16.12.2007

Kegelbruder Kauder

Volker Kauder schätzt sich glücklich, seit 31 Jahren mit ein und derselben Frau verheiratet zu sein. Das sagte der CDU-Fraktionschef in einem Interview der Bild am Sonntag. Und nutzte die Gelegenheit, von seinen scheidungswütigen Parteikollegen zu verlangen, dass sie bestimmte Maßstäbe einhalten. Auf die Frage: „Was darf ein CDU-Spitzenpolitiker privat – und was nicht?“, antwortete er:

Er muss sich immer seiner öffentlichen Verantwortung bewusst sein und damit rechnen, für das, was er tut, Rechenschaft ablegen zu müssen. Gemäß Tucholsky: Wer öffentlich kegelt, der muss sich auch öffentlich nachzählen lassen, wie viel er getroffen hat.

Nun mag Kauder etwas vom Kegeln und Eheleben verstehen, aber Tucholsky in diesem Zusammenhang zu zitieren, ist schon grob fahrlässig. Es sei an den preußischen Innenminister Albert Grzesinski (SPD) erinnert, der 1930 wegen einer außerehelichen Affäre zurücktreten musste. Damals schrieb Tucholsky:

Der Minister war verheiratet und darf sich beim Zentrum bedanken, daß eine Scheidung, wie sie unter sauber und anständig denkenden Menschen mitunter nötig und nützlich ist, nicht durchzuführen war. Die Katholiken terrorisieren das Land mit einer Auffassung vom Wesen der Ehe, die die ihre ist und die uns nichts angeht. Die Frau des Ministers verhinderte die Scheidung. Der Minister lebt mit einer Frau, der er nicht angetraut ist. Gezischel. Klatsch. Hämische Blicke. Briefe. Radau. Krach. Sturz.

Es ist eine gute Gelegenheit, einmal auf die maßlose Verlogenheit des deutschen öffentlichen Lebens hinzuweisen. Bei uns verlangen die Leute von ihren politischen Gegnern, die im öffentlichen Leben stehen – und nur von ihren Gegnern – eine Lebensführung aus dem Bilderbuch. Der Politiker hat ein braver Ehemann zu sein, er hat ein ‚vorbildliches Familienleben‘ zu führen, er hat um keinen Deut anders zu essen, zu trinken, zu lieben und zu arbeiten als ein Buchbinder aus Eberswalde. Weicht er von dieser Linie ab, dann geht es los. […]

Warum hat kein bedeutender Politiker den Mut, einmal gegen diesen Muff aufzustehen? Das geht nicht? Das geht schon; es gehört Mut dazu. Warum sagt keiner, wie es wirklich ist?

„Ich habe keine Zeit, mich jeden Abend zu besaufen, weil das meine Gesundheit schädigt und weil ich das nicht mag. Aber alle zwei, drei Monate bin ich bei mir mit Freunden zusammen, und da kann es denn vorkommen, daß ich ein Glas zu viel trinke und einen kleinen sitzen habe. Und ihr -?

Ich bin verheiratet, und ich bin meiner Frau natürlich nicht treu. Ihr seids auch nicht. Fast niemand von euch, der ein bewegtes Leben führt, ist es. Ich treibe keine übeln Schweinereien, ich halte mir keinen Stall von Mätressen, und ich beschäftige keine Kupplerin. Aber denkt nur: es ist vorgekommen, daß ich auf Reisen oder nach einem Ball mit einer Frau geschlafen habe, die nicht die meine war. Und das geht euch einen Schmarren an. Und wenns euch nicht paßt, dann seht nicht hin. Und kümmert euch um eure eignen Angelegenheiten.

Ich führe ein Leben, das von Besprechungen, Vorträgen, Aktenbearbeitung, Reden, Versammlungen, Repräsentation bis an den Rand gefüllt ist – ich bin kein Fresser, aber ich verachte keinen guten Happenpappen. Und ihr -?

Ich bin wie ihr, wie die Mehrzahl von euch – nicht besser, nicht schlechter. Lügt nicht, Pharisäer, lügt nicht.“

Warum sagt das keiner -?
Ignaz Wrobel: „Bettschnüffler“, in: Die Weltbühne, 11.3.1930, S. 388ff

Immerhin muss man Kauder zugute halten, dass er die moralischen Maßstäbe nicht beim politischen Gegner anlegt. Die man auch dann nicht „im Bett aufsuchen“ sollte, wenn es sich dabei um Nazis handle, schrieb Tucholsky, als 1932 in der Presse die Homosexualität des SA-Führers Ernst Röhm publik gemacht wurde.

Das von Kauder gebrauchte Zitat lautet übrigens im Original:

Wer in der Öffentlichkeit kegelt, muß sich vom Kegeljungen sagen lassen, wieviel er getrudelt hat.
Kurt Tucholsky: „Hoppe – hoppe – Reiter!“, in: Arbeiterstimme (Dresden), 21.9.1929

Damit räumte Tucholsky ein, sich für sein Buch Deutschland, Deutschland über alles auch öffentliche Kritik gefallen lassen zu müssen.

15.12.2007

Texte zum Anprangern

In Stockholm gibt es ein Museum, das sich mit der Geschichte des Nobelpreises befasst. Die Welt hat sich das Nobelmuseum angeschaut. Das Herz der Ausstellung bilde die Sammlung Cultures of Creativity, schreibt Autorin Karin Schumann in ihrem Text „In Stockholm gibt es Genies zum Anfassen“. Obwohl die Friedensnobelpreise in Oslo verliehen werden, widmet sich die Ausstellung auch den Trägern dieses Preises. Und wie:

Das Museum scheut sich dabei nicht, auch Kontroversen aufzuzeigen. So wurde der Friedensnobelpreisträger von 1935, Carl von Ossietzky, schon von seinem Zeitgenossen Kurt Tucholsky als „Märtyrer ohne Wirkung“ angeprangert. Der Publizist von Ossietzky hatte 1931 die verbotene Aufrüstung der Reichswehr aufgedeckt und immer wieder die Weimarer Republik kritisiert. Später starb er an den Folgen seiner KZ-Haft.

Erstmal tief Luft holen – und dann der Reihe nach.

Das Museum schreckt also vor „Kontroversen“ nicht zurück. Aber worin bestand diese Streitfrage im Fall Ossietzky? Vielleicht darin, dass der letzte Herausgeber der Weltbühne sich freiwillig in ein sinnloses Martyrium begeben hat? Und dafür auch noch geehrt werden sollte? Sonst hätte Tucholsky das sicher nicht „angeprangert“.

Nun hat zum einen die Forschung bislang noch gar nicht klären können, ob Ossietzky bewusst in Nazi-Deutschland geblieben ist. Es spricht einiges dafür, dass er einer Flucht nicht abgeneigt war, aber den richtigen Zeitpunkt verpasste.

Zum anderen konnte Tucholsky in seinem damaligen Aufenthaltsort in Zürich sicher nicht wissen, wie freiwillig Ossietzky dieses Martyrium auf sich genommen hat. Er beklagte daher dessen

merkwürdig lethargische Art, die ich nicht verstanden habe, und die ihn wohl auch vielen Leuten, die ihn bewundern, entfremdet. Es ist sehr schade um ihn. Denn dieses Opfer ist völlig sinnlos. Mir hat das mein Instinkt immer gesagt: Märtyrer ohne Wirkung, das ist etwas Sinnloses. Ich glaube keinesfalls, daß sie ihm etwas tun, er ist in der Haft eher sicherer als draußen.

Aber an welchem „Pranger“ hat Tucholsky dies kundgetan? In einem persönlichen Brief an seinen Freund Walter Hasenclever. Es davon auszugehen, dass Schumann und die Welt-Redaktion unter einem Pranger auch eher ein öffentliches Instrument verstehen, um Menschen bloßzustellen. Zwar hat sich Tucholsky bisweilen in Briefen über Ossietzky beschwert. Aber er hat ihn nie als Herausgeber der Weltbühne öffentlich angegriffen oder ihm gar in der Presse vorgeworfen, den Nazis in die Hände gefallen zu sein. Im Gegenteil. Zum einen hat er sich in einem Brief an das Nobelkomitee für die Verleihung des Nobelpreises an Ossietzky eingesetzt. Zum anderen entschied er sich 1935 dazu, sein seit Jahren währendes öffentliches Schweigen zu brechen und sein literarisches Idol Knut Hamsun anzuprangern, weil dieser Ossietzky als Pazifisten attackiert hatte.

Oder besteht die Kontroverse etwa darin, dass Ossietzky „1931 die verbotene Aufrüstung der Reichswehr aufgedeckt und immer wieder die Weimarer Republik kritisiert“ hatte – und trotzdem einen Friedensnobelpreis erhielt? Zunächst gilt dabei festzuhalten, dass der Journalist und Flugzeugkonstrukteur Walter Kreiser bereits 1929 in der Weltbühne den verbotenen Aufbau einer deutschen Luftwaffe aufdeckte und zusammen mit Ossietzky dafür im November 1931 wegen Spionage zu 18 Monaten Haft verurteilt wurde. Warum das Verfahren mehrere Jahre dauerte, ist eine lange Geschichte. Für die Nazis war Ossietzky daher stets der verbrecherische „Landesverräter“, der zurecht in „Schutzhaft“ genommen worden war. Und dass Ossietzky wohl Grund hatte, „immer wieder“ die Weimarer Republik zu kritisieren, zeigt sich schon daran, dass die Nazis schließlich an die Regierung gelangen konnten. Was sie ihm mit brutalsten Schikanen und Misshandlungen in der KZ-Haft dankten.

An deren Folgen er 1938 tatsächlich gestorben ist.

9.12.2007

Gussys Gäste

Tucholsky kannte seine Tricks, um die journalistische Distanz gelegentlich zu überwinden. So schrieb er im Juli 1913 als Peter Panter über einen Auftritt der Schauspielerin und Diseuse Gussy Holl:

Hier lasse ich als Rezensent die geforderte Objektivität völlig vermissen. Ich bin verliebt (darf es, weil ich ein Pseudonym bin), der zitternde Kohinoor entgleitet der Hand, ich liebe alles an ihr: ihr Kleid, ihre dünnen Arme, das Fräulein Holl und die Gussy. (…) Abgesehen von meiner Verliebtheit: sie ist wirklich so. Und ihr werdet mir doch die Freude nicht verübeln, mich, wie in meinen Kindertagen, in die ‚Schauspielerin‘ zu verlieben: nicht in eine Frau – denn ist es auszudenken, daß sie einen je küßte? – sondern in ein Zauberwesen, das nicht ißt, nicht schläft, nicht lebt, sondern das nur singt, Kußhände wirft und vom lieben Gott eigens dazu geschaffen ist, uns armen jungen Leuten Trost einzuflößen, den wir durch unsre Familie wohl verdient haben.

Letztere Bemerkung war durchaus ernst gemeint. Denn mit seiner eigenen Mutter stand Tucholsky zeit seines Lebens auf Kriegsfuß. Gussy Holl nannte er dagegen in seinen Briefen liebevoll „Mamma“. Ob Tucholsky „aus Liebe zu ihr zum Chansontexter“ wurde, wie der Tagesspiegel behauptet, sei dahingestellt. Fest steht zumindest, dass die Diseuse nach ihrer Scheidung von dem Schauspieler Conrad Veidt nicht den Schriftsteller Tucholsky, sondern einen weiteren Schauspieler, Emil Jannings, heiratete. Tucholsky, der das Paar später häufig besuchte, schenkte ihnen noch im Hochzeitsjahr 1923 ein Gästebuch mit der Widmung „Der guten Gussy und dem lieben Ämil von Theobald Tiger“ sowie einem Geleitwort:

Gäste sind in aller Welt die gleichen
Kommen, essen, trinken, plaudern, gehen
und sind auch von hinten lieblich anzusehen.

Wer sich bis 1931 in dieses Gästebuch eingetragen hat, kann am Mittwoch in Berlin begutachtet werden. Denn die Deutsche Kinemathek hat im Herbst das Gästebuch mit 170 Einträgen für 8500 Euro ersteigert.

Die Präsentation beginnt am 12. Dezember um 19 Uhr im Museum für Film und Fernsehen im Filmhaus am Potsdamer Platz in Berlin. Überreicht wird das Gästebuch von dem Drehbuchautor und Regisseur Fred Breinersdorfer. Anschließend erzählt der Regisseur Jörg Jannings von seinem Onkel und trägt aus unbekannten Briefen sowie Texten von Tucholsky, Carl Zuckmayer, Joseph Roth, Kurt Pinthus und anderen vor.

4.12.2007

Das Lesen geht weiter

Der Streit um die Schließung der Kurt Tucholsky-Bibliothek im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg hat das überregionale Feuilleton erreicht. Für die Frankfurter Rundschau hat Elke Buhr die Bibliothek besucht und erstaunliche Dinge beobachtet:

Die Senioren sind als erstes gekommen, sie sitzen vorne, erwartungsvoll: Nicht jeden Tag gibt es hier eine Lesung umsonst. Und was für eine. Maike Wetzel, Thomas Hettche, Tim Staffel, Thomas Brussig, sie alle werden an diesem Nachmittag in den kleinen Veranstaltungsraum der Tucholsky-Bibliothek für Kinder im Prenzlauer Berg kommen.

Das alles wird die Schließung der Bibliothek wohl nicht verhindern. Und Buhr deutet an, dass dadurch die schulischen Leistungen der Kinder im Bötzow-Viertel vermutlich nicht sinken werden:

Es gibt Yoga-Kurse für Kinder, Theater für Kinder, Kunst für Kinder, Angebote für Leute, die in die Kreativität ihres Nachwuchses auf hohem Niveau investieren wollen.

Eine Aneinanderreihung von Klischees, zu deren Verbreitung auch dieser Artikel aus der Zeit ein wenig beigetragen haben dürfte.

Dennoch ist es genauso schade, ob im Prenzlauer Berg, in Neukölln oder in Hohenschönhausen Bibliotheken dichtmachen müssen. Aber der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) verliert sein „breites Grinsen“ nicht, wie Buhr bemerkt. Schließlich bekam er gerade vom Bund 200 Millionen für die Sanierung der Staatsoper. Bleibt zu hoffen, dass die kreativen Kinder vom Prenzlauer Berg sich später wenigstens dort austoben dürfen.

Wie es mit den Protesten weitergeht, steht auf der Website von Pro Kiez unter prokiez.wordpress.com.

27.11.2007

Hörspielpreis für „Schloß Gripsholm“

Da wird sich Tucholsky im „Nachher“ aber gefreut haben. Die Besucher des Hörspielkinos im Berliner Großplanetarium am Prenzlauer Berg haben den „Hörspielkino-Publikumspreis 2007“ an „Schloß Gripsholm“ verliehen. Und zwar in einer Hörspielversion aus dem Jahr 1964 in der Regie von Hans Knötzsch. In der Produktion des DDR-Rundfunks sprachen Fred Düren, Ursula Karusseit, Hans-Joachim Hanisch, Angelica Domröse und Regine Toelg.

Der Preis wird am 1. Dezember um 20 Uhr im Planetarium verliehen. An wen eigentlich? Autor und Regisseur sind seit 72 beziehungsweise 11 Jahren tot.

Tucholsky hatte über gehörte Literatur selbstverständlich seine eigenen Ansichten:

Der Rundfunk kann die Literatur der Lebenden fördern – obgleich das Ohr nicht so aufnahmefähig ist wie das Auge, und hier besteht eine Gefahr. Für faule Leser macht manchmal eine „Bücherstunde“ die Lektüre eines Buches überflüssig – hat er etwas über ein Werk gehört, so kann es geschehen, daß er es nicht mehr liest. Aber diese Gefahr ist klein im Vergleich zu dem Nutzen, den eine anregende Bücherstunde schaffen kann.
Peter Panter, in: Der Deutsche Rundfunk, 6.9.1929, Nr. 36, S. 1145

22.11.2007

Es begann mit einem „Märchen“

Heute ist es auf den Tag genau 100 Jahre her, dass die ersten Texte von Kurt Tucholsky in der Presse erschienen sind. Am 22. November 1907 veröffentlichte die Satirebeilage des Berliner Tageblatts, der Ulk, zwei anonyme Texte unter den Titeln „Märchen“ und „Vorsätze“. Ihr Autor war der 17 Jahre alte Tucholsky, der in dieser Zeit von einem Privatlehrer auf das Abitur vorbereitet wurde.

Schon in diesen beiden Glossen deutet sich an, was für den späteren Autor Tucholsky charakteristisch werden sollte: Ein virtuoser Umgang mit der Sprache und ein respektloses Verhältnis zur Obrigkeit.

So unterstellte er im „Märchen“ niemand Geringerem als Kaiser Wilhelm II., dass dieser kein Verständnis für die moderne Kunst habe. Auch wenn die „ganze moderne Richtung“, auf die der Kaiser in dem Text pfeift, eigentlich gar nicht in seiner kleinen Flöte war. Es fehlten Expressionisten wie die Künstler der „Brücke“ oder des „Blauen Reiters“ sowie Vertreter von Kubismus und Futurismus, heißt es in der Tucholsky-Gesamtausgabe.

In dem Text „Vorsätze“ klingt ein Motiv an, das auch später für Tucholsky von großer Bedeutung sein sollte: die angemessene Bezahlung für seine literarische Produktion. Der Onkel, den er um Geld bitten wollte, war vermutlich Max Tucholski, der Bruder seiner Mutter Doris. Dieser war nach dem Tode von Tucholskys Vater Alex im Jahre 1905 Kurts Vormund geworden und verwaltete dessen beachtlichen Erbteil.

Nach diesen beiden Veröffentlichungen war er zunächst wieder ruhig um Tucholskys journalistische Karriere. Erst dreieinhalb Jahre später, im April 1911, sollte sein nächster Artikel erscheinen. Dieses Mal im Vorwärts, dem Parteiblatt der SPD, für das er in den folgenden beiden Jahren regelmäßig schreiben sollte. Richtig los ging es mit dem Journalismus jedoch erst am 9. Januar 1913, Tucholskys 23. Geburtstag. Von diesem Tag an war er Mitarbeiter der Schaubühne, die ihn nie wieder loslassen sollte.

18.11.2007

Ein ewiger Mittwoch droht

In Berlin gibt es zwei öffentliche Bibliotheken, die den Namen Kurt Tucholskys tragen. Noch. Denn die Bibliothek im Bötzow-Viertel im Prenzlauer Berg soll im kommenden Jahr geschlossen werden. Das teilte der Pankower Kulturstadtrat Michail Nelken (Die Linke) am 14. November in einer Bürgerversammlung in der Bibliothek mit. Wie der Tagesspiegel berichtete, sollen zehn Mitarbeiter der neun Pankower Bibliotheken ihre bisherige Stelle verlieren, so dass zwei Bibliotheken geschlossen werden müssen. In dem Kiez rege sich Widerstand, heißt es in dem Artikel:

Klaus Lemmnitz kann sich in Rage reden, wenn es um die geplante Schließung zweier Bibliotheken im Stadtteil Prenzlauer Berg geht. „Es kann nicht sein, dass die Stadt sich hier völlig der Verantwortung entzieht. Das sind nur noch Streichorgien“, sagt er. Weil er mit den Plänen des Bezirkes Pankow nicht einverstanden ist, hat er mit anderen Anwohnern die Initiative „Pro Kiez“ gegründet.

Auf der Versammlung wurden an den Stadtrat 3000 Unterschriften von Bürgern übergeben, die sich gegen die Schließung wenden. Auch die Kurt Tucholsky-Gesellschaft (KTG) sprach sich bei dem Treffen gegen die Schließung aus. Damit hat es seine besondere Bewandnis: Die Bibliothek hat ihren Namen der letzten Angehörigen der Familie Tucholsky zu verdanken, dem KTG-Ehrenmitglied Brigitte Rothert. Diese hatte sich in den 1980er Jahren dafür eingesetzt, dass die damalige Tucholsky-Bibliothek in Mitte bessere Räumlichkeiten erhielt, die im Juni 1990 schließlich bezogen wurden. Als diese Einrichtung im März 1997 geschlossen werden musste, sorgte Rothert dafür, dass die Bibliothek in der Esmarchstraße vom 11. Juni 1997 an das Andenken an Tucholsky weiterführte.


Die Bibliothek in der Esmarchstraße

Nun steht auch diese vor dem Aus, so dass es für Brigitte Rothert eine Ehrensache ist, sich für deren Erhalt einzusetzen. Am 21. November will die Bezirksverordnetenversammlung über die Schließung entscheiden. Die KTG will beantragen, auf der zuvor angesetzten Fragestunde ein Statement abzugeben.

Bislang hat die Bibliothek schon jeden Mittwoch geschlossen. Bleibt abzuwarten, ob ein ewiger Mittwoch droht.

3.11.2007

Sprechen, schreiben, hören

Nach seinem Hörbuch „Unerledigte Konten“ hat Schauspieler Dieter Mann eine weitere CD mit Texten von Kurt Tucholsky aufgenommen. Sie heißt „Wenn tot, werde ich mich melden“ und enthält laut Verlagsangaben Tucholskys „letzte Briefe“. Zusammen mit anderen gesprochenen Briefen hat Jens Sparschuh sich die Doppel-CD für den Tagesspiegel angehört:

Auch wenn sich Tucholsky selbst am Ende seiner Briefe oft als einen „aufgehörten Dichter“ bezeichnete – seine Briefe beweisen das Gegenteil. Sie funkeln vor Ironie, sind stilistisch brillant, enthalten rasch hingeworfene Reflexionen ebenso wie detaillierte Analysen. Er schreibt über Gott („Gott ist groß, mir zu groß“) und die Welt (Paris: „Hier ist man nicht einsam, wenn man allein ist.“). Manch eine seiner Feststellungen ist von erstaunlicher Aktualität: „Der Sozialismus wird erst siegen, wenn es ihn nicht mehr gibt.“

Über den Grund, der aus Tucholsky im Exil einen reinen Briefeschreiber machte, täuscht sich Sparschuh allerdings.

Ohne Arbeitserlaubnis im schwedischen Exil, isoliert in einem fremden Sprachraum, waren ihm Briefe die letzte verbliebene Kommunikationsform,

heißt es in der Rezension. Das stimmt nicht ganz. Natürlich konnte Tucholsky in Nazi-Deutschland nicht mehr publizieren. Allerdings standen ihm die zahlreichen Exil-Medien sperrangelweit offen.

Aber wie schrieb Tucholsky in seinem letzten Brief an seine geschiedene Frau Mary Gerold:

Ich habe über das, was da geschehen ist, nicht eine Zeile veröffentlicht – auf alle Bitten hin nicht. Es geht mich nichts mehr an. Es ist nicht Feigheit – was dazu schon gehört, in diesen Käseblättern zu schreiben! Aber ich bin au dessus de la mêlée, es geht mich nichts mehr an. Ich bin damit fertig.

Es ist zu hoffen, dass sich dieser bewegende Brief vom November 1935 auf der CD befindet.

31.10.2007

Zwei neue Jünger

Fast 1400 Seiten musste Stephan Reinhardt bewältigen, um für den Deutschlandfunk zwei soeben erschienene Biografien über Ernst Jünger zu rezensieren. Zwar seien beide recht unterschiedlich geschrieben, heißt es in dem Text, doch sei beiden gemein,

dass sie den 1895 geborenen und 1998 im Alter von 102 Jahren an Herzschwäche gestorbenen Ernst Jünger auf ein Podest stellen. Trotz gelegentlicher Einwände ist Jünger für sie eine unverrückbare Zentralgestalt der europäischen Moderne.

Besonders missfällt Reinhardt, dass die Biografen Jüngers militanten Nationalismus lediglich mit dem Versailler Vertrag zu erklären versuchen und seinen Antiparlamentarismus mit der Kritik der Weltbühne an der Weimarer Republik auf eine Stufe stellen.

Es schmerzt regelrecht, wenn Kiesel, der den „republikfeindlichen Antiparlamentarismus“ Jüngers erklären will, dabei pazifistische Schriftsteller wie Tucholsky und Ossietzky zu radikalen Republikfeinden stempelt. Dabei hängt er sich an Riccardo Bavajs oberflächliche Studie „Von links gegen Weimar“ an. Das ist so unredlich wie falsch. Denn Jüngers Gegenspieler Tucholsky und Ossietzky waren gewiss Kritiker des Parlamentarismus, im Zweifelsfalle aber war ihnen die Demokratie das Wichtigste. Natürlich wussten sie, dass in ihr Menschen- und Freiheitsrechte eher geschützt werden als in Diktaturen.

Diese Einschätzung ist sicher nicht ganz unzutreffend. Vor allem aber kritisierten Tucholsky und Ossietzky die Weimarer Regierungen dafür, dass diese die antidemokratischen und antirepublikanischen Bestrebungen der Reaktion nicht scharf genug bekämpften und somit Frieden und Demokratie in Gefahr brachten. Den Vorwurf eines solch gearteten „Antiparlamentarismus“ kann man Jünger sicherlich nicht machen.

23.10.2007

„Der Krieg ist aber unter allen Umständen tief unsittlich“

Wie gut, dass es noch Menschen wie George W. Bush und Dick Cheney gibt. Sonst hätte man sich als Veranstalter vielleicht noch Sorgen darüber machen müssen, dass eine Tagung, die sich mit dem Pazifisten und Antimilitaristen Kurt Tucholsky beschäftigt, gar nicht mehr zeitgemäß ist.

Wie gut, dass es noch Zeitungen wie die Junge Welt gibt. Sonst hätte überhaupt kein Medium von besagter Tagung Kenntnis genommen, obwohl, – Bush und Cheney sei Dank -, sie an Aktualität leider nichts zu wünschen übrig ließ.

So versucht Autorin Doreen Hoffmann in ihrem Artikel „Zuviel Gehorsam“ denn auch, die aktuellen Aspekte der Vorträge und Diskussionen hervorzuheben. Etwas merkwürdig klingen dabei ihre Passagen zu einem Vortrag der Juristin und Uni-Mitarbeiterin Ursula Blanke-Kießling, die über ihre Dissertation zum Staatsverständnis bei Tucholsky vortrug. Woraus bei Hoffmann eine „Staatsdienerin“ wurde, die „sich mit dem Verhältnis von Dichtkunst und Staat aus rechtswissenschaftlicher Sicht beschäftigte“. Dass Blanke-Kießling die rhetorische Frage stellte, was im Vergleich zur Weimarer Republik denn von Tucholskys Kritik heutzutage noch gültig sei, stößt in der Jungen Welt natürlich auf wenig Verständnis. Schließlich leben wir „in den Zeiten der neoimperialistischen Weltordnungskriege“. Siehe ganz oben.

Die Wiedergabe der Podiumsdiskussion bleibt dem selben Duktus verhaftet. Was von wem genau gesagt wurde, soll sich im kommenden Jahr in einer geplanten Tagungsdokumentation nachlesen lassen.

Nicht solange muss man wohl auf die Dokumentation der Reden warten, die auf der Verleihung des Tucholsky-Preises im Deutschen Theater gehalten wurden. Auch in diesem Fall sei zunächst der Jungen Welt gedankt, die sich die Ehrung ihres Autors Otto Köhler nicht entgehen ließ, dabei aber Mitpreisträger Lothar Kusche ebenfalls gebührend zur Kenntnis nahm. Sehr anschaulich schildert Thomas Wagner in seinem Text „Auf der Zigarrenkiste“ vor allem den Auftritt der Laudatorin Gisela May. Was er von der Rede Köhlers schreibt, macht ebenfalls neugierig:

Wie die neue Konstellation entstand, unter denen die BRD durch den nach Adolf Hitler zweiten deutschen Kriegskanzler Gerhard Schröder und seine willigen Helfer Rudolf Scharping und Joseph Fischer wieder kriegstüchtig gemacht wurde, zeigte Otto Köhler in seiner blendend formulierten und im scharfen Ton gehaltenen Dankesrede auf. „Mit dem Ausruf ‚Nie-wieder-Ausschwitz‘ stürzten wir uns in den Krieg.“

Wie schön, dass die Junge Welt solche Autoren hat.

Nachtrag 26.10.: In der Wochenzeitung Freitag ist Köhlers Rede in gekürzter Form abgedruckt.

Powered by WordPress