1.1.2004

Festprogramm zur berliner Season

  1. »Haus der Nationen«, Weinabteilung, allabendlich 21 und 23 Uhr: Auf- und Abziehen eines Reichstagsgewitters; an der Windmaschine: Georg Bernhard. Lachabteilung: Schuhplattler zu Ehren des 60. Geburtstags seiner königlichen Hoheit des Prinzen Rupprecht von Bayern, Damen: Bäumer, v. Oheimb; Herren: Breitscheid, Bronnen; Arizona-Bar, 22 Uhr: Reichsbankpräsident Schacht kreiert das französische Champagnerlied Extra dry, anschließend internationaler Beifall.
  2. Straßenkampfmanöver der Schutzpolizei zwischen Wittenplatz und Halensee unter Mitwirkung des Schupo-Sinfonie-Orchesters (Beethoven: »Lied an die Freude«), Dachschützen: Paul Morgan und Kurt Robitschek; Führer der Hundertschaft: Fritz Kortner und Hans Albers. Gleichzeitig besichtigen die Mitglieder der mailänder Scala die berliner Scala und äußern sich höchst befriedigt darüber; Hin- und Rücktransport der Künstler im geschlossenen Auto, um anlässlich der Kurfürstendamm-Manöver unliebsame Verwechslungen mit einheimischen Fremdstämmigen zu vermeiden.
  3. Prof. Einstein legt auf dem Bauplatz am Bahnhof Friedrichstraße eigenhändig den Grundstein zu dem ihm vom Magistrat als Ehrengeschenk überwiesenen Hochhaus, anschließend Lustfahrt zum berliner Wohnungsamt zwecks Überreichung eines weißen Scheins.
  4. Vorfeier zum siebzigsten Geburtstag von Gerhart Hauptmann. Ansprache Leopold Jessner auf der erstmalig rollenden, kontraktlich neumontierten Freitreppe des Staatstheaters: »Hat Doktor Gerhart Hauptmann gelebt?«
  5. Eröffnung der Großen berliner Kunstausstellung im Funkturmrestaurant; im Fahrstuhl: Max Liebermann mit seinem Originalgemälde: Der Reichspräsident in Stahlhelmuniform vor schwarzrotgoldnem Grunde, von 21.30 bis 24.15 Scheinwerferbeleuchtung; anschließend Besichtigung der Rundfunkzensur unter sachverständiger Führung. Jeder Teilnehmer zahlt 5000 Mark Konventionalstrafe.
  6. Vortrag des Herrn Oberbürgermeisters Böß: »Warum ich noch immer Bürgermeister bin.« Mit Lichtbildern.
  7. Feierliche Aufstellung der Berolina in der Redaktion des Acht-Uhr-Abendblatts, vierte Etage, erste Tür links.
  8. Auf den vereinigten rotweiß-blauweißen Tennisplätzen des Klubs Lilaweiß, mittags 3–4: Schauohrfeigen zwischen Frau von Reznicek und Frau Außem.
  9. Fremde, die kein Hotelzimmer gefunden haben, erhalten Freischlafplätze in der Volksbühne am Bülowplatz. Polizeiliches Geleit.
  10. Käses Rundfahrten durch die Stadt für angelsächsische Festspielbesucher. Am Megaphon: Arnold Zweig und Lion Feuchtwanger.
  11. Überführung des Karl-May-Museums aus Radebeul in die Galerie Flechtheim.
  12. Propagandatag für das pommersche Frischei.
  13. Allabendlich 22 Uhr, Fernbahnhof Friedrichstraße: Flucht eines Berliner Notars mit oder ohne Familie. Im Falle einer Behinderung springt ein Bankier ein.
  14. Abschließend: Dankgottesdienst der Reichswehr am Pergamonaltar.

Old Shatterhand

In: Die Weltbühne, 21. Mai 1929

Eine Rede ist keine Rede
oder:
Wat macht denn nu eijentlich Else Müller?

»Na, man hört ja so allerlei und denkt sich dann sein Teil. Ich will ja nischt gesagt haben, aber unsereins hat ja schließlich auch seine Augen im Kopp. Wissen Se, ich hab mir mein ganzes Leben kein X vorn U machen lassen, und uff meine alten Tahre werd ich damit ooch nich mehr anfangen. Aber wie jesacht, ick will ja nischt gesacht haben, aber ’n bisken Selbstachtung hat ja ein jeder von uns, da hab ich doch recht, Frau Meyer, nich wahr? Wir wohnen doch nu schon fuffssehn ein halbet Jahr visavieß mit Müllers, und da kriggt man ja allerhand zu sehen. Aba man äußert sich doch nich dazu, man hat ja schließlich auch seine Bildung, und wissen Se, wenn ick auch einen fuffsehn Jahre in die Fenster kieke, ich kiek auch imma wieder raus. Un nu voriget Jahr im Sommer, als det ganze Vorderhaus verreist war, na, ick meine um jeden einzelnen Mieta kann man sich doch nich kimmern, nich wa? da geh ich grade mit Lottchen iebern Hoff zum Verwalta, na, un wat ick jesehn habe, det habe ich jesehn, und det redt mir ooch keiner wieder aus. Wenn ick ooch ne Brille trage, blind bin ick deswegen noch lange nich, det solln sich man alle jesacht sein lassen. Ick meine man is ja ooch mal jung gewesen un ick hab mir imma mein Herz vor die Jugend bewahrt aba wat zu vill is is zu vill ick kann Ihnen nur eins saren sowat find ich unanständich einfach unanständich aber wat ick weeß weeß ick un for dumm laß ich mer nun ooch nich koofen det stößt nämlich jejen meine Selbstachtung!
Übrijens will ick nischt jesacht ham…«

Old Shatterhand

In: Die Weltbühne, 22. März 1927, S. 477

Was darf die Satire?

Frau Vockerat: „Aber man muß doch
seine Freude haben können an der
Kunst.“
Johannes: „Man kann viel mehr haben
an der Kunst als seine Freude.“
Gerhart Hauptmann

Wenn einer bei uns einen guten politischen Witz macht, dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel.

Satire scheint eine durchaus negative Sache. Sie sagt: „Nein!“ Eine Satire, die zur Zeichnung einer Kriegsanleihe auffordert, ist keine. Die Satire beißt, lacht, pfeift und trommelt die große, bunte Landsknechtstrommel gegen alles, was stockt und träge ist.

Satire ist eine durchaus positive Sache. Nirgends verrät sich der Charakterlose schneller als hier, nirgends zeigt sich fixer, was ein gewissenloser Hanswurst ist, einer, der heute den angreift und morgen den.

Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an.

Die Satire eines charaktervollen Künstlers, der um des Guten willen kämpft, verdient also nicht diese bürgerliche Nichtachtung und das empörte Fauchen, mit dem hierzulande diese Kunst abgetan wird.

Vor allem macht der Deutsche einen Fehler: er verwechselt das Dargestellte mit dem Darstellenden. Wenn ich die Folgen der Trunksucht aufzeigen will, also dieses Laster bekämpfe, so kann ich das nicht mit frommen Bibelsprüchen, sondern ich werde es am wirksamsten durch die packende Darstellung eines Mannes tun, der hoffnungslos betrunken ist. Ich hebe den Vorhang auf, der schonend über die Fäulnis gebreitet war, und sage: „Seht!“ – In Deutschland nennt man dergleichen ›Kraßheit‹. Aber Trunksucht ist ein böses Ding, sie schädigt das Volk, und nur schonungslose Wahrheit kann da helfen. Und so ist das damals mit dem Weberelend gewesen, und mit der Prostitution ist es noch heute so.

Der Einfluß Krähwinkels hat die deutsche Satire in ihren so dürftigen Grenzen gehalten. Große Themen scheiden nahezu völlig aus. Der einzige ›Simplicissimus‹ hat damals, als er noch die große, rote Bulldogge rechtens im Wappen führte, an all die deutschen Heiligtümer zu rühren gewagt: an den prügelnden Unteroffizier, an den stockfleckigen Bürokraten, an den Rohrstockpauker und an das Straßenmädchen, an den fettherzigen Unternehmer und an den näselnden Offizier. Nun kann man gewiß über all diese Themen denken wie man mag, und es ist jedem unbenommen, einen Angriff für ungerechtfertigt und einen anderen für übertrieben zu halten, aber die Berechtigung eines ehrlichen Mannes, die Zeit zu peitschen, darf nicht mit dicken Worten zunichte gemacht werden.

Übertreibt die Satire? Die Satire muß übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten.

Aber nun sitzt zutiefst im Deutschen die leidige Angewohnheit, nicht in Individuen, sondern in Ständen, in Korporationen zu denken und aufzutreten, und wehe, wenn du einer dieser zu nahe trittst. Warum sind unsere Witzblätter, unsere Lustspiele, unsere Komödien und unsere Filme so mager? Weil keiner wagt, dem dicken Kraken an den Leib zu gehen, der das ganze Land bedrückt und dahockt: fett, faul und lebenstötend.

Nicht einmal dem Landesfeind gegenüber hat sich die deutsche Satire herausgetraut. Wir sollten gewiß nicht den scheußlichen unter den französischen Kriegskarikaturen nacheifern, aber welche Kraft lag in denen, welch elementare Wut, welcher Wurf und welche Wirkung! Freilich: sie scheuten vor gar nichts zurück. Daneben hingen unsere bescheidenen Rechentafeln über U-Boot-Zahlen, taten niemandem etwas zuleide und wurden von keinem Menschen gelesen.

Wir sollten nicht so kleinlich sein. Wir alle – Volksschullehrer und Kaufleute und Professoren und Redakteure und Musiker und Ärzte und Beamte und Frauen und Volksbeauftragte – wir alle haben Fehler und komische Seiten und kleine und große Schwächen. Und wir müssen nun nicht immer gleich aufbegehren (›Schlächtermeister, wahret eure heiligsten Güter!‹), wenn einer wirklich einmal einen guten Witz über uns reißt. Boshaft kann er sein, aber ehrlich soll er sein. Das ist kein rechter Mann und kein rechter Stand, der nicht einen ordentlichen Puff vertragen kann. Er mag sich mit denselben Mitteln dagegen wehren, er mag widerschlagen – aber er wende nicht verletzt, empört, gekränkt das Haupt. Es wehte bei uns im öffentlichen Leben ein reinerer Wind, wenn nicht alle übel nähmen.

So aber schwillt ständischer Dünkel zum Größenwahn an. Der deutsche Satiriker tanzt zwischen Berufsständen, Klassen, Konfessionen und Lokaleinrichtungen einen ständigen Eiertanz. Das ist gewiß recht graziös, aber auf die Dauer etwas ermüdend. Die echte Satire ist blutreinigend: und wer gesundes Blut hat, der hat auch einen reinen Teint.

Was darf die Satire?

Alles.


Autorenangabe: Ignaz Wrobel

Ersterscheinung: Berliner Tageblatt, 27. Januar 1919, Nr. 36.

Editionen: Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker. 22 Bände, Rowohlt Verlag, Reinbek 1996ff., Band 3. Texte 1919, S. 82 ff.

Ders.: Gesammelte Werke in 10 Bänden. Hrsg. von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Rowohlt Verlag, Reinbek 1975. Band 2, S. 42 ff.

Wir Negativen

Wie ist er hier so sanft und zärtlich! Wohlseyn will er, und ruhigen Genuß und sanfte Freuden, für sich, für andere. Es ist das Thema des Anakreon. So lockt und schmeichelt er sich selbst ins Leben hinein. Ist er aber darin, dann zieht die Qual das Verbrechen und das Verbrechen die Qual herbei: Greuel und Verwüstung füllen den Schauplatz. Es ist das Thema des Aischylos.

Schopenhauer

Es wird uns Mitarbeitern der Weltbühne der Vorwurf gemacht, wir sagten zu allem Nein und seien nicht positiv genug. Wir lehnten ab und kritisierten nur und beschmutzten gar das eigene deutsche Nest. Und bekämpften – und das sei das Schlimmste – Haß mit Haß, Gewalt mit Gewalt, Faust mit Faust.

   Es sind eigentlich immer dieselben Leute, die in diesem Blatt zu Worte kommen, und es mag einmal gesagt werden, wie sehr wir alle innerlich zusammenstimmen, obwohl wir uns kaum kennen. Es existieren Nummern dieser Zeitschrift, die in einer langen Redaktionssitzung entstanden zu sein scheinen, und doch hat der Herausgeber mutterseelenallein gewaltet. Es scheint mir also der Vorwurf, wir seien negativ, geistig unabhängige und von einander nicht beeinflußte Männer zu treffen. Aber sind wirs? Sind wirs denn wirklich?

   Ich will einmal die Schubladen unsres deutschen Schrankes aufmachen und sehen, was darinnen liegt.

   Die Revolution. Wenn Revolution nur Zusammenbruch bedeutet, dann war es eine; aber man darf nicht erwarten, daß die Trümmer anders aussehen als das alte Gebäude. Wir haben Mißerfolg gehabt und Hunger, und die Verantwortlichen sind davongelaufen. Und da stand das Volk: die alten Fahnen hatten sie ihm heruntergerissen, aber es hatte keine neue.

   Der Bürger. Das ist – wie oft wurde das mißverstanden! – eine geistige Klassifizierung, man ist Bürger durch Anlage, nicht durch Geburt und am allerwenigsten durch Beruf. Dieses deutsche Bürgertum ist ganz und gar antidemokratisch, dergleichen gibt es wohl kaum in einem andern Lande, und das ist der Kernpunkt alles Elends. Es ist ja nicht wahr, daß sie in der Zeit vor dem Kriege unterdrückt worden sind, es war ihnen tiefstes Bedürfnis, emporzublicken, mit treuen Hundeaugen, sich zurechtstoßen zu lassen und die starke Hand des göttlichen Vormunds zu fühlen! Heute ist er nicht mehr da, und fröstelnd vermissen sie etwas. Die Zensur ist in Fortfall gekommen, brav beten sie die alten Sprüchlein weiter, ängstlich plappernd, als ob nichts geschehen sei. Sie kennen zwischen patriarchalischer Herrschaft und einem ins Räuberhafte entarteten Bolschewismus keine Mitte, denn sie sind unfrei. Sie nehmen alles hin, wenn man sie nur verdienen läßt. Und dazu sollen wir Ja sagen?

   Der Offizier. Wir haben hier nachgewiesen, warum und inwiefern der deutsche Offizier im Kriege versagt hat, und was er an seinen Leuten gesündigt. Es geht ja nicht um den Stand – Angriffe gegen eine Kollektivität sind immer ungerecht –: es geht um den schlechten Geist, der den Stand beseelte und der sich tief in das Bürgertum hineingefressen hatte. Der Leutnant und seine – sagen wir immerhin: Geistigkeit war ein deutsches Ideal, und der Reserve-Offizier brauchte keine lange Zeit, in die Uniform hineinzuwachsen. Es war die infernalische Lust, den Nebenmenschen ungestraft zu treten, es war die deutsche Lust, im Dienst mehr zu scheinen, als man im Privatleben ist, das Vergnügen, sich vor seiner Frau, vor seiner Geliebten aufzuspielen, und unten krümmte sich ein Mensch. Eine gewisse Pflichterfüllung des Offiziers (und sein Geist saß auch in vielen untern Chargen) soll nicht geleugnet werden, aber sie geschah oft nur auf der Basis der Übersättigung und der übelsten Raffgier. Die jungen Herren, denen ich im Kriege hinter die Karten gucken konnte, machten keinen hervorragenden Eindruck. Aber es geht ja nicht um die einzelnen, und wie soll je eine Besserung kommen, wenn wir es jetzt nicht sagen! Jetzt, denn später hat es keinen Sinn mehr; jetzt, denn später, wenn das neue Heer aufgebaut ist, wäre es überflüssig, noch einmal die Sünden des alten Regimes aufzublättern. Und es muß den Deutschen eingehämmert werden, daß das niemals wiederkommen darf, und es muß allen gesagt werden, denn es waren ja nicht die Sünden gewisser reaktionärer Kreise, sondern alle, alle taten mit! Das Soldatenelend – und mit ihm das Elend aller »Untergebenen« in Deutschland – war keine Angelegenheit der politischen Überzeugung: es war eine der mangelnden Kultur. Die übelsten Instinkte wurden in entfesselten Bürgern wachgerufen, gab ihnen der Staat die Machtfülle eines »Vorgesetzten« in die Hand. Sie hat ihnen nicht gebührt. Und dazu sollen wir Ja sagen?

   Der Beamte. Was haltet ihr von einer Verwaltung, bei der der Angestellte wichtiger ist als die Maßnahmen, und die Maßnahme wichtiger als die Sache? Wie knarrte der Apparat und machte sich imponierend breit! Was war das für ein Gespreize mit den Ämtern und den Ämtchen! Welche Wonne, wenn einer verfügen konnte! Von allen andern Dienststellen – und es gab ja so viele – wurde er unterdrückt: jetzt durfte er auch einmal! Und die Sache selbst ersoff in Verordnungen und Erlassen, die kleinen Kabalen und Reibereien in den Ämtern füllten Menschenleben aus, und der Steuerzahler war wehrlos gegen sein eigenes Werk. Und dazu sollen wir Ja sagen?

   Der Politiker. Politik kann man in diesem Lande definieren als die Durchsetzung wirtschaftlicher Zwecke mit Hilfe der Gesetzgebung. Die Politik war bei uns eine Sache des Sitzfleisches, nicht des Geistes. Sie wurde in Bezirksvereinen abgehaspelt und durchgehechelt, und gegen den Arbeiter standen alle andern zusammen. Vergessen war der Geist, auf dessen Grundlage man zu Vorschlägen und Gesetzen kam, vergessen die Gesinnung, die, Antrieb und Motiv in einem, erst verständlich und erklärbar machte, was man wollte. Der Diplomat alter Schule hatte abgewirtschaftet, »er besitzt keinen modernen Geist«, sagten die Leute; nun sollte der Kaufmann an seine Stelle treten. Aber der besitzt ihn auch nicht. Eine wilde Überschätzung des Wirtschaftlichen hob an. Feudale und Händler raufen sich um den Einfluß im Staat, der in Wirklichkeit ihnen beiden unter der Führung der Geistigen zukommen sollte. Und dazu sollen wir Ja sagen?

   Daß der Bürger zetert, dem anständige Politik nichts ist als Geschäftsstörung, nimmt uns nicht wunder. Daß Geistige gegen uns eifern, schon mehr. Wozu führen denn letzten Endes die Erkenntnisse des Geistes, wenn man nicht ein Mal von den Höhen der Weisheit herunterklettert, ihre Ergebnisse auf das tägliche Leben anwendet und das zu formen versucht nach ihrem Ebenbilde? Nichts ist bei uns peinlicher und verhaßter als konkret gewordene Geistigkeit. Alles darfst du: die gefährlichsten Forderungen aufstellen, in abstracto, Bücherrevolutionen machen, den lieben Gott absetzen – aber die Steuergesetzgebung, die machen sie doch lieber allein. Sie haben eine unendlich feine Witterung und den zuverlässigsten Instinkt gegen alles, was ihre trübe Geschäftigkeit stören kann, ihr Mißtrauen ist unsäglich, ihre Abneigung unüberwindbar. Sie riechen förmlich, ob sich deine Liebe und dein Haß mit ihrem Kolonialwarenladen verträgt, und tun sies nicht: dann gnade dir Gott!

   Hier steht Wille gegen Willen. Kein Resultat, kein Ziel auf dieser Erde wird nach dem logisch geführten Beweis ex argumentis gewonnen. Überall steht das Ziel, gefühlsmäßig geliebt, vorher fest, die Argumente folgen, als Entschuldigung für den Geist, als Gesellschaftsspiel für den Intellekt. Noch niemals hat einer den andern mit Gründen überzeugt. Hier steht Wille gegen Willen: wir sind uns über die Ziele mit allen anständig Gesinnten einig – ich glaube, was an uns bekämpft wird, ist nicht der Kampf: es ist die Taktik.

   Aber wie sollen wir gegen kurzstirnige Tölpel und eisenharte Bauernknechte anders aufkommen als mit Knüppeln? Das ist seit Jahrhunderten das große Elend und der Jammer dieses Landes gewesen: daß man vermeint hat, der eindeutigen Kraft mit der bohrenden Geistigkeit beikommen zu können. Wenn wir andern – die wir hinter die Dinge gesehen haben, die wir glauben, daß die Welt, so wie sie ist, nicht das letzte Ziel für Menschen sein kann – keinen Exekutor unsrer geistigen Gesinnung haben, so sind wir verdammt, ewig und auch fürderhin unter Fleischergesellen zu leben, und uns bleiben die Bücher und die Tinte und das Papier, worauf wir uns ergehen dürfen. Das ist so unendlich unfruchtbar, zu glauben, man könne die negative Tätigkeit des Niederreißens entbehren, wenn man aufbauen will. Seien wir konkret. Eine Naumannsche Rede in Weimar verpflichtet zu gar nichts: der Beschluß irgendeines Gemeindekollegiums zeigt uns den Bürger in seiner Nacktheit.

   Der unbedingten Solidarität aller Geldverdiener muß die ebenso unbedingte Solidarität der Geistigen gegenüberstehen. Es geht nicht an, daß man feixenden Bürgern das Schauspiel eines Kampfes liefert, aus dem sie nur und ausschließlich heraushören: dürfen wir weiter schachern, oder dürfen wir es nicht? Dürfen wir weiter in Cliquen und Klüngeln schieben, oder dürfen wir es nicht? Nur das wird gehört, und keine metaphysische Wahrheit und kein kritizistischer Irrtum.

   Ist schon alles vergessen? Gleiten wir schon wieder in den behaglichen Trott hinüber, in dem Ruhe die erste und letzte Pflicht ist? Schon regt sich allerorten der fade Spruch: »Es wird nicht so schlimm gewesen sein.« – »Ihr Herr Gemahl ist an Lungenentzündung gestorben?« sagte jener Mann, »na, es wird nicht so schlimm gewesen sein!«

   Es ist so schlimm gewesen. Und man mache ja nicht wieder den Versuch, zu behaupten, die »Pionierarbeit des deutschen Kaufmanns« werde uns »schon herausreißen«! Wir sind in der ganzen Welt blamiert, weil wir unsre besten Kräfte tief im Land versteckt und unsre minderwertigen hinausgeschickt haben. Aber schon regen sich die Stimmen, die dem Deutschen einzureden versuchen, es werde, wenn er nur billige Ware liefere, sich alles einrenken lassen. Das wollen wir nicht! Wir wollen nicht mehr benutzt sein, weil unsre jungen Leute im Ausland alle andern unterboten haben, und weil man bei uns schuftete, aber nicht arbeitete. Wir wollen geachtet werden um unsrer selbst willen.

   Und damit wir in der Welt geachtet werden, müssen wir zunächst zu Haus gründlich rein machen. Beschmutzen wir unser eigenes Nest? Aber einen Augiasstall kann man nicht beschmutzen, und es ist widersinnig, sich auf das zerfallene Dach einer alten Scheune zu stellen und da oben die Nationalhymne ertönen zu lassen.

   Wir sollen positive Vorschläge machen. Aber alle positiven Vorschläge nützen nichts, wenn nicht die rechte Redlichkeit das Land durchzieht. Die Reformen, die wir meinen, sind nicht mit Vorschriften zu erfüllen, und auch nicht mit neuen Reichsämtern, von denen sich heute jeder für sein Fach das Heil erhofft. Wir glauben nicht, daß es genügt, eine große Kartothek und ein vielköpfiges Personal aufzubauen und damit sein Gebiet zu bearbeiten. Wir glauben, daß das Wesentliche auf der Welt hinter den Dingen sitzt, und daß eine anständige Gesinnung mit jeder, auch mit der schlechtesten, Vorschrift fertig wird und sie gut handhabt. Ohne sie aber ist nichts getan.

   Was wir brauchen, ist diese anständige Gesinnung.

   Wir können noch nicht Ja sagen. Wir können nicht einen Sinn stärken, der über den Menschen die Menschlichkeit vergißt. Wir können nicht ein Volk darin bestärken, seine Pflicht nur dann zu tun, wenn jedem Arbeitenden ein Popanz von Ehre aufgebaut wird, der sachlicher Arbeit nur im Wege ist. Wir können nicht zu einem Volk Ja sagen, das, noch heute, in einer Verfassung ist, die, wäre der Krieg zufälligerweise glücklich ausgegangen, das Schlimmste hätte befürchten lassen. Wir können nicht zu einem Land Ja sagen, das von Kollektivitäten besessen ist, und dem die Korporation weit über dem Individuum steht. Kollektivitäten sind nur ein Hilfsmittel für die einzelnen. Wir können nicht Ja zu denen sagen, deren Früchte die junge Generation darstellt: ein laues und flaues Geschlecht, angesteckt von dem kindischen Machthunger nach innen und der Gleichgültigkeit nach außen, den Bars mehr zugetan als der Bravour, von unsäglicher Verachtung für allen Sturm und Drang, den man zur Zeit nicht mehr trägt, ohne Flamme und ohne Schwung, ohne Haß und ohne Liebe. Wir sollen laufen, aber unsre Schenkel sind mit Schnüren gefesselt. Wir können noch nicht Ja sagen.

   Leute, bar jedes Verständnisses für den Willen, der über die Tagesinteressen hinausheben will – man nennt das hierzulande: Realpolitiker – bekämpfen uns, weil wir im Kompromiß kein Heil sehen, weil wir in neuen Abzeichen und neuen Aktenstücken kein Heil sehen. Wir wissen wohl, daß man Ideale nicht verwirklichen kann, aber wir wissen auch, daß nichts auf der Welt ohne die Flamme des Ideals geschehen ist, geändert ist, gewirkt wurde. Und – das eben scheint unsern Gegnern eine Gefahr und ist auch eine – wir glauben nicht, daß die Flamme des Ideals nur dekorativ am Sternenhimmel zu leuchten hat, sondern sie muß hienieden brennen: brennen in den Kellerwinkeln, wo die Asseln hausen, und brennen auf den Palastdächern der Reichen, brennen in den Kirchen, wo man die alten Wunder rationalistisch verrät, und brennen bei den Wechslern, die aus ihrer Bude einen Tempel gemacht haben.

   Wir können noch nicht Ja sagen. Wir wissen nur das eine: es soll mit eisernem Besen jetzt, grade jetzt und heute ausgekehrt werden, was in Deutschland faul und vom Übel war und ist. Wir kommen nicht damit weiter, daß wir den Kopf in ein schwarz-weiß-rotes Tuch stecken und ängstlich flüstern: Später, mein Bester, später! nur jetzt kein Aufsehen!

   Jetzt.

   Es ist lächerlich, einer jungen Bewegung von vier Monaten vorzuwerfen, sie habe nicht dasselbe Positive geleistet wie eine Tradition von dreihundert Jahren. Das wissen wir.

   Wir stehen vor einem Deutschland voll unerhörter Korruption, voll Schiebern und Schleichern, voll dreimalhunderttausend Teufeln, von denen jeder das Recht in Anspruch nimmt, für seine schwarze Person von der Revolution unangetastet zu bleiben. Wir meinen aber ihn und grade ihn und nur ihn.

   Und wir haben die Möglichkeit, zu wählen: bekämpfen wir ihn mit der Liebe, bekämpfen wir ihn mit Haß? Wir wollen kämpfen mit Haß aus Liebe. Mit Haß gegen jeden Burschen, der sich erkühnt hat, das Blut seiner Landsleute zu trinken, wie man Wein trinkt, um damit auf seine Gesundheit und die seiner Freunde anzustoßen. Mit Haß gegen einen Klüngel, dem übermäßig erraffter Besitz und das Elend der Heimarbeiter gottgewollt erscheint, der von erkauften Professoren beweisen läßt, daß dem so sein muß, und der auf gebeugten Rücken vegetierender Menschen freundliche Idyllen feiert. Wir kämpfen allerdings mit Haß. Aber wir kämpfen aus Liebe für die Unterdrückten, die nicht immer notwendigerweise Proletarier sein müssen, und wir lieben in den Menschen den Gedanken an die Menschheit.

   Negativ? Viereinhalb Jahre haben wir das fürchterliche Ja gehört, das alles gut hieß, was frecher Dünkel auszuführen befahl. Wie war die Welt so lieblich! Wie klappte alles, wie waren alle d’accord, ein Herz und keine Seele, wie bewegte sich die künstlich hergerichtete Landschaft mit den uniformierten Puppen darin zum Preise unsrer Herren! Es war das Thema des Anakreon. Und mit donnerndem Krachen ist das zusammengebrochen, was man früher für eisern gehalten hatte, und was nicht einmal Gußeisen war, die Generale fangen an, sich zu rechtfertigen, obgleich sie es gar nicht nötig hätten, keiner will es gewesen sein, und die Revolutionäre, die zu spät kamen und zu früh gebremst wurden, werden beschuldigt, das Elend herbeigeführt zu haben, an dem doch Generationen gewirkt hatten. Negativ? Blut und Elend und Wunden und zertretenes Menschentum – es soll wenigstens nicht umsonst gewesen sein. Laßt uns auch weiterhin Nein sagen, wenn es not tut! Es ist das Thema des Aischylos.


Autorenangabe: Kurt Tucholsky

Ersterscheinung: Die Weltbühne, 13. März 1919, Nr. 12, S. 279.

Editionen: Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker. 22 Bände, Rowohlt Verlag, Reinbek 1996ff., Band 3, Texte 1919

Ders.: Gesammelte Werke in 10 Bänden. Hrsg. von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Rowohlt Verlag, Reinbek 1975. Band 2, S. 54 ff.

Friedhelm Greis, Stefanie Oswalt (Hg.): Aus Teutschland Deutschland machen. Ein politisches Lesebuch zur Weltbühne, Berlin 2008, S. 26-31.

Auch eine Urteilsbegründung

In einem der jetzt üblichen Hexenprozesse ist Walther Victor als verantwortlicher Redakteur des Sächsischen Volksblattes in Zwickau zu vier Monaten Gefängnis verurteilt worden. Durch einen Beitrag seien dort eine staatlich geschützte Religionsgesellschaft und ihre Einrichtungen beleidigt. Vier Monate Gefängnis … dafür kann man schon eine ganze Menge Leute vom Reichsbanner in den Bauch knallen.
Unerörtert bleibe, ob dieses Urteil zu Recht ergangen ist oder nicht. Ich untersuche die Urteilsbegründung.
In dieser ist den beiden Juristen – Küntzel und Lindner – etwas durchgerutscht, was in Urteilsbegründungen sehr selten zu finden ist: nämlich die wahren Gründe, die das Urteil hervorgerufen haben. Es heißt da:

Bei der Strafzumessung hat das Schöffengericht als straferhöhend folgende Umstände berücksichtigt:Der Artikel, der weitesten Volkskreisen zugängig war, hat eine zersetzende Wirkung auf die Bevölkerung, namentlich auf die Jugendlichen, ausüben müssen. Das ergibt ohne weiteres Form und Inhalt dieses Aufsatzes. Durch den Artikel wird in der Bevölkerung die Ehrfurcht vor der christlichen Religion und ihren Einrichtungen in hohem Maße untergraben. Das muß eine Verrohung der sittlichen Anschauungen des Volkes und damit eine Erschütterung der Grundlage eines gesunden Volkstums und eines gefestigten Staatswesens zur Folge haben. Es ist in dieser Richtung nicht abzusehen, welcher Schaden durch diesen Artikel angerichtet worden ist. Weiterhin fiel in gleichem Sinne ins Gewicht, daß nach der Überzeugung des Gerichts die genannte zersetzende Wirkung auch der wahre und eigentliche Zweck des Aufsatzes ist. Es ist äußerlich eine Form gewählt, die den Aufsatz als Kritik des Strafvollzugs oder der lebenslänglichen Zuchthausstrafe erscheinen läßt, aber hinter diesem Gewande der Erzählung, des Witzes, der Satire verbirgt sich der geheime Zweck, unmerklich und dem Leser unbewußt Ehrfurchtslosigkeit vor der christlichen Religion und vor der hergebrachten, durch das Christentum begründeten sittlichen Weltanschauung unter dem Volke zu verbreiten. Dieser Zweck, der mit dem Abdruck des Artikels in kluger Berechnung verfolgt, aber in abgefeimter Weise verschleiert worden ist, muß als höchst verderblich und verwerflich bezeichnet werden. Deshalb ist eine empfindliche Strafe erforderlich.

Diese Begründung ist Wort für Wort und Satz für Satz eine grobe und ungehörige Beschimpfung aller jener, die nicht der Kirche angehören, und diese Urteilsbegründung ist nicht nur juristisch unhaltbar, sie ist auch in jeder Weise eindeutig tendenziös und politisch reaktionär. Es wird in ihr angenommen, daß außerhalb der christlichen Moral keine Sittlichkeit bestehe, und daß, wenn die Grundlagen der christlichen Ethik gefallen sind, wie es ja tatsächlich schon in weiten Bezirken der Fall ist, damit jede Ethik dahinschwände. Also müßten diese zwickauer Juristen Nietzsches gesammelte Werke beschlagnahmen, was im objektiven Verfahren möglich wäre. Das tun sie nicht, vermutlich, weil sie ihn nicht gelesen haben. Und sie tun es nicht, weil sich Nietzsche, der nach Joseph Wirth beinah ein so guter Schriftsteller ist wie Hitler, nur an die Gebildeten wendet – nicht aber, wie das zwickauer Volksblatt, an die breite Masse. Und nur dieser muß offenbar die Religion erhalten bleiben.
Wir verbitten uns das.
Selbstverständlich hat jede Religionsgemeinschaft Anrecht darauf, vor Schmähungen geschützt zu werden. Der Staat schützt nicht jede; Beschmutzungen von jüdischen Friedhöfen werden hierzulande erstaunlich milde geahndet. Ich habe auch unsern Gesinnungsfreunden gegenüber immer wieder betont, daß mir die grobe Art, die katholische Kirche zu bekämpfen, nicht gefällt und daß ich sie nicht für richtig halte. Nun wird aber auf beiden Seiten gesündigt: in der Hitze des Gefechts sind den Kirchengegnern Geschmacklosigkeiten unterlaufen, die nicht zu entschuldigen sind, was wiederum kein Wunder nimmt, wenn man die Polterreden kennt, die manchen Geistlichen auf den Kanzeln unterlaufen, wo man muntere politische Hetzreden hören kann. Sie bleiben Hetzreden, auch wenn sie in getragenem und feierlichem Tonfall vorgebracht werden.
Was aber hier in Zwickau gepredigt wird, geht denn doch über die Hutschnur. Und demgegenüber ist zu sagen:
Die christliche Religionsgemeinschaft ist nicht der Hort aller Sittlichkeit. Es gibt kein religiöses Monopol der Ethik, Millionen von anständigen und sittlich gefestigten Menschen schmähen die Kirche nicht, leben aber bewußt und ganz und gar an ihren Lehren vorbei, und sie tun recht daran. Es ist unrichtig, daß der, der die Lehren der Kirche überwunden hat, ein sittlich minderwertiges Individuum ist. Wer so versagt hat, wie das Christentum im Kriege, sollte uns nichts von Sittlichkeit erzählen. Und keine Strafe wird uns hindern, entgegen den beschimpfenden und höchst unjuristischen Darlegungen der zwickauer Juristen von einem gesetzlichen Rechte Gebrauch zu machen. Nämlich allen unsern Freunden und vor allem den Frauen einen Rat zu erteilen:
Tretet aus der Kirche aus. Tretet aus der Kirche aus. Tretet aus der Kirche aus.

Autorenangabe: Ignaz Wrobel

Ersterscheinung: Die Weltbühne, 12. Mai 1931, Nr. 19, S. 680

Editionen: Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker. 22 Bände, Rowohlt Verlag, Reinbek 1996ff., 1931, S. 436 ff.

Ders.: Gesammelte Werke in 10 Bänden. Hrsg. von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Rowohlt Verlag, Reinbek 1975. Band 9, S. 204 ff.

31.12.2003

Angebliche Tucholsky-Zitate

Im Internet kursieren Dutzende Zitate, die angeblich von Kurt Tucholsky stammen, jedoch nicht in dessen Werk belegt sind. Hier eine sicherlich unvollständige, aber vermutlich ständig zu erweiternde Zusammenstellung mit den häufigsten Falschzitaten (aktualisiert am 8. März 2023):

Als deutscher Tourist im Ausland steht man vor der Frage, ob man sich anständig benehmen muss oder ob schon deutsche Touristen dagewesen sind. (Aus dem Film: „Schloß Gripsholm“ von Kurt Hoffmann. Drehbuch: Herbert Reinecker, 1:00:58. „Muss ich mich anständig benehmen oder waren hier schon deutsche Touristen?“)

Auch wenn ein Deutscher nichts hat, Bedenken hat er. (Das Zitat lautet korrekt: „Denn wenn einer nichts hat: Bedenken hat er.“ Aus: Kulissen, in: Die Weltbühne, 14.6.1932)

Chanson ist Welttheater in drei Minuten.

Das Ärgerliche am Ärger ist, dass man sich schadet, ohne anderen zu nützen.

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.

Der Horizont des Berliners ist längst nicht so groß wie seine Stadt.

Der Tod eines Menschen: das ist eine Katastrophe. Hunderttausend Tote: das ist eine Statistik! (findet sich zwar in einem Tucholsky-Text (»Französischer Witz«), aber als angebliches Zitat eines französischen Diplomaten. Die Originalquelle lautet: J.-W. Bienstock et Curnonsky: T.S.V.P. Petites histoires de tous et de personne. Paris: Crès 1924, S. 6f)

Der Vorteil der Klugheit liegt darin, dass man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwieriger.
(Oder auf Spanisch: La ventaja de ser inteligente es que así resulta más fácil pasar por tonto. Lo contrario es mucho más difícil.) Die englischsprachige Version „The advantage of being smart is that you can always make the fool, while the opposite is impossible“ wird häufig Woody Allen zugeschrieben.

Der Wert einer Kultur lässt sich danach bemessen, wie sie mit ihren Minderheiten umgeht.

Deutsche – kauft deutsche Bananen! – Das Original lautet: Deutsche, kauft deutsche Zitronen! Erschienen in dem Text »Europa«, in: Die Weltbühne, 12. Januar 1932, S. 73

Die SPD ist und bleibt die Vorhaut der Arbeiterklasse. Immer wenn es ernst wird, zieht sie sich zurück. (Wohl ein Spontispruch aus den 1970er Jahren.)

Ein voller Terminkalender ist noch lange kein erfülltes Leben.

Erfahrung heißt gar nichts. Man kann seine Sache auch 35 Jahre schlecht machen. (Das Zitat lautet korrekt: Laß dir von keinem Fachmann imponieren, der dir erzählt: «Lieber Freund, das mache ich schon seit zwanzig Jahren so!» – Man kann eine Sache auch zwanzig Jahre lang falsch machen.)

Freiheit stirbt mit Sicherheit.

Gesetze sind Jungfrauen im Parlament, aber Huren vor Gericht.

Ich kann nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte. (von Max Liebermann)

Ich glaube jedem, der die Wahrheit sucht. Ich glaube keinem, der sie gefunden hat.

Jeder Krieg ist eine Niederlage. Denn Krieg vernichtet Leben.

Lasst uns das Leben genießen, solange wir es nicht begreifen.

Reisen ist die Sehnsucht nach dem Leben.

Sie dachten, sie seien an der Macht, dabei waren sie nur an der Regierung.

Toleranz ist der Verdacht, der andere könnte Recht haben.

Unterschätze nie die Macht dummer Leute, die einer Meinung sind.

Was nützen die besten Worte, wenn sie über die Wirklichkeit hinwegtäuschen. (von Tucholsky zitiert im Artikel „Leichenreden“ aus dem Buch: Das Marne-Drama des 15. Juli 1918, von Kurt Hesse, Berlin 1919).

Was unterscheidet Geschwister von wilden Indianerstämmen? Wilde Indianer sind entweder auf Kriegspfad oder rauchen Friedenspfeife – Geschwister jedoch können gleichzeitig beides. (Die korrekte Version lautet: Die Familie weiß alles, mißbilligt es aber grundsätzlich. Andere wilde Indianerstämme leben entweder auf den Kriegsfüßen oder rauchen eine Friedenszigarre: die Familie kann gleichzeitig beides.)

Wenn Wahlen etwas änderten, wären sie längst verboten.
(Wird auch Emmy Goldman zugeschrieben: „If voting changed anything they would make it illegal.“)

Wenn die Börsenkurse fallen (Dieses angebliche Tucholsky-Gedicht stammt von Richard Kerschhofer)

Wer die Sprache beherrscht, beherrscht auch das Denken der Menschen.

Wer nach allen Seiten offen ist, der kann nicht ganz dicht sein.

Zur Versachlichung der Impfdebatte (Dieses angebliche Tucholsky-Gedicht stammt vom Titanic-Autor Cornelius Oettle).

Sollte jemand eines dieser Zitate in Tucholskys Werk entdecken, bekommt er zur Belohnung ein Weltbühne-Lesebuch zugeschickt!

Kriegstagebuch

Von Siegfried Jacobsohn

Freitag, am einunddreißigsten Juli. Die Post ist ausgeblieben. Nach den bedrohlichen Nachrichten der letzten Tage kein gutes Zeichen. Wir nehmen, um Zehn, ein Segelboot. Im Nordhafen steht noch das Kriegsschiff, das all die Jahre ein Friedensschiff war. Vielleicht sieht und hört man dort allerlei. Matrosen im höchsten Ausguck. Eine ungewohnte Geschäftigkeit. Wenn Vaterlandsgesänge sie begleiten … Hurras herüber und hinüber. Zur freundlichen Antwort auf die einzige Frage der Stunde: Scherze und Kußhände für unsre Damen. Aber der Eindruck, als ginge es wirklich los. Stählern blitzender Kahn mit mörderischen Geschützen – wirst du im nächsten Sommer nicht wieder harmlose Wachtdienste tun? Kleine Halle für Wasserflugzeuge, an der man seit Juni unschuldig gebaut hat – wird von heut auf morgen deine Bestimmung rauher, schmerzhafter werden? Weißes Leuchttürmchen mit roter Mütze – was alles wirst du bestrahlen oder gnädig im Dunkel lassen? Ich klettere hinauf. (Ulkiger Selbstbetrug:) Kein Feind in Sicht. […] Die Kinder rufen uns zum Feuerwerk auf ihre Wiese. Krieg? Dummes Zeug.

Sonnabend, am ersten August. Oder doch nicht? Der Bäcker hat nicht mehr gebacken, weil er gestern Abend geheimnisvoll irgendwohin geholt worden ist. Freunde haben bei Nacht gepackt und wollen auf und davon. Ich bringe sie eine Stunde weit, in die abscheuliche Badestadt, wo die Schieber vormittags zu pokern beginnen. Heute nicht. Sie wissen nichts, aber fürchten alles und raufen sich Glatzen und Perücken ob ihren gestürzten Kursen. Einer spricht Tausender Stimmung aus: „In einer großen Zeit leben wir – ausgerechnet wir.“ Der Kaiser arbeitet offenbar immer noch für den Frieden, was ihm rechts – bis zur Majestätsbeleidigung in der Täglichen Rundschau – gehörig verübelt wird. Wer in Rußland regiert, und nach welchen Prinzipien, ist, wie das Meiste in diesem seltsamen Vorland Asiens, nicht zehn Europäern verständlich. Der letzte Hoffnungsschimmer sollen die innern Schwierigkeiten Frankreichs sein. Aber es scheint ja wirklich, als obs diesmal nicht anders ginge.

Fünfundzwanzig Zeilen „zur Veröffentlichung nicht zugelassen“.

Ich komme aus einer andern Gegend. Ich bin nicht blind für den Streifen Löwenzahn, der dort das Roggenfeld von der Heide trennt.

Zwei Zeilen gestrichen.

Ich habe ein Ohr für den Schrei der wilden und zahmen Vögel, die um mich und über mir menschlich, unmenschlich einander verfolgen und fliehen, während ich durch den festen Sand der Ebbezeit heimwärts stapfe. Noch immer, noch immer nicht hoffnungslos.

Zwei Zeilen gestrichen.

Da sind die Gazetten der letzten Tage. Entschieden ist also vorläufig nichts. Aber schon

Zehn Zeilen gestrichen.

Auf einmal fühlt sich der faulste Kopp: Kaiser und Reich, Blut und Tod, Fels und Meer, Etsch und Belt, Gott und Vaterland, bum, bum! Darin ist uns kein Volk über. Anderswo kauft man sich Söldner für das grauenhafteste aller Geschäfte: für die Tötung von Menschen. Wir mobilisieren, wenn es so weit ist, nicht nur die Männer, sondern auch die höhern Gefühle und schlagen jedem den Hut ein, der sie nicht in vorschriftsmäßiger Fülle aufweist. Das ärgste Mittelgut – in geistiger Beziehung – kommt hoch; und was das betrifft, daß es hoch kommt, so wird man sich anschließen. Luft, Luft, Clavigo! Ich renne hinaus. Es dämmert. Mir fällt auf, daß an einer harmlosen Scheunenwand ein Zettel klebt. Der Badewärter lädt doch niemals sonst hier oben in sein Segelboot. Nun, für dies Jahr hat sichs ausgesegelt. „Mobilmachung ist befohlen. Erster Mobilmachungstag: der zweite August. Der Gemeindevorsteher.“ Man kann nicht knapper, nicht eindeutiger, nicht preußischer sein. Es dunkelt. Der Leuchtturm, der vorgestern irreführende Farben entsandt und gestern das Meer mit Scheinwerfern abgesucht hatte: heut ist er außer Betrieb gesetzt. Das Licht erlosch.

[…] Dienstag, am vierten August.

Ein Tag, von Gott, dem hohen Herrn der Welt, gemacht zu süßerm Ding, als sich zu schlagen! Berlin soll andrer Meinung sein. Man schreibt mir, daß dort eine Begeisterung für den Krieg herrsche, die nicht erlebt und nicht geteilt zu haben ein Verlust für meine Seele bleiben werde. Nun, meine Seele ist im Zweifel, ob sie grade jetzt einen Aufschwung nehmen würde. Sie hat für ihre leuchtenden Stunden bisher wesentlich zartern Anlaß und Inhalt gehabt als einen Krieg aller gegen alle. Sie neigt dazu, eine Veredlung der Menschen erstrebenswerter zu finden als ihre schreckensvolle Verminderung. Sie hat beklemmende, atemraubende, blickverschleiernde Vorstellungen von dampfenden Gebeinen auf blutgenäßten Schlachtfeldern, von losgefetzten Körperteilen zwischen umgestülpten Kanonen, von brüllendem Neid der Verwundeten auf die Toten, von jammernden Frauen und hungernden Kindern. Außerdem wärs mir zu bequem, für einen Krieg begeistert zu sein, in den ich, bei noch so langer Dauer, niemals zu ziehen brauche. Aber sind denn Die in der Hauptstadt wirklich begeistert? Ich denke an Fontane. Der war ein so gutes märkisches Herz wie irgendeins, konnte Pulver riechen, hatte Kriegsgefangenschaft kennen gelernt, Preußenballaden gedichtet und – und dadurch nicht die Gabe verloren, hinter den Schein jeder Sache zu blicken und zu horchen. Also zögerte er nicht, das Hurra, womit Batterien gestürmt werden, sich höchst unheroisch zu deuten: „Jubel aus Angst“. Sollte das nicht auch die Formel für den Rausch der Berliner sein? Ich glaube an eine Massenhypnose, der selbst ausgepichte Skeptiker nicht widerstehen können, an alle Erscheinungen einer Kriegspsychose, an Scham vor dem Nebenmann, an schäumende Wut und zähneknirschenden Trotz eines überfallenen Volkes, an Selbstbetäubung, an die Flucht vor den nächstliegenden Befürchtungen in ein Allgemeingefühl, an was sonst ihr wollt – an Begeisterung im unverfälschten Sinn des Wortes glaub’ ich nicht. […]

Massenhypnose. Massenstimmung. Massenmeinung. Ich habe in einem Brief geschwärmt, daß ich noch nie so dankbar empfunden hätte, ein eigenes Blatt zu haben, wie grade jetzt, wo dies und das nicht länger verschwiegen werden dürfe. Und erhalte zur Antwort die Frage, ob ich endlich ganz verrückt geworden sei. Nichts davon kann heute gedruckt werden. Möglich ist: Gemeinplätze im Plakatstil zu deklamieren; der plattesten Zufriedenheit voll zu sein; dem Mob des Geistes die Worte von den Lippen zu nehmen – unmöglich: eine besondere Auffassung der Sachlage zu äußern. Erlaubt ist: Breitmäuligkeit; verboten: Unterscheidungsfähigkeit. Gekrönt wird: eine hemmungslose Kriegsdemagogie; gepönt: das Fragezeichen. Man wünscht eine feldgraue Uniform auch der öffentlichen Meinungsmacher. Deutsche Tageszeitung und Berliner Tageblatt sind tatsächlich nicht mehr auseinanderzuhalten. Aber müssen selbst die Wochenschriften …? Es wäre hart. Holde, freundliche Gewohnheit, das Dasein von mehreren Seiten zu betrachten, eine zerlegende Hirnkraft zu betätigen, für die Nuance das malende Wort an die rechte Stelle zu setzen – von dir soll ich lassen? Freiwillig: gern; wenn’s mir aus politischen oder kunstpolitischen Gründen nützlich erscheint. Gezwungen: in tormentis. Weswegen solch ein Zwang? Es ist ja nicht zu erwarten, daß ich die kindische Absicht haben werde, zum Widerstand gegen die Staatsgewalt aufzureizen oder durch kalten Spott einer unbedingt grandiosen Sache Abbruch zu tun – denn wem tät’ ich damit mehr Abbruch als mir! Ein Staat jedenfalls, der diese Mobilmachung leistet, der sich furchtlos nach zwei Fronten wehrt, der es mit der Hölle selbst aufnähme: der hat wahrhaft nicht nötig, die unschuldige Preßfreiheit eines kleinen Literaten einzuschränken, welcher nichts besitzt als sie. Ich werde mir in den nächsten Tagen vom Herzen herunterreden, was es bedrückt, und bin überzeugt, daß nichts gestrichen wird. […]

Sonntag, am neunten August. Der Zug wird dreizehn Stunden fahren. Nachdem der Bahnhofsschutzmann einen letzten Versuch gemacht hat, mich, dieses Mal als „Südfranzosen“, zu verhaften, aber vor der Durchschlagskraft meines Passierscheins kapituliert hat, steh ich endlich auf dem Bahnsteig. […] Ich stehe von früh um Elf bis nachts um Zwölf auf einem Fleck des Ganges, kann mich selten rühren und finde märchenhaft, was ich hier sehe. Keiner drängt, Keiner schimpft, Keiner klagt, Keiner wird müde. Jeder ist höflich, jeder ist lustig, jeder teilt mit jedem, was er zu essen bei sich hat oder auf den Stationen geschenkt bekommt – vom Oberlandesgerichtsrat bis zum Laufburschen. In Ludwigslust wird ein mächtiger Korb voll frisch gepflückter Kirschen, etwa fünfundzwanzig Pfund, weniger hereingereicht, als hineingeworfen. Ich fange ihn. Meine schöne, weizenblonde, knusprig braun gebrannte Nachbarin dreht aus meinen Zeitungen Tüten, ich fülle sie, ein Dritter verteilt sie, und als nach dieser erquickenden Mahlzeit eine Lehrerin ein humoristisches Danklied anstimmt, singen alle mit. Der Krieg wird nicht vergessen. Jeden Bahnhof schützen würdige Privatpersonen mit einer Flinte über der Schulter des schwarzen Sonntagsrocks. Andre tragen Kopfbedeckungen und Wehrgehänge, die den Dreißigjährigen Krieg erlebt zu haben scheinen. Familien nehmen Abschied von den Ihren. „Adjüs, min Korl“, ruft Vetter Michel irgendwo vor Wittenberge, „auf Wiedersehn im Massengrab!“ Der Rufer ist so drollig, daß nicht einmal dieser hanebüchene Satz verletzt. Auch die berlinischen Humore blühen. Zwei siebzehnjährige Bengels schildern, wie sie, durch ein Papier als Kriegsfreiwillige beglaubigt, seit einer Woche kreuz und quer herumkarjolen, von Regiment zu Regiment, nichts tun, das Deutsche Reich besehen, unterwegs mit Liebesgaben überschüttet werden und manchmal gar noch bares Geld erbeuten – schildern das mit einer Drastik, die der Peinlichkeit des Unternehmens einen Teil von ihrer Schärfe nimmt. Dem Volk wird jeder Tag zum Fest und selbst ein Riesenkrieg zur Industrie. Daneben lehnt ein Fähnrich der Marine. Wie aus den Büchern von … Verdammtes Kritikermetier! Umschattet. Spricht in den dreizehn Stunden keine Silbe. Lächelt nur manchmal, wenn den Witzen wirklich nicht zu widerstehen ist, ernst, beinah bitter. Man hat genügend Zeit, sich eine Kindheit, einen Landsitz, eine Mutter, Schwestern, andre Frauen auszumalen. Adlig, als wäre dieses Wort auf ihn geprägt. Voll Zucht in jeder Handbewegung. Bescheiden und doch selbstbewußt. Antinoos aus Holstein. (Verdammtes …!) Seine Gegenwart ist wie ein Hauch von wundervoller Schwermut über aller Ausgelassenheit. Man wird in solchen dreizehn Stunden doch wohl mürbe. Denn ich denke mir, als wäre ich die Gartenlaube: Wenn dieser eine Mensch von zweiundzwanzig Jahren, dies Abbild der Gesundheit, Schönheit, Kraft, nicht aus dem Krieg zurückkehrt, ist der Gewinn des Kriegs zu hoch bezahlt. Zwölf Uhr. Der Lehrter Bahnhof. Extrablätter: Viertausend Belgier gefangen. Der ganze Höllenlärm und Hexensabbat meiner teuern Vaterstadt. Ich bin da, wo ich doch nun einmal für die schwärzere Hälfte jedes Jahres hingehöre, und gehe morgen früh an meine Arbeit. Gute Nacht!


In: Die Schaubühne, 27. August / 17. September / 8. Oktober 1914. Wieder in: Friedhelm Greis, Stefanie Oswalt (Hg.): Aus Teutschland Deutschland machen. Ein politisches Lesebuch zur „Weltbühne“. Lukas Verlag, Berlin 2008, S. 68-72

Citas atribuidas falsamente a Kurt Tucholsky

En internet se encuentran muchas citas que se atribuyen falsamente al periodista y escritor alemán Kurt Tucholsky.

Usarios de habla española citan frequentemente el aforismo consiguiente:

La ventaja de ser inteligente es que así resulta más fácil pasar por tonto. Lo contrario es mucho más difícil.

o:

La gente inteligente puede hacerse la tonta, lo contrario es más difícil.

Eses dichos no se encuentran en toda la obra de Tucholsky.

Por favor, no los distribuyan en los medios sociales como Twitter o Facebook.

¡Muchas gracias!

(Deutsche Version des Artikels)

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5.12.2003

Die verruchte Lüge

Von Georg Metzler

Für jeden braven Durchschnittsdeutschen gilt als unumstößliche Tatsache, daß ein ungeheuer schweres, unverdientes Geschick unser friedliebendes, arbeitsames, unschuldiges Volk getroffen hat. Keine Enthüllungen, keine noch so überzeugenden dokumentarischen Beweise, keine der unzähligen Erklärungen, keine Stellungnahme des gesamten Erdballs kann eben dieses Volk in seiner Überzeugung wankend machen, daß es bieder, fromm und stark einen heiligen Verteidigungskrieg gegen eine Welt von Feinden durchgekämpft und, dank einer genialen militärischen Führung, „unbesiegt“ zu Ende gebracht hat. Keine unanfechtbare und unbestreitbare Tatsache kann ihm die Überzeugung erschüttern, daß nur eine Komplikation von unheilvollen Umständen: die vorübergehende Schwäche und nervöse Überreizung eines sonst unüberwindlichen Feldherrn, die Hetze und die tückischen Zetteleien vaterlandsfeindlicher Schurken in der Heimat, der Eidbruch nichtswürdiger, verführter, treuloser Truppen ihm im letzten Augenblick den sonst unentreißbaren Sieg frevelhaft entrissen hat. Nur schnöde Ränke in der Heimat haben, so glaubt dieses Volk, dem tapfern und unbezwungenen Frontheer den Dolch in den Rücken gestoßen; nur noch ein viertel, ein halbes Jahr durchgehalten, und alle Feinde Brandenburgs, Preußens und Deutschlands lagen endgültig im Staube. So die deutsche Durchschnittsmeinung. Um diese, in jedem einzelnen Worte erlogenen Behauptungen zu glauben, dazu gehört nicht bloß ein erheblicher Mangel an sittlichem Gefühl, an Fähigkeit zur Selbstprüfung und Selbstkritik, sondern ein Maß von Einfalt, die nur ein seit hundert Jahren im Knechtssinn und Kadavergehorsam erzogenes Volk aufzubringen vermag. Der Krieg ist in keinem Stadium ein Verteidigungskrieg gewesen. Darüber muß sich heute jeder Mensch klar sein, der auch nur eine einzige Stunde unbefangen die zahllosen Dokumente durchsieht, die seit Jahren, und heute freier als je, dem prüfenden Blicke vorliegen. Die Phrase vom Verteidigungskrieg ist eine Lüge.

Und der Krieg ist militärisch verloren worden, wie in der ganzen Weltgeschichte kaum jemals ein Krieg verloren worden ist. Soll es ein Einwand sein, daß die eigentliche Katastrophe nicht eingetreten ist? Man hat sie nicht abgewartet. Aber sie war unabwendbar, und die deutschen Heerführer haben sich ihr nur dadurch entzogen, daß sie um bedingungslose Kapitulation gebeten haben. Hätte man den Krieg – das ist die mündlich und schriftlich von der deutschen Obersten Heeresleitung wiederholt kundgegebene Meinung – auch nur noch vier Monate fortgesetzt, so war im Februar, spätestens März 1919 die militärische Zerschlagung auch der Westfront unvermeidbar. Oder glaubt man wirklich, daß Hindenburg die Kapitulation sonst gebilligt hätte? Oder gibt es irgendeinen Dummkopf im Deutschen Reich, der für denkbar hält, daß derartige, für die Existenz eines ganzen Landes entscheidenden Entschlüsse nicht von allen obersten Heerführern nachgeprüft worden waren, bevor man sie dem Feinde unterbreitete? Deshalb ist es die zweite Lüge, von einem unbesiegten Herr zu fabeln, bloß weil dies Herr am Leben und infolge einer bedingungslosen Kapitulation in seinen Cadres aufrecht geblieben ist. Es soll noch garnicht einmal daran erinnert werden, daß der ganze Süden und Südosten Deutschlands den andrängenden Ententeheeren nach der Zerschlagung Österreichs, nach dem Abfall Bulgariens und der Türkei schutzlos offen lag, und daß die feindlichen Heere über Wien, Dresden und München den Zugang zum Herzen Deutschland ohne große Mühe gefunden hätten. Nein, das deutsche mußte früher oder später geschlagen werden, weil einer ungeheuern, militärisch, technisch wirtschaftlich und allmählich auch moralisch beispiellos überlegenen Macht gegenüberstand.

Und deshalb zum Dritten: die von meuternden Truppen herbeigeführte Revolution war, was ohne weiteres klar ist, die Folge des militärischen Zusammenbruchs. Es ist wiederum eine Lüge, sie als die Ursache hinzustellen, und es ist traurig genug, daß diese Revolution wiederum erst als Folgeerscheinung eines verlorenen Krieges auftreten konnte, daß die Truppen erst durch dies Gefühl der Niederlage Mut und Stoßkraft bekamen, um ein unerträglich gewordenes Joch abzuschütteln. Und hundertmal recht haben die Feinde, wenn sie immer wieder darauf hinweisen, daß Wilhelm und die andern deutschen Fürsten nur darum weggejagt worden sind, weil sie diesen Krieg verloren hatte. Als ob nicht die deutschen Machthaber Strafe und Untergang verdient haben, weil sie diesen verbrecherischen, jedem göttlichen und menschlichen Recht hohnsprechenden Krieg angefangen, und weil sie ihn mit den ruchlosesten Mitteln weitergeführt haben – keineswegs, weil sie ihn verloren haben! Vielleicht war es die einzige gute Tat dieser Menschen, daß sie rechtzeitig den bevorstehenden militärischen Zusammenbruch erkannten und danach handelten.

Vier Jahre lang ist das deutsche Volk morgens, mittags und abends über Ursache, Ursprung und Führung des Krieges belogen und betrogen worden; freilich hats diese Lüge auch nur zu willig hingenommen. Und nun, wo die Möglichkeit gegeben wäre, die Wahrheit zu erkennen, wo man sich Klarheit auch über die Grausamkeiten in der deutschen Kriegführung verschaffen könnte: da geht es weiter mit der alten Lügerei, da wird weiter in der deutschen Seele die Überzeugung genährt, Deutschland, das unschuldige Volk, habe einen, den heiligen Krieg verloren und werde jetzt von übermächtigen Feinden grausam gemartert.

Völlig ratlos und ohne jede Spur von Verständnis steht die ganze übrige zivilisierte Welt vor dieser deutschen Mentalität; sie kann sie nicht begreifen und schließt naturgemäß auf eine gradezu unfaßbare Roheit und Halsstarrigkeit des Denkens und Fühlens. Diejenigen aber, die das deutsche Volk in den Glauben versetzen wollen, das Eingeständnis seiner Schuld würde die Friedensverhandlungen erschweren, lügen in ihren Hals. Bleibt es in Deutschland so, wie es jetzt ist, bleiben alle Diejenigen im Amte, die die Verbrechen von 1914 mit Wort und Tat gedeckt und geschützt haben: dann kann und wird nicht die Rede davon sein, daß Deutschland als gleichberechtigter Faktor in den Bund der freien Völker eintritt. Solange die Überzeugung vom Verteidigungskrieg, von dem unbesiegten Heere, von der Härte der Gegner im deutschen Volke lebendig bleibt, kann und wird in den andern Völkern des Erdballs der Gedanke nicht verschwinden, daß dieses deutsche Volk fortan auf Rache sinnen und zu neuen Verbrechen schreiten wird. Unfehlbar und unvermeidlich würde die Welt einen geistigen und wirtschaftlichen Schützengraben rings um Deutschland ziehen, den der Mitteleuropäer Friedrich Naumann ja ohnehin schon ziehen wollte, und damit wäre das Los unsres Volkes für ewige Zeiten besiegelt, damit würden wir, und zwar durch eigene Schuld, endgültig und für immer zum Helotenvolk in der Welt.

Es ist die alte, vier Jahre hindurch erlebte, furchtbare Tragödie: Während die ganze Welt sich schaudern abwandte von den durch Deutsche begangenen Freveltaten, von einer hinterlistigen, abwechselnd feigen und brutalen Politik, träumte man in Deutschland von Siegen, hißte man die Fahnen und feierte freudetrunken Böllerschüsse ab, und nur eine ganz kleine Schar ahnte, daß auf diesem Wege des Verbrechens und des Grauens nie ein Volk zu Glück und Größe schreiten könne. Die gesamte „Intelligenz“ des Landes dachte, sprach und schrieb mit der bornierten Engstirnigkeit technisch tüchtiger, aber in ihrem ganzen Denken doch kümmerlich begrenzter Menschen, und jedes Wort, das zu reinern und freiern Höhen wies, wurde verhöhnt, beschimpft, jeder unabhängige Kopf unschädlich gemacht.

Und nun wiederholt sich die deutsche Tragödie mit umgekehrtem Vorzeichen. Diejenigen Elemente in unserm Staatsleben, die, in der Politik auf der äußersten Linken stehend, das Verbrechen dieses Krieges von Anfang an richtig erkannt und beurteilt haben – sie treiben jetzt im Innern die Politik kindlicher Narren. Den preußisch-deutschen Obrigkeitsstaat, auf Autorität und Gehorsam gegründet wie kein zweiter in der Welt, militärisch-bürokratisch verankert und gefestigt, wollen sie in wenigen Wochen nicht nur zum freien Volksstaat, sondern zu einem sozialistisch-proletarischen Gemeinwesen umformen! Fürwahr eine Wahnsinnstat, wie sie nur ein verträumtes Russengehirn oder deutscher Doktrinarismus ausbrüten kann. Diejenigen wiederum, die die Kriegsjahre hindurch sich des Verbrechens der Beihilfe durch Tat oder Rede schuldig gemacht haben – sie vertreten heute im öffentlichen Leben das Prinzip der Vernunft und einer organischen Entwicklung. Aber um sich zu halten, um nicht ihre Hehlerschaft zugestehen zu müssen, verhindern sie die Aufrollung der Schuldfrage und hemmen dadurch und durch die Belassung der schuldbeladenen Persönlichkeiten an amtlichen Stellen den friedlichen Ausgleich mit den frühern Feinden. Als ob die Schuldfrage ein akademisch-historisches Problem wäre! Sie wahrhaftig alles andre: sie ist die zentrale Frage, von deren richtiger Beantwortung nicht nur die Zukunft, sondern die ganze Existenz des deutschen Volkes einzig und allein abhängt. Es gibt für uns heute keine Fortexistenz, kein freies Fortleben mehr mit sämtlichen andern Völkern der Erde, wenn wir nicht die Schuldigen entlarven, sie der Verantwortung und Bestrafung überliefern und unzweideutig erklären, daß wir die begangenen Verbrechen verdammen und ihre Wiederholung zu verhüten wissen wollen. Nur eine von Mitschuld freie Regierung hat auch die nötige innere Stärke, Unbefangenheit und Autorität, um mit Spartacus und allen ihm verbündeten Elementen fertig zu werden, nur eine solche Regierung, die nicht kompromittiert, nicht vor dem Ausland fluch- und schuldbeladen ist, kann im Inland mit starker Hand aufrührerische Elemente niederhalten. Deshalb kann es nur eine einzige Rettung geben. Die Führer der Mehrheitssozialisten, deren innere Politik im Ganzen durchaus vernünftig ist, müssen trotzdem von ihren Stellen verschwinden und Parteigenossen Platz machen, die vor dem Ausland den Fluch der Mitschuld nicht tragen. Das würde auch eine Verständigung mit den Unabhängigen ermöglichen, die ja im Grunde sich von den Mehrheitssozialisten nur in der Schuldfrage unterscheiden. Findet die Sozialdemokratie unkompromittierte Männer als Führer, so könnten diese mit ebenfalls unkompromittierten Persönlichkeiten aus der bürgerlichen Demokratie zusammen eine wirklich aktionsfähige Regierung bilden, die Ansehen und Glauben im Ausland und im Inland fände.

Nur die Wahrheit, nur die Abkehr von der Lüge kann unser Volk retten, kann die Brücke zu der Mitwelt wieder schlagen. Und nur die Regierung selbst kann diese Wahrheit offen, freimütig und würdig bekennen und kann mit ihren Machtmitteln dafür sorgen, daß diese Wahrheit Gemeingut des ganzen Volkes werde. Eine Regierung aber, die sich gegen das Bekenntnis der Wahrheit und ihre Verbreitung im Volke sträubt und sträuben muß, weil sie sich selbst damit anprangern würde, wird das deutsche Volk niemals vom Untergang retten.

In: Die Weltbühne vom 9. Januar 1919, S. 34–37, Wieder in: Friedhelm Greis/Stefanie Oswalt (Hg.): Aus Teuschland Deutschland machen. Ein politisches Lesebuch zur Weltbühne. Berlin 2008, S. 76-79

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