22.12.2017

Kästner, der kleine Dienstag und die vermisste Weltbühne

Wenn man abends durch die Fernsehkanäle zappt, passiert es eher selten, dass zwei Schauspieler sich gegenseitig Weltbühne-Gedichte vorlesen. Das besondere Ereignis war am 21. Dezember 2017 in der ARD zu erleben. In diesem Falle war es kein vorgezogenes Weihnachtswunder, sondern ein biografischer Film über den Schriftsteller und Journalisten Erich Kästner, „Kästner und der kleine Dienstag“.

An sich ist der Film gut gemacht. Unterhaltsam und pädagogisch fast so wertvoll wie „Emil und die Detektive“ oder „Das doppelte Lottchen“. Die FAZ lobte die „halbbiografische Annäherung“ als den „vielleicht schönsten Weihnachtsfilm dieses Jahres“. In der Tat hat der Film einige starke Szenen, wie beispielsweise die Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz, die Kästner im Gegensatz zu den anderen, meist schon exilierten oder inhaftierten Autoren der verbrannten Bücher mit eigenen Augen angesehen hat.

Was einem auf die Dauer jedoch unangenehm auffällt, ist der sehr freie Umgang mit dem literarischen Material und seiner Veröffentlichungspraxis. Das grenzt bisweilen an Geschichtsklitterung. Die Existenz von Zeitschriften wie der Weltbühne wird beharrlich verschwiegen, obwohl die darin veröffentlichten Texte in dem Film eine wichtige Rolle spielen. Mehrere pazifistische und anti-nationalistische Gedichte Kästners werden ausgiebig zitiert. Darunter „Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn“ (1928), „Die andere Möglichkeit“ (1929), „Ganz rechts zu singen“ (1930) und „Primaner in Uniform“ (1929).

Doch beim Zuschauer entsteht der Eindruck, die Gedichte seien wegen ihrer Brisanz damals gar nicht veröffentlicht worden. Als hätte sich kein Medium getraut, die kritischen Texte zu drucken. So zitiert Kästners Freund Erich Ohser (e.o.plauen) in einem Kaffeehaus aus dem Gedicht „Ganz rechts zu singen“, das nach den Reichstagswahlen vom September 1930 in der Weltbühne erschienen war. Im Film ist die Szene aber nach der Machtübernahme Adolf Hitlers im Januar 1933 angesiedelt. Ohser sagt nach der Lektüre: „Mir gefällt’s. Aber wenn Du es gedruckt sehen willst, musst Du Dich beeilen. Jacobsohn sagt, sie hat schon ihre Koffer gepackt. Sagt, sie geht nach Wien, wenn Hitler durchkommt.“

Eine merkwürdige Einschätzung. Zum einen war es kaum vorstellbar, zu diesem Zeitpunkt noch einen solchen Text in einer deutschen Zeitschrift zu drucken. Kästners letztes Gedicht in der Weltbühne, „Die scheintote Prinzessin“, war wenige Tage zuvor erschienen und noch sehr gewagt, obwohl darin nicht die Nazis, sondern nur Kaiser Wilhelm II. direkt angegriffen wurde. Zum anderen ist es eben so, dass Kästner zusammen mit Weltbühne-Autoren wie Kurt Tucholsky oder Carl von Ossietzky seit Jahren mit solchen Texten gegen die Nazis angeschrieben hatte. Nach der Machtübernahme war es mit den Warnungen und dem Spott längst zu spät. Von der Gefahr für Leib und Leben ganz abgesehen.



Erschien tatsächlich in der Weltbühne: Kästners Gedicht „Die andere Möglichkeit“
(Zum Vergrößern bitte anklicken)

Ebenfalls fragt sich der Zuschauer, warum Edith Jacobsohn so schnell vor den Nazis fliehen musste. Aber sie war nicht nur als Kinderbuchverlegerin und Jüdin gefährdet, sondern vor allem, weil sie als Witwe von Siegfried Jacobsohn nach dessen Tod im Dezember 1926 auch notgedrungen die Verlegerin der Weltbühne geworden war. Wenn man aber die Existenz der Zeitschrift beharrlich verschweigt, ist es schwierig, solche Details einzuflechten. Bei einem Film, der ansonsten viel Wert auf historische Ausstattung legt, hätte es nicht geschadet, wenn Kästner oder Jacobsohn einmal eines der kleinen roten Hefte aus der Tasche gezogen hätten. Davon abgesehen: Edith Jacobsohn emigrierte zunächst auch deswegen nach Wien, weil die Weltbühne dort schon im September 1932 eine Dependance eingerichtet hatte, um auf das Verbot der Zeitschrift in Deutschland vorbereitet zu sein. Später ging Jacobsohn in die Schweiz und nach England, wo sie Ende 1935 starb.

Ebenfalls merkwürdig in dem Film: Als sein kindlicher Fan Hans Löhr ihn um einen Text für die Schülerzeitung bittet, zieht Kästner unter seinem Schreibtisch eine Kladde mit dem Gedicht „Die andere Möglichkeit“ hervor. Auch in diesem Fall entsteht der Eindruck, als wäre die Veröffentlichung des Textes anschließen nicht nur von der Schülerzeitung, sondern auch von allen anderen Medien verweigert worden. Dabei erschien er ebenfalls schon 1929 in der Weltbühne. Diesen Text mit den prägnanten Schlussversen „Wenn wir den Krieg gewonnen hätten – zum Glück gewannen wir ihn nicht!“ hätten die Nationalisten Kästner nicht verziehen, notierte Tucholsky später. Und natürlich auch der Weltbühne, die ihn gedruckt hatte.

Beim unbedarften Zuschauer bleibt haften: Kästner hat in der Weimarer Republik viele pazifistische Gedichte geschrieben, aber veröffentlicht wurden nur die netten Kinderbücher, weil sich kein Medium für die kritischen Texte fand. Man fragt sich bisweilen, wie Hans überhaupt an die Gedichte wie „Primaner in Uniform“, die er später zitiert, herangekommen ist.

Der trotz allem sehenswerte Film ist noch bis zum 31. März 2018 in der ARD-Mediathek zu finden oder lässt sich über diesen Link direkt herunterladen.

Wie Tucholsky seinen Weltbühne-Kollegen literarisch bewertete, schrieb er 1930 in seiner Sammelrezension „Auf dem Nachttisch“ auf. Passend zum Film darin die Stelle:

Demgegenüber stehen nicht nur prachtvolle politische Satiren wie „Die andere Möglichkeit“, ein Gedicht, das ihm die deutschen Nationalisten heute noch nicht verziehen haben, weil es die Zeile enthält: „Wenn wir den Krieg gewonnen hätten“ mit dem Schluß: „Zum Glück gewannen wir ihn nicht“. Oder „Primaner in Uniform“, ein famoser Hieb gegen die chauvinistischen Pauker.

Sowie:

Was immer zu bejahen ist, ist seine völlige Ehrlichkeit. Wo er nicht weiß, da sagt er: Ich weiß nicht. Das Gedicht „Kurt Schmidt, statt einer Ballade“ haben ihm Proletarier übelgenommen, weil es mit einem Selbstmord endet – das Gedicht stand bei uns, und ich habe merkwürdige Briefe bekommen.

Es war für Kästner alles andere als egal, wo er seine Texte veröffentlichte. Und bei manchen konnte es wohl nur die Weltbühne sein.

1.10.2015

Zum Gedenken an Volker Kühn

2015 scheint das Jahr zu sein, in dem uns die alte Garde der Tucholsky-Fans für immer verlässt. Nach Fritz J. Raddatz, Roland Links und Gerhard Zwerenz starb zuletzt Volker Kühn. Während Raddatz (im Westen) und Links (im Osten) die gedruckte Verbreitung von Tucholskys Werk entscheidend beeinflussten, versuchte Zwerenz mit der 1979 erschienenen Biographie einige der damals noch großen Lücken in der Tucholsky-Forschung zu schließen. Kühn gehörte in den sechziger und siebziger Jahren zu den prägenden Figuren der westdeutschen Kabarettszene. Daneben war er ein hervorragender Kenner der Kabarettgeschichte. Seinen Stern im „Walk of Fame“ in Mainz hat er sich redlich verdient.

Während „Dandy“ Raddatz die gut dotierte Tucholsky-Stiftung ins Leben rief, engagierten sich Links und Kühn jahrzehntelang ehrenamtlich in der Tucholsky-Gesellschaft. Legendär waren die Matineen im Deutschen Theater, die Kühn zur Verleihung des Tucholsky-Preises regelmäßig inszenierte. 2005 brachte er für das Programm „Eisler meets Tucholsky“ stattliche 16 Schauspieler und Sänger auf die Bühne. Darunter Gisela May, Rainer Basedow, Maxim Mehmet, Ilja Richter und natürlich seine Frau Katharina Lange. Selbstverständlich, dass alle Beteiligten nur Volker Kühn zuliebe auftraten und auf ein Honorar verzichteten.



Volker Kühn (m.) neben der Sängerin Gisela May
(Zum Vergrößern bitte anklicken)

Seine letzte Preisverleihung arrangierte „Vauka“ im Jahr 2007 mit „Musik und Lyrik gegen den Krieg“. Zum 75. Todestag Tucholskys stellte er in der Berliner Akademie der Künste ein Programm mit dem Titel „Fisch sucht Angel oder: Die im Bett hat immer Recht“ mit Katharina Lange und Walter Plathe auf die Beine. Sein letztes Tucholsky-Programm wurde im März 2013 im Deutschen Kabarettarchiv in Mainz aufgeführt.

Dabei hatte Kühn schon seit Jahren große gesundheitliche Probleme, die ihn in seinem Schaffensdrang stark behinderten. „Ein großes Herz hat aufgehört zu schlagen“, heißt es nun auf seiner Website. Das Herz eines „schöpferischen Menschen, der viele, viele positive Spuren hinterlassen hat“. Nicht für das Kabarett im allgemeinen, sondern auch sehr für das Erbe Tucholskys.


Volker Kühn auf der Veranstaltung zum 75. Todestag Tucholskys

Links zu Nachrufen auf Volker Kühn

Der Tagesspiegel: Ich lache Tränen, heule Heiterkeit

Frankfurter Rundschau: Zum Tod des Kabarett-Autors Volker Kühn

Berliner Zeitung: Der Virtuose im Hinschauen

30.9.2015

Tucholsky before the Gates

Die traditionsreiche Berliner Restaurantion Tucholsky in der Torstraße hat seit einigen Wochen geschlossen. Das ist schade, denn der Wirt Lutz Keller hatte sich von Beginn an darum bemüht, seinen Gästen den Namenspatron seines Lokals näher zu bringen. Schon vor der Wende, 1987, hatte Keller die „Tucholsky Stuben“ am nördlichen Ende der Tucholskystraße eröffnen wollen. Doch auf Protest von Tucholskys Großcousine Brigitte Rothert musste Keller vorübergehend den Namen ändern. „Zur alten Tankstelle“ hieß die Kneipe dann bis 1993, als ihr Name schließlich in „Restauration Tucholsky“ umgeändert wurde.

Damit ist es nun vorbei.

Doch Tucholsky bleibt der vielfältigen Berliner Kneipenlandschaft erhalten. Aber nicht wie gehabt. Der neue Kneipenname lautet: „Tucholsky’s“.

Das tut schon weh. Das schicke, in der Ankündigung typografisch falsche Apostroph kommt offenbar aus dem Englischen. Und Englisch ist hip. Und die hippen Touristen oder noch hipperen Hipster sind offenbar die Zielgruppe für den neuen Laden in der Gate Street.

Da passt es gut, dass die rührige Eva Schweitzer einen weiteren Band mit Tucholsky-Texten ins Englische übersetzen ließ: Prayer After the Slaughter. Passend zum allgegenwärtigen Gedenken an den Ersten Weltkrieg vor 100 Jahren enthält der schmale Band einige Texte, die Tucholsky im und nach dem Krieg geschrieben hat. Anders in der Textsammlung Berlin! Berlin! sind der englischen Übersetzung die deutschen Originaltexte gegenüber gestellt.

Der Band enthält bekannte Gedichte wie „Memento“ (1916), „Krieg dem Kriege“ (1919) und „Gebet nach den Schlachten“ (1924). Zu den längeren Prosatexten gehören die Kriegsbetrachtungen „Die Katze spielt mit der Maus“ (1916), „Das Grammophon“ (1916) und ein Teil der aufsehenerregenden Militaria-Serie, „Unser Militär“ (1919). Peter Appelbaum und James Scott übersetzten die 21 Texte. Von dem New Yorker Germanisten Noah Isenberg stammt ein kundiges Vorwort. Darin beschreibt er, wie sein Interesse an Tucholsky Anfang der 1990er Jahre entstand:

I remember becoming increasingly interested in this seemingly obscure literary figure known as Tucholsky, who despite having been translated into some fourteen languages had not found much of an Anglo-American critical reception.

Vielleicht greift das neue „Tucholsky’s“ eine Idee seines Namenspatrons auf und belebt die Bücherbar, Verzeihung, Book Bar, wieder neu. Für fünf getrunkene Cocktails erhalten die Gäste ein Exemplar des englischsprachigen Kriegsbuches oder von Berlin! Berlin!. Das würde der anglo-amerikanischen Tucholsky-Rezeption sicherlich nützen und wäre wirklich hip.

Nachtrag vom 3. Dezember 2015

Das „Tucholsky’s“ hat im Oktober dann doch noch eröffnet. Ein Besuch scheint aber nicht zu lohnen. Zumindest dann, wenn man etwas essen will und der vernichtenden Gastro-Kritik der Berliner Zeitung vertraut.

Mein Abend im Tucholsky’s begann zunächst einmal damit, dass sich alles in mir gegen den Apostroph sträubte. Ich vermute, die Betreiber wollten es nach englischer Manier schreiben. Aber in Berlin ein Restaurant Tucholsky’s zu nennen, halte ich für einen Fehler.

schreibt die Autorin Tina Hüttl. Das Essen war nicht besser als die Orthografie:

Ein Kollege, der mich begleitete, sprach von „solidem Kantinenniveau“. … Gut, könnte sein, dass die Küche Braten und Knödel nicht beherrscht, doch die anderen Gerichte auf der sehr deutsch gehaltenen Karte waren nicht besser. … Und gegen die Beilage, eine aus dem Wasser gezogene halbierte Fenchelknolle mit Rosmarinzweig, rebellierten meine Geschmacksnerven.

Hüttls Fazit: „Wären sie nur beim Cuba Libre geblieben.“

27.2.2015

Fritz J. Raddatz ist tot

Der Literaturkritiker und Verleger Fritz J. Raddatz ist am 26. Februar 2015 im Alter von 83 Jahren gestorben. Raddatz hatte seit Beginn der 1950er Jahre maßgeblich die Tucholsky-Rezeption in Deutschland geprägt. Zusammen mit Tucholskys zweiter Ehefrau und Alleinerbin Mary Gerold gab Raddatz die Gesammelten Werke und zahlreiche andere Auswahl- und Briefbände Tucholskys heraus. Gemeinsam mit Gerold gründete er 1969 die Kurt Tucholsky-Stiftung, die nach dem Tode Gerolds im Jahr 1987 die Urheberrechte an Tucholskys Werk verwaltete. Die Stiftung förderte mit den Einnahmen zu einen die wissenschaftliche Aufarbeitung von Tucholskys Leben und Werk, zum anderen vergibt sie weiterhin Stipendien.

Raddatz hatte schon Anfang 2012 den Vorsitz der Stiftung niedergelegt und an eine Hamburger Kanzlei weitergegeben. Im September 2014 kündigte er dann an, sich aus dem aktiven Journalismus zurückzuziehen und erklärte: „Ich habe mich überlebt.“ Dabei zitierte er ein letztes Mal Tucholsky: „Vorbei, verweht, nie wieder.“

Medienberichten zufolge nahm sich Raddatz in der Schweiz das Leben. Postum erscheint noch das Buch Jahre mit Ledig, seine Erinnerungen an den Verleger Heinrich-Maria Ledig-Rowohlt, dessen Stellvertreter er neun Jahre lang war. Raddatz hatte Ledig-Rowohlt 1952 in Hamburg kennengelernt, als er von Ost-Berlin in den Westen gefahren war, um über eine gesamtdeutsche Tucholsky-Ausgabe zu verhandeln. Welch große Bedeutung diese Reise für sein Leben haben sollte, ging auch aus Raddatz‘ Autobiografie Unruhestifter hervor. Aus Anlass von Raddatz‘ Tod hier noch einmal eine Rezension des 2003 erschienenen Buches:

Gesammelte Wertungen

Unter den vielen Promi-Biographien im Herbst 2003 ist sie aus Sicht von Tucholsky-Lesern die interessanteste: „Unruhestifter“, die Erinnerungen von Fritz J. Raddatz. Der Vorsitzende der Kurt Tucholsky-Stiftung und Mitherausgeber seiner Werke dürfte neben Mary Gerold-Tucholsky die Rezeption des Schriftstellers nach 1945 am stärksten beeinflusst haben. Dass sich das deutsche Feuilleton (siehe Links) begierig auf die Memoiren des 72-Jährigen stürzte, hatte jedoch andere Gründe. Als Vize-Chef des Rowohlt-Verlages und Feuilleton-Chef der „Zeit“ war Raddatz jahrzehntelang einer der schillerndsten Figuren des deutschen Literaturbetriebs. Er kannte alle. „Viele Berühmte werden das Buch von hinten, vom Namensregister her lesen“, spekulierte daher die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“. Derjenige, zu dem es die meisten Registereinträge gibt, wird dies jedoch nicht mehr können: Kurt Tucholsky. Schon das Namensregister zeigt daher, wie eng Raddatz verlegerisches Wirken über mehrere Jahrzehnte mit diesem Autor verknüpft war.

Dabei verlief die erste Begegnung mit dessen Werk eher ernüchternd. Ende der 40er Jahre stieß der junge Germanistikstudent Raddatz in einem Berliner Antiquariat auf ein Exemplar von Theobald Tigers „Fromme Gesänge“.[1] Da er keine Ahnung hatte, dass sich dahinter der Autor Tucholsky verbarg, musste er sich von einem Kommilitonen eine herbe Kritik anhören: Wer so etwas nicht wisse, solle doch lieber keine Germanistik studieren. Doch die Begeisterung für Tucholsky war bei Raddatz geweckt. Auch beruflich.

Lockenkrull trifft Königin

Der Plan einer gesamtdeutschen Tucholsky-Ausgabe war es denn auch, der Raddatz im Frühjahr 1953 eine offizielle Reise in den Westen verschaffte.[2] Der 22-Jährige war damals stellvertretender Cheflektor des DDR-Verlages „Volk und Welt“ und besuchte in Hamburg zunächst den Rowohlt-Verlag, der vor und nach dem Zweiten Weltkrieg Sammelbände von Tucholsky und dessen Roman „Schloß Gripsholm“ gedruckt hatte. Nach einem kurzen Treffen mit Heinrich-Maria Ledig-Rowohlt fuhr Raddatz weiter ins oberbayerische Rottach-Egern, wo Tucholskys geschiedene Frau Mary Gerold-Tucholsky nach dem Krieg ein Haus gekauft hatte. Für Raddatz entwickelte sich aus der Begegnung eine „immer stabiler werdende Beziehung“, eine der „großen, wichtigen und verlässlichen meines Lebens“. Raddatz widmet Mary, die er seine Königin – „ma reine“ – nennt, ein eigenes Kapitel in dem Buch. Die Tucholsky-Erbin gab dem jugendlichen Gast zunächst den Spitznamen „Locken-Krull“. Der Grund: Sein „hochstaplerischer Editionsplan“ und die „wilden schwarzen Locken“. Später habe sie ihn dann „Mein Fürst“ genannt. Auf ihrem Totenbett sprach sie von Raddatz gar als „Tucho“ und fragte ihre Betreuerin, warum dieser sie qua Testament als Urheberrechtserbin eingesetzt habe.

Das Verhältnis der beiden wurde jedoch auch von einem gewissen Misstrauen und „selbst anerzogener Kühle“ von Seiten Marys geprägt, wie Raddatz schreibt. Besonders habe ihn ihre Entscheidung getroffen, ihm nicht Tucholskys „Sudelbuch“ zu schenken, das er sich als „erstes, letztes und einziges Intimes“ gewünscht hatte.[3] „Wer, wenn nicht ich, wäre würdig, dieses Stück Tucho-Mary zu besitzen, das muss ich mich doch fragen“,[4] beklagte sich Raddatz später in einem Brief an seine „Königin“. Für die „FAZ“ ist der Brief charakteristisch für „diesen hypersensiblen Narziß in seiner grundverlorenen Einsamkeit“.
Raddatz schreibt es auch seiner Beharrlichkeit und seinem Vertrauensverhältnis zu Mary zu, dass diese schließlich einwilligte, die Briefe Tucholskys an sie zu veröffentlichen.[5] Auch die Gründung der Kurt Tucholsky-Stiftung mit der Übertragung der Urheberrechte gehe auf eine Anregung von ihm zurück.[6]

Gemeinsam gegen das Lottchen

Einig waren die beiden von Anfang an auch in der feindseligen Haltung gegenüber Lisa Matthias, deren Autobiographie „Ich war Tucholskys Lottchen“ im Jahre 1962 für Aufsehen und Empörung sorgte. In Raddatz‘ Memoiren kommt zwei Mal die Rede auf Tucholskys langjährige Geliebte. „Ich bin überzeugt, dass es eine sehr üble Sache werden wird, nicht nur, dass sie sich an Tucho rächen wird, weil er sie quasi herausgeschmissen hat, sondern sie wird auch Jauchekübel über mich ergießen und ‚Tatsachen‘ berichten, die von A bis Z erfunden sind“,[7] zitiert Raddatz aus einem Brief von Mary Gerold-Tucholsky aus dem Jahr 1961. Mit der „üblen Sache“ ist offensichtlich die „Lottchen“-Biographie gemeint, was Raddatz jedoch nicht erläutert und daher für die meisten seiner Leser nicht verständlich sein wird. Allerdings hätte er dann auch hinzufügen müssen, dass Matthias mitnichten Jauchekübel über die damalige Ehefrau Tucholskys auskippte und fast alle ihre Aussagen belegen konnte.

Raddatz bleibt mit seinem Vorgehen gegenüber Matthias damit seiner Linie treu. Noch immer steht in Raddatz‘ Vorwort zu den Gesammelten Werken der Satz, dass Tucholsky „Schloß Gripsholm“ in „nicht unbedingt liebenswürdiger Weise“[8] einer Autonummer gewidmet habe. Nun müsste Raddatz spätestens seit der „üblen Sache“ wissen, dass Lisa Matthias die Besitzerin des besagten Wagens mit der Nummer IA 47407 war. Außerdem habe sie diese Art der Widmung selbst vorgeschlagen, schreibt sie in ihren Memoiren[9]. Raddatz, für den Tucholskys „Gratwanderung zum Gradmesser eigener Arbeit wurde“[10], führe damit Millionen Leser bewusst in die Irre, wie Gerhard Zwerenz in seiner Tucholsky-Biographie vermutlich zu Recht behauptet.[11]

Kampf um Editionen

Mit einem anderen Vorwurf, wonach Raddatz und Gerold-Tucholsky eine Anzahl von Tucholskys „politisch oder erotisch schärfsten Produktionen“ nicht abgedruckt hätten, liegt Zwerenz jedoch falsch. Zwar fehlen in den Gesammelten Werken rund 1100 von 2900 Texten Tucholskys, doch von einer Entschärfung des Werkes kann nach kritischer Untersuchung der ausgewählten Stücke nicht die Rede sein.[12] Als wolle er diese These unterstützen, geht Raddatz ausführlich auf die Auseinandersetzungen um die Tucholsky-Ausgabe ein, die er in den fünfziger Jahren mit der DDR-Führung führte. „Der Kampf um die Tucholsky-Ausgabe – so rührend wie töricht – markiert meine DDR-Endzeit“[13] , heißt es in der Biographie. Auf mehreren Seiten schildert Raddatz den Streit mit der Zensurbehörde um den fünften Band der Ausgabe. Der Kampf endete schließlich mit der Flucht des damals 27-Jährigen aus der DDR. Zu einer ihm inzwischen wohlvertrauten Adresse: dem „Knusperhäuschen“ Mary Gerold-Tucholskys in Rottach-Egern.

Mit dem Abschluss der Gesamtausgabe wird die editorische Beziehung zwischen Raddatz und Tucholsky wohl ihr Ende finden. Von der Beziehung profitierten sicherlich das Werk und dessen Herausgeber. Allerdings versucht Raddatz auch den Eindruck zu erwecken, sein Wirken bei Rowohlt und der „Zeit“ sei letztlich an seiner dort ungewollten Radikalität gescheitert. Eine Radikalität, die unausgesprochen wohl eher in ein Blatt wie die „Weltbühne“ unter Siegfried Jacobsohn gepasst hätte. Richtig in Schwierigkeiten kam Raddatz durch Tucholsky nur einmal, als er einen Brief an einen Juden mit „Heil Hitler“ unterschrieb. Weil Tucholsky das ebenfalls so gemacht habe, sah Raddatz darin keinen Affront.[14] Es ist allerdings schwer vorstellbar, dass er seinen Abgang als Feuilletonchef bei der „Zeit“ mit einem Fauxpas zu Tucholsky beschleunigt hätte. Das war dem Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe vorbehalten.

Links zu Rezensionen der Raddatz-Biographie:

„Berliner Zeitung“: „Da war ich …“
Arno Widmann empfiehlt die Biographie als „egoman und verrückt, aber gerade darum großartig“

„FAZ“: Völlig aus dem Reim gegangen
Nach Ansicht von Heinz Ludwig Arnold hat es Raddatz leider nicht vermocht, ein Erinnerungsbuch der Republik zu schreiben.

„FAS“: Grüße aus dem Unruhestand
Nils Minkmar besucht Raddatz im Hamburger Büro der Tucholsky-Stiftung.

„Der Spiegel“: Torero und Weltenschlürfer
Die besten Sprüche und Verunglimpfungen aus „Unruhestifter“ hat Mathias Schreiber zusammengestellt.

„Die Zeit“: Kämpfe und Krämpfe
Der frühere „Zeit“-Chefredakteur Theo Sommer versucht einige Äußerungen von Raddatz richtigzustellen.

Fußnoten

[1] Raddatz, Fritz J.: Unruhestifter. Erinnerungen. München 2003, S. 83. Im Folgenden zitiert unter: Raddatz.

[2] Raddatz, S. 186

[3] Raddatz, S. 160

[4] Raddatz, S. 160f

[5] Raddatz, S. 144f

[6] Raddatz, S. 149f

[7] Raddatz, S. 151f

[8] Raddatz, Fritz J.: Vorwort. In: Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke. Herausgegeben von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Bd. 1. Reinbek 1985, S. 31

[9] Matthias, Lisa: Ich war Tucholskys Lottchen. Hamburg 1962, S. 249

[10] Raddatz, S. 145

[11] Zwerenz, Gerhard: Kurt Tucholsky. Biographie eines guten Deutschen. München 1979, S. 293

[12] Ackermann, Irmgard; Heß, Dieter; Lindner, Katrin: Zur Forschungssituation. In: Ackermann, Irmgard (Hg.).: Kurt Tucholsky: 7 Beiträge zu Werk und Wirkung. München 1981, S. 8ff

[13] Raddatz, S. 130

[14] Raddatz, S. 209

28.1.2015

Presseschau zum 125. Geburtstag Tucholskys

Mit freundlichem Dank an tucholsky125.wordpress.com!

Der 125. Geburtstag Kurt Tucholskys am 9. Januar 2015 wurde in Presse, Funk und Netz überraschend ausgiebig gewürdigt. Das lag nicht nur daran, dass Tucholskys Aussagen zur Satire mit dem Terroranschlag auf die französische Satirezeitung Charlie Hebdo leider eine erschreckende Aktualität erhalten hatten. Schon deutlich vor den Anschlägen hatte das Sudelblog einige Anfragen von Journalisten erhalten, die sich anlässlich des Gedenktages mit der aktuellen Bedeutung Tucholskys beschäftigen wollten. Die Debatte um die Grenzen der Satire ist jedoch alles andere als beendet, so dass die Erwähnungen Tucholskys seit dem 9. Januar 2015 kaum weniger geworden sind. (Hinweise zu weiteren Geburtstagwürdigungen gerne per Mail an sudelblog.de)

Presse
Erstaunlich viele Beiträge sind hinter einer Paywall versteckt. Das ist schade, aber nunja, so ist es, damit fallen sie hier leider raus.

Das Blättchen hat eine 32-seitige Sonderausgabe zu Tucholskys Geburtstag gestaltet. Dabei sind Beiträge u.a. von Fritz J. Raddatz, Georg Schramm, der Kurt Tucholsky-Preisträger Konstantin Wecker, Heribert Prantl und Daniela Dahn sowie zahlreiche weitere unbedingt lesenswerte Beiträge. Die Beiträge von Schramm, Wecker, Prantl und Dahn liegen sogar als Hörversion vor. Chapeau und vielen Dank!
>> zur Sonderausgabe.

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7.1.2015

„Gute Leute! Nicht schießen!“

Schon bei den ersten Veröffentlichungen der Mohammed-Karikaturen im Jahr 2006 hatte das Sudelblog Tucholskys zahlreiche Äußerungen zu den Grenzen der Satire näher untersucht. Es ist ein extrem trauriger Anlass, dass diese genau zwei Tage vor Tucholskys 125. Geburtstag mit dem Mordanschlag auf die Redaktion des französischen Satire-Magazins Charlie Hebdo eine besondere Aktualität erhalten. Dutzende Male wurde heute Tucholskys Diktum „Was darf die Satire? Alles“ getwittert. Selbst Vizekanzler Sigmar Gabriel soll es zitiert haben.

Aus zahlreichen Text- und Briefstellen Tucholskys geht allerdings hervor, dass sein Verständnis von Satire nicht auf die Position “sie darf alles” reduziert werden sollte. Vor allen in religiösen Fragen unterschied er klar zwischen den geistigen Inhalten und den daraus entspringenden gesellschaftlichen Ansprüchen der Religionen.

Beinahe verzweifelt wirkte der Appell, mit dem er 1924 den Artikel »Wie mache ich mich unbeliebt?« beschloss:

Dem Satiriker gab ein Gott zu sagen, was sie treiben. Man kann ja nun nicht gerade verlangen, daß der Großpapa, dem der Enkel einen kleinen Flitzbogenpfeil in die hintere, untere Schlafrockseite bohrt, dem guten Kind auch noch einen Bonbon gibt. Aber nicht gleich aufspringen und mit harten Gegenständen werfen. Die Würde muß es sich gefallen lassen, daß sie manchmal am Bart gezupft wird. (Auch Bartlose haben einen Bart, mitunter.)

Denn die moderne Sorte Humorist muß heute noch mit einem Schutzpanzer umhergehen:

Gute Leute! Nicht schießen!

Gewalt kann und darf nie ein Mittel sein, Satire zu bekämpfen.

5.1.2015

Die Rettung des Schwejk

Kurt Tucholsky gehörte zu den frühen deutschsprachigen Fans des Schwejk, den er in Auszügen schon in einer Humoranthologie Roda Rodas (Band 6) entdeckt hatte:

Hervorzuheben die kleine Erzählung eines Tschechen: Hascheks, ich habe den Namen nie gehört. Sie ist das Muster einer politischen Satire, von einer Bitterkeit, die doppelt wirkt, weil sie eingemummelt ist in sanfte Blödheit, die scheinbar von nichts nicht weiß. Was ist das für ein Mann -?

schrieb er im Dezember 1925 in der Weltbühne. Hätte Tucholsky das Konkurrenzblatt Tagebuch gelesen, wäre ihm 1923 vielleicht schon der Nachruf Egon Erwin Kischs auf den früh gestorbenen Schwejk-Erfinder Jaroslav Haschek aufgefallen. So aber stellte ein Weltbühne-Leser den Autor und dessen Hauptwerk im April 1926 mit den Worten vor:

Seit Jahrzehnten ist kein tschechisches Buch so gelesen und so gekauft worden. Es ist kaum zu übersetzen, und das ist schade. Denn aus diesem Buch kann man den Krieg kennen lernen, wie er wirklich gewesen ist. Karel [sic] Haschek war ein Vollblut-Tscheche und eine Vollblut-Europäer.

in: »Antworten«: Peter Panter, Die Weltbühne, 6.4.1926, S. 557 f.

Richtig populär wurde der »brave Soldat« auch in Deutschland, als der erste von vier Bänden übersetzt wurden. Die Übersetzerin Grete Reiner hatte ihr Werk zuvor schon den Lesern der Weltbühne angekündigt und sehr selbstbewusst der Einschätzung des zitierten Lesers widersprochen:

Der Schreiber dieser begeisterten Zeilen hat nur zum Teil recht, nämlich in Bezug auf die einzigartige Bedeutung dieses Werkes. Dagegen irrt er ein wenig, wenn er dieses köstliche Buch für unübersetzbar hält und bedauert, dass es dem deutschen Publikum dauernd entzogen bleiben soll. Ich habe es übersetzt und soeben im Verlag A. Synek zu Prag erscheinen lassen.

in: »Antworten«: Grete Reiner in Prag, Die Weltbühne, 27.4.1926, S. 676

Keine Frage, dass sich Tucholsky alias Peter Panter sogleich auf die Übersetzung stürzte und sie wenige Wochen später ausführlich rezensierte.

Obwohl er kein Tschechisch konnte, war er von der Leistung Reiners nicht überzeugt:

Das Buch ist aus dem Tschechischen ins Deutsche übertragen worden – soweit ich das beurteilen kann, nicht sehr glücklich. Vielleicht ist es gut übersetzt, aber der Eindruck dieses Jargons, den Schwejk spricht, ist nicht lustig. Seine Grammatik ist farblos und steht in gar keinem Verhältnis zu den herrlichen Sachen, die er zusammenphilosophiert – man ahnt, was einem da Alles verloren gegangen sein mag. Ich gebe zu: dergleichen überträgt sich nicht. »Du bist woll mit de Muffe jebufft?« heißt nicht: »Hat Sie Jemand unsanft mit einem Pelzmuff angerührt?« – sondern etwas anders. Und das bleibt freilich am Bodensatz des Dialekts kleben, es kommt nicht herauf, und hier steckt die Tragik des Buches.

Auch den zweiten Band nahm er sich direkt nach dem Erscheinen vor. Darin kanzelte er Reiner noch schärfer ab:

Gott weiß, was uns durch diese unmögliche Übersetzung verloren geht – aber es bleibt noch genug.

Dieses »genug« reichte immerhin aus, dass bis vor kurzem keine weitere deutsche Übersetzung des Schwejk gegeben hat.

Ein Makel, den nun der 1962 in Prag geborene Übersetzer Antonín Brousek beseitigt hat. Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg sind zwar schon im vergangenen Jahr bei Reclam erschienen, werden aber weiterhin fleißig in den Feuilletons besprochen. Darin geht es unter anderem um die Frage, wie »kongenial« Reiners Übersetzung war, oder, besser gesagt, wie sehr sie das Werk verfremdete und umdeutete. Reiner ließ den Schwejk »böhmakeln«, laut Wikipedia ein »gesprochenes Deutsch mit auffallendem ›böhmischen‹ Akzent«. Als deutscher Leser nimmt man nun mit Erstaunen zur Kenntnis, dass eine solche Sprechweise überhaupt nicht dem Original entspricht. Mit den Worten Brouseks:

Grete Reiner hat sich mit ihrem »Böhmakeln« etwas Neues ausgedacht. Dabei hat sie das Buch nicht übersetzt, sondern interpretiert und umgeschrieben und damit ein eigenständiges Werk geschaffen. Das bedeutet, die deutsche Fassung entsprach nicht nur nicht der tschechischen, sondern war auch noch eine eigenständige neue Interpretation, die mit dem Original nur bedingt etwas gemeinsam hat. […]

Hašeks Roman ist im Original in einem modernen Umgangstschechisch geschrieben. Es musste also ein modernes Umgangsdeutsch her. Das Buch enthält teilweise altertümelnde Begriffe, aber in der Regel reden alle Leute völlig normal. Das heißt, es ist genau umgekehrt zu Grete Reiner. […]

Alle Dialoge sind in einem normalen Umgangstschechisch verfasst, das auch »Schwejk« spricht. Die einzigen, die im Roman komisch sprechen, sind die Deutschen, denn diese können kein richtiges Tschechisch – und sobald sie versuchen Tschechisch zu sprechen, hört sich dies lächerlich an.

Brousek gibt im Interview mit Radio Prag der Kritik Tucholskys an der merkwürdigen Sprache der Protagonisten ausdrücklich recht:

Ich finde es erstaunlich, dass Tucholsky damals fast als Einziger dies bemerkte, obwohl er kein Tschechisch sprach. Den meisten gefiel Reiners Übersetzung bei der Veröffentlichung. Bert Brecht fand die Übersetzung beispielsweise urkomisch. Doch Kurt Tucholsky hat es richtig beschrieben, die Übersetzung ist in gewissem Sinne »unmöglich«.

Gut möglich ist aber, dass Reiner auch inhaltlich in den Roman eingriff. So schimpft Schwejk bei Brousek über die Deutschen: »Das sind solche Drecksäcke, wie sonst keiner auf der Welt.« Diese Passage zu Beginn des Buches findet sich bei Reiner nicht, wie die Berliner Zeitung kritisch bemerkt:

Bisher war dieser Satz, gesprochen zum Auftakt des Romans im Wirtshaus Zum Kelch, allen Lesern des Svejk bekannt – nur den titulierten Drecksäcken nicht. Denn in der einzigen deutschen Übertragung des Romans von 1926 und sämtlichen Neuauflagen fehlen diese Worte.

Kein Wunder, dass die Rezensenten die neue Übersetzung als »bahnbrechend« (Berliner Zeitung) und »überfällige Rettung eines modernen Klassikers aus dem K.-u.-k.-Komödienstadel« (Tagesspiegel) loben.

Umso besser, dass Brousek die Lorbeeren für sein Werk noch zu Lebzeiten ernten kann. Nicht nur die Schwäbische Zeitung hat ihn mit einem Namensvetter verwechselt und bereits 2013 sterben lassen. Auch der Katalog der Deutschen Nationalbibliothek schreibt dem gleichnamigen Dichter und Literaturkritiker Brousek die neue Schwejk-Übersetzung zu. Wie quicklebendig der Übersetzer und laut Reclam in Berlin lebende Richter Brousek ist, zeigte er auch auf einer Lesung während der Leipziger Buchmesse 2014.

17.6.2014

too-HOLE-skee spricht Englisch

Viel zu lange ist an dieser Stelle schon versäumt worden, auf die neuen englischsprachigen Tucholsky-Ausgaben aus dem Berlinica-Verlag von Eva C. Schweitzer hinzuweisen. Im vergangenen Jahr erschien bereits der umfangreiche Band Berlin! Berlin! Dispatches from the Weimar Republic, der zahlreiche Texte Tucholskys nebst biografischen Erläuterungen und vielen zeitgeschichtlichen Fotos enthält. Zuletzt ließ Schweitzer noch Rheinsberg übersetzen, Tucholskys „Bilderbuch für Verliebte“, das ihn vor 100 Jahren in der Literaturwelt bekanntmachte.

Dass Tucholsky in der englischsprachigen Welt nahezu unbekannt ist, mag sicher auch am Mangel an Übersetzungen liegen. Die von Harry Zohn herausgegebenen Ausgaben liegen schon Jahrzehnte zurück. What if – ?; Satirical writings of Kurt Tucholsky stammt aus dem Jahr 1967, das Deutschland-Buch wurde 1972 übersetzt. Der Sammelband »Germany? Germany«: a Kurt Tucholsky Reader erschien 1990.

Die neuen Ausgaben des Berlinica-Verlages haben sogar das Interesse der New York Times geweckt. Anfang Juni porträtierte William Grimes unter der Überschrift »Giving a Satirist of the Third Reich the Last Laugh« den Schriftsteller, der 1936 in dem renommierten Blatt immerhin einen Nachruf erhalten hatte. Grimes stellt Tucholsky seinen Lesern wie folgt vor:

In Weimar Germany, Tucholsky (pronounced too-HOLE-skee) was big, the most brilliant, prolific and witty cultural journalist of his time. He remains big in Germany, a widely read author, with sales in the millions. In the English-speaking world, however, he barely exists.

Es bleibt zu hoffen, dass sich Letzteres aufgrund der beiden Bände ein wenig ändert. Dass Tucholskys Sprache durch eine Übersetzung einiges an ihrer Wirkung verliert, lässt sich wohl nicht vermeiden. Aber zumindest scheint die Übersetzerin Cindy Opitz den Ton gut getroffen zu haben. Tucholsky-Fan Fred Roberts, der selbst ein Blog mit Übersetzungen betreibt, schrieb über Berlin! Berlin!:

Cindy Opitz hat ins zeitgenössische Englisch übersetzt, aber ich hatte das Gefühl, dass die Gedanken exakt wie die von Tucholsky klangen. Dies ist das erste Mal, dass ich ihn nicht auf Deutsch gelesen haben. Kompliment an Cindy Opitz. Es ist nicht einfach, Tucholsky auf Englisch zu artikulieren.

Um Tucholsky für die amerikanischen Leser literarisch einordnen zu können, vergleicht die New York Times ihn zum einen mit dem Humoristen Robert Benchley, zum anderen mit dem Satiriker H. L. Mencken.

Jemand, der wie Tucholsky gleich »mit 5 PS« schrieb, gab es aber selbst in den USA offenbar nicht.

18.11.2013

»Still, wie eine Jungfrau im achten Monat« – Unbekannter Tucholsky-Brief entdeckt

Es kommt nur sehr selten vor, dass fast 80 Jahre nach dem Tod Tucholskys unbekannte Briefe aus der Maschine des manischen Briefschreibers auftauchen. Doch gelegentlich werden solche raren Exemplare auf irgendeinem Dachboden wieder hervorgekramt. So auch im Falle von Jørn Dietrich. Dieser entdeckte im Nachlass seines Großvaters Alfred Dietrich einen Brief, den Tucholsky am 23. Juni 1927 während seines Aufenthaltes im dänischen Mogenstrup Kro getippt hatte. Der Brief ist zweifellos ein echter Tucholsky:

Hier ist es ganz still, der Wirt spricht so wenig Deutsch, dass meine Konversation auf das erfreulichste eingerostet ist, und ich arbeite vor mich hin und gehe im Wald spazieren und lebe still, wie eine Jungfrau im achten Monat.

Zugleich beantwortet der Brief einige Fragen, die Tucholskys Aufenthalte in Kopenhagen betreffen und klärt die Identität einer Person, die in einem anderen Brief erwähnt wurde. Ein Fund, der sich für die Tucholsky-Forschung gelohnt hat.

Der Briefadressat war damals Presseattaché der deutschen Botschaft in der dänischen Hauptstadt. Tucholsky hatte ihn wohl zu einem Essen eingeladen, um über ihn Kontakte zu prominenten dänischen Literaten und Politikern zu knüpfen. Das geht aus einem »Kassensturz« vom 13. Juni 1927 hervor, den er einem Brief an seine Frau Mary Tucholsky beilegte.

Hotel 140 Kronen (Dabei ein unverschämt hoher
Gepäcktransport von Terminus.)
Gepäck 15
Marken 45
Papier 15
Diverses 30
Whisky 10
Bücher 20
eine Pfeife 15
Essen mit
Dietrich 30

steht dort notiert. In der Tucholsky-Gesamtausgabe (Band 18, S. 627) heißt es noch zu Dietrich: »Nicht identifiziert.«

Auch wenn Tucholsky sich in dem Brief bitterlich beklagte, wohin seine ansehnlichen Honorare verschwunden sind (»Es sieht ja schrecklich mit dem Geld aus, und ich möchte nur wissen, wie das gekommen ist«). Die 30 Kronen für das Essen mit Dietrich waren offenbar gut angelegt. Denn in dem Schreiben an den Diplomaten bedankt er sich sehr artig «für alle Freundlichkeiten«, mit denen Dietrich ihm »wirklich ganz besonders nett weitergeholfen« habe. Ob dies der einzige Kontakt zwischen dem umherreisenden Schriftsteller und dem Presseattaché war, geht aus den überlieferten Texten und Briefen Tucholskys nicht hervor. Wobei er sich bei Dietrich mit dem Satz verabschiedete: »Sollte ich in Kopenhagen noch einmal Station machen, melde ich mich natürlich.«

Weitere Begegnungen sind durchaus wahrscheinlich. Es ist dazu sehr aufschlussreich, sich das Leben Dietrichs genauer anzuschauen. Denn in vieler Hinsicht ist es typisch für die Karriere eines linken Intellektuellen in den Wirren von Kaiserzeit, Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Nachkriegsepoche. Eine gute Quelle dafür ist ein Lebenslauf, den Dietrich nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb, um als »Opfer des Faschismus« anerkannt zu werden.

Karl Wilhelm Alfred Dietrich wurde demnach am 1. September 1878 in Spremberg in der Niederlausitz geboren. Der Sohn eines Seilermeisters sollte nach dem Willen seines Vaters evangelischer Geistlicher werden, was Dietrich jedoch ablehnte, so dass er nur die Volksschule absolvierte. Mit 14 Jahren kam er zum Spremberger Anzeiger, wo er zum Setzer und Stenografen ausgebildet wurde. Mit 18 wurde er Redaktionsgehilfe beim Niederlausitzer Anzeiger in Finsterwalde. Von dort zog er nach Bremen, wo er bei der Weser-Zeitung sechs Jahre lang als Redakteur arbeitete. In Bremen lernte er auch den späteren Reichspräsidenten Friedrich Ebert kennen, mit dem ihm eine »warme Freundschaft“ verband, wie Dietrich in dem Lebenslauf schreibt. Zum Jahreswechsel 1904 ging Dietrich nach Kopenhagen, wo er 40 Jahre seines Lebens verbringen sollte. Bis nach Ende des Ersten Weltkrieges arbeitete er dort als Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien, darunter das offiziöse Nachrichtenbüro WTB, die Kölnische Zeitung und das Hamburger Fremdenblatt. Nach der Novemberrevolution zahlten sich die alten Verbindungen zur SPD und insbesondere zu Ebert aus. Dietrich wurde 1919 Leiter der Presse- und Kulturabteilung der deutschen Gesandtschaft in Kopenhagen und behielt diesen Posten bis zum 1. Oktober 1934.

In diesen 15 Jahren machte er die Bekanntschaft mit vielen »bedeutenden Persönlichkeiten«, wie in dem Lebenslauf schreibt. Zu den ersten Bekanntschaften zählte einer der Fliegerhelden des Ersten Weltkrieges, der nach der Abrüstung der Reichswehr als Militärberater nach Dänemark gegangen war. Der spätere Nazi-Bonze und Reichsmarschall Hermann Göring habe am meisten als »Schürzenjäger, Säufer und Morphinist« von sich reden gemacht, schreibt Dietrich. Ein Teil seiner Dienstzeit sei damit draufgegangen, Görings »zahlreiche Gläubiger zu beruhigen«. Dass Göring schon vor dem Münchner Putsch von 1923 Morphinist gewesen sein soll, widerspricht historischen Darstellungen. Er soll sich aber bereits im Ersten Weltkrieg mit Kokain aufgeputscht haben und nahm die Droge vielleicht auch in Kopenhagen. Die Bekanntschaft mit Göring sollte Dietrich aber noch einmal aus einer prekären Situation helfen.

Solange Dietrich noch als Presseattaché wirkte, lernte er zahlreiche deutsche und dänische Literaten kennen. »Ich nenne hierbei besonders Max Reinhardt, Thomas Mann, Lion Feuchtwanger, Ernst Toller, Emil Ludwig, Kurt Tucholski [sic], ferner Einstein, Thälmann und Scheidemann …« Auch mit dem dänischen Ministerpräsidenten Thorvald Stauning sowie den Schriftstellern Martin Andersen Nexø und Georges Brandes hätten ihn »eine viele Jahre währende Freundschaft« verbunden. Es wundert nicht, dass die Nazis nach ihrer Machtübernahme den sozialdemokratischen Diplomaten auf Linie bringen wollten. Dietrich musste nach eigenen Angaben bei Propagandaminister Joseph Goebbels in Berlin zum Rapport, weigerte sich jedoch, der NSDAP beizutreten.

Eine persönliche Aussprach mit Goebbels hierüber, die der damalige Außenminister v. Neurath vermittelt hatte, und die im Auswärtigen Amt in Berlin stattfand, verlief ausserordentlich heftig, aber vollkommen ergebnislos. U.A. machte Goebbels mir zum Vorwurf, dass ich immer von einer »Partei« spräche, während es sich doch jetzt um eine Weltanschauung handele, worauf ich ihm erwidern konnte, dass er mich ja selbst aufgefordert habe, in die Partei einzutreten. Mit blutrotem Kopf fuhr er mich hierauf an, dass er sich eine derartige »Anpöbelung« verbäte.

Am 1. Oktober 1934 verlor Dietrich seinen Posten und fand in Kopenhagen nach Darstellung seines Enkels jahrelang keinen Job, was auch mit seiner Nazi-kritischer Haltung zusammengehangen haben könnte. Dietrich selbst behauptet hingegen, schon im April 1935 als Schriftleiter bei der Zeitung Licitationen angefangen zu haben. Auch in anderer Hinsicht flunkert Dietrich in seinem Lebenslauf ein wenig. Während er schreibt, seine Ehe sei 1935 geschieden worden, weil seine Frau ihm die ablehnende Haltung gegenüber den Nazis nicht habe verzeihen können, sieht das seine Familie anders. Der Diplomat sei immer schon seiner Frau untreu gewesen und habe das auch in den dreißiger Jahren fortgesetzt, was schließlich zum Bruch geführt habe.

Glaubhaft hingegen scheint, dass Dietrich sich aktiv für Flüchtlinge und durchreisende Regimegegner einsetzte: »Ernst Toller und Kurt Tucholski und andere haben bei mir vorübergehend Unterkunft erhalten«, schreibt er, wobei in diesem Fall unklar ist, ob Kopenhagen für Tucholsky weiterhin als Durchreisestation diente oder er auf dem Weg in die Schweiz nicht gleich per Schiff von Schweden nach den Niederlanden oder Belgien gefahren ist.

Die Geheime Staatspolizei beobachtete Dietrich auch nach seiner Entlassung aus dem diplomatischen Dienst und notierte Hitler-kritische Reden in der Öffentlichkeit. Anderthalb Jahre nach der Besetzung Dänemarks durch deutsche Truppen wurde er von der Gestapo in Dänemark verhaftet. Am 9. November 1941 brachten ihn zwei Beamte nach Deutschland, wo er schließlich im berüchtigten Polizeipräsidium am Berliner Alexanderplatz landete. »Vollkommen überrascht« sei er gewesen, als er im April 1942 entlassen worden sei. Dahinter steckte offenbar ein Besuch seiner Tochter bei Göring, die den damaligen Reichsmarschall daran erinnerte, wie ihr Vater ihn 1920 in sturzbetrunkenem Zustand und ohne Geld aus einer Bar mit nach Hause genommen hatte. Zwar habe Göring behauptet, im Gegensatz zu Goebbels nichts für Dietrich tun zu können, doch die plötzliche Entlassung dürfte sicherlich in einem Zusammenhang mit dem Besuch gestanden haben.

Dietrich durfte Berlin nicht verlassen. Ausgebombt und nervenkrank überstand er das Ende des Krieges in der Berliner Charité. Im September 1945 heiratete er seine zweite Frau Emma. Nach dem Krieg arbeitete er für den Berliner Magistrat unter den Bürgermeistern Louise Schroeder und Ernst Reuter. Wie aus dem abgebildeten Ausweis hervorgeht, wurde er als »Opfer des Faschismus« anerkannt. Am 27. Oktober 1951 starb er im Alter von 73 Jahren und wurde auf dem St. Thomas-Friedhof in Neukölln beerdigt. Postum erhielt er 1953 eine Entschädigung von 1.395 D-Mark für 279 Tage Freiheitsentzug in der NS-Zeit. Seine Witwe erhielt 1964 eine Entschädigungssumme von 25.000 D-Mark, die Dietrich offenbar als Opfer des NS-Regimes zustand.

Wann und wie er Tucholsky zum letzten Mal gesehen hatte, ist nicht bekannt. Im April 1931 wurde Tucholsky in Kopenhagen an der Nase operiert. Ende Juni 1934 war er zum letzten Mal nach Schweden eingereist – dabei aber vermutlich mit dem Schiff von Amsterdam nach Göteborg gefahren. Solche und viele weitere Details von Tucholskys Leben sind noch ungeklärt. Aber vielleicht findet sich mal wieder ein verschollener Brief auf einem Dachboden, der für neue Erkenntnisse sorgt.

7.9.2013

Stipendien für Tucholsky-Forschung

Es gibt zwar nur noch wenige weiße Flecken in der Tucholsky-Forschung, aber ein einjähriges Stipendium in Deutschland oder im Ausland dürfte für Tucholsky-Fans unter jungen Wissenschaftlern durchaus interessant sein. Ausgeschrieben werden die beiden Stipendien für 2014 von der Kurt Tucholsky Stiftung zusammen mit dem Deutschen Literaturarchiv Marbach (DLA). Der Ausschreibung zufolge werden insbesondere Doktoranden der Germanistik, Publizistik, Soziologie oder Politologie gefördert, die sich mit Werk und Ideen Kurt Tucholskys und angrenzenden Themenbereichen beschäftigen. Die Stipendien sind mit monatlich 900 Euro dotiert. Für Stipendiaten besteht das Angebot, während des Aufenthaltes im Deutschen Literaturarchiv Marbach ein Zimmer im Collegienhaus zu mieten. Weitere Details zu den Stipendien stehen in der Ausschreibung.

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