31.12.2003

Kriegstagebuch

Von Siegfried Jacobsohn

Freitag, am einunddreißigsten Juli. Die Post ist ausgeblieben. Nach den bedrohlichen Nachrichten der letzten Tage kein gutes Zeichen. Wir nehmen, um Zehn, ein Segelboot. Im Nordhafen steht noch das Kriegsschiff, das all die Jahre ein Friedensschiff war. Vielleicht sieht und hört man dort allerlei. Matrosen im höchsten Ausguck. Eine ungewohnte Geschäftigkeit. Wenn Vaterlandsgesänge sie begleiten … Hurras herüber und hinüber. Zur freundlichen Antwort auf die einzige Frage der Stunde: Scherze und Kußhände für unsre Damen. Aber der Eindruck, als ginge es wirklich los. Stählern blitzender Kahn mit mörderischen Geschützen – wirst du im nächsten Sommer nicht wieder harmlose Wachtdienste tun? Kleine Halle für Wasserflugzeuge, an der man seit Juni unschuldig gebaut hat – wird von heut auf morgen deine Bestimmung rauher, schmerzhafter werden? Weißes Leuchttürmchen mit roter Mütze – was alles wirst du bestrahlen oder gnädig im Dunkel lassen? Ich klettere hinauf. (Ulkiger Selbstbetrug:) Kein Feind in Sicht. […] Die Kinder rufen uns zum Feuerwerk auf ihre Wiese. Krieg? Dummes Zeug.

Sonnabend, am ersten August. Oder doch nicht? Der Bäcker hat nicht mehr gebacken, weil er gestern Abend geheimnisvoll irgendwohin geholt worden ist. Freunde haben bei Nacht gepackt und wollen auf und davon. Ich bringe sie eine Stunde weit, in die abscheuliche Badestadt, wo die Schieber vormittags zu pokern beginnen. Heute nicht. Sie wissen nichts, aber fürchten alles und raufen sich Glatzen und Perücken ob ihren gestürzten Kursen. Einer spricht Tausender Stimmung aus: „In einer großen Zeit leben wir – ausgerechnet wir.“ Der Kaiser arbeitet offenbar immer noch für den Frieden, was ihm rechts – bis zur Majestätsbeleidigung in der Täglichen Rundschau – gehörig verübelt wird. Wer in Rußland regiert, und nach welchen Prinzipien, ist, wie das Meiste in diesem seltsamen Vorland Asiens, nicht zehn Europäern verständlich. Der letzte Hoffnungsschimmer sollen die innern Schwierigkeiten Frankreichs sein. Aber es scheint ja wirklich, als obs diesmal nicht anders ginge.

Fünfundzwanzig Zeilen „zur Veröffentlichung nicht zugelassen“.

Ich komme aus einer andern Gegend. Ich bin nicht blind für den Streifen Löwenzahn, der dort das Roggenfeld von der Heide trennt.

Zwei Zeilen gestrichen.

Ich habe ein Ohr für den Schrei der wilden und zahmen Vögel, die um mich und über mir menschlich, unmenschlich einander verfolgen und fliehen, während ich durch den festen Sand der Ebbezeit heimwärts stapfe. Noch immer, noch immer nicht hoffnungslos.

Zwei Zeilen gestrichen.

Da sind die Gazetten der letzten Tage. Entschieden ist also vorläufig nichts. Aber schon

Zehn Zeilen gestrichen.

Auf einmal fühlt sich der faulste Kopp: Kaiser und Reich, Blut und Tod, Fels und Meer, Etsch und Belt, Gott und Vaterland, bum, bum! Darin ist uns kein Volk über. Anderswo kauft man sich Söldner für das grauenhafteste aller Geschäfte: für die Tötung von Menschen. Wir mobilisieren, wenn es so weit ist, nicht nur die Männer, sondern auch die höhern Gefühle und schlagen jedem den Hut ein, der sie nicht in vorschriftsmäßiger Fülle aufweist. Das ärgste Mittelgut – in geistiger Beziehung – kommt hoch; und was das betrifft, daß es hoch kommt, so wird man sich anschließen. Luft, Luft, Clavigo! Ich renne hinaus. Es dämmert. Mir fällt auf, daß an einer harmlosen Scheunenwand ein Zettel klebt. Der Badewärter lädt doch niemals sonst hier oben in sein Segelboot. Nun, für dies Jahr hat sichs ausgesegelt. „Mobilmachung ist befohlen. Erster Mobilmachungstag: der zweite August. Der Gemeindevorsteher.“ Man kann nicht knapper, nicht eindeutiger, nicht preußischer sein. Es dunkelt. Der Leuchtturm, der vorgestern irreführende Farben entsandt und gestern das Meer mit Scheinwerfern abgesucht hatte: heut ist er außer Betrieb gesetzt. Das Licht erlosch.

[…] Dienstag, am vierten August.

Ein Tag, von Gott, dem hohen Herrn der Welt, gemacht zu süßerm Ding, als sich zu schlagen! Berlin soll andrer Meinung sein. Man schreibt mir, daß dort eine Begeisterung für den Krieg herrsche, die nicht erlebt und nicht geteilt zu haben ein Verlust für meine Seele bleiben werde. Nun, meine Seele ist im Zweifel, ob sie grade jetzt einen Aufschwung nehmen würde. Sie hat für ihre leuchtenden Stunden bisher wesentlich zartern Anlaß und Inhalt gehabt als einen Krieg aller gegen alle. Sie neigt dazu, eine Veredlung der Menschen erstrebenswerter zu finden als ihre schreckensvolle Verminderung. Sie hat beklemmende, atemraubende, blickverschleiernde Vorstellungen von dampfenden Gebeinen auf blutgenäßten Schlachtfeldern, von losgefetzten Körperteilen zwischen umgestülpten Kanonen, von brüllendem Neid der Verwundeten auf die Toten, von jammernden Frauen und hungernden Kindern. Außerdem wärs mir zu bequem, für einen Krieg begeistert zu sein, in den ich, bei noch so langer Dauer, niemals zu ziehen brauche. Aber sind denn Die in der Hauptstadt wirklich begeistert? Ich denke an Fontane. Der war ein so gutes märkisches Herz wie irgendeins, konnte Pulver riechen, hatte Kriegsgefangenschaft kennen gelernt, Preußenballaden gedichtet und – und dadurch nicht die Gabe verloren, hinter den Schein jeder Sache zu blicken und zu horchen. Also zögerte er nicht, das Hurra, womit Batterien gestürmt werden, sich höchst unheroisch zu deuten: „Jubel aus Angst“. Sollte das nicht auch die Formel für den Rausch der Berliner sein? Ich glaube an eine Massenhypnose, der selbst ausgepichte Skeptiker nicht widerstehen können, an alle Erscheinungen einer Kriegspsychose, an Scham vor dem Nebenmann, an schäumende Wut und zähneknirschenden Trotz eines überfallenen Volkes, an Selbstbetäubung, an die Flucht vor den nächstliegenden Befürchtungen in ein Allgemeingefühl, an was sonst ihr wollt – an Begeisterung im unverfälschten Sinn des Wortes glaub’ ich nicht. […]

Massenhypnose. Massenstimmung. Massenmeinung. Ich habe in einem Brief geschwärmt, daß ich noch nie so dankbar empfunden hätte, ein eigenes Blatt zu haben, wie grade jetzt, wo dies und das nicht länger verschwiegen werden dürfe. Und erhalte zur Antwort die Frage, ob ich endlich ganz verrückt geworden sei. Nichts davon kann heute gedruckt werden. Möglich ist: Gemeinplätze im Plakatstil zu deklamieren; der plattesten Zufriedenheit voll zu sein; dem Mob des Geistes die Worte von den Lippen zu nehmen – unmöglich: eine besondere Auffassung der Sachlage zu äußern. Erlaubt ist: Breitmäuligkeit; verboten: Unterscheidungsfähigkeit. Gekrönt wird: eine hemmungslose Kriegsdemagogie; gepönt: das Fragezeichen. Man wünscht eine feldgraue Uniform auch der öffentlichen Meinungsmacher. Deutsche Tageszeitung und Berliner Tageblatt sind tatsächlich nicht mehr auseinanderzuhalten. Aber müssen selbst die Wochenschriften …? Es wäre hart. Holde, freundliche Gewohnheit, das Dasein von mehreren Seiten zu betrachten, eine zerlegende Hirnkraft zu betätigen, für die Nuance das malende Wort an die rechte Stelle zu setzen – von dir soll ich lassen? Freiwillig: gern; wenn’s mir aus politischen oder kunstpolitischen Gründen nützlich erscheint. Gezwungen: in tormentis. Weswegen solch ein Zwang? Es ist ja nicht zu erwarten, daß ich die kindische Absicht haben werde, zum Widerstand gegen die Staatsgewalt aufzureizen oder durch kalten Spott einer unbedingt grandiosen Sache Abbruch zu tun – denn wem tät’ ich damit mehr Abbruch als mir! Ein Staat jedenfalls, der diese Mobilmachung leistet, der sich furchtlos nach zwei Fronten wehrt, der es mit der Hölle selbst aufnähme: der hat wahrhaft nicht nötig, die unschuldige Preßfreiheit eines kleinen Literaten einzuschränken, welcher nichts besitzt als sie. Ich werde mir in den nächsten Tagen vom Herzen herunterreden, was es bedrückt, und bin überzeugt, daß nichts gestrichen wird. […]

Sonntag, am neunten August. Der Zug wird dreizehn Stunden fahren. Nachdem der Bahnhofsschutzmann einen letzten Versuch gemacht hat, mich, dieses Mal als „Südfranzosen“, zu verhaften, aber vor der Durchschlagskraft meines Passierscheins kapituliert hat, steh ich endlich auf dem Bahnsteig. […] Ich stehe von früh um Elf bis nachts um Zwölf auf einem Fleck des Ganges, kann mich selten rühren und finde märchenhaft, was ich hier sehe. Keiner drängt, Keiner schimpft, Keiner klagt, Keiner wird müde. Jeder ist höflich, jeder ist lustig, jeder teilt mit jedem, was er zu essen bei sich hat oder auf den Stationen geschenkt bekommt – vom Oberlandesgerichtsrat bis zum Laufburschen. In Ludwigslust wird ein mächtiger Korb voll frisch gepflückter Kirschen, etwa fünfundzwanzig Pfund, weniger hereingereicht, als hineingeworfen. Ich fange ihn. Meine schöne, weizenblonde, knusprig braun gebrannte Nachbarin dreht aus meinen Zeitungen Tüten, ich fülle sie, ein Dritter verteilt sie, und als nach dieser erquickenden Mahlzeit eine Lehrerin ein humoristisches Danklied anstimmt, singen alle mit. Der Krieg wird nicht vergessen. Jeden Bahnhof schützen würdige Privatpersonen mit einer Flinte über der Schulter des schwarzen Sonntagsrocks. Andre tragen Kopfbedeckungen und Wehrgehänge, die den Dreißigjährigen Krieg erlebt zu haben scheinen. Familien nehmen Abschied von den Ihren. „Adjüs, min Korl“, ruft Vetter Michel irgendwo vor Wittenberge, „auf Wiedersehn im Massengrab!“ Der Rufer ist so drollig, daß nicht einmal dieser hanebüchene Satz verletzt. Auch die berlinischen Humore blühen. Zwei siebzehnjährige Bengels schildern, wie sie, durch ein Papier als Kriegsfreiwillige beglaubigt, seit einer Woche kreuz und quer herumkarjolen, von Regiment zu Regiment, nichts tun, das Deutsche Reich besehen, unterwegs mit Liebesgaben überschüttet werden und manchmal gar noch bares Geld erbeuten – schildern das mit einer Drastik, die der Peinlichkeit des Unternehmens einen Teil von ihrer Schärfe nimmt. Dem Volk wird jeder Tag zum Fest und selbst ein Riesenkrieg zur Industrie. Daneben lehnt ein Fähnrich der Marine. Wie aus den Büchern von … Verdammtes Kritikermetier! Umschattet. Spricht in den dreizehn Stunden keine Silbe. Lächelt nur manchmal, wenn den Witzen wirklich nicht zu widerstehen ist, ernst, beinah bitter. Man hat genügend Zeit, sich eine Kindheit, einen Landsitz, eine Mutter, Schwestern, andre Frauen auszumalen. Adlig, als wäre dieses Wort auf ihn geprägt. Voll Zucht in jeder Handbewegung. Bescheiden und doch selbstbewußt. Antinoos aus Holstein. (Verdammtes …!) Seine Gegenwart ist wie ein Hauch von wundervoller Schwermut über aller Ausgelassenheit. Man wird in solchen dreizehn Stunden doch wohl mürbe. Denn ich denke mir, als wäre ich die Gartenlaube: Wenn dieser eine Mensch von zweiundzwanzig Jahren, dies Abbild der Gesundheit, Schönheit, Kraft, nicht aus dem Krieg zurückkehrt, ist der Gewinn des Kriegs zu hoch bezahlt. Zwölf Uhr. Der Lehrter Bahnhof. Extrablätter: Viertausend Belgier gefangen. Der ganze Höllenlärm und Hexensabbat meiner teuern Vaterstadt. Ich bin da, wo ich doch nun einmal für die schwärzere Hälfte jedes Jahres hingehöre, und gehe morgen früh an meine Arbeit. Gute Nacht!


In: Die Schaubühne, 27. August / 17. September / 8. Oktober 1914. Wieder in: Friedhelm Greis, Stefanie Oswalt (Hg.): Aus Teutschland Deutschland machen. Ein politisches Lesebuch zur „Weltbühne“. Lukas Verlag, Berlin 2008, S. 68-72

Citas atribuidas falsamente a Kurt Tucholsky

En internet se encuentran muchas citas que se atribuyen falsamente al periodista y escritor alemán Kurt Tucholsky.

Usarios de habla española citan frequentemente el aforismo consiguiente:

La ventaja de ser inteligente es que así resulta más fácil pasar por tonto. Lo contrario es mucho más difícil.

o:

La gente inteligente puede hacerse la tonta, lo contrario es más difícil.

Eses dichos no se encuentran en toda la obra de Tucholsky.

Por favor, no los distribuyan en los medios sociales como Twitter o Facebook.

¡Muchas gracias!

(Deutsche Version des Artikels)

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5.12.2003

Die verruchte Lüge

Von Georg Metzler

Für jeden braven Durchschnittsdeutschen gilt als unumstößliche Tatsache, daß ein ungeheuer schweres, unverdientes Geschick unser friedliebendes, arbeitsames, unschuldiges Volk getroffen hat. Keine Enthüllungen, keine noch so überzeugenden dokumentarischen Beweise, keine der unzähligen Erklärungen, keine Stellungnahme des gesamten Erdballs kann eben dieses Volk in seiner Überzeugung wankend machen, daß es bieder, fromm und stark einen heiligen Verteidigungskrieg gegen eine Welt von Feinden durchgekämpft und, dank einer genialen militärischen Führung, „unbesiegt“ zu Ende gebracht hat. Keine unanfechtbare und unbestreitbare Tatsache kann ihm die Überzeugung erschüttern, daß nur eine Komplikation von unheilvollen Umständen: die vorübergehende Schwäche und nervöse Überreizung eines sonst unüberwindlichen Feldherrn, die Hetze und die tückischen Zetteleien vaterlandsfeindlicher Schurken in der Heimat, der Eidbruch nichtswürdiger, verführter, treuloser Truppen ihm im letzten Augenblick den sonst unentreißbaren Sieg frevelhaft entrissen hat. Nur schnöde Ränke in der Heimat haben, so glaubt dieses Volk, dem tapfern und unbezwungenen Frontheer den Dolch in den Rücken gestoßen; nur noch ein viertel, ein halbes Jahr durchgehalten, und alle Feinde Brandenburgs, Preußens und Deutschlands lagen endgültig im Staube. So die deutsche Durchschnittsmeinung. Um diese, in jedem einzelnen Worte erlogenen Behauptungen zu glauben, dazu gehört nicht bloß ein erheblicher Mangel an sittlichem Gefühl, an Fähigkeit zur Selbstprüfung und Selbstkritik, sondern ein Maß von Einfalt, die nur ein seit hundert Jahren im Knechtssinn und Kadavergehorsam erzogenes Volk aufzubringen vermag. Der Krieg ist in keinem Stadium ein Verteidigungskrieg gewesen. Darüber muß sich heute jeder Mensch klar sein, der auch nur eine einzige Stunde unbefangen die zahllosen Dokumente durchsieht, die seit Jahren, und heute freier als je, dem prüfenden Blicke vorliegen. Die Phrase vom Verteidigungskrieg ist eine Lüge.

Und der Krieg ist militärisch verloren worden, wie in der ganzen Weltgeschichte kaum jemals ein Krieg verloren worden ist. Soll es ein Einwand sein, daß die eigentliche Katastrophe nicht eingetreten ist? Man hat sie nicht abgewartet. Aber sie war unabwendbar, und die deutschen Heerführer haben sich ihr nur dadurch entzogen, daß sie um bedingungslose Kapitulation gebeten haben. Hätte man den Krieg – das ist die mündlich und schriftlich von der deutschen Obersten Heeresleitung wiederholt kundgegebene Meinung – auch nur noch vier Monate fortgesetzt, so war im Februar, spätestens März 1919 die militärische Zerschlagung auch der Westfront unvermeidbar. Oder glaubt man wirklich, daß Hindenburg die Kapitulation sonst gebilligt hätte? Oder gibt es irgendeinen Dummkopf im Deutschen Reich, der für denkbar hält, daß derartige, für die Existenz eines ganzen Landes entscheidenden Entschlüsse nicht von allen obersten Heerführern nachgeprüft worden waren, bevor man sie dem Feinde unterbreitete? Deshalb ist es die zweite Lüge, von einem unbesiegten Herr zu fabeln, bloß weil dies Herr am Leben und infolge einer bedingungslosen Kapitulation in seinen Cadres aufrecht geblieben ist. Es soll noch garnicht einmal daran erinnert werden, daß der ganze Süden und Südosten Deutschlands den andrängenden Ententeheeren nach der Zerschlagung Österreichs, nach dem Abfall Bulgariens und der Türkei schutzlos offen lag, und daß die feindlichen Heere über Wien, Dresden und München den Zugang zum Herzen Deutschland ohne große Mühe gefunden hätten. Nein, das deutsche mußte früher oder später geschlagen werden, weil einer ungeheuern, militärisch, technisch wirtschaftlich und allmählich auch moralisch beispiellos überlegenen Macht gegenüberstand.

Und deshalb zum Dritten: die von meuternden Truppen herbeigeführte Revolution war, was ohne weiteres klar ist, die Folge des militärischen Zusammenbruchs. Es ist wiederum eine Lüge, sie als die Ursache hinzustellen, und es ist traurig genug, daß diese Revolution wiederum erst als Folgeerscheinung eines verlorenen Krieges auftreten konnte, daß die Truppen erst durch dies Gefühl der Niederlage Mut und Stoßkraft bekamen, um ein unerträglich gewordenes Joch abzuschütteln. Und hundertmal recht haben die Feinde, wenn sie immer wieder darauf hinweisen, daß Wilhelm und die andern deutschen Fürsten nur darum weggejagt worden sind, weil sie diesen Krieg verloren hatte. Als ob nicht die deutschen Machthaber Strafe und Untergang verdient haben, weil sie diesen verbrecherischen, jedem göttlichen und menschlichen Recht hohnsprechenden Krieg angefangen, und weil sie ihn mit den ruchlosesten Mitteln weitergeführt haben – keineswegs, weil sie ihn verloren haben! Vielleicht war es die einzige gute Tat dieser Menschen, daß sie rechtzeitig den bevorstehenden militärischen Zusammenbruch erkannten und danach handelten.

Vier Jahre lang ist das deutsche Volk morgens, mittags und abends über Ursache, Ursprung und Führung des Krieges belogen und betrogen worden; freilich hats diese Lüge auch nur zu willig hingenommen. Und nun, wo die Möglichkeit gegeben wäre, die Wahrheit zu erkennen, wo man sich Klarheit auch über die Grausamkeiten in der deutschen Kriegführung verschaffen könnte: da geht es weiter mit der alten Lügerei, da wird weiter in der deutschen Seele die Überzeugung genährt, Deutschland, das unschuldige Volk, habe einen, den heiligen Krieg verloren und werde jetzt von übermächtigen Feinden grausam gemartert.

Völlig ratlos und ohne jede Spur von Verständnis steht die ganze übrige zivilisierte Welt vor dieser deutschen Mentalität; sie kann sie nicht begreifen und schließt naturgemäß auf eine gradezu unfaßbare Roheit und Halsstarrigkeit des Denkens und Fühlens. Diejenigen aber, die das deutsche Volk in den Glauben versetzen wollen, das Eingeständnis seiner Schuld würde die Friedensverhandlungen erschweren, lügen in ihren Hals. Bleibt es in Deutschland so, wie es jetzt ist, bleiben alle Diejenigen im Amte, die die Verbrechen von 1914 mit Wort und Tat gedeckt und geschützt haben: dann kann und wird nicht die Rede davon sein, daß Deutschland als gleichberechtigter Faktor in den Bund der freien Völker eintritt. Solange die Überzeugung vom Verteidigungskrieg, von dem unbesiegten Heere, von der Härte der Gegner im deutschen Volke lebendig bleibt, kann und wird in den andern Völkern des Erdballs der Gedanke nicht verschwinden, daß dieses deutsche Volk fortan auf Rache sinnen und zu neuen Verbrechen schreiten wird. Unfehlbar und unvermeidlich würde die Welt einen geistigen und wirtschaftlichen Schützengraben rings um Deutschland ziehen, den der Mitteleuropäer Friedrich Naumann ja ohnehin schon ziehen wollte, und damit wäre das Los unsres Volkes für ewige Zeiten besiegelt, damit würden wir, und zwar durch eigene Schuld, endgültig und für immer zum Helotenvolk in der Welt.

Es ist die alte, vier Jahre hindurch erlebte, furchtbare Tragödie: Während die ganze Welt sich schaudern abwandte von den durch Deutsche begangenen Freveltaten, von einer hinterlistigen, abwechselnd feigen und brutalen Politik, träumte man in Deutschland von Siegen, hißte man die Fahnen und feierte freudetrunken Böllerschüsse ab, und nur eine ganz kleine Schar ahnte, daß auf diesem Wege des Verbrechens und des Grauens nie ein Volk zu Glück und Größe schreiten könne. Die gesamte „Intelligenz“ des Landes dachte, sprach und schrieb mit der bornierten Engstirnigkeit technisch tüchtiger, aber in ihrem ganzen Denken doch kümmerlich begrenzter Menschen, und jedes Wort, das zu reinern und freiern Höhen wies, wurde verhöhnt, beschimpft, jeder unabhängige Kopf unschädlich gemacht.

Und nun wiederholt sich die deutsche Tragödie mit umgekehrtem Vorzeichen. Diejenigen Elemente in unserm Staatsleben, die, in der Politik auf der äußersten Linken stehend, das Verbrechen dieses Krieges von Anfang an richtig erkannt und beurteilt haben – sie treiben jetzt im Innern die Politik kindlicher Narren. Den preußisch-deutschen Obrigkeitsstaat, auf Autorität und Gehorsam gegründet wie kein zweiter in der Welt, militärisch-bürokratisch verankert und gefestigt, wollen sie in wenigen Wochen nicht nur zum freien Volksstaat, sondern zu einem sozialistisch-proletarischen Gemeinwesen umformen! Fürwahr eine Wahnsinnstat, wie sie nur ein verträumtes Russengehirn oder deutscher Doktrinarismus ausbrüten kann. Diejenigen wiederum, die die Kriegsjahre hindurch sich des Verbrechens der Beihilfe durch Tat oder Rede schuldig gemacht haben – sie vertreten heute im öffentlichen Leben das Prinzip der Vernunft und einer organischen Entwicklung. Aber um sich zu halten, um nicht ihre Hehlerschaft zugestehen zu müssen, verhindern sie die Aufrollung der Schuldfrage und hemmen dadurch und durch die Belassung der schuldbeladenen Persönlichkeiten an amtlichen Stellen den friedlichen Ausgleich mit den frühern Feinden. Als ob die Schuldfrage ein akademisch-historisches Problem wäre! Sie wahrhaftig alles andre: sie ist die zentrale Frage, von deren richtiger Beantwortung nicht nur die Zukunft, sondern die ganze Existenz des deutschen Volkes einzig und allein abhängt. Es gibt für uns heute keine Fortexistenz, kein freies Fortleben mehr mit sämtlichen andern Völkern der Erde, wenn wir nicht die Schuldigen entlarven, sie der Verantwortung und Bestrafung überliefern und unzweideutig erklären, daß wir die begangenen Verbrechen verdammen und ihre Wiederholung zu verhüten wissen wollen. Nur eine von Mitschuld freie Regierung hat auch die nötige innere Stärke, Unbefangenheit und Autorität, um mit Spartacus und allen ihm verbündeten Elementen fertig zu werden, nur eine solche Regierung, die nicht kompromittiert, nicht vor dem Ausland fluch- und schuldbeladen ist, kann im Inland mit starker Hand aufrührerische Elemente niederhalten. Deshalb kann es nur eine einzige Rettung geben. Die Führer der Mehrheitssozialisten, deren innere Politik im Ganzen durchaus vernünftig ist, müssen trotzdem von ihren Stellen verschwinden und Parteigenossen Platz machen, die vor dem Ausland den Fluch der Mitschuld nicht tragen. Das würde auch eine Verständigung mit den Unabhängigen ermöglichen, die ja im Grunde sich von den Mehrheitssozialisten nur in der Schuldfrage unterscheiden. Findet die Sozialdemokratie unkompromittierte Männer als Führer, so könnten diese mit ebenfalls unkompromittierten Persönlichkeiten aus der bürgerlichen Demokratie zusammen eine wirklich aktionsfähige Regierung bilden, die Ansehen und Glauben im Ausland und im Inland fände.

Nur die Wahrheit, nur die Abkehr von der Lüge kann unser Volk retten, kann die Brücke zu der Mitwelt wieder schlagen. Und nur die Regierung selbst kann diese Wahrheit offen, freimütig und würdig bekennen und kann mit ihren Machtmitteln dafür sorgen, daß diese Wahrheit Gemeingut des ganzen Volkes werde. Eine Regierung aber, die sich gegen das Bekenntnis der Wahrheit und ihre Verbreitung im Volke sträubt und sträuben muß, weil sie sich selbst damit anprangern würde, wird das deutsche Volk niemals vom Untergang retten.

In: Die Weltbühne vom 9. Januar 1919, S. 34–37, Wieder in: Friedhelm Greis/Stefanie Oswalt (Hg.): Aus Teuschland Deutschland machen. Ein politisches Lesebuch zur Weltbühne. Berlin 2008, S. 76-79

13.1.1970

Abbau der Kunst

Von Alfred Behne

Es scheint, daß der liebe Gott Marxist geworden ist. Wenigstens demonstriert er uns die enge Verbundenheit aller geistigen Vorgänge mit den oekonomischen neuerdings auf eine äußerst nachdrückliche und einprägsame Weise – bis es Jeder kapiert hat.

In der Schule hörten wir den Lehrer berichten von Zeiten der „Reaktion“. Er mißbilligte ernst (damals!) die Polizei-Schikanen, die nach den „Freiheits“-Kriegen einsetzten, und die Verfolgungen, die nach 48 kamen. Wir mißbilligten sie mit ihm, aber konnten uns dabei nicht recht was vorstellen. „Reaktion“ war ein Begriff mehr zu „Cosinus alpha“ und „Augsburger Konfession“ und „Stickstoff“. Wir dachten nicht im entferntesten daran, daß wir eine solche unschöne Periode selbst würden erleben müssen.

Heute sind wir mitten drin. Benutzen wir die Gelegenheit, um die außerordentlich wichtige und interessante innere Struktur solcher „Reaktion“ zu studieren.

Auffallend ist, daß so Wenige das Ganze des Vorganges sehen, oder daß sie im günstigsten Falle, wenn sie Verbindungen zwischen Politik, Oekonomie und geistigem Schaffen ahnen, nur an den allgemeinen Einfluß der niederdrückenden „Stimmung“ glauben, während es sich um ganz exakte und konkrete Wechselwirkungen handelt.

Nehmen wir den Fall des Weimarer Bauhauses.

Gropius hat von vorn herein und mit ängstlicher Sorgfalt jede Politik vom Bauhaus ferngehalten, wie er sie auch vom „Arbeitsrat für Kunst“ ferngehalten hat. Freilich hat der Architekt Walter Gropius das Weimarer Denkmal für die Opfer des Kapp-Putsches im Auftrag der Gewerkschaften ausgeführt. Das war vielleicht inkonsequent. Aber dieses Denkmal ist wiederum so ängstlich unpolitisch, daß es, als sehr allgemein gehaltenes Symbol der „Erhebung“, ebenso gut hätte für Kappisten gesetzt werden können.

Alle politische Enthaltsamkeit hat dem Bauhaus nichts genützt. Und wie könnte es auch anders sein? Es ist Utopie, in einer politisierten Umwelt apolitisch sein zu wollen. Wer nicht aktiv politisch sein will, muß es passiv sein. Und wenn Politik ein Übel sein sollte, so ist passive Politik das größere. Das Schicksal des Bauhauses ist dafür Beweis. Es war schließlich nur noch ein Spielball zwischen den politischen Parteien, und es findet sein Ende nicht in einem offenen Kampf um künstlerische Prinzipien, wie es das als ein ehrenhaftes Ende gewiß für möglich gehalten hat, sondern Politiker treiben es aus politischen Gründen zur Selbst-Auflösung.

Gropius mag sagen, daß er dank seiner unpolitischen Haltung fünf Jahre habe arbeiten können, und daß er im andern Falle höchstens vier Jahre Zeit gehabt hätte. Er wird immerhin zugeben, daß dieses letzte Jahr mehr mit diplomatischer Arbeit als mit pädagogischer ausgefüllt war.

Aber die wichtigste Frage ist diese: Weshalb eigentlich will die thüringische Rechtsregierung das rein-künstlerische Bauhaus abbauen?

Ich lasse alle sekundären Momente (Verdacht gegen Ausländer; bürgerliche Verhetzung; akademische Eifersucht; provinziale Beschränktheit) beiseite, weil sie das Wesentliche nur verhüllen: Warum ist eine bestimmte politische Richtung gegen bestimmte künstlerische Gestaltungen?

Die allgemeine Vorstellung ist: Die künstlerische Form ist frei. Sie kann Gefallen finden oder auf Ablehnung stoßen – doch ist das ganz individuell. Die Leute, deren Geschmack zu eckigen Formen neigt, werden politisch von der allerverschiedensten Couleur sein, und ebenso Jene, die für weiche, runde Formen leichter zu haben sind.

Das ist allerdings wahr. Aber solange wir noch bei der Form sind, stehen wir noch nicht im Zentrum der Kunst, sondern nur beim Geschmack,

Das im Kunstwerk Entscheidende ist nicht die Wahl der Form – um Formen würde sich der Bürger ganz bestimmt nicht aufregen -, sondern die Ordnung seiner Elemente. Hier ist die Sphäre, wo sich Bildwerk und Gesellschaft, also Politik berühren. Jedes Kunstwerk spiegelt in der Ordnung seiner Elemente die allgemeinen Ordnungsprinzipien seiner Zeit.

Deshalb steht heute mit Notwendigkeit das abstrakte Bild und jede elementare künstlerische Gestaltung im Mittelpunkt eines erbitterten Kampfes, denn sie sind Prototypen einer allgemeingültigen Ordnung von betont sozialem Charakter. Deshalb gilt der abstrakten Kunst, dem Neo-Plastizismus, wie ihn Mondrian unerschüttert vertritt, der erbitterte Kampf aller am Kapitalismus Interessierten. Deshalb sieht das abstrakte Kunstwerk gegen sich in gemeinsamer Front Fascisten, Nationalisten und Demokraten.

Kunstgewerbe und guter Geschmack sind unpolitisch und individuell. Kunst ist im Tiefsten Politik und kollektiv.

Das Bauhaus glaubte ehrlich, unpolitisch sein zu können. Und hätte es sich auf die Verbreitung von Kunstgewerbe, wenn auch modernster Form, beschränkt, so hätte es mit der Zeit den Bürger beruhigt. Aber da es das Unglück hatte, von Künstlern geleitet zu werden, so stieß es zwangsmäßig auf Gestaltungsprobleme, das heißt: es vertrat bestimmte allgemeingültige Ordnungsprinzipien. Und obwohl die neuen Machthaber den Zusammenhang nicht verstehen, so haben sie doch einen geschärften Instinkt für die Gefährdung jener Ordnung, der sie ihre Macht verdanken. Ihre besondere Erbitterung gilt – und das ist bezeichnend – Kandinsky: nicht dem Russen, sondern dem Initiator der abstrakten Kunst.

Die Politiker der Linken sehen im Allgemeinen leider nicht weiter als die Reaktionäre. Auch sie halten die abstrakte Kunst für „überlebt“, weil sie zwar Marxisten sind, aber den bürgerlichen Trennungsstrich zwischen „Politik“ und „Feuilleton“ wie alles Gutbürgerliche fromm respektieren. Dort, wo sie eine Ahnung von der Funktion der Kunst haben, neigen sie dazu, den Satz:,, Kunst ist Politik“ zu verwechseln mit dem Satz: „Kunst habe Politik“. Das aber heißt: an einen Flugapparat ein Automobil anhängen, um schneller zum Ziel zu kommen.

Erschienen in: Die Weltbühne, 21/I, Nr. 02, 13.1.1925, S. 57

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