19.8.2005

His master’s voice

Wer wollte nicht schon immer mal gehört haben, wie Großdichter Goethe selbst den „Zauberlehrling“ aufsagte? Was bei Goethe und Schiller leider nicht möglich ist, kann bei 15.000 anderen deutschen Autoren Wirklichkeit werden. Von so vielen Schriftstellern besitzt das Deutsche Literaturarchiv in Marbach entsprechende Aufnahmen, wie die „Stuttgarter Zeitung“ in ihrer heutigen Ausgabe berichtet. Darunter seien auch einige Prominente zu finden:

Zu hören, wie Gottfried Benn oder Paul Celan ihre eigenen Gedichte vorgetragen haben, gewährt eben einen ganz anderen Zugang zu dieser schwierigen Lyrik als der gedruckte Text.

Allerdings gibt es längst nicht von allen bekannten Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts solche Aufnahmen. Auch nicht von einem, der bekanntermaßen sogar im Rundfunk aus seinen Werken vorgetragen. Eine häufige Anfrage muss Archiv-Leiter Andreas Kozlik daher immer abschlägig beantworten:

Immer wieder werde er gefragt, ob es in Marbach auch die Stimme von Kurt Tucholsky zu hören gebe, erzählt Kozlik. Doch in diesem Fall muss er die Besucher enttäuschen, da bleibt dem Literaturfreund nur das geschriebene oder gedruckte Wort.

10.8.2005

Emotional ansprechende Zwanziger

Wie unterschiedlich zwei Rezensionen ein und desselben Produktes ausfallen können, zeigt ein Vergleich zwischen Berliner „Tagesspiegel“ und „Berliner Zeitung“, die sich beide ein neue Art von Hörbuch angeschaut haben. Die Firma Ear Books vertreibt Bildbände mit beigefügten CDs, laut Eigenwerbung ein „physisch erlebbares Produkt, das emotional anspricht. Zum attraktiven Preis“. Das neueste Werk aus diesem Hause heißt „Cabaret Berlin“ und widmet sich den Goldenden Zwanzigern in der damaligen Reichshauptstadt.

Der „Tagesspiegel“ geht vergleichsweise gutwillig mit dem Konzept um:

Die Texte der gesammelten Lieder sind so anspielungsreich wie die Tänzerinnenposen auf den Fotos und sprechen vom trotzigen Selbstbewusstsein einer Stadt, die Krieg und Not erlebt hat und deren Zukunft ungewiss ist, sodass man sich wenigstens am Abend lustvoll dem Hier und Jetzt hingibt. Da die Begleittexte leider sehr knapp sind, bleibt die Zeitreise jedoch an der Oberfläche. Was man dafür anschaulich vorgeführt bekommt, ist „die schönste Fassade einer turbulenten und tragischen Zeit“, wie Jörn Müller in der Einführung schreibt.

Carmen Böker von der „Berliner Zeitung“ lässt jedoch kein gutes Haar an der ganzen Verlagsidee:

Die „Generation Überraschungsei“ fordert selbst Verlegern einiges ab. Menschen, die in ihrer Jugend nicht schlicht mit Schokoriegeln abgespeist wurden, sondern mit einem Produkt, das auf einen Schlag „was Spannendes, was zum Spielen und was zum Naschen“ bietet – die wollen auch Bücher nicht bloß lesen. (…) Der Band „Cabaret Berlin“ sucht ebenfalls lieber Marlene Dietrich in den Kulissen des „Blauen Engels“ und die nonchalant barbusigen „Palmenmädchen“ in der Ausstattungsrevue „Die Sünden der Welt“ auf als Dada-Manifeste und Revolutionsbegehren zu behandeln. Die Fotografien von Kinopalästen und U-Bahn-Kathedralen, von schwanengleichen Damen und geschniegelten Herren sind nett anzusehen – aber es fehlen die klugen, dreisten, politischen Texte jener Zeit, die von Autoren wie Tucholsky, Brecht, Klabund, Marcellus Schiffer oder Ringelnatz für das Kabarett verfasst wurden.

Einen sprachhistorischen Lapsus erlaubt sich allerdings der „Tagesspiegel“, indem er etwas unbedarft von den Zwanzigern als einer Zeit spricht, „als Schlager noch Gassenhauer hießen“. Das kann wohl nicht recht stimmen, schrieb Tucholsky doch 1922 schon über „alte Schlager“:

Schlager sind Lieder, bestehend aus Musik und Worten, die kaum noch etwas mit ihren Autoren zu tun haben, sondern die aus der Literatur zum Gebrauchsgegenstand des Volkes oder des jeweiligen Volkskreises avanciert oder degradiert sind. Solche Lieder zum sonntäglichen Gebrauch des deutschen Bürgertums aus den Jahren 1740 bis 1840 hat Gustav Wustmann, der Schöpfer des ausgezeichneten Werkes ‚Allerhand Sprachdummheiten‘ veranstaltet, und ihre Neuausgabe liegt jetzt vor.
Peter Panter: „Alte Schlager“, in: Die Weltbühne, 1.6.1922, S. 554

4.8.2005

Uwe Kolbe schreibt in Rheinsberg

Der Schriftsteller Uwe Kolbe ist der 22. Stadtschreiber von Rheinsberg. Wie das Kurt-Tucholsky- Literaturmuseumin Rheinsberg mitteilte, wird Kolbe bis Dezember mit einem Stipendium des Landes Brandenburg und des Landkreises Ostprignitz-Ruppin in der Rheinsberger Stadtschreiberwohnung arbeiten. Kolbe wurde 1957 in Ost-Berlin geboren und veröffentlichte von 1976 an erste Texte in der Zeitschrift „Sinn und Form“. Da er in den achtziger Jahren in der DDR nicht publizieren durfte, siedelte er 1986 dauerhaft in den Westen über. 1992 erhielt er den Berliner Literaturpreis und 1993 den Friedrich-Hölderlin-Preis.

23.7.2005

Erledigte Besprechungen

Der Patmos-Verlag hat im Juni ein Hörbuch mit Tucholsky-Texten neu aufgelegt und sich damit eine Reihe recht wohlwollender Besprechungen eingehandelt. So auch von Wiglaf Droste, der sich in der „Frankfurter Rundschau“ schon das ein oder andere Mal einem Hörbuch mit Tucholsky-Bezug gewidmet hat. In diesem Fall ist Droste des Lobes voll für den Sprecher Dieter Mann, der auf der CD „Unerledigte Konten“ die Texte so „unabgelatscht“ präsentiere, wie sie es verdienten. Mann gelinge es sogar „Tucholsky-Klassiker lebendig werden zu lassen, die von Stumpf-ist-Trumpf-Gesellen wie Lutz Görner zu Tode rezitiert wurden“.

Ähnlich positiv äußerte sich auch Jürgen Balitzki vom Kulturradio des RBB über die Aufnahmen:

Schon das erste Stück dieser CD – Der Portier vom Reichskanzlerpalais – stellt uns Tucholsky als zupackenden Zeitkritiker vor, der Machtwechsel aus der Pförtnerloge betrachten lässt. Die Regierungen kommen und gehen – der Pförtner bleibt.

Und um zu überprüfen, ob Droste und Balitzki mit ihrem Lob richtig liegen, sollte man sich einfach den „Portier vom Reichskanzlerpalais“ als Probe selbst anhören.

4.6.2005

Rettet die Nebensätze

Regelmäßige Sprachkolumnen sind eine Sache für sich. Die Gefahr ist sehr groß, dass die aufzuspießenden Sprachschnitzer sich bald erschöpfen und die mit viel Verve und Sendungsbewusstsein vorgetragene Sprach- und Stilkritik ins Geschmäcklerische abgleitet. Ein Beispiel für eine Sprachglosse, die mehr Verwirrung stiftet, als dass sie aufklärt, ist die dieswöchige Kolumne „Fünf Minuten Deutsch“ von Ruprecht Skasa-Weiß in der „Stuttgarter Zeitung“.

Der Autor widmet sich darin dem dankbaren Thema Haupt- und Nebensätze, ohne das eine solche Kolumne auf die Dauer wohl nicht auskommen kann. Leider wirft Skasa-Weiß, unter Berufung auf Tucholsky, darin einiges durcheinander. So schreibt er:

„Hauptsätze! Hauptsätze! Hauptsätze!“ So lautet Kurt Tucholskys bekannte Empfehlung für jeden, der mit eigenem Text beim Publikum ankommen will.

Wie bitte? Wie bitte? Wie bitte? Ausgerechnet der Kleist-Verehrer Tucholsky soll generell die Bildung von Nebensätzen abgelehnt haben? Natürlich nicht, denn die Forderung nach Hauptsätzen entstammt den „Ratschlägen für einen guten Redner“, die sich von möglichen Empfehlungen an Schriftsteller und Journalisten stark unterscheiden. Schließlich wusste Tucholsky: „Das Ohr nimmt weniger auf als das Auge, es nimmt viel schwerer auf, eine Sage ist keine Schreibe.“

Es wundert daher nicht, dass Skasa-Weiß seine strikte Forderung nach Hauptsätzen anschließend wieder relativieren muss. Denn das Vermeiden von Nebensätzen führe in vielen Fällen zu einem unschönen Nominalstil, wie er selbst einräumt. Für diese Behauptung hätte er dagegen Tucholsky durchaus als Kronzeugen anführen können. Denn dieser hatte von seinem Mentor Siegfried Jacobsohn (S.J.) gelernt:

Unter den Dingen, die S. J. aus allen Aufsätzen herausstrich, wenn er sie „ins Deutsche übersetzte“, war eines, das er inbrünstig haßte, und das er vernichtete, wo immer er es antraf. Das war der substantivierte Infinitiv. „Das Musizieren“ pflegte er immer in Sätze aufzulösen oder durch ein Substantiv zu ersetzen – und er hatte recht.
Peter Panter: „Der musikalische Infinitiv“, in: Die Weltbühne, 8.9.1931, S. 381

Die Preisfrage lautet nun: Wie viele Nebensätze enthält der erste Satz des Zitates?
Die richtigen Antworten bitte an Ruprecht Skasa-Weiß schicken.

3.6.2005

Päpste unter sich

Wenn Frank Schirrmacher etwas behauptet, muss das wohl stimmen. Schließlich ist er nicht ohne Grund Feuilletonchef der „FAZ“ geworden. Erst recht muss dies gelten, wenn Schirrmacher eine Laudatio auf Marcel Reich-Ranicki hält, der schließlich nicht ohne Grund einmal Literaturchef der „FAZ“ gewesen ist. So berichtet die Nachrichtenagentur dpa über ein Fest aus Anlass von Reich-Ranickis 85. Geburtstag in der Frankfurter Paulskirche:

Frank Schirrmacher, Feuilletonchef und Mitherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, stellte Reich-Ranicki in eine Reihe mit Kurt Tucholsky. Reich-Ranicki sei der „einflussreichste Kritiker in der Geschichte der deutschen Literatur“, sagte Schirrmacher.

Die dpa berichtet leider nicht, was Reich-Ranicki auf dieses Lob geantwortet hat. Von Tucholsky sind zumindest folgende Sätze überliefert:

Ich trete für neue Leute ein, wo ich nur kann, und daß ich kein Literaturpapst bin, wissen Sie auch.
Kurt Tucholsky: Brief an Irmgard Keun, 16.7.1932

Oder gar:

Ich will euch was sagen: bin ich vielleicht ein Fremdenführer? Lest das Buch selber!
Peter Panter: „Der rasende Twardowski“, in: Die Weltbühne, 20.1.1920, S. 158

Ein wenig differenzierter als Schirrmacher sieht Gerrit Bartels in der „taz“ das Phänomen Reich-Ranicki. Seit Fazit in dem Text Marcel Reich-Ranicki und die Seinen lautet:

So könnte es eines Tages die Crux von Marcel Reich-Ranicki sein, dass sein Leben und die spätere Medienpräsenz seine literaturkritische Arbeit und Bücher weit überstrahlen; dass er lediglich als „Popstar der Kritik“ in die Literaturgeschichte eingeht und es „seine populistische Lust an provokativer Grellheit und Wirkung“ (Reinhard Baumgart) ist, die dem von ihm immer anvisierten großen Publikum in Erinnerung bleibt.

Der vergröberte Tucholsky

Wenn es zwei Antipoden der Tucholsky-Rezeption gibt, dann sind dies sicherlich Fritz J. Raddatz und Gerhard Zwerenz. Da Zwerenz am heutigen Freitag 80 Jahre alt wurde, fanden sich hier (SZ) und da (Berliner Zeitung), oder auch dort (Welt) kleine Würdigungen seiner Person, die „Frankfurter Neue Presse“ besuchte den Jubilar sogar in seinem Haus in der Taunus-Gemeinde Schmitten.

Allerdings geht nur die „Süddeutsche Zeitung“ auf die besondere Verbindung von Zwerenz mit Tucholsky ein. Dort heißt es:

In schöner Eintracht haben „der politische Zwerenz“ und „der erotische Zwerenz“ über hundert Bücher geschrieben, in konsequenter Vergröberung des Vorbildes Kurt Tucholsky, von „Kopf und Bauch“ (1971), der „Geschichte eines Arbeiters, der unter die Intellektuellen gefallen ist“, bis zum „Sex-Knigge“ (1983).

Diese „Vergröberung Tucholskys“ erklärt wohl auch die Angriffe auf Raddatz und Mary Gerold-Tucholsky, denen in der Zwerenzschen Tucholsky-Biographie vorgeworfen wurde, in ihren Auswahlbänden eine Anzahl von Texten nicht abgedruckt zu haben, die zu Tucholskys „politisch und erotisch schärfsten Produktionen gezählt werden müssen“ (S. 290). Vermutlich wollte Zwerenz das Tucholsky-Bild in eine Richtung verändern, die es mehr in Deckung mit seiner eigenen Person gebracht hätte.

Die Tucholsky-Forschung hat inzwischen nachgewiesen, dass Zwerenz‘ Kritik in diesem Punkt unberechtigt war. Allerdings muss man dem Vielschreiber zugute halten, dass er bei seinen Recherchen in Schweden bis dato unbeachtete Quellen aufdeckte, indem er Tucholskys schwedische Vertraute Gertrude Meyer befragte. Ob diese Recherchen in den Erzählungen „Eine Liebe in Schweden“ und „Gute Witwen weinen nicht“ hätten münden müssen, ist eine andere Geschichte. Aber irgendwie muss Zwerenz schließlich auf die mehr als hundert geschriebenen Bücher gekommen sein.

24.5.2005

Verrissene Femme Fatale

Das, was die Mainzer „Allgemeine Zeitung“ über einen Chansonabend in der Mainzer „Alten Patrone“ schreibt, kann nicht anders als ein gnadenloser Verriss bezeichnet werden. Die Interpretin von Brecht- und Tucholsky-Stücken kann einem fast leid tun, wenn sie solche Sätze über sich in der Presse lesen muss:

Begleitet am Klavier von der begabten Andrea Wittgen, windet sich die Schleife von Lust und Leid menschlichen Seins zäh wie die Unzulänglichkeit desselben träge ins Unspektakuläre. Nichts zieht den Zuschauer in den Bann, nichts ist beschwörerisch und faszinierend genug, um Glaubwürdigkeit zu vermitteln. Von Saufliedern, über melodramatische Liebeslieder zieht sich das Repertoire fad über anderthalb Stunden, denen auch angedeutete laszive Bewegungen der seufzenden Dame und versuchte Femme Fatale Allüren nicht die Würze zu geben vermögen.

19.5.2005

Never too late

Dass man anscheinend nie zu alt sein kann, um Tucholsky zu lesen, zeigt ein Porträt von „Deutschlands berühmtesten Stummfilmpianisten“ in der „Frankfurter Rundschau“. Ob besagter Willy Sommerfeld zu diesem Zweck noch auf eigene, in den zwanziger Jahren gekaufte Orginalausgaben zurückgreifen kann, bleibt leider unerwähnt.

17.5.2005

Bittere Liebe

Von Fritz J. Raddatz, Vorsitzender der Tucholsky-Stiftung, ist hinreichend bekannt, dass er seinen Tucholsky gut kennt und ihn auch ausgiebig zitiert. So auch in einem Text in der „Welt“, in dem er Dieter Fortes Roman „Auf der anderen Seite der Welt“ rezensiert. Darin heißt es an einer Stelle:

Nun wußte schon der kluge Tucholsky „Keine Liebe ohne bitter“. Will sagen: Der Roman hat einen Makel; gelungen bedeutet eben nicht vollendet.

Und weil allgemein bekannt ist, dass Raddatz in Sachen Tucholsky nicht unbedarft ist, sei hier nur kurz festgestellt: „Keine Liebe ohne bitter“ stammt nicht von Tucholsky und sollte daher in Zukunft bitte nicht als Tucholsky-Zitat in Umlauf gebracht werden. Was nicht heißen soll, dass sich dieser Satz nicht in einem Text von Tucholsky findet. Und zwar in der Glosse „Taschen-Notizkalender“, in dem sich über eine merkwürdig ins Deutsche übertragene Sammlung von Sprüchen ausgelassen wird:

Das Ding ist in deutscher Sprache verfaßt, unzweifelhaft – aber irgend etwas in der Druckerei muß feucht geworden sein: der Verfasser, das Papier oder der Setzer … es ist eine Art Privatdeutsch. So:
Über „Angaben und Rezepten über einfache Tierarzneikunde“, wobei zu bemerken: „Zur Vernichtung der Lause“ und „Zur Entfernung der Fliegen“ treten wir in den Jahreskalender, der durch allgemein belehrende Angaben und fromme Sprüche geziert ist
Peter Panter: „Taschen-Notizkalender“, in: Vossische Zeitung, 30.6.1928

Einer dieser frommen Sprüche lautet: „Liebe ist nicht ohne bitter“, – was Tucholsky mit dem Satz kommentiert: „Wem sagt der Kalender das!“ Er war eben nicht nur klug, sondern auch leidgeprüft.

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