29.12.2006

Sauberer Literat

Wäre es Tucholsky im Exil besser ergangen, wenn er einen guten Schutzengel gehabt hätte? Eine solche Funktion für Emigranten hatte der Schriftsteller Hermann Kesten, dem die Welt aus Anlass zweier neu aufgelegter Werke den Artikel „Schutzengel der Exilanten“ widmet.

Zwischen Kesten und Tucholsky gab es während des Exils jedoch keine Verbindungen, was auch damit zusammenhängen dürfte, dass Tucholsky schon seit Anfang der 1930er Jahre recht sicher in Schweden lebte und nur über eine Zürcher Deckadresse erreichbar war. Und als Kesten sich vom amerikanischen Exil aus für seine Schriftstellerkollegen in Europa einsetzte, war Tucholsky schon seit mehreren Jahren tot.

Dennoch taucht ein Porträt Tucholskys in der neu erschienenen Textsammlung Kestens „Meine Freunde, die Poeten“ auf. Darin heißt es, wie die Welt zitiert, über Tucholsky:

Er ist überhaupt ein Ängstlicher, aber von der Sorte, die aus lauter Furcht attackiert und im Angriff immer mutiger wird. Er war ein deutscher Patriot von der echten Sorte. Man erkennt diese am Lachen. Denn die falschen Patrioten sind feierliche Esel oder pathetische Mörder.

Wobei es einen Ausweis an gehobener Dialektik darstellt, Tucholsky, der sich im Patriotismus „von jedem übertreffen“ lassen wollte, deswegen als „echten“ deutschen Patrioten zu bezeichnen.

Kesten taucht in Tucholskys Werk dagegen nur am Rande auf, bei der Besprechung des vom damaligen Lektor des Kiepenheuer-Verlages herausgegebenen Auswahlbandes „24 neue deutsche Erzähler“:

Hm … Vielleicht wäre es gut, dieser sehr sauber gearbeiteten Anthologie den Untertitel «Stufen» zu geben. Es ist, wie wenn sich diese Autoren entsagungsvoll zu Boden geworfen hätten, damit ihre Leiber Stufen für jene bilden mögen, die da aufwärts schreiten sollen zum Parnaß. Nach ihnen. Es stehen sehr hübsche Geschichten in dem Band, es ist beinah alles gut und schön – aber ich werde das bestimmt nicht zum zweiten Mal lesen, und das ist ja eigentlich der wahre Wertmesser eines Buches.
Peter Panter: „Auf dem Nachttisch“, in: Die Weltbühne, 22.4.1930

Besonders echauffiert sich Tucholsky über die Erzählung eines damals noch recht unbekannten Schriftstellers, der sich an der Schilderung des Angestellten-Milieus versuchte:

Guter Mann, das ist gewiß sehr höhnisch gemeint. Doch der Hohn geht daneben.

Die Verbindung zwischen Tucholsky und Kesten endete jedoch nicht mit Tucholskys Tod. Kesten schrieb das Nachwort zur Autobiographie von Lisa Matthias, Tucholskys Geliebter von 1927 bis 1931 und realem Vorbild des „Lottchens“. Kestens damalige Feststellung über das Buch, die so gar nicht den Verrissen seiner Feuilleton-Kollegen entsprach, besitzt heute noch Gültigkeit:

Um die ganze Kunst von Tucholsky zu begreifen, braucht man diese Autobiographie Lottchens, samt den Urtypen, einem halben oder ganzen Dutzend Wendriners. Wer über Tucholsky schreiben will, wer ihn kennen lernen will, kann diese Autobiographie Lottchens gar nicht mehr entbehren, obgleich sie freilich ein parteiischer Bericht ist, ein subjektiv verzerrter Spiegel, und – bei aller unzweifelhaften schriftstellerischen Begabung der Autorin, bei all ihrem Mutterwitz, ihrer psychologischen Einsicht, ihrem Talent, Situationen, Menschen und Zeitläufe zu beschreiben – in keiner Hinsicht dem geliebten und zuweilen mit Liebeshaß umgangenen Gegenstand und Modell, Kurt Tucholsky, ebenbürtig ist.

22.12.2006

Weihnachten mit Liefers

„Kadima“ heißt ein jüdisch-russisches Restaurant neben der Neuen Synagoge in der Berliner Oranienburger Straße. Das Besondere an dem Restaurant ist nicht die Tatsache, dass es den Namen mit Ariel Scharons Partei (zu deutsch: Vorwärts) teilt, sondern dass es über 25 Tische mit Collagen verfügen, „die an 21 jüdische Persönlichkeiten von Albert Einstein bis Billy Wilder erinnern.“ Und außerdem: „Namhafte Künstler, Politiker und Wissenschaftler haben Patenschaften für diese jüdischen Persönlichkeiten übernommen.“

Für Kurt Tucholsky gibt es ebenfalls einen Tisch. Pate ist, wie auf einem Messingschildchen daran zu lesen, Jan Josef Liefers. Als Gerichtsmediziner Karl-Friedrich Boerne ist er vielen Fernsehzuschauern aus dem „Tatort“ aus Münster bekannt.

Zum 71. Todestag Tucholskys ließ sich Liefers im „Kadima“ blicken und las aus den Werken seines „Patenkindes“ vor. Dass er dabei zu spät kam und ohne Konzept wahllos Texte vortrug, nahmen ihm die reichlich erschienenen Zuhörer nicht übel. Das musste auch Klatschreporter Andreas Kurtz von der „Berliner Zeitung“ einräumen, wie aus seinem Text „Ein Akt der Altersvorsorge“ hervorgeht:

Die Art, wie er sie vortrug, kam an. Der Beifall geriet mehr als freundlich. Das Publikum hatte sichtlich Freude daran, von Liefers mit teils weniger populären Texten bekannt gemacht zu werden. Für den Anfang seiner Lesung hatte er eine Schmähung der Institution Familie gewählt. In den anschließenden Applaus hinein meldete sich Brigitte Rothert, pensionierte Russischlehrerin aus Dresden und Großcousine Tucholskys, zu Wort. Sie erzählte, was für eine große Verwandtschaft Tucholsky hatte – vielleicht eine Erklärung für seine geringe Wertschätzung der Familie.

Nach der Lesung war Liefers noch lange mit dem Signieren eines Buches beschäftigt. Allerdings keinem eigenen, sondern der vom Aufbau-Verlag geschäftstüchtig herausgebrachten Anthologie
„Weihnachten mit Tucholsky“. Liefers nahm’s mit Humor, wie die Zeitung bemerkte:

Die absurde Situation, dass er als Interpret das Buch des Dichters zu signieren hatte, bewältigte er dabei durch ironische Widmungen wie diese: „Ich hätte dieses Buch lieber geschrieben als gelesen!“

13.12.2006

Tucholsky zieht wieder in die Schlacht

Das hätte sich Tucholsky wohl nicht träumen lassen. Mehr als 88 Jahre, nachdem er als Feldpolizeikommissar seinen Dienst im deutschen Heer quittierte, darf er noch mal in eine Schlacht ziehen. Zum Glück in eine ganz unmilitärische, denn bei der Darmstädter Dichterschlacht geht es darum, andere lebende und tote Dichterkollegen aus dem Feld zu schlagen. Im „Darmstädter Echo“ heißt es dazu:

Vier Schauspieler der „Theaterquarantäne“ werden dafür in Kostüme schlüpfen und Lyrik und Prosa von Schiller, Tucholsky, Gertrude Stein und der 1999 verstorbenen britischen Autorin Sarah Kane vortragen. Jan Büttenbender von der „Theaterquarantäne“ wird den Abend moderieren. Vier slamerfahrene Poeten, darunter Nora Gomringer und Alex Dreppec, treten für die lebenden Dichter auf.

Vermutlich dürfte Tucholsky noch postum ganz aufgeregt sein. Denn es ist mit Sicherheit sein erster Poetry Slam. Diese Art des Dichterwettstreites wurde erst vor 20 Jahren in den USA erfunden.

10.12.2006

Um Gottes Willen, Herr Schröder

Wenn man jemanden wie Burkhard Schröder zum Chefredakteur einer Journalisten-Zeitschrift macht, darf man sich nicht wundern, dass krawallige Editorials dabei herauskommen. Die Ausgabe 8/2006 des Berliner Journalisten widmet sich dem Thema Religion. Gleich zu Beginn stellt Schröder klar, warum sich die Lektüre der folgenden Beiträge eigentlich nicht mehr lohnt. Bei Religion handele es sich schließlich um

Aberglauben und mehr oder minder primitive Magie (…) Religion und Aberglauben sind zwar Privatsache, aber wer die Existenz eines Jahwe, Gott, Allah oder Manitou für wahr hält, kann auch gleich den Wetterbericht nach der Tagesschau durch einen Regenzauber aus Neu-Guinea ersetzen. (…) Aus der Perspektive eines Atheisten ist der weltanschauliche Unterschied zwischen Joseph Alois Ratzinger alias Benedikt XVI., dem Scientologen Ron Hubbard, einem Schamanen der Apachen und einem Präses der Evangelischen nur marginal.

Das mag aus der Sicht eines Atheisten tatsächlich stimmen. Schröder geht jedoch weiter und behauptet, dass es auch für jeden Journalisten stimmt. Stimmen muss. Denn es sei verlogen

religiös zu sein und etwa über die Karikaturen Mohammeds in den Medien zu räsonieren, ohne im Abspann zuzugeben, dass man an absurde Dogmen glaubt wie etwa die Wiedergeburt eines Gottessohnes oder die zu erwartende Wiederkunft eines Messias.

Schröder gibt seinen Kollegen daher den wohlmeinenden Rat:

Für Journalisten gilt daher der immer noch aktuelle Aufruf Kurt Tucholskys: „Tretet aus der Kirche aus. Tretet aus der Kirche aus. Tretet aus der Kirche aus.“

Tucholsky mag seine Gründe gehabt haben, 1914 aus dem Judentum aus-, 1918 in die evangelische Kirche ein- und aus dieser irgendwann wieder auszutreten, wobei letzteres biographisch nicht belegt ist. Einige der Gründe gehen aus dem Text „Auch eine Urteilsbegründung“ hervor, aus dem das Zitat entnommen ist.

Aber ist es tatsächlich „eine Frage der Berufsehre“, wie Schröder sein Editorial überschrieben hat, kein Mitglied einer Religionsgemeinschaft zu sein, um distanziert über einen Papstbesuch in Deutschland schreiben zu können? Darf ein Journalist, der über den Telekommunikationsmarkt schreibt, kein Telefon irgendeiner Telefongesellschaft besitzen? Kein Wunder Zufall, dass sich ein christliches Medienmagazin über diese Thesen echauffiert. Aber wie naiv muss Schröder eigentlich sein, um zu glauben denken, die Medien würden aus eigener Religiosität auf den religiösen Zug aufspringen? Indem er die berechtigte Kritik an dem pseudoreligiösen Papst-Hype mit seiner ebenso ideologischen wie überzogenen Forderung verbindet, tut er seinem eigenen Anliegen keinen Gefallen.

Dass nur noch sehr wenige Menschen an die tradierten Dogmen glauben, ist der Kirche selbst schmerzlich bewusst. Und warum jemand letztlich aus der Kirche austritt, hat in den seltensten Fällen etwas mit religiöser Überzeugung zu tun. „Ich bin im Jahre 1911 ‚aus dem Judentum ausgetreten‘, und ich weiß, daß man das gar nicht kann“, schrieb Tucholsky in seinem Brief an Arnold Zweig“. Woran jemand glaubt und zu was er sich zugehörig fühlt, hängt nicht von einer Eintragung auf der Steuerkarte ab.

Einen bemerkenswerten Satz hat Schröder aber dennoch in seinem Editorial geschrieben:

Natürlich gibt es dumme Journalisten. Klugheit wird in diesem Beruf nicht vorausgesetzt.

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