4.5.2008

Ein Leben für den Frieden

Es war im Frühjahr vor den Olympischen Spielen. Das Regime wollte sich bei den Wettkämpfen der Welt von seiner besten Seite zeigen. Ein pompöser Fackellauf wurde organisiert. Doch die internationale Öffentlichkeit interessierte sich stark für die Situation der Menschenrechte in dem Land. Das Schicksal eines Mannes stand stellvertretend für die Unterdrückungsherrschaft der diktatorischen Machthaber. Der Druck zeigte Wirkung. Der Journalist und Pazifist Carl von Ossietzky, von dem hier die Rede ist, kam wenige Monate vor Beginn der Sommerspiele 1936 aus dem nationalsozialistischen Konzentrationslager frei. Doch er war todkrank. Zwei Jahre später, am 4. Mai 1938, starb er an den gesundheitlichen Folgen der Haft.

Für die Nationalsozialisten war der Fall Ossietzky eine ihrer größten außenpolitischen Niederlagen, für die deutsche Emigration eine ihre wenigen Erfolge. Mehrere Jahre hatte es gedauert, bis die internationale Aufmerksamkeit dazu führte, dass Ossietzky zumindest aus dem KZ entlassen wurde. Ein halbes Jahr später kam dann die sensationelle Nachricht: Das norwegische Nobelpreiskomitee verlieh Ossietzky den Friedensnobelpreis. Eine schallende Ohrfeige für das Naziregime, das den früheren Weltbühne-Herausgeber stets herablassend als verurteilten Landesverräter titulierte.

Wie zahlreiche andere Pazifisten, Kommunisten und Sozialdemokraten war Ossietzky schon in der Nacht des Reichstagsbrandes verhaftet worden. Von einem Berliner Polizeigefängnis kam er schnell in das neu gegründete Konzentrationslager Sonnenburg bei Küstrin. Dort wurde er schwer misshandelt. Einer der ersten, die international auf sein Schicksal aufmerksam machten, war der einflussreiche englische Publizist Wickham Steed. In der englischen Zeitung The Times, die er zu Beginn der zwanziger Jahre selbst geleitet hatte, schrieb er am 23. Januar 1934 in einem Leserbrief:

(…) auf die dringende Bitte einer großen Zahl exilierter deutschen Schriftsteller und Personen des öffentlichen Lebens ersuche ich eindringlich um die Erlaubnis, über das schwere Schicksal Carl von Ossietzkys zu sprechen, einem ausgezeichneten deutschen Schriftsteller und Journalisten, der seit Monaten im Konzentrationslager Sonnenburg inhaftiert ist.
Glaubwürdigen Berichten zufolge ist Carl von Ossietzky nun ein gebrochener Mann, der den Qualen, die über ihn verhängt werden, nicht mehr lange standhalten wird. Körperliche Misshandlung, Unterernährung, schwere militärische Übungen und wiederholte Phasen von Einzelhaft in einer dunklen Zelle haben seine Gesundheit gebrochen – aber nicht seinen Geist. (…)
Auch wenn es zu viel wäre, auf seine Freilassung zu hoffen: Sein Anspruch auf das Mitgefühl der zivilisierten Welt sollte, denke ich, nicht vollständig unerhört bleiben.



An eine Freilassung war zu diesem Zeitpunkt in der Tat nicht zu denken. Allerdings schienen selbst den Nazis die Zustände im KZ Sonnenburg zu skandalös. Das Lager wurde aufgelöst und Ossietzky kam, ebenso wie andere Häftlinge, in das Lager Esterwegen im Emsland. Dort besserte sich sein Zustand bei der Zwangsarbeit in den feuchten Mooren keineswegs. Im Gegenteil. Der „Moorsoldat“ mit der Häftlingsnummer 562 erkrankte im Mai 1934 schwer. Zu diesem Zeitpunkt hatten Freunde bereits eine Kampagne gestartet, um Ossietzky mit dem Friedensnobelpreis auszuzeichnen. Doch dem ersten Anlauf war kein Erfolg beschieden. Die Vorschlagsfrist für 1934 war bereits abgelaufen. Aber die Idee war in der Welt. Vor allem in Paris, um die Emigranten Hellmut von Gerlach, Milly Zirker und Hilde Walter, gewann der Vorschlag Unterstützung. Es gelang dem „Freundeskreis Carl von Ossietzky“ prominente Fürsprecher zu gewinnen. Dazu zählten unter anderem die früheren Friedensnobelpreisträger Ludwig Quidde und Jane Addams, die deutschen Exilanten Thomas und Heinrich Mann, Albert Einstein und Lion Feuchtwanger sowie die Schriftsteller Romain Rolland, Virginia Woolf und Aldous Huxley.

Von der internationalen Kampagne für einen KZ-Häftling zeigten sich die Nazis zunehmend beunruhigt. Reichsinnenminister Hermann Göring beauftragte die Geheime Staatspolizei damit, eine Art Argumentationshilfe für die deutschen Botschaften auszuarbeiten. Denn die diplomatischen Vertretungen erhielten viele Anfragen nach dem Gesundheitszustand Ossietzkys. Für die norwegische Regierung war die Nobelpreiskampagne eine heikle Angelegenheit. Im fünfköpfigen Preiskomitee saß unter anderem Außenminister Halvdan Koht. Der Regierung war klar, dass eine Auszeichnung Ossietzkys von den Nazis als Affront empfunden werden würde. Daher war es wohl kein großer Zufall, dass das Komitee sich 1935 dem Dilemma entzog, indem es gar keinen Preis vergab.

Doch damit war die Kampagne noch nicht gescheitert. Neuen Auftrieb bekam sie unter anderem dadurch, dass der norwegische Schriftsteller Knut Hamsun gegen Ossietzky Partei ergriff und offen mit den Nazis sympathisierte. Das riss sogar Ossietzky langjährigen Weltbühne-Mitstreiter Kurt Tucholsky aus der Lethargie und veranlasste ihn dazu, sein selbst auferlegtes Schweigen im Exil brechen zu wollen, um mit seinem literarischen Idol Hamsun abzurechnen. Doch dazu kam es nicht mehr: Tucholsky starb am 21. Dezember 1935 in Schweden an einer Überdosis Schlaftabletten. Ein geplanter Artikel wurde nie veröffentlicht.

Dass Hamsuns Ausfälle der Kampagne helfen würden, erkannte ein junger deutscher Emigrant, der unter dem Decknamen Willy Brandt in der norwegischen Hauptstadt Oslo lebte. Er wollte unbedingt verhindern, „daß ein gefährliches Schweigen über den Fall O. eintritt“, wie er im November 1935 an Hilde Walter schrieb. Gegen das Vergessen half auch die Tatsache, dass Deutschland 1936 die Olympischen Sommerspiele in Berlin ausrichtete. Göring fürchtete weiteren außenpolitischen Schaden für das Regime und ordnete eine medizinische Untersuchung des Häftlings an. Die Diagnose war niederschmetternd: schwere offene Lungentuberkulose. Ossietzky galt als nicht mehr haftfähig und kam tatsächlich frei. Doch die Freiheit täuschte. Gestapo-Beamte bewachten ihn permanent im Krankenhaus Westend, wo er ein Zimmer bezogen hatte. Gegen Ende des Jahres 1936 stand ein weiteres Mal die Entscheidung über die Vergabe des Nobelpreises an. Die Nazis erhöhten den Druck auf Norwegen. Außenminister Koht und der ehemalige Ministerpräsident Johan Ludvig Mowinckel traten aus dem Preiskomitee aus, um die norwegische Regierung aus der direkten Schusslinie zu nehmen. Am 23. November 1936 erfüllten sich dann die Hoffnungen der gesamten deutschen Emigration: Ossietzky erhielt den Nobelpreis rückwirkend für 1935 zuerkannt. Den Preis für 1936 erhielt der argentinische Außenminister Carlos Saavedra Lamas. Thomas Mann bezeichnete in der Pariser Tageszeitung die Entscheidung als „eine der wenigen glücklichen Entscheidungen, die seit Jahren gekommen sind“.


Die New York Times begrüßte die Verleihung und schrieb:

Die Wahl Ossietzkys durch das Nobel-Komitee ist eine Würdigung von dessen militantem und kompromisslosem Pazifismus. Sie bedeutet tatsächlich die Verurteilung eines Regimes, das jahrelang ohne Verhandlung und ohne Gelegenheit zu rechtlichem Beistand Männer von heldenhaftem Charakter inhaftiert, die sich nichts anderes zu Schulden haben kommen lassen, als politische Ansichten zu vertreten, die den Machthabern nicht gefallen. Die Entscheidung ist vor allem für das kleine Land Norwegen, das wirtschaftlich von Deutschland abhängig ist, ein außerordentliches Zeichen von Mut in einer Zeit, in der Mut sehr niedrig steht.

Wie nicht anders zu erwarten, fühlten sich die Nazis durch die Entscheidung brüskiert und drohten Norwegen Konsequenzen an. Der Völkische Beobachter schrieb zynisch am 26. November 1936:

Im Gegensatz zum Sowjetstaat, der jeden politischen Gegner an die Wand stellen läßt, hat sich das nationalsozialistische Deutschland darauf beschränkt, Ossietzky am 28. Februar 1933 in Sicherheitsverwahrung nehmen zu lassen. Ossietzky ist vor längerer Zeit aus dieser Haft entlassen worden und befindet sich in Freiheit.

Die Verleihung des Nobelpreises an einen notorischen Landesverräter ist eine derart unverschämte Herausforderung und Beleidigung des neuen Deutschlands, daß darauf eine entsprechend deutliche Antwort erfolgen wird.

In Deutschland versuchten die Nazis noch, die Verleihung zu verhindern. In einem persönlichen Gespräch wollte Göring Ossietzky davon überzeugen, den Preis nicht anzunehmen. Doch dieser tat dem Regime nicht den Gefallen. Ossietzky erhielt allerdings nicht die Erlaubnis, den Preis in Oslo persönlich in Empfang zu nehmen. Das Preisgeld in Höhe von rund 100.000 Reichsmark konnte Ossietzky ebenfalls nicht dazu verwenden, seine Situation und die seiner Familie wenigstens materiell noch etwas zu verbessern. Ein betrügerischer Rechtsanwalt veruntreute den größten Teil der Summe. Den Rest seines Lebens verbrachte Ossietzky im Berliner Nordend-Krankenhaus, weiterhin ständig überwacht. Zuletzt soll er noch 72 Pfund gewogen haben. Dort starb er am 4. Mai 1938 an den Folgen der KZ-Haft. In ihrem Nachruf schrieb die New York Times:

Carl von Ossietzkys Eintreten für die menschliche Freiheit, sein Kampf für die Bewahrung der demokratischen Prinzipien in einem Europa, das zu diktatorischen Doktrinen verdammt war, und zu guter Letzt sein erfolgloser Kampf gegen die Unterdrückung der Meinungs- und Pressefreiheit waren eng mit Deutschlands Not während der Nachkriegszeit verbunden. Als leidenschaftlicher Pazifist war er sogar in den Augen liberaler Republikaner ein Radikaler. Für seine Gegner war er der „Pamphletist mit der beißenden Feder“. Für seinen Anhänger wurde er ein „Märtyrer der deutschen Kultur“.


Nur wenige Medien haben an diesem Wochenende den 70. Todestag Ossietzkys zur Kenntnis genommen. Nach Ansicht des Oldenburger Politikwissenschaftlers Gerhard Kraiker, Mitherausgeber der Ossietzky-Gesamtausgabe, ist es „angesichts starker Spannungen zwischen demokratischen Prinzipien und neoliberalem Kapitalismus (…) besonders wichtig, anlässlich seines 70. Todestags an Ossietzky zu erinnern“. Aber sicherlich nicht nur dann.


Ossietzky-Denkmal in Berlin

8.4.2008

Helden im Flieger

„Top Gun“ war gestern. Jetzt gibt es den „Roten Baron“, den Film über Manfred von Richthofen, das Fliegeras im Ersten Weltkrieg. Was die Kritik an dem Film betrifft, so hat Christian Buß bei Spiegel Online wohl alles dazu gesagt.

Wie heldenhaft es im Kriege zuging, dazu hat Tucholsky sich schon wenige Monate nach Richthofens Tod geäußert:

Er fragt, warum die, die im Kriege Menschen töten, noch Blech angehängt bekommen zur Belohnung. Weil alle Moral auf Nützlichkeit aufgebaut ist – bis auf einen kleinen Rest, den man nicht erklären kann, und der der Philosophie so viel zu knacken gibt. Diebstahl ist deswegen so verschrieen – in der Hauptsache – weil er uns schadet, Mord auch. Und dieser Mord soll nutzen, und es ist noch nicht – nach 6000 Jahren noch nicht – in die Köpfe gegangen, daß Blut Blut ist und daß es keinen geheiligten Mord geben darf. Natürlich ist kein Unterschied. Nur die Betrachtungsweise dieser Tiere macht einen: der Mörder ist ein Unhold, Richthofen ist ein Held. Dabei sind beide mitunter beides. Das wird nicht aufhören, bis der Wahnsinn der Staaten aufhört.
Brief an Mary Gerold vom 17. August 1918

Allerdings ist das nur der halbe Tucholsky. Denn genau ein Jahr vorher, am 26. August 1917, erschien in der von ihm herausgegebenen Feld-Zeitung Der Flieger folgender kleiner Literaturhinweis:

Rittmeister Freiherr von Richthofen hat seine fliegerischen Kriegserlebnisse in dem fesselnden Bande Der rote Kampfflieger (Verlag Ullstein & Co., Preis Mk. 1.-) niedergelegt. Das Buch enthält den Werdegang unseres erfolgreichsten Fliegers bis in die allerletzte Zeit hinein und ist so unterhaltsam und liebenswürdig abgefaßt, daß niemand in dem Schreiber die „große Kanone“ vermuten würde. Den charakteristischsten Episoden sind anschauliche Photographien beigefügt. – Das Bändchen ist in allen Feldbuchhandlungen zu haben.

Tucholsky hatte offenbar alles andere als Lust, im Krieg den journalistischen „Helden“ zu markieren. So schrieb er bereits im Juni 1917 an den befreundeten Schriftsteller Hans Erich Blaich:

Anbei 1 Flieger. Natürlich ist da nichts zu machen – den Behörden hier ist er nicht „fein“ genug, ich nuckele zu allem „ja“ – denn schließlich: was gehts mich an?

P.S.:: Sollten Tucholskys journalistische Heldentaten im Ersten Weltkrieg irgendwann verfilmt werden, müsste man wenigstens keine Liebesgeschichte erfinden.

7.3.2008

Erinnerung an einen Traum

Am 30. Januar dieses Jahres waren 75 Jahre seit der Machtübergreifung (Tucholsky) der Nationalsozialisten vergangen. Folglich wird es in diesem Jahr noch viele weitere Tage geben, an denen es der einschneidenden Ereignisse vor einem Dreivierteljahrhundert zu gedenken gilt. In seinem Kalenderblatt vom 7. März erinnerte das Deutschlandradio Kultur daran, dass vor 75 Jahren ein Traum zu Ende ging:

Als Forum aufklärender Kunst und Kultur diente in der Weimarer Republik die Zeitschrift „Die Weltbühne“. Kurt Tucholskys Traum von einem aufgeklärten Menschentum wurde kurz nach Machtantritt der Nationalsozialisten zerstört.

Es folgt eine geraffte Zusammenfassung der „Weltbühne“-Geschichte, angefangen 1905 mit der Gründung der „Schaubühne“ durch Siegfried Jacobsohn und endend mit dem Gedicht „Auf die Weltbühne“, das Tucholsky zum Namenswechsel der Zeitschrift am 4. April 1918 veröffentlichte.

Mit Blick auf solche runden Jahreszahlen schrieb der Philosoph Ernst Bloch 1924 in der „Weltbühne“, zum 200. Geburtstag Immanuel Kants:

Wer mag das nun eigentlich erfunden haben: sich jeweils zu erinnern, daß der oder jener große Mann hundert, hundertfünfzig, zweihundert Jahre grade tot oder geboren ist? Auf die Jahre, ja selbst auf Geburt oder Tod kommt es ja nicht mehr an. Kants Geburt ist keine Art Weihnacht, Kants Tod keine Art Karfreitag, sondern es wird sehr einfach nur irgendetwas gefeiert, das Land mit einer Salve von Phrasen überschüttet.
„Kant-Feier“, 8.5.1924, S. 605

Aus diesem Grund ist es eher sekundär, dass das Verbot der Zeitschrift ziemlich genau 75 Jahre zurückliegt, wenn demnächst ein Auswahlband zur „Weltbühne“ erscheinen wird. Ihre Aktualität sollten die darin enthaltenen Texten schon aus sich heraus besitzen. Aus Teutschland Deutschland machen – Ein politisches Lesebuch zur „Weltbühne“ lautet der Titel der Anthologie, die voraussichtlich ab Mai erhältlich ist. Aus naheliegenden Gründen wird sich dann hier keine Rezension, sondern eher eine Eigenanzeige finden.


Und wer unbedingt Gedenktage braucht: Am 10. Mai wird es 75 Jahre her sein, dass die deutschen Studenten unliebsame Bücher verbrannten. Von den 15 Personen, die in den offiziellen Flammensprüchen genannt wurden, waren neun Autoren der „Weltbühne“. Die Nazis wussten sehr genau, wessen Träume sie am meisten fürchten mussten.

2.3.2008

Im Osten wenig Neues

Ein kluger Mann hat einmal gesagt: „Die Entfernung ist für die Liebe wie der Wind für das Feuer: Das starke facht er an, das schwache bläst er aus.“ Nimmt man als Ausdruck der Liebe die Zahl der Briefe, die über die Distanz ausgetauscht werden, dann muss Tucholsky seine zweite Frau Mary Gerold von Anfang an sehr geliebt haben. Vom jüngst erschienenen Band 16 der Tucholsky-Gesamtausgabe, der Tucholskys Briefe von 1911 bis 1918 enthält, füllen diejenigen an die verehrte Mary fast die gesamte Korrespondenz. Dabei hatte er die damals 18-jährige Baltin erst im November 1917 kennengelernt, als er in der Artillerie-Fliegerschule im kurländischen Alt-Autz Dienst tat. Auf der Stelle war Tucholsky für sie entflammt. Mary widersetzte sich jedoch einer schnellen Eroberung, was Tucholskys Werben erst recht verstärkte.

Nach einer anfänglichen Verstimmung versöhnten sich die beiden wieder, doch Tucholsky entschied sich im April 1918, als Feldpolizeikommissar nach Rumänien zu gehen. Erst nach 20 Monaten sollte er Mary wiedersehen. In der Zwischenzeit entspann sich ein Briefwechsel, der nach Ansicht des Tucholsky-Biographen Michael Hepp „zu den schönsten dieses Jahrhunderts gehört“.
Doch die Intensität dieses Briefwechsel täuscht, was das Verhältnis zu Mary betrifft. Hepp schreibt weiter:

Die Briefe ersetzen das reale Leben, man kann fast sagen: Tucholskys eigentliches Leben fand in der Korrespondenz statt. Egal, ob es seine Artikel waren, die er auch nur als Briefe an Siegfried Jacobsohn betrachtete, oder die unzähligen Briefe an seine Frauen und „Freunde“, das Schreiben wurde für ihn zum Lebensersatz, die realen Menschen zu Empfängern degradiert, zu „Beichtbüchsen“, wie er Mary Gerold und Hedwig Müller gleichermaßen nannte.
Michael Hepp: Biographische Annäherungen. Reinbek 1999, S. 129

Das Laotse-Zitat müsste auf Tucholsky abgewandelt lauten: „Die Nähe ist für die Liebe wie das Löschflugzeug für das Lagerfeuer.“ Oder mit den Worten Marys:

Ich kann es nicht verstehen, wieso zwei Menschen, die sich lieben, auseinandergehen – ohne jeglichen Grund. – Vielleicht ist es aus der Entfernung viel schöner – die Nähe enttäuscht letzten Endes immer.
Ebd. S. 148

Dabei schien Tucholsky durchaus zu wissen, wonach er sich sehnte:

Dicker, gestern habe ich – als ich nicht schlief, nein! es wird niemals wieder vorkommen – also gestern habe ich es mir ausgedacht, daß das Allerschönste ist, abends, wenn der ganze Kram vorbei ist, mit einer Frau zu liegen – und – Erotik hin, Erotik her – sich es alles rauszuerzählen. Siehst Du, das wäre ungefähr das, was die Mama von jemanden verlangte, und was man – ich weiß – nun einmal nicht erfüllen kann. Das liegt nicht in der Überlegung und im Vorsatz – das liegt ganz tief. Entweder man tuts oder man tuts nicht. Sich ganz vertraut sein – nicht drängen – einfach dasein, zu zwein – und der Tag zieht vorüber, dies und das – auf der Basis der Gleichheit, bunte Figuren auf einem Teppich. Und man ist sich dann so nah, wie nur zwei sein können, die …
Brief vom 8. Oktober 1918

Tucholskys Korrespondenz hatte während des Krieges damit wenig mit den Feldpostbriefen der Frontsoldaten gemein, die im Schützengraben ums nackte Überleben kämpften. Was vor allem daran lag, dass Tucholsky erfolgreich vermeiden konnte, direkt an der Front eingesetzt zu werden und auf Menschen schießen zu müssen. Charakteristisch für seine Haltung ein Schreiben an seine Schwester Ellen vom September 1915:

ich habe eine pickstollhe. Aberst ich schieß lieber nicht. Nachher erschrickt so ein Russe und wird krank … Nein, nein.

Trotz dieser pazifistischen Einstellung – auch geprägt von dem Wunsch, selbst nicht erschossen zu werden – schien es im Krieg lange Zeit für ihn denkbar, seine Karriere als Beamter der Militärpolizei fortzusetzen. „Ich muß sagen, ich wünschte nicht, daß der Krieg nun auf einmal ein Ende hätte – ein Jahr brauche ich ihn noch“, schrieb er im August 1918 an Mary. Und Ende September gestand er:

„Mein Plan war dieser – um einmal alle Karten aufzudecken: hier unten Kommissar zu werden, das ist nicht mehr allzulange – und dann zu versuchen, nach Kurland zu gehen, und von einer Kriegsstellung sachte in eine Friedensposition hinüberzugleiten.“

Pazifistische Bekenntnisse gab es nur „auf Anfrage“, wie in einem Brief vom 17. August an Mary:

Er fragt, warum die, die im Kriege Menschen töten, noch Blech angehängt bekommen zur Belohnung. Weil alle Moral auf Nützlichkeit aufgebaut ist – bis auf einen kleinen Rest, den man nicht erklären kann, und der der Philosophie so viel zu knacken gibt. Diebstahl ist deswegen so verschrieen – in der Hauptsache – weil er uns schadet, Mord auch. Und dieser Mord soll nutzen, und es ist noch nicht – nach 6000 Jahren noch nicht – in die Köpfe gegangen, daß Blut Blut ist und daß es keinen geheiligten Mord geben darf. Natürlich ist kein Unterschied. Nur die Betrachtungsweise dieser Tiere macht einen: der Mörder ist ein Unhold, Richthofen ist ein Held. Dabei sind beide mitunter beides. Das wird nicht aufhören, bis der Wahnsinn der Staaten aufhört.

Gegen Ende des Krieges lag Tucholsky außerdem ein Angebot vor, den „Ulk“, die Satirebeilage des „Berliner Tageblatts“, zu leiten. Die Entscheidung zwischen Journalismus und Offizierskarriere nahmen ihm die Alliierten ab, indem sie den Krieg im Westen entschieden. Nach dem militärischen Zusammenbruch ging Tucholsky nach Berlin. Dort griff er die Korrespondenz mit Mary wieder auf. Sein folgendes Lamento könnte sein Motto für die nächsten fünfeinhalb Jahre gewesen sein:

Von mir persönlich kann ich Ihnen nicht viel, und nicht allzuviel Lustiges erzählen. Man kann nicht übersehen, was morgen oder gar übermorgen sein wird. Es ist alles recht häßlich, und ich kann nicht sagen, daß ich mich übermäßig wohl in Berlin fühle.

28.2.2008

Besser spät als nie

Manchmal ist es schon erstaunlich, wie lange die Rezension eines Buches auf sich warten lässt. Für die Seiten von literarturkritik.de hat sich Malte Horrer Tucholskys „Deutschland, Deutschland über alles“ angeschaut und besprochen. Wenigstens muss man ihm zugute halten, dass er nicht das Original von 1929 genommen hat, sondern die aktualisierte Fassung von Timo Rieg. Die ist allerdings auch schon vor zwei Jahren erschienen.

Das macht im Grunde überhaupt nichts. Denn nach Ansicht Horrers sind die Texte Tucholskys ohnehin zeitlos. Aber deren Zusammenstellung aus den zwanziger Jahren weise inzwischen gravierende Nachteile auf:

Erstens stehen die Kapitel bei Tucholsky wie Kraut und Rüben durcheinander – Beispiele über Beispiele ohne irgendeinen sinnvollen Zusammenhang. Und zweitens sind es der Beispiele zu viele – und zu viele ohne die nötige inhaltliche und sprachliche Schlagkraft. Das Original von Tucholsky aus dem Jahre 1929 ist heute letztlich ein ermüdendes Buch!

Dem muss man nicht unbedingt zustimmen, auch wenn man mit der Netzeitung feststellt, dass sich seitdem einiges in Deutschland geändert hat. Aber umso besser, dass es nun eine neue Ausgabe gibt:

Timo Rieg aber hat die potentielle Schlagkraft von „Deutschland, Deutschland über alles“ – so lautet der Titel auch heute – dennoch erkannt: Er hat aus dem Buch die Perlen herausgesucht, sie systematisch neu zusammengestellt (nach Bereichen wie Politik, Beamtenapparat, Justiz et cetera), um andere passende Texte von Tucholsky und um eigene aktuelle Texte ergänzt. […] So sind von dem eigentlichen Buch Tucholskys gerade einmal 8% der Texte übrig geblieben. Ob man das noch „neu herausgegeben“ nennen kann? Ein anderes Etikett wäre vielleicht besser, zumindest aber ehrlicher gewesen.

Vielleicht erscheint die zweite Auflage ja unter dem Titel „Deutsche Frauen, deutsche Treue“.

13.1.2008

Lesen und Frieden

An diesem Sonntag ist im ZDF die dritte Folge des Historienschinkens „Krieg und Frieden“ ausgestrahlt worden. Das Fernsehlexikon bemerkte dazu spöttisch:

„Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist.“ „Hundewiese“. „Boogaloo On Second Avenue“. Drei gute Bücher, die noch nie verfilmt wurden. Krieg und Frieden dagegen wurde vermutlich schon öfter verfilmt als gelesen, denn ernsthaft: 1645 Seiten? Wer liest die?

Tucholsky natürlich. Und das tat er gleich mehrfach. Davon zeugen einige Stellen in seinen Briefen:

Es reicht auf keiner Seite an die ungeheure Gestaltungskraft und den starken Gottglauben Tolstois in Krieg und Frieden heran, keine Scene ist darin (kann auch nicht darin sein, weil es das zum zweiten Mal nicht gibt), die etwa an die Stunde heranreicht, in der der Fürst verwundet bei Tolstoi auf dem Schlachtfeld liegt und die Wolken ansieht, und das Menschliche ist weit, weit unter ihm, und es wird alles so leicht und verständlich
1918 über Barbusses „Le feu“

Die Karenina ist ein herrliches Buch. Beinah so schön wie Krieg und Frieden.
1933

Ich läse Krieg und Frieden und blase etwas in der Trübsal. Das kann ich ganz fließend.
1935

Vielleicht verfehlte die Lektüre auch bei dem Pazifisten Tucholsky ihre Wirkung nicht. Denn am 8. September 1921 hieß es in einer „Antwort“ in der Weltbühne:

Antipazifisten. Lest nicht nur die Stelle aus „Krieg und Frieden“, die ich in die Rundschau von heute gesetzt habe: lest das ganze, das herrliche Buch! Das ist Epik — diese unerbittliche sachliche Ruhe. Es gibt keine schonungslosere Entlarvung des Militarismus. Satz um Satz aktuell und erbarmungslos. Dieser Tolstoi nennt einfach die Dinge beim Namen, und die Uniformen fallen ab wie Zunder. Dabei ist er weise wie Homer und von einer wunderbaren Allwissenheit um den Menschen. Unsereinen bezwingt das zur Anbetung. Leset auch Ihr es! Vielleicht bekehrt es doch Den oder Jenen von Euch.

Ob die Verfilmung das auch schafft? Am Mittwoch ist noch Gelegenheit, dies zu testen.
Die in der Weltbühne zitierte Passage lautete übrigens:

Die biblische Überlieferung sagt, daß das Fehlen jeglicher Arbeit, das Nichtstun, ein wesentliches Moment der Glückseligkeit des ersten Menschen vor seinem Sündenfall gewesen sei. Die Liebe zum Müßiggange ist bei den Menschen auch nach dem Falle dieselbe geblieben; aber es lastet nun auf den Menschen ein Fluch, und zwar nicht nur insofern, als wir uns nur im Schweiße unsres Angesichts unser Brot erwerben können, sondern auch insofern, als wir vermöge unsrer moralischen Eigenschaften nicht zugleich müßiggehen und in unsrer Seele ruhig sein können. Eine geheime Stimme sagt uns, daß wir durch Müßiggang eine Schuld auf uns laden. Könnte der Mensch einen Zustand finden, in dem er müßigginge und doch dabei das Gefühl hätte, ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu sein und seine Schuldigkeit zu tun, dann hätte er damit ein Stück der ursprünglichen Glückseligkeit wieder gefunden. Und eines solchen Zustandes, wo der Müßiggang pflichtmäßig ist und keinem Tadel unterliegt, erfreut sich ein ganzer Stand: der Militärstand. In diesem pflichtmäßigen, tadelfreien Müßiggange hat von jeher die hauptsächlichste Anziehungskraft des Militärdienstes bestanden, und das wird auch allezeit so bleiben.

10.1.2008

Mit Zille bei Vornehms

Der Maler und Graphiker Heinrich Zille ist am heutigen Tag vor 150 Jahren geboren worden. In ihren Würdigungen Zilles hoben die Nachrichtenagenturen dpa und epd auch die besondere Verehrung hervor, die Tucholsky für Zille empfand. Diese manifestierte sich beispielsweise in dem langen Text „Berlins Bester“, der im Januar 1925 erschien. Zum Tode des Malers im August 1929 dichtete ihm Theobald Tiger einen Nachruf, aus dem dpa die Zeilen zitierte: „Du kennst den janzen Kleista – den ihr Schicksal: Stirb oda friß! Du warst ein jroßa Meista. Du hast jesacht, wies is.“

Weniger bekannt ist wohl folgende Anekdote aus dem Text „Dichtung“, in dem er Zille als humoristischen Schriftsteller lobte:

Unter den jüngeren Literaten findet sich meist eine merkwürdige Verachtung des Humors. Es ist, als habe man sich zu schämen, wenn man gelacht hat. Eisige Mienen ringsum belehren dich, daß man sich in seiner Gesellschaft nicht den Kragen abbindet. Und es gibt meines Erachtens nur einen, der in unserer Literatur wirklich Humor hat: das ist der Schriftsteller Heinrich Zille. Der Schriftsteller – denn der Mann hat Bücher geschrieben, die weit über seine Zeichenkunst hinausgehen. Und ich besinne mich, mit ihm einmal bei einer sehr vornehmen Familie eingeladen gewesen zu sein, wo es so fein zuging, daß wir Beklemmungen bekamen; Papa spielte Harmonium, Mama wackelte vor innerem Adel mit allem, wo gibt – und die Kinder waren so altklug, daß einem das Grauen ankam. Auf dem Nachhauseweg fragte ich Zille, wie es ihm gefallen habe. Er dachte einen Augenblick nach und sagte dann: „Die Leute sind emsig glücklich!“
Peter Panter: „Dichtung“, in: Vossische Zeitung, 25.12.1924

6.1.2008

Romanisches Klischee

In der Politik ist man sich noch nicht einig, ob 2007 das Jahr der Angela Merkel, Hillary Clinton oder Gabriele Pauli war. In der Literatur(geschichte) fällt die Wahl wohl eindeutig auf: Mascha Kaléko. Am 7. Juni 2007 wäre die Lyrikerin 100 Jahre alt geworden. Unter anderem aus diesem Anlass wurde sie im vergangenen Jahr gut und gerne 800 Mal in der deutschen Presse erwähnt (laut gbi). In fast 100 Fällen davon in der Kombination mit Kurt Tucholsky, denn, um typische Erwähnungen zu zitieren:

Heute gilt die in Galizien als Mascha Engel geborene Kaléko als eine der spannendsten Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Sie war mit Kurt Tucholsky, Erich Kästner, Joachim Ringelnatz, Else Lasker-Schüler bis hin zu Bertolt Brecht befreundet. Dieser heute noch unübertroffene Dichter- und Kabarett-Kreis traf sich im „Romanischen Café“ in Berlin.
Hamburger Abendblatt vom 30.5.2007

Oder:

Ihre frühesten Gedichte erscheinen in den Berliner Zeitungen, gleich in den führenden, zumal im liberalen „Berliner Tageblatt“. Bald wird sie dort regelmäßig gedruckt. Sie hat sofort viele Leser und einige etwas ratlose Kritiker. Sie wissen nicht recht, wie man die Anfängerin einordnen soll. Verschiedene Namen werden vorgeschlagen: Sie käme aus der Welt von Eugen Roth, sie sei eine Tochter Christian Morgensterns, eine Schwester von Joachim Ringelnatz. Vor allem aber: Sie habe viel von Kurt Tucholsky und Erich Kästner gelernt – und das trifft am ehesten.
Marcel Reich-Ranicki in der FAZ

Was die Nähe zu Tucholskys „Gebrauchslyrik“ betrifft, so ist gegen diese Behauptung sicher nicht viel einzuwenden. Auch wenn Kästners Gedichte wohl mehr Ähnlichkeit mit Themen und Sprache Kalékos aufweisen.

Es ist allerdings ein weit verbreitetes Klischee, Tucholsky und Kästner hätten den lieben langen Tag im Romanischen Café gesessen und dort mit aufstrebenden Talenten über Politik und Literatur diskutiert. Die weite Verbreitung macht ein Klischee nicht wahrer. Tucholsky überhaupt in Berlin anzutreffen, war seit 1924 schon nicht so einfach. Schließlich lebte er dauerhaft im Ausland, 1929 und 1930 verbrachte er insgesamt zehn Wochen in seiner Heimatstadt, die er im April 1931 zum letzten Mal sah. Und während seiner seltenen Berlin-Aufenthalte war es eher unwahrscheinlich, ihm im besagten Literatentreffpunkt zu begegnen. Denn:

Allen gemeinsam ist das Romanische Café, auf das ich nicht so schelten kann, wie das vielfach geschieht. Es ist nicht meine Nummer – aber dergleichen muß sein, das hats immer gegeben (…)
Peter Panter: „Die Zeit“, in: Die Weltbühne, 18.2.1930, S. 284

Statt dessen bevorzugte er beispielsweise das Restaurant Schwannecke, von dem er dichtete:

Früher, wenn mal etwas Komisches war:
ein Rednerschwupper an Thron und Altar,
der Kindermund eines Filmgenerals,
der Duft eines Reichsgerichts-Skandals,
Adele Sandrocks herrlicher Baß,
ein dämlicher Kabinettserlaß;
wenn mit Recht ein Verleger Pleite gemacht,
wenn ein Tisch sich bei Schwannecke zerkracht –
dann tat eine innere Stimme befehlen:
Das mußt du gleich S.J. erzählen!
[…]
Theobald Tiger, „Lücke“, in Die Weltbühne, 29.3.1927, S. 503

Auch Kästner war kein typischer Gast des „Romanischen“. Er schrieb seine Gedichte und Bücher im Café Carlton und später im Café Leon, wie Jürgen Schebera in seinem klassischen Bildband Damals im Romanischen Café berichtet.

Darin findet sich jedoch ein musikalischer „Beweis“ für Tucholskys Aufenthalte in dem Café gegenüber der Gedächtniskirche. In einem Chanson von Willi Kollo heißt es:

Damals im Romanischen Café,
Wir saßen stundenlang bei einem Glas Tee.
Beiden gings uns damals ziemlich schlecht,
Wir lebten nur von Pump, Kurt Weill und Bertolt Brecht.
Es schrieb an seinem Marmortisch
Aus Prag der Egon Erwin Kisch
Den „Rasenden Reporter“ –
Durchs Café ging der Kortner.
Homolka spielte oben Schach
Die Mosheim blieb verzweifelt wach
Friedell saß bei dem Anton Kuh
Tucholsky setzte sich dazu.
[…]
Jürgen Schebera: Damals im Romanischen Café, Leipzig 1998, S. 63

Nicht ausgeschlossen, dass Kollo schon damals Klischees bemühte.

Gegen eine enge persönliche Verbindung von Tucholsky, Kästner und Kaléko spricht auch die Tatsache, dass die junge Dichterin nie in der Weltbühne erwähnt und lediglich einmal ein Gedicht („Kassen-Patienten“) von ihr in der Zeitschrift veröffentlicht wurde. Wen es vor allem ins Romanische Café verschlug, beschrieb der Journalist Hanns-Erich Kaminski in dem Blatt:

Von Wien aus gesehen, erscheint Berlin als ein zweites New York, als die zivilisierte Wildnis des zwanzigsten Jahrhunderts, in der man ohne einen Pfennig ankommen und sich mit geballten Fäusten den Weg nach oben, zum Erfolg, zum Reichtum, bahnen kann.

Der junge Mann aus Wien begibt sich vom Anhalter Bahnhof ins Romanische Café. Dort trifft er Bekannte und gewinnt neue Freunde, bald kann er herumgehen und an zwölf Tischen guten Tag sagen. Aber bald merkt er auch, daß die Luft dort anders ist als in Wien. In Wien bedeutet das Café den Hafen, in Berlin nur den Startplatz. Im wiener Café sitzen immer dieselben Leute, im berliner wechseln sie alle paar Jahre. An der Gedächtniskirche muß man arrivieren oder man geht vor die Hunde.
Hanns-Erich Kaminski: „Der junge Mann aus Wien“, in: Die Weltbühne, 16.12.1930, S. 903f.

Gut möglich, dass Kaléko und Tucholsky sich bei einem „Personalwechsel“ verpasst haben.

24.12.2007

Billetknipser der Öffentlichkeit

Anfang November hat die freie Journalistin Gabriele Bärtels in der Zeit über ihre leidvolle Zusammenarbeit mit verschiedenen Redaktionen geklagt. Das Medium Magazin widmete dem Verhältnis zwischen Freien und Redakteuren das Titelthema seiner Dezember-Ausgabe.

Das Erschreckende an Bärtels‘ Schilderung ist nicht nur die Tatsache, dass alles genau so stimmt, wie sie es beschreibt, sondern dass sie dafür auch noch hämische Kommentare von den Lesern kassieren musste:

Der Text ist gut, es kribbelt richtig beim lesen, schließlich ist es kühl auf dem Dachboden. Lethargisch und entmutigt liegt die Autorin im Bett und packt ihre ganze Wut über die Ungerechtigkeit der bösen Redaktionen in ihren Text. Dumm nur, dass sie nicht glaubwürdig ist, schließlich macht sie vor, was eine geschäftstüchtige Journalistin ausmacht: Recherche auslassen, jede Menge Plattitüden und Allgemeinplätze in den Text und dann auf die Enter-Taste drücken.

Dumm vor allem, dass sich trotz dieses ungewöhnlichen Appells von Bärtels an der Situation wenig ändern wird. Denn es scheint sich um eine journalistische Konstante zu handeln, die fast physikalische Gültigkeit besitzt. So schrieb Tucholsky bereits 1922 seinen Kollegen ins Gewissen:

Neben der unangenehmen Wertschätzung der sogenannten „großen Namen“ läuft eine Mißachtung der weniger großen parallel. Da ist zunächst die Frage der überlangen Fristen bei Offertenbeantwortungen. Der aktuelle Artikel, der aus irgendwelchen Gründen vom Redakteur zu lange in der Schublade behalten wird, ist nach vierzehn Tagen bei seiner Rückgabe für den Schreiber unbrauchbar geworden, er kann ihn nirgends mehr anbieten, und so haben wir das seltsame Schauspiel, daß ein geistiger Arbeiter (der Redakteur) das Werk seines Kollegen (des freien Schriftstellers) fahrlässig vernichtet.

Die Parallelen zu heute sind frappierend:

Und wird der Text nicht gedruckt, erfahre ich manchmal erst nach Monaten, dass dies nie der Fall sein wird. Nur in Ausnahmefällen benachrichtigt der Redakteur mich, meistens vergisst er es. Ich bin ja auch kein Lebewesen für ihn, sondern nur eine E-Mail oder bestenfalls eine selten gehörte Telefonstimme. Dass die Geschichte dann für andere Zeitungen nicht mehr aktuell ist, ist nicht sein Problem…

…heißt es bei Bärtels. Dabei drückt sie sich noch vorsichtig aus. Denn sie weiß: „Ich darf nicht böse mit der Redakteurin werden, denn ich bin auf sie angewiesen.“

Tucholsky kannte da weniger Hemmungen:

Das Verhältnis des angestellten Schriftstellers zum nicht angestellten Schriftsteller ist ein einziger Skandal – das äußerste an Unkollegialität und an Schmierigkeit, an äußerstem Mangel von Solidarität, der nur denkbar ist. Ich habe in zwanzig Jahren Literatur etwa fünf Redakteure kennen gelernt, die sich nicht einbildeten, deshalb, weil man sie angestellt hatte, etwas Besseres zu sein als ihre Mitarbeiter.

Daß der Redakteur die Spreu vom Weizen sondert, kann ihm niemand verdenken. In unserm Beruf steht das Angebot in einem grotesken Gegensatz zur Nachfrage – zu schreiben vermeint jeder und jede zu können, und den Kram, der da verlangt wird, kann ja auch jeder Mensch herstellen. Das hebt die Stellung des Redakteurs; er sieht die wirtschaftlichen Ursachen nicht und hält sich für geistig überlegen, wo er nur als Verwalter der kümmerlichen Honorare und als Billettknipser an der Schranke der Öffentlichkeit in Anspruch genommen wird. Und was er sich vor seinem Verleger niemals getraute, das wagt er dem Mitarbeiter gegenüber alle Tage: da trumpft er auf, da ist er der große Mann, dem zeigt er aber, was eine Harke ist. Leider zeigt er ihm nicht, was eine gute Zeitung ist. (…)

Kurz: der Redakteur gleicht seine Machtlosigkeit vor dem Verleger durch Machtprotzerei vor dem Mitarbeiter aus. Und nicht nur dem Mitarbeiter gegenüber. Auch sich selbst gegenüber.

Das schrieb Tucholsky zehn Jahre später, nachdem er seine erste Anklage losgelassen hatte. Offenbar hatte er in diesen Jahren den Glauben verloren, dass sich die Situation für die Freien jemals verbessern werde: „Kein Schriftsteller-Schutzverband, keine Presse-Organisation hat das je zu ändern vermocht.“

Letztlich kann nur jeder einzelne Redakteur versuchen, möglichst korrekt und kollegial mit freien Mitarbeitern umzugehen. Denn laut Tucholsky sollte er bedenken:

Der Redakteur, der heute seine Stellung verläßt, kann morgen freier Schriftsteller sein, und der freie Schriftsteller, der heute beim Redakteur antichambriert, kann morgen auf seinem Platz sitzen. Sie sind beide geistige Arbeiter. Sie sollten mehr zusammenhalten, und besonders der Redakteur sollte mehr zum freien Schriftsteller halten, damit sich manifestierte, was latent vorhanden ist: ihre Kollegenschaft.

22.12.2007

Für den Gebrauch von Schwachsinnigen


Kurt Tucholsky, 1890-1935, war einer der ersten Blogger. In seinem schwedischen Exil kommentierte der „aufgehörte Schriftsteller“ mit kurzen Bemerkungen und Zitaten das Weltgeschehen. Sein Blog nannte er „Q-Tagebücher“ (Q von: „Quatsche“). Da das Internet damals noch sehr langsam war, schickte er die Texte der Einfachheit halber per Post an seine einzige Leserin, seine Zürcher Freundin Hedwig Müller. Zuvor hatte er als Journalist von 1913 bis 1932 in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften die Medien beobachtet, natürlich auch die Boulevard-Zeitungen. Es scheint sich seitdem wenig verändert zu haben.

Der Ursprung der Nachrichten hat sich kaum verändert. Von mäßig bezahlten Reportern mäßig aufgenommen, mit kleinen Mitteln rasch zusammengeklaubt, nicht einmal so tendenziös gefärbt wie unsorgfältig zusammengehauen, gehen die Telegramme ihren Weg. Früher druckte man sie ab. Heute macht man sie auf. Was, man macht sie auf! Man macht sie überhaupt erst zu Etwas, man schöpft und schafft aus dem Nichts, man erfindet Wahrheiten. Im Anfang war die Überschrift. Das kleinste Lausetelegramm kann durch geschickte ‘Aufmachung’ zu einer Art Sensation werden. (…) Aber was ist das alles gegen das Bild –!

Das Bild ist die Schule der Weisheit des kleinen Mannes. Und wieviel große Männer bei uns sind nicht kleine Männer! Das Konkret-Anschauliche wird mit Recht immer den Sieg über das Abstrakte davontragen – aber nun sehe man sich an, wer diese Bilder herstellt, wie sie hergestellt sind, und wer sie aussucht! Über politische Tendenz kann man streiten, über ästhetische Begriffe kann man verschiedener Ansicht sein – aber über den vollkommenen Stumpfsinn dieser Bilder gibt es wohl nur eine Meinung. Nämlich die: Wie ungeheuer interessant! „Die Kronprinzessin von Kambodscha nach dem Tennisturnier.“ „Vizepräsident Schindanger legt einen Kranz auf den Gedenkstein des 500. deutschen Rhönsegelflugsportlers nieder.“ „Baby aus Maori, hinten geimpft.“ Man könnte getrost die Unterschriften vertauschen, es merkt ja doch keiner.

Die Technik schreitet fort. Artikelüberschriften und Bildunterschriften sind das Gebiet eifrigsten Studiums. Kein Zeitungsmann zerbricht sich den Kopf so über die Gewinnung neuer wichtiger Nachrichten wie über die Textierung des alten herkömmlichen Materials. Es hat sich nicht geändert – aber es wird jetzt viel feiner verpackt.

(…)

Ein Königreich für einen Titel! Die Zeitungen habens verschuldet, deren geschickteste Angestellte sich den Kopf zerbrechen müssen, um einen Titel, ein lockendes, fettgedrucktes Wort zu erfinden … Es ist nicht zu tadeln, wenn eine gute typographische Druckanordnung die Orientierung des Lesers erleichtert, – aber das geschieht bei uns auf Kosten des Inhalts. Die Überschrift macht den Kohl fett, der sonst so fad wäre, daß ihn niemand schlucken möchte.

Wenn die Überschrift noch den Extrakt der Nachricht, des Artikels enthielte: keine Spur! Anreizen soll sie, und die Folge ist, daß der ewig überhungrige Leser die dünne Kaviarschicht durchbeißt, auf den pappigen Teig stößt und dann das Ganze überdrüssig wegwirft. So werden viele guten Dinge diskreditiert: nur durch die Überschrift. Es gibt gerade in Berlin Zeitungen, die es darin zu einer beängstigenden Fertigkeit gebracht haben. (…) In dieser Art: weil man erstens in der Regel nur Triviales zu bieten hat und zweitens der verhätschelte Leser für ernste und anstrengende Dinge nicht zu haben ist, verputzt man einen an sich gleichgültigen Aufsatz mit glitzernden Mätzchen und krönt ihn mit der Krone des Kolportageromans, mit einem wilden Titel. (…)

Die Weltgeschichte fix und fertig für den Gebrauch von Schwachsinnigen.

Diese aufgeregte Stagnation ist ein getreues Abbild der Gesellschaftsordnung, die sie hervorbringt. Eine lärmende Langeweile und ein tiefes Unrecht dazu: eine Verschleierung der Wahrheit und die Ablenkung vom Wesentlichen.

(Zusammengestellt aus: „Die Überschrift“, in: März, 21.2.1914, S. 281 und: „Der neue Zeitungsstil“, in: Die Weltbühne, 16.12.1924, S. 918)

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