn seitdem sind Kraus‘ Werke komplett online verfügbar.

Aber erst im April 2017 nahm Kriegshofers Sammlung richtig Fahrt auf und füllte sich fast jeden Tag mit neuen Kuckuckszitaten. Dabei beschränkt sich der Österreicher jedoch nicht nur darauf, eine falsche Zuschreibung nachzuweisen, sondern versucht mit sehr viel Akribie und Aufwand, die ursprüngliche Quelle des Zitates irgendwo in den Weiten des Internets zu finden.

Krieghofer kann zu diesem Zweck nicht nur auf digitale Sammlungen zurückgreifen, sondern auch auf ein weit verzweigtes Netzwerk an Helfern. So konnte er mit entsprechender Unterstützung im März 2022 schnell aufklären, wo mehrere angebliche Tucholsky-Zitate zum Thema Krieg ihren Ursprung hatten. Diese hatte sich ein Redakteur der Zeitschrift PM offenbar einfach ausgedacht.

Es ist daher nur konsequent, dass Krieghofer aus seiner Passion nun ein richtiges Buch gemacht hat. „Die besten falschesten Zitate aller Zeiten“ heißt die Sammlung, die im vergangenen Jahr im Wiener Molden Verlag erschienen ist. Auf 175 Seiten klärt er die Leser darüber auf, was neben Tucholsky und Kraus auch Personen wie Einstein, Steve Jobs, Franz Kafka, Marilyn Monroe, Helmut Schmidt oder Andreas Möller nie gesagt haben.

Krieghofer ist dabei nicht ganz unbedarft an die Sache herangegangen. So hat er nicht nur an zwei großen Wörterbuchprojekten in Österreich mitgearbeitet, sondern auch Workshops mit Lexikografen und Parömiologen besucht. Auch wenn sich manche darüber beömmeln mag, Parömiologie (Sprichwortforschung) ist tatsächlich eine wissenschaftliche Disziplin.

Die Lektüre des Buches ist spannend, amüsant, bisweilen auch deprimierend. So wird Kafka seit einigen Jahren das Zitat untergeschoben: „Kaffee dehydriert den Körper nicht. Ich wäre sonst schon Staub.“ Dabei hat Kafka leider sehr auf seine Gesundheit achten müssen und beispielsweise einmal an seine Verlobte Felice Bauer geschrieben: „Natürlich rauche ich auch nicht, trinke nicht Alkohol, nicht Kaffee, nicht Thee (…).“ Aber Kafka/Kaffee, das gehört wohl für manche irgendwie zusammen.

Aber bringt es überhaupt etwas, seine Mitmenschen auf die Verwendung falscher Zitate aufmerksam zu machen? Alleine auf Twitter tauchen ständig so viele Kuckuckszitate von Tucholsky auf, dass selbst ein Bot kaum hinterher kam, den Nutzern mahnende Tweets zu schicken. Es gibt keine empirische Untersuchung darüber, ob Krieghofer mit seiner Arbeit dazu beigetragen hat, die Flut einzudämmen. Möglicherweise ist es leider vergeblich, gegen diese Windmühlen anzukämpfen, zumal Twitter seit der Übernahme durch Elon Musk immer mehr zu einer braunen Jauchegrube verkommt.

Und was schreibt Krieghofer über Tucholsky?

In seine Auswahl hat Krieghofer auch den Satz aufgenommen: „Der Tod eines einzelnen Mannes ist eine Tragödie, aber der Tod von Millionen nur eine Statistik.“ Dieser zynische Spruch wird häufig Tucholsky zugeschrieben, weil er ihn in ähnlicher Form 1925 in seinem Artikel „Französischer Witz“ wiedergegeben hat.

Erst Anfang 2023 ist auf dem Sudelblog das Original ausfindig gemacht worden. Der Witz fand sich ursprünglich in: J.-W. Bienstock et Curnonsky: T.S.V.P. Petites histoires de tous et de personne. Paris: Crès 1924, S. 6f.

Krieghofer schreibt jedoch:

Diese Anekdote stand 1924 in der französischen Tageszeitung Paris Soir und wurde 1924 von den Autoren J.-W. Bienstock und Curnonsky zusammen mit anderen Szenen und Witzen als Buch mit dem Titel ‚T.S.V.P. Petites histoires de tous et de personne‘ veröffentlicht.

Eine Einschätzung, die jedoch nicht zutrifft. Schaut man sich den entsprechenden Artikel in der Gallica an, wird in der Fußnote ganz unten links ausdrücklich auf das bereits erschienene Buch hingewiesen. Zudem wird das Buch auf der Titelseite derselben Ausgabe in zwei anderen Artikeln erwähnt.

In einem Artikel des L’Intransigeant vom 3. Februar 1924 (dritte Spalte unten), also zwei Monate zuvor, wird das Buch von Bienstock und Curnonsky bereits besprochen. Der Autor zitiert zwar nicht direkt daraus, scheint es aber gelesen zu haben und empfiehlt es seinen Lesern.

Daher kann man davon ausgehen, dass die Anekdote zuerst in dem Buch veröffentlicht wurde und der Auszug im Paris Soir als Werbemaßnahme zu verstehen ist. Curnonsky selbst hat auf der Titelseite der Ausgabe zusätzlich einen eigenen Text über den französischen Humor veröffentlicht. Ob die beiden Autoren sich die Anekdote selbst ausgedacht oder sie aus einer anderen, noch nicht bekannten Quelle übernommen haben, bleibt jedoch offen.

Sei’s drum. Vielleicht gibt es noch eine zweite Auflage des Büchleins, in der Krieghofer die Angaben korrigieren kann. Wünschenswert wäre ebenfalls, dem Peter Panther auf Seite 40 noch das h wegzunehmen und Tucholskys Todesjahr auf Seite 173 von 1934 auf 1935 zu korrigieren. Das „angebliche Freu-Zitat“ auf Seite 75 ist sicherlich keine Freud’sche Fehlleistung, denn Krieghofer wird sich höchstens gefreut haben, dass ihn jemand auf das falsche Freud-Zitat aufmerksam gemacht hat.

Nicht erfreut hat uns leider der Preis des Büchleins. 22 Euro erscheinen uns ziemlich happig. Dem Molden-Verlag kann man daher nur mit einem garantiert echten Tucholsky-Zitat zurufen:“Macht unsre Bücher billiger! Macht unsre Bücher billiger! Macht unsre Bücher billiger!“

22.12.2023

Was wird aus dem Tucholsky-Museum in Rheinsberg?

Der Aufschrei in der Region und in der deutschen Kulturlandschaft hat Wirkung gezeigt. Das Tucholsky-Museum im brandenburgischen Rheinsberg soll doch nicht kaputt gespart werden. Nachdem die Stadt Rheinsberg im Oktober 2023 beschlossen hatte, die Stelle des scheidenden Museumsleiters Peter Böthig mit der Leitung der Tourist-Info zusammenzulegen, war das Museum umgehend auf die Rote Liste der bedrohten Kultureinrichtungen geraten. Der Deutsche Kulturrat rief die Stadt Rheinsberg und das Land Brandenburg auf, „die weitere wissenschaftliche Leitung des Museums sicherzustellen“.

Doch der Stadt fehlen dazu derzeit die finanziellen Mittel. Trotz einer Förderung durch das Land Brandenburg in Höhe von 65.000 Euro und weiteren knapp 15.000 Euro vom Landkreis belief sich das Defizit in diesem Jahr auf 241.000 Euro.

Eine Rettung ist nun in greifbare Nähe gerückt. Der Landkreis Ostprignitz-Ruppin erklärte am 1. Dezember 2023 seine Bereitschaft, für die klamme Stadt einzuspringen und das Museum in eigene Trägerschaft zu übernehmen. Zur Begründung hieß es:

Eine wissenschaftliche Leitung dieses Museums im bisherigen Umfang ist unabdingbar, um eine Fortführung auf dem heutigen Qualitätsniveau zu gewährleisten.

Die Übernahme soll zum 1. April 2024 vollzogen werden. Der Stadtrat von Rheinsberg befürwortete in einer Sitzung vom 18. Dezember 2023, Anfang kommenden Jahres die erforderlichen Verhandlungen zu starten. Museumsleiter Peter Böthig will seinen Vertrag dazu um einen Monat bis Ende März verlängern.

Der Ruppiner Anzeiger schrieb am 20. Dezember 2023:

In den Verhandlungen muss auch geklärt werden, wie mit der umfangreichen Sammlung des Museums umgegangen wird, die im Eigentum der Stadt ist. Eine mögliche Lösung wäre ein befristeter Leihvertrag, meint Peter Böthig, der den Wert auf eine halbe Million Euro schätzt.


Peter Böthig bei der Eröffnung der Else Weil-Ausstellung im Jahr 2010

Aus der Berliner Perspektive ist nicht ganz nachvollziehbar, warum die Situation in den vergangenen Wochen dermaßen eskalierte, dass sich sogar Kulturstaatsministerin Claudia Roth zu einem Statement bemüßigt fühlte. Diese Ansammlung von Plattitüden zu Tucholsky hätte der Öffentlichkeit durchaus erspart bleiben können.

Dass Peter Böthig Ende Februar in den wohlverdienten Ruhestand geht, ist schließlich schon seit langem bekannt gewesen. Wer nun dessen Nachfolge antritt, ist unklar. Wenn die Finanzierung gesichert ist, dürfte die Stelle neu ausgeschrieben werden.

Dem Museum und der Stadt bleibt zu wünschen, dass die neue Leitung nicht nur literaturwissenschaftliche Expertise mitbringt, sondern ebenso wie Böthig das kulturelle Leben in der Region mit Lesungen und Ausstellungen bereichert. Tucholskys Leben und Werk ist schließlich ziemlich gut erforscht. Es kommt heute vor allem darauf, die richtigen Lehren aus seinem damals vergeblichen Kampf gegen Nationalismus, Militarismus und Rechtsextremismus zu ziehen. Auch und gerade in der Brandenburger Provinz.

18.9.2023

Titanic retten, aber wie?

Es ist einerseits wohl der unaufhaltsame Lauf der Dinge, dass gedruckte Zeitungen und Zeitschriften immer schwieriger zu finanzieren sind. Andererseits ist es dennoch eine nicht so lustige Pointe, dass die Titanic finanziell schwer angeschlagen und im Sinken begriffen ist.

Wie gut das Heft derzeit noch ist, kann an dieser Stelle leider nicht beurteilt werden. Der jahrelange, regelmäßige Gang zum Kiosk wurde irgendwann vor etwa 10 Jahren eingestellt. Warum, ist im Nachhinein schwer zu sagen. Aber seit die Beiträge von Max Goldt praktisch aufhörten und auch andere gewohnte Rubriken eingestellt wurden, reichte irgendwann die kostenlose Webseite. Was natürlich kein wirklicher Ersatz ist, denn gerade die längeren Texte oder andere Formate finden sich eben nicht im Internet.

Ob die Titanic im Laufe der Jahrzehnte besser oder schlechter geworden ist, ist eine Geschmacksfrage. Humor, Interessen und Lesegewohnheiten verändern sich. Wenn aber – wie in der aktuellen Situation – die Ausgaben der Verlage stark steigen und dies nicht durch höhere Einnahmen kompensiert werden kann, wird das für kleine Verlage wie im Falle der Titanic schnell zu einer existenziellen Bedrohung. Wie die taz richtig bemerkt hat, betrifft das derzeit leider auch andere linke Publikationen wie das ND, Missy, Oxi oder Katapult.

Wie lässt sich also verhindern, dass die Titanic-Redakteure demnächst „Näher, mein Gott zu Dir“ singen müssen, wenn ihr Satireschiff ebenso wie das Original endgültig untergehen sollte? An Solidaritätsbekundungen mangelt es nicht. Doch 5.000 neue Abos sind eine Menge Holz.

Wie wäre es also, wenn beispielsweise die Kurt Tucholsky-Gesellschaft das Preisgeld ihres gerade heute vergebenen Tucholsky-Preises (PDF) für Titanic-Abos stiften würde? Für 5.000 Euro ließen sich fast 67 Jahresabos finanzieren. Dann fehlten nur 4.933. Das würde Tucholsky, einem ausdrücklichen Gegner aller Literaturpreise, sicherlich besser gefallen, als dass weiterhin ein Literaturpreis in seinem Namen vergeben wird. Und wer würde sich sonst in Zukunft falsche Tucholsky-Gedichte ausdenken, die uns zeigen, um wie viel besser er doch selbst gedichtet hat?

21.3.2023

Rezension: Man hat etwas gegen Sie vor. Kurt Tucholsky in Köln 1928/29

Auf den ersten Blick mutet es ein bisschen verwegen an, die wenigen Aufenthalte Kurt Tucholskys in Köln zu einem kompletten Büchlein auszuwalzen. Was in den gängigen Tucholsky-Biografien kaum mehr als eine Fußnote wert ist, hat der Kölner Historiker Mario Kramp auf knapp 90 Seiten dargestellt. Da Kramp einen sehr weiten Boten schlägt, – von Tucholsky Umzug nach Paris im Jahr 1924 bis zu dessen Tod im schwedischen Exil elf Jahre später -, hat das Büchlein dennoch genug Substanz und Unterhaltungswert. Nicht nur, aber gerade auch für Tucholsky-Fans.

Funktionieren kann nur, weil Kramp möglichst alle ihm verfügbaren Quellen auswertet, die sich mit Tucholskys Besuchen in der „Domstadt“ befassen. Und diese gibt es zuhauf. Denn Tucholsky weilte am Rhein nicht zum Vergnügen. In den Jahren 1928 und 1929 hat er vier Vorträge in Köln gehalten. Einen davon sogar im damals recht neuen Rundfunk.

Kramp fördert dabei interessante Berichte zutage, die ein gutes Licht auf die zeitgenössische Tucholsky-Rezeption werfen. Wie kaum anders zu erwarten, zeigten die damaligen Zeitungsartikel die tiefgehenden Risse, die durch die Gesellschaft der Weimarer Republik gingen.

Tucholsky war damals ebenso populär wie verhasst. Sein Kampf gegen den Militarismus passte den nationalistischen und reaktionären Kreisen ebenso wenig wie sein Werben für eine deutsch-französische Verständigung. Gerade am Rhein, der immer noch von französischen Truppen besetzt war. Die Tucholsky-Rezeption in Köln kann dabei exemplarisch für die Situation in der deutschen „Provinz“ stehen, was dieser in einem gleichnamigen Text in der Weltbühne vom Mai 1929 analysiert hat.

Von einer eindringlichen Warnung eines unbekannten Unterstützers ließ sich Tucholsky nicht davon abbringen, am 27. September 1928 einen Vortrag im Gebäude des Kunstvereins am Friesenplatz zu halten. „Man hat etwas gegen Sie vor“, hieß es in dem maschinengeschriebenen Hinweis.

Anders als im November 1929 in Wiesbaden sind Tucholskys Vorträge in Köln jedoch nie gestört worden. Ganz im Gegenteil. Seine Zuhörer waren meist begeistert über Inhalt und Art des Vortrags. Kronzeuge dafür ist auch bei Kramp der damalige Germanistikstudent Hans Mayer, der sich später als Literaturwissenschaftler mit dem „pessimistischen Aufklärer“ Kurt Tucholsky auseinandergesetzt hat.

Der Kölner Stadt-Anzeiger notierte damals:

Intellektuelles Volk drängt sich zuhauf im Kunstverein. Kein Stuhl bleibt unbesetzt. An den Wänden stehen Zuhörer, in den Gängen, an allen Ecken und Enden des überhitzten Raumes.

Das Thema des Vortrags lautete „Frankreich heute“. Laut Mayer versuchte Tucholsky den Zuhörern „die völlig andere Lebens- und Denkart des bürgerlichen Frankreich darzustellen“.

Deutlich mehr Aufsehen und Kontroversen erzeugte Tucholskys nächster Vortag in Köln. Denn damit erreichte der Schriftsteller nicht nur seine Fans, sondern auch seine Gegner. Am 22. März 1929 las er im Westdeutschen Rundfunk aus seinen Werken vor. Anschließend beschwerte sich ein Kreisverband der rechtskonservativen DNVP bei Rundfunkintendant Ernst Hardt über den Vortrag. Es sei

eine ungeheure Brüskierung weitester Kreise der Hörerschaft, einen Mann wie Tucholsky, Panther, Ignatz Wrobel usw. im Westdeutschen Rundfunk sprechen zu lassen, dazu noch am Tag des Buches.

Hardt entgegnete mit dem bemerkenswerten Satz:

jeder Hörer, welcher Tucholski nicht schätzt und nicht zu hören wünscht, konnte sich ja seiner Vorlesung durch Abschalten des Apparates entziehen.

Die Cancel Culture ist wahrlich kein neues Phänomen.

Leider ist von dem Vortrag keine Aufzeichnung erhalten. Sonst wäre auf diese Weise die Stimme Tucholskys der Nachwelt überliefert worden.

Am folgenden Tag, Karsamstag, gab es einen weiteren Vortrag. Dieses Mal in der Kölner Lesegesellschaft in der Langgasse. Tucholsky trug dabei wohl aus seinen Sammelbänden Mit 5 PS und Das Lächeln der Mona Lisa vor. Das Kölner Tageblatt lobte den Autor für „die glänzendste und überlegenste Zeitkritik, die man sich nur denken mag“.

Nicht ganz zutreffend scheint Kramps Behauptung, wonach Tucholsky am nächsten Morgen, dem 24. März 1929, nach Berlin aufgebrochen sein soll, um dort an einer Matinee mit seinen Werken teilzunehmen. Anders als von Kramp behauptet, endete dort auch nicht seine kleine Lesereise. Nach der Biografie von Michael Hepp trat Tucholsky noch am 25. März in Frankfurt und 27. März in Mannheim auf. Warum sollte er zwischendurch für einen Morgen nach Berlin gereist sein?

Der vierte und letzte Vortrag in Köln bildete am 18. November 1929 den Auftakt zu einer großen Lesereise, die Tucholsky über zehn Stationen durch große Teile Deutschlands führte. Dieses Mal widmete er sich vor allem juristischen Themen, darunter der Reform des Sexualstrafrechts. Dass er in dem Vortrag auch die Sexualmoral der Kirche kritisierte, gefiel der Presse im katholischen Rheinland jedoch gar nicht. Seine Auffassungen seien „armselig“ und nichts weiter als eine „snobistische Abendunterhaltung“, monierte die katholische Kölnische Volkszeitung.

Recht bekannt ist Tucholskys pessimistisches Resümee der Lesereise, das er in einem Brief an seine Ex-Frau Mary Gerold zog:

Im übrigen: für wen ich das eigentlich mache … das weiß ich nach dieser Reise weniger als je. Es ist trostlos. Allerdings bezieht sich das auf die Bürgerschaft – vor Arbeitern habe ich nicht gesprochen. Das ist dann vielleicht anders.

Damit endet Kramps Buch jedoch noch nicht. Im letzten Kapitel, mit Schicksale überschrieben, widmet er sich den Lebensläufen der Personen, die an den Kölner Vortragen mittel- oder unmittelbar beteiligt waren. Dazu zählt neben Rundfunkintendant Hardt auch der Buchhändler Paul Wolfsohn, der Tucholsky im Jahr 1928 engagiert hatte. Der jüdische Kaufmann Erich Leyens, der Tucholsky vor dem kriegerischen Revanchegeist im Rheinland gewarnt hatte, musste über Italien und Kuba in die USA emigrieren.

Dann sind die rund 90 Seiten von Kramps Büchlein auch schon vorbei. Es hätten ruhig ein paar mehr werden können, dann hätte man die Fußnoten im Anhang nicht ganz so klein drucken müssen.

Mario Kramp: Man hat etwas gegen Sie vor. Kurt Tucholsky in Köln 1928/29, Greven Verlag Köln, 2022, 92 Seiten, 12 Euro, ISBN 978-3-7743-0952-4

8.3.2023

Tucholsky und die Statistik des Todes

Als engagierter Pazifist und Antimilitarist hat sich Kurt Tucholsky in seinen Texten intensiv mit dem Thema Krieg beschäftigt. Sein Diktum „Soldaten sind Mörder“ wird immer noch stark rezipiert und ist heute so umstritten wie im Jahr 1931, in dem es geprägt wurde.

Kaum weniger häufig wird Tucholsky ein Spruch zugeschrieben, der eine sehr zynische Auffassung vom Wert des Menschenlebens vertritt:

„Der Tod eines Menschen: das ist eine Katastrophe; aber hunderttausend Tote: das ist eine Statistik.“

Dieser Satz findet sich in der Tat in einem Artikel Tucholskys aus dem Jahr 1925. In „Französischer Witz“ beschäftigt er sich mit mehreren neu herausgekommenen Witzsammlungen in seinem Gastland. Die gesamte Passage lautet:

Das Spezifische des französischen Witzes ist seine Leichtigkeit, seine Delikatesse, seine Eleganz. Da schreibt etwa der zurückgetretene Minister an den Staatssekretär des Post- und Telegraphenwesens eine Stunde nach seinem Sturz: „Sehr verehrter Herr Kollege! Ich weiß nicht, ob Sie sich meiner noch erinnern …“ Die Handbewegung, mit der eine Formulierung herausgebracht wird, ist ganz locker. Es wird von den Schrecknissen des Krieges gesprochen. Darauf sagt ein Diplomat vom Quai d’Orsay: „Der Krieg? Ich kann das nicht so schrecklich finden! Der Tod eines Menschen: das ist eine Katastrophe; aber hunderttausend Tote: das ist eine Statistik!“ Die Sprache dieser Diplomaten ist eben die französische, und die Definition des Berufes heißt so: „Ein Diplomat, mein liebes Kind, ist ein Mann, der das Geburtsdatum einer Frau kennt und ihr Alter vergessen hat!“

Es ist also ganz offensichtlich, dass Tucholsky diesen zynischen Spruch nicht selbst geprägt hat. Dass dieser ebenso häufig dem sowjetischen Diktator Stalin zugeschrieben wird, dürfte Tucholsky sicherlich nicht als schmeichelhaft empfunden haben. In mehreren Untersuchungen zum Ursprung des Zitats, beispielsweise auf Quote Investigator oder bei Oxford Reference, wird Tucholsky dennoch ausdrücklich als Urheber genannt.

Das Problem an der bisherigen Quellenlage: Aus Tucholskys Text geht nicht hervor, in welcher der genannten Sammlungen sich dieser Witz befindet. Daher war eine exakte Quellenangabe bislang nicht möglich.

Über die Antiquariatsplattform ZVAB kann man jedoch an die besprochenen Bücher gelangen. Und siehe da, gleich in dem erstgenannten wird man fündig. Der Witz findet sich in: J.-W. Bienstock et Curnonsky: T.S.V.P. Petites histoires de tous et de personne. Paris: Crès 1924, S. 6f

Un soir, dans un salon mondain. Des gens dissertent sur la guerre. Un ancien combattant raconte en termes émus la mort d’un de ses amis. Une dame pleure, elle songe à son mari mort au champ d’honneur.
– La guerre est une chose terrible, unjustifiable, soupire-t-elle.
Alors, un diplomate bien connu du quai d’Orsay, qui jusque-là n’avait pas pris part à la conversation, dit avec une tranquille suffisance.
– La guerre? ce n’est pas si terrible! La mort d’un homme est en effet chose épouvantable, mais cent mille morts, c’est une statistique.

Eines Abends in einem mondänen Salon. Einige Leute unterhalten sich über den Krieg. Ein Veteran erzählt in bewegten Worten vom Tod seines Freundes. Eine Frau weint und denkt an ihren Mann, der auf dem Feld der Ehre gefallen ist.
– Der Krieg ist etwas Schreckliches, nicht zu rechtfertigen, seufzt sie.
Da sagt ein bekannter Diplomat vom Quai d’Orsay, der sich bis dahin nicht an dem Gespräch beteiligt hatte, mit ruhiger Selbstgefälligkeit.
– Der Krieg? Der ist gar nicht so schlimm! Der Tod eines Menschen ist in der Tat etwas Furchtbares, aber hunderttausend Tote, das ist eine Statistik.


Der Witz im Original.

Doch wer sind die Autoren Bienstock und Curnonsky?

Jean-Wladimir Bienstock war laut Wikipedia ein französisch-russischer Rechtsanwalt, Schriftsteller und Übersetzer. Er wurde 1868 in der Ukraine geboren und starb 1933 in Paris. Der zum Katholizismus konvertierte Jude übersetzte wichtige russische Autoren wie Tolstoi und Dostojewski ins Französische.

Hinter dem Pseudonym Curnonsky verbirgt sich Maurice Edmond Sailland (1872-1956), ein französischer Romanautor, Gastronom, Humorist und Restaurantkritiker, der zum „Prinz der Gastronomen“ avancierte.

Von wem nun Bienstock und Curnonsky den Witz aufgeschnappt oder ob sie ihn sich selbst ausgedacht haben, wird wohl für immer deren Geheimnis bleiben. Zumindest, solange keine frühere Quelle dafür auftaucht.

Erstaunlich bleibt auf jeden Fall die Tatsache, dass der Spruch in seinem Ursprungsland nicht so verbreitet ist wie im deutsch- oder englischsprachigen Raum. Der französische Jura-Professor Patrick Morvan, der sich ebenfalls mit Ursprung des Zitats beschäftigt hat, brachte dessen Irrwege wie folgt auf den Punkt:

Der Satz, der in den Augen eines frankophilen Deutschen und Liebhabers von Bonmots die Quintessenz des französischen satirischen Geistes war, landete über einen Umweg, dessen Geheimnis die Geschichte kennt, in Stalins Mund!


Umschlag des Buches.

1.2.2021

Das Plagiats-Wunder von Lourdes

Was macht man, wenn man ein Buch übersetzt hat, das außerhalb katholischer Kreise vermutlich nur wenige Leser interessiert? Ein handfester literarischer Skandal könnte aus Promotionsgründen sicher nicht schaden.

Dieser Eindruck drängt sich bei der Lektüre von Hartmut Sommers Artikel „Was haben Sie da nur gemacht, Herr Tucholsky?“ in der nicht minder katholischen „Tagespost“ auf. Darin wird Kurt Tucholsky unterstellt, aus dem Buch Les foules de Lourdes des französischen Autors Joris-Karl Huysmans abgeschrieben zu haben. Sommers Übersetzung Lourdes: Mystik und Massen ist im vergangenen Jahr erschienen.

Die Vorwürfe betreffen das Kapitel über den französischen Wallfahrtsort Lourdes in Tucholskys 1927 erschienener Reisebeschreibung Ein Pyrenäenbuch.

Sommer schreibt:

Tucholskys Biograph Rolf Hosfeld bescheinigt ihm: „Mit dem geübten Blick eines Theaterkritikers erzählt Tucholsky im Pyrenäenbuch die Dramaturgie des Wunderspektakels eines ganzen Tages.“ Doch wie lange war Tucholsky wirklich selbst dort und was hat er selbst beobachtet, muss man sich fragen. Die meisten Beschreibungen jedenfalls sind offenbar von Huysmans Lourdes-Buch übernommen, als sehr eng daran angelehnte Wiedergabe oder als sehr ähnliche Paraphrase.

Das ist harter Tobak. Wird Tucholsky nun postum des Plagiats überführt, so wie im Jahr 1904 sein Mentor und väterlicher Freund Siegfried Jacobsohn? Dieser hatte als junger Theaterkritiker wortwörtlich Passagen aus früheren Artikeln des Kritikers Alfred Gold übernommen und war deshalb von seiner Zeitung entlassen worden. Dazu würde gut passen, dass Tucholsky das Pyrenäenbuch dem Ende 1926 unerwartet gestorbenen Jacobsohn gewidmet hat.

Wer von Sommer nun eine „Smoking gun“ erwartet, um Tucholskys geistigen Diebstahl nachzuweisen, wird jedoch arg enttäuscht. Als erstes Beispiel nennt er:

Tucholsky: „Es ist eine kleine Felsgrotte, ein paar Meter tief, mit einem schmiedeeisernen Gitter. ‚Entrée‘ und ‚Sortie‘ steht daran, auf blauen Emailschildern in weißer Schrift; einen Augenblick lang zieht ein Straßenschild an meinem Auge vorüber…“
Huysmans: „Schade, dass sie [die Grotte] so organisiert ist mit ihrer eingefassten Quelle, deren Wasser in Leitungen verborgen ist wie gewöhnliches Wasser, mit ihren Gittern wie in öffentlichen Gärten und blauen Emailleschildern, vergleichbar mit denen an unseren Straßenecken, auf denen in weißer Schrift auf der einen Seite ‚Eingang‘ und auf der anderen ‚Ausgang‘ steht.“

Da haben offenbar zwei Menschen ein und denselben Ort beschrieben und dabei ähnliche Beobachtungen gemacht. Wenn Sommers Definition zutrifft, dann muss die halbe Reiseliteratur aus Plagiaten bestehen. („Vor der Mona Lisa drängeln sich in Ihrem Text auch die Menschenmassen? Plagiat!“)


Die Grotte von Massabielle.

Nach dieser Logik liefert Sommer noch eine ganze Reihe weiterer „Belege“. Alles, was sich bei Tucholsky findet und von Huysmans in ähnlicher Weise beobachtet worden war, muss folglich übernommen worden sein.

Völlig absurd wird die Beweisführung in folgendem Beispiel:

Oft gerät die Übernahme des Huysmans’schen Berichtes, der das Gesehene dem Leser bildkräftig und vieldimensional vor Augen stellt, bei Tucholsky nur noch zu einer kümmerlichen Schrumpfform. Tucholsky etwa schreibt: „Die ganze Luft riecht nach Vanille“, während uns Huysmans geradezu in das volkstümliche Treiben versetzt: „Über allem hängt der Geruch von Vanille in der Luft. Die Bergbewohner verpesten Lourdes, indem sie von morgens bis abends mit Bündeln von Vanilleschoten umhergehen, deren Essenz schon von Konditoren und Parfümeuren abgezogen wurde, die man aber betrügerisch mit einigen Tropfen Duftstoff aufgefrischt hat.“

Tucholsky hat demnach so dilettantisch von Huysmans abgeschrieben, dass die Übernahme überhaupt nichts mehr mit dem Original zu tun. Nicht einmal richtig plagiieren kann er, der „Schnell- und Vielschreiber“, wie ihn Sommer bezeichnet.

Aber warum sollte Tucholsky es überhaupt nötig gehabt haben, Huysmans‘ Schilderung zu übernehmen? Schließlich war diese schon 20 Jahre vorher, im Jahr 1906, erschienen. Da könnte sich sogar im katholischen Lourdes manches geändert haben. War Tucholsky vielleicht ein entfernter Vorläufer des Spiegel-Autors Claas Relotius, der sich preisgekrönte Reportagen ausgedacht hat, anstatt selbst zu recherchieren?

Zwangsaufenthalt wegen böser Waldschlucht

Nicht einmal Sommer dürfte bezweifeln, dass sich Tucholsky von Mitte August bis Mitte Oktober 1925 tatsächlich in den Pyrenäen und auch in Lourdes aufgehalten hat. Stattdessen liefert er eine andere Erklärung:

(…)Tucholsky fehlten offenbar eigene Eindrücke, als er nach seiner Rückkehr das „Pyrenäenbuch“ verfasste, weil er wohl wenig Lust gehabt hatte, die religiöse Atmosphäre des Wallfahrtortes zu nahe an sich herankommen zu lassen. Der authentischste Teil seines Lourdes-Kapitels ist denn auch die Beschreibung eines Besuchs der Burg mit dem volkskundlichen Museum, von dem aus man in sicherem Abstand von der Stadt und dem heiligen Bezirk auf das Prozessionstreiben dort hinabschauen kann.

Viel Zeit für Lourdes selbst blieb dann wohl nicht.

Dieser letzte Satz ist eine einzige Frechheit. Was in Hosfelds Biografie nicht enthalten ist, geht unter anderem aus einem Brief Tucholskys an Heinrich Mann vom 7. November 1925 hervor:

Ich habe zwei Monate in den Pyrenäen – einschließlich Lourdes – gesteckt – nicht ohne in einer bösen Waldschlucht mir das Schienenbein glorios aufgeschlagen zu haben – und dann haben sie mich in Lourdes operiert (ohne Wunder).

Oder auch aus dem Text „Der Reisegott Zippi“ vom März 1927:

Ich hatte mir über einer Baumwurzel ein Bein aufgeschlagen, und mußte nach Lourdes zurückfahren, um mir von einem richtigen Menschenarzt im Bein herumschneiden zu lassen. Mit der Wunderquelle hatte ich es nicht so im Sinn … Der Arzt, ein tüchtiger piksauberer Mann, schnitt, verband und packte mich für zehn Tage ins Bett.

Notgedrungen muss sich Tucholsky wegen des Sturzes in der Schlucht von Kakaouetta (beschrieben im Kapitel „Lieber Jakopp“) nicht nur wenige Tage, sondern wohl gut zwei Wochen in Lourdes aufgehalten haben. Das geht auch – kaum übersehbar – aus dem Pyrenäenbuch hervor.


Die Schlucht von Kakouetta.
Foto: Ancalagon, Lizenz: CC-by-SA 3.0

Ja, man sieht zu viel. Treibe dich vierzehn Tage in der Stadt herum, und du fühlst nie mehr nasse Augen, aber manchmal ein verdächtiges Zucken im Gesicht. (…)

Man darf nicht verweilen. Man sieht zu viel. (…)

Man sieht zu viel. Man sieht, bei längerm Aufenthalt, wie es gemacht wird, sieht am Häuschen hinter der Basilika die Aufschrift: „Hommes“ – „Femmes“ und „Cabinets Reservés“, wonach also zu schließen wäre, daß die Geistlichen, denen man sie reserviert hat, weder Männchen noch Weibchen sind …

Aber laut Sommer hat Tucholsky das alles nur abgeschrieben, weil er, der evangelisch getaufte Jude, die „religiöse Atmosphäre des Wallfahrtortes“ nicht zu nahe an sich heranlassen wollte.

Erstaunlicherweise hat Tucholsky in dem Text „Aus aller Welt“ das Pyrenäenbuch selbst als eher untypische Reiseliteratur gesehen, denn es sei

darin mehr von meiner Welt als von den Pyrenäen die Rede,

Aber nicht das ganze Buch:

nur das Kapitel über Lourdes macht eine Ausnahme. Ich konnte zum Beispiel mit den Leuten nicht baskisch sprechen – wie soll ich diesen Landstrich ganz begreifen?

Diese Sprachbarriere gab es in den zwei Wochen Lourdes hingegen nicht. Tucholsky konnte daher nicht nur Huysmans‘ Buch lesen, sondern sich in Lourdes sogar mit echten Franzosen unterhalten.

Wie kam Sommer Tucholsky auf die Schliche?

Aber wie ist Sommer dem angeblichen Plagiator Tucholsky auf die Schliche gekommen? Hat in Deutschland noch nie jemand die Schilderungen Huysmans‘ gelesen, bevor Sommer sie nun erstmals ins Deutsche übersetzt hat?

Moment mal, heißt es im Pyrenäenbuch nicht an einer Stelle:

Die Ausstattung in den Kirchen. „Aber das übersteigt die kühnsten Träume. Mit Kunst, selbst mit Kunst in ihrer niedrigsten Entartung, hat das hier überhaupt nichts zu tun. Das ist nicht einmal schlecht …“ Nein, es ist grauslich. „Das ist alles so häßlich! Wenn es wenigstens naiv wäre – aber leider: grade das ist es nicht.“ Das sagt ein Freigeist? ein frecher Aufklärichtsmann? ein Kerl, der vom Katholischen nichts versteht -? Ach, es ist J.-K. Huysmans, dessen A rebours Oscar Wilde zum Dorian Gray angeregt hat, der in den Schoß der Kirche zurückgekehrte, reuige Sünder.

Fünf Mal wird Huysmans in dem Kapitel über Lourdes erwähnt. So auch hier:

Und so vieles hiervon steht bei Huysmans. Sein Fanatismus hat ihn, den Frischbekehrten und also lächerlich Überhitzten, nicht gehindert, in Lourdes die Augen aufzumachen. Auf einen Teil der schwarzen Flecke hat er mich erst aufmerksam gemacht, und wenn ich zögerte, mir Luft zu machen, so stärkte mich ein Blick in sein Buch. Da stands noch viel schlimmer.

Vielleicht hat ihn Huysmans auch auf folgende Beobachtung aufmerksam gemacht: „Eine Verkrüppelte hat unter Glas und Rahmen die braunen Nägel aufbewahrt, die ihr durch die Hand gewachsen waren und von denen sie nun befreit ist.“ Dieses Beispiel findet sich laut Sommer auch in Huysmans Buch. Ebenso wie ein Zitat über „Engländer, die alles für sich haben wollen, die besten Plätze, die Spitze bei den Prozessionen“, das sich demnach ebenfalls bei Huysmans findet. Bei Tucholsky wird dies nicht Huysmans zugeschrieben, sondern einem unbekannten „jemand“, der sich über die Engländer beklagt.

Ob diese Klage 1925 immer noch berechtigt war? Tucholsky schreibt in seinem Text „Anglikanische Pastöre“:

Ich habe sie im Zug nach Lourdes gesehen und auf vielen Bildern: die glatten Ledergesichter der Hagern, wie Fußball-Champions, und die guten, onkelhaften der Dicken – ja, sie hatten diese schwarzen Röcke an, es waren wohl Geistliche, Alles, was recht ist … aber es waren keine

Sommer sind die vielen Erwähnungen von Huysmans‘ Buch durch Tucholsky natürlich nicht entgangen. Er sieht sie jedoch allesamt als Beleg dafür, dass der „Agnostiker“ Tucholsky auch den Rest seiner Eindrücke übernommen haben muss.

Unbelegte Rufschädigung

Was bleibt also von Vorwürfen übrig?

Wie Tucholsky selbst bemerkte, hat er sich damals Lourdes auch mit den Augen Huysmans angeschaut. So wie sich Abertausende deutscher Touristen das schwedische Schloss Gripsholm mit den Augen Tucholsky angeschaut haben mögen.

Er fand Huysmans‘ Buch sogar so lesenswert, dass er ein Exemplar im Jahr 1927 seiner Geliebten Lisa Matthias schenkte.

Tucholsky zu unterstellen, er habe sich Lourdes aus Zeitgründen und religiöser Ignoranz gar nicht richtig angesehen, um stattdessen aus Les foules de Lourdes abzuschreiben, ist aber eine durch nichts belegte Rufschädigung. Wäre Tucholsky noch am Leben, wäre eine Gegendarstellung in der „Tagespost“ wohl das Mindeste, das er durchsetzen würde.

Absurd auch der Versuch Sommers, Tucholsky eine Scheinheiligkeit im Umgang mit tatsächlichen Plagiaten nachzuweisen. Denn Tucholsky habe er der Schriftstellerin Irmgard Keun unterstellt, in ihrem Roman Das kunstseidene Mädchen den „Ton“ eines anderen Romans imitiert zu haben. Abgesehen davon, dass Tucholsky gerade nicht versucht hat, den „bildkräftigen und vieldimensionalen“ Stil Huysmans nachzuahmen, muss man ihn beim Thema Plagiat an den Maßstäben messen, die er im Falle Bertolt Brechts angelegt hat.

So heißt es im Artikel „Die Anhängewagen“ vom Mai 1929:

Ich bin kein Plagiatschnüffler; ich weiß, wie halb verwehte Klänge haften, wie einem Erinnerungen aufsitzen, wie man unbewußt plagiieren kann … aber weil ich es weiß, passe ich auf. Zu denken, daß sich unsereiner quält, wegläßt, weil vielleicht diese Zeile zu sehr an eine von Mehring erinnert – ich habe den größten Respekt vor geistigem Eigentum, und eine ebenso große Verachtung literarischer Einbrecher.

Der Plagiatschnüffler Sommer ist bei Tucholsky offensichtlich auf eine falsche Fährte gestoßen. Vielleicht hätte er sich vor der Abfassung des Artikels besser diesen Artikel der „Tagespost“ durchgelesen.

27.10.2019

Relotius, Moreno und das „weltbekannte Faktenluder“

Es ist nicht unbedingt jedem Buch zu wünschen, dass die erste Auflage schnell ausverkauft ist, damit die zweite umgehend nachgedruckt werden kann. Bei Juan Morenos Buch „Tausend Zeilen Lüge – Das System Relotius und der deutsche Journalismus“ (Rowohlt, 18,- Euro) trifft das jedoch zu. Der Wunsch rührt nicht nur daher, dass das aufschlussreiche Aufarbeitung des Relotius-Skandals beim Nachrichtenmagazin Der Spiegel von vielen Menschen gelesen werden sollte.

Hinzu kommt noch die Möglichkeit, dass mit einer zweiten Auflage Fehler getilgt werden. Beispielsweise ein falsches Tucholsky-Zitat, das sich auf Seite 100 eingeschlichen hat. „Das Leben ist gar nicht so, es ist ganz anders“ wird dort dem Kapitel 5 vorausgestellt.

Aber moment mal: Ist der Aphorismus nicht eines der bekanntesten Tucholsky-Zitate? Veröffentlicht im August 1925 in der ersten „Schnipsel“-Sammlung? Dort heißt es:

Dies ist, glaube ich, die Fundamentalregel alles Seins: „Das Leben ist gar nicht so. Es ist ganz anders.“

Das ist zweifellos ein Zitat von Tucholsky. Was auch bei Moreno nicht anders ist. Allerdings stammt es bei ihm nicht von Kurt, wie man es erwarten würde, sondern von dessen zweiter Frau Mary. Wie kann das sein?

Von Mary Gerold-Tucholsky ist vor allem bekannt, dass sie Zeit ihres Lebens darauf bedacht war, mit ihrer eigenen Person im Hintergrund zu bleiben und nach dem Zweiten Weltkrieg das literarische Erbe ihres 1935 im schwedischen Exil gestorbenen Mannes zu sammeln und zu verbreiten. Erst kurz vor seinem eigenen Tod hat sich Tucholsky-Herausgeber Fritz J. Raddatz getraut, umfangreiche Passagen aus Marys Briefen zu veröffentlichen. Sollte Moreno etwa dort das Zitat entdeckt und übernommen haben? Und damit gleichzeitig belegen, dass Kurt Tucholsky gar nicht der eigentliche Urheber ist?

Da sich das Zitat nicht in „Tucholsky – Eine biografische Momentaufnahme“ findet, hilft nur eine direkte Nachfrage bei Moreno selbst. Dieser verweist in seiner Antwort tatsächlich auf Raddatz. Allerdings nicht auf das Tucholsky-Büchlein, sondern auf dessen 2003 erschienene Autobiografie „Unruhestifter“. Dort habe Raddatz das Zitat Mary zugeschrieben.

Nun ist bei Raddatz bekanntlich Vorsicht angesagt. Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel bezeichnete ihn nicht ganz unbegründet als „das weltbekannte Faktenluder“. Im „Unruhestifter“ findet sich auf Seite 233 tatsächlich die entsprechende Passage. Darin schreibt Raddatz:

Mary Tucholskys betrügerisch sie liebender Mann hat geschrieben – ein mir von ihr in vielen Widmungen zitierter Satz: „Das Leben ist gar nicht so, es ist ganz anders.“

Auch wenn nicht ganz klar ist, was der zweite Teil des Satzes genau meint, aus dem ersten geht eindeutig hervor, dass Kurt der Urheber des Satzes ist.

Ein solches Missverständnis kann jedem einmal passieren. In einem Buch, in dem es vor allem darum geht, warum beim Spiegel die Faktenkontrolle versagte und der Reporter Claas Relotius eine Märchengeschichte nach der anderen fabrizieren konnte, ist ein solcher Lapsus aber besonders ärgerlich. Einmal kurz gegoogelt, und Moreno hätte herausgefunden, dass Kurt Tucholsky der Urheber ist und Raddatz obendrein die Interpunktion des Originals verändert hat. Dass Morenos Buch in Tucholskys Hausverlag Rowohlt erschienen ist, macht die Sache nicht besser.

Und leider passt es auch zu den Vorwürfen, die Relotius selbst gegen Moreno erhoben hat. So behauptet Moreno am Ende des Buches, dass Relotius von einer Spiegel-Sekretärin in Hamburg auf dem Fahrrad gesehen worden sei, obwohl er einem Ex-Kollegen versichert habe, sich in Süddeutschland in einer Klinik aufzuhalten. Das will Moreno von dem Kollegen erfahren haben. Der Medienjournalist Stefan Niggemeier schreibt dazu:

Darf man eine solche Anekdote, vor allem eine so mächtige und prominent platzierte, allein auf der Grundlage von Hörensagen veröffentlichen, ohne wenigstens selbst mit der Sekretärin gesprochen zu haben?

Für Niggemeier „ist es besonders ärgerlich, dass sich Moreno so angreifbar gemacht hat“.

Dabei beschreibt Moreno in langen Passagen des Buches, welchen Rechercheaufwand er betreiben musste, um das Lügengebäude von Relotius zum Einsturz zu bringen. So suchte er im Netz stundenlang nach einer Person, die auf einem Foto in dem Artikel abgebildet war, den er zusammen mit Relotius geschrieben hatte (warum er die umgekehrte Bildersuche nicht nutzte, bleibt unklar).

Da die vielen E-Mails mit Indizien den verantwortlichen Spiegel-Redakteuren Matthias Geyer und Ullrich Fichtner nicht ausreichten, fuhr Moreno sogar auf eigene Faust nach Arizona, um die vermeintlichen Gesprächspartner Relotius‘ aufzuspüren. „Wenn meine Chefs tatsächlich diese E-Mails nicht verstanden haben, frage ich mich, wie sie es an die Spitze des deutschen Journalismus geschafft haben“, kritisiert Moreno. Allerdings schreckte Relotius selbst vor dem Fälschen von E-Mails und Facebook-Seiten nicht zurück, um seine Chefs von seiner Version der Geschichte zu überzeugen. Moreno gab aber nicht auf und lieferte die entscheidenden Hinweise.

Das alles liest sich nicht besonders schmeichelhaft für den Spiegel und die ganze Reporterzunft, die sich gerne mit namhaften Journalistenpreisen schmückt. Moreno kritisiert deutlich die Privilegien der „Starreporter“ beim Spiegel, die eine Art Zwei-Klassen-Gesellschaft etablierten.

So eine Konstruktion ist eine grandiose Rezeptur für ein katastrophales Betriebsklima, da sich Edel-Reporter oft die besten Themen schnappen. Fachredakteure haben möglicherweise über Jahre Expertise aufgebaut, der Reporter trifft sich mit einigen Gesprächspartnern, schreibt fünf, sechs knackige Seiten und lässt nicht selten einen Haufen verbrannter Erde zurück.

Moreno verteidigt dennoch die Reportage gegen Fundamentalkritik anderer Journalisten. Was legitim ist.

Nicht behandelt wird bei Moreno aber die Frage, ob es sinnvoll ist, für Reportageressorts wie im Spiegel große Summen bereitzustellen, während die Politikberichterstattung gekürzt wird. Oder was es bringt, schönschreibende Starreporter in Krisenregionen einzufliegen, während die Zahl der dauerhaften Auslandskorrespondenten immer geringer wird. Da Moreno selbst „nur“ freier Journalist und kein angestellter Redakteur ist, fehlt ihm die Innenperspektive, um die Situation nicht nur vom Hörensagen zu schildern. Anders bei den früheren Spiegel-Redakteure Horand Knaup und Hartmut Palmer, die im Mai 2019 in der taz ausführlich beschrieben haben, welche systemischen Ursachen hinter dem Relotius-Skandal stecken.

Bleibt zu hoffen, dass bei Rowohlt die Fehlerkultur besser als beim Spiegel ist und das falsche Tucholsky-Zitat in Folgeauflagen oder unmittelbar beim E-Book verschwinden. Sonst muss der gar nicht böse Tucholsky-Bot demnächst nicht nur angebliche Zitate von Kurt, sondern auch solche von Mary korrigieren.

9.4.2019

Die Weltbühne und das Bauhaus

Im April 2019 jährte sich zum 100. Mal die Gründung des Bauhauses in Weimar. Gut ein Jahr vorher, im April 1918 und noch mitten im Ersten Weltkrieg, hatte die frühere Theaterzeitschrift „Die Schaubühne“ ihren neuen Namen „Die Weltbühne“ erhalten. Sowohl die Zeitschrift als auch die Kunstschule stehen auf ihrem Gebiet exemplarisch für einen weltoffenen und modernen Geist im Deutschland der Weimarer Republik. Die „Weltbühne“ für einen linksintellektuellen, der Völkerverständigung und dem Pazifismus verpflichteten Journalismus, das Bauhaus für einen Aufbruch in der Architektur hin zu mehr Funktionalität, Einfachheit und Sachlichkeit. Beide Ikonen der Weimarer Republik sind mit dieser untergegangen und haben als ihr eigener Mythos die Zeiten überdauert.

Überdauert haben glücklicherweise auch die 45.000 Texte der „Schau“- und „Weltbühne“. Angesichts der Rolle des Bauhauses in der Weimarer Republik wundert es nicht, dass sich diese Bedeutung in vielen Texten widerspiegelt. Dabei geht es nicht nur um ästhetische Fragen oder um Architekturkritik. Auch die soziale Bedeutung des Bauens in der Weimarer Republik und die Pädagogik der Bauhauses spielten eine wichtige Rolle. Und natürlich die politischen Debatten über die diversen Versuche, die Schule an ihren Standorten in Weimar, Dessau und Berlin zu bekämpfen. Darüber hinaus gab es sogar einen gegenseitigen Austausch, der über die kritische Analyse und Würdigung des Bauhauses in der „Weltbühne“ hinausging.

In den gut 14 Jahren zwischen der Gründung des Bauhauses und dem Verbot der Zeitschrift durch die Nationalsozialisten im März 1933 sind in der „Weltbühne“ knapp 40 Texte erschienen, in denen das Bauhaus ausführlich diskutiert oder zumindest am Rande erwähnt wurde. Bemerkenswert in diesem Fall: Sowohl der erste Text aus dem September 1923 als auch der letzte aus dem Januar 1933 stammen von Adolf Behne, der mit mehr als 70 Artikeln der führende Architekturkritiker der Zeitschrift war. In den zehn Jahren dazwischen befassten sich der ungarische Schriftsteller und Kunstkritiker Ernö (Ernst) Kállai, der Stadtplaner und Architekturkritiker Werner Hegemann, die Künstlerin Dora Wentscher, der Filmkritiker Rudolf Arnheim, der Kunsthistoriker Ferdinand Eckhardt sowie der Architekt und frühere Bauhäusler Ernst Blumenthal intensiver mit dem Bauhaus an seinen drei Standorten.

Doch nicht nur das. Die „Weltbühne“ verstand sich in gewissem Umfang auch als Mitteilungsblatt der Schule. So hieß es im August 1928 in der Rubrik „Antworten“:

„Das Bauhaus, Hochschule für Gestaltung in Dessau, beginnt sein diesjähriges Wintersemester am 30. Oktober, Anträge zur Aufnahme in das erste Semester können schon jetzt gestellt werden. (…) Lehrkräfte: L. Feininger, W. Kandinsky, Paul Klee, Hannes Meyer, Oskar Schlemmer, J, Albers, H. Scheper, J. Schmidt, Gunta Stölzl, Hanns Wittwer, Mart Stam, zwei Ingenieure, drei Dozenten im Nebenamt und zwei Dozenten für Sport. Aufnahmegebühr 10 RM., 1. und 2. Semester je 60 RM, Nähere Bedingungen durch das Bauhaus-Sekretariat, Dessau (Anhalt).“

„Antworten“, Nr. 33, 14.8.1928, S. 266

Offenbar war der damalige Chefredakteur Carl von Ossietzky der Ansicht, dass unter den „Weltbühne“-Lesern potenzielle Bauhaus-Schüler zu finden seien.

Das dachte wohl auch das Bauhaus selbst. Denn am 28. April 1925 fand sich folgende Kleinanzeige in der Zeitschrift:

Leider sind die vollständigen Umschläge der „Weltbühne“ mit ihren Anzeigen nicht digitalisiert worden, so dass sich nicht ermitteln lässt, wie regelmäßig solche Anzeigen erschienen. Über deren Erfolg lässt sich nur spekulieren.

Eine erste Begegnung mit dem Bauhaus erfuhren die „Weltbühne“-Leser am 20. September 1923. Anlass für die umfangreiche Würdigung der ersten vier Jahre durch Behne war die erste Bauhaus-Ausstellung von August bis September 1923 in Weimar, eingeleitet durch eine „Bauhaus-Woche“. Behne war voll des Lobes für die Arbeit von Bauhaus-Gründer Walter Gropius:

„Diese Bauhausarbeit zu unterschätzen, wäre ungerecht, fragen wir, wo in Deutschland seit Kriegsende eine neu aufbauende, kühne und zähe, eine vorurteilslose und großgesinnte Arbeit im Gebiet der bildenden Künste geleistet wurde, so werden wir außer dem Weimarer Bauhaus nicht viel finden. (…) Es ist hier an vielen Dingen Kritik möglich, aber die große und entscheidende Leistung von Gropius zu verkennen, wäre unverantwortlich. Nicht das Weimarer Bauhaus, wie es ist, aber das Weimarer Bauhaus, daß es ist und arbeitet, hat Deutschlands künstlerische Ehre in schwierigster, aber auch wichtigster Zeit verteidigt. In einer Zeit allgemeinster künstlerischer Indolenz an allen offiziellen Stellen war das Bauhaus ein Platz unabhängiger Arbeit, und dafür muß ihm gedankt werden. (…) Wir wiederholen: die Leistung ist trotz starker Einwände wichtig und bedeutend. Und wenn es Gropius gelingt, zu einer strengsten Klarheit … nicht von den Richtungen und den Personen, sondern von der Sache her zu kommen, so wird das Bauhaus bei der Zähigkeit und der großen Gesinnung von Gropius eine unschätzbare Arbeit leisten.“

Adolf Behne: „Das Bauhaus Weimar“, Nr. 38, 20.9.1923, S. 289

Kritisch sah Behne beispielsweise die Entscheidung, ein Einfamilienhaus „in den Mittelpunkt der Ausstellung“ zu stellen.

„Es wäre besser gewesen, eine ganz bestimmte und begrenzte Aufgabe zu wählen, eine, die nicht von der Stellung zu vorausgehenden Problemen abhängig ist. Das Wohnhaus ist verknüpft mit Dienstbotenfragen, mit Erziehungsfragen, mit oekonomischen und sozialen Problemen.“

Ebd.

Eher kritisch befasste sich die Künstlerin Dora Wentscher im Februar 1924 mit dem Ausbildungskonzept des Bauhauses.

„Wer erzieht uns eine Jugend, die dieser mechanischen, entgotteten Zeit neue lebendige Kräfte löse? Das Bauhaus in Weimar bemüht sich und rühmt sich, das zu tun. Es wäre das Wichtigste, ja das einzig Wichtige, was jetzt auf der Erde zu geschehen hat. Sehr ungern setzt man ein großes Fragezeichen hinter solches Streben.“ Laut Wikipedia hatte Wentscher selbst im Jahr 1922 einen Studienplatz in Weimar erhalten, ihn wegen einer Erkrankung der Mutter aber nicht antreten können. Daher scheint nicht ganz klar, inwieweit sie die folgende Kritik aus eigener Anschauung heraus formuliert: „Man gibt in Weimar den jungen Leuten ein halbes Jahr lang aller Art Materialien in die Hände: Ton, Blech, Holz, Farben, Fäden, Papier, Eisen, Gewebe. Wie junge Wilde formen sie daraus, was der Geist ihnen eingibt. Man sucht ihren Sinn auf das Wesentliche und Lebendige zu richten. So spielend sollen sie allmählich finden, in welchem Material sie am leichtesten sich auszudrücken vermögen. Dann erst wählen sie ein Handwerk, und die Ausbildung beginnt.
Ein höchst lebendiger Gedanke, ein vorzüglicher Auftakt zu persönlicher Arbeit scheint diese Probezeit. Dennoch ist dem Bauhaus seine schöne Absicht, das Elementare aus der Seele herauf in der Hände Arbeit zu fördern, bisher nicht geglückt.
Woran liegt das?
Zunächst wohl an der ewigen Unzulänglichkeit aller Reformer, die an Stelle des gewollten Ursprünglichen nur das Neue und Sonderbare geben.“

Dora Wentscher: „Erziehung zu schöpferischem Leben“, Nr. 09, 28.2.1924, S. 269

Wentscher empfahl statt dessen das Konzept der von Albrecht Merz in Stuttgart gegründeten Werkschule für Kinder und Arbeiter. „Sie scheint Das zu können, was das Bauhaus will: pro­duktive Kräfte im Menschen befreien“, schrieb die Künstlerin.

Einer Auffassung, der Behne nur wenige Wochen später entschieden widersprach:

„Was Herr Merz in Stuttgart macht, ist, wenn er verstehen wird, sich vor falschem Ambitionen zu hüten, nett und lobenswert. Die Arbeiten seiner Kinder beweisen wieder einmal, daß die Kunstgewerbeschulen mit ganz wenigen Ausnahmen ein kulturelles Verbrechen begehen, und daß man sie abbauen soll (oder man mache das Lehramt an ihnen erblich und überlasse sie ihrem Schicksal). Aber man verstehe doch endlich, daß aus dem glücklichen Spiel des Kindes schlechterdings keine Brücke zur Gestaltung einer modernen Stadt führt. (…) Nicht das also ist die Aufgabe moderner Erziehung, das Kind zu konservieren, sondern es zur Reife zu entwickeln. Nur keine Sentimentalitäten! Das Problem, das sich das Bauhaus – hoffentlich immer klarer! – stellt, ist bei Herrn Merz vorläufig noch gar nicht berührt.“

Adolf Behne: „Hoffmann, Taut, Gropius, Merz“, Nr. 15, 10.4.1924, S. 471

Der nächste Text Behnes ist hochaktuell und verdient es, in voller Länge dokumentiert zu werden. In „Abbau der Kunst“ vom 13. Januar 1925 kommentierte Behne die Vertreibung des Bauhauses von Weimar nach Dessau als Versuch der „Reaktion“ gegen eine ihr ungenehme Kunstrichtung:

„Jedes Kunstwerk spiegelt in der Ordnung seiner Elemente die allgemeinen Ordnungsprinzipien seiner Zeit. Deshalb steht heute mit Notwendigkeit das abstrakte Bild und jede elementare künstlerische Gestaltung im Mittelpunkt eines erbitterten Kampfes, denn sie sind Prototypen einer allgemeingültigen Ordnung von betont sozialem Charakter. Deshalb gilt der abstrakten Kunst, dem Neo-Plastizismus, wie ihn Mondrian unerschüttert vertritt, der erbitterte Kampf aller am Kapitalismus Interessierten. Deshalb sieht das abstrakte Kunstwerk gegen sich in gemeinsamer Front Fascisten, Nationalisten und Demokraten.“

Adolf Behne: „Abbau der Kunst“, Nr. 02, 13.1.1925, S. 57

Vielleicht hätte die derzeitige Leiterin der Dessauer Bauhaus-Stiftung, Claudia Perren, den Artikel Behnes gelesen haben sollen, bevor sie in der Debatte um einen Auftritt der linken Punkband Feine Sahne Fischfilet erklären ließ: „Wir als Bauhaus sind ein bewusst unpolitischer Ort.“ Behne schrieb dem damaligen Bauhaus-Chef Gropius ins Stammbuch, der ebenfalls unpolitisch sein wollte:

„Alle politische Enthaltsamkeit hat dem Bauhaus nichts genützt. Und wie könnte es auch anders sein? Es ist Utopie, in einer politisierten Umwelt apolitisch sein zu wollen. Wer nicht aktiv politisch sein will, muß es passiv sein. Und wenn Politik ein Übel sein sollte, so ist passive Politik das größere. Das Schicksal des Bauhauses ist dafür Beweis. Es war schließlich nur noch ein Spielball zwischen den politischen Parteien, und es findet sein Ende nicht in einem offenen Kampf um künstlerische Prinzipien, wie es das als ein ehrenhaftes Ende gewiß für möglich gehalten hat, sondern Politiker treiben es aus politischen Gründen zur Selbst-Auflösung.“

Ebd.

Foto: Lelikron, Lizenz: CC-by-SA 3.0, Original bearbeitet

Diese Selbst-Auflösung hat es zum Glück nicht gegeben. An seinem neuen Standort in Dessau setzte das Bauhaus noch sieben Jahre seine Arbeit fort. Zunächst unter Gropius, von 1928 an dann unter dem Schweizer Hannes Meyer. Sehr angetan war der damals 22 Jahre alte Filmkritiker Arnheim von den neuen Bauhaus-Gebäuden.

„Der Wille zur Sauberkeit, Klarheit und Großzügigkeit hat hier einen Sieg errungen. Durch die großen Fenster kann man schon von außen den arbeitenden Menschen auf die Finger, den ruhenden in ihr Privatleben sehen. Jedes Ding zeigt seine Konstruktion, keine Schraube ist versteckt, keine schmückende Ziselierkunst verheimlicht, welches Rohmaterial da verarbeitet worden ist. Man ist sehr versucht, diese Ehrlichkeit auch moralisch zu werten.“ In seiner weiteren Beschreibung zeigt sich schon der Einfluss der Psychologie auf den jungen Arnheim: „Während in einem Zimmer, das von schiefen Portieren durchkreuzt ist, in dem ein Sofa über Eck steht und zehn verschieden große, vollbeladene Tischchen wahllos aufgebaut sind, kaum irgendein Zwang dafür besteht, wie eine neue Stehlampe gestellt werden muß, läßt sich in einem solchen Bauhausraum der Platz jedes Dinges beinahe gesetzlich festlegen. Man wird bald auch theoretisch begreifen lernen, daß es sich hier gar nicht um subjektive Geschmacksdinge handelt, sondern daß so ein ‚Gefühl‘ ein sehr sichres und allgemeingültiges psychologisches Phänomen ist, das bei den verschiedenen Menschen zu sehr ähnlichen Resultaten führt. Deshalb kann man selbst bei diesen Aufgaben von ’sachlich zwingenden Lösungen‘ sprechen.“

Rudolf Arnheim: „Das Bauhaus in Dessau“, Nr. 23, 7.6.1927, S. 920

Der Wechsel von Gropius zu Meyer wurde in der „Weltbühne“ nur am Rande erwähnt. „Das Bauhaus konnte sich den Abgang von Gropius leisten, es besteht schließlich kaum erst zehn Jahre, man kann noch gespannt sein, was es nun macht“, schrieb ein Florian am 20. März 1928 in einem Artikel über die Freie Schule Wickersdorf.

Ein Hinweis über eine stärkere Politisierung des Bauhauses zeigt sich in einem kurzen Hinweis in den „Antworten“ vom 24. Dezember 1929: „Bauhaus Dessau. Ihr sucht Verbindung mit jungen und jüngsten Bühnendichtern extremer Haltung; erwünscht sind vor allem Sketchs, kurze Stücke, Szenerien, die sich für Eure Theaterexperimente eignen.“

Gerade die Erwähnungen in den Jahren 1929 und 1930 zeigen, dass das Bauhaus schon als Topos in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen war. So schrieb Kurt Tucholsky im August 1929 in dem Vorwort zu einem Fotoband:

„Gegenüber – auf dem Blatt 52 von Hinnrich Scheper – schwimmt die neue Zeit; selbstverständlich Bauhaus Dessau, eine zweidimensionale Frau … Frau: Platz; Stil: Sieg.“

Peter Panter: „Neues Licht“, Nr. 35, 27.8.1929, S. 323

Arnheim schrieb im Januar 1930 in einer Filmkritik:

„Unsre Manuskriptautoren pflegen ja ihre Werke aus Steinchen zusammenzusetzen, die ein für allemal fest- und zurechtgelegt sind: ein junger ungarischer Offizier, ein Eisenbahnunfall, die Bauhausmöbel im Privatkontor, ein kleines Ladenmädel, ein Porträtmaler, ein Staatsanwalt im Smoking, eine Kaschemme … und daraus zimmern sie sich immer neue Kombinationen.“

Rudolf Arnheim: „Garbo und Feyder“, Nr. 03, 14.1.1930, S. 102

Der Schriftsteller Walter Mehring witzelte im Juli 1930 in seinem satirischen „Aufruf zur Gründung der Neuen Kaiser-Partei (N.K.P.)“:

„Unsre Regierungen gleichen den Bauhausfabrikaten: man weiß nicht, was oben und was unten ist; wo man den parlamentarischen Sitz vermutet, ist der Artikel 48 angebracht; und eh man sich dessen bedient, greift man schon lieber zum alten Plüsch.“

Walter Mehring: „Aufruf zur Gründung der Neuen Kaiser-Partei (N.K.P.)“, Nr. 31, 29.7.1930, S. 160

Allerdings wurde um das Jahr 1930 die Kritik am Bauhaus in der „Weltbühne“ deutlich schärfer. Den Anfang machte der ungarische Schriftsteller und Kunstkritiker Kállai, der zuvor unter Hannes Meyer die Zeitschrift „bauhaus“ geleitet hatte. In seinem Artikel zum zehnjährigen Bestehen des Bauhauses machte er sich über die Rezeption der Kunstschule in der Weimarer Republik lustig:

„Heute weiß jeder Bescheid. Wohnungen mit viel Glas- und Metallglanz: Bauhausstil. Desgleichen mit Wohnhygiene ohne Wohnstimmung: Bauhausstil. Stahlrohrsesselgerippe: Bauhausstil. Lampe mit vernickeltem Gestell und Mattglasplatte als Schirm: Bauhausstil. Gewürfelte Tapeten: Bauhausstil. Kein Bild an der Wand: Bauhausstil. Bild an der Wand, aber was soll es bedeuten: Bauhausstil. Drucksache mit fetten Balken und Grotesklettern: Bauhausstil, alles kleingeschrieben: bauhausstil. ALLES GROSSGESPROCHEN: BAUHAUSSTIL.

Ernst Kállai: „Zehn Jahre Bauhaus“, Nr. 04, 21.1.1930, S. 135

Doch für diese Beliebigkeit des Bauhausstils machte Kállai die Bauhäusler selbst verantwortlich.

„Gropius und seine Mitarbeiter sind selbst schuld daran, daß dem Bauhaus ein wahrer Rattenschwanz von mehr oder minder üblen Kunstgewerblereien anhängt, die alle als Bauhausstil präsentiert werden. Wo hört der echte Bauhausstil auf, wo fängt der falsche an? Das Bauhaus hat ein schöngeistiges A gesagt und muß sich nun gefallen lassen, daß andre das B und alles Weitere dazufügen bis an ein scheußliches Ende.“

Ebd.

Kállai warf dem Bauhaus vor, die Möglichkeiten der modernen Bautechnik nicht wirklich zu nutzen, um beispielsweise die Wohnungsnot zu lindern:

„Es genügt nicht, zwar industrietechnische Massenherstellung zu forcieren, aber dabei im Entwurf ein, wenn auch schematisch reduziertes so doch ästhetizistisch-eigenwilliges Künstlertum über den Ingenieur siegen zu lassen.“

Ebd.

Auch Meyer habe das nach dem Weggang von Gropius und Moholy-Nagy nicht ändern können. Kallai schrieb:

„Doch so viel richtige Einsicht und guten Willen er auch zeigen mochte, zu durchgreifenden Änderungen hat er offenbar weder Sicherheit noch Kraft und Konsequenz genug. Seine Korrekturen sind bis heute Stückwerk geblieben und komplizieren die Lage nur, weil sie an das in Lehrkörper, Geist und Praxis immer noch vorherrschende Erbe des früheren Leiters stoßen, ohne es überwinden zu können.“

Ebd.

Noch schärfer ging der Kunsthistoriker Ferdinand Eckhardt ein Jahr später mit dem Bauhaus ins Gericht. Anlässlich der Deutschen Bauaustellung von 1931 in Berlin warf er dem neuen Bauhausleiter Ludwig Mies van der Rohe vor, sich mit seinen Ausstellungsmodellen nicht am wirklichen Bedarf der Zeit orientiert zu haben. Anstatt günstige Mietwohnungstypen zu präsentieren, habe man

„extravagante Luxuswohnungen in den Mittelpunkt desjenigen Saals gestellt, dem die größte pädagogische Bedeutung zukommt, weil er als einziger den Besucher nicht vor nichtssagende Tabellen oder vor unfertige und zusammenhanglose Waren stellt sondern vor wirkliche Räume und Häuser. Glaubt Mies van der Rohe, den wir bisher doch als einen bedeutenden Architekten schätzten, mit seinem Erdgeschoßwohnhaus, das er unmittelbar daneben von seiner Mitarbeiterin L. Reich wiederholen läßt, einen Zukunftstyp geschaffen zu haben, indem er an den brennendsten Fragen der Gegenwart vorübergeht? Wir brauchen heute keine Ausstellung der Wohnung des Menschen, der zuviel Geld hat.“

Ferdinand Eckhardt: „Epilog zur Bauhausausstellung“, Nr. 31, 4.8.1931, S. 194

Dadurch habe die Ausstellung ihre „große pädagogische Aufgabe“ verfehlt. „Es ist fast erschreckend zusehen, wieviele Menschen täglich dorthin kamen, um sich belehren zu lassen, und wie sie kopfschüttelnd herumirrten. Ist wirklich, wie wir immer geglaubt haben, die Architektur die fahrende Kunst unsrer Zeit? Und wo ist die Werktreue und Sachlichkeit, von der wir so schönes in den Büchern lesen?“, fragte Eckhardt.

Bekanntlich geriet das Bauhaus auch nach der Ablösung des „roten Direktors“ Meyer durch Mies van der Rohe nicht in ruhigeres Fahrwasser. Nach ihrem Wahlsieg in Dessau wollten die Nationalsozialisten eine Schließung des Bauhauses durchsetzen. Der frühere Bauhaus-Student Ernst Blumenthal rechnete aus diesem Anlass im Juli 1932 mit Mies van der Rohe ab. Unter der Leitung dieses „Kommunistenreinigers“ habe eine „folgerichtige Entwicklung zum Fascismus“ eingesetzt. Um nicht auf die Stimmen der Kommunisten im Dessauer Gemeinderat angewiesen zu sein, habe Mies van der Rohe gehofft,

„daß Gruppen, wie etwa die Wirtschaftspartei, für die Erhaltung des Hauses zu bewegen sein würden, wenn es mit eisernem Besen von allem gesäubert würde, was im Verdacht stand, kommunistisch zu sein. Man zog, weil man die wirklichen Gründe nicht offen bekanntgeben konnte, alle mögliche Anschuldigungen an den Haaren herbei, um gegen die als revolutionär bekannten Studierenden vorzugehen“.

Ernst Blumenthal: „Das Schicksal des Bauhauses“, Nr. 28, 12.7.1932, S. 86

So seien 16 Studenten entlassen worden, weil sie eine Einschränkung ihrer Rechte nicht hätten hinnehmen wollen. Blumenthal kam zu dem Schluss:

„Keiner der beteiligten Meister, weder Mies, noch Kandinsky, noch Albers, ist offener Fascist. Indem sie aber dem fascistischen Druck weichen und das Haus den Erfordernissen des Dritten Reiches anpassen, unterstützen sie in Wirklichkeit den Fascismus.“

Ebd.

Die Strategie blieb jedoch erfolglos. In ihrer „Wochenschau des Rückschritts“ hielt die „Weltbühne“ am 26. Juli 1932 fest:

„Im dessauer Gemeinderat hat nunmehr die Nazifraktion einen Antrag auf Schließung des Bauhauses zum 1. Oktober eingebracht. Der Antrag wird vermutlich mit den Stimmen der bürgerlichen Stadtverordneten angenommen werden.“

„Wochenschau des Rückschritts“, Nr. 30, 26.7.1932, S. 141

Wenige Wochen später schrieb Walter Mehring in seinem Artikel „Rückkehr zur Lebensfreude“ einen Satz, der von seiner Aktualität nichts eingebüßt zu haben scheint:

„Mehr und mehr bin ich davon überzeugt, daß die Aufgaben, die einst der augenblicklich jüngsten, spätestens aber der folgenden Generation zufallen werden, nicht so sehr in der Übertrumpfung unsrer Wirtschafts- und Schnelligkeitsrekorde als in der Wiedereroberung der persönlichen Freiheit bestehen werden.“

Walter Mehring: „Rückkehr zur Lebensfreude“, Nr. 33, 16.8.1932, S. 234

Mit Blick auf die Ereignisse in Dessau konstatierte er Mitte August 1932:

„Wie gefährlich die Unterschätzung der kritischen Vernunft, ja auch der Ästhetik war, lehrt jetzt der ‚Aufbauwille‘ der Gegenseite: Niederreißung des Dessauer Bauhauses, Ausschluß aller des Kulturbolschewismus, das heißt: des Denkens Verdächtigen, also – durch Verfolgung – negative Anerkennung vieler Linkskräfte, die bureaukratischer Parteihader dem eignen Lager entfremdet hatte.“

Ebd.

Zwei Wochen später hieß es in der „Wochenschau des Rückschritts“:

„Der Gemeinderat von Dessau hat den nationalsozialistischen Antrag auf Schließung des Bauhauses zum 1. Oktober angenommen.“

„Wochenschau des Rückschritts“, Nr. 35, 30.8.1932, S. 329

Doch schon eine Woche stellte der Architekturkritiker Werner Hegemann eine gewisse Reue in der konservativen Presse über die Schließung der Schule fest. „Nicht eine politsche Partei hat gesiegt sondern Kurzsichtigkeit, eine Eigenschaft jener Geister, die in politisch noch nicht geformten Zeiten sich gern als Regierende aufspielen“, zitiert er aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung (DAZ). Zwar macht sich Hegemann in dem Text über Hitlers Buch „Mein Kampf“ lustig, „in deren Kloake er alle Lesefrüchte zusammenpanschte, die er halbverdaut wieder von sich geben musste“. Doch hielt er es am Ende für möglich, dass die Nationalsozialisten ebenso wie die Faschisten in Italien und die katholische Kirche für einen modernistischen Baustil entscheiden könnten.

„Wenn Hitler sich sein Präsidenten-Palais in Berlin errichten läßt, wird es sicher von Mies van der Rohe im dessauer Bauhausstil gebaut werden. Vorausgesetzt, daß man ihm ungestört die gesamte politische Macht einräumt, wird Adolf wie Mussolini und Friedrich der Große Geistesfreiheit gewähren.“

Werner Hegemann: „Nazi-Reue über Dessau“, Nr. 36, 6.9.1932, S. 369

Das war eine eklatante Fehleinschätzung, wie sich wenige Monate später herausstellen sollte. Aber schon vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 erklärte die „Weltbühne“ das Bauhaus für gescheitert. „Aus dem Bauhaus Dessau ist nunmehr ein ‚Unternehmen‘ des Herrn Mies van der Rohe geworden, das zwar aus spekulativen Gründen den Namen Bauhaus führt, von dem Geist dieser Schule aber nichts mehr spüren läßt. Das einzige Recht, das den Studierenden an dieser einstmals freien Schule geblieben ist, besteht darin, daß sie jährlich 300 bis 600 Mark an das Institut abzuführen haben“, schrieb Walther Karsch, der spätere Mitbegründer des Berliner Tagesspiegels. Sein abschließendes Urteil:

„Das Bauhaus galt bisher als die fortschrittlichste Kunstschule der Welt. Das Bauhaus ist tot. Der größte Teil, der Kunstschulen in Deutschland ist heute bereits fortschrittlicher als das Unternehmen Mies van der Rohes in Steglitz.“

„Antworten“, Nr. 51, 20.12.1932, S. 923

Doch damit war für die „Weltbühne“ das Kapitel Bauhaus noch nicht abgeschlossen. Die letzte Erwähnung der Kunstschule findet sich im vorletzten Text Behnes mit dem Titel „Wie werde ich deutsch und lebendig?“. In dem Text vom 17. Januar 1933 geht es um drei Ausstellungen, die die Kunstsammler Grete Ring, Paul Cassirer und Alfred Flechtheim von Dezember 1932 bis Februar 1933 in Berlin organisierten. Behle lobte darin:

„Die erste Abteilung haben sie jetzt mit Baumeister, Belling, Campendonck, Dix, Feininger, Fiori, Garbe, Grosz, Kandinsky, Kirchner, Klee, Levy, Nauen, Purrmann, Röder, Schlemmer, Sintenis und E. R. Weiß eröffnet. Es ist eine durchaus sehenswerte Ausstellung geworden, in der Schlemmers blendende ‚Bauhaustreppe‘ den Ehrenplatz hat.“

Adolf Behne: „Wie werde ich lebendig und deutsch?“, Nr. 03, 17.1.1933, S. 104

Ein durchaus passender Abschluss der kritischen Begleitung des Bauhauses durch die „Weltbühne“. Denn Oskar Schlemmer hat sein berühmtes Gemälde als Protest gegen die Schließung des Bauhauses in Dessau gemalt.

Nun ereilte die Zeitschrift selbst dieses Schicksal. Im März 1933 hätte sie sich selbst in die „Wochenschau des Rückschritts“ eintragen müssen.

24.12.2018

Der Fall Relotius und der Journalismus

Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel und viele andere deutschsprachige Medien sind einem Betrüger aufgesessen. Nach dem, was in den vergangenen Tagen bekannt wurde, hat ein gewisser Claas Relotius viele seine Texte ebenso gefälscht wie Konrad Kujau 40 Jahre zuvor die Hitler-Tagebücher. Der Stern brüstete sich damals damit, dass die Geschichte umgeschrieben werden müsse. Relotius hat mit seinen Texten ebenfalls versucht, die Geschichte ein bisschen umzuschreiben. Sind nun der Spiegel im speziellen, der deutschsprachige Journalismus im allgemeinen und die Form der Reportage in der Krise?

Diesen Fall zu einer Krise des gesamten Journalismus hoch zu schreiben, ist völlig überzogen. Das wäre genauso, als würde man wegen des jahrelangen Erfolgs des Hochstaplers Gert Postel das Gesundheitssystem als solches in Frage stellen. Die bislang bekanntgewordenen Vorwürfe gegen Relotius sprechen dafür, dass bei ihm viel kriminelle Energie im Spiel war, um seine Betrügereien zu vertuschen. Dass er offenbar arglose Leser dazu brachte, ihm Spendengeld für syrische Waisenkinder zu überweisen, zeigt eine Skrupellosigkeit, die über den Journalismus hinausreicht.

Zudem war Relotius anders als Postel kein Hochstapler, wie nun oft zu lesen ist (und von Postel ebenfalls bestritten wird). Relotius hat keine Qualifikationen oder Titel vorgetäuscht, um seinen Redakteursposten beim Spiegel zu ergattern. Journalist kann sich jeder nennen, der für journalistische Medien arbeitet. Er soll tatsächlich Journalismus an der Hamburg Media School studiert haben. Seine vielen Reporterpreise hat er sich ebenfalls nicht ausgedacht. Ebenso wie der Plagiator Karl-Theodor zu Guttenberg ordentlich promoviert wurde, erhielt Relotius die Preise für tatsächlich veröffentlichte Artikel. Doch etliche seiner journalistischen Preziosen waren nur vergoldetes Blech statt echtes Edelmetall.

Zugegeben: Journalisten sind wie die Angehörigen aller anderen Berufsgruppen nicht fehlerfrei. Darüber hinaus sind viele ihrer Texte tendenziös und nehmen es mit der Wahrheit bisweilen nicht so genau. Das Bildblog oder Uebermedien.de verschaffen einem täglich einen ernüchternden Überblick darüber. Doch wer in der aktuellen Boomphase ein Haus gebaut hat, kann ein Lied davon singen, wie viel in anderen Branchen schief läuft. Zudem hat der jahrelange Sparzwang dazu geführt, dass die Arbeitsbedingungen für Journalisten deutlich schlechter geworden sind.

Geradezu paradiesische Zustände scheinen hingegen noch beim Spiegel zu herrschen. Welches Medium ist sonst noch in der Lage, einen Reporter 38 Tage lang in eine US-amerikanische Kleinstadt zu schicken, um etwas über die Menschen herauszufinden, die 2016 Donald Trump gewählt haben? Das Erschreckende an dem Fall: Relotius scheint sich für die dortigen Bewohner gar nicht interessiert zu haben. Die Geschichte, die er schreiben wollte, ließ sich nicht mit der Realität in Übereinstimmung bringen. „Der Plan geht schief, und solche Dinge passieren im Journalismus dauernd. Relotius findet keine Protagonisten, mit denen er etwas anfangen kann“, erläuterte Ullrich Fichtner die Probleme im ersten Enthüllungsbericht über den Fall.

Das ist in mehrfacher Hinsicht entlarvend. Unter einem Protagonisten wird laut Wikipedia „in Literatur und Film die Hauptfigur, der Held eines Romans, einer Erzählung oder eines anderen literarischen oder filmischen Werkes verstanden oder ganz allgemein die Hauptrolle in einer Handlung oder Handlungsreihe“. Obwohl die Newsstories oder Reportagen des Spiegel keine Fiktion sind (oder sein sollen), brauchen sie ebenfalls solche „Protagonisten“, die im Text immer wieder auftauchen und ihn damit auch strukturieren. An diesem Dogma kommt kein Spiegel-Autor vorbei. Ebenso wenig wie am „szenischen Einstieg“ und der Vorgabe, beim Ausstieg den Artikelanfang mit einer Pointe wieder aufzugreifen. Doch Relotius fand keinen Protagonisten, „mit denen er etwas anfangen kann“. Die also seine These von den hinterwäldlerischen Trump-Wählern exemplarisch bestätigen konnten.

Das Schlimme daran: Gerade die Tatsache, dass es solche Klischee-Wähler nicht gibt, hätte die Möglichkeit gegeben, dem Phänomen genauer auf den Grund zu gehen. Diese Geschichte wäre wirklich interessant und lesenwert gewesen. Im Gegensatz zum erfundenen Verriss von Fergus Falls. Dass dies weder von Relotius noch vom Spiegel offenbar so erkannt wurde, ist in der Tat sehr bedenklich. Wenn die Form dem Inhalt vorgeht, das Geschichten-Erzählen wichtiger als die Geschichte, begünstigt dies solche Fehlentwicklungen. Aber bei Relotius ist sogar vorstellbar, dass selbst das Lamento erfunden war. Dann erscheint es am Ende umso lobenswerter, dass er durchgehalten und doch noch einen „schönen“ Text zustande gebracht hat.

Dass die Reportage ein anspruchsvolles Genre ist, wusste schon Kurt Tucholsky. „Reportage ist eine sehr ernste, sehr schwierige, ungemein anstrengende Arbeit, die einen ganzen Kerl erfordert“, schrieb er 1925 in einer kurzen Rezension von Egon Erwin Kischs Sammelband „Der rasende Reporter“. Die Formulierung „ein ganzer Kerl“ wird inzwischen eher mit Hundefutter-Werbung verbunden. Aber was damit gemeint ist, trifft immer noch zu: Ein Reporter muss sich etwas trauen, nahe an Menschen und Situationen ran gehen, die bisweilen auch gefährlich sein können.

Vor allem muss er seiner eigenen Wahrnehmung und seinem eigenen Gespür trauen. Im Zweifel muss er derjenige sein, der erkennt, dass der Kaiser in Wahrheit nackt ist. Wer von seiner Redaktion in die USA geschickt wird, um hinterwäldlerische Trump-Wähler zu finden, kann sich als Versager fühlen, wenn er sie nicht findet. Oder er muss den Mut haben, zu der Erkenntnis zu stehen, dass Menschen Trump gewählt haben, obwohl sie eigentlich ganz nett sind. Schade, dass ein Spiegel-Autor wie Alexander Osang nicht nach Minnesota gefahren ist.

Noch besser wäre es aber, wenn die Redaktionen genug Geld hätten, um Reporter dauerhaft in den Weltregionen einsetzen zu können. Nach Ansicht von Weltbühne-Begründer Jacobsohn hätte der Erste Weltkrieg vielleicht verhindert werden können, wenn die Deutschen vor dem Krieg besser über die Entwicklungen im Ausland unterrichtet worden wären. Auch Tucholsky forderte Mitte der 1920er Jahre eine angemessene Ausstattung der deutschen Auslandskorrespondenten. „Denn man versteht Politik eben nicht, wenn man sich damit begnügt, den Meinungskompost von zwanzig Zeitungen auszuschreiben. Dieser Kram interessiert die Fachleute, ist eng begrenzt und in keiner Hinsicht für das ganze Land so maßgebend, wie es der Fettdruck vorgibt“, heißt es im Artikel „Auslandskorrespondenten“.

Einfacher und günstiger ist es hingegen. seine „Starreporter“ mal für ein paar Tage oder Wochen in die „Krisenregionen“ zu schicken. Dort fehlen ihnen oft das Hintergrundwissen oder die Sprachkenntnisse, um fundierte und authentische Texte zu schreiben. „Sie kommen sich so wirklichkeitsnah vor, die Affen – und dabei haben sie nichts reportiert, wenn sie nach Hause kommen. Nur ein paar Notizen, die sie auswalzen. Reportahsche … Reportahsche …“, kritisierte Tucholsky 1931 in dem Text „Die Reportahsche“. Peinlich für den Spiegel, dass nun USA-Korrespondent Christoph Scheuermann nach Fergus Falls reisen musste, um Abbitte zu leisten und den Scherbenhaufen zusammenzukehren, den Relotius mit seinem Text angerichtet hatte.

Dabei scheint sich der ganze Aufwand ohnehin publizistisch gar nicht zu lohnen. Auch dem Autor dieser Zeilen erging es wie etlichen anderen Journalistenkollegen, denen der Name des betrügerischen Autors vorher nie aufgefallen war. Nicht obwohl, sondern eher weil er so viele Journalistenpreise abgesahnt hatte. Solche Texte sind inhaltlich und formal so erwartbar und langweilig wie eine Zehn-Zeilen-Agenturmeldung. Man liest die Überschrift und den Teaser und blättert im Café oder in der Kantine weiter. Die Geschichten sind „totaler Zeitgeist“, sagte dessen Spiegel-Kollege Juan Moreno, der den Fall am Ende aufgedeckt hat. Wozu das lesen?

Ein Problem des Spiegel und anderer „Qualitätsmedien“ besteht darin: Weil sie ihren Journalisten so viele Freiheiten und Recherchemöglichkeiten bieten, steigt der Erwartungsdruck an die Autoren, Journalistenpreise einzuheimsen. Wenn diese Indiskretion an dieser Stelle erlaubt sein darf: Es war vor einigen Jahren traurig mit anzusehen, wie Spiegel-Redakteure bisweilen ihre Texte für den Kurt Tucholsky-Preis für literarische Publizistik andienten. Wie der verzweifelte Versuch, wenigstens irgendeine journalistische Auszeichnung für seine Arbeit zu bekommen. Als wäre der eigene Journalismus nichts wert, wenn er nicht einen der 500 Preise in Deutschland erhielte.

Dabei ist die Verleihung des Tucholsky-Preises schon seit Jahren zu einer Farce verkommen, für die sich zu recht kein Mensch mehr außerhalb der Tucholsky-Gesellschaft interessiert. Das gilt wohl für fast alle anderen Journalistenpreise. Beim Tucholsky-Preis kommt noch hinzu, dass selbst der Namensgeber diesen wohl nicht gut finden würde. Wie antwortete Tucholsky 1931 auf die Frage der Zeitschrift Pologne Littéraire, ob er einen Literaturpreis des damaligen Völkerbundes befürworten würde: „Je me permets de vous faire savoir que je suis par principe un adversaire de tout prix littéraire.“ („Ich erlaube mir Ihnen mitzuteilen, dass ich aus Prinzip ein Gegner aller Literaturpreise bin.“) Diese Einschätzung dürfte sicherlich auch für einen Preis für literarische Publizistik gelten.

Die Preisgeber würden daher besser daran tun, beispielsweise Recherchestipendien zu finanzieren. Diese könnten auch von Medien in Anspruch genommen werden, die normalerweise nicht die finanziellen Ressourcen haben, um ihre Mitarbeiter wochen- und monatelang an einem Thema arbeiten zu lassen.

Der Fall Relotius ist daher ein krasser Einzelfall, der durch bestimmte Strukturen beim Spiegel durchaus begünstigt wurde. So verhinderte die Größe des Verlages beispielsweise, dass verschiedene Verdachtsmomente überhaupt die zuständigen Personen erreichten. Zudem schien Relotius alle Erwartungen, die die Redaktion an einen Reporter haben konnte, geradezu im Übermaß zu erfüllen. Das machte ihn fast unangreifbar, wie Moreno am eigenen Leib erfahren musste. Und natürlich zieht ein solch großes Medium einen Betrüger eher an als eine kleine Lokalzeitung, bei der nicht viel zu herauszuholen ist. Dort wäre ein erfundenes Interview mit dem Bürgermeister eher aufgeflogen als ein Interview mit der letzten Überlebenden der Weißen Rose in den USA.

Relotius als Beleg für eine angebliche „Lügenpresse“ zu nehmen, ist daher infam. Dieser Vorwurf kommt selbstverständlich von solchen Menschen, die mit demselben Brustton der Überzeugung behaupten, alle Medien seien gleichgeschaltet und bekämen ihre Anweisungen direkt von Angela Merkel oder George Soros. Wer den Medien ohnehin nichts glauben möchte, sieht sich durch den Fall in seinem kruden Weltbild bestätigt.

Die wirklichen Probleme vieler Medien sind hingegen durch starke Einnahmenverluste wegen rückläufiger Werbeeinnahmen und Auflagenverluste begründet. Die Folgen sind ein zunehmender Stellenabbau und der Verlust der publizistischen Vielfalt durch eine starke Zusammenlegung der überregionalen Mantelseiten. Bei den Auslandskorrespondenten hat sich die Situation seit Jahren verschlechtert. Im vergangenen Sommer/Herbst traf es viele Korrespondenten der Verlagsgruppe Madsack. Es ist leider zu befürchten, dass die Lehren aus dem Fall Relotius nicht dazu führen werden, diese Probleme zu beheben.

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