11.11.2005

Daneben geschossen

Durchaus pazifistische Töne klingen in der Betrachtung an, die der „Gießener Anzeiger“ dem Ende des Ersten Weltkrieges am 11. November 1918 widmet. Da werden die Frontsoldaten mit dem „bitterbösen Spruch“ zitiert, man könne „dem Eisernen Kreuz nur durch das Massengrab entgehen“. Da wird kritisch angemerkt, dass Tucholskys „in den Landesfarben angestrichener Herrgott“ den Truppen hüben wie drüben hätte beistehen müssen.

Aber die ganze friedliche und auf Völkerverständigung angelegte Stimmung macht ein kleiner, fast schon „Hohl-Spiegel“-verdächtiger Tippfehler im letzten Satz wieder kaputt:

Franzosen und Belgier haben heute einen Feiertag. Ob sie aus diesem Anlass auch Grund zum Feuern haben, das steht auf einem anderen Blatt . . .

7.11.2005

Zehn Jahre „Soldaten“-Urteil

Viele Zeitungen erwähnten heute in ihren „Kalenderblättern“ die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 7. November 1995, wonach die Äußerung „Soldaten sind Mörder“ nicht strafbar sei, wenn sie als allgemeine Kritik am Kriegshandwerk verstanden werde. Damit zeigte die bundesdeutsche Justiz für den berühmten Satz Tucholskys ebenso viel Verständnis wie ein Berliner Gericht im Jahre 1932.

20.10.2005

Namensknigge

Es ist noch gar nicht so lange her, dass sich die „Frankfurter Rundschau“ nicht gerade als Tucholsky-Expertin outete . Knapp zwei Wochen später legt sie in einem Text von Harry Nutt über den 100. Geburtstag der „Weltbühne“ noch einmal nach. Zunächst ist natürlich löblich, dass sich die „Rundschau“ überhaupt noch des Jubiläums erinnerte. Und zwar bevor die Rheinsberger „Weltbühne“-Ausstellung, die sich Nutt recht intensiv angesehen hat, in wenigen Wochen wieder geschlossen wird. Schade daher, dass er bei den vier Pseudonymen Tucholskys gleich zweimal deren Schreibweise verhaut:

So erfolgte 1918 konsequenterweise die Umbenennung der Schaubühne in Die Weltbühne, zu deren prägenden Autoren längst Kurt Tucholsky gehörte, der hier mal als Ignatz Wrobel , Peter Panther, Theobald Tiger, Kaspar Hauser oder eben Kurt Tucholsky in Lyrik und Prosa auftrat.

Die Fehler sind umso rätselhafter, da doch Ignaz Wrobel und Peter Panter auf dem abgebildeten „Weltbühne“-Umschlag recht deutlich als Autoren zu erkennen sind. Allerdings animiert die extreme Violett-Tönung der Abbildung nicht unbedingt dazu, sich deren Inhalt genauer anzuschauen.

Zitatenknigge

Die „FAZ“ hat sich ein paar Online-Ratgeber angeschaut, die dem Reisenden das angemessene Verhalten im Ausland beibringen möchten. Dass die Deutschen solche Winke überhaupt nötig hatten, wird in „www.reiseknigge“ mit einem Zitat Tucholskys begründet:

Das handtuchwerfende, buffetraffende Pöbelmonster ist eine gesellschaftliche Randerscheinung, und deswegen hat Tucholsky zwar gut spotten, aber nicht recht, wenn er schreibt: „Als deutscher Tourist im Ausland steht man vor der Frage, ob man sich anständig benehmen muß oder ob schon deutsche Touristen dagewesen sind.“

Als Journalist steht man dagegen häufig vor der Frage, ob ein Zitat tatsächlich von einem bestimmten Autoren stammt oder ob es diesem nur auf beliebig vielen Internetseiten zugeschrieben wird. Der Zitatenknigge empfiehlt wohl: Im Zweifel entscheide man sich für das Internet und gegen das Werk.

Man könnte aber auch auf der Tucholsky-Seite von Wikiquote unter der Rubrik „Fälschlich zugeschrieben“ nachschauen, ob das Zitat dort nicht als „fälschlich zugeschrieben“ aufgeführt ist. Und dann entscheide man sich für das Internet und für das Werk.

13.10.2005

Immer dasselbe Lied

Warum mag die „Welt“ in ihrem heutigen Echolot Tucholskys „Lied vom Kompromiß“ zitiert haben? Ist etwa die Revolution ausgebrochen? Schließlich heißt es in dem Gedicht:

Seit November tanzt man Menuettchen,
wo man schlagen, brennen, stürzen sollt.
Heiter liegt der Bürger in dem Bettchen,
die Regierung säuselt gar zu hold.

Aber nein, ganz so schlimm ist es nun doch wieder nicht. Denn die zitierte erste Strophe lautet ganz harmlos:

Freundlich schaun die Schwarzen und die Roten,
die sich früher feindlich oft bedrohten.
Jeder wartet, wer zuerst es wagt,
bis der eine zu dem andern sagt:
»Schließen wir nen kleinen Kompromiß!
Davon hat man keine Kümmernis.(…)

Und dieses Lied hätte man in den vergangenen Jahren fast jeden Tag singen können.

7.10.2005

Und es geht doch

Es war in jenen goldenen Jahren, als sich die Bundesregierung vom Rhein an die Spree begab, um fürderhin Deutschland noch besser zu regieren. Zeitgleich mit den Berlin-Seiten renommierter Zeitungen startete in der neuen Hauptstadt ein Restaurant, das mit Namen und Stil sogar an die legendären zwanziger Jahre anknüpfen wollte. Im August 1999 also öffnete die „Weltbühne“ erstmals ihre Türen, – um sie zwei Jahre später für immer zu schließen. Allerdings nicht ohne zuvor von David Wagner auf den „Berliner Seiten“ der FAZ, die ein Jahr später ebenfalls eingestellt wurden, als das leerste Lokal Berlins beschrieben worden zu sein. Wer nun glaubt, der Name Weltbühne sei für gastronomische Experimente für alle Zeit verbrannt, der hat diesen Artikel aus dem „Hamburger Abendblatt“ vermutlich noch nicht gelesen.

20.9.2005

An der schönen Moselanerin

Sowohl bei der „Netzeitung“ als auch bei „Spiegel Online“ fand sich am Wochenende eine wortgleiche Reisereportage über die weinselige Mosel. Eingeleitet wurde der Text mit einem Zitat Tucholskys:

„Wir soffen uns langsam den Fluss hinunter“, notierte Kurt Tucholsky 1930 auf seiner Moselreise von Trier nach Koblenz. Angesichts der Fülle von Weingütern ist das wahrlich nicht schwer.

Davon abgesehen, dass sich Tucholsky und seine Freunde Jakopp und Karlchen den Fluss hinab, und nicht hinunter gesoffen haben, fand die feucht-fröhliche Moselreise bereits im Oktober 1929 statt. Im Gegensatz zu seiner berühmten Spessart-Wanderung hat Tucholsky über diese Reise nicht in einem größeren Feuilletonstück berichtet. Statt dessen verband er einen Bericht über die Fahrt mit einer wüsten Beschimpfung des Denkmals am Deutschen Eck, die in der Frage gipfelte, wann eine Regierung „einen solchen gefrorenen Mist“ endlich abkarren würde.

Weit weniger politisch war dagegen Tucholsky zweiter Reisetext. Darin bewunderte er die Schönheit einer Moselmaid:

Die Kellnerin nannten wir die ‚Tochter der Legion‘, und sie hieß Marietta. Sie war so schön, daß mir, als ich sie an diesem Nachmittag zum ersten Male sah, die Pfeife ausging; das geschieht alle Jahr nur dreimal: diesmal also in den „Drei Königen“ zu Bernkastel – so schön war sie.
Peter Panter: „Fräulein Marietta“, in: Vossische Zeitung, 19.6.1930

Nachtrag 25.9.2005: Der Reisetext über die Mosel kam vielen Medien offenbar sehr gelegen. Er erschien am 24.9. im „Darmstädter Echo“, der „Thüringischen Landeszeitung“, der „Thüringer Allgemeine“ und der „Ostthüringer Zeitung“. Und der Herbst ist noch nicht vorbei.

19.9.2005

Stretching auf dem Rummelplatz

Wenn irgendwo im Lande Wahlen vor der Tür stehen, wird in den Medien selten darauf verzichtet, aus Tucholskys bekanntester Wahlkampfglosse zu zitieren. Der „ältere, aber leicht besoffene Herr“ torkelt dann wieder durch die Kommentare und gibt sein klassisches Statement zum besten, wonach Wahlen der „Rummelplatz des kleinen Mannes“ seien.

Insofern ist es endlich einmal konsequent, dass ein Journalist sich selbst auf eine solche Tour begibt. Dies wird zumindest in einem Text bei „Spiegel Online“ angekündigt:

Jede Zeit hat ihre Zeugen. Bei Tucholsky war es ein „älterer, leicht besoffener Herr“, der laut über Politik nachdachte. Für uns war Dimitri, ein Einwanderer aus Russland, in der letzten Phase des Wahlkampfs unterwegs. Henryk M. Broder hat ihn exklusiv begleitet.

Im Gegensatz zum literarischen Vorbild ist Broders Zeitzeuge ist somit ein Mensch aus Fleisch und Blut. Außerdem hat er keinen „selbständjen Jemieseladn“, sondern ist stolzer Besitzer einer sieben Meter langen Stretchlimousine. Letztere verschafft Dimitri und seinem Chronisten problemlos Zugang zum Backstage-Bereich der Macht, worin sich leider die Pointe des gesamten Artikels erschöpft. Damit die Leser dennoch was zu schmunzeln haben, hat „Spiegel Online“ geschickterweise das Original Tucholskys beigefügt.

11.9.2005

Recycleberg

Die „Süddeutsche Zeitung“ hat den 100. Geburtstag der „Weltbühne“ nicht ganz vergessen und liefert in ihrer Wochenendbeilage eine ganzseitige Reportage über Rheinsberg nach. Der Autor des Textes ist Wiglaf Droste, und er fügt darin seine gesammelten Weisheiten über Tucholsky, Rheinsberg und die „Weltbühne“ zusammen. Was bereits hier, oder da, oder auch dort zu lesen war. Drostes diesbezügliche Erkenntnisse lassen sich in drei Sätzen zusammenfassen:

  1. Else Weil war eine viel emanzipiertere Frau als Claudia Roth.
  2. „Tucholsky war ein scharfer Gänger.“
  3. „Politik in Deutschland heißt Durchsetzung wirtschaftlicher Zwecke mit Hilfe der Gesetzgebung.“

Für seine nächste Selbstgeißelung möge sich Droste schon vormerken:

  1. Alfred Kerr hat in der „Weltbühne“ keinen einzigen Artikel veröffentlicht.
  2. Die DDR-„Weltbühne“ existierte nicht bis 1990, sondern bis 1993.

6.9.2005

Geschminkte Hintern

Ludwig Stiegler ist allgemein dafür bekannt, dass er vor deftigen, bisweilen deplazierten Vergleichen nicht zurückschreckt. Gebildet scheint er ebenfalls zu sein, der Vizevorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion. Hat er doch dem Sozialexperten Bert Rürup einmal eine Ejaculatio praecox vorgehalten und US-Präsident George W. Bush vorgeworfen, er benehme sich „als sei er der Princeps Caesar Augustus und Deutschland die Provincia Germania“. Dass Stiegler Tucholsky-Zitate kennt, war daher nicht anders zu erwarten. So steht im aktuellen „Spiegel“ denn auch zu lesen (laut Vorabmeldung):

Merkels Konzepte erinnerten ihn an ein Zitat von Kurt Tucholsky. Stiegler: „Man kann den Hintern schminken, wie man will, es wird kein ordentliches Gesicht daraus.“

Dieses Zitat findet sich in der Tat in einem Tucholsky-Text. Im dritten Kapitel von „Schloß Gripsholm“:

„Hast du das gesehn, Karlchen“, sagte ich; „der Alten haben sich richtig die Haare gesträubt! Ich habe so etwas noch nie gesehn …“ – „Man kann den Hintern schminken, wie man will“, sagte Karlchen, „es wird kein ordentliches Gesicht daraus. Die Frau …“ – „Still!“ sagte die Prinzessin.

Aber ob das Zitat deswegen auch von Tucholsky stammt? Stiegler scheint es so gut zu gefallen, dass er in den vergangenen Jahren regelrecht hausieren damit gegangen ist. Und meistens gab er einen anderen Urheber an:

Es ist eine einzige Maskerade für den Sozialabbau, den die CSU betreiben will. Aber mit Georg Christoph Lichtenberg kann man dazu nur sagen: „Man kann den Hintern schminken, wie man will, es wird nie ein ordentliches Gesicht daraus.“

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