14.1.2009

Sudelblog-Spezial: »Fusionen«

Seit Beginn dieses Jahres trifft auf Carl von Ossietzky das zu, was für Kurt Tucholsky schon seit 2006 gilt: Die Werke sind nicht mehr urheberrechtlich geschützt. Aus diesem Anlass veröffentlicht das Sudelblog hier einen recht zeitlosen Ossietzky-Text, der sich mit der Rolle des Staates in der Wirtschaft befasst. Weitere Texte des Weltbühne-Herausgebers und Friedensnobelpreisträger finden sich auf der Sammlung von Wikisource.

Fusionen

Von Carl von Ossietzky

Nicht oft hat es so viele verdutzte Gesichter gegeben wie vor ein paar Tagen, als der Zusammenschluß der Deutschen Bank mit der Disconto-Gesellschaft bekannt wurde. Das gewiß schwierige Vorbereitungsstadium war in diskreteste Nachtfarbe gehüllt gewesen, und nicht ein Laut drang zu den findigen Finanzjournalisten, die sonst jedes wispernde Mäuschen im Keller eines Bankpalastes zu registrieren pflegen. Den größten Redaktionen blieb vor dieser Nachricht die Luft weg, und selbst in den längsten Kommentaren spürt man die noch nicht ganz wiedergewonnene Lungenkraft. Die Verblüffung ist berechtigt, denn mit dieser Vereinigung zweier ohnehin überragender Bankinstitute entsteht ein Finanzungetüm, ein Leviathan, dessen Pranken und Zähne bald fühlbar werden. Was ist daneben Vater Staat, in dem wir alle in rebellischen Momenten einen reißenden Oger zu sehen gewohnt sind? Eine Armenkasse, ein Klingelbeutel in der Kirche einer Hungergemeinde. Und, wenn nicht alles trügt, scheint grade der Staat von der neuen Geldübermacht als Trainingsobjekt für ein paar vorbereitende Exerzitien in Aussicht genommen zu sein. Auf der düsseldorfer Tagung des Reichsverbands der Deutschen Industrie hat neulich Herr Doktor Kehl, der Jüngste in der Gerusia der Deutschen Bank, mit jener frischen Vehemenz, über die Herr Hjalmar Schacht früher verfügte, als er noch nicht so viel Weihrauch inhaliert hatte, ein Programm vom Vorrang der Wirtschaft gegenüber dem Staat eingehend erörtert. Es ist wieder große Mode, auf die öffentliche Hand zu schimpfen, gegen die vom Staat auferlegten Soziallasten zu wettern. Lang ist es noch nicht her, da war der Staat gut genug, um Subventionen herzugeben, und die ach so sieche Wirtschaft ließ sich gern von ihm goldene Prothesen bezahlen. Das ist vorüber, und heute konzentriert sich alles, um den Staat da, wo er als Kapitalist und Unternehmer auftritt, zu enteignen und seine Betriebe in die private Hand zu bringen. Wir sind seit Thomas Morus an sozialistische Utopien gewöhnt, wir pflegten die Gesellschaft der Zukunft immer frei und heiter zu sehen, erlöst von dem Erbfluch der ungerechten Eigentumsverhältnisse. Nun, man kann sich auch kapitalistische Utopien denken. G. K. Chesterton hat eine geschrieben, »Der Napoleon von Nottinghill« heißt sie, eine nachdenkliche kleine Satire, die um 1970 spielt, in einer Zeit, die sich dadurch auszeichnet, daß alles, aber auch alles radikal entkommunalisiert ist; sogar Wasserwerke, Brücken und Straßenreinigung sind in die Privatwirtschaft übergegangen, der Staat, funktionslos geworden, wird vertreten von einem Bäckerdutzend Subalterner, die sich mangels Beschäftigung zu Tode langweilen und von denen einer den Titel König führt. »Die Sozialisierung marschiert«, sagten die Genossen Minister der Noskezeit, und vor ein paar Jahren waren die Kommunisten witzig genug, im preußischen Landtag einmal die Anfrage zu stellen, wohin die Sozialisierung denn marschiert sei. Niemals ist eine Antwort erfolgt.

Eines unterscheidet den Kapitalismus allerdings sehr gründlich von seinen Gegenspielern: er handelt nur nach den Geboten kältester Zweckmäßigkeit. Er kennt nicht Sentimentalität, nicht Tradition. Er würgt, wenn es sein muß, schnell und sicher den Verbündeten von gestern ab und fusioniert sich mit dem Feind. Die beiden Riesenbanken, die sich jetzt zu gemeinsamem Tun zusammengeschmolzen haben, waren intime Konkurrenten und standen sich herzlich schlecht. Abneigungsgefühle haben sie nicht gehindert, das Hausinteresse dem größern Gebilde zu opfern. Könnte dieser Vorgang nicht beispielhaft wirken? Der Kapitalismus erhöht und verstärkt seine Bollwerke, denn er hat alles zu verlieren, und seine einzelnen Glieder verzichten klug auf die Eigensüchte des Moments. Aber die Andern, die nichts zu verlieren haben als ihre Ketten und über nichts verfügen als über eine Reihe umstrittener Ideologien, die raufen sich um ihre Dogmatik, die spalten und splittern sich in kleinste Teile, so daß sie nicht einmal mehr durch Quantität zu wirken vermögen.
[…]

Erschienen in: Die Weltbühne, 16. Oktober 1929, S. 499

Editionen: Aus Teutschland Deutschland machen. Ein politisches Lesebuch zur Weltbühne, Berlin 2008, S. 261f.

9.1.2009

Mit Schmus und Zitatenschatz (3)

In Zeiten, in denen Tucholsky ganze Gedichte fälschlich zugeschrieben werden, muss man schon froh sein, wenn gelegentlich nur ein falscher Aphorismus auftaucht. In diesem Fall handelt es sich um einen Spruch, mit dem man sich über allzu verständnisvolles Sozialpädagogentum oder eine als Toleranz maskierte Standpunktlosigkeit lustigzumachen pflegt. In einem Kommentar für den Wiesbadener Kurier und andere Medien schrieb Andreas Herholz:

Das Wahlvolk möchte Klarheit darüber haben, wofür die Parteien stehen und mit welchen Partnern sie ihre Programmatik und Politik umsetzen wollen. Wer nach allen Seiten offen ist, der kann nicht ganz dicht sein, urteilte schon Kurt Tucholsky.

Es ist jedoch beileibe nicht so, als stamme die falsche Zuschreibung dieses Zitates von Herholz selbst. Sie findet sich auf hunderten Internet-Seiten, und hat daher die Ehre, in die Sammlung der angeblichen Tucholsky-Zitate aufgenommen zu werden. Es wird sicherlich nicht die letzte Ergänzung gewesen sein.

29.12.2008

Nichts als Zitate

Es scheint inzwischen bei der Süddeutschen Zeitung einen redaktionsinternen Wettstreit zu geben, im Leitartikel möglichst ein Zitat von Tucholsky unterzubringen. Nach Kai Strittmatter zu Thailand und Ulrich Schäfer zur Post war nun Stefan Kornelius an der Reihe. In seinem Kommentar »Zu viel der Guten« zur Lage der Menschenrechte schrieb er am Schluss über die Rolle der Pazifisten:

Der Realist drängt, droht und schlägt zur Not auch zu. Er lockt, kauft und fördert. Der Realist sucht die Mitte zwischen dem Utopisten und dem Zyniker. Er würde zum Thema Krieg und Friedfertigkeit mit Kurt Tucholsky antworten, der 1935 im Schatten der Nationalsozialisten schrieb: Pazifist sein, das heiße ungefähr so viel wie gegen Pickel sein, damit heile man nicht. Heilen – im Maßstab der Welt mit all ihren Krankheiten ein utopisches Ziel.

Dieses Zitat ist nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig wiedergegeben. Es erweckt den Eindruck, als sei Tucholsky gegen Ende seines Lebens von seinen pazifistischen Positionen abgerückt. Dem war jedoch nicht so. In einer Beilage zu einem Brief vom 13. März 1935 an seine Freundin Hedwig Müller schrieb er:

Nichts als Pacifist zu sein – das ist ungefähr so, wie wenn ein Hautarzt sagt: «Ich bin gegen Pickel.» Damit heilt man nicht. Ich weiß Bescheid, denn ich habe diese Irrtümer hinter mir. […]

Will man aber den Krieg verhindern, dann muß man etwas tun, was alle diese nicht tun wollen: Man muß bezahlen.

Ein Ideal, für das man nicht bezahlt, kriegt man nicht.

Ein Ideal, für das ein Mann oder eine Frau nicht kämpfen wollen, stirbt – das ist ein Naturgesetz. Der Rest ist Familiäre Faschingsfeier im Odeon. […]

Ich habe einen Interventionskrieg stets für wahnsinnig gehalten, das wäre so, wie wenn man meine Mama, um sie zu ändern, ins Gefängnis sperren wollte. Was sollte dieser Krieg? Die boches sind boches – was nützt der Krieg? Aber:

Zwischen diesem Krieg und einer energischen und klaren Haltung aller Mächte Europas ist noch ein großer Unterschied.

Gut möglich, dass Tucholsky diese energische, aber nicht kriegerische Haltung heute in vielen Fällen wieder vermissen würde. Ob sie damals den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verhindert hätte, wird jedoch nicht mehr zu beantworten sein.

28.12.2008

Statt eines Gedichts

Vor fast zwei Monaten war hier in dem Beitrag »Die Entstehung einer Gedichtlegende« vorgeschlagen worden:

Vielleicht sollte man inzwischen dazu übergehen, wie es die Börsen-Zeitung gemacht hat, statt der Kerschhofer’schen Finanzmathematik den »Kurzen Abriß der Nationalökonomie« von Kaspar Hauser abzudrucken. Das ist immer noch unterhaltsamer, zutreffender und aktueller als alles, was sich beispielsweise Frank Schirrmacher im Feuilleton der FAZ zur Finanzkrise zusammenschreibt.

Da die Finanzkrise seitdem leider nichts an ihrer Aktualität verloren hat, sind dem Vorschlag nun zwei Medien gefolgt. So der Freitag, aber auch die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, letztere hat den Text allerdings leicht gekürzt.

9.12.2008

Das ganz leere Schloss

Wenn einen Grund gibt, den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses abzulehnen, dann ist es der Siegerentwurf des Realisierungswettbewerbs. Diesen Wettbewerb hat der Architekt Francesco Stella deswegen gewonnen, weil er die Vorgaben des Bundestags am besten umgesetzt hat. Und so wird das 552 Millionen Euro teure Schloss nachher fast nur aus Fassade und Innenhöfen bestehen. Kein Architekt würde solch ein Museum oder solch einen Ort der Begegnung planen. Wer als Bürger diesen und etlichen weiteren damit verbundenen Unsinn ablehnt, kann dies beispielsweise auf der Seite www.kein-schloss-in-meinem-namen.de zum Ausdruck bringen.

Gefordert wäre natürlich der Bundestag. Am besten sollten alle Abgeordneten während der nächsten Sitzungswoche in den ersten Stock des Kronprinzenpalais gehen und sich selbst davon überzeugen, was sie mit ihrem Beschluss vom Juli 2002 letztlich angerichtet haben. Und ihn revidieren. Dabei müssen sie vermutlich nicht einmal befürchten, dass der Hausgeist der Schlosses wieder einzieht, den man noch zu Zeiten Tucholskys kannte:

Das leere Schloß

Seit Kaiser Wilhelm der Zweite das berliner Schloß seiner Väter verlassen hat, steht es leer. Keiner ist für die Dauer dort eingezogen – seitdem Ende 1918 und Anfang 1919 einige Spektakelstücke darin aufgeführt worden sind, steht es ganz leer. Die Regierung wohnt in der Wilhelmstraße.

Man sagt, dieses alte Schloß habe einen Hausgeist, eine im Nachtwind lohende weiße Frau. Es kann sich somit glücklicher schätzen als das Geschlecht der neuen Hohenzollern, die gänzlich ungeistig waren, und ich denke, daß die Zeit gekommen ist, wo auch wir an diesen Geist glauben dürfen. Das Schloß ist nicht leer.

Das berliner Schloß kann von der Regierung deshalb nicht bezogen werden, weil der alte monarchistische Geist darin wohnt, und weil diese Regierung Angst vor ihm hat. Nachts weht der Geist durch die öden Korridore. Und tagsüber? Tagsüber regiert er. […]

Durchs berliner Schloß aber der Kaiserlichen Republik Deutschland weht die weiße Frau. Sie klopft an die Türen, sie loht durch die Korridore, sie gleitet an den Fenstern vorüber. Wenn ihr hübsch leise seid, könnt ihr sie kichern hören.

Das Schloß ist ansonsten leer. Die Regierung traut sich nicht recht, die Krongüter anzutasten, gibt damit die Superiorität des atlantischen Admirals zu und wohnt in der Wilhelmstraße. Da regiert sie.

Beherrscht aber werden wir von jemand anders: von einer weißen Frau im leeren Schloß.

Ignaz Wrobel: »Das leere Schloß«, in: Die Weltbühne, 19.2.1920, S. 240

Im Humboldt-Forum wird vermutlich gar kein Geist mehr hausen wollen.

Nachtrag: In der New York Times vom 1. Januar 2009 erschien eine vernichtende Kritik des Bauvorhabens unter dem Titel »Rebuilding a Palace May Become a Grand Blunder «. Die Berliner Zeitung forderte am 2. Januar 2009 in einem Kommentar, die Ausstellung der Entwürfe zu verlängern, um eine weitere Debatte zu ermöglichen.

8.12.2008

Unser Ausland

Die unklare politische Situation in Thailand nimmt Kai Strittmatter in der Süddeutschen zum Anlass, sich Gedanken über das Verhältnis der Deutschen zum Ausland zu machen. Sein Leitartikel »Unser Thailand« beginnt mit dem Zitat:

Kurt Tucholsky hätte die Idee mit den Konsumgutscheinen gut gefunden. Und auch eine Verwendung dafür gehabt: »Man sollte jedem Deutschen noch fünfhundert Mark dazugeben, damit er ins Ausland reisen kann«, schrieb der Schriftsteller und Journalist 1924: »Er würde sich manche Plakatanschauung abgewöhnen – wenn er vorurteilslos genug ist, die Augen aufzumachen.« Ein schöner Traum. Der vom Reisen, das bildet. Ein Traum, in dem vor dem Hinausrufen der Weltanschauung das genaue Anschauen der Welt steht. Tucholsky wollte den Deutschen damals ihre Klischees über die Franzosen austreiben.

Gegen Ende seiner Ausführungen kommt Strittmatter dann noch auf die Bedeutung der Auslandsberichterstattung zu sprechen.

Die Welt ist so klein wie nie, aber ist der Wissensdurst gewachsen? Eine Reihe von Korrespondenten von ARD und ZDF hat sich im letzten Jahr zu Wort gemeldet und einen sinkenden Stellenwert der Auslandsberichterstattung beklagt. Auch eine neue Studie des »Netzwerk Recherche« stellt »erhebliche Defizite« in deutschen Medien fest: Zum einen gebe es eine Hinwendung zu Innenpolitik und Lokalem, zum anderen nehme auch bei Auslandsberichten der Deutschlandbezug stark zu.

Bei aller Kritik ist die Arbeit der Korrespondenten weit davon entfernt, auf das Niveau früherer Zeiten zu sinken. Vor dem Zweiten Weltkrieg bestand sie häufig daraus, die Zeitungen des Gastlandes abzuschreiben, was Tucholsky in einer Generalabrechnung mit der Auslandsberichterstattung beklagte:

Das Leben eines Landes spielt sich eben nicht in seinen Zeitungen ab. Man kann zwar aus diesen Zeitungen viel ersehen, wenn man auch sonst gut Bescheid weiß — ihre Macht soll nicht unterschätzt werden. Aber eine Zeitung ist keine Kamera — Journalisten sind Abzeichner. Man muß immer wieder Bild und Wirklichkeit vergleichen.

Ignaz Wrobel: »Auslandsberichte«, in: Die Weltbühne, 12.5.1925, S. 694

Auch die beliebten Meldungen aus dem »Vermischten« waren darin Grund zur Klage:

Die faits divers sind auch schuld daran, daß die eine Nation die andre für einen Haufen tobsüchtig gewordener, ewig ehebrechender, halbirrer, sonderlinghafter, unter völlig desperaten Umständen lebender und mit Revolvern herumfuchtelnder Menschen hält.

Was ja immer noch zu stimmen scheint.

Nach Ansicht von Weltbühne-Herausgeber Siegfried Jacobsohn trug die unzureichende Auslandsberichterstattung sogar Mitschuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges:

Ich für mein Teil will nicht ablassen, den Anteil der Presse an dieser brennenden Schmach unsrer Tage festzustellen — in der Zuversicht, durch Mahnung, Spott, Warnung und bloße sachliche Feststellung am Ende doch zu einer Gesundung der Verhältnisse beizutragen. Da kommt mir der Schutzverband deutscher Schriftsteller höchst dankenswert zu Hilfe. In dessen Organ begründet ein Mann, der durch viele Jahre zwei große deutsche Zeitungen aus London bedient hat, die Überzeugung, »daß der Krieg mit England bei einer bessern Vertretung der deutschen Presse in London während des letzten Jahrzehnts zu vermeiden gewesen wäre«.

»Antworten. Hermann M.«, in: Die Schaubühne, 22.7.1915, S. 95

Sein Text endet mit einem flammenden Appell, die Auslandskorrespondenten finanziell gut auszustatten, um eine sinnvolle Berichterstattung zu ermöglichen:

Auch um dieser Auslandskorrespondenten willen wird Deutschland in der Welt verlacht. Die Verleger scheffeln Millionen, von Jahr zu Jahr mehr Millionen, und mieten sich — die Ausnahmen sind allzu schnell hergezählt — für eine Arbeit, von der letzten Endes unser aller Leben abhängt, um ein Almosen einen Kuli, der nichts weiß, nichts sieht und nichts hört, sich so schlecht anzieht, wie er schreibt, keine Manieren hat, die Hintertreppe benutzen muß und sich am allerwenigsten den Luxus eines Gewissens oder gar des Interesses für seine Tätigkeit leisten kann. Schadet nichts, da Deutschland ja trotzdem siegt, die lachende, längst nicht mehr lachende Welt besiegt? Aber unser Sieg wird zu teuer erkauft und wäre ohne Krieg zu haben gewesen, wenn unsre Zeitungen, soweit sie wirklich Einfluß haben, nicht meistens im Dienst mehr oder minder skrupelloser Plusmacher, sondern des Geists, der Freiheit und der Menschlichkeit stünden.

PS: Die Ausgabe des Economist, in der der im ersten Satz verlinkte Artikel erschien, wurde deswegen in Thailand verboten.

5.12.2008

Berlin und Tucholsky in feinem Strich

Berlin – Bleierne Stadt heißt der zweite Teil der Comic-Trilogie, in der der US-Amerikaner Jason Lutes das Berlin der zwanziger Jahre festhält. Fünf Jahre sind vergangen, seitdem Lutes den ersten Teil der Reihe (Berlin – Steinerne Stadt) vorgelegt hatte. Der letzte Band soll in vier Jahren erscheinen.


Die Bleierne Stadt spielt in der Zeit von Juni 1929 bis zum 14. September 1930, dem Tag der desaströsen Reichstagswahl. Viele Charaktere und Handlungsstränge tauchen darin auf, doch der eigentliche Protagonist ist der Journalist Kurt Severing, Mitarbeiter der linksintellektuellen Weltbühne. Von Typ und Biographie her könnte Severing eine Art Heinz Pol mit Leo-LaniaBrille sein. Seine humorlose und etwas griesgrämige Art machen es jedoch schwer, ihn sympathisch zu finden. Zum Glück gibt es noch die vielen parallel laufenden Episoden, die deutlich machen, dass Berlin keinesfalls eine bleierne, sondern viel eher eine quecksilbrige Stadt war. Severings Freundin Martha verliebt sich in eine Frau und taucht in die Homosexuellenszene ein, eine Band schwarzer Jazzmusiker feiert Erfolge in Tanzlokalen, Kommunisten und Nationalsozialisten kämpfen gegeneinander um die Vorherrschaft auf der Straße. Der Originaltitel (City of Smoke) trifft die Stimmung besser: Die Schornsteine rauchen, aber die politischen und sozialen Spannungen verdüstern das Leben der meisten Menschen.

Hat Lutes aus der räumlichen und zeitlichen Distanz nun die Stadt, die Ereignisse und Charaktere richtig getroffen? Wie er in einem Beitrag seines Weblogs erläutert, bediente er sich manchmal fotografischer Vorlagen, um sie per Photoshop-Bearbeitung in die Szenen einzufügen. Tucholsky-Lesern bleiben Deja-vu-Erlebnisse daher nicht erspart. So zum Beispiel auf Seite 38, wo Lutes ein Foto als Vorbild nahm, das auch im Deutschland, Deutschland über alles-Buch (S. 52) enthalten ist:


Sogar der Firmenschriftzug »Zelte-Fabrik« lässt sich in einer der folgenden Zeichnungen noch gut erkennen.

Und sieht der jüdische Lumpensammler nicht auf verblüffende Weise dem Weltbühne-Begründer Siegfried Jacobsohn ähnlich?


Mit der genauen Wiedergabe der historischen Figuren und Ereignisse hapert es dagegen ein wenig. So nimmt der sogenannte Weltbühne-Prozess in dem Band eine wichtige Rolle ein. Anders als bei Lutes dargestellt, kam es jedoch 1929 nicht zur Anklage und zur Verhandlung vor dem Reichsgericht in Leipzig. Denn aufgrund von Differenzen zwischen Außen- und Reichswehrministerium verzögerte sich die Anklageerhebung bis zum Frühjahr 1931, die erste Verhandlung fand im Mai 1931 statt.

Unhistorisch ist auch die Redaktionskonferenz der Weltbühne, bei der Tucholsky als eine Art graue Eminenz aus seinem Pariser Exil auftaucht. Am Redaktionssitz der Weltbühne in der Kantstraße 152 gab es höchstens kleinere Runden mit den wenigen festangestellten Mitarbeitern wie Rudolf Arnheim und Walther Karsch. Es gab dort nicht einmal einen Konferenztisch. Überliefert sind hingegen Treffen in der Wohnung von Edith Jacobsohn, der Witwe Siegfried Jacobsohns und Verlegerin der Weltbühne. An diese Versammlungen erinnerte sich Erich Kästner nach dem Krieg:

Und nur selten hörte man: »Tucho ist für ein paar Tage in Berlin!« Dann wurden wir eilig in der Douglasstraße zusammengetrommelt. »Wir«, das waren die Mitarbeiter der »Weltbühne«: Carl von Ossietzky, Arnold Zweig, Alfred Polgar, Rudolf Arnheim, Morus, Werner Hegemann, Hermann Kesten und einige andere. Tucholsky saß dann zwischen uns, keineswegs als sei er aus Paris oder Gripsholm, sondern höchstens aus Steglitz oder Schöneberg auf einen Sprung in den Grunewald herübergekommen, und kam er gerade aus der Schweiz, so dachte man, während man ihm belustigt zuhörte, nicht ganz ohne Besorgnis: Da werden nun also alle Eidgenossen berlinern! An solchen Abenden ging es hoch her. Da wurden das Weltall und die umliegenden Ortschaften auseinandergenommen.

Erich Kästner: »Kurt Tucholsky, Carl v. Ossietzky, ‚Weltbühne‘«, in: Die Weltbühne, 4. Juni 1946, S. 21

Die Redaktionssitzung bei Lutes, an der sogar Kurt Hiller und Helene Stöcker teilnehmen, erinnert dagegen an ein ernstes politisches Kolleg, in dem Tucholsky doziert und revolutionäre Reden schwingt. Am Ende wird ihm folgende Aussage in die Sprechblase diktiert:


Auch diese Passage kommt einem irgendwie bekannt vor. Zwar nicht aus dem Jahr 1929, sondern aus einem zehn Jahre früher erschienenen Text. Und auch die Diktion war eine andere:

Es wird uns Mitarbeitern der »Weltbühne« der Vorwurf gemacht, wir sagten zu allem Nein und seien nicht positiv genug. Wir lehnten ab und kritisierten nur und beschmutzten gar das eigene deutsche Nest. Und bekämpften – und das sei das Schlimmste – Haß mit Haß, Gewalt mit Gewalt, Faust mit Faust.

Kurt Tucholsky: »Wir Negativen«, in: Die Weltbühne, 13.3.1939, S. 279

Es ist natürlich ein bisschen fragwürdig, wenn Tucholsky die Worte seiner Gegner nun eins zu eins in den Mund gelegt werden und er damit ein eindeutiges Bekenntnis zur Gewalt im politischen Kampf abgibt. Da sieht man lieber darüber hinweg, dass Ossietzky seinem Gast aus Paris einen Aphorismus vorhält, den er erst Ende 1931 in der Weltbühne veröffentlicht hat:

Ist es ein Zufall, daß die Vertreter der wildesten Gewaltlehren, Nietzsche, Barrès, Sorel, keine zwanzig Kniebeugen machen konnten? Es dürfte kein Zufall sein.

Ein unterhaltsamer Comic ist eben kein Geschichtsbuch. Bedauerlich, dass der letzte Band der Trilogie wieder vier Jahre auf sich warten lässt.

Berlin Band 2. Bleierne Stadt. Von Jason Lutes. Illustriert von Jason Lutes. ab 14 Jahren. 208 Seiten / Klappenbroschur. € (D) 14,00 / € (A) 14,40 / sFr 25,90. ISBN 978-3-551-76676-2

Weitere Links:

Porträt Jason Lutes‘ im Tagesspiegel

Rezension auf jetzt.de

Rezension im Freitag

1.12.2008

Die Jahrhunderte des Schlagers

Manche Wünsche Tucholskys erfüllen sich erst sehr spät:

Schade, daß das noch niemand gemacht hat: Schlager und Moden von gestern auf die Bühne zu bringen.

bedauerte er 1925 in dem Artikel »Der Schlager von gestern«.

80 Jahre später gibt es noch viel mehr Schlager, die von gestern sind, so dass sich nicht nur eine kleine Bühne, sondern gleich eine ganze Ausstellung dem Thema widmet. »Melodien für Millionen« Das Jahrhundert des Schlagers heißt die Schau, die seit dem 21. November in Leipzig zu sehen ist. Nach Angaben der Veranstalter präsentiert sie

über 1500 Exponate aus über 100 Jahren, darunter Bühnenkostüme von Lilian Harvey und Zarah Leander, die Gitarre von Caterina Valente oder den gläsernen Flügel von Udo Jürgens, sowie viele Schlagerpreise, Plattencover, Fotos und Plakate.

Die Schreibmaschine von Tucholsky gehört nicht dazu, obwohl er darauf nicht nur viele Schlager- und Chansontexte, sondern auch mehrere Abhandlungen über das Wesen des Schlagers getippt hat. In denen er dabei zu folgendem Schluss kam:

Alle Schlager von gestern wirken auf den heutigen Menschen naiv. Er lächelt, er lächelt überlegen, er sagt sich: »Das ist alles? Das haben nun unsere Eltern als so furchtbar unpassend und frivol empfunden? Zu dieser Musik haben lockere Mädchen, die heute ehrwürdige Matronen sind, getanzt? Das füllte jene Nächte aus? Weiter nichts –?«

Aber diese Überlegung ist ganz und gar unrichtig. Der Schlager bewahrt nämlich nicht, wie man immer sagt, seine ganze Zeit, denn er ist kein großes Kunstwerk, sondern er hat es sich sehr leicht gemacht. Er hat eben die gesamte Zeit als selbstverständlich vorausgesetzt, er hat dem Hörer augenzwinkernd einen freundschaftlichen Rippenstoß versetzt und hat gesagt: »Du weißt doch, wie ichs meine …« Natürlich wußte der Hörer. Es sind nicht nur die lokalen und zeitlichen Anspielungen, die dahin sind, es ist vor allem jenes unnennbare Etwas, das eine Zeit ausmacht, ihr Rhythmus, ihr Takt, ihre Beziehung zwischen den Geschlechtern, ihr modus procedendi im Geldverdienen, ihr Klatsch, ihre Struktur der Familie, ihre Politik und ihre Klassen. Auf diesem Grund und Boden tanzt der Schlager. Dieser Grund und Boden ist ihm nun entzogen, er steht in der Luft, und nun lächelt der Mensch von heute in falscher Überlegenheit über das Gestern.

Peter Panter: »Der Schlager von gestern«, in: Vossische Zeitung, 18.10.1925

Vielleicht wären diese Überlegungen eine gute Gebrauchsanweisung für den Besuch der Ausstellung.

Dass es den deutschen Schlager aber erst seit der Erfindung des Grammophons gegen Ende des 19. Jahrhunderts gibt, wie die Ausstellungsmacher behaupten, scheint ein anderer Text Tucholskys zu widerlegen:

Schlager sind Lieder, bestehend aus Musik und Worten, die kaum noch etwas mit ihren Autoren zu tun haben, sondern die aus der Literatur zum Gebrauchsgegenstand des Volkes oder des jeweiligen Volkskreises avanciert oder degradiert sind. Solche Lieder zum sonntäglichen Gebrauch des deutschen Bürgertums aus den Jahren 1740 bis 1840 hat Gustav Wustmann, der Schöpfer des ausgezeichneten Werkes Allerhand Sprachdummheiten, veranstaltet, und ihre Neuausgabe liegt jetzt vor. (Als der Großvater die Großmutter nahm, im Insel-Verlag.)

Der Titel des Artikels war bezeichnend: »Alte Schlager«. Ungewöhnlich dagegen, dass Wustmanns Sammlung Tucholsky Lieblingsgedicht enthielt, das »Herbstlied« von Johann Gaudenz von Salis-Seewis. Vielleicht zählt Nicoles »Ein bißchen Frieden« in 100 Jahren auch zur Literatur.

Den Schluss von Tucholskys Text sollte man jedoch besser nicht als Motto für den Besuch einer historischen Ausstellung nehmen:

So bestätigt sich auch hier wieder, daß es die Invaliden des Lebens sind, die den Leierkasten der Erinnerung auf dem Buckel schleppen und ewig auf ihm werkeln.

28.11.2008

So ein Ééérger

Es gab Gelegenheiten, bei denen sich Tucholsky auf eine spezielle Art ärgern konnte. Vor allem über die Tücken der Technik:

Abends, wenn ich im Bett liege, muß ich mich immer so ééérgern … (Merk: ärgern – das ist böse und einmalig; ééérgern aber ist lange, sanft, süß-sauer und überhaupt.) Ich muß mich so ééérgern, weil sich wieder achtmal etwas ereignet hat, das ich da benannt habe: Die Technik spielt.

Peter Panter: »Auf dem Nachttisch«, in: Die Weltbühne, 23.12.1930, Nr. 52, S. 940.

Etwas ärgerlich ist auch, wenn Tucholsky-Zitate, die ihm auf hunderten von Internetseiten zugeschrieben werden, nirgendwo in dessen Werk zu finden sind. So auch die Behauptung:

Das Ärgerliche am Ärger ist, dass man sich schadet, ohne anderen zu nützen.

Wobei sich in diesem Fall nicht nur die Frage nach dem Urheber, sondern auch nach dem Sinn des Zitates stellt. Warum soll man anderen nützen, wenn man sich über etwas geärgert hat? Und warum schadet es, sich mal so richtig zu ééérgern?

Ich würde mich natürlich sehr ärgern, falls doch jemand das Zitat bei Tucholsky finden und mir die Stelle nennen würde. Aber das hätte dann wenigstens einen Nutzen.

25.11.2008

Mit Schmus und Zitatenschatz (2)

Wenn es darum geht, in einen Kommentar ein böswilliges Zitat über die SPD einzuflechten, wird man bei Tucholsky schnell fündig. Das dachte sich wohl auch Manfred Bleskin vom Laufbandsender n-tv, der in seinem Beitrag »Der nibelunge nôt« über den drohenden Hinauswurf Wolfgang Clements sinnierte:

Im Prinzip müsste die siebenköpfige Schiedskommission der Bundes-SPD eine endgültige Entscheidung treffen. Doch wie heißt es schon bei Tucholsky: »Wat brauchste Prinzipien, wenn du eenen Apparat hast!«

Bei Tucholsky heißt es aber auch:

Bevor ich berlinere, überlege ich es mir dreimal, und zweimal tue ichs nicht.

Woraus folgen sollte: Bevor man Tucholskys Berlinisch zitiert, schaut man wenigstens einmal nach, ob es auch im Original so steht.

Denn in der Tat gibt es wenige Texte, in denen Tucholsky durchgehend berlinern lässt. Einer davon ist die bekannte Wahlkampfsatire »Ein älterer, aber leicht besoffner Herr«, von der einige Passagen geradezu sprichwörtlich geworden sind. Darunter auch die über die SPD:

Denn wak bei die Sozis. Na, also ick bin ja eijentlich, bei Licht besehn, ein alter, jeiebter Sosjaldemokrat. Sehn Se mah, mein Vata war aktiva Untroffssier … da liecht die Disseplin in de Familie. Ja. Ick rin in de Vasammlung. Lauta klassenbewußte Arbeita wahn da: Fräser un Maschinenschlosser un denn ooch der alte Schweißer, der Rudi Breitscheid. Der is so lang, der kann aus de Dachrinne saufn. Det hat er aba nich jetan – er hat eine Rede jehalten. Währenddem daß die Leute schliefen, sahr ick zu ein Pachteigenossn, ick sahre: »Jenosse«, sahre ick, »woso wählst du eijentlich SPD -?« Ick dachte, der Mann kippt mir vom Stuhl! »Donnerwetter«, sacht er, »nu wähl ick schon ssweiunsswanssich Jahre lang diese Pachtei«, sacht er, »aber warum det ick det dhue, det hak ma noch nie iebalecht! – Sieh mal«, sachte der, »ick bin in mein Bessirk ssweita Schriftfiehra, un uff unse Ssahlahmde is det imma so jemietlich; wir kenn nu schon die Kneipe, un det Bier is auch jut, un am erschten Mai, da machen wir denn ’n Ausfluch mit Kind und Kejel und den janzen Vaein … und denn ahms is Fackelssuch … es is alles so scheen einjeschaukelt«, sacht er. »Wat brauchst du Jrundsätze«, sacht er, »wenn dun Apparat hast!« Und da hat der Mann janz recht. Ick werde wahrscheinlich diese Pachtei wähln – es is so ein beruhjendes Jefiehl. Man tut wat for de Revolutzjon, aber man weeß janz jenau: mit diese Pachtei kommt se nich. Und das is sehr wichtig fier einen selbständjen Jemieseladen!

Kaspar Hauser: »Ein älterer, aber leicht besoff(e)ner Herr« in: Die Weltbühne, 9.9.1930, S. 405

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