15.3.2006

Neues Chanson

Die FAZ wartet in ihrer heutigen Literaturbeilage mit einer literarischen Rarität auf. In einem Artikel, der sich mit Ruth Berlaus Erzählungen über das kärgliche Liebesleben der Frauen befasst, schreibt Autor Dieter Bartetzko:

„Im alten Stile leben wir geregelt. Und nur am Sonnabend, da wird ,gekegelt‘ – das ist die älteste Gymnastikart.“ Dieses Chanson, 1926 von Kurt Tucholsky verfaßt, tönt noch heute von jeder Kleinkunstbühne.

Das Lied mag zwar tatsächlich in einigen Kabaretts gesungen werden. Aber von Tucholsky ist es deswegen trotzdem noch nicht.

13.3.2006

Rätselhafte Tucholsky-Abende

Man kann es nie allen rechtmachen. Veranstaltet das Berliner Ensemble einmal einen Tucholsy-Abend, der der Kritik gut gefällt, beschwert sich gleich die letzte Überlebende aus der Tucholsky-Familie (unter der Überschrift: „Naturgemäß zusammengesetzt“). Vermittelt ein solcher Abend viel Hintergrundwissen über den Mann mit den vielen Pseudonymen, heißt es in der Zeitung sofort:

Das Besondere daran stellt die gelungene Mischung aus Lesung und Schauspiel dar, die auch viele Details aus dem Leben Tucholskys aufarbeitet. Allerdings setzt das Stück entsprechendes Vorwissen voraus.

Was könnte die WAZ mit dem „entsprechenden Vorwissen“ meinen? Reicht dazu die Lektüre des Wikipedia-Artikels über Tucholsky aus? Oder sollte es zumindest die knapp 200 Seiten umfassende rororo-Biographie von Michael Hepp sein? Mit dieser haben sich offenbar die Schauspieler Dario Weberg und Indra Janorschke vom Dortmunder LiteraTourTheater vorbereitet. So heißt es in der Rezension:

1890 in Berlin geboren, erlebte er als junger Mann den ersten Weltkrieg. „Vielleicht resultiert mein Hass auf den Offiziersgeist aus der Erfahrung der eigenen Verfügbarkeit“, lässt Janorschke den humanistischen Schriftsteller sinnen.

Dieser sinnige Satz findet sich fast gleichlautend in der Tucholsky-Biographie von Hepp (Seite 45). Aber nur fast:

Die radikale Ablehnung des Offiziersgeistes beruht unter anderem auf der Erfahrung der eigenen Verführbarkeit.

Nun denn, verführ- oder verfügbar ist doch fast dasselbe. Hauptsache, man hat an dem Abend einiges gelernt.

10.3.2006

Bedenkliche Entwicklung

Manchmal kann man Zitaten richtig dabei zusehen, wie sie im Gehirn eines Redners ihr Eigenleben entwickeln. Plötzlich ganz anders aus dem Mund herauskommen, als sie durch die Augen hineingekommen sind.

Nehmen wir beispielsweise das Gehirn von Christian Wulff, seines Zeichens niedersächsischer Ministerpräsident, junger Wilder a.D. und Mitglied eines ominösen Andenpakts. Wulff hat sich an die Fahne geheftet, Deutschland ein bisschen reformieren zu wollen. Da haben manche Leute etwas dagegen, finden seine Vorschläge geradezu bedenklich. Um diesen Menschen etwas entgegenzusetzen, hat ihm sein Redenschreiber einmal folgende Passage ins Manuskript geschrieben:

Bürokratieabbau und Deregulierung

„Wenn wir auch sonst nichts haben, Bedenken haben wir.“
(Kurt Tucholsky über die Deutschen)
Wir Niedersachsen sind Vorreiter beim Bürokratieabbau in Deutschland und – wir wollen es bleiben.

Falls Wulff diesen Tucholsky-Spruch am 9. Januar 2006 tatsächlich zitiert hat (Es gilt das gesprochene Wort!), scheint er bei den Zuhörern gut angekommen zu sein. Denn am 20. Januar sah er keinen Grund, ihn bei anderer Gelegenheit nicht noch einmal zu verwenden. Was die taz zu der treffenden Bemerkung verleitete:

Moderatoren zeichnen sich dadurch aus, dass sie stets den passenden Spruch auf der Lippe haben. Quasi in die Gottschalk-Liga katapultierte sich gestern Christian Wulff mit einem Tucholsky-Zitat: „Wenn wir sonst nichts haben, Bedenken haben wir immer noch“.

Seitdem vergingen fast sechs Wochen, in denen das Zitat frei in Wulffs Kopf herumvagabundieren durfte. Heute drängte es wieder mächtig an die frische Luft. Aus Anlass der Föderalismus-Debatte sagte Wulff im Deutschlandradio

Dann aber muss man auch mal springen und dann kann man nicht immer nur rummäkeln und wieder Reformen verhindern und Bedenkenträger sein. Von Kurt Tucholsky stammt der Satz „wenn die Deutschen nichts mehr haben, Bedenken haben sie immer noch“. Wir finden immer Bedenkenträger.

Ups, was ist denn da passiert? Die beiden Sätze aus dem Redemanuskript sind einfach zusammengerutscht und haben ein völlig neues Tucholsky-Zitat ergeben. Sehr bedenklich. Vielleicht sollte man sich einmal kurz anschauen, wie und in welchem Zusammenhang das Original gebraucht wurde:

Wer, so frage ich mich manchmal, wenn ich gar nichts Besseres zu tun habe, bestimmt eigentlich den Spielplan der deutschen Bühnen? Ich weiß schon: die Angst. Denn wenn einer nichts hat: Bedenken hat er.

Dies schrieb Tucholsky in dem Text „‚Kulissen'“, mit er ein wenig Werbung für ein Theaterstück seines Freundes Walter Hasenclever machen wollte.

Wulffs Gedankengang ist aber eigentlich ganz logisch: Einer hat Bedenken ? Wir haben Bedenken ? Die Deutschen haben Bedenken ? Die Deutschen brauchen Wulff ? Wulff muss Bundeskanzler werden.

Hoffentlich merkt der Ministerpräsident irgendwann, dass er die Quintessenz dieser Logik nun wirklich nicht mehr Tucholsky in den Mund legen kann.

Nachtrag 11.3.: Unionsfraktionschef Volker Kauder ist zwar kein Mitglied des Andenpaktes, durfte sich das Wucholsky-Zitat aber dennoch ausleihen.

9.3.2006

Guck mal, wer da zitiert

Für die Zeit hat sich Jakob Augstein den Wahlkampf der Linkspartei/PDS angeschaut. Im sachsen-anhaltinischen Wolfen bekam er dabei ein Gedicht zu hören, das fast schon als inoffizielle Parteihymne der PDS gelten darf. Der Text „Guck mal, wer da kandidiert“ steigt mit folgender Szene ein:

„Genossinnen und Genossen, ein Gedicht:
Ihr sollt die verfluchten Tarife abbauen.
Ihr sollt auf euren Direktor vertrauen.
Ihr sollt die Schlichtungsausschüsse verlassen.
Ihr sollt alles weitere dem Chef überlassen.
Kein Betriebsrat quatsche uns mehr herein.
Wir wollen freie Wirtschafter sein!“

Der Redner hält inne und blickt von seinem Zettel auf. „Das hat Tucholsky geschrieben, und zwar im Jahr 1930, Genossinnen und Genossen. Es könnte von heute sein, nicht wahr!“ Das Publikum in Taubenblau, Cremegelb und Kittgrau nickt mit den weißhaarigen Köpfen.

Das hat Tucholsky tatsächlich 1930 geschrieben, und das ist auf Veranstaltungen der PDS schon häufiger zitiert worden. Augstein schreibt leider nicht, ob das weißhaarige Publikum auch den Anfang der vierten Strophe von „Die freie Wirtschaft“ zu hören bekam:

Was ihr macht, ist Marxismus.
          Nieder damit!
Wir erobern die Macht, Schritt für Schritt.
Niemand stört uns. In guter Ruh
sehn Regierungssozialisten zu.

Diese Verse werden auf linken Internetseiten meistens weggelassen. Die korrekte Fassung findet sich wesentlich seltener. Es hat wohl durchaus seine Gründe, wenn Augstein in seinem Artikel von Anzeichen für eine „innere Unaufrichtigkeit dieser neuen Linken“ spricht.

8.3.2006

Linkes Lachen

Die Wochenzeitung Jungle World beschäftigt sich in ihrer heutigen Ausgabe ausgiebig mit dem Thema „linker Humor“. Ob das etwas mit dem Weltfrauentag zu tun hat, wird nicht erklärt.

In den Artikeln „Die SPD, juchhee, juchhee, juchhee!“ von Gerhard Henschel, „Ernst der Lage“ von Kay Sokolowsky sowie in einem Interview mit Martin Buchholz geht es irgendwie auch um Tucholsky.

Richtig schlimm dagegen ist das, was dabei rauskommt, wenn „Linke aller Couleur“ nach ihrem Lieblingswitz gefragt werden. Vielleicht haben die lustigen Linken die Anfrage auch nur mit dieser Aktion verwechselt.

Extreme Historie

Etliche Wochen nach der FAZ hat nun auch die Frankfurter Rundschau ein Buch des Historikers Riccardo Bavaj rezensiert, das sich mit „linkem, antiparlamentarischem Denken in der Weimarer Republik“ beschäftigt.

Sowohl die FAZ als auch die FR tun sich schwer damit, das Buch einzuordnen. Bavaj lasse zwar keinen Zweifel daran, dass die Weimarer Republik im wesentlichen von rechts zerstört wurde. Mit der Einschränkung:

Doch auch von links suchten extremistische Kräfte, der ersten Demokratie ein Ende zu bereiten. Auch diese Seite brachte einen Extremismus hervor, der beständig gegen die Weimarer Republik agitierte, sie bekämpfte, sie mit ideologischer Energie zu überwinden trachtete.

Nun sollte einen wundern, dass sich Bavaj in seinem Buch überhaupt mit der Weltbühne beschäftigt. Wenn Journalisten wie Carl von Ossietzky oder Kurt Tucholsky des Linksextremismus bezichtigt werden, stellt sich in der Tat die Frage, was die normale Linke gewesen sein soll. Etwa die SPD? Auch der FR gefällt diese Einordnung nicht:

Erstens verwendet Bavaj den nicht leicht universalisierbaren Terminus des Linksextremismus für die Weimarer Republik, ohne ihn näher zu erläutern. So läuft er Gefahr, manche durchaus ambivalente Position von vornherein zu stigmatisieren und zu enthistorisieren. Andere Begriffe wie Linkskommunismus, -sozialismus und -radikalismus, die oftmals nur in Nuancen zu variieren scheinen, kann er nicht von ihren Unschärfen befreien.

Festzuhalten bliebe, dass Bavaj die Weltbühne zu den Vertretern des Linkssozialismus innerhalb des damaligen Kulturlebens rechnet. Was durchaus zutreffend ist, wenngleich es nichts darüber aussagt, welche Stellung die Zeitschrift zu Demokratie und Parlament bezog.

Ein wenig merkwürdig erscheint, wie sehr sich FAZ-Rezensent Joachim Radkau auf Aussagen Tucholskys und Ossietzkys stürzt, als gäben die beiden besonders gute Beispiele dafür ab, wie die Weimarer Republik von links unterminiert wurde. Wobei er später zu dem Schluss kommt:

Nicht jede Kritik am aktuellen Parlamentsbetrieb zeugt von Demokratiefeindschaft, ganz im Gegenteil: Die Demokratie braucht solche Kritik.

Wie überraschend.

Bei der FR schafft es Tucholsky mit dem Begriff „Ri-Ra-Rücksichten“ sogar in die Überschrift der Rezension. Es ist aber bezeichnend, wie der Ausdruck innerhalb des Textes Verwendung findet:

Ihr Hass galt zuvorderst Parlament und Parteien, deren Partikularinteressen, Kompromisslertum und „Ri-Ra-Rücksichten“, wie Tucholsky einst spottete.

Im Original hat die Rücksichtnahme überhaupt nichts mit Hass oder Spott zu tun. Als Chefredakteur der Satirebeilage Ulk gebrauchte Tucholsky den Ausdruck in einem Brief vom 27.12.1918 (!) an den Schriftsteller Hans Erich Blaich:

Mit den Zeichnern will ich versuchen, was ich machen kann. Es ist zur Zeit sehr schwer – und künstlerisch ist die ganze Aufgabe ja überhaupt nicht lösbar, wegen der Ri-Ra-Rücksichten. Aber gründet vielleicht ein idealer Billionär ein gutes, großes, deutsches Witzblatt und stellt mich als Redaktionssekretär ein? Mit nichten.

Wenn das Jammern über fehlende künstlerische Freiheit schon als linksextremer Antiparlamentarismus ausgelegt wird, dann hat die Diskussion um die Mohammed-Karikaturen den zukünftigen Historikern viel Stoff für dicke Wälzer geliefert.

Nebenbei bemerkt: Laut FAZ schmähte Ossietzky mit Heinrich Brüning „den letzten parlamentarisch gewählten Reichskanzler der Weimarer Republik“. Räusper. Laut Artikel 53 der Weimarer Verfassung wurde der Reichskanzler nicht vom Reichstag gewählt, sondern vom „Reichspräsidenten ernannt und entlassen“. Das galt auch für Brüning. Und im Gegensatz zu der großen Koalition unter Hermann Müller (SPD) stützte sich die Regierung Brüning eben nicht mehr auf die Mehrheit des Reichstages, sondern nur noch auf das Vertrauen des Reichspräsidenten, der nun einmal Paul von Hindenburg hieß.

5.3.2006

Klassischer Abriss der Globalisierung

Anders als Adam Smith, David Ricardo und Karl Marx gehört der Bankvolontär Kurt Tucholsky nicht zu den Klassikern der Wirtschaftslehre. Es gilt in Ökonomenkreisen aber durchaus als schick, sich gelegentlich einer Zitatensammlung zu bedienen, die Tucholsky unter dem Titel „Kurzer Abriß der Nationalkökonomie“ veröffentlichte. Anders als eine Zitatensammlung lässt sich dieser Text kaum bezeichnen, enthält er doch Klassiker wie:

Nationalökonomie ist, wenn die Leute sich wundern, warum sie kein Geld haben.

Geld ist weder ein Zahlungsmittel noch ein Tauschmittel, auch ist es keine Fiktion, vor allem aber ist es kein Geld.

Die Nationalökonomie ist die Metaphysik des Pokerspielers.

Was die Weltwirtschaft angeht, so ist sie verflochten.

Letztere Feststellung tauchte dieser Tage gleich in zwei Medien auf. Zum einen im Stern, der seine Titelstory der „Geschichte des Kapitalismus“ widmete, zum anderen in der Welt am Sonntag, die ein neues Buch des FTD-Redakteurs Wolfgang Münchau in Auszügen vorabdruckte. Wobei Münchau auf provokante Weise Tucholsky korrigierte:

Der deutsche Schriftsteller Kurt Tucholsky schrieb einmal: „Was die Weltwirtschaft angeht, so ist sie verflochten.“ In Wirklichkeit ist die Weltwirtschaft nicht annähernd so verflochten wie der deutsche Mittelstand.

Die Chance, dass Münchaus Weisheit zum vielzitierten Klassiker wird, ist jedoch eher gering.

Sammeln für Salzmann

Für die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 durch die deutschen Studenten hatte Kurt Tucholsky kaum mehr als ein Achselzucken übrig:

In Frankfurt haben sie unsere Bücher auf einem Ochsenkarren zum Richtplatz geschleift. Wie ein Trachtenverein von Oberlehrern.
Nun aber zu Ernsthafterem.

… schrieb er am 17. Mai 1933 in einem Brief an Walter Hasenclever.

Sehr viel ernsthafter hat sich Georg P. Salzmann mit diesem Thema beschäftigt. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges sammelt er an seiner
„Bibliothek der verbrannten Bücher“. Rund 10.000 Exemplare hat er inzwischen beisammen. Doch es ist gar nicht so einfach, wie das Neue Deutschland berichtet, irgendwo im Lande einen dauerhaften Aufbewahrungsort für die „Salzmann-Sammlung“ zu finden. Nun besteht laut ND Hoffnung, dass sich in der Stadt Greifswald ein Platz für die Bücher auftut. Allerdings sei es noch nicht gelungen, die 800.000 Euro aufzutreiben, die Salzmann für seine Sammlung haben möchte.

Auch Tucholskys zu Lebzeiten erschienene Bücher sind Bestandteil der Bibliothek. Die Tucholsky-Gesellschaft hat die Patenschaft für das Buch „Deutschland, Deutschland über alles“ übernommen. Dies mit gutem Grund. Denn von diesem Werk fühlten sich die Studenten 1933 besonders angegriffen, wie das ND berichtet:

Auch in Greifswald haben 1933 Studenten auf dem Marktplatz die Bücher angezündet. Sie schrieben u. a. in einem Aufruf an die Bevölkerung: „Ein Tucholsky beispielsweise hat sich … unsere Feindschaft durch die Tatsache geschaffen, dass er in seinem Buch ‚Deutschland über alles‘ unsere Feldherren als Tiere bezeichnete (…)“

Wobei sich die Studenten irrten. Denn die Montage der Generalsköpfe mit der Bildunterschrift „Tiere sehen dich an“ stammte von John Heartfield. Aber Tucholsky wollte in der Öffentlichkeit die Verantwortung für das komplette Buch übernehmen, wie am 1. März 1931 an Jakob Wassermann schrieb:

Das Blatt ‚Tiere sehen dich an‘ ist nicht von mir. Es stammt von dem Bildermann John Heartfield, der das Buch ausgestattet hat.
Herr Heartfield hatte, was vereinbart war, auch selbständig einige Bilder mit Unterschriften montiert, wie man sagt – und als ich die Druckbogen bekam, war noch nicht alles fertig. Dann hielt ich das fertige Buch in der Hand, sah jene Seite und bekam einen Klaps vor den Magen.
Mein erster Gedanke war: „Schade, daß dir das nicht eingefallen ist“ – mein zweiter war: „Hm …“ und dabei ist es denn bis jetzt geblieben.
Das ist nicht meine Satire. Es ist mir zu klobig; ich habe mit Ihnen nicht das leiseste Mitgefühl für die dargestellten Typen, die mir in ihrer Wirksamkeit hassenswert erscheinen. – aber ich hätte das nie so formuliert. Die Beleidigung der Tiere schmeckt mir nicht, und das trifft es auch nicht: unter „tierisch“ verstehe ich in solchem Zusammenhang etwas Dumpfes, Animalisches – also etwa einen brutalen Henker … nicht diese da.
Ich habe den Sturm, den dieses Bild seit Jahren erregt, ruhig über mich ergehen lassen, und ich gedenke auch weiterhin die Sache zu decken, und nicht mit einem Protest an die Öffentlichkeit zu gehen. Daher bitte ich auch Sie, diesen Brief durchaus als eine private Meinungsäußerung aufzufassen. Ich habe Ihnen das geschrieben, weil ich vor Ihnen gern richtig dastehen möchte: also nur mit den Fehlern, die ich wirklich begangen habe.

3.3.2006

Der Spion, der Tucholsky liebte

Wenn sich ZDF-Dokumentarfilmer Guido Knopp mit der Berliner Boulevardzeitung B.Z. zusammentut, ist eigentlich wenig Gutes zu erwarten. Was Knopp aber am gestrigen Donnerstag den Berlinern darüber zu erzählen hatte, wie der Mythos Wolf zerbrach, ließ manchen vielleicht ein wenig langsamer zu den beliebten Kontaktanzeigen blättern. Die Art und Weise, wie der damalige DDR-Spionage-Chef Markus Wolf enttarnt wurde, lässt an so etwas wie eine Ironie der Geschichte glauben:

Begonnen hatte alles acht Monate zuvor auf einem verschwiegenen Dorffriedhof vor den Toren der schwedischen Hauptstadt Stockholm. Am Grab des einst von den Nazis vertriebenen Schriftstellers Kurt Tucholsky hatte sich am 1. Juli 1978 eine Handvoll Besucher eingefunden. Beamte der schwedischen Spionageabwehr lagen in der Nähe auf der Lauer.

Und knipsten ein Foto, auf dem Wolf einige Monate später von einem ehemaligen Stasi-Mitarbeiter erkannt wurde.

Nun wird es wohl immer das Geheimnis von Markus Wolf bleiben (solange ihn niemand danach fragt), warum er unbedingt das Grab Tucholskys in Mariefred besuchen wollte. Aber bei seinem Familienhintergrund ist es vielleicht kein Wunder, dass er ein gewisses Faible für literarische Emigranten hatte.

25.2.2006

Ein wahnwitzig gewordenes Bashing

Im Wochenendmagazin der Süddeutschen Zeitung beschäftigt sich Jan Brandt sehr ausführlich mit dem unerschöpflichen Thema Berlin-Bashing. „Berlin oder Nicht-Berlin ist eine Frage von Leben oder Tod“, schreibt Brandt in einer Mischung aus Pathos und Ironie, wobei weder das eine noch das andere vom Artikel gedeckt wird. Auf welch dünn recherchierten Beinen seine These steht, zeigt der folgende Abschnitt des Textes:

Es waren die Berliner selbst, die ihre Stadt pausenlos schmähten. Allen voran der Publizist Kurt Tucholsky, dessen Texte allesamt von seiner Heimatstadt handeln, Polemiken, Betrachtungen, Chansons, Gedichte, Erzählungen, Kritiken und Essays, in denen er die Berliner auseinander nimmt: „Seine grauenhafte Unausgeglichenheit und seine ewig schwabbrige Nervosität lassen keinen Klang ausklingen – mit zitternden Nervenenden wartet er auf den ersten Eindruck, und hat er den, bleibt er dabei“, schrieb Tucholsky unter dem Pseudonym Peter Panter am 19. Januar 1926 in der Zeitschrift Die Weltbühne und teilte im Folgenden den gemeinen Berliner in zwei Typen ein: in den „Ham-Se-kein-Jrößern?“-Berliner“ und in den „Na-faabelhaft“-Berliner“. Beide seien gleichermaßen unerträglich. Der nörgelnde Berliner sei grundsätzlich nicht begeistert und „viel zu nervös, um in Ruhe etwas Fremdes auf sich wirken zu lassen“. Und der lobende Berliner zeichne sich dadurch aus, dass seine Anerkennung immer wie ein „ins Freundliche umgebogener, für dieses Mal nicht anwendbarer Tadel“ wirke, wie „eine Ordensverleihung an sich selbst“.

Man mag es kaum für möglich halten, dass Brandt selbst an die Behauptung glaubt, wonach Tucholskys Texte „allesamt von seiner Heimatstadt handeln“. Von 1907 bis 1933 veröffentlichte Tucholsky mehr als 3000 Zeitungsartikel und drei größere Erzählungen. Es gäbe wohl keinen besseren Beweis für die Qualitäten dieser Stadt, als wenn Tucholsky sich mit seiner literarischen Produktion auf diese hätte beschränken können.

Dem war zum Glück nicht so. Die Texte, die Tucholsky dagegen tatsächlich seiner Heimatstadt widmete, hat Brandt aber offenbar nicht gelesen. Da sind vor allem die beiden Artikel, die 1919 und 1927 unter dem bezeichnenden Titel „Berlin! Berlin!“ erschienen. Diese enthalten eine ganze Fülle von Berlin-Bonmots:

Der Berliner ist meist aus Posen oder Breslau und hat keine Zeit.

Berlin vereint die Nachteile einer amerikanischen Großstadt mit denen einer deutschen Provinzstadt. Seine Vorzüge stehen im Baedeker.

Die Berlinerin ist sachlich und klar. Auch in der Liebe. Geheimnisse hat sie nicht.

Berlin hat keine sehr gute Presse im Reich; voller Haß wird diese Stadt kopiert.

Ich liebe Berlin nicht. Seine Wendriners hat Gott in den Mund genommen und sofort wieder ausgespien; seine Festlichkeiten sind sauber ausgerichtet; seine Dächer sagen nicht zu mir: „Mensch! Da bist da ja!“ Ich liebe diese Stadt nicht, der ich mein Bestes verdanke; wir grüßen uns kaum.

Am besten gefiel es Tucholsky in Berlin, wenn die Berliner alle fort waren: im Sommer. Wie wohltuend er die dadurch entstehende Ruhe empfand, schilderte er 1913 in dem Artikel „Sommerliches Berlin“. Mag auch der postulierte Hass auf die Stadt gleich geblieben sein, so hektisch wie damals geht es auf jeden Fall nicht mehr dort zu:

Wir sind fast alle gezwungen, in dieser großen Stadt zu arbeiten, weil wir leben müssen. Aber wir sollten das zackige Tempo, das die Besseren zerrüttet und die Besten abstößt, auf ein menschenwürdiges Maß reduzieren. Es ist ja nicht einmal amerikanisch, dazu haben sie bei uns nicht die Kraft und nicht die Rücksichtslosigkeit – das Ganze gebärdet sich nur wie ein wahnwitzig gewordenes Dorf. Es ist eine kleine Stadt geblieben, die erst in das Kleid nachwachsen muß, das ihr Bauschieber angemessen haben. Und das hat noch gute Weile.

Der von Brandt so ausgiebig zitierte Tucholsky-Artikel „Berliner auf Reisen“ endet übrig mit folgender Anekdote, deren Schlusssatz auf keinen Fall als Warnung an Journalisten verstanden werden sollte:

Und ewig werde ich an das Wort eines Landsmanns denken, der nach vierwöchigem Aufenthalt das Wort der Worte über Paris gesprochen hat. Dieses:
„Paris – wat is denn det für ne Stadt! Hier jibts ja nich mah Schockeladenkeks –!“
Der dies sprach, war aber gar nicht aus Berlin, und da kann man sehen, wie vorsichtig man sein muß.

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