28.1.2006

Hunde in der Großstadt

Die Berlin-Korrespondentin des „Wiesbadener Kuriers“, Antje Schmelcher, hat sich auf recht humorvolle Weise mit dem Verhältnis der Hauptstädter zu ihren vierbeinigen Freunden auseinandergesetzt. „Wie heilige Kühe dürfen Berliner Hunde überall und jederzeit ihre Exkremente hinterlassen“, heißt es in „Warum die Hauptstadt auf den Hund gekommen ist“ zutreffend. Schmelcher schrieb nicht nur feinsinnige Beobachtungen aus jahrelanger Erfahrung auf („meine Tochter konnte zuerst bellen und dann erst sprechen“). Nein, sie beschäftigte sich auch mit Berlins hündischer Vergangenheit und deren literarischer Aufbereitung.

Aber was sagten eigentlich Berlins berühmte Flaneure über die Hunde? Von Kästner bis Tucholsky taucht in keiner Polemik ein Hund auf.

Was Tucholsky betrifft, ist diese Behauptung schlicht unzutreffend. Als bekennender Hundehasser ließ er kaum eine Gelegenheit aus, über „unsere gefiederten Lieblinge“ herzuziehen. Schrieb er 1922 zwar noch „Nein, ich hasse den Hund gar nicht“ und machte sich in „Der Hund als Untergebener“ eher über die „bestimmte Gattung Mensch, die ihn behandelt wie ein Brigadekommandeur die unterstellte Formation“ lustig, beschwerte er sich in späteren Texten heftig über das unablässige, sinnlose Gebelle. „Wenn einen nicht das Sinnloseste stört, das es auf Gottes Erdboden gibt: Hundegebell“, heißt es in „Französische Provinz“ (1927). Kurz nach seinem Umzug in den Pariser Vorort Le Vesinet klagte er:

Die im Prospekt garantierte ff. Morgenstille ist nicht geliefert worden. (…) Es hört sich an, als ob sich die Rotte Korah meilenweit mit einemmal übergäbe – wenn morgens die Lieferanten an den Häusern klingeln, steht der ganze Horizont in Flammen. Sie reißen an den Stricken, sie springen gegen die Gitter, sie flöhen sich, belfern, quietschen, jaulen, in den Triefaugen Treue zum Futternapf und zum angestammten Herrscherhause, durchaus konservativ und gegen die landfremden Elemente.

Zu Klassikern für Hundehasser gerieten die Feuilletons „Zwei Lärme“ und der berühmte „Traktat über den Hund, sowie über Lerm und Geräusch“ mit seinen Abschnitten 1. Scherz, 2. Satire und 3. Ironie und tiefere Bedeutung. Deren Quintessenz lautet in einem Satz zusammengefasst:

Hundebesitzer sind die rücksichtslosesten Menschen auf der Welt.

22.1.2006

Warum

müssen die Kinder eigentlich morgens so früh in die Schule gehen, fragte der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger neulich ganz unbedarft und erntete dafür reichlich Applaus. „Warum müssen eigentlich fast alle Leute, die in einer Anstalt untergebracht sind, früh aufstehen?“, fragte Tucholsky einst in der „Weltbühne“, und seine Antwort dürfte den Kindern immer noch gefallen:

Gebt den Leuten mehr Schlaf – und sie werden wacher sein, wenn sie wach sind.
Ignaz Wrobel: „Warum“, in: Die Weltbühne, 21. Januar 1930, S. 150

21.1.2006

Gesunde Terminologie

Wie das „Hamburger Abendblatt“ berichtet, kränkelt das Norderstädter Kabarett „Die Thespisnarren“ derzeit „Zwischen Muskelzittern und Herzflattern“.

Mit Hilfe von Kurt Tucholsky, Erich Kästner und anderen brillanten Kabarett-Schreibern wird das Publikum im wahrsten Wortsinn herzhaft untersucht, durchgewalkt, für zu leicht oder zu schwer befunden.

Aufgrund seiner jahrelangen Nasenbeschwerden und diverser anderer Krankheiten machte Tucholsky, zweifellos ein Hypochonder, reichlich Erfahrungen mit der damaligen Medizin. Eher humorvoll schilderte er diese Erlebnisse in dem Text „Der kranke Zeisig“, wobei er mit kräftigen Seitenhieben gegen „die Herrn Professoren“ nicht sparte:

Der Professor: Der Laie überschätzt naturgemäß diese Symptome, die – verstehen Sie mich recht – eigentlich gar keine Symptome sind. Für mich sind diese Dinge, von denen Sie mir da erzählen, Folgeerscheinungen; es ist wichtig, daß Sie sich das immer vor Augen halten: Folgeerscheinungen. Sie bleiben in Berlin? Ich werde Sie behandeln; schlagen Sie sich den Gedanken aus dem Kopf, mit aller Gewalt gesund zu werden – das ist nicht der Zweck der Medizin. Die Medizin ist eine Wissenschaft, also der Mißbrauch einer zu diesem Zweck erfundenen Terminologie. Laien verspüren leicht Schmerzen: das ist völlig irrelevant. Es handelt sich nicht darum, den Schmerz zu beseitigen – es handelt sich darum, ihn in eine Kategorie zu bringen!

20.1.2006

Radikale Fragen

Nach den vielen positiven Würdigungen zu Tucholskys 70. Todestag ist fast schon wieder beruhigend, einmal eine eher kritische Auseinandersetzung mit der linken Publizistik der Weimarer Republik zu finden. Problematisch wird eine solche Kritik jedoch dann, wenn sie dazu herhalten muss, aktuelle politische Auseinandersetzungen um unfundierte Argumente zu bereichern. Dann kann es leicht vorkommen, so wie es Marko Martin vom „Rheinischen Merkur“ passiert ist, dass Ursache und Wirkung, Absicht und Folgen durcheinander geraten.

In seinem Kommentar „Böse Mär vom Schnüffelstaat“ setzt sich Martin engagiert dafür ein, dass die deutschen Behörden die politische Gesinnung von Immigranten überprüfen dürfen, – so wie das Land Baden-Württemberg dies mit einem Gesinnungstest plant. Martin sieht sich bemüßigt, die wegen des Vorschlags angegriffenen Politiker und Beamte in Schutz zu nehmen. Um seine These zu stützen, greift er tief in die rhetorische Trickkiste. Denn, wie wir spätestens seit Hans-Ulrich Wehler wissen, ist die Weimarer Republik auch an der Kritik eines Carl von Ossietzky zugrunde gegangen. So schreibt Martin zur früheren Debatte um den Radikalenerlass:

Stattdessen gab es bis weit hinein in den linksliberalen Mainstream jenen wohlfeilen Spott über den so genannten „FDGO-Staat“ – ähnlich wie ein nie kritisch hinterfragter Kurt Tucholsky Jahrzehnte zuvor in der „Weltbühne“ die fragile Weimarer Republik und deren „Systemparteien“ mit Hohn nur so übergoss, bis…

Nun, bis es zu spät war und jene teilweise vielleicht tatsächlich inkompetenten Politiker durch wahre Massenmörder abgelöst worden waren, bis sich der vermeintlich „kleine Unterschied“ plötzlich als riesige Zivilisationskluft entpuppte – und all die einst so wortmächtigen Sophisten mit offenem Mund dastanden.

Wer so wenig historische Kenntnisse besitzt, sollte mit seinen Urteilen vorsichtiger umgehen. Schließlich hat Tucholsky die „Systemparteien“ der Weimarer Republik genau deswegen angegriffen, weil sie den republikfeindlichen Kräften in Militär, Justiz und Verwaltung keinen Einhalt geboten haben. Wenn sich Personen erwiesenermaßen als Gegner von Demokratie und Republik bekannten, war Tucholsky wohl der letzte, der dies klaglos hingenommen hat. Nicht ohne Grund beteiligte sich Tucholsky an der Gründung eines Schutzbundes für die Republik (Deutscher Republikanischer Reichsbund) und erklärte: „Wir alle, ohne Unterschied der Parteifärbung, stehen [der Republik] zur Verfügung. Warum ruft sie uns nicht?“ (siehe entsprechende Wikipedia-Diskussion). Wenn Martin wirklich die freiheitlich demokratische Grundordnung verteidigen wollte, täte er sich leichter, Tucholsky zum Fürsprecher in eigener Sache zu machen.

Was dieser aber von der Idee hielt, die staatsbürgerliche Gesinnung mit einem einfachen Fragebogen zu ermitteln, wird aus der folgenden Bemerkung sehr schön deutlich:

Amerika ist bei uns viel zu hoch im Kurs notiert; warum kriechen wir eigentlich vor diesen Brüdern? Kennt ihr den unverschämten Fragebogen, den die amerikanischen Konsulate den Auswanderern und Reisenden vorlegen? Laßt euch so einen geben – ihr werdet eure Freude haben.
Peter Panter: „Auf dem Nachttisch“, in: Die Weltbühne, 15.10.1929, S. 593f.

17.1.2006

Antworten

Nach den nicht enden wollenden Lobreden auf Siegfried Jacobsohns „Gesammelte Schriften“ versuchte die FAZ am Wochenende, die Verhältnisse noch einmal zurechtzurücken. In seinem Text „Kollege Jacobsohn oder Ist man Theaterkritiker für die Ewigkeit?“ beantwortet Gerhard Stadelmaier die Frage, die sich sein Kollege von der „Süddeutschen“ vergeblich gestellt hatte: Warum das Werk von Siegfried Jacobsohn nicht annähernd dieselbe Aufmerksamkeit der Nachwelt erhalten hat wie die Schriften seiner Starautoren Kurt Tucholsky und Alfred Polgar.

Aber man durchliest die Tausende von Jacobsohn-Seiten, diese überlangen, oft ohne jeden Absatz, ohne Pausen und Luftholen auskommenden Abhandlungen, ohne auch nur einmal von irgendeinem Hauch, geschweige denn von einem Luftzug angeweht zu werden. Kann sein, daß Jacobsohn für seine Zeit eine republikanische Berühmtheit, ein kritisches Wunderkind war. Aber nichts von ihm ragt zu uns herüber. Kein Stil, keine Haltung, kein Argument, keine Formulierung, kein Witz. Er bleibt ein Zeitverhafteter. Er schrieb wackere, schöne, ausführliche Rezensionen.

Stadelmeier irrt sich jedoch, wenn er schreibt:

Wie er die „Antworten an die Leser“ erfand. Wie er diese „Antworten“ nutzte, um Politisches, Grundsätzliches, den Kritikerberuf Reflektierendes auch dergestalt unterzubringen, daß er schamlos log: „Als Kritiker freut mich das Leben nur, wenn ich loben kann.“

Die „Antworten“ gehen vermutlich auf eine Anregung Tucholskys zurück, was schon dadurch naheliegt, dass die Rubrik wenige Monate nach dessen Eintritt in die Redaktion der „Schaubühne“ eingeführt wurde. In einem späteren Brief ermahnte Jacobsohn seinen Mitarbeiter dazu, nach außen nicht damit zu prahlen, die „Antworten“ erfunden zu haben. Dies solle ein Redaktionsgeheimnis bleiben. Ebenfalls war Tucholsky zeitweise vertraglich dazu verpflichtet, eine bestimmte Anzahl an „Antworten“ beizutragen, wobei Jacobsohn und später Ossietzky sicherlich einen Großteil dieser „Briefe an die Leser“ beisteuerten. Aber eine endgültige Antwort auf die Frage, wer welchen Beitrag verfasste, wird sich wohl nicht mehr finden lassen.

Nachtrag 24.2.2006: Für die Zeitschrift Ossietzky versuchte Otto Köhler mit ziemlich viel Schaum vor dem Mund eine Replik gegen Stadelmaier zu verfassen. Aus Köhlers Text „‚Kollege Jacobsohn‘ – nein danke!“ geht aber nicht so recht hervor, worauf er eigentlich hinaus will. Aber da der Artikel mit dem Satz: „Es sollte ein Geburtstagsartikel werden: Siegfried Jacobsohn, unser Gründervater, wäre am 28. Januar 125 Jahre alt geworden.“ beginnt, sollte man ihn am besten nicht weiterlesen. Gerhard Stadelmaier hat derzeit ohnehin andere Sorgen.

15.1.2006

Ein ganz evangelischer Jude

„Ein ganz gewöhnlicher Jude“ lautet der neue Film von Oliver Hirschbiegel, der am 19. Januar 2006 in den Kinos anläuft. Ben Becker stellt darin den Jude Emanuel Goldfarb dar, der schriftlich dazu eingeladen wird, vor einer Schulklasse über sein Leben als „jüdischer Mitbürger“ im heutigen Deutschland zu sprechen. Der Film zeigt nicht den Auftritt vor der Klasse, – den Goldfarb zunächst entrüstet ablehnt -, sondern seine monologisierende Auseinandersetzung mit dem Etikett des „normalen“ Juden in einem Land, das Jude-Sein alles andere als zu einer Normalität hat werden lassen.

Es kann natürlich kein Zufall sein, dass die Einladung an Goldfarb ausgerechnet von einem Kurt Tucholsky-Gymnasium ausgeht. Auch Tucholsky wollte als „ganz normaler“, assimilierter Jude in Deutschland leben, was so weit ging, dass er im Alter von 24 Jahren aus dem Judentum „austrat“ und sich während des Ersten Weltkrieges sogar evangelisch taufen ließ. Dennoch blieb er in den Augen seiner Gegner immer der „zersetzende Jude“, obwohl er selbst bekannte, dass ihn „die Frage des Judentums niemals sehr bewegt“ habe. Kein Zufall war es wohl dennoch, dass einer seiner letzten Briefe sich sehr eingehend mit dem Judentum befasste. Sein Brief an Arnold Zweig vom 15. Dezember 1935 war eine Bilanz seiner Erfahrungen als deutscher Jude und zugleich eine Abrechnung mit der jüdischen Gemeinde im Nazi-Deutschland.

Emanuel Goldfarb wird sich übrigens dazu durchringen, die Schüler des Tucholsky-Gymasiums zu besuchen.

Jüdischer Antisemitismus

Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete am Wochenende über einen bislang „einmaligen Fall“, bei dem ein deutschtes Gericht entscheiden soll, „ob ein Jude einen anderen Juden als Antisemiten bezeichnen darf.“ Neu an den Streit ist offenbar, dass dieser vor Gericht ausgetragen wird.

Denn wenn er nicht schon lange tot gewesen wäre, hätte Tucholsky ebenfalls diesen Vorwurf zu hören bekommen. Der jüdische Religionshistoriker Gershom Scholem bezeichnete Tucholsky 1966 in einer Rede als einen der „begabtesten und widerwärtigsten jüdischen Antisemiten“. In seinen Wendriner-Geschichten habe er die jüdische Bourgeoisie in „erbarmungslosesten Nacktaufnahmen“ gezeigt.

Wie sinnvoll solche Bezichtigungen sind, versucht Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, in der „SZ“ zu erklären:

Korn: Ich persönlich kenne keinen jüdischen Antisemiten, aber um diese Frage dreht sich der Prozess. Genauer: Kann jüdischer Selbsthass, der auf andere Juden projiziert wird, zu Antisemitismus werden? Antisemitismus muss man im Kontext sehen und man muss jede Äußerung einzeln untersuchen. Oft ist Antisemitismus die Projektion eigener dunkler Seiten auf andere, auf Juden. Es kann sein, dass derselbe Mechanismus auch bei jüdischem Selbsthass greift, wie man ihn von Otto Weininger oder Rudolf Borchardt kennt: Die eigenen destruktiven Anteile werden auf den anderen übertragen, weil sie sonst nicht ohne Schäden für die eigene Psyche zu ertragen sind – so äußert sich Antisemitismus.

SZ: Das klingt sehr kompliziert.

Korn: Es ist kompliziert. Und ich beneide die Richter nicht. Ich glaube nicht, dass ihr Urteil beiden Seiten gerecht werden kann, so wie ich nicht glaube, dass ein Gericht in der Lage ist, diese Frage zu entscheiden. Im besten Fall kann das Urteil eine fruchtbare Debatte über Antisemitismus auslösen.

Ob Tucholsky auf Scholems Vorwürfe ebenso gelassen wie auf die antisemitischen Ausfälle gegen ihn reagiert hätte? Zu dieser Frage schrieb er 1929 an Hans Reichmann, einem Mitarbeiter des Central-Vereins:

Bei antisemitischen Attacken verhalte ich mich besonders schweigsam – denn hier liegt noch ein besonderer Grund vor.
Mich hat die Frage des Judentums niemals sehr bewegt. (…)
Die Leute, die in mir den Juden treffen wollen, schießen zunächst daneben. Mein Herzschlag geht nicht schneller, wenn mir jemand „Saujud“ nachschreit; mir ist das so fern, wie wenn er sagte: „Du Kerl fängst mit einem T an – was kann da an dir schon gutes sein.“ Ich sage nicht, daß ich damit recht habe; ich stelle dieses Gefühl fest, und nicht einmal öffentlich.
Mich bewegt die Frage nicht.

12.1.2006

Heisere Matinee

Dass man mit einer Tucholsky-Matinee auch heutzutage noch einen Saal füllen kann, zeigt ein Bericht der „Oberhessischen Presse“ aus Marburg. Dort trat am vergangenen Sonntag das „Trio 99“ auf, das aus dem Schauspieler Jan Burdinski, dem Saxophonisten Thomas Helmreich und dem Pianisten Adam MacThomas besteht. Als Ansporn für alle Tucholsky-Liebhaber dürfte die Einschätzung der Zeitung gelten, wonach selbst die Stimmprobleme Burdinski dem Vortrag keinen Abbruch taten:

Burdinski gelingt es, das Werk des facettenreichen Künstlers Tucholsky zeitgemäß und ungemein unterhaltsam zu präsentieren. Sowohl die rezitierten Texte als auch die meist heiteren Chansons überzeugten, obwohl Burdinski hörbar mit seiner Stimme zu kämpfen hatte.

Abschließend bemerkt Rezensent Jochen Schmidt, dass sich die 150 Zuhörer vorwiegend aus älteren Generation zusammensetzten. Ob dies bei einem Marburger Tucholsky-Abend anders gewesen wäre, bleibt dahingestellt.

7.1.2006

Urheberrecht und Realität II.

Die „taz“ hatte in ihrem Tucholsky-Beitrag vom 2. Januar etwas kryptisch darauf hingewiesen, dass sämtliche Texte von Tucholsky nun gemeinfrei seien, mit Ausnahme der „noch einmal nachträglich etwa von einem Herausgeber bearbeiteten Fassungen“. Es wäre schön, wenn sich jemand daran halten würde.

Denn erstaunlicherweise ist das am meisten im Internet verbreitete Tucholsky-Gedicht ausgerechnet ein solches, das nachträglich von einem „Herausgeber“ bearbeitet wurde. Es heißt „Die freie Wirtschaft“ und wurde, von wem auch immer, aus den Originalgedichten „Die freie Wirtschaft“ und „Eine Frage“ zusammengeschnippelt. In seiner jetzigen Form, die sich auf hunderten von Internetseiten findet, wirkt es trotz seiner 75 Jahre hochaktuell.

Die freie Wirtschaft

Ihr sollt die verfluchten Tarife abbauen.
Ihr sollt auf Euren Direktor vertrauen.
Ihr sollt die Schlichtungsausschüsse verlassen.

Ihr sollt alles weiter dem Chef überlassen.
Kein Betriebsrat quatsche uns mehr herein.
Wir wollen freie Wirtschafter sein!

Wir diktieren die Preise und die Verträge –
kein Schutzgesetz sei uns im Wege.

Ihr braucht keine Heime für Eure Lungen,
keine Renten und keine Versicherungen.
Ihr sollt Euch allesamt was schämen,
von dem armen Staat noch Geld zu nehmen!

Ihr sollt nicht mehr zusammenstehen –
Wollt Ihr wohl aus einander gehen!

Ihr sagt: Die Wirtschaft müsse bestehen.
Eine schöne Wirtschaft! Für wen? Für wen?

Das laufende Band, das sich weiterschiebt,
liefert Waren für Kunden, die es nicht gibt.
Ihr habt durch Entlassung und Lohnabzug sacht
Eure eigene Kundschaft kaputtgemacht.
Denn Deutschland besteht –
Millionäre sind selten –
aus Arbeitern und Angestellten!

Und Eure Bilanz zeigt mit einem Male
einen Saldo mortale.
Während Millionen stempeln gehen.
Die wissen, für wen!

Aber es unterdrückt auch Verse wie:

Wir erobern die Macht, Schritt für Schritt.
Niemand stört uns. In guter Ruh
sehn Regierungssozialisten zu.

die einigen Montagsdemonstranten sicherlich nicht gefallen dürften.

Der Vollständigkeit halber seien hier beide Originalgedichte wiedergegeben. Da sie nun gemeinfrei sind, werden sie hoffentlich anstelle der Hartz-IV-Kompilation weiterverbreitet.

Die freie Wirtschaft

Ihr sollt die verfluchten Tarife abbauen.
Ihr sollt auf euern Direktor vertrauen.
Ihr sollt die Schlichtungsausschüsse verlassen.
Ihr sollt alles Weitere dem Chef überlassen.
Kein Betriebsrat quatsche uns mehr herein,
wir wollen freie Wirtschaftler sein!
Fort die Gruppen – sei unser Panier!
Na, ihr nicht.
Aber wir.

Ihr braucht keine Heime für eure Lungen,
keine Renten und keine Versicherungen.
Ihr solltet euch allesamt was schämen,
von dem armen Staat noch Geld zu nehmen!
Ihr sollt nicht mehr zusammenstehn –
wollt ihr wohl auseinandergehn!
Keine Kartelle in unserm Revier!
Ihr nicht.
Aber wir.
Wir bilden bis in die weiteste Ferne
Trusts, Kartelle, Verbände, Konzerne.
Wir stehen neben den Hochofenflammen
in Interessengemeinschaften fest zusammen.
Wir diktieren die Preise und die Verträge –
kein Schutzgesetz sei uns im Wege.
Gut organisiert sitzen wir hier …
Ihr nicht.
Aber wir.

Was ihr macht, ist Marxismus. Nieder damit!
Wir erobern die Macht, Schritt für Schritt.
Niemand stört uns. In guter Ruh
sehn Regierungssozialisten zu.
Wir wollen euch einzeln. An die Gewehre!
Das ist die neuste Wirtschaftslehre.
Die Forderung ist noch nicht verkündet,
die ein deutscher Professor uns nicht begründet.
In Betrieben wirken für unsere Idee
die Offiziere der alten Armee,
die Stahlhelmleute, Hitlergarden …
Ihr, in Kellern und in Mansarden,
merkt ihr nicht, was mit euch gespielt wird?
mit wessen Schweiß der Gewinn erzielt wird?
Komme, was da kommen mag.
Es kommt der Tag,
da ruft der Arbeitspionier:
„Ihr nicht.
Aber Wir. Wir. Wir.“
Theobald Tiger: „Die freie Wirtschaft“, in: Die Weltbühne, 4.3.1930, S. 351

Der zweite Teile stammt aus dem folgenden Gedicht:

Eine Frage

Da stehn die Werkmeister – Mann für Mann.
Der Direktor spricht und sieht sie an:
„Was heißt hier Gewerkschaft! Was heißt hier Beschwerden!
Es muß viel mehr gearbeitet werden!
Produktionssteigerung! Daß die Räder sich drehn!“
Eine einzige kleine Frage:
Für wen?

Ihr sagt: die Maschinen müssen laufen.
Wer soll sich eure Waren denn kaufen?
Eure Angestellten? Denen habt ihr bis jetzt
das Gehalt, wo ihr konntet, heruntergesetzt.
Und die Waren sind im Süden und Norden
deshalb auch nicht billiger geworden.
Und immer noch sollen die Räder sich drehn …
Für wen?

Für wen die Plakate und die Reklamen?
Für wen die Autos und Bilderrahmen?
Für wen die Krawatten? die gläsernen Schalen?
Eure Arbeiter können das nicht bezahlen.
Etwa die der andern? Für solche Fälle
habt ihr doch eure Trusts und Kartelle!
Ihr sagt: die Wirtschaft müsse bestehn.
Eine schöne Wirtschaft!
Für wen? Für wen?

Das laufende Band, das sich weiterschiebt,
liefert Waren für Kunden, die es nicht gibt.
Ihr habt durch Entlassung und Lohnabzug
sacht eure eigne Kundschaft kaputt gemacht.
Denn Deutschland besteht – Millionäre sind selten –
aus Arbeitern und aus Angestellten!
Und eure Bilanz zeigt mit einem Male
einen Saldo mortale.

Während Millionen stempeln gehn.
Die wissen, für wen.
Theobald Tiger: „Eine Frage“, in: Die Weltbühne, 27.1.1931, S. 123

5.1.2006

Tucholsky goes English

Mit der englischen Sprache stand Tucholsky bekanntlich auf Kriegsfuß:

Ich spreche zum Beispiel miserabel Englisch und verstehe es kaum, und es hat jahrelang gedauert, bis ich mit dem Verstande dieses dumpfe Wutgefühl aus mir herausbekommen habe. Lese oder höre ich heute Englisch, so schmerzt es mich, es nicht gut zu verstehen – aber ich bin auf den Schreibenden oder Sprechenden nicht mehr böse.

schrieb er dazu in einem Essay über „Die hochtrabenden Fremdwörter“ (1930). Mit dieser Abneigung korrespondiert die Tatsache, dass Tucholsky im englischsprachigen Raum ebenfalls kaum bekannt ist. Abhilfe will dem nun ein Weblog schaffen, das von einem in Europa lebenden US-Amerikaner herausgegeben wird.

Indie vom Indeterminacy-Blog hat ein Kurt Tucholsky-Weblog gegründet, auf dem er in Zukunft englische Übersetzungen von Tucholsky-Gedichten veröffentlichen möchte. Den Anfang macht das Gedicht „Das Lächeln der Mona Lisa“. David Raphael Israel vom Kirwani-Blog hat die Übersetzung noch etwas poetischer gestaltet. Über den Grund für seine Tucholsky-Begeisterung schreibt Indie:

Tucholsky was a brilliant and prescient satirist of the Weimar Republic era in Germany who saw exactly where the country was going politically and warned against it. He was so on target, to me it’s as if he could actually see the future. I’m not the first person to call his work visionary. I intend to translate some of his shorter pieces sometime soon, just to show how accurate they still are.

„I hope you have a little bit lucky“, würde wohl ein anderer Deutscher wünschen, der des Englischen ebenfalls nicht sehr mächtig war.

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