23.4.2013

Tucholsky und das böse N-Wort

Der taz-Autor Deniz Yücel hat mal wieder Ärger. Diesmal geht es um eine Diskussion über Diskriminierung, Ästhetik und Sprache. Unter dem Titel »Meine Damen und Herren, liebe N-Wörter und Innen« moderierte Yücel auf einem taz-Kongress ein Gespräch mit der Publizistin Mely Kiyak, dem Titanic-Chefredakteur Leo Fischer und der Autorin Sharon Otoo. Dabei provozierte Yücel einige Zuhörer, nach seinen Angaben »vornehmlich studentische Aktivisten«, mit der Lektüre von Texten, die das inkriminierte N-Wort enthielten. Was kann schlimm daran sein, Sätze von Adorno, Martin Luther King oder Oswald Preußler vorzulesen?, dachte sich Yücel.

Damit er das nächste Mal seinen Fundus variieren kann, seien dem Tucholsky-Preisträger von 2011 hier einige Passagen aus dem Werk seines Preisnamensgebers genannt. Tucholsky benutzte die Begriffe Nigger und Neger damals ganz selbstverständlich, dutzendfach finden sie sich in seinem Werk. Typisch für seine Zeit sicher auch, dass die Begriffe meist als Chiffre für das Exotische, Primitive und Animalische des Menschen dienen. Muss man deswegen nun Tucholskys Texte schwärzen, ihn als Rassisten anprangern? Wie absurd die Debatte über die Begrifflichkeiten ist, zeigt eines der Beispiele aus dem Jahr 1921. Darin beklagt sich Tucholsky, dass man in Deutschland nicht mehr das Wort Neger verwenden dürfe, um nicht an die »Schwarze Schmach« zu erinnern. Was sollte man stattdessen sagen, um nicht die Rassisten und Nationalisten gegen sich aufzubringen? Tucholsky weicht auf Nigger aus.

Hier nun eine fast wahllose Zusammenstellung von Zitaten aus Texten und Briefen Tucholsky, in denen sich die N-Wörter befinden.

(CW (Content Warning): schlimme Witze und Klischees)

Der Papagei, tu., Vorwärts, 1.6.1913:

Aber dafür glotzen ihn die biedern Deutschen auf der Straße an, und worüber sie bei einem Negerhäuptling grinsen, darüber strahlen sie bei dem General: die Ausstattung ist es, die den Mann macht.

Das Organ der Variétéwelt. Jubiläumsschrift, Peter Panter, Oktober 1918:

Einem guten Varietéprogramm fehlt nicht nur die Würze ohne die Engländer und Nigger und Romanen – es fehlt ihm sein eigentlicher Inhalt. (…) Aber daß der lange Nigger, der mit seinen riesigen Beinen ein paar Male den Wintergarten zierte, das Infernalischste an geschlechtlicher Gier war – wie bleckte er die Zähne! – das weiß ich wohl.

Die neuen Troubadoure, Peter Panter, Weltbühne, 24.3.1921:

Caruso ist alt und fett, und inzwischen ist den Leuten ins Blut gegangen, was der Nigger sang. (Es ist sehr schwer, heute in Deutschland das Wort Neger in den Mund zu nehmen, ohne daß einem die Leute mit dem Ausruf »Schwarze Schmach« über den Mund fahren. Aber die schwarze Schmach scheint mir, soweit sie besteht, viel mehr eine französische zu sein, und vergewaltigende Abessinier desavouieren nicht den Rhythmus von Nigger-Songs.)

Brief an Mary Gerold vom 8.6.1924:

Beispiel: sehr sinnliche Frauen, die keinen Erfolg haben, begehren fast nie plump Männer, sondern sammeln mit einer impetuosen Wut: Teetassen – oder bekehren Negerkinder – oder sind rabiate Okkultistinnen und so fort. Haben sie einen Mann, der sie befriedigt, fällt das alles fort. Die sexuelle Gier hat sich auf andere Gebiete geworfen, weil sie sich ihrer schämen – sie haben sie verdrängt, ohne sie je auslöschen zu können. (»Ist alles nicht wahr.« Doch.)

Affenkäfig, Peter Panter, Weltbühne, 16.10.1924:

In dem Riesenkäfig wohnten früher die Menschenaffen aus Gibraltar. Große, dunkle und haarige Burschen, größer als Menschen – mit riesigen alten Negergesichtern.

Spaziergang, Peter Panter, Weltbühne, 28.4.1925

Jetzt will ich mich wieder nach Hause schleichen. Hoffentlich ist der Besuch inzwischen eingegangen, so Gott will. So etwas ist nicht sehr lustig. Die Leute marschieren immer wieder zu Prunier und immer wieder in die Revuen, und wenns die Frau nicht hört, fragt mich der Mann nach einigen Adressen. Und ich weiß doch keine. Aber ich kann mich nicht länger blamieren, und daher folge hier eine
Liste:
32 rue Blondel: Nackte Mädchenbedienung.
186 rue Rondelet: Erzbischöfe, Neger und Minderjährige.
4 Boulevard Marbeau: Frau mit Lama (»Tier oder Tibetaner?« Stelle anheim).
Und, etwas völlig Perverses:
18 rue Donizetti: Ein revolutionärer Sozialdemokrat.
Aber dies Unternehmen sollen sie ausgehoben haben.

Am Telephon, Ignaz Wrobel, Weltbühne, 22.9.1931:

Und wie verständigen sich die Direktoren der Staatsverbände, die ja trotz allen Geschreis nur einen großen Klub bilden? Sie verständigen sich untereinander in einer Art, gegen die die Trommelpost der Neger eine höchst moderne und hervorragende Sache ist.

Sudelbuch, Eintrag Nr. 457

Neger treibt einen Kult, wenn er vögelt. Er trompetete dabei wie ein Elefant. Er kommt von weit her. Es war wie ein Gewitter.

Brief an Rudolf Leonhard vom 27.12.1929:

Das ist aber nichts gegen den Neger, der aus dem Bade stieg – durch die Badehose sah man so ein Ding. »He!« sagte ein evangelischer Pastor, der dieses sah, »schämen Sie sich nicht!« – »Na, na …«, brummte der Neger. »Immer mit der Ruhe. Wenn Sie zwei Stunden im kalten Wasser schwimmen, schrumpft er Ihnen auch ein -!«

«He!«, sagte eine Feminist_in, die trotz der CW weitergelesen hatte, »schämen Sie sich nicht!« – »Na, na …«, brummte Tucholsky. »Ist doch nur ein Witz. Wer schwimmt schon zwei Stunden im kalten Wasser.«

3.2.2013

»Sprache ist eine Waffe« – Neuer Tucholsky-Tagungsband erschienen

Kurt Tucholsky war sich der Bedeutung der Sprache für seinen Erfolg wohl bewusst: »Ich bin ein Schriftsteller und wie ich meins sage, ist oft besser als das, was ich sage«, schrieb er im November 1935 an seine Schweizer Freundin Hedwig Müller. Er war ein leidenschaftlicher Sprachkritiker und -beobachter. Denn die Sprache war Tucholskys wichtigstes Werkzeug, ja seine Waffe. So lautet denn auch der Titel einer Tagung der Kurt Tucholsky-Gesellschaft, die in einem soeben erschienenen Band dokumentiert ist.

Darin untersucht der Krimi-Autor Jan Eik unter anderem, wann und wie Tucholsky Gebrauch vom berüchtigten Berliner Dialekt machte. Der Journalist Paul-Josef Raue beschreibt, wie sich die Sprache der Presse von der Weimarer Republik bis heute entwickelte. In welcher Situation sich die Lyrik zu Beginn des 20. Jahrhunderts befand, wird von dem Literaturwissenschaftler Dieter Mayer analysiert. Der Germanistik Walter Fähnders beleuchtet, wie Tucholsky auf die neuen Formen der Lyrik einging. Zudem betrachtet der Germanist Sven Hanuschek gemeinsame literarische Vorgänger zwischen Tucholsky und dem Dramatiker Heinar Kipphardt sowie ähnliche Techniken beider Schriftsteller. Neben einem Forschungsbericht von Alexandra Bracht dokumentiert der Band zudem noch die Verleihung des Tucholsky-Preises 2011 an den taz-Journalisten Deniz Yücel für dessen WM-2010-Kolumne Vuvuzela.

Aus dem Inhalt:
Vorwort
Kurt Tucholsky: Mir fehlt ein Wort

Analysen
Sven Hanuschek: Der Schnitt durch den Käse – Literarische Sprache und politische Wirklichkeit
Dieter Mayer: Tod der Lyrik? Anmerkungen zur Lyrik-Diskussion in der Weimarer Republik
Walter Fähnders: Tucholskys Lyrik – Ästhetisches Programm und politische Rhetorik
Jan Eik: Tucholskys Gebrauch von Berliner Dialekt
Paul-Josef Raue: Wandel der deutschen Journalistensprache von Tucholskys Zeiten bis heute

Forschungsbericht
Alexandra Brach: Kurt Tucholskys Sprache im Diskurs seines Werkes – Ausführung und erste Ergebnisse des Dissertationsvorhabens

Verleihung des Kurt Tucholsky-Preises 2011
Ian King: Begrüßung
Jan Feddersen: Laudatio auf Tucholsky-Preisträger Deniz Yücel
Deniz Yücel: Dankesrede, Ausgewählte Vuvuzela-Kolumnen

Titel und Bestellung:
Greis, Friedhelm; King, Ian (Hg.): Tucholsky und die Sprache – Dokumentation der Tagung 2011 »Sprache ist eine Waffe«. Schriftenreihe der Kurt Tucholsky-Gesellschaft, Band 6. St. Ingbert 2012, Röhrig-Universitätsverlag. St. Ingbert 2010, 187 S., 24 Euro, ISBN 978-3-86110-502-2

Hier zur Bestellseite.

17.9.2012

Extrakt der Gesamtausgabe

Eine neue Biografie über Kurt Tucholsky? Was könnte darin stehen, was nicht schon bei Michael Hepp oder Helga Bemmann über den Mann mit den 5 PS erwähnt wurde? Seit dem Erscheinen der beiden Biografien Anfang der 90er Jahre sind kaum nennenswerte Texte und Fakten aufgetaucht, die ein neues Licht auf Tucholskys Leben und Werk werfen könnten. Der Publizist und frühere Kulturchef der Wochenzeitung Die Woche, Rolf Hosfeld, hat sich dennoch getraut, das Leben Tucholskys neu zu beschreiben.

Um es vorweg zu sagen: Hosfelds im März im Siedler-Verlag erschienene Biografie ist kein schlechtes Buch. Kenntnisreich und unterhaltsam werden darin die wichtigsten Stationen in Tucholskys Leben präsentiert, ausführlich kommt der Journalist, Schriftsteller und Briefe-Schreiber selbst zu Wort. Daneben versucht Hosfeld, Tucholskys Denken und Handeln in die gesellschaftliche und politische Situation seiner Zeit einzuordnen. Laut Verlagsprospekt erzählt Hosfeld »atmosphärisch dicht« das »kurze, intensive Leben Tucholskys und entwirft dabei ein anschauliches Panorama seiner Zeit und seines Werks«. Was durchaus zutrifft.

Hilfreich war für diese Aufgabe sicher ein Instrument, über das Hepp und Bemmann noch nicht verfügten: die kommentierte Gesamtausgabe von Tucholskys Texten und Briefen, die seit Mitte 2011 vollständig vorliegt. Stellenweise liest sich die Biografie wie ein Exzerpt dieser 22 Bände mit ihren 21.000 Seiten, verwoben mit biografischen Details und zeitgeschichtlichen Erläuterungen. Zugegeben, das ist eine hohe Kunst, aus der Fülle von Tucholskys Texten und Briefen auf rund 275 Seiten dessen Leben zu destillieren und ein Zeitpanorama zu schildern. Aber wird daraus auch eine Biografie?

»Geldgierig? Opportunist? Drückeberger? Antisemit?«: Diesen Fragen, die Hepp noch in seiner Tucholsky-Biografie zu klären versuchte, stellt sich Hosfeld leider nicht. Was Tucholsky letztlich antrieb, warum der »Erotomane« trotz ungezählter Liebschaften keine wirkliche Nähe ertragen konnte, warum es für ihn bis zuletzt so wichtig war, zu den bestbezahlten Journalisten der Weimarer Republik gehört zu haben und seinen aufwendigen Lebensstil zu finanzieren, – das alles bleibt bei Hosfeld im Ungefähren. Man vergleiche einmal Carl Zuckmayers autobiografischen Schilderungen aus Krieg, Weimarer Zeit und Exil: Welch große Differenzen zu Charakter und Lebensumständen treten da zu Tucholsky auf, auch wenn sich beide in einem ähnlichen Umfeld bewegten, beide großen Erfolg hatten und im Exil alles verloren. »Der Grund, zu kämpfen, die Brücke, das innere Glied, die raison d’être fehlt«, schrieb Tucholsky in seinem Abschiedsbrief an Mary. Worin dieser Grund vorher gelegen haben könnte, fragt sich Hosfeld nicht. Er kennt den Intellektuellen Tucholsky hervorragend, an den Menschen wagt er sich hingegen kaum heran. Natürlich bleibt viel Raum für Spekulation, wenn man im Nachhinein dem Charakter eines Menschen psychologisch auf den Grund gehen will. Aber dieser Raum sollte in einer Biografie dennoch nicht gänzlich leer gelassen werden. Hosfelds Buch liest sich gut, das Leben Tucholskys schnurrt an einem vorüber. Aber wichtige Themen werden leider nicht vertieft. Selbst die rätselhaften Umstände seines Todes werden nur knapp gestreift.

So erfährt der Leser statt dessen, dass der Begriff D-Zug ursprünglich einen neuen Waggontypus bezeichnete, »der die Vorteile des amerikanischen Großraumwagens mit der gewohnten europäischen Abteilordnung zu verbinden wusste« (S. 1). Oder dass der deutsche General August von Mackensen nach Ende des Ersten Weltkrieges »von marokkanischen Reitern der Franzosen festgesetzt und unter komfortablen Bedingungen auf Schloss Futak interniert« wurde (S. 83). Ähnlich verhält es sich mit manch biografischem Detail. »Er [Tucholsky] besucht in Berlin natürlich seine Lieblingsbuchhandlung«, erwähnt er auf Seite 233. Warum das wichtig sein soll, bleibt allerdings unklar. Ebenfalls scheint Hosfeld sich mit Tucholskys wichtigsten Lebensorten vertraut gemacht und sie auch besucht zu haben. So heißt es über die erste Station von Tucholskys Kriegseinsatz im Jahr 1915: »Zielort ist Suwalki in Nordostpolen, der rote Ziegelbau eines Provinzbahnhofs, der heute noch genauso aussieht wie damals.« Durch diesen Hinweis erfährt der Leser aber nicht mehr, als dass sich da einer wirklich Mühe gemacht hat.

Was stellenweise jedoch stört, ist Hosfelds Umgang mit Tucholskys Aussagen. Um eine Person indirekt zu zitieren, kennt die deutsche Sprache den Konjunktiv. Hosfeld leider nicht. Natürlich ist es nicht schön, das halbe Buch im Konjunktiv schreiben zu müssen, wenn so viele Aussagen der dargestellten Personen darin wiedergegeben werden. Aber leider bleibt dadurch unklar, was Hosfelds eigener Auffassung entspricht und was er von Tucholsky übernommen hat. Beispielsweise auf S. 185:

Wenige Monate später kommt er noch einmal auf Joyce zurück. Ja, der innere Monolog von über hundert Seiten ist schon beeindruckend. Auch und vor allem tiefenpsychologisch. Joyce hat eine Tür aufgestoßen, die allerdings nach Freud nur noch angelehnt war. Ein außergewöhnliches und merkwürdiges Buch. Doch literarisch? »Liebigs Fleischextrakt. Man kann es nicht essen. Aber es werden noch viele Suppen damit zubereitet werden.«

Auch wenn es grammatisch anders erscheint: Nicht nur das Zitat, die gesamte Passage gibt Tucholskys Auffassung über Joyce wieder. Als Faustregel gilt: Wenn eine Fußnote folgt, stammen die Äußerungen von Tucholsky. Und es gibt in dem Buch knapp 1000 davon: ein Extrakt der Gesamtausgabe.

Hosfelds Tucholsky-Biografie füllt damit leider nicht die Lücken, die es in einer biografischen Darstellung Tucholskys noch geben könnte. Vermutlich müsste es dazu wesentlich dicker sein. Es steht zwar nichts Falsches drin – von zwei Bildbeschreibungen abgesehen (Otto Reutter wird als Düsseldorfer und Rheinländer beschrieben und ein Foto Ossietzkys vom »Soldaten sind Mörder«-Prozess soll den Weltbühne-Prozess illustrieren). Aber einen Grund, sich das Buch anstelle von Hepps Standardwerk anzuschaffen, liefert er auch nicht. Ohne eine »topographisch-biografische Empathie hinterlässt Hosfelds Buch mehr Fragen als Antworten«, urteilte die Süddeutsche Zeitung über das Werk und schlug vor, »sich wieder einmal ausführlich dem Original zu widmen«. Dem kann man sich nur anschließen.

Rolf Hosfeld: Tucholsky. Ein deutsches Leben, München, Siedler-Verlag 2012, 320 Seiten, ISBN: 978-3-88680-974-5, 21,99 Euro

22.2.2012

»Wo Tucholsky unrecht hatte«

… schrieb die Süddeutsche Zeitung heute provokant als Titel über einen ihrer Artikel. Worum geht’s? Sind Soldaten doch keine Mörder? Die Sozialdemokraten doch eine Arbeiterpartei? Die Deutschen doch zu einer richtigen Revolution fähig? Weit gefehlt. In dem Text würdigt Wolfgang Koydl den im Alter von 81 Jahren gestorbenen SZ-Auslandskorrespondenten Carl E. Buchalla. Darin heißt es:

Kurt Tucholsky unterstellte Auslandskorrespondenten einmal, dass sie fremde Nationen »nicht erkennen, sondern durchschauen«, sie gleichsam auf frischer Tat ertappen wollten. Doch Tucholsky hatte nie eine Reportage von buc. gelesen. Carl Buchalla erkannte seine Pappenheimer und er kannte sie gut – die Serben und die Saudis, die Albaner und die Ägypter.

Nun hat Tucholsky sich in der Tat mehrfach kritisch über die Arbeit deutscher Auslandskorrespondenten geäußert. Am ausführlichsten in den Texten »Auslandskorrespondenten« oder »Auslandsberichte«. Koydls Zitat bezieht sich aber wohl auf Tucholskys kurze Bemerkung in der Aphorismensammlung »So verschieden ist es im menschlichen Leben!« von 1931:

Es gibt Auslandskorrespondenten, die wollen die fremden Völker, zu denen man sie geschickt hat, nicht erkennen. Sie wollen sie durchschauen.

Hm. Was sich bei Koydl wie nach einer pauschalen Korrespondentenschelte anhört, klingt im Original längst nicht so verallgemeinernd. Im Gegenteil. Insofern hätte Tucholsky in Buchalla, wenn er ihn je hätte lesen können, vermutlich nicht die rühmliche Ausnahme unter seinen Journalisten-Kollegen gesehen. Womit er am Ende natürlich doch nicht unrecht hatte.

6.9.2011

Joachim Bergmann †

Er war im positiven Sinne ein Besessener, wenn es um die Weltbühne ging. Dem Erbe Jacobsohns, Tucholskys und Ossietzkys galt sein Leben. Es ist vielleicht nicht übertrieben, zu behaupten, dass er mit seinem Leben dafür bezahlt hat. Joachim Bergmann ist am 22. August im Alter von 62 Jahren gestorben. Seine ganze Energie hat er in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten dem Versuch gewidmet, die Geschichte und Texte der Schau- und Weltbühne aufzuarbeiten und für die Nachwelt zu erhalten. Es bleibt zu hoffen, dass dieser Wunsch noch in seinem Sinne erfüllt wird.

Das Interesse für die kleinen roten Hefte aus der Kaiserzeit und der Weimarer Republik wurde schon zu DDR-Zeiten bei ihm geweckt. Damals begann er damit, jeden der 22.600 Artikel und mehr als 2.000 Autoren auf Karteikarten zu katalogisieren. Das erste Ergebnis dieser Sammelwut war der Registerband, den er nach der Wende, 1991, im Saur-Verlag veröffentlichte. Unentbehrlich ist diese Hilfe, wenn man nach Beiträgen von einzelnen Autoren in den 29 Jahrgängen der Zeitschrift sucht.

Doch damit wollte sich Bergmann nicht begnügen. Sein Traum war zuletzt, alle Artikel auch elektronisch zu erfassen und zugänglich zu machen. Mit beachtlichen Fördermitteln stellte er ein Digitalisierungsprojekt auf die Beine. In seinem Büro in der Eichendorffstraße in Berlin-Mitte hatte der Verein »Das Blättchen« seinen Sitz. Auf der Internetseite erläuterte er das Ziel des 2002 gegründeten Vereins:

  • Den hohen zeitgeschichtlichen Wert der Zeitschrift Die Schaubühne/Die Weltbühne in Form von Registern oder anderen medialen Möglichkeiten transparent zu machen.
  • Die publizistische Kompetenz und die Persönlichkeit Siegfried Jacobsohns in das Bewußtsein der deutschen und internationalen Öffentlichkeit zurückzubringen.
  • Den großen Stellenwert der jüdischen, deutschen Publizistik darzustellen.
  • Wichtige Aufarbeitungen zur Antisemitismusforschung vorzunehmen.
  • Vergessene Namen in unser Bewußtsein zurückzuholen.

Das sind fürwahr hehre Ziele. Aber es ist gut möglich, dass Bergmann die Komplexität dieses Vorhabens unterschätzte. Es mussten nicht nur gut 45.000 Seiten, davon viele in Frakturschrift, digitalisiert werden. Auch galt es, die Urheberrechte zu klären, was bei mehreren tausend Autoren einer Sysiphos-Arbeit glich. Aber selbst damit gab sich Bergmann nicht zufrieden. Zu allen erwähnten Personen, Büchern, Theaterstücken wollte er Hintergrundmaterial liefern. Und alles sollte in einer Datenbank miteinander verknüpft werden.

Das fertige Ergebnis dieser unermüdlichen Anstrengungen hat er nicht mehr erleben dürfen. Immerhin ist der Reprint der Weltbühne von 1978 nun auf 3 DVDs verteilt digital zu erwerben. Der zweite Teil des Projektes, der Texterkennung und umfangreiche Register umfasst, harrt noch der Fertigstellung. Nicht nur im Sinne Bergmanns sollte es noch realisiert werden, sondern zum Nutzen aller, die an dem Erbe Jacobsohns, Tucholskys und Ossietzkys interessiert sind.

Am 23. September wird die Asche Joachim Bergmanns auf dem Südwestfriedhof in Stahnsdorf beigesetzt. Selbstverständlich in der Nähe von Jacobsohns Grab. Ein Leben für die Weltbühne, lautet der Titel einer Biographie über S.J. Das lässt mit gleichem Recht auch von Bergmann behaupten.

13.8.2011

Gesamtausgabe komplett – Bände 15 und 22 erschienen

Es fing 1996 mit einem Briefband und Texten aus dem Jahr 1920 an. Nun ist das Werk komplett. Mit dem Erscheinen des Registers und des Jahrgangsbandes 1932/1933 inklusive der unveröffentlichten Texte ist die 22-bändige Tucholsky-Gesamtausgabe vollständig erschienen. Eine gewaltige Anstrengung liegt hinter den Herausgebern und den Mitarbeitern der Tucholsky-Forschungsstelle an der Universität Oldenburg, die auf 21.124 Seiten das Œuvre Tucholskys gesichtet, kritisch aufgearbeitet und ausführlich kommentiert haben.

Getrübt wird der Abschluss des Werks leider dadurch, dass von den anfänglich vier Herausgebern nur Prof. Gerhard Kraiker diesen Moment noch erleben durfte. Die Mitherausgeber Antje Bonitz, Michael Hepp und Dirk Grathoff sind in den vergangenen elf Jahren gestorben. Antje Bonitz hat vor ihrem Tod im vergangenen noch Band 15 fertiggestellt, der mit über 1500 Seiten auch der umfangreichste der ganzen Reihe ist.

Für die Tucholsky-Forschung ist der Wert der Bände kaum zu überschätzen. Wer sich kritisch und intensiv mit den Texten und Briefen auseinandersetzen will, kommt um eine Lektüre der Bände und vor allem der Kommentare kaum herum. Kaum eine Frage oder ein Stichwort (zu Ausnahmen siehe hier) bleiben unerklärt. Zusammenhänge, auch biographischer Natur, werden ausführlich erläutert.

Vorbildlich auch wieder der nun erschienene Band 15: Tucholskys handschriftliche Notizen, darunter das berühmte Sudelbuch, sind als Faksimile abgebildet und parallel dazu transkribiert. Ebenfalls enthält der Band das bislang unveröffentlichte und unverfilmte Manuskript »Seifenblasen«, eine Szenenskizze über einen weiblichen Damenimitator. Auch das Theaterstück »Christoph Kolumbus« ist enthalten. Neben den wenigen, 1932 und 1933 veröffentlichten Tucholsky-Texten gibt Band 15 noch nachgelassene Texte, Couplets, Cabaretszenen und Kompositionen sowie Nachträge von Briefen und Texten wieder, die bei Herausgabe früherer Bände nicht bekannt waren.

Der 1300 Seiten umfassende Registerband besteht vor allem aus einem Personen- und Werkregister sowie einem Sachregister. Hinzu kommen noch Verzeichnisse über Publikationsorgane, rezensierte Bücher, besprochene Theaterstücke und Filme, sowie weitere Register.

Finanziert haben die Gesamtausgabe die Deutsche Forschungsgemeinschaft, der Rowohlt Verlag und die Tucholsky-Stiftung. Wobei Fritz J. Raddatz als Stiftungsvorsitzender des öfteren kritisiert hat, dass ihm die Ausgabe zu umfangreich geraten war. Ein finanzieller Erfolg waren die Bände für den Verlag sicherlich nicht. Dies hat auch dazu beigetragen, dass der ursprüngliche Editionsplan mit zwei bis drei Bänden pro Jahr nicht eingehalten werden konnte. Es war geplant, den letzten Band im Jahr 2003 vorzulegen. Nun sind es acht Jahre mehr geworden.

Seit dem Erscheinen des ersten Bandes vor 15 Jahren hat sich zudem die Art und Weise der Rezeption derartiger Ausgaben stark verändert. Man ist es fast gewohnt, die Werke der wichtigsten Autoren digital vorliegen zu haben. Kaum eine Privatperson wird es sich zudem leisten können, die 22 Bände komplett ins Regal zu stellen. Die beiden letzten Bände sind mit jeweils 80 Euro schon recht teuer. Es ist schon oft vorgeschlagen worden, die Gesamtausgabe als CD zu brennen. Dies würde die Recherche nach Textstellen und Zitaten wesentlich erleichtern. Damit könnte die verdienstvolle Arbeit aller Herausgeber einem wesentlich breiteren Publikum zugutekommen. Auf Anfrage teilte der Rowohlt Verlag allerdings mit, »derzeit« keine digitale Version zu planen. Vermutlich müssen dazu noch weitere 15 Jahre ins Land gehen.

11.8.2011

Schloß Gripsholm und das Rätsel des Polysandrions

Es ist 80 Jahre her, dass Tucholsky seine Sommergeschichte Schloß Gripsholm veröffentlichte. Seine Leser führte er darin in mancher Hinsicht an der Nase herum. Der Briefwechsel mit Verleger Rowohlt? Glatt erfunden. Übernachtung im Schloss? Dichterische Freiheit. Und seine Prinzessin, die Sekretärin Lydia? Die gebe es »nun aber gar nicht«, schrieb Tucholsky einst an einen Leser und schob seufzend hinterher: »Ja, es ist sehr schade.« Eine Episode jedoch, die der reinen Fantasie des Autors entsprungen zu sein schien, ist aber viel realer als jahrzehntelang geglaubt. Auf der Fahrt nach Schweden machten die Prinzessin und Tucholsky alias Daddy Station in Kopenhagen, wo er plötzlich einen Einfall hatte:

»Lydia!« rief ich, »Lydia! Beinah hätt ich es vergessen! Wir müssen uns das Polysandrion ansehn!« – »Das … was?« – »Das Polysandrion! Das mußt du sehn. Komm mit.« Es war ein langer Spaziergang, denn dieses kleine Museum lag weit draußen vor der Stadt.
»Was ist das?« fragte die Prinzessin.
»Du wirst ja sehn«, sagte ich.

Es ist schwer zu sagen, wie viele der Millionen Gripsholm-Leser sich in Kopenhagen schon auf die Spur des Polysandrions begeben haben. Fündig geworden ist dort niemand. Selbst im Kommentar der Gesamtausgabe, Band 14, heißt es nur lapidar: »Dazu nichts ermittelt.« Dabei hat Tucholsky selbst schon einige Andeutungen gemacht, was es mit Haus auf sich hat und wo das merkwürdige Gebäude zu finden sein sollte.

»Da haben sich zwei Balten ein Haus gebaut. Und der eine, Polysander von Kuckers zu Tiesenhausen, ein baltischer Baron, vermeint, malen zu können. Das kann er aber nicht.« – »Und deshalb gehn wir soweit?« – »Nein, deshalb nicht. Er kann also nicht malen, malt aber doch – und zwar malt er immerzu dasselbe, seine Jugendträume: Jünglinge … und vor allem Schmetterlinge.« – »Ja, darf er denn das?« fragte die Prinzessin. »Frag ihn … er wird da sein. Wenn er sich nicht zeigt, dann erklärt uns sein Freund die ganze Historie. Denn erklärt muß sie werden. Es ist wundervoll.« – »Ist es denn wenigstens unanständig?« – »Führte ich dich dann hin, mein schwarzes Glück?«

Da stand die kleine Villa – sie war nicht schön und paßte auch gar nicht in den Norden; man hätte sie viel eher im Süden, in Oberitalien oder dortherum vermutet … Wir traten ein.

»Oberitalien« ist schon ganz gut. Aber »dortherum« passt noch besser. Denn das reale Vorbild der Lydia, Tucholskys Geliebte Lisa Matthias, besaß ein Ferienhaus im Schweizer Kanton Tessin. Mehrere Male hielten sich die beiden dort in Lugano auf. Zudem verbrachte Tucholsky im Sommer 1930 einige Wochen in Locarno und Brissago. Genug Gelegenheit, das wirkliche Polysandrion kennenzulernen. In Gripsholm beschreibt er es als ein künstlerisches Kuriosum:

Die Prinzessin machte große Kulleraugen, und ich sah das Polysandrion zum zweiten Mal.

Hier war ein Traum Wahrheit geworden – Gott behüte uns davor! Der brave Polysander hatte etwa vierzig Quadratkilometer teurer Leinwand voll gemalt, und da standen und ruhten nun die Jünglinge, da schwebten und tanzten sie, und es war immer derselbe, immer derselbe. Blaßrosa, blau und gelb; vorn waren die Jünglinge, und hinten war die Perspektive.

»Die Schmetterlinge!« rief Lydia und faßte meine Hand. »Ich flehe dich an«, sagte ich, »nicht so laut! Hinter uns kriecht die Aufwärterin herum, und die erzählt nachher alles dem Herrn Maler. Wir wollen ihm doch nicht weh tun.« Wirklich: die Schmetterlinge. Sie gaukelten in der gemalten Luft, sie hatten sich auf die runden Schultern der Jünglinge gesetzt, und während wir bisher geglaubt hatten, Schmetterlinge ruhten am liebsten auf Blüten, so erwies sich das nun als ein Irrtum: diese hier saßen den Jünglingen mit Vorliebe auf dem Popo. Es war sehr lyrisch.

»Nun bitte ich dich …«, sagte die Prinzessin. »Still!« sagte ich. »Der Freund!« Es erschien der Freund des Malers, ein ältlicher, sympathisch aussehender Mann; er war bravbürgerlich angezogen, doch schien es, als verachtete er die grauen Kleider unsres grauen Jahrhunderts, und der Anzug vergalt ihm das. Er sah aus wie ein Ephebe a.D. Murmelnd stellte er sich vor und begann zu erklären. Vor einem Jüngling, der stramm mit Schwert und Schmetterling dastand und die Rechte wie zum Gruß an sein Haupt gelegt hatte, sprach der Freund in schönstem baltischem Tonfall, singend und mit allen rollenden Rrrs: »Was Sie hier sehn, ist der völlich verjäistichte Militarrismus!« Ich wendete mich ab – vor Erschütterung. Und wir sahen tanzende Knaben, sie trugen Matrosenanzüge mit Klappkragen, und ihnen zu Häupten hing eine kleine Lampe mit Bommelfransen, solch eine, wie sie in den Korridoren hängen –: ein möbliertes Gefilde der Seligen. Hier war ein Paradies aufgeblüht, von dem so viele Seelenfreunde des Malers ein Eckchen in der Seele trugen; ob es nun die ungerechte Verfolgung war oder was immer: wenn sie schwärmten, dann schwärmten sie in sanftem Himmelblau, sozusagen blausa. Und taten sich sehr viel darauf zu gute. Und an einer Wand hing die Photographie des Künstlers aus seiner italienischen Zeit; er war nur mit Sandalen und einem Hoihotoho-Speer bekleidet. Man trug also Bauch in Capri.

»Da bleibt einem ja die Luft weg!« sagte die Prinzessin, als wir draußen waren. »Die sind doch keineswegs alle so …?« – »Nein, die Gattung darf man das nicht entgelten lassen. Das Haus ist ein stehen gebliebenes Plüschsofa aus den neunziger Jahren; keineswegs sind sie alle so. Der Mann hätte seine Schokoladenbildchen gradesogut mit kleinen Feen und Gnomen bevölkern können … Aber denk dir nur mal ein ganzes Museum mit solch realisierten Wunschträumen – das müßte schön sein!«
»Und dann ist es so … blutärmlich!« sagte die Prinzessin. »Na, jeder sein eigner Unterleib! Und daraufhin wollen wir wohl einen Schnaps trinken!« Das taten wir.

Um den Erhalt des »Polysandrions« kümmert sich unter anderem der Schweizer Kunsthistoriker Rolf Thalmann. Er machte die Tucholsky-Gesellschaft auf das Museum aufmerksam, – und um das Rätsel endlich aufzulösen – das eigentlich »Sanctuarium Artis Elisarion« heißt. Thalmann schreibt:

In Wirklichkeit stand dieses Gebäude in Minusio bei Locarno im schweizerischen Kanton Tessin, und Tucholsky hat es nach mindestens mündlicher Überlieferung zweimal besucht, bevor er es in seiner Sommergeschichte »würdigte«. Die Erbauer waren tatsächlich zwei Balten, Elisàr von Kupffer (1872–1942), von dem die Bilder stammten, und Eduard von Mayer (1873–1960).

Nach längerer Pause soll das »Centro d’arte Elisarion« neu belebt werden. Den Auftakt bildet diesen Herbst eine Ausstellung des fotografischen Nachlasses der beiden Besitzer, der mit Hilfe verschiedener Organisationen gesichert worden ist. Er dokumentiert gleichzeitig den ursprünglichen Zustand des 1926 eröffneten Hauses, in dem das bereits 1924 gemalte Rundbild »Klarwelt der Seligen« eingebaut wurde. Die Ausstellung wird am 16. September eröffnet.
Wer sich bereits vorher über das Vorbild des Polysandrions orientieren will, dem stehen zwei hervorragende Quellen zur Verfügung:
– ein Buch von Fabio Ricci: Ritter, Tod & Eros. Die Kunst Elisàr von Kupffers (1872-1942), Köln Weimar Wien (Böhlau) 2007
– die Website www.elisarion.ch

Nachdem nun geklärt ist, wo sich das ominöse Polysandrion befindet, stellen sich weitere Fragen: Warum hat Tucholsky dieses Gebäude so verfremdet? Und warum hat er die Beschreibung in Schloß Gripsholm verwertet und nicht in einem Text in der Weltbühne oder anderen Medien?

Eine Erklärung könnte sein: Tucholsky fand das Ganze künstlerisch genauso despektierlich, wie er es beschrieben hat. Aber er wollte die Maler und deren Homosexualität nicht bloßstellen und verschlüsselte daher ihre Identität. Dies wäre natürlich in einem Zeitschriftenbeitrag nicht so leicht möglich gewesen. Und seine zeitgenössischen Leser? Konnte Tucholsky erwarten, dass sie seine Anspielungen verstanden? Vermutlich nicht. In der Weltbühne werden Kupffer und sein Elisarion nie erwähnt, in der Vossischen Zeitung nur einmal. Dort hieß es am 7. März 1931 über ihn:

Elisarion sei ein streng logischer Kosmo-Lyriker, dessen Gedichte an die leidende Menschheit, dessen Schau des verklärten Seins, dessen Drama »Feuer im Osten«, dessen Lebenswerk »die Klarwelt der Seligen« uns neue Offenbarungen über die kosmischen Jahreszeiten des Menschentums bringen sollen, indem sie Kraft des Mannes mit Anmut des Weibes vereinigen.

Vermutlich verstanden wenige Eingeweihte, wer mit »Polysander von Kuckers zu Tiesenhausen« gemeint war. Die anderen irrten stunden- oder tagelang durch Kopenhagen auf der Suche nach einem Museum, das gar nicht in den Norden passte.

1.4.2011

Die Bibliothekssuche und ihre Wirkungen

Es ist nicht gerade eine Sensation, die das Oberlandesgericht Jena ganz knapp vor dem 1. April verkündete. Bei der Erfassung des historischen Bibliotheksbestandes stießen die Mitarbeiter auf eine Dissertation, die weniger wegen ihres wissenschaftlichen Wertes interessant ist. Die Vormerkung aus § 1179 BGB und ihre Wirkungen hatte Kurt Tucholsky zum Verfasser, und ihre Entstehungsgeschichte war nicht gerade ein Ruhmesblatt für den Mann mit den 5 PS und dem fehlenden Studienelan. Nun ist in Jena also ein weiteres Exemplar dieser Arbeit aufgetaucht.

Das Gericht freut sich über den »tollen Fund«. Von den Pflichtexemplaren, die Tucholsky damals drucken ließ, sind nur noch wenige erhalten:

Die in den Beständen der Historischen OLG-Bibliothek gefundene Dissertation des berühmten Publizisten und Schriftstellers ist eine echte Rarität. Sie ist in keiner anderen Thüringer Bibliothek nachgewiesen; auch nicht im Buchbestand der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Im Bereich des Gemeinsamen Bibliotheksverbundes (GBV), in dem neben den Bibliotheken Thüringens die Bibliotheken des Saarlandes, Niedersachsens, Berlins, Bremens, Hamburgs, Schleswig-Holsteins, Mecklenburg-Vorpommerns, Brandenburgs und Sachsen-Anhalts ihre Bestände erfassen, liegt die Dissertation nur in den Universitätsbibliotheken Göttingen, Hamburg und Osnabrück sowie in der Staatsbibliothek Berlin vor.

Hinzu kommen noch zwei Exemplare im Deutschen Literaturarchiv in Marbach, so das es zusammen nun sieben davon geben dürfte. Aber ganz gleich wie viele davon noch auftauchen: Lesbarer wird der Text dadurch nicht.

8.3.2011

Tucholsky spricht

Was mag Fritz J. Raddatz wohl dazu bewogen haben, nach der erschöpfenden Aufarbeitung des Themas »Tucholsky und die Frauen« durch Klaus Bellin noch eine eigene Betrachtung dazu vorzulegen? Hat Bellin vielleicht zu ausgewogen berichtet? Die Bedeutung von Mary Gerold für Tucholskys Leben nicht gebührend gewürdigt? Falsche Behauptungen aufgestellt? Gar nichts von alldem. Dennoch sah Raddatz sich bemüßigt, die »bewegende Geschichte« zwischen Tucholsky und seiner zweiten Ehefrau Mary Gerold noch einmal zu beleuchten. Dass sein kleines Büchlein Tucholsky. Eine biografische Momentaufnahme überhaupt die Lektüre lohnt, liegt daran, dass eine bislang kaum in Erscheinung getretene Autorin darin ausführlich zu Wort kommt: Mary Gerold.

Es ist nicht so, dass Marys Tagebücher und Briefe noch nicht für die Forschung ausgewertet wurden. Michael Hepp zitiert in seiner Tucholsky-Biographie daraus, auch Bellin wertet sie ausführlich aus. Raddatz, Herr des Geroldschen Privatnachlasses, macht es hingegen ganz einfach: Auf gut 50 Seiten druckt er Marys Tagebuchnotizen vom 11. November 1917 bis zum 24. April 1918 in langen Auszügen ab. Vom Sonntag der ersten Begegnung mit Tucholsky in Alt-Autz bis zum Mittwoch ihrer ersten längeren Trennung, als der angehende Feldpolizist nach Rumänien abkommandiert wurde.

Es ist anzunehmen, dass Mary Gerold der ausführlichen Wiedergabe dieser Tagebücher nie zugestimmt hätte. Sie war immer darauf bedacht, ganz hinter Tucholsky zurückzutreten. Was Raddatz dazu bewogen hat, nach der Veröffentlichung seiner eigenen Tagebücher nun auch die seiner langjährigen Vertrauten zu publizieren, lässt er im Unklaren. Zu ihren Lebzeiten kostete es ihn noch viel Überzeugungsarbeit, die Freigabe für Tucholskys an sie gerichtete Briefe zu erhalten. Nun kann Raddatz selbst als Vorsitzender der Tucholsky-Stiftung über ihren Nachlass verfügen. Und entschied sich mehr als 20 Jahre nach Mary Gerolds Tod für die Publikation.

Trotz aller Bedenken sind die Aufzeichnungen zweifellos interessant. Mary gibt fast stenografisch die Dialoge wieder, in denen die beiden Verliebten um ihre Beziehung rangen. Tucholsky, bislang nur durch seine Texte und Briefe zu erfahren, tritt nun als Sprecher auf. »Wir werden bei der Lektüre der Tagebuchaufzeichnungen zu einer Art Theaterpublikum«, bemerkt Raddatz. In der Tat: Wir hören den werbenden Tucholsky, der unermüdlich auf die nicht minder entflammte Mary einredet, die sich jedoch aus ihr selbst kaum verständlichen Gründen abweisend gibt. Der bereits 28 Jahre alte, sich welterfahren und abgeklärt gebende Tucholsky lässt hingegen nicht nach, wendet sämtliche Eroberungskünste an, um doch noch bei der gerade 19 Jahre alt gewordenen Baltin zu landen. Das gelingt ihm schließlich. Doch der Romanze auf dem »östlichen Kriegsschauplatz« ist kein Happy End bestimmt. Mary glaubt nach einigen Monaten noch immer, dass Tucholskys Karriere ohne sie besser vorankommt. Und lässt ihn scheinbar leichten Herzens, aber am Ende dennoch tieftraurig ziehen.

Bewegend, wie sie die letzten Tage ihrer gemeinsamen Zeit in Alt-Autz schildert (Tucholsky spricht Mary auch mit Er an):

Freitag, 19. April 1918

Es ist 11 Uhr vormittags. Da kommt er plötzlich herein. Steht da, sagt kein Wort …

»Ich möchte dich bitten, dich Sonnabend und Sonntag mir ganz zu widmen.« –

»Warum?« –

»Du weißt schon!«

Ich sah ihn an – und wußte es …

»Ich war eben bei Hartmann, auf 4, nein 5 Tage habe ich es aufgeschoben …«

Er ging. Ich zitterte. Doch ich beherrschte mich, biß die Zähne zusammen, schluckte die Tränen herunter. Keiner soll wissen, wie es in mir ausschaut – keiner. Mögen sie mich für kalt, herzlos halten, alles, alles, was sie wollen, was geht mich das an? Es ist leichter, sich in Schmerzensausbrüchen zu ergehen – als es zu verbeißen. Ich will nicht bemitleidet werden, ich will nicht, daß man mich zu trösten versucht, mich behandelt wie eine Kranke – nur das nicht! Ich werde lachen, wenn mein Ich auch zu einer Grimasse verzerrt wird. Keiner soll es wissen. – Keiner.

Ich danke dir, was du mir gabst, was du aus mir gemacht. Es soll nicht sein. – Gut. –

Zeit, lindere meinen Schmerz, gib mir Kraft und meine Ruhe wieder! Er holte mich mittags zum Spaziergang ab.

»Was hat Er nur? Er ist so still, so dumm?«

»Gar nichts! – Was soll ich haben?«

»Er ist so fremd, sechs Meter weit.«

Es fing an zu regnen, wir flüchteten in eine Scheune. Nach einer Weile klärte es sich wieder auf, wir gingen weiter, trafen M. zu Pferde, sprachen ein paar Worte mit ihm. »Jetzt ist der Matz wieder da!« – Und wir gingen und er erging sich in Nachahmungen meiner Gutturallaute. Plötzlich: »Jetzt gehe ich zum Kardinalpunkt über: wird Er mir schreiben?« – »Nein!« – »Was?« – er blieb stehen, »willst du mir das nicht näher erklären?« – »Wozu?« – »Das wußte ich, daß das kommen würde – wozu? – weil mir das ein Herzensbedürfnis ist – darf ich Ihm auch nicht schreiben?«

Ich schüttelte den Kopf. Wir waren beide aufgeregt.

»Warum nicht? Also Dienstag darf ich dir noch die Hand streicheln, darf dich küssen – und Donnerstag kennen wir uns nicht mehr? – Ja was war denn das zwischen uns? Eine nette kleine Abwechslung? Ich kann auch so, doch du bist mir zu wertvoll dazu. Ein Spiel, das man morgen vergessen hat?«

Ich gehe – ich will später wiederkommen. Unschlüssig, ob den Weg zur Kirche oder den nach Hause zu nehmen, gehe ich schließlich nach Hause. Ich gehe langsam. Da höre ich plötzlich wieder seine Stimme. Er kommt mir nach. »Guten Abend, wohin gehst du?«

»Nach Hause.«

»Und wolltest nicht mehr zurückkommen?«

»Ja, ich wollte zurückkommen!«

Ich ging ins Heim, er wartete, und dann machten wir eine Runde und gingen zu ihm. Er sah mich an. Ich sah zur untergehenden Sonne. »Nun, hast du es dir überlegt?« Ich antwortete nichts. »Meinst du, ich kann dich noch 64-mal fragen? – dadurch, daß du ablehnst zu schreiben, ziehst du die ganze Sache in den Dreck und überläßt es mir, meine Schlüsse zu ziehen, die ich mir ziehen muß. – Irgendjemand kannst du schreiben, mir nicht!«

»Ja … irgendjemand, ja.«

»Ja, findest du es nicht der Mühe wert zu schreiben?«

»Nein, das nicht …«

»Ja, also was soll es dann?« Wir waren angekommen. Ich ging durch die Hoftür hinein. Er sprach noch mit Lunk. Ich stand da, zog meine Jacke nicht aus. Er kam herein.

»Wirst du nicht so freundlich sein und ablegen?«

Ich zog meine Jacke aus – sah ihn nicht an und ging zum Ofen. Da packte er mich … »Warum quälst du uns beide, es ist schon schwer genug. Meinst du, daß ich dich aufwühlen würde mit meinen Briefen, ich werde das gar nicht schreiben, denn es würde mich auch zu sehr aufwühlen.« Erlösende Tränen rannen mir über die Wangen.

»Mätzchen, du wirst es noch sehr schwer haben durch deine übergroße Zurückhaltung.« Ich schluckte mit Mühe meine Tränen herunter. »Du frißt alles in dich hinein, damit der andere nur ja nichts davon merkt – davor braucht man sich doch nicht zu schämen – ich bin sicher, daß du mir nur den 20. Teil deiner Empfindungen gezeigt hast. – Mätzchen, wirst du schreiben?« Ich küßte ihn.

Wir saßen auf dem Sofa, die Tränen rannen mir über die Wangen. »Mätzchen, Liebe kann aufhören, aber Freundschaft nicht, so wie sie bei uns ist – es gibt Frauen, die vergißt man total – und solche, bei denen man noch nach Jahren ein dumpfes Gefühl hat. Mätzchen, wenn ich dich nach Jahren wiedersehe, wie du dich auch verändert haben solltest, ich werde dich doch wiedererkennen, und wenn ich ein 90-jähriger Greis bin, so werde ich doch immer wissen, wie lieb ich dich gehabt. – Du Affe … Du wirst noch Männer nach mir lieben, und sie werden dich lieben, es ist möglich, daß sie dich verstehen werden – aber Mätzchen, einmal haben ein Mann und eine Frau lückenlos zueinandergepaßt – und das kommt so selten, so überaus selten vor. Mätzchen, wenn du mir schon nicht treu bleiben wirst, bleib dir treu …« Ich hatte ihn rasend lieb. »Du hast einen Mann für eine Zeit für Frauen unbrauchbar gemacht – Herrgott, eine Brust, das hat eine jede – aber es singt nicht.« Wir saßen still nebeneinander – es war eine beseligende Stille.

Die ausführlichen Zitate sollen Raddatz‘ Grundthese belegen, dass »die Begegnung mit Mary, die Beziehung zu ihr, für Kurt Tucholsky von so ganz und gar einmaliger, existentieller Bedeutung war«. Dass diese Liebe dennoch scheiterte, habe daran gelegen, dass Tucholsky als Partnerin einen Mann wollte, der nachts eine Frau ist: tagsüber ein wohlmeinender Ratgeber und Kamerad, nachts die heißblütige Geliebte. Mary Gerold sei für ihn leider nicht die nächtliche Geliebte, sondern nur die Kampfgefährtin gewesen. »Einzig mit ihr«, behauptet Raddatz, »hat er über seine Arbeit gesprochen, sie ganz einbezogen in seine Textproduktion.« Das trifft nun sicher nicht zu. Marys »Nachfolgerin«, die Berliner Journalistin Lisa Matthias, berichtet ausführlich in ihren Lebenserinnerungen Ich war Tucholskys Lottchen über Gespräche, die sich um Gedichte, Artikel und Bücher aus seiner Produktion drehten. Immerhin adelt Raddatz diese Beziehung, die er vorher stets ausblendete, in seinem neuen Buch als »ernsthafte Liaison«. Die vielleicht größte Sensation des Buches. Auch hat er Briefe von Lisa Matthias ausgewertet, die bislang nach seinen Angaben noch nicht veröffentlicht wurden. In denen wird Matthias recht deutlich:

[…] er wundert sich nun und brüllt und schimpft, dass ich nicht heiterste Miene zu all dem mache und dass ich kaltschnäuzig ziemlich eindeutige Gemeinheiten sage und dass ich keine Lust zum vögeln habe. Die Sache ist doch die. Ich bin nicht ausgehungert genug um nur des Vögelns wegen Freude an dem Betrieb zu haben

Noch im Jahr 1931 habe sie an Tucholskys Freund Karlchen geschrieben:

Ich will nicht seinen Zusammenbruch – ich sehe ihn […] Er ist und bleibt verhurt.

Dann ist das Buch im Grunde auch schon zu Ende. Im Mittelteil gibt es noch eine längere Abhandlung über Tucholskys Streit mit Karl Kraus. Raddatz verweist zuvor darauf, dass Mary Gerold zu diesem Streit eine eigene Mappe angelegt habe. Was dies mit der Beziehung zwischen Mary und Tucholsky zu tun hat, erschließt sich jedoch nicht.

Auch an anderen Stellen merkt man, dass man es mit einem echten Raddatz zu tun hat. So stirbt Siegfried Jacobsohn bei ihm am 9. Dezember 1926, anstatt am 3. Dezember. Ebenso verweigert Schweden Tucholsky die Einbürgerung (die er nie beantragt hat). Dann, als Höhepunkt, nimmt Tucholsky bei Raddatz seine tödliche Überdosis Schlafmittel am 19. Dezember 1935 und stirbt zwei Tage später im Krankenhaus. Eine falsche Behauptung, die schon 1986 als solche entlarvt wurde (Tucholsky nahm die Überdosis in der Nacht zum 21. und starb am selben Tag). Dass Raddatz auf dem Buchumschlag als »bester Kenner« Tucholskys ausgewiesen wird, darf ohnehin nur deshalb ungestraft behauptet werden, weil Michael Hepp und Antje Bonitz leider schon gestorben sind. Aber diese hatten sicher auch keinen von Tucholsky an Mary geschenkten Marmoraschbecher auf ihrem Schreibtisch stehen.


Fritz J. Raddatz: Tucholsky. Eine biografische Momentaufnahme, Herder-Verlag, Freiburg 2010, 144 S. 12,95 Euro

24.2.2011

Plagiate und Doktortitel

Für Tucholsky hatte das Thema Plagiate eine besondere Bedeutung. War doch die Gründung der Schaubühne, wie sein Leib- und Magenblatt Die Weltbühne bis 1918 hieß, das Resultat einer Plagiatsaffäre gewesen. Sein späterer Mentor Siegfried Jacobsohn hatte als junger Theaterkritiker in der Welt am Montag mehrere Texte veröffentlicht, die Passagen aus früheren Artikeln des Kritikers Alfred Gold enthielten. Am 12. November 1904 hatte das Berliner Tageblatt unter der Überschrift »Ein psychologisches Rätsel« auf die Parallelen aufmerksam gemacht. Jacobsohn selbst versuchte die Übereinstimmungen damit zu erklären, dass sich die »Worte, Bilder, Sätze und ganze Satzfolgen« fremder Autoren eingeprägt hätten, als er für sein Buch Das Theater der Reichshauptstadt recherchiert habe. Das habe ihm dann häufig unmöglich gemacht, »einen eigenen Ausdruck für meinen Eindruck« zu finden. Sein gutes Gedächtnis habe ihm somit einen Streich gespielt, auch in Folge von Überarbeitung.

Doch die Erklärungsversuche verfingen nicht. Die Welt am Montag konnte ihren damals 23 Jahre alten Kritiker nicht mehr halten. Jacobsohn verließ Mitte Dezember 1904 Berlin und kehrte fünf Monate später mit der festen Überzeugung zurück, eine eigene Theaterzeitschrift zu gründen.

Könnte das nicht ein Vorbild in ähnlichen Fällen sein? Einen Schnitt machen und neu anfangen? Tucholsky hat auf jeden Fall davon profitiert und fand in Jacobsohn von 1913 an genau den Redakteur, den er für sein Talent brauchte.

Und wie kam Tucholsky zu seinem Doktortitel? Dazu ist hier einiges nachzulesen. Für ihn war dieser Titel extrem wichtig, da er nicht einmal das erste juristische Staatsexamen ablegen wollte. Ohne die Promotion, unter großen Mühen geboren, hätte er überhaupt keinen Studienabschluss vorweisen können. Zwar hat er nur ein schwaches cum laude für seine Doktorarbeit bekommen, aber wenigstens durfte er seinen Titel bis zum Lebensende behalten.

PS.: Auch im aktuellen Plagiatsfall zieht der Ertappte Konsequenzen. Es bleibt zu hoffen, dass die Abkürzung KT nun wieder ausschließlich einem wirklichen Dr. iur. zukommt. Und mit KTG sollte in Zukunft wieder ausschließlich die Kurt Tucholsky-Gesellschaft gemeint sein.

PPS.: Das Urheberrecht für folgendes Zitat liegt übrigens bei Tucholsky:

Das einzige an der Doktorarbeit, was von mir ist, ist die ehrenwörtliche Versicherung, daß sie von mir ist.

Das notierte er einst in seinem Sudelbuch.

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