8.3.2009

Sudelblog-Spezial: T.U.

In den vergangenen Wochen hat es eine medieninterne Debatte über die Zukunft des Agenturjournalismus gegeben. Meist geht es dabei um die Frage, ob der Agenturriese dpa sein Konzept gegen die Konkurrenz der kleineren Wettbewerber in Deutschland wie ddp, AFP oder AP durchhalten kann. Nur wenig bekannt ist dagegen, wie sehr sich die Arbeitsweise der heutigen Agenturen von denen der Vorkriegszeit unterscheidet. Einen Eindruck über den alles andere als unabhängigen Agenturjournalismus der Weimarer Zeit vermittelt der folgende Text, der in der Weltbühne vom 5. Juni 1928 erstmals erschien.

T.U.
Von Konrad Bolz

Unsre Kontrakte geben uns das Recht, die Zeitung ganz nach unserm Ermessen zu redigieren und sowohl die Haltung als die Parteistellung des Blattes selbständig zu handhaben …
Gustav Freytag, Die Journalisten

Lieber Zeitungleser, kennst du die Telegraphen-Union?

Du kennst sie nicht. Denn, mittlerer Bürger, der du bist, Abonnent einer mittelparteilichen Zeitung, die Kunst und Wissenschaft pflegend berücksichtigt, auch im Unterhaltungsteil laut Prospekt »auf Niveau« hält, bist du zufrieden, daß dein Blatt für Locarno ist, ohne die nationale Ertüchtigung zu vernachlässigen, für den gesunden Fortschritt, ohne das gesunde Alte darüber zu vergessen. Beim Überfliegen der politischen Depeschen wirst du dir kaum jemals Gedanken gemacht haben, was die mysteriösen Buchstaben in der Klammer hinter dem Datum wohl bedeuten. Das ist nämlich der Name des Nachrichtenbureaus, das die Meldung geliefert hat. Denn ich muß dir die optimistische Vorstellung rauben, als würde die Zeitung auch wirklich in der Zeitung gemacht. Das war so zu Zeiten meines seligen Großvaters. Heute fliegt der Inhalt buchstäblich ins Haus. Artikel, Informationen, politische und unpolitische Entrefilets, alles wird in Spezialbureaus fabriziert und geht von dort dann an die abonnierenden Blätter. Ganz besonders trifft das auf die Nachrichten zu. Denn ein Netz von eignen Korrespondenten über Nah und Fern zu breiten, ist nur einigen wenigen großen Blättern vorbehalten. Da das Publikum aber vom Zeitungswesen Begriffe hat, die schon der selige Gustav Freytag als veraltet abgelehnt hätte, so überwiegt noch immer die Meinung, daß Tatsache Tatsache bleibt, daß das Ereignis: »Zaglul Pascha in Kairo gestorben« oder »Demission eines belgischen Ministers« eindeutig ist und bleibt, einerlei, ob der Draht, der es übermittelt, zum »Vorwärts« oder zur »Kölnischen Zeitung« führt. Dem ist nicht so. Jede Nachricht von einiger Bedeutung unterliegt einer Appretur. Nicht erst die Glossierung in der Redaktion macht die Färbung, gewöhnlich wird sie schon in einer Form gedrahtet, die die redaktionelle Glossierung vorwegnimmt oder maßgebend bestimmt. Der Redakteur ist der Sklave der Nachrichten. Nicht allzuviele sind es, die wissen: Aha, an dieser Stelle ist falsch abgetönt worden, hier ist in die Tatsache gleich ein Werturteil hineingewirkt worden. Wenige Außenstehende nur ahnen, mit welcher Geschwindigkeit die Arbeit eines Redakteurs abrollt, wie wenig Zeit bleibt, um zu prüfen oder Nuancen gebührend herauszuholen.

Was wird nun, wenn ein paar hundert Zeitungen verschiedenster politischer Richtungen, die sich an grundverschiedene Leserkreise wenden, alle aus einem kolossalen Nachrichtentrog gespeist werden, der die Etikette trägt: Überparteilich …? Die größte unsrer Nachrichtenagenturen ist das Wolffsche Telegraphen-Bureau (W.T.B.). Es ist offiziös, also der jeweiligen Regierung zur Treue verpflichtet. Diese Treue dauert, wenn es sich um eine Rechtsregierung handelt, oft übers Grab. W.T.B. durch flotteres Tempo und Schlankheit der Form überlegen und deshalb von Blättern aller Richtungen gleich begehrt, ist die T.U. (Telegraphen-Union, Internationaler Nachrichtendienst, G. m. b. H., mit einer Anzahl von Zweigabteilungen). Die T.U. hat im Laufe der Jahre viele Herren kommen und gehen sehen. Ihre Existenz war nicht ohne Zwischenfälle. Ihre Qualität aber immer sehr hoch. Ihr heutiger Machthaber ist Herr Alfred Hugenberg.

Zur Zeit tobt zwischen W.T.B. und T.U. ein kleiner Pressekrieg, dem nachzugehen lehrreich ist. Beide Bureaus bombardieren ihre Kundschaft mit Erklärungen. Die T.U. ist furchtbar wütend, weil W.T.B. wieder auf ihre Geschäftsmethoden und ihre Propaganda hingewiesen hat. Die T.U. hat nun einen längern Schreibebrief an ihre Kundschaft losgelassen, der in seiner Selbstgefälligkeit für sich selbst spricht. Aber in diesem T.U.-Brief findet sich ein höchst interessanter Satz, den man doch nicht vorenthalten darf. Es heißt da nämlich: »Jeder Nachrichtenfachmann weiß, daß auch eine Nachrichtenagentur es bei Wahrung strengster Objektivität niemals allen Leuten recht machen kann…« Wie interessant! »Auch bei Wahrung strengster Objektivität?« Und diese interessante Feststellung wird von den Geschäftsführern der Firma getroffen, deren Aufsichtsratsvorsitzender Herr Geheimer Finanzrat Alfred Hugenberg und deren Aufsichtsratsdelegierter Herr Generaldirektor Ludwig Klitzsch vom Scherlverlag ist! Schulbeispiel für die Methoden des Hugenbergschen Propagandaapparates! Unter der Flagge der Neutralität wurde ein Nachrichtendienst mit großer Resonanz geschaffen, der sich nach außen als »unabhängige und neutrale nationale Agentur« anpreist, in Wirklichkeit aber nur ein Glied, oder besser nur eine Abteilung der von Hugenberg vollkommen abhängigen deutschnationalen Firmenkonstruktion Telegraphen-Union ist; zu der auch der seinerzeit aufgekaufte Dammertverlag und der harmlos klingende Patriaverlag gehören, wo ein paar Korrespondenzen mit mehr oder minder deutschnationaler oder besser Hugenbergscher Richtung erscheinen. Über allem schwebt als Geist Gottes Herr Hugenberg über den Wassern respektive die von ihm abhängige Geschäftsführung, die sich nicht nur juristische oder verlegerische, sondern auch direktoriale Befugnisse beilegt und auch ausübt.

Das alles wurde sehr hübsch durch einen Prozeß erhärtet, den der von Herrn Hugenberg gemaßregelte Chefredakteur der T.U., oder wie in der Gerichtsverhandlung so schön formuliert wurde: des Nachrichtendienstes der T.U. gegen die Telegraphen-Union angestrengt hat. Dieser Prozeß hat eine eigenartige Vorgeschichte. Der Chefredakteur soll vor mehr als zwei Jahren abfällige Bemerkungen über die Geschäftsführung der T.U. gemacht haben.. Wie der Kläger ausführte, sind diese angeblichen, von ihm übrigens energisch bestrittenen Äußerungen jetzt plötzlich ausgegraben worden, um ihn abzuhalftern, weil er politisch unbequem geworden war und man sonst keine Möglichkeit sah, den noch anderthalb Jahre laufenden Vertrag mit 2400 M. Monatsgehalt abzubiegen. Der Chefredakteur selbst hatte vor bald zwei Jahren, als ihm Andeutungen zu Ohren kamen, diese Dinge der Geschäftsführung gemeldet und eine Untersuchung gefordert, die ihm damals abgelehnt wurde, »weil es sich ja doch nur um Klatsch und Rachegelüste ihm feindlich gesinnter Leute handle«. Doch jetzt, da es grade vor den Wahlen war, brauchte man einen Grund und entließ den Chefredakteur fristlos. Dieser Chefredakteur hat eine ebenso energischen wie aussichtslosen Kampf gegen die redaktionelle Bevormundung durch Herrn Hugenberg und seine Beauftragten geführt. Vor Jahresfrist, kurz nach Erwerb der Ufa durch Hugenberg wurde dem Chefredakteur die Verbreitung einer reinen Interessentenmeldung (zu Gunsten der Hugenbergschen Ufa) zugemutet, obwohl ihm, wie im Prozeß ausgeführt wurde, vertraglich seine redaktionelle Unabhängigkeit von jeder parteipolitischen oder sonstigen Bindung ausdrücklich garantiert war und obwohl die T.U. doch bekanntlich sich selbst immer wieder als »unabhängige neutrale Telegraphenagentur« bezeichnet. Die Weigerung des Chefredakteurs, diese Nachricht zu verbreiten, trug ihm eine »Rüge wegen eigenmächtiger Durchkreuzung einer von der Direktion gegebenen Anordnung« ein. Auf seinen Widerspruch wurde ihm schriftlich von der »Direktion« eröffnet, daß »diese mit Befremden feststelle, daß er immer noch nicht zur Einsicht gelangt sei; die Tatsache der mit dem Vorstand abgeschlossenen Verträge ergäbe automatisch die Unterordnung der Chefredaktion unter diesen; es sei aber ungehörig, daß der Chefredakteur die Rüge, die ihm die Direktion leider nach Lage der Dinge habe erteilen müssen, zurückweise«. Im übrigen wurde ihm angekündigt, daß »die Direktion sich nicht in der Lage sehe, derartige Ansichten und sich daraus ergebende Handlungen weiter zu dulden!«

Aber nicht nur diese interessante Tatsache wurde im Prozeß erwiesen, sondern auch noch die eigenartigen Propagandamethoden der Telegraphen-Union, die sich doch jetzt wieder in dem Rundschreiben gegen das W.T.B. als unabhängige Nachrichtenagentur aufspielt. Der gemaßregelte Chefredakteur hatte nämlich nicht nur gegen die Verquickung seines vertraglich neutral zu haltenden T.U.-Dienstes mit der deutschnationalen Firma gekämpft, sondern ebenso gegen die Aspirationen der zu der Firma gehörenden deutschnationalen Korrespondenzen der vorher genannten Verlage Dämmert und Patria. Deren Herren machten sich die Namensübereinstimmumg zwischen Firma und T.U.-Dienst zu Nutzen und gerierten sich so, daß man sie als Chefredakteure (dort gibt es nämlich nur Chefredakteure!) der T.U. behandelte. Die Folge war, daß der Nachrichtendienst nur parteipolitisch gefärbtes Material dieser »Fachredaktionen« erhielt, ohne sich dagegen wehren zu können. Wer erinnert sich nicht des Vorfalls vor vier Jahren, als einige Redakteure aus der T.U. austraten, nur weil sie sich keinem Gewissenszwange aussetzen wollten! Damals verbreitete die T.U. die Erklärung, daß sie niemals eine parteipolitische Pression bemerkt habe. Ja, so dumm sind Hugenbergs natürlich nicht. Wozu braucht man eine Redaktion zu drücken, wenn sie das »Material, auf das es ankommt«, auf die viel harmlosere redaktionelle Methode durch »zuverlässige«, also deutschnationale Informatoren angedreht bekommen kann. Das Wichtigste ist eben, daß man die Kanäle kontrolliert, die das Material heranschaffen, das dann als »neutral« — sicherlich in gutem Glauben — von der Nachrichtenredaktion verbreitet wird. Dieses System hatte der gemaßregelte Chefredakteur durchschaut und abgeändert, indem er eine eigne Organisation für den Nachrichtendienst der T.U. aufgebaut hatte.

Der Chefredakteur Doktor Belian gab sich begreiflicherweise mit seinem Hinauswurf nicht zufrieden, sondern strengte Klage an. Beim Landesarbeitsgericht stieß er auf einen Richter, Herrn Landgerichtsdirektor Samuel, der für Hugenbergs Interessen großes Verständnis zeigte, alle Beweisanträge des Klägers ablehnte und ihn schließlich abwies. Der Öffentlichkeit den Fall klar zu machen ist außerordentlich schwierig. Wir haben es hier mit einer maßlos verschachtelten Konstruktion zu tun, die zu übersehen fast unmöglich ist. Die Firma »Telegraphen-Union« ist das Dach für den »T.U.-Dienst«, der »neutral« die Zeitungen beliefert, aber er läuft neben einer Reihe andrer Bureaus, die ausgesprochen im Sinne der deutschnationalen Partei wirken, und diejenigen Stellen, die den Rohstoff liefern, sind ebenso gerichtet. So kommt ein Nachrichtendienst zustande, der unbedenklich auch von Linksblättern verwendet wird, weil er gut gemacht und seit Jahren eingeführt ist. Hugenberg getarnt, Hugenberg überparteilich maskiert, sichert sich so ein Monopol auch im Nachrichtenwesen. Die Einzelpersönlichkeit verschwindet in einem System, das neben seinem Riesenkörper auch noch seine unsichtbaren Ausläufer hat. Wer, wie jener Chefredakteur, den Mut findet, auf seine kontraktlich zugesicherte Unabhängigkeit zu pochen, wird auf trockenem Wege erledigt.

Die Kölner Pressa zeigt nur die Dynamik des modernen Zeitungsbetriebes, nicht, zu welchem Ende; die Maschinerie gewiß, nicht das Schmieröl. Und vor allem fehlt ein schmaler Raum, bereit, endlich die arme kleine, verschrumpfte und vergilbte Mumie aufzunehmen, die heute noch bei Pressetees und Kongressen festlich aufgeputzt herumgereicht wird: — die journalistische Freiheit.

15.2.2009

Zurück in die Zukunft

Zu den vielen interessanten Menschen und Dingen, die an einem 20. Februar das Licht der Welt erblickt haben, gehört auch das Futuristische Manifest des italienischen Schriftstellers und Politikers Filippo Tommaso Marinetti. Da sich die Veröffentlichung in wenigen Tagen zum 100. Mal jährt, wird sich kaum ein Medium eine Würdigung dieses Ereignisses und dessen kulturgeschichtlicher Folgen entgehen lassen.

Zu den Menschen, die Marinetti noch persönlich in Augenschein nehmen konnten, gehörte Kurt Tucholsky. Er besuchte 1925 einen Vortrag des Italieners in Paris und hielt seine Eindrücke für die Weltbühne in einem längeren Text fest. Da dieser nicht in den Gesammelten Werken enthalten und daher wenig bekannt ist, sei er an dieser Stelle komplett wiedergegeben. Um auf den Geschmack zu kommen, hier die nicht gerade vor Sympathie triefende Beschreibung der Marinetti-Anhänger:

In einer ganz kleinen Stampe auf dem Boulevard Raspail, ein paar Minuten von den pariser Romanischen Cafés, wo die zweiundzwanzig sich ewig wiederholenden Spielarten langweiliger Psychopathen sich Bedeutung von der Legende borgen, Lenin habe hier eines Tages gesessen … Unordentliche Bürger — vorüber.

   In dem kleinen Gastzimmer der Kneipe hängen Stilleben: »Dalles im Mondschein« und Aquarelle in Öl; auf den Holzstühlen — die zu fünf Francs haben Popokissen — sind die Zuhörer angebracht: gepuderte, aber hysterische Damen, in ihren Naslöchern schlummert das Grauen; polnische Knaben, die einer Badewanne gegenübergestellt zu werden verdienen; amerikanische Maler; ein ganz dünner Kunstkritiker, völlig ausgelaugt vom Theoretisieren, als habe er jahrelang in Essig gelegen; und wieder Frauen, die einem die ganze Freude am heterosexuellen Umgang nehmen können … Marinetti ist da.

   Ein Mann Mitte der Vierziger, mit so hoher Stirn, daß sie schon Glatze genannt werden darf, kleinem dunkeln Schnurrbart, schwarzen Augen, die später glühen werden. […]

9.12.2008

Das ganz leere Schloss

Wenn einen Grund gibt, den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses abzulehnen, dann ist es der Siegerentwurf des Realisierungswettbewerbs. Diesen Wettbewerb hat der Architekt Francesco Stella deswegen gewonnen, weil er die Vorgaben des Bundestags am besten umgesetzt hat. Und so wird das 552 Millionen Euro teure Schloss nachher fast nur aus Fassade und Innenhöfen bestehen. Kein Architekt würde solch ein Museum oder solch einen Ort der Begegnung planen. Wer als Bürger diesen und etlichen weiteren damit verbundenen Unsinn ablehnt, kann dies beispielsweise auf der Seite www.kein-schloss-in-meinem-namen.de zum Ausdruck bringen.

Gefordert wäre natürlich der Bundestag. Am besten sollten alle Abgeordneten während der nächsten Sitzungswoche in den ersten Stock des Kronprinzenpalais gehen und sich selbst davon überzeugen, was sie mit ihrem Beschluss vom Juli 2002 letztlich angerichtet haben. Und ihn revidieren. Dabei müssen sie vermutlich nicht einmal befürchten, dass der Hausgeist der Schlosses wieder einzieht, den man noch zu Zeiten Tucholskys kannte:

Das leere Schloß

Seit Kaiser Wilhelm der Zweite das berliner Schloß seiner Väter verlassen hat, steht es leer. Keiner ist für die Dauer dort eingezogen – seitdem Ende 1918 und Anfang 1919 einige Spektakelstücke darin aufgeführt worden sind, steht es ganz leer. Die Regierung wohnt in der Wilhelmstraße.

Man sagt, dieses alte Schloß habe einen Hausgeist, eine im Nachtwind lohende weiße Frau. Es kann sich somit glücklicher schätzen als das Geschlecht der neuen Hohenzollern, die gänzlich ungeistig waren, und ich denke, daß die Zeit gekommen ist, wo auch wir an diesen Geist glauben dürfen. Das Schloß ist nicht leer.

Das berliner Schloß kann von der Regierung deshalb nicht bezogen werden, weil der alte monarchistische Geist darin wohnt, und weil diese Regierung Angst vor ihm hat. Nachts weht der Geist durch die öden Korridore. Und tagsüber? Tagsüber regiert er. […]

Durchs berliner Schloß aber der Kaiserlichen Republik Deutschland weht die weiße Frau. Sie klopft an die Türen, sie loht durch die Korridore, sie gleitet an den Fenstern vorüber. Wenn ihr hübsch leise seid, könnt ihr sie kichern hören.

Das Schloß ist ansonsten leer. Die Regierung traut sich nicht recht, die Krongüter anzutasten, gibt damit die Superiorität des atlantischen Admirals zu und wohnt in der Wilhelmstraße. Da regiert sie.

Beherrscht aber werden wir von jemand anders: von einer weißen Frau im leeren Schloß.

Ignaz Wrobel: »Das leere Schloß«, in: Die Weltbühne, 19.2.1920, S. 240

Im Humboldt-Forum wird vermutlich gar kein Geist mehr hausen wollen.

Nachtrag: In der New York Times vom 1. Januar 2009 erschien eine vernichtende Kritik des Bauvorhabens unter dem Titel »Rebuilding a Palace May Become a Grand Blunder «. Die Berliner Zeitung forderte am 2. Januar 2009 in einem Kommentar, die Ausstellung der Entwürfe zu verlängern, um eine weitere Debatte zu ermöglichen.

5.12.2008

Berlin und Tucholsky in feinem Strich

Berlin – Bleierne Stadt heißt der zweite Teil der Comic-Trilogie, in der der US-Amerikaner Jason Lutes das Berlin der zwanziger Jahre festhält. Fünf Jahre sind vergangen, seitdem Lutes den ersten Teil der Reihe (Berlin – Steinerne Stadt) vorgelegt hatte. Der letzte Band soll in vier Jahren erscheinen.


Die Bleierne Stadt spielt in der Zeit von Juni 1929 bis zum 14. September 1930, dem Tag der desaströsen Reichstagswahl. Viele Charaktere und Handlungsstränge tauchen darin auf, doch der eigentliche Protagonist ist der Journalist Kurt Severing, Mitarbeiter der linksintellektuellen Weltbühne. Von Typ und Biographie her könnte Severing eine Art Heinz Pol mit Leo-LaniaBrille sein. Seine humorlose und etwas griesgrämige Art machen es jedoch schwer, ihn sympathisch zu finden. Zum Glück gibt es noch die vielen parallel laufenden Episoden, die deutlich machen, dass Berlin keinesfalls eine bleierne, sondern viel eher eine quecksilbrige Stadt war. Severings Freundin Martha verliebt sich in eine Frau und taucht in die Homosexuellenszene ein, eine Band schwarzer Jazzmusiker feiert Erfolge in Tanzlokalen, Kommunisten und Nationalsozialisten kämpfen gegeneinander um die Vorherrschaft auf der Straße. Der Originaltitel (City of Smoke) trifft die Stimmung besser: Die Schornsteine rauchen, aber die politischen und sozialen Spannungen verdüstern das Leben der meisten Menschen.

Hat Lutes aus der räumlichen und zeitlichen Distanz nun die Stadt, die Ereignisse und Charaktere richtig getroffen? Wie er in einem Beitrag seines Weblogs erläutert, bediente er sich manchmal fotografischer Vorlagen, um sie per Photoshop-Bearbeitung in die Szenen einzufügen. Tucholsky-Lesern bleiben Deja-vu-Erlebnisse daher nicht erspart. So zum Beispiel auf Seite 38, wo Lutes ein Foto als Vorbild nahm, das auch im Deutschland, Deutschland über alles-Buch (S. 52) enthalten ist:


Sogar der Firmenschriftzug »Zelte-Fabrik« lässt sich in einer der folgenden Zeichnungen noch gut erkennen.

Und sieht der jüdische Lumpensammler nicht auf verblüffende Weise dem Weltbühne-Begründer Siegfried Jacobsohn ähnlich?


Mit der genauen Wiedergabe der historischen Figuren und Ereignisse hapert es dagegen ein wenig. So nimmt der sogenannte Weltbühne-Prozess in dem Band eine wichtige Rolle ein. Anders als bei Lutes dargestellt, kam es jedoch 1929 nicht zur Anklage und zur Verhandlung vor dem Reichsgericht in Leipzig. Denn aufgrund von Differenzen zwischen Außen- und Reichswehrministerium verzögerte sich die Anklageerhebung bis zum Frühjahr 1931, die erste Verhandlung fand im Mai 1931 statt.

Unhistorisch ist auch die Redaktionskonferenz der Weltbühne, bei der Tucholsky als eine Art graue Eminenz aus seinem Pariser Exil auftaucht. Am Redaktionssitz der Weltbühne in der Kantstraße 152 gab es höchstens kleinere Runden mit den wenigen festangestellten Mitarbeitern wie Rudolf Arnheim und Walther Karsch. Es gab dort nicht einmal einen Konferenztisch. Überliefert sind hingegen Treffen in der Wohnung von Edith Jacobsohn, der Witwe Siegfried Jacobsohns und Verlegerin der Weltbühne. An diese Versammlungen erinnerte sich Erich Kästner nach dem Krieg:

Und nur selten hörte man: »Tucho ist für ein paar Tage in Berlin!« Dann wurden wir eilig in der Douglasstraße zusammengetrommelt. »Wir«, das waren die Mitarbeiter der »Weltbühne«: Carl von Ossietzky, Arnold Zweig, Alfred Polgar, Rudolf Arnheim, Morus, Werner Hegemann, Hermann Kesten und einige andere. Tucholsky saß dann zwischen uns, keineswegs als sei er aus Paris oder Gripsholm, sondern höchstens aus Steglitz oder Schöneberg auf einen Sprung in den Grunewald herübergekommen, und kam er gerade aus der Schweiz, so dachte man, während man ihm belustigt zuhörte, nicht ganz ohne Besorgnis: Da werden nun also alle Eidgenossen berlinern! An solchen Abenden ging es hoch her. Da wurden das Weltall und die umliegenden Ortschaften auseinandergenommen.

Erich Kästner: »Kurt Tucholsky, Carl v. Ossietzky, ‚Weltbühne‘«, in: Die Weltbühne, 4. Juni 1946, S. 21

Die Redaktionssitzung bei Lutes, an der sogar Kurt Hiller und Helene Stöcker teilnehmen, erinnert dagegen an ein ernstes politisches Kolleg, in dem Tucholsky doziert und revolutionäre Reden schwingt. Am Ende wird ihm folgende Aussage in die Sprechblase diktiert:


Auch diese Passage kommt einem irgendwie bekannt vor. Zwar nicht aus dem Jahr 1929, sondern aus einem zehn Jahre früher erschienenen Text. Und auch die Diktion war eine andere:

Es wird uns Mitarbeitern der »Weltbühne« der Vorwurf gemacht, wir sagten zu allem Nein und seien nicht positiv genug. Wir lehnten ab und kritisierten nur und beschmutzten gar das eigene deutsche Nest. Und bekämpften – und das sei das Schlimmste – Haß mit Haß, Gewalt mit Gewalt, Faust mit Faust.

Kurt Tucholsky: »Wir Negativen«, in: Die Weltbühne, 13.3.1939, S. 279

Es ist natürlich ein bisschen fragwürdig, wenn Tucholsky die Worte seiner Gegner nun eins zu eins in den Mund gelegt werden und er damit ein eindeutiges Bekenntnis zur Gewalt im politischen Kampf abgibt. Da sieht man lieber darüber hinweg, dass Ossietzky seinem Gast aus Paris einen Aphorismus vorhält, den er erst Ende 1931 in der Weltbühne veröffentlicht hat:

Ist es ein Zufall, daß die Vertreter der wildesten Gewaltlehren, Nietzsche, Barrès, Sorel, keine zwanzig Kniebeugen machen konnten? Es dürfte kein Zufall sein.

Ein unterhaltsamer Comic ist eben kein Geschichtsbuch. Bedauerlich, dass der letzte Band der Trilogie wieder vier Jahre auf sich warten lässt.

Berlin Band 2. Bleierne Stadt. Von Jason Lutes. Illustriert von Jason Lutes. ab 14 Jahren. 208 Seiten / Klappenbroschur. € (D) 14,00 / € (A) 14,40 / sFr 25,90. ISBN 978-3-551-76676-2

Weitere Links:

Porträt Jason Lutes‘ im Tagesspiegel

Rezension auf jetzt.de

Rezension im Freitag

1.12.2008

Die Jahrhunderte des Schlagers

Manche Wünsche Tucholskys erfüllen sich erst sehr spät:

Schade, daß das noch niemand gemacht hat: Schlager und Moden von gestern auf die Bühne zu bringen.

bedauerte er 1925 in dem Artikel »Der Schlager von gestern«.

80 Jahre später gibt es noch viel mehr Schlager, die von gestern sind, so dass sich nicht nur eine kleine Bühne, sondern gleich eine ganze Ausstellung dem Thema widmet. »Melodien für Millionen« Das Jahrhundert des Schlagers heißt die Schau, die seit dem 21. November in Leipzig zu sehen ist. Nach Angaben der Veranstalter präsentiert sie

über 1500 Exponate aus über 100 Jahren, darunter Bühnenkostüme von Lilian Harvey und Zarah Leander, die Gitarre von Caterina Valente oder den gläsernen Flügel von Udo Jürgens, sowie viele Schlagerpreise, Plattencover, Fotos und Plakate.

Die Schreibmaschine von Tucholsky gehört nicht dazu, obwohl er darauf nicht nur viele Schlager- und Chansontexte, sondern auch mehrere Abhandlungen über das Wesen des Schlagers getippt hat. In denen er dabei zu folgendem Schluss kam:

Alle Schlager von gestern wirken auf den heutigen Menschen naiv. Er lächelt, er lächelt überlegen, er sagt sich: »Das ist alles? Das haben nun unsere Eltern als so furchtbar unpassend und frivol empfunden? Zu dieser Musik haben lockere Mädchen, die heute ehrwürdige Matronen sind, getanzt? Das füllte jene Nächte aus? Weiter nichts –?«

Aber diese Überlegung ist ganz und gar unrichtig. Der Schlager bewahrt nämlich nicht, wie man immer sagt, seine ganze Zeit, denn er ist kein großes Kunstwerk, sondern er hat es sich sehr leicht gemacht. Er hat eben die gesamte Zeit als selbstverständlich vorausgesetzt, er hat dem Hörer augenzwinkernd einen freundschaftlichen Rippenstoß versetzt und hat gesagt: »Du weißt doch, wie ichs meine …« Natürlich wußte der Hörer. Es sind nicht nur die lokalen und zeitlichen Anspielungen, die dahin sind, es ist vor allem jenes unnennbare Etwas, das eine Zeit ausmacht, ihr Rhythmus, ihr Takt, ihre Beziehung zwischen den Geschlechtern, ihr modus procedendi im Geldverdienen, ihr Klatsch, ihre Struktur der Familie, ihre Politik und ihre Klassen. Auf diesem Grund und Boden tanzt der Schlager. Dieser Grund und Boden ist ihm nun entzogen, er steht in der Luft, und nun lächelt der Mensch von heute in falscher Überlegenheit über das Gestern.

Peter Panter: »Der Schlager von gestern«, in: Vossische Zeitung, 18.10.1925

Vielleicht wären diese Überlegungen eine gute Gebrauchsanweisung für den Besuch der Ausstellung.

Dass es den deutschen Schlager aber erst seit der Erfindung des Grammophons gegen Ende des 19. Jahrhunderts gibt, wie die Ausstellungsmacher behaupten, scheint ein anderer Text Tucholskys zu widerlegen:

Schlager sind Lieder, bestehend aus Musik und Worten, die kaum noch etwas mit ihren Autoren zu tun haben, sondern die aus der Literatur zum Gebrauchsgegenstand des Volkes oder des jeweiligen Volkskreises avanciert oder degradiert sind. Solche Lieder zum sonntäglichen Gebrauch des deutschen Bürgertums aus den Jahren 1740 bis 1840 hat Gustav Wustmann, der Schöpfer des ausgezeichneten Werkes Allerhand Sprachdummheiten, veranstaltet, und ihre Neuausgabe liegt jetzt vor. (Als der Großvater die Großmutter nahm, im Insel-Verlag.)

Der Titel des Artikels war bezeichnend: »Alte Schlager«. Ungewöhnlich dagegen, dass Wustmanns Sammlung Tucholsky Lieblingsgedicht enthielt, das »Herbstlied« von Johann Gaudenz von Salis-Seewis. Vielleicht zählt Nicoles »Ein bißchen Frieden« in 100 Jahren auch zur Literatur.

Den Schluss von Tucholskys Text sollte man jedoch besser nicht als Motto für den Besuch einer historischen Ausstellung nehmen:

So bestätigt sich auch hier wieder, daß es die Invaliden des Lebens sind, die den Leierkasten der Erinnerung auf dem Buckel schleppen und ewig auf ihm werkeln.

28.11.2008

So ein Ééérger

Es gab Gelegenheiten, bei denen sich Tucholsky auf eine spezielle Art ärgern konnte. Vor allem über die Tücken der Technik:

Abends, wenn ich im Bett liege, muß ich mich immer so ééérgern … (Merk: ärgern – das ist böse und einmalig; ééérgern aber ist lange, sanft, süß-sauer und überhaupt.) Ich muß mich so ééérgern, weil sich wieder achtmal etwas ereignet hat, das ich da benannt habe: Die Technik spielt.

Peter Panter: »Auf dem Nachttisch«, in: Die Weltbühne, 23.12.1930, Nr. 52, S. 940.

Etwas ärgerlich ist auch, wenn Tucholsky-Zitate, die ihm auf hunderten von Internetseiten zugeschrieben werden, nirgendwo in dessen Werk zu finden sind. So auch die Behauptung:

Das Ärgerliche am Ärger ist, dass man sich schadet, ohne anderen zu nützen.

Wobei sich in diesem Fall nicht nur die Frage nach dem Urheber, sondern auch nach dem Sinn des Zitates stellt. Warum soll man anderen nützen, wenn man sich über etwas geärgert hat? Und warum schadet es, sich mal so richtig zu ééérgern?

Ich würde mich natürlich sehr ärgern, falls doch jemand das Zitat bei Tucholsky finden und mir die Stelle nennen würde. Aber das hätte dann wenigstens einen Nutzen.

21.11.2008

Dräuende Krieger aus gefrorenem Mist

Hätte der Architekturexperte der Berliner Zeitung, Nikolaus Bernau, die folgenden Zeilen vor 80 Jahren geschrieben, wäre ihm Ärger sicher gewesen:

Was für ein babylonisches Steingebirge. Urtümlich mit finsteren Kriegergestalten, mit dem weiten, von hohen Wällen gerahmten Vorplatz und dem unergründlich spiegelnden Teich darin. Das Leipziger Völkerschlachtdenkmal war schon vor seiner Einweihung 1913 heftig umstritten.

Bernau erinnert in seinem Text »Die reaktionäre Moderne« an der Architekten Bruno Schmitz, der heute vor 150 Jahren geboren wurde. Schmitz hat jedoch nicht nur das Völkerschlachtdenkmal, sondern auch das Kaiser-Wilhelm-Denkmal an der Porta Westfalica und das Kaiser-Wilhelm-Denkmal am Deutschen Eck verbrochen. Letzteres hat auch Tucholsky einmal in Augenschein genommen. Und war entsetzt:

Wir gingen auf der breiten, baumbestandenen Allee; vorn an der Ecke war eine Fotografenbude, sie hatten Bilder ausgestellt, die waren braun wie alte Daguerrotypien, dann standen da keine Bäume mehr, ein freier Platz, ich sah hoch … und fiel beinah um.

Da stand – Tschingbumm! – ein riesiges Denkmal Kaiser Wilhelms des Ersten: ein Faustschlag aus Stein. Zunächst blieb einem der Atem weg.

Sah man näher hin, so entdeckte man, daß es ein herrliches, ein wilhelminisches, ein künstlerisches Kunstwerk war. Das Ding sah aus wie ein gigantischer Tortenaufsatz und repräsentierte jenes Deutschland, das am Kriege schuld gewesen ist – nun wollen wir sie dreschen! In Holland.

Zunächst ist an diesem Monstrum kein leerer Fleck zu entdecken. Es hat die Ornamenten-Masern.

Oben jener, auf einem Pferd, was: Pferd! auf einem Roß, was: Roß! auf einem riesigen Gefechtshengst wie aus einer Wagneroper, hoihotoho! Der alte Herr sitzt da und tut etwas, was er all seine Lebtage nicht getan hat: er dräut in die Lande, das Pferd dräut auch, und wenn ich mich recht erinnere, wallt irgend eine Frauensperson um ihn herum und beut ihm etwas dar. Aber da kann mich meine Erinnerung täuschen … vielleicht gibt sie dem Riesen-Pferdchen nur ein Zuckerchen. Und Ornamente und sich bäumende Reptile und gewürgte Schlangen und Adler und Wappen und Schnörkel und erbrochene Lilien und was weiß ich … es war ganz großartig. Ich schwieg erschüttert und sah Jakoppn an.

»Ja«, sagte Jakopp, »das ist das Kaiser-Wilhelm-Denkmal am Deutschen Eck.

Ignaz Wrobel: »Denkmal am Deutschen Eck«, in: Die Weltbühne, 14.1.1930, S. 94

Schon diese Schilderung dürfte seinen nationalbewussten Zeitgenossen nicht gefallen haben. Aber mit einer weiteren Formulierung war ihm der Zorn der Rechten sicher, wie Tucholsky zwei Jahre später im Rückblick schrieb:

Vor einiger Zeit habe ich hier das schöne Denkmal am Deutschen Eck, in Koblenz, geschildert; der selige Kaiser Wilhelm der Erste ist dort zu Stein zusammengehauen, und ich hatte mir erlaubt, solches einen gefrorenen Mist zu nennen. Darob große Entrüstung bei den Kleinbürgern des Nationalismus. Es hagelte Proteste, ich spannte keinen Regenschirm auf, und soweit gut.

Ignaz Wrobel: »Historisches«, in: Die Weltbühne, 26.1.1932, S. 144

Tucholskys Bitte, dass eine Regierung diesen »gefrorenen Mist« abkarre, hat übrigens erst ein amerikanischer Soldat erhört, der 1945 Kaiser Wilhelm von seinem hohen Podest schoss. Jedoch nicht für immer: 1993 ließ ein generöser Spender, ausgerechnet ein Zeitungsverleger, den alten Hohenzollern wieder auferstehen. Womöglich galt für ihn dasselbe, was Bernau über Schmitz geschrieben hat:

Er suchte zutiefst pessimistisch ob der Zukunft die neuen Formen in der Vergangenheit.

2.11.2008

Die Verbreitung einer Gedicht-Legende

Es war wohl kaum anders zu erwarten, als dass sich das vermeintliche Tucholsky-Gedicht »Höhere Finanzmathematik« mit der Geschwindigkeit eines Computerwurms im Internet verbreiten würde. Aber diesmal wurden nicht die Rechner, sondern die Gehirne der Leser befallen. Ein poetischer Hoax.

Hat sich wenigstens der hier zuvor geäußerte Wunsch erfüllt, dass die Presse ihre Leser über dieses kollektive Missverständnis aufklärt? Von wegen. Gleich mehrere Zeitungen sind der falschen Zuschreibung auf den Leim gegangen und haben das Gedicht unter der Urheberschaft Tucholskys abgedruckt. So in Deutschland die Westdeutsche Zeitung und die Nürnberger Nachrichten (die zwei Tage später den Fehler berichtigten), oder in der Schweiz die Basler Zeitung und das St. Galler Tagblatt. Was wiederum das Boulevardblatt Blick für einen kleinen Seitenhieb auf die Kollegen nutzte:

Doch geschrieben hat die etwas holprigen Reime ein Österreicher im September, berichtet die «Financial Times Deutschland». Trotzdem hat es die «Basler Zeitung» in ihrem Kulturteil abgedruckt und als Autor Tucholsky vermerkt.

Das Tagblatt sah sich ebenfalls zu einer Berichtigung genötigt und schrieb unter der etwas irreführenden Überschrift »Lug & Trug«:

Es ist ein Gedicht, stimmig und aktuell. Tucholsky wird als sein Urheber genannt — auch gestern, in diesem Blatt. «Wenn die Börsenkurse fallen»: So fing es an. Doch Tucholsky war’s nicht, das erklären die Fachleute, auch wenn das Gedicht unter seinem Namen quer durchs Netz floriert.

Wenig rühmlich auch, dass der ehemalige Zeit-Chefredakteur Roger de Weck das Gedicht im Medienmagazin des RBB zitierte. Und als »Finanzexperte« hätte Oswald Metzger vor der Veröffentlichung in seinem Blog etwas vorsichtiger sein können. Dennoch sei zur Ehrenrettung der Medien erwähnt, dass viele Zeitungen skeptisch waren und vor einem möglichen Abdruck des Gedichtes bei der Tucholsky-Gesellschaft nachfragten, ob Tucholsky der Urheber sei. Die Financial Times Deutschland sprach sogar mit dem tatsächlichen Autor, dem 69 Jahre alten Wiener Richard Kerschhofer. Der kann die Verwechslung gar nicht nachvollziehen und meinte mit Blick auf die starken stilistischen Unterschiede zu den Versen Theobald Tigers: »Kurt Tucholsky hat nicht annähernd so saubere Reime geschrieben wie ich.«

Kerschhofers Nähe zum rechten politischen Lager — er schreibt auch für die österreichische Zeitschrift Zeitbühne — müsste nun eigentlich linke Kapitalismuskritiker in Erklärungsnöte bringen. Etliche haben das Gedicht unter dem Autornamen Tucholsky oder anonym veröffentlicht (so auch die KPÖ). Worüber sich nicht nur die Wiener Presse, sondern auch Kerschhofer selbst amüsiert:

Offene Ohren fand das Gedicht vor allem bei linksgerichteten Kapitalismuskritikern. Dies dürfte damit zusammenhängen, dass laut dem Gedicht das Finanzsystem aufgrund der »Spekulantenbrut« eine Umverteilung nach oben bewirkt, für die der »kleine Mann zu blechen hat«. Der Urheber ist politisch jedoch eher auf der anderen Seite zu finden. »Ich bin sicher kein Linker. Und ich fand es zuerst unglaublich, dass diese es sofort für sich reklamiert haben«, sagt Kerschhofer im Gespräch mit der »Presse«. Für ihn sei es nun aber eine »Genugtuung«, dass sein Gedicht – wenn auch unter falscher Urheberschaft – so große Berühmtheit erlangt hat.

Aber schon zu Zeiten Tucholskys waren lechts und rinks bisweilen zu velwechsern. Ein Leser der Westdeutschen Zeitung geht die Debatte daher sehr unideologisch an und meint: »Na egal wer es geschrieben hat, ob linker Weltverbesserer oder rechte Ätzbacke, das Gedicht ist trotzdem gut.«

Letzterem kann die Berliner Morgenpost hingegen nicht zustimmen. In einer ausführlichen Analyse der angerichteten Verwirrung schreibt Hendrik Werner:

Als erdrückendes Indiz, das von Anfang an gegen eine Urheberschaft Tucholskys hätte sprechen müssen, kommt noch hinzu, dass seine Lyrik zeitlebens sehr viel sperriger war als das ihm jetzt angehängte Gedicht. So hingegen klingt ein echter Tucholsky: »Ihr, in Kellern und in Mansarden, / merkt ihr nicht, was mit euch gespielt wird? / mit wessen Schweiß der Gewinn erzielt wird? / Komme, was da kommen mag. / Es kommt der Tag, / da ruft der Arbeitspionier: / Ihr nicht. / Aber Wir. Wir.« Dies ist die Schlussstrophe eines Gedichts namens »Die freie Wirtschaft«, das unter dem Pseudonym Theobald Tiger am 4. März 1930 in der »Weltbühne« veröffentlich wurde. Auch diese Verse sind kämpferisch und kritisch. Aber sie sind, anders als der Fake »Höhere Finanzwirtschaft«, nicht von dieser monotonen Betulichkeit, die bei einem formal konventionelleren Dichter wie Erich Kästner weit eher anzutreffen ist. Nichts gegen behäbige Paarreim-Strophen; Tucholsky indes war in ästhetischen Dingen um einiges avancierter.

Warum Werner aber dauernd von »Fake«, »Lug und Trug« und »Fälschung« spricht, ist nicht ganz ersichtlich. Eine Fälschung liegt laut Wikipedia dann vor, »wenn einer eigenen Leistung die Urheberschaft eines Anderen unterstellt wird«. Diesen Vorwurf kann man Kerschhofer nicht machen. Und der Person, die die »Höhere Finanzmathematik« wohl erstmals mit Tucholsky in Verbindung brachte, ist wohl eher Schusseligkeit vorzuwerfen. Bei der weiteren Verbreitung des Fehlers gelten dieselben Mechanismen, die auch die Weiterleitung von Hoaxes befördern: eine gewisse Gutgläubigkeit und Unbedarftheit gepaart mit fehlendem Hintergrundwissen. So entgegnet Thomas Wendt, der das Gedicht auf der Website des SPD-Ortsvereins Rerik Salzhaff Kröpelin veröffentlicht hat, auf den Vorwurf der ungeprüften und unreflektieren Übernahme dieser »Ente«:

Ungeprüft, das mag sein. Ein gewisser Grad an Plausibilität ist gegeben und das darf in diesem Falle reichen. Ob Tucholsky oder nicht, ist für die Aussage egal. Aber der Vorwurf, hier wäre etwas unreflektiert übernommen worden trifft auf keinen Fall zu. Da scheint mir eher der Vorwurf selber unreflektiert zu sein. ;-)

Um diese höhere Form der Dialektik zu beherrschen, muss man wohl Jahrzehnte auf Parteischulungen verbracht haben.

Vielleicht sollte man inzwischen dazu übergehen, wie es die Börsen-Zeitung gemacht hat, statt der Kerschhofer’schen Finanzmathematik den »Kurzen Abriß der Nationalökonomie« von Kaspar Hauser abzudrucken. Das ist immer noch unterhaltsamer, zutreffender und aktueller als alles, was sich beispielsweise Frank Schirrmacher im Feuilleton der FAZ zur Finanzkrise zusammenschreibt.

1.9.2008

Ein Bilderbuch für Verpflichtete

Die Bibliophilie mancher Verleger treibt bisweilen bizarre Blüten. So hat der Berliner accurat verlag in der vergangenen Woche zu einer besonderen Buchpräsentation am 1. September eingeladen. Der Anfang des Schreibens sah ungefähr so aus:

1912 geschah:

1. Kurt Tucholskys Evergreen,
 
RHEINSBERG,
EIN BILDERBUCH
FÜR VERLIEBTE,

 
illustriert von Kurt Szfranski,
erscheint.

2008 geschieht:

1. Die reprintete Erstausgabe
von
Kurt Tucholskys
RHEINSBERG
placiert auf einem
SILBERTABLETT,
(noblesse oblige)
erscheint.

Als nächste Paralle wird dann die Eröffnung einer „Bücherbar“ auf dem Kurfürstendamm angekündigt, in der ebenso wie bei Tucholskys damaliger Werbeaktion die Neuausgabe des Rheinsberg-Büchleins festlich begangen werden soll. Hintergründe zu dem Neudruck sowie der Bücherbar wusste der Oranienburger Generalanzeiger schon zu berichten:

Darüber hinaus kultiviert der Berliner die einst von Kurt Tucholsky und Kurt Szafranski ins Leben gerufene „Bücherbar“ für einen Monat neu. In Berlin, Am Kurfürstendamm 41, können Interessierte über Gott, das Leben und die Welt sprechen, ganz wie zu Tucholskys Zeiten. Bis Ende September soll die „Bücherbar“ zum Politisieren anregen. Als Chef des Clubs auf Zeit konnte Heinicke Hans-Peter Marcuse gewinnen, welcher dem Clan um den Philosophen Ludwig Marcuse entstammt. Bardame wird übrigens Gerhart Hauptmanns Enkelin Birgit Hauptmann sein. Das Rheinsberg-Paket in seinen zwei Varianten kann auch im Berliner Club erworben werden.

In einem Zusatzzettel der Presseinladung bot sich Peter Marcuse an, „Ihnen weiß behandschuht, das auf dem Silbertablett befindliche Besprechungsexemplar in der BÜCHERBAR zu überreichen“. Wessen Adel zu diesem Brimborium verpflichtet, geht aus der Ankündigung nicht ganz hervor. Der erwiesenermaßen nicht blaublütige Tucholsky verwandte diesen Ausdruck ohnehin nur in Verballhornungen: Noblessoblisch, Snoblesse oblige oder Pleitesse oblige.
Der Verlag kann sich daraus das Passende aussuchen.

11.8.2008

Rücksichtsloses Gebell

Der Anlass ist nicht ganz ersichtlich, aber die taz hat sich ein bisschen mit dem Medienkritiker Tucholsky beschäftigt. Daraus wird in Sabrina Ebitschs Artikel „Salat für Zeitungsleser“ jedoch gleich ein kläffender, Verzeihung yapping „media watch dog der ersten Stunde“. Ein Leser weist in einem Kommentar zu Recht darauf hin, dass dieser Anglizismus doch für den Hundehasser Tucholsky kein passender Titel sei, was wiederum Detlef Gürtler zum gegebenen Anlass nimmt, in seinem „Wortistik-Blog“ über sinnvolle Übersetzungen des Begriffs zu sinnieren. Warum der Ausdruck Medienkritiker dem selbst ernannten „word watch dog“ der Nation nicht gefällt, ist nicht ganz ersichtlich.

Nun aber zum eigentlichen Thema: Dass Tucholsky überhaupt den Kollegen ihre „Unsauberkeiten“ laut taz „genüsslich unter die Nase“ reiben konnte, lag auch an dem Medium, das ihm diese Kritik ermöglichte. In diesem Fall war das die Schau- und Weltbühne, die sich zu Anfang des 20. Jahrhunderts darüber hinwegsetzte, dass die Presse nicht über sich selbst schrieb. Dazu heißt es in dem kürzlich erschienenen Lesebuch zur Weltbühne im Kapitel Medienkritik:

Während es heutzutage selbstverständlich scheint, dass die überregionalen Zeitungen jeden Tag eine ganze Seite den Entwicklungen innerhalb der Medien widmen, war dies zu Beginn des 20. Jahrhunderts völlig anders. Das lag nicht nur daran, dass es die elektronischen Medien wie Fernsehen, Radio und Internet noch nicht gab. Bezeichnend für den damaligen Zustand ist eine Klage [Siegfried] Jacobsohns in einer „Antwort“ vom 30. September 1915: „Immer wieder wird mir vorgehalten, daß ich dem Stand nicht nütze, indem ich seine eigenen Angelegenheiten erörtere. Aber dem Stand kann nur diese öffentliche Erörterung nützen, die rücksichtsloseste am meisten.“ Indem sie gegen presseinterne Widerstände solche Themen aufgriff, trug die „Weltbühne“ dazu bei, eine journalistische Medienkritik zu etablieren. Sie befasste sich dabei mit grundsätzlichen Fragen von Theorie und Praxis der Medienproduktion und -rezeption. Ihre frühen Analysen besitzen zum Teil zeitlose Gültigkeit.

Oder, mit den Worten der taz: „Manches, was er [Tucholsky] schreibt, würde sich allerdings selbst heute auf den Medienseiten der Zeitungen nicht anachronistisch lesen.“

Powered by WordPress