9.1.2007

„Rauchlos helle Flamme“ leuchtet im Netz

Was Tucholsky im vergangenen Jahr betraf, hat nun auch Karl Kraus ereilt: 70 Jahre nach seinem Todestag ist das Werk vom Beginn des Folgejahres an nicht mehr urheberrechtlich geschützt. Was in Krausens Fall aber die Folge hat, dass sein Werk, im Wesentlichen die Zeitschrift Die Fackel, nun komplett online nachzulesen ist. Unter der Adresse www.aac.ac.at/fackel/ lässt sich nach einer kostenlosen Registrierung bequem in sämtlichen Ausgaben der Zeitschrift recherchieren.

Dabei stößt man natürlich sehr einfach auf 42 Stellen, in denen in der Fackel, die er 1920 als „rauchlos helle Flamme“ bezeichnet hatte, der Name Tucholsky genannt wird. Die auffällige Häufung der Namensnennungen in den Jahren 1925 und nach 1930 lässt sich einfach erklären. 1925 steckte ein Plagiats-Vorwurf dahinter, den Tucholsky in der Weltbühne gegenüber dem Kraus-Adepten Heinrich Fischer gemacht hatte. Darin hieß es:

Das geht bis an die letzte erlaubte Grenze. Es ist fast nicht zu glauben, daß Heinrich Fischer den Bauerndichter Christian Wagner nicht kennt; und wenn er ihn kennt, darf er das nicht tun. Die Technik, die Worte, die Reimart, diese seltsame Anwendung des Partizipium Perfekti Passivi – Alles, Alles von da.

Kraus verlangte „Satisfaktion“, Tucholsky sollte bei einem Treffen in Paris Abbitte leisten. Doch dieser verzichtete nach anfänglichem Wunsch darauf, den Wiener nach einem von dessen Vorträgen in Paris zu treffen. Den Grund teilte er Weltbühne-Herausgeber Siegfried Jacobsohn mit:

Dieser Mann ist komplett meschugge. Da er im Privatleben keinen Humor hat, und es ganz ausgeschlossen ist, mit ihm über diese Nichtigkeit so zu reden, wie die Sache sie verdient, wäre er im Stande mich zu brüskieren. Das wäre mir an sich gleichgültig, aber erstens paßt mir das vor Mehring nicht und zweitens nicht vor Franzosen. (…) Wenn er uns in der nächsten Nummer der ›Fackel‹ schlachtet, so ist das seine Sache, und was Du darauf tust, ist Deine. Ich werde wohl nur antworten, wenn er ausgesprochene Verleumdungen in die Welt losläßt, der Rest ist mir wurst.

Die „Abschlachtung“ folgte tatsächlich. Kraus widmete sich in der Fackel Nr. 686–690 vom Mai 1925 auf 15 Seiten dem „Fall Jacobsohn“ und erläuterte dabei aus seiner Sicht, warum es in Paris nicht zu dem Treffen gekommen war:

Ich hätte gegen dessen persönliche Abstattung, also gegen den Verkehr mit Herrn Wrobel nichts einzuwenden gehabt, ließ aber Herrn Tucholsky sagen, daß er, um jenem den Zutritt zu verschaffen, vorerst die Aufklärung schuldig sei, wie seine Ansicht von einem Plagiat Fischers an Wagner, über deren Berechtigung und Ernsthaftigkeit ich mit ihm nicht sprechen wolle, eine Publizität erlangt habe, deren Verwalter doch vor solcher Materie einen alten Schmerz verbeißen mußte, um neue Freude zu erleben. Ohne diese Rechtfertigung, ohne die Zusage einer öffentlichen Zurückziehung des Vorwurfs, ohne die öffentliche Erklärung, daß ein Privatbrief mißbraucht worden sei, oder das private Bedauern über die Bedienung der Ranküne des Herausgebers, kurz ohne zureichende Bereinigung einer so unsaubern Angelegenheit sei ein Verkehr nicht denkbar.

Tucholsky verzichtete auf eine Replik dieser Darstellung, wagte es aber, 1929 zu schreiben:

Der erste Theaterabend fand mittags statt: in der berliner Volksbühne haben sie die ›Unüberwindlichen‹ von Karl Kraus gegeben. Als die Wogen des Beifalls durch das Theater rollten, trat Kraus vor die Gardine und dankte. Er täuschte sich nicht: er hat kein Publikum erobert. Er hat ein erobertes Publikum erobert.

Damit schien er sich jegliche Restsympathie bei Kraus verspielt zu haben. In den Folgejahren störte es Kraus offenbar am meisten, dass man in ihm quasi die Wiener Ausgabe eines Tucholsky sah und beide häufig in ein Boot steckte. Um diesen Eindruck zu zerstören, ließ kaum eine Gelegenheit aus, Tucholskys journalistisches „Vorstrafenregister“ zu zitieren:

Wie der Herr Tucholsky (trotz Kriegsanleihelyrik, schlesischer Tätigkeit und Verulkung Rosa Luxemburgs eine Fahne revolutionären Geistes und unter allen Umständen ein flotter Bursche) in Deutschland stets mit mir zusammengespannt wird (…)

Um Letzteres zu verhindern, griff Kraus schließlich zu radikalen Mitteln:

Einer Mitteilung der Berliner Funkstunde entnehmen wir, daß Sie im Rahmen einer Feierstunde am 15. März das Gedicht »Zum ewigen Frieden« von Karl Kraus zum Vortrag bringen ließen. Mit dem besten Dank für Ihre freundliche Absicht bitten wir, uns in etwaigen künftigen Fällen das Programm rechtzeitig bekanntgeben zu wollen, da der Autor es ablehnt, in einem solchen zum Beispiel mit Herrn Kurt Tucholsky, der ihm als feuilletonistischer Mitarbeiter der bürgerlichen Presse, Verfasser eines Werbegedichts für eine Kriegsanleihe und auch sonst bekannt ist, zu figurieren, und mit ihm keine Feierstunde zu begehen wünscht.

Diese Anschuldigungen wiederholten sich bis 1934, wobei Tucholsky in einem Brief an Carl von Ossietzky im März 1932 klarstellte:

Karl Kraus. Nach dem letzten, etwa 150. Angriff dies:
Der Mann kann gegen mich schreiben, was er lustig ist. Was ich ihm übel nehme ist, daß er genau das macht, was er den großen Zeitungen vorwirft, mit denen er ja – sonst greift man auch nicht dreißig Jahre lang an – solche Ähnlichkeit hat: er lügt durch Verschweigen. Liest man das da in der Fackel, dann glaubt man, ich heiße Auernheimer. Also gut – glauben Sie ja nicht, daß ich etwas unternehmen will. Jedennoch:
Wir wollen – außer Hiller – keinem mehr erlauben, ihn bei uns zu loben. Soweit kanns nun nicht gehn. Ich bitte also formell und feierlich, jedes Lob auf Kraus rücksichtslos zu streichen, und zwar durchaus mit Berufung auf seine Haltung gegen uns, S.J. und die WB. Zitate würde ich nicht streichen – dagegen aufpassen, daß sie wörtlich sind. Damit wir nicht eine dieser albernen Berichtigungen auf den Hals bekommen.

1933 landeten Tucholskys Schriften bei den Bücherverbrennungen der deutschen Studenten im Feuer. Doch selbst diese Situation ließ Kraus nicht solidarisch werden. Statt dessen schrieb er in „Die dritte Walpurgisnacht“, dass er „nicht um einen Nobelpreis mit dem Tucholsky auf einem Scheiterhaufen brennen“ wolle.

Tucholskys letzte Äußerung zu Kraus stammt wenige Wochen vor seinem Tod. Am 9. November 1935 schrieb er:

Wer von jedem Mausdreck im Alltag das äußerste fordert, der endet gewöhnlich nachher im dicksten Kompromiß. Wie z.B. der selige Karl Kraus. Es hat keinen Wert, dauernd der Welt das Neue Testament auf den Kopf zu schlagen – wir wissen ja, daß das ein unangenehmes Geräusch gibt. Aber über die Köpfe hinweg muß mans ab und zu sagen: Selbstzufriedenheit ist eines der wenigen Laster, die es gibt.

8.1.2007

Gut geküsst, Levy

Wenige Tage vor seinem Kino-Start beschäftigt der „Führer“-Film Dani Levys weiterhin das Feuilleton. Die Frankfurter Rundschau, bekanntlich nicht sonderlich Tucholsky-fest, wollte dem rätselhaften Filmeinstieg auf den Grund gehen. Und fragte den Regisseur:

Herr Levy, sie haben ihrem Film ein Zitat von Kurt Tucholsky vorangestellt: „Man muss die Nationalsozialisten küssen, wo man sie trifft.“ Tucholsky ist 1933 ins Exil gegangen, hat 1935 Selbstmord begangen. Warum dieses Zitat?

Abgesehen davon, dass das Zitat natürlich „Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft!“ lautet und Tucholsky Deutschland schon 1924 in Richtung Paris verlassen und sich 1929 seine abgeschiedene Villa in Schweden gesucht hatte, kann auch Levy die Frage nicht wirklich erschöpfend beantworten:

Weil es natürlich die ganze Widersprüchlichkeit unserer Aufarbeitung des Nationalsozialismus vorwegnimmt. Küsst die Faschisten, wo ihr sie trefft: Was heißt das? (Lacht) Heißt das, wir sollen den Faschisten in uns umarmen? Heißt das, wir sollen sie an uns ranlassen und sie küssen? Was heißt küssen? Heißt das verzeihen, heißt das versöhnen? Natürlich nicht. Heißt küssen, sie mit den Waffen bekämpfen, die sie auf keinen Fall abwehren können? Da ist soviel Widersprüchlichkeit allein schon in diesem einen Satz drin, die ich als programmatisch empfand für die Spannung, die auch in dem Film drin ist.

Levy hätte natürlich auch antworten können: „Tucholskys Aufforderung ist einfach nur ironisch gemeint und bedeutet nichts anderes, als dass man die Gewalt der Nazis auf keinen Fall widerstandslos hinnehmen sollte. Insofern hat das Zitat gar nichts mit meinem Film zu tun.“

Aber wie sagte Franz Beckenbauer alias Olli Dittrich zum Thema Widerspruch schon neulich in der „Harald-Schmidt-Show“: „Es kann kein Widerspruch sein, wenn man sich widerspricht!“

Der installierte Tucholsky

In den 1990er Jahren wurde eine Zeitlang darüber diskutiert, ob in Tucholskys Geburtshaus in der Lübecker Straße 13 in Moabit eine Art Begegnungsstätte eingerichtet werden sollte. Das Projekt scheiterte schließlich – wie so häufig – am fehlenden Geld, wie die Berliner Zeitung im April 1999 berichtete.

Nun scheinen sich die Pläne für eine kulturelle Nutzung des Gebäudes doch noch zu verwirklichen. Nachzulesen war dies jedoch nicht in einer Berliner, sondern einer Berner Zeitung. Der Grund: die Künstlerin Simone Zaugg, die zusammen mit ihrem Partner Pfleider das Projekt „Kurt Kurt“ gestartet hat, stamme aus der Schweizer Hauptstadt, schreibt der Bund. In dem Artikel „Im Geist Tucholskys“ bemerkt Autor Christian Hunziker zunächst, dass Moabit heutzutage nicht gerade der angesagteste Stadtteil Berlins ist, und schreibt dann weiter:

Einen dieser verwaisten Läden hat das Künstlerpaar Simone Zaugg und Pfelder gemietet. Er befindet sich in der Lübecker Strasse 13, einem äusserlich unscheinbaren Mietshaus. Eine Gedenktafel neben dem Haupteingang erinnert daran, dass hier am 9. Januar 1890 Kurt Tucholsky das Licht der Welt erblickte. Die ersten beiden Jahre seines Lebens verbrachte der spätere Schriftsteller hier, in einer grosszügigen Wohnung im zweiten Stock.
Dieser Laden an historischer Stelle dient als zentraler Ort für das Projekt «Kurt – Kurt», für das Zaugg und Pfelder renommierte Künstlerinnen und Künstler gewinnen wollen.

Bereitwillig gibt die Künstlerin auch Auskunft darüber, was Tucholsky mit «Kurt – Kurt» zu tun hat:

Als eine Art Mentor begleitet er das Projekt, antwortet Simone Zaugg. Sie schätzt den Schriftsteller dafür, dass er «aufgreift, was ist, auch wenn es unbequem ist, und gleichzeitig Energie spendet». Seine Arbeiten, sagt sie, «werfen einen konstruktiv-kritischen Blick auf die Dinge und tun dem Menschen gut».

Richtig losgehen soll es erst am 1. April, falls bis dahin – was sonst- die Finanzierung gesichert ist. Aber tatsächlich ist in dem Haus bereits etwas aufgetaucht, was schon lange nicht mehr in Berlin gesehen wurde:

In einem weiteren, abgedunkelten Raum konnten die Besucherinnen und Besucher bei entsprechender Aufmerksamkeit den Geist Tucholskys entdecken. Zu erkennen war dort die Darstellung eines Fuchses – ein Beispiel für die Assoziationsfreude von Pfelder und Zaugg. Tucholsky veröffentlichte bekanntlich viele seiner Werke unter den Pseudonymen Theobald Tiger und Peter Panter. Auf den Fuchs kamen die Künstler, weil tatsächlich immer öfter Wildtiere im Berliner Stadtzentrum auftauchen. «Tucholsky», vermutet Pfelder, «würde als schlauer Stadtfuchs zurückkommen.»

Bleibt nur zu hoffen, dass er in der Lübecker Straße nicht die Tollwut bekäme.

6.1.2007

Küsst Helge Schneider

Aus Anlass von Dani Levys neuem Film »Mein Führer« kommt wohl kein deutsches Medium an der Frage vorbei, ob man über Adolf Hitler lachen darf. Schon Tucholsky näherte sich dem Problem 1932 dialektisch, indem er im März schrieb …

Satire hat eine Grenze nach oben: Buddha entzieht sich ihr. Satire hat auch eine Grenze nach unten. In
Deutschland etwa die herrschenden faschistischen Mächte. Es lohnt nicht – so tief kann man nicht schießen.

… zum anderen jedoch im Mai die Satire „Hitler und Goethe“ veröffentlichte und sich über die typisch verquasten Naziargumentationen lustig machte.

Auch das aktuelle Feuilleton wägt in dieser Frage vorsichtig ab, so denn der Film überhaupt für lustig befunden wird. Jürgen Schmieder hat im „Führer“ durchaus einige komische Szenen entdeckt, die er in der Süddeutschen Zeitung ausgiebig schildert. Und noch etwas anderes ist ihm aufgefallen:

Natürlich werden die Warner kommen, die Befürchter, die Vorsichtigen. Sie werden fragen: Darf man Hitler so zeigen? Ist es keine Verniedlichung? Die Antwort gibt der Film selbst. Am Anfang wird ein Zitat von Kurt Tucholsky eingeblendet: „Küsst die Faschisten, wo Ihr sie trefft!“ Und am Ende schreien die Deutschen bei Hitlers Neujahrsrede: „Heil mir selbst!“

3.1.2007

Reich, aber narzisstisch

Bei der Rezension eines Tucholsky-Abends lässt sich in der Regel schwer beurteilen, welche Behauptungen über Tucholsky auf dem Dung des Vortragenden oder der Recherche des Journalisten gewachsen sind. Unfreiwillig komisch wirken auf jeden Fall die begeisterten Passagen, die Sabine Henrichs in der Frankfurter Neuen Presse über ein Tucholsky-Programm los wird. In „Tucholsky als Selbstdarsteller in Perfektion“ berichtet sie über einen Abend mit Oliver Steller und gibt ihr frisch erworbenes Wissen zum Besten:

Seine gute Beobachtungsgabe hatte Tucholsky, der am 9. Januar 1890 geboren wurde, bereits mit seiner ersten Erzählung „Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte“ unter Beweis gestellt. Diese wurde über 120 000 Mal verkauft und ließ den Schriftsteller noch ein wenig reicher werden.

Die Betonung sollte dabei auf „wenig“ liegen. Sehr stark sogar. Denn wie schrieb Tucholsky rückblickend über den finanziellen Erfolg seines Buches:

Ich zeigte damals meinen Vertrag, den ersten, den ich in meinem Leben gemacht hatte, dem damaligen Vorsitzenden des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller. Der weinte eine halbe Stunde vor Freude und streichelte mir dann leise den Kopf. Ich weiß bis heute nicht, was er damit hat sagen wollen.
Kurt Tucholsky: „Rheinsberg“, in: Die Weltbühne, 8.12.1921, S. 579

Was Tucholsky damit meinte: Er hatte die Rechte für einen einmaligen Betrag an den Verleger Alex Juncker abgetreten und war somit an dem finanziellen Erfolg des Buches überhaupt nicht beteiligt.

Auch eine weitere Passage der Rezension liest sich sehr schön:

Immerhin hatte er mit 21 Jahren das Erbe seines sechs Jahre zuvor verstorbenen Vaters in Höhe von heute rund 400 000 Euro angetreten. Doch auch dieses Geld hatte sich irgendwann verflüchtigt und so arbeitete Tucholsky als Privatsekretär in einer großen Bank, wie Steller mit dem Tango „Ich bring’s zu nichts“ erzählte.

Diese „Verflüchtigung des Geldes“ wird häufig auch Inflation genannt, und nach dem Ersten Weltkrieg war Tucholsky sicherlich nicht der einzige in Deutschland, der davon betroffen war. Seine Abkehr vom Journalismus hatte aber auch damit zu tun, dass er 1922/1923 unter schweren Depressionen litt und keinen Sinn mehr im Schreiben erkannte. Es gibt daher auch durchaus andere Gründe als reinen Narzissmus, wenn man sich über den Sinn des Lebens Gedanken macht. Nicht so bei Henrichs:

So war Tucholsky überaus selbstverliebt. Das wurde nicht nur deutlich, als er sich über den Tod Gedanken machte und sich fragte, ob er nicht nur sich selbst, sondern auch anderen fehlen würde, wenn er gestorben sei.

In diesem Fall gehört wohl auch eine gewisse Selbstironie dazu.

29.12.2006

Sauberer Literat

Wäre es Tucholsky im Exil besser ergangen, wenn er einen guten Schutzengel gehabt hätte? Eine solche Funktion für Emigranten hatte der Schriftsteller Hermann Kesten, dem die Welt aus Anlass zweier neu aufgelegter Werke den Artikel „Schutzengel der Exilanten“ widmet.

Zwischen Kesten und Tucholsky gab es während des Exils jedoch keine Verbindungen, was auch damit zusammenhängen dürfte, dass Tucholsky schon seit Anfang der 1930er Jahre recht sicher in Schweden lebte und nur über eine Zürcher Deckadresse erreichbar war. Und als Kesten sich vom amerikanischen Exil aus für seine Schriftstellerkollegen in Europa einsetzte, war Tucholsky schon seit mehreren Jahren tot.

Dennoch taucht ein Porträt Tucholskys in der neu erschienenen Textsammlung Kestens „Meine Freunde, die Poeten“ auf. Darin heißt es, wie die Welt zitiert, über Tucholsky:

Er ist überhaupt ein Ängstlicher, aber von der Sorte, die aus lauter Furcht attackiert und im Angriff immer mutiger wird. Er war ein deutscher Patriot von der echten Sorte. Man erkennt diese am Lachen. Denn die falschen Patrioten sind feierliche Esel oder pathetische Mörder.

Wobei es einen Ausweis an gehobener Dialektik darstellt, Tucholsky, der sich im Patriotismus „von jedem übertreffen“ lassen wollte, deswegen als „echten“ deutschen Patrioten zu bezeichnen.

Kesten taucht in Tucholskys Werk dagegen nur am Rande auf, bei der Besprechung des vom damaligen Lektor des Kiepenheuer-Verlages herausgegebenen Auswahlbandes „24 neue deutsche Erzähler“:

Hm … Vielleicht wäre es gut, dieser sehr sauber gearbeiteten Anthologie den Untertitel «Stufen» zu geben. Es ist, wie wenn sich diese Autoren entsagungsvoll zu Boden geworfen hätten, damit ihre Leiber Stufen für jene bilden mögen, die da aufwärts schreiten sollen zum Parnaß. Nach ihnen. Es stehen sehr hübsche Geschichten in dem Band, es ist beinah alles gut und schön – aber ich werde das bestimmt nicht zum zweiten Mal lesen, und das ist ja eigentlich der wahre Wertmesser eines Buches.
Peter Panter: „Auf dem Nachttisch“, in: Die Weltbühne, 22.4.1930

Besonders echauffiert sich Tucholsky über die Erzählung eines damals noch recht unbekannten Schriftstellers, der sich an der Schilderung des Angestellten-Milieus versuchte:

Guter Mann, das ist gewiß sehr höhnisch gemeint. Doch der Hohn geht daneben.

Die Verbindung zwischen Tucholsky und Kesten endete jedoch nicht mit Tucholskys Tod. Kesten schrieb das Nachwort zur Autobiographie von Lisa Matthias, Tucholskys Geliebter von 1927 bis 1931 und realem Vorbild des „Lottchens“. Kestens damalige Feststellung über das Buch, die so gar nicht den Verrissen seiner Feuilleton-Kollegen entsprach, besitzt heute noch Gültigkeit:

Um die ganze Kunst von Tucholsky zu begreifen, braucht man diese Autobiographie Lottchens, samt den Urtypen, einem halben oder ganzen Dutzend Wendriners. Wer über Tucholsky schreiben will, wer ihn kennen lernen will, kann diese Autobiographie Lottchens gar nicht mehr entbehren, obgleich sie freilich ein parteiischer Bericht ist, ein subjektiv verzerrter Spiegel, und – bei aller unzweifelhaften schriftstellerischen Begabung der Autorin, bei all ihrem Mutterwitz, ihrer psychologischen Einsicht, ihrem Talent, Situationen, Menschen und Zeitläufe zu beschreiben – in keiner Hinsicht dem geliebten und zuweilen mit Liebeshaß umgangenen Gegenstand und Modell, Kurt Tucholsky, ebenbürtig ist.

22.12.2006

Weihnachten mit Liefers

„Kadima“ heißt ein jüdisch-russisches Restaurant neben der Neuen Synagoge in der Berliner Oranienburger Straße. Das Besondere an dem Restaurant ist nicht die Tatsache, dass es den Namen mit Ariel Scharons Partei (zu deutsch: Vorwärts) teilt, sondern dass es über 25 Tische mit Collagen verfügen, „die an 21 jüdische Persönlichkeiten von Albert Einstein bis Billy Wilder erinnern.“ Und außerdem: „Namhafte Künstler, Politiker und Wissenschaftler haben Patenschaften für diese jüdischen Persönlichkeiten übernommen.“

Für Kurt Tucholsky gibt es ebenfalls einen Tisch. Pate ist, wie auf einem Messingschildchen daran zu lesen, Jan Josef Liefers. Als Gerichtsmediziner Karl-Friedrich Boerne ist er vielen Fernsehzuschauern aus dem „Tatort“ aus Münster bekannt.

Zum 71. Todestag Tucholskys ließ sich Liefers im „Kadima“ blicken und las aus den Werken seines „Patenkindes“ vor. Dass er dabei zu spät kam und ohne Konzept wahllos Texte vortrug, nahmen ihm die reichlich erschienenen Zuhörer nicht übel. Das musste auch Klatschreporter Andreas Kurtz von der „Berliner Zeitung“ einräumen, wie aus seinem Text „Ein Akt der Altersvorsorge“ hervorgeht:

Die Art, wie er sie vortrug, kam an. Der Beifall geriet mehr als freundlich. Das Publikum hatte sichtlich Freude daran, von Liefers mit teils weniger populären Texten bekannt gemacht zu werden. Für den Anfang seiner Lesung hatte er eine Schmähung der Institution Familie gewählt. In den anschließenden Applaus hinein meldete sich Brigitte Rothert, pensionierte Russischlehrerin aus Dresden und Großcousine Tucholskys, zu Wort. Sie erzählte, was für eine große Verwandtschaft Tucholsky hatte – vielleicht eine Erklärung für seine geringe Wertschätzung der Familie.

Nach der Lesung war Liefers noch lange mit dem Signieren eines Buches beschäftigt. Allerdings keinem eigenen, sondern der vom Aufbau-Verlag geschäftstüchtig herausgebrachten Anthologie
„Weihnachten mit Tucholsky“. Liefers nahm’s mit Humor, wie die Zeitung bemerkte:

Die absurde Situation, dass er als Interpret das Buch des Dichters zu signieren hatte, bewältigte er dabei durch ironische Widmungen wie diese: „Ich hätte dieses Buch lieber geschrieben als gelesen!“

13.12.2006

Tucholsky zieht wieder in die Schlacht

Das hätte sich Tucholsky wohl nicht träumen lassen. Mehr als 88 Jahre, nachdem er als Feldpolizeikommissar seinen Dienst im deutschen Heer quittierte, darf er noch mal in eine Schlacht ziehen. Zum Glück in eine ganz unmilitärische, denn bei der Darmstädter Dichterschlacht geht es darum, andere lebende und tote Dichterkollegen aus dem Feld zu schlagen. Im „Darmstädter Echo“ heißt es dazu:

Vier Schauspieler der „Theaterquarantäne“ werden dafür in Kostüme schlüpfen und Lyrik und Prosa von Schiller, Tucholsky, Gertrude Stein und der 1999 verstorbenen britischen Autorin Sarah Kane vortragen. Jan Büttenbender von der „Theaterquarantäne“ wird den Abend moderieren. Vier slamerfahrene Poeten, darunter Nora Gomringer und Alex Dreppec, treten für die lebenden Dichter auf.

Vermutlich dürfte Tucholsky noch postum ganz aufgeregt sein. Denn es ist mit Sicherheit sein erster Poetry Slam. Diese Art des Dichterwettstreites wurde erst vor 20 Jahren in den USA erfunden.

10.12.2006

Um Gottes Willen, Herr Schröder

Wenn man jemanden wie Burkhard Schröder zum Chefredakteur einer Journalisten-Zeitschrift macht, darf man sich nicht wundern, dass krawallige Editorials dabei herauskommen. Die Ausgabe 8/2006 des Berliner Journalisten widmet sich dem Thema Religion. Gleich zu Beginn stellt Schröder klar, warum sich die Lektüre der folgenden Beiträge eigentlich nicht mehr lohnt. Bei Religion handele es sich schließlich um

Aberglauben und mehr oder minder primitive Magie (…) Religion und Aberglauben sind zwar Privatsache, aber wer die Existenz eines Jahwe, Gott, Allah oder Manitou für wahr hält, kann auch gleich den Wetterbericht nach der Tagesschau durch einen Regenzauber aus Neu-Guinea ersetzen. (…) Aus der Perspektive eines Atheisten ist der weltanschauliche Unterschied zwischen Joseph Alois Ratzinger alias Benedikt XVI., dem Scientologen Ron Hubbard, einem Schamanen der Apachen und einem Präses der Evangelischen nur marginal.

Das mag aus der Sicht eines Atheisten tatsächlich stimmen. Schröder geht jedoch weiter und behauptet, dass es auch für jeden Journalisten stimmt. Stimmen muss. Denn es sei verlogen

religiös zu sein und etwa über die Karikaturen Mohammeds in den Medien zu räsonieren, ohne im Abspann zuzugeben, dass man an absurde Dogmen glaubt wie etwa die Wiedergeburt eines Gottessohnes oder die zu erwartende Wiederkunft eines Messias.

Schröder gibt seinen Kollegen daher den wohlmeinenden Rat:

Für Journalisten gilt daher der immer noch aktuelle Aufruf Kurt Tucholskys: „Tretet aus der Kirche aus. Tretet aus der Kirche aus. Tretet aus der Kirche aus.“

Tucholsky mag seine Gründe gehabt haben, 1914 aus dem Judentum aus-, 1918 in die evangelische Kirche ein- und aus dieser irgendwann wieder auszutreten, wobei letzteres biographisch nicht belegt ist. Einige der Gründe gehen aus dem Text „Auch eine Urteilsbegründung“ hervor, aus dem das Zitat entnommen ist.

Aber ist es tatsächlich „eine Frage der Berufsehre“, wie Schröder sein Editorial überschrieben hat, kein Mitglied einer Religionsgemeinschaft zu sein, um distanziert über einen Papstbesuch in Deutschland schreiben zu können? Darf ein Journalist, der über den Telekommunikationsmarkt schreibt, kein Telefon irgendeiner Telefongesellschaft besitzen? Kein Wunder Zufall, dass sich ein christliches Medienmagazin über diese Thesen echauffiert. Aber wie naiv muss Schröder eigentlich sein, um zu glauben denken, die Medien würden aus eigener Religiosität auf den religiösen Zug aufspringen? Indem er die berechtigte Kritik an dem pseudoreligiösen Papst-Hype mit seiner ebenso ideologischen wie überzogenen Forderung verbindet, tut er seinem eigenen Anliegen keinen Gefallen.

Dass nur noch sehr wenige Menschen an die tradierten Dogmen glauben, ist der Kirche selbst schmerzlich bewusst. Und warum jemand letztlich aus der Kirche austritt, hat in den seltensten Fällen etwas mit religiöser Überzeugung zu tun. „Ich bin im Jahre 1911 ‚aus dem Judentum ausgetreten‘, und ich weiß, daß man das gar nicht kann“, schrieb Tucholsky in seinem Brief an Arnold Zweig“. Woran jemand glaubt und zu was er sich zugehörig fühlt, hängt nicht von einer Eintragung auf der Steuerkarte ab.

Einen bemerkenswerten Satz hat Schröder aber dennoch in seinem Editorial geschrieben:

Natürlich gibt es dumme Journalisten. Klugheit wird in diesem Beruf nicht vorausgesetzt.

7.8.2006

Berliner wählt! Berliner wählt!

Was kann man von einem Wahlplakat mehr erwarten, als dass es von den Medien ausgiebig rezipiert wird? In diesem Sinne lässt sich behaupten, dass die Berliner PDS durchaus Erfolg mit Wahl ihres Slogans hatte, mit dem sie vor der Abgeordnetenhauswahl vom 17. September um Wählerstimmen wirbt. Denn ihr Spruch wurde von den Berliner Zeitungen mehrfach zum Anlass genommen, sich inhaltlich damit auseinanderzusetzen. Wenn auch eher kritisch. Wie die PDS das geschafft hat? Sie hat einfach folgendes Tucholsky-Zitat genommen und groß auf ihre roten Plakate drucken lassen:

… für diese Stadt, in der immerhin Bewegung ist und Kraft und pulsierendes rotes Blut. Für Berlin.

Auf der Pressekonferenz, bei der die Partei das Plakat vorstellte, wurde immerhin der Originaltext „Berlin! Berlin!“ verteilt. Die Vertreter der verantwortlichen Werbeagentur konnten allerdings nicht eindeutig die Frage der Journalisten klären, ob der Text denn rechtlich überhaupt zu diesem Zweck verwendet werden dürfe. Dabei lautet die Antwort doch ganz einfach: Ja. Dies ging auch aus einer Meldung der Nachrichtenagentur ddp hervor, die weitestgehend in der taz abgedruckt wurde.

In derselben Ausgabe ging auch Gereon Asmuth in einem Kommentar der Frage nach, was denn der Tucholsky-Slogan mit der PDS zu tun habe:

Es bleibt ein irgendwie linker, vor allem aber längerer Slogan, als ihn die anderen Parteien bieten. Und das Gefühl, die PDS trauere alten Zeiten mit klaren Fronten nach. Immerhin wird der Wähler verleitet, mal wieder Tucholsky zu lesen. Viel mehr kann man von einem Wahlplakat kaum erwarten.

Zur Tucholsky-Lektüre fühlte sich offenbar auch Wiebke Hollersen von der Berliner Zeitung bemüßigt. Und in ihre Schulzeit versetzt:

Was will uns der Autor damit sagen? Es könnte eine Aufgabe aus der Abiturklausur sein. Der Prüfling müsste einbringen, was er über Kurt Tucholsky, den Autor der Aussage, gelernt hat, und auch etwas über die gesamtgesellschaftliche Situation im Entstehungsjahr des Zitats 1927.

schlägt Hollersen in ihrem Text „Wir grüßen uns kaum“ vor. Ihr Resümee:

Zumindest, dass es ihn nicht kümmert, dereinst klar gedeutet werden zu können. Dass sein Essay für Abiturklausuren eher nicht taugt. Für Wahlplakate vielleicht schon – aus demselben Grund.

Das sehen andere wiederum anders. Der Tagesspiegel hat zum Beispiel einen Experten die Wahlplakate der Berliner Parteien beurteilen lassen. Dabei kommt die PDS nicht so gut weg:

Die Linke verspricht, wie auch CDU und FDP, etwas „für Berlin“ zu tun. Statt konkrete Ziele zu nennen, benutzt sie ein Zitat von Kurt Tucholsky. Das ist ungewöhnlich. Man setzt auf das Pathos der roten Stadt, in der das rote Blut kraftvoll pulsiert. Die Metapher wirkt feierlich, will emotionalisieren. […] Das Zitat wirkt zu abgehoben. Freigeister und Intellektuelle mag es ansprechen, aber es bleibt unkonkret, da von jeder Programmatik abstrahiert wird. Tucholsky attestiert Berlin lediglich, dass „immerhin“ Bewegung und Kraft vorhanden sei.

Der vom Tagesspiegel befragte Berliner Werbepsychologe Alexander Schimansky ist nicht der einzige, der allen Ernstes glaubt, dass die PDS mit dem Plakat die Wählerstimmen von „Intellektuellen“ gewinnen könnte. Auch die taz machte sich zu diesem Thema Gedanken und interviewte den Politologen Gero Neugebauer, der lamentierte:

Schauen Sie sich doch um: Es gibt in Berlin noch keinen wirklichen Wahlkampf. Was hier läuft, kann man doch nicht Mobilisierung nennen. Die eine Partei bildet ihre Kandidaten ab wie Sardinen in Senfsoße, die andere plakatiert originell gemeinte Zitate. Ein Spruch von Tucholsky interessiert vielleicht 635 Kenner, mehr aber nicht.

Hm, meint Herr Neugebauer das im Ernst? Oder: was meint er überhaupt? Dass die 635 Berliner Tucholsky-Kenner wegen des Plakates plötzlich anfangen, auf dem Alexanderplatz PDS-Fähnchen zu schwenken? Und aus lauter Plaisier am 17. September der früheren SED ihre Stimme geben? Vermutlich hat das einzig wahre Wort in dieser Causa der Taxifahrer Kasupke von der Berliner Morgenpost gesprochen. Wie sagte er doch in seiner Kolumne zu recht:

… und die PDS schmückt sich mit nem Spruch von Tucholsky. Der is lang tot und kann sich nich wehren.

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