4.12.2005

Kantersieg in der Zitatenliga

3:1 für Tucholsky, lautet die eindeutige Bilanz dieses Medienwochenendes. Ein überraschendes Ergebnis angesichts der schweren Auswärtsbegegnungen, die auf dem Spielplan standen.

Zunächst galt es, sich im schweizerischen Zürich mit einer Rezension von Siegfried Jacobsohns „Gesammelten Schriften“ auseinanderzusetzen. Ganz klar, dass sich die „NZZ“ in ihrem Text „Das Theater allein kann sich nicht bessern“ auch auf Tucholsky berief. Dieser wurde am Ende des Textes präsise zitiert, um Jacobsohns journalistische Maxime zu nennen:

Wir alle, die wir unter seiner Führung gegen dieses Militär, gegen diese Richter und gegen diese Reaktion gekämpft haben, kennen seinen tiefsten Herzenswunsch: die Wahrheit zu sagen. Die Wahrheit Mozarts, die Wahrheit Schopenhauers, die Wahrheit Tolstois – inmitten einer Welt von Widersachern: die Wahrheit.
Kurt Tucholsky: „Siegfried Jacobsohn †“ , in: Die Weltbühne, 7.12.1926, S. 873

Die NZZ ließ sich die Chance nicht entgehen und brachte Tucholsky souverän mit 1:0 in Führung.

Das 2:0 fiel nach einer schönen Kombination in Frankfurt. Dort machte sich Mario Müller in der „FR“ Gedanken darüber, ob die Entscheidung der EZB, den Leitzins anzuheben, auch ökonomisch Sinn ergibt. Und wenn es um Volkswirtschaft geht, ist Tucholskys „Kurzer Abriss der Nationalökonomie“ immer für eine Steilvorlage gut: „Zusammenfassend kann gesagt werden: die Nationalökonomie ist die Metaphysik des Pokerspielers.“ Müller verwandelte den Traumpass anschließend sicher mit spielerischen Bemerkungen zu Peer Steinbrück und Jean-Claude Trichet.

Einen unerwarteten Gegentreffer erhielt Tucholsky in Gelnhausen. Dort war es zuvor zu einem heftigen Gerangel im Magistrat gekommen, wie der „Gießener Anzeiger“ berichtete:

Wer die SPD so rasch informierte, interessiert Christdemokrat Michaelis brennend. Und da er gerne Tucholsky zitiert, ruft er dessen bekannten Spruch in diesen Tagen wohl besonders oft in Erinnerung: „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!“

Nun hat sich das USPD-Mitglied Tucholsky häufig darüber aufgeregt, dass die Mehrheits-SPDler unter Friedrich Ebert die Revolution von 1918/19 verraten haben, aber das genannte Zitat findet sich in seinem gesamten Werk nicht wieder. Ein eklatanter Stellungsfehler in der journalistischen Zitatenabwehr.

Den Schlusstreffer erzielte Tucholsky in Berlin, wo der Heimvorteil voll zur Geltung kam. Das „Neue Deutschland“ berichtete über eine Veranstaltung der „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“, auf der dem Verfassungsrichter Udo di Fabio der Preis für den „Reformer des Jahres“ verliehen wurde. Diese Veranstaltung wurde von einer Gruppe „Überflüssiger“ gestört, denen sich die Veranstalter problemlos entledigten. Das ND kommentierte diesen ungleichen Kampf mit einem länglichen Tucholsky-Zitat:

Denn nichts ist gefährlicher, als den Partner zu niedrig einzuschätzen – auf diese Weise sollen schon Kriege verloren gegangen sein. Glaub du ja nicht, du seist der einzig Schlaue weit und breit.
Peter Panter/Theobald Tiger: „Sind Sie eine Persönlichkeit?“, in: Uhu, 1.6.1931 S. 72

Mit dieser starken Leistung darf Tucholsky hoffen, nicht in die literarische Regionalliga abzusteigen.

1.12.2005

Weder verwandt, noch verschwägert

Der Schriftsteller und Satiriker Wiglaf Droste hat einen Literaturpreis erhalten, der nicht nach seiner Ururgroßmutter benannt ist. Dabei stammte Anna Elisabeth Franzisca Adolphine Wilhelmine Louise Maria von Droste-Hülshoff ebenso wie der neue Träger des nach ihr benannten Preises aus Westfalen. In der Preisbegründung wurde Droste jedoch mit anderen literarischen Vorbildern in Verbindung gebracht, wie die Nachrichtenagentur dpa mitteilte:

„Sein Werk zeugt von so hoher sprachlicher Virtuosität, dass sich der Vergleich mit den großen Vorbildern Tucholsky, Kästner und Heinrich Heine geradezu aufdrängt“, sagte Laudator Wolfgang Schäfer gestern bei der Preisverleihung im Museum für Westfälische Literatur in Oelde. (…) Droste habe seine Vorgänger nicht kopiert, sondern einen eigenen, unverwechselbaren Ton gefunden, befand die Jury.

Was letztere Behauptung betrifft, so hat die Jury sicherlich recht. Ob es sinnvoll ist, überhaupt noch so wie die „großen Vorbilder“ zu schreiben, wird in diesem Text zu beantworten versucht.

8.11.2005

www.seifenblasen-der-nie-gedrehte-film.de

Vermutlich hat „FAZ“-Redakteur Andreas Kilb mit seiner Behauptung Recht, wonach die Bezeichnung Medienmensch für einen Journalisten und Schriftsteller heutzutage wenig schmeichelhaft ist. Aber da es in den Tagen Tucholskys noch keine ewig gleichen Talkshows und Interviews gab, ist in seinem Falle wohl etwas anderes damit gemeint. Tucholsky lebte von und für die Medien, und daher hatte sich die Tucholsky-Gesellschaft vorgenommen, sich auf ihrer Jahrestagung 2005 näher mit dem Verhältnis ihres Namensgebers zu den damaligen Medien zu befassen.

Als Filmexperte interessiert sich Kilb natürlich am meisten für den gescheiterten Versuch Tucholskys, ein Drehbuch zu verfassen:

Interessanterweise saß Tucholsky just zu der Zeit, da Benjamin ihn tadelte, an einem Filmskript. Im August 1931 war „Seifenblasen“ dann fertig, eine Auftragsarbeit für die Nero-Film der Gebrüder Nebenzahl, die im Jahr zuvor G. W. Pabsts „Westfront 1918“ und Fritz Langs „M“ produziert hatten. „Ich habe kein Drehbuch abgeliefert, sondern eine Szenenkette, im Präsens erzählt“, schrieb der Autor an seinen Freund Emil Jannings, „ich glaube: manche Einfälle sind brauchbar.“ Leider waren sie es nicht. „Seifenblasen“, eine Verwechslungskomödie um eine Frau, die sich als männlicher Damenimitator verkleidet, wurde nie produziert, statt dessen trieb die Ufa ein auf der gleichen Idee fußendes Konkurrenzprojekt voran, das zwei Jahre später als „Viktor und Viktoria“ unter der Regie Reinhold Schünzels auf die Leinwand kam.

Leider bleibt in dem Text unerwähnt, dass der Filmwissenschaftler Frank Burkhard Habel von einem Kurzfilm berichtete, der bereits vor dem Krieg nach einer Geschichte Tucholskys gedreht worden war. „Wie kommen die Löcher in den Käse?“ lautete der Titel des 18-minütigen Films, der am 21. September 1932 uraufgeführt wurde. Regisseur war Erich Waschnek, das Drehbuch schrieb Franz Winterstein. Habel konnte auf der Tagung jedoch keine Ausschnitte des Films zeigen, da die Aufnahmen verschollen sind.

1.11.2005

Das Feuilleton an und für sich

Es war eine illustre Runde, die sich auf der Frankfurter Buchmesse zusammengefunden hatte. Marcel Reich-Ranicki, Frank Schirrmacher, Joachim Kaiser und Mathias Döpfner diskutierten über Chancen und Risiken des heutigen Feuilletons. Anlass war der 80. Geburtstag der „Literarischen Welt“, deren Herausgeberin Rachel Salamander die Diskussion moderierte und in deren jüngster Ausgabe ein Protokoll der Debatte erschienen ist.

Dort heißt es einleitend:

Vor 80 Jahren erschien die erste Ausgabe der von Willy Haas gegründeten „Literarischen Welt“. Die glanzvollen Namen dieser Zeit publizierten dort – Hugo von Hofmannsthal, Heinrich und Thomas Mann, Egon Erwin Kisch, Kurt Tucholsky… 1933 mußte die Zeitschrift schließen. Seit 1998 erscheint sie wieder, als Wochenendbeilage der „WELT“

Nun sollte nicht der Eindruck entstehen, als habe Tucholsky in der Zeitschrift regelmäßig publiziert. Genau genommen hat er nur einen Artikel darin veröffentlicht, einmal in einem Brief auf eine Frage von Willy Haas geantwortet und sechs Mal auf die von Reich-Ranicki lobend erwähnten Umfragen reagiert. Die von Tucholsky beantworteten Themenstellungen waren in der Tat interessant und lauteten: Wie soll Ihr Nekrolog aussehen? Was würden Sie tun, wenn Sie die Macht hätten? Was soll mit den Zehn Geboten geschehen? Soll die deutsche Rechtschreibung reformiert werden? Zum Jubiläum einer Buchhandlung. Die Krise des Buches, Wege zu ihrer Linderung.

Was Tucholsky zur Reformierung der Rechtschreibung vorschlug, dürfte auch die Verlagshäuser Springer und FAZ interessieren:

Eine phonetische Rechtschreibung ist solange eine Barbarei, solange die geschichtlichen Erinnerungen und Traditionen der Orthographie nicht untergegangen sind. Sie bestehen heute noch – also soll man keine Reiterkunststücke machen. Wohl aber ließe sich eine Bearbeitung des Duden denken, die die schlimmsten Zacken an dieser Barockfassade ausbricht.
Kurt Tucholsky: „Soll die deutsche Rechtschreibung reformiert werden?“, in: Literarische Welt, 18.7.1930

Interessant auch die Diskussion, die sich an der Frage journalistischer Vorbilder entzündete:

Döpfner: Ich bestreite vehement, daß heute alles schlechter ist und wir heute weniger gute Autoren haben. Wieviel hatten wir denn früher und wieviel sind denn übrig geblieben. Da sagt man immer, ja der Polgar, Kerr, Tucholsky…

Reich-Ranicki: Polgar und Kerr wurden zu ihren Lebzeiten gar nicht gelobt. Ihre Bücher waren unverkäuflich.

Döpfner: Darauf will ich hinaus. Es sind da drei große Namen und daran halten wir uns fest und dann sagen wir, wen hatten wir denn in den vergangenen Jahrzehnten (…)

Es gab wohl kaum einen Journalisten, den Tucholsky mehr gelobt als Polgar. Und dass es mehr als diese drei Namen gab, zeigt die Autorenliste der „Weltbühne“ deutlich genug.

25.10.2005

Satire, Satire über alles

Der 70. Todestag Tucholskys rückt näher und damit auch der Zeitpunkt, an dem der Urheberschutz an seinem Werk erlischt. Vom 1. Januar 2006 an können beliebig viele Tucholsky-Texte veröffentlicht und vorgetragen werden, ohne eine Erlaubnis bei den bisherigen Rechte-Inhabern, der Kurt Tucholsky-Stiftung, einholen und Honorare entrichten zu müssen.

Dass nun Verlage auf die Idee kommen, neueTucholsky-Ausgaben zu publizieren, war nicht anders zu erwarten. Dazu ist das Werk Tucholskys noch immer zu populär. Eine erste Ankündigung dieser Art liegt inzwischen vor. Sie stammt vom Verlag Berliner Konsortium, – und darin wird der Wegfall des Urheberschutzes mit dem schönen Satz umschrieben:

Mit einem „Relaunch“ von Kurt Tucholskys kritischem Bilderbuch „Deutschland, Deutschland über alles“ wird der Verlag „Berliner Konsortium“ den 70. Todestag des bekannten Publizisten würdigen.

Der „Relaunch“ wurde von dem Journalisten Timo Rieg besorgt, der das Original um eigene Texte ergänzte und die Fotos vollständig durch aktuelle Aufnahmen ersetzt hat. Eine sicherlich reizvolle Idee, so lange dahinter nicht Überzeugung steht, dass die Berliner Republik irgendetwas mit der Weimarer zu tun hat. Das lässt aber ein Satz aus der Buchankündigung befürchten, die sich auch leider dadurch auszeichnet, dass dem verehrten Textlieferanten postum etwas kumpelhaft auf die Schulter geklopft wird:

Das Spannende ist gerade die Komposition von Tuchos 76-jährigen Texten mit Bildern unserer Gegenwart, denn: viel hat sich offenbar nicht geändert, die Grundkritik ist identisch.

Der 1. Januar 2006 darf daher mit Spannung erwartet werden.

PS: Das Original konnte sich wenigstens noch ein Komma zwischen den beiden Deutschlands imTitel leisten.

22.10.2005

Schwedisches Drama

Kurt Tucholsky hat in seinem Leben nur ein einziges Drama geschrieben (Christoph Kolumbus) und trotz verschiedener Anläufe ist nie ein Film nach seinen Drehbuchvorlagen gedreht worden. Was er aber nicht bedacht hat: Mit seinen Erzählungen „Rheinsberg“ und „Schloß Gripsholm“ lieferte er den Regisseuren ideale Vorlagen, um heiter-beschwingte Liebesromanzen daraus zu stricken.

Eine neue Variante dieser Art hatte am vergangenen Mittwoch in München Premiere. Im „Teamtheater Tankstelle“ inszenierte Ernst Matthias Friedrich ein Stück nach Motiven von „Schloß Gripsholm“. Die „Süddeutsche Zeitung“ kann sich in ihrer Rezension nicht entscheiden, ob sie das Stück gut oder schlecht finden soll. Das Resumee von Egbert Tholl lautet:

Leider schwankt der Abend unentschieden zwischen Epik und Drama, aber vielleicht stellt sich der Sommernachtsduft noch ein. Potenzial dazu wäre genug da.

Ob diese Hoffnung sich erfüllt, davon können sich die Münchner noch bis zum Ende des Jahres in mehr als 30 Vorstellungen überzeugen.

19.10.2005

Tucholsky-Preis an Erich Kuby

Der im September dieses Jahres verstorbene Journalist und Schriftsteller Erich Kuby wird postum mit dem Tucholsky-Preis des Jahres 2005 ausgezeichnet. Wie es auf der Website der Kurt Tucholsky-Gesellschaft heißt, wird Kuby für sein publizistisches Gesamtwerk geehrt. Nach Überzeugung der Jury hat Erich Kuby

gegen die personellen und strukturellen Erbschaften des Nationalsozialismus geschrieben; er war ein unnachsichtiger Beobachter der Schattenseiten des Wirtschaftswunders und der Wirtschaftsmacht. Seine Schärfe und Lakonie speisten sich aus dem Leiden an Deutschland, seine Energie und sein Humor aus der Liebe zu dessen besten Traditionen.

Der Preis ist mit 3000 Euro dotiert und wird am 6. November 2005 im Deutschen Theater in Berlin verliehen. Die Laudatio hält der Anwalt und Historiker Heinrich Senfft.

18.10.2005

Drei auf einen Streich

Tucholsky-Tag in der „Süddeutschen“. Gleich drei Fundstellen liefert die arglose Volltextsuche.

Im Feuilleton schreibt Gerhard Matzig über den hochinteressanten Streit zwischen dem Architekturbüro GMP und der Deutschen Bahn. Wer darf bestimmen, wie der Berliner Hauptbahnhof schlussendlich auszusehen hat: Architekt oder Bauherr? Dass es sich bei Bahnhöfen um besondere Gebäudetypen handelt, versucht Matzig mit einem Tucholsky-Zitat zu unterstreichen:

Die Architekten von GMP wehren sich zu Recht dagegen – und klagen auf Rückbau der Decke, die den wichtigsten Bahnhof Deutschlands teilweise zu einem Zweckbau degradiert. Und zwar genau dort, wo sich die Menschen nun mal aufhalten – frei nach einem Tucholsky-Wort über das auch literarische Phänomen Bahnhof: „Hier ist Aufenthalt.“

Der Umgang mit dem Zitat ist in der Tat sehr frei. Vor allem deswegen, weil es sich bei dem Berliner Hauptbahnhof um den zukünftig größten Kreuzungsbahnhof Europas handeln soll. Wo Tucholskys Zug seinen Halt einlegte, ging es dagegen etwas beschaulicher zu:

„-‚menau!“ rufen die Schaffner. „-‚menau!“ Mit dem Ton auf der letzten Silbe. Wir sehen hinaus.
Da rauschen ein paar Bäume, der Stationsvorsteher hat sich Sonnenblumen gezogen, die aus der Zeit herrühren, wo er noch nicht Fahrdienstleiter hieß, da steht ‚Männer‘ dran und da ‚Frauen‘, und für die Zwitter ist auch noch ein Güterschuppen da. Die Lokomotive atmet. Niemand steigt aus. Niemand steigt ein. Aber hier ist: Aufenthalt.
Peter Panter: „Kleine Station“, in: Die Weltbühne, 31.8.1926, S. 353

Niemand steigt aus. Niemand steigt ein. Wenn das demnächst am Berliner Hauptbahnhof der Fall sein wird, darf Hartmut Mehdorn auch bald Sonnenblumen züchten.

In der SZ-Literaturbeilage zur Frankfurter Buchmesse bespricht Volker Breidecker die neu erschienenen „Gesammelten Schriften“ des „Weltbühne“-Gründers Siegfried Jacobsohn. Die Lektüre dieser Schriften hat auf Breidecker offensichtlich so gewirkt wie der Ausgang der Bundestagswahl auf Gerhard Schröder. Wie anders lässt sich sonst erklären, dass die Gründung der „Schaubühne“ am 7. September 1905 mit einer historischen Zäsur, gar einem Epochenbeginn gleichgesetzt wird:

In Deutschland kam die Moderne infolge einer Vermählung zweier Bühnen zur Welt. Die eine war aus hölzernen Brettern beschaffen, auf denen Theaterfreiheit erprobt wurde, die andere bestand aus bedrucktem Papier, das der Freiheit der Presse und der Kritik verschrieben war. Der Zusammenschluss, der wie jede ordentliche Ehe niemals frei von Gezänk war, zielte auf die Herausbildung einer aus literarischen und ästhetischen Antrieben heraus kritisch räsonierenden Öffentlichkeit.

„Hallo!“, ruft Siegfried Jacobsohn auf der ersten Seite seines Büchleins, in dem er die Entstehung seiner Zeitschrift aus einer Plagiatsaffäre, dem Fall Jacobsohn, schildert. Hallo!, möchte man auch Breidecker zurufen, der Jacobsohn wenig später im Überschwang der Euphorie „die schärfste und spitzeste Feder, die in Deutschland jemals publizistisch wirkte“, attestiert. Wobei er sich anschließend wundert, dass „das Werk von Siegfried Jacobsohn nicht annähernd dieselbe Aufmerksamkeit der Nachwelt erhalten [hat] wie die Schriften seiner Starautoren Kurt Tucholsky und Alfred Polgar.“ Den Grund dafür hat Tucholsky schon 1930 gekannt:

Mit dem Begriff der Dauer und der Nachwelt ist das so eine eigne Sache – S. J. hat das nie
überschätzt, weil er immer gewußt hat, daß es schon etwas bedeutet, seine Zeit auszufüllen. (…) Welche ‚Affären‘! Die sind nun heute wirklich mausetot; man kann sie nur geschichtlich werten, und ich werde mich hüten, sie aufzuwärmen, indem ich auch nur die Namen nenne!
Kurt Tucholsky: „Fünfundzwanzig Jahre“, in: Die Weltbühne, 9.9.1930, S. 373

Und die dritte Stelle: Freizeitforscher Horst W. Opaschowski sagt über die Wohnträume der Stadtmenschen genau das, was alle immer sagen: „Tucholsky hätte gesagt: Vorne die Ostsee und hinten die Leipziger Straße“.

11.10.2005

Es ist nie zu spät

Nun also doch: Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ hatte den 100. Geburtstag der „Weltbühne“ offensichtlich nur verschlafen und reichte heute eine umso längere Würdigung der Zeitschrift nach. Autor Alexander Gallus hat zu diesem Zweck die „Weltbühne“-Ausstellung in Rheinsberg besucht und liefert ein handwerklich solides Stück ab, an dem es kaum etwas auszusetzen gibt. Was die Pseudonyme Kurt Tucholskys betrifft, ist er allerdings einer Vermutung aufgesessen, die vor allem von Elmar Holly sehr vehement vertreten wurde. So schreibt Gallus:

Der 23 Jahre alte Jurastudent Tucholsky avancierte rasch zum fleißigsten Schreiber der „Schaubühne“ und legte sich schon im ersten Jahr seines Wirkens für Jacobsohns „Blättchen“ zur Kaschierung der Vielzahl von Artikeln aus seiner Feder drei Pseudonyme zu: Ignaz Wrobel, Theobald Tiger und Peter Panter (später kamen noch Kaspar Hauser und Hugo Grotius hinzu).

Zu Tucholskys „Weltbühne“-Pseudonymen gehörten neben den erwähnten vier noch die sehr selten benutzen Old Shatterhand, Theobald Körner, und Paulus Bünzly. Wie Antje Bonitz und Viktor Otto aber in den Tucholsky-Blättern sehr überzeugend darlegten, war der Autor der unter dem Pseudonym Hugo Grotius publizierten Artikel der Jurist Ferdinand Nübell.

10.10.2005

Die futsche Republik

In der ARD startet am heutigen Abend eine dreiteilige Dokumentation über die „Zwanziger Jahre“. Da ZDF-Chefhistoriker Guido Knopp inzwischen jeden Zeitzeugen aus der Nazizeit vorgeführt zu haben scheint, widmet sich die ARD daher zu Recht einem bislang vernachlässigten Thema. Was den Aufbau der einzelnen Folgen betrifft, scheint es durchaus Parallelen zu Knopps Historiotainment zu geben. Einen gewissen Unterschied hat die „Berliner Zeitung“ allerdings festgestellt:

Immerhin sind die Zeitzeugen, deren sich die jüngste Produktion der ARD bedient, interessanter als die Lemuren, die Guido Knopp so gern durchs ZDF schiebt. Interessanter sind sie dadurch, dass sie lebhafter, lebenslustiger sind.

Für die „Süddeutsche Zeitung“ ist dagegen klar, dass die Straßen der Zwanziger Jahre alle in den Untergang führten. Deshalb sei es logisch, dass „der letzte Teil des dokumentarischen Dreiteilers dieses Titels über die Weimarer Republik am gleichen Abend im Fernsehen läuft wie Bernd Eichingers Kinofilm Der Untergang, also am 19. Oktober.“ Da man den zwanziger Jahren viele Fortschritte zu verdanken habe, hätte der Weg nicht unbedingt dieses Ende nehmen müssen. Aber:

… die Weimarer Demokratie war schwach, die Zahl der Demokraten geringer als der Epochen-Name vermuten lässt, und die bekannten Stimmen von Kurt Tucholsky oder Erich Kästner, wie der Kommentar belehrt, waren „nicht mehrheitsfähig“.

Abgesehen davon, dass die Epoche den Namen Weimarer Republik trägt und man deshalb von einer „Republik ohne Republikaner“ spricht, scheint ein wenig unklar, was das Kriterium der Mehrheitsfähigkeit im Zusammenhang mit Tucholsky und Kästner zu bedeuten hat. Beide haben sich nie zur Wahl gestellt (im Gegensatz zu Carl von Ossietzky). Ihre Kommentare sind dagegen von der Mehrheit der Deutschen leider zu gut befolgt worden:

Wir stehen da, wo wir im Jahre 1900 gestanden haben.
Zwischen zwei Kriegen. (Tucholsky, 1925)

Ihr Mannen, wie man es auch dreht,
wir brauchen zunächst einen Putsch!
Und falls Deutschland daran zugrunde geht,
juvifallera, juvifallera,
dann ist es eben futsch.
(Kästner, 1930)

Die zweite und dritte Teil der Dokumention sind am 17. und 19.10. zu sehen, dann jeweils um 21.45 Uhr.

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