4.9.2009

Titelgeschichten

Das einzige an der Doktorarbeit, was von mir ist, ist die ehrenwörtliche Versicherung, daß sie von mir ist.

Notiz Kurt Tucholskys in seinem Sudelbuch

Es kommt einem Treppenwitz der Geschichte gleich, dass der Spiegel in einem Artikel über die Titelschwemme an deutschen Universitäten ausgerechnet Tucholsky als Kronzeugen bemüht. »Der Titel erspart dem Titelträger jede Tüchtigkeit«, zitierte das Blatt – der Dokumentation sei dank – fast korrekt den Dr. iur. in dem Artikel »Die Doktor-Macher«.

In der Tat schrieb Tucholsky bereits im Mai 1920:

Die Titelsucht ist heute in Deutschland genau so groß und so gefährlich, wie sie es im Mittelalter gewesen ist. Der Titel erstickt jeden Widerspruch und erspart dem Titelträger jede Tüchtigkeit. Er steckt sich hinter den Titel, und das Übrige besorgt dann schon die Dummheit derer, die den Titel anstaunen und ihn um des Titels willen, den sie nicht haben, aber gern hätten, beneiden.
»Titel«, in: Die Weltbühne, 17.5.1920, S. 637

Damit bezog sich Tucholsky jedoch weniger auf akademische Grade, sondern eher auf antiquierte Berufsbezeichnungen, die er mit »Bergwerkassessorensubstitute« und »Generalsupernumerarpraktikanten« persiflierte.

Hingegen könnte er geradezu als Musterbeispiel für den Spiegel-Artikel dienen, in dem beklagt wird, dass es vielen Promovenden weniger um die wissenschaftliche Leistung, als um die zwei Buchstaben vor dem Nachnamen geht.

Denn dass Tucholsky überhaupt promovierte, war eher eine Notlösung. Anstatt nach dem Ende seines sechssemestrigen Studiums fleißig für das juristische Staatsexamen zu büffeln, trieb er lieber seine schriftstellerische und journalistische Karriere voran. Obwohl er am 15. März 1913 zum Examen zugelassen worden war, entschied er sich wenig später dazu, auf dieses Eintrittsbillet für eine juristische Laufbahn als Anwalt oder Richter zu verzichten. Um dennoch einen formellen Abschluss seines Studiums zu besitzen, beantragte er stattdessen eine direkte Promotion, – was je nach Promotionsordnung ohne größere Umstände möglich war. Doch die Anforderungen seiner Alma Mater, der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität (heute Humboldt-Universität), waren durchaus streng und zielten darauf ab, möglichst wenigen Studenten den Titel zu verleihen. So wich Tucholsky an die Universität Jena aus. Am 2. August 1913 reichte er dort seinen Antrag auf Zulassung zur Promotion ein. Die fertige Arbeit fügte er gleich bei, denn mit dem Thema aus dem Hypothekenrecht hatte er sich bereits bei der Vorbereitung auf die Referendarsarbeit beschäftigt.

In der Begründung für die Promotionsabsicht hielt er es mit der Wahrheit offenbar nicht so genau:

Gleichzeitig möchte ich noch bemerken, daß ich nach Vollendung meines Studiums ursprünglich beabsichtigte, die juristische Laufbahn einzuschlagen; ich meldete mich zur Ablegung der ersten juristischen Prüfung in Berlin und wurde am 15. März 1913 zugelassen.

Während ich mit der Abfassung der schriftlichen Arbeit beschäftigt war, wurde mir ein Angebot gemacht, in ein hiesiges Unternehmen – einen Zeitschriftenverlag – einzutreten. Ich glaubte, von diesem Anerbieten Gebrauch machen zu sollen und trat freiwillig, noch vor der Abgabe der schriftlichen Arbeit, von der Prüfung zurück.

Ich möchte meinen Studien nun einen Abschluß geben und bitte daher, mich zur Promotion zuzulassen.

Damit kann nur gemeint sein, dass Tucholsky seit Anfang 1913 als regelmäßiger Mitarbeiter der damaligen Schaubühne arbeiten konnte. Von einem Eintritt in den Verlag, wie er 1924 erfolgte, war damals aber noch nicht die Rede.

Tucholsky erhielt dennoch die Zulassung, musste sich aber einige Monate gedulden, bis die recht dünne Arbeit mit dem Titel »Die Vormerkung aus § 1179 BGB. und ihre Wirkungen« begutachtet wurde. Das Resultat war ernüchternd. Die Arbeit wurde am 21. Januar 1914 vom Dekan der juristischen Fakultät, Professor Heinrich Lehmann, zurückgewiesen. In der Begründung hieß es unter anderem:

Der Verfasser stellt die Lehre von der Vormerkung kurz in nicht immer einfacher und einwandfreier Sprache dar. Die Referate über die Literaturmeinungen entbehren zum Teil der Klarheit. Die Disposition ist nicht überall glücklich […]

Lehmann empfahl Tucholsky offenbar, zur Verbesserung seiner Chancen ein einsemestriges Studium in Jena zu absolvieren. Woraufhin Tucholsky ein weiteres Mal flunkerte und im Juni 1914 argumentierte:

Wie das beiliegende Zeugnis beweist, bin ich bei der Firma Haude & Spenersche Buchhandlung Max Paschke beschäftigt. Es ist mir nur mit Mühe gelungen, bei der Firma, die sich hauptsächlich mit juristischen und nationalökonomischen Verlagswerken befaßt, eine Stellung zu erlangen, und es ist mir daher nicht möglich, ein ganzes Semester von Berlin fortzubleiben. Ich würde mir dadurch meine Beziehungen sowie das Interesse meines Chefs zerstören.

In der Tucholsky-Gesamtausgabe (Band 2) heißt es dazu lapidar: »Über diese (angebliche) Stellung ist nichts bekannt.« Helga Bemmann bemerkt in ihrer Biographie Kurt Tucholsky dazu:

Ob er wirklich jemals in diesem Verlagsunternehmen tätig war, oder ob eine freie nur gelegentliche Mitarbeit bestand, muß offenbleiben.

Immerhin gelang es Tucholsky, mit einer überarbeiteten Fassung seiner Arbeit die Prüfer in Jena zufriedenzustellen. Wenngleich weitere Nachbesserungen verlangt wurden. In einem Gutachten vom Oktober 1914 hieß es dazu:

Der Verfasser hält jetzt bei seiner Darstellung ein gewisses Niveau und beurteilt die Gestaltung der Löschungsvormerkung von einem freieren, über den bloßen Konstruktionen stehenden Standpunkt aus. Das verleiht seiner Abhandlung Wert, wenn sie auch positive neue Ergebnisse nicht bringt.

Nachdem er seine mündliche Prüfung am 19. November 1914 bestanden hatte, wurde er im Februar 1915 mit cum laude zum Dr. iur. promoviert – und wenige Zeit später zum Kriegsdienst eingezogen.

Was mag Tucholsky aber dazu bewogen haben, offensichtlich recht lustlos über Hypothekenrecht zu promovieren? Als Jusitzkritiker hat er sich später völlig anderen Themen gewidmet. Im Kommentar der Gesamtausgabe heißt es dazu:

Einen Anstoß zur Bearbeitung eines sachenrechtlichen Themas könnte Kurt Tucholsky auch sein Studium bei Martin Wolff gegeben haben, der seit 1903 als Extraordinarius an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin lehrte (bis 1916) und der zu den hervorragendsten Kennern des Sachenrechts im 20. Jahrhundert zählt. Sein mit Theodor Kipp (auch er Lehrer Kurt Tucholskys in Berlin) und Ludwig Enneccerus verfasstes dreibändiges BGB-Lehrbuch gilt bis heute als Meilenstein.

Möglicherweise steckte hinter der Themenwahl auch sein juristischer Repetitor, der Wirtschaftsjurist und Steuerrechtler Martin F. Friedlaender. Dieser veröffentlichte beispielsweise 1915 die Abhandlung Das Kriegsnotrecht der Hausbesitzer. Handbuch der Schutzgesetze gegen säumige Mieter und für bedrängte Hypothekenschuldner. 1929 schrieb er zusammen mit einem anderen Autor ein ABC des Hypothekenrechts.

Über die Frage, ob Tucholsky bei der Abfassung der Arbeit die Hilfe eines Dritten in Anspruch genommen haben könnte, wird in seinen Biographien aber nur am Rande spekuliert. Bei Helga Bemmann heißt es dazu:

Onkel Max [Tucholski] mit seinen guten Beziehungen zu den Berliner Universitätsdozenten dürfte dabei dem Neffen durch Vermittlung nötiger Konsultationen hilfreich unter die Arme gegriffen haben.

Zumindest erfüllte Tucholsky damals bereits eine Forderung, die angesichts der aktuellen Diskussion wieder erhoben wird. Er gab eine eidesstattliche Versicherung ab, dass die Promotion »selbständig von mir ohne unerlaubte Hilfsmittel verfaßt worden ist«.

Ein »echter Tucholsky« ist der Text dennoch nicht geworden. Nach Ansicht des Literaturwissenschaftlers Ian King ist die Doktorarbeit Tucholskys »einziges langweiliges Werk«.

9.1.2009

Mit Schmus und Zitatenschatz (3)

In Zeiten, in denen Tucholsky ganze Gedichte fälschlich zugeschrieben werden, muss man schon froh sein, wenn gelegentlich nur ein falscher Aphorismus auftaucht. In diesem Fall handelt es sich um einen Spruch, mit dem man sich über allzu verständnisvolles Sozialpädagogentum oder eine als Toleranz maskierte Standpunktlosigkeit lustigzumachen pflegt. In einem Kommentar für den Wiesbadener Kurier und andere Medien schrieb Andreas Herholz:

Das Wahlvolk möchte Klarheit darüber haben, wofür die Parteien stehen und mit welchen Partnern sie ihre Programmatik und Politik umsetzen wollen. Wer nach allen Seiten offen ist, der kann nicht ganz dicht sein, urteilte schon Kurt Tucholsky.

Es ist jedoch beileibe nicht so, als stamme die falsche Zuschreibung dieses Zitates von Herholz selbst. Sie findet sich auf hunderten Internet-Seiten, und hat daher die Ehre, in die Sammlung der angeblichen Tucholsky-Zitate aufgenommen zu werden. Es wird sicherlich nicht die letzte Ergänzung gewesen sein.

29.12.2008

Nichts als Zitate

Es scheint inzwischen bei der Süddeutschen Zeitung einen redaktionsinternen Wettstreit zu geben, im Leitartikel möglichst ein Zitat von Tucholsky unterzubringen. Nach Kai Strittmatter zu Thailand und Ulrich Schäfer zur Post war nun Stefan Kornelius an der Reihe. In seinem Kommentar »Zu viel der Guten« zur Lage der Menschenrechte schrieb er am Schluss über die Rolle der Pazifisten:

Der Realist drängt, droht und schlägt zur Not auch zu. Er lockt, kauft und fördert. Der Realist sucht die Mitte zwischen dem Utopisten und dem Zyniker. Er würde zum Thema Krieg und Friedfertigkeit mit Kurt Tucholsky antworten, der 1935 im Schatten der Nationalsozialisten schrieb: Pazifist sein, das heiße ungefähr so viel wie gegen Pickel sein, damit heile man nicht. Heilen – im Maßstab der Welt mit all ihren Krankheiten ein utopisches Ziel.

Dieses Zitat ist nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig wiedergegeben. Es erweckt den Eindruck, als sei Tucholsky gegen Ende seines Lebens von seinen pazifistischen Positionen abgerückt. Dem war jedoch nicht so. In einer Beilage zu einem Brief vom 13. März 1935 an seine Freundin Hedwig Müller schrieb er:

Nichts als Pacifist zu sein – das ist ungefähr so, wie wenn ein Hautarzt sagt: «Ich bin gegen Pickel.» Damit heilt man nicht. Ich weiß Bescheid, denn ich habe diese Irrtümer hinter mir. […]

Will man aber den Krieg verhindern, dann muß man etwas tun, was alle diese nicht tun wollen: Man muß bezahlen.

Ein Ideal, für das man nicht bezahlt, kriegt man nicht.

Ein Ideal, für das ein Mann oder eine Frau nicht kämpfen wollen, stirbt – das ist ein Naturgesetz. Der Rest ist Familiäre Faschingsfeier im Odeon. […]

Ich habe einen Interventionskrieg stets für wahnsinnig gehalten, das wäre so, wie wenn man meine Mama, um sie zu ändern, ins Gefängnis sperren wollte. Was sollte dieser Krieg? Die boches sind boches – was nützt der Krieg? Aber:

Zwischen diesem Krieg und einer energischen und klaren Haltung aller Mächte Europas ist noch ein großer Unterschied.

Gut möglich, dass Tucholsky diese energische, aber nicht kriegerische Haltung heute in vielen Fällen wieder vermissen würde. Ob sie damals den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verhindert hätte, wird jedoch nicht mehr zu beantworten sein.

25.11.2008

Mit Schmus und Zitatenschatz (2)

Wenn es darum geht, in einen Kommentar ein böswilliges Zitat über die SPD einzuflechten, wird man bei Tucholsky schnell fündig. Das dachte sich wohl auch Manfred Bleskin vom Laufbandsender n-tv, der in seinem Beitrag »Der nibelunge nôt« über den drohenden Hinauswurf Wolfgang Clements sinnierte:

Im Prinzip müsste die siebenköpfige Schiedskommission der Bundes-SPD eine endgültige Entscheidung treffen. Doch wie heißt es schon bei Tucholsky: »Wat brauchste Prinzipien, wenn du eenen Apparat hast!«

Bei Tucholsky heißt es aber auch:

Bevor ich berlinere, überlege ich es mir dreimal, und zweimal tue ichs nicht.

Woraus folgen sollte: Bevor man Tucholskys Berlinisch zitiert, schaut man wenigstens einmal nach, ob es auch im Original so steht.

Denn in der Tat gibt es wenige Texte, in denen Tucholsky durchgehend berlinern lässt. Einer davon ist die bekannte Wahlkampfsatire »Ein älterer, aber leicht besoffner Herr«, von der einige Passagen geradezu sprichwörtlich geworden sind. Darunter auch die über die SPD:

Denn wak bei die Sozis. Na, also ick bin ja eijentlich, bei Licht besehn, ein alter, jeiebter Sosjaldemokrat. Sehn Se mah, mein Vata war aktiva Untroffssier … da liecht die Disseplin in de Familie. Ja. Ick rin in de Vasammlung. Lauta klassenbewußte Arbeita wahn da: Fräser un Maschinenschlosser un denn ooch der alte Schweißer, der Rudi Breitscheid. Der is so lang, der kann aus de Dachrinne saufn. Det hat er aba nich jetan – er hat eine Rede jehalten. Währenddem daß die Leute schliefen, sahr ick zu ein Pachteigenossn, ick sahre: »Jenosse«, sahre ick, »woso wählst du eijentlich SPD -?« Ick dachte, der Mann kippt mir vom Stuhl! »Donnerwetter«, sacht er, »nu wähl ick schon ssweiunsswanssich Jahre lang diese Pachtei«, sacht er, »aber warum det ick det dhue, det hak ma noch nie iebalecht! – Sieh mal«, sachte der, »ick bin in mein Bessirk ssweita Schriftfiehra, un uff unse Ssahlahmde is det imma so jemietlich; wir kenn nu schon die Kneipe, un det Bier is auch jut, un am erschten Mai, da machen wir denn ’n Ausfluch mit Kind und Kejel und den janzen Vaein … und denn ahms is Fackelssuch … es is alles so scheen einjeschaukelt«, sacht er. »Wat brauchst du Jrundsätze«, sacht er, »wenn dun Apparat hast!« Und da hat der Mann janz recht. Ick werde wahrscheinlich diese Pachtei wähln – es is so ein beruhjendes Jefiehl. Man tut wat for de Revolutzjon, aber man weeß janz jenau: mit diese Pachtei kommt se nich. Und das is sehr wichtig fier einen selbständjen Jemieseladen!

Kaspar Hauser: »Ein älterer, aber leicht besoff(e)ner Herr« in: Die Weltbühne, 9.9.1930, S. 405

18.11.2008

Mit Schmus und Zitatenschatz (1)

In der wöchentlichen Kolumne, die er zusammen mit Michael Jürgs im Hamburger Abendblatt füllt, hat sich Ex-Stoiber-Berater Michael Spreng in dieser Woche mit Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff befasst. Mit Blick auf Wulffs legendäres Stern-Interview, in dem er einen fehlenden Machtwillen einräumte, kommt Spreng zu dem Schluss:

Offenbar glaubte er dem Bibel-Wort, dass derjenige, der sich erniedrigt, erhöht werde. Das hat schon Kurt Tucholsky spöttisch kommentiert: der will erhöht werden.

Knapp daneben gesprungen.

Dabei war mit dem „Willen zur Macht“ die Brücke zum richtigen Stichwortgeber doch schon gebaut. Denn niemand anderes als Friedrich Nietzsche himself bemerkte in Menschliches, Allzumenschliches:

87

Lukas 18,14 verbessert. – Wer sich selbst erniedrigt, will erhöhet werden.

Tröstlich für Michael Spreng, dass Wulff auch nicht immer das Ziel trifft, wenn es um Tucholsky-Zitate geht.

12.11.2008

Großer Krieg mit unerwartetem Ausgang

Im Tucholsky-Museum in Rheinsberg ist derzeit eine Ausstellung zu sehen, die ein »kollektives Tagebuch französischer und deutscher Schriftsteller 1914-1918« abbildet. Die in den Medien viel beachtete Ausstellung ergibt nach Angaben der Ausstellungsmacher eine »Chronik jener Umbruchzeit, die das Ende des alten Europa markiert und heute als die eigentliche Zeitenwende im 20. Jahrhundert verstanden wird«.

Von den deutschen Schriftstellern gab es nur wenige, die im Sommer 1914 nicht von der Kriegsbegeisterung erfasst wurden. Der Tagesspiegel erinnert an Thomas Mann, Gerhart Hauptmann, Hugo von Hofmannsthal, die unter anderem die Frage stellten: »Muß man nicht dankbar sein, für das vollkommen Unerwartete, so große Dinge erleben zu dürfen?« (Mann). Das Deutschlandradio Kultur weist darauf hin, dass allein im August 1914 rund eineinhalb Millionen Kriegsgedichte geschrieben wurden (wer immer diese Gedichte gezählt haben mag). Aus diesem Grund lohnt es sich, hier zu dokumentieren, wie sich Tucholsksy in den ersten beiden Jahren zum Krieg geäußert hat:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Vielschreiber war komplett verstummt. Noch Ende Juli 1914 hatte er sich in den parodierten »Demonstranten-Briefen« über die wachsende Kriegsbegeisterung in Berlin lustig gemacht. Nach dem Ausbruch des Krieges hatte es ihm dagegen angesichts des Enthusiasmus am zu erwartenden Massentöten die Sprache verschlagen. Die Stimmung seiner Mitbürger war in den »Demonstranten-Briefen« offenbar zu gut getroffen:

»… Am Vorabend eines Krieges! Er wird, er muß kommen! Dafür werden wir schon sorgen. Gestern abend haben wir den Anfang gemacht – mit einer Demonstration! Es war glänzend! Entblößten Hauptes sind wir zwei und eine halbe Stunde in der Stadt herumgezogen und haben gelärmt wie Tollhäusler. Herrlich! Ich habe persönlich ein Hoch auf den Krieg ausgebracht, unmittelbar vor dem Kanzlerpalais. Ich hoffe, er hat es gehört. Er muß jetzt kommen, der Krieg. Du ahnst gar nicht, wie ich mich darauf freue. Ich höre schon den Donner der Kanonen von ferne in meinen Ohren; mein geistiges Auge sieht schon das Schlachtgewühl: Reiterattacke, die Säbel sausen, gespaltene Schädel, spritzendes Blut, quellende Eingeweide … Herrlich! Großartig! Welchem Patrioten schlägt das Herz nicht höher, wenn er sich vorstellt, wie Deutschland so einmal wieder kriegerischen Lorbeer pflückt. Ach, was gibt es Schöneres als den Krieg?! Faul und matt sind wir geworden durch den langen Frieden. Stickig und schwül ist die Luft. … Nun aber soll es kommen, das erlösende Gewitter, reinigend, beglückend. Gewiß, es wird Opfer fordern. Aber – süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben! … Wer wollte zögern, wenn die Stunde der Entscheidung schlägt? … Frisch auf, mein Volk, die Flammenzeichen rauchen! Vorwärts immer, rückwärts nimmer! Deutschland, Deutschland, über alles –!

Leb wohl, ich kann nicht mehr.

Dein begeisterter
Emil.
(Landsturm ohne Waffe.)«

Es ist auch nicht so, als habe Tucholsky erst 1931 das Töten im Krieg als Mord bezeichnet. Schon im Mai 1912, also 19 Jahre vor seinem berühmten Soldaten-sind-Mörder-Zitat, veröffentlichte er im Vorwärts den Dialog des lieben Gottes mit einem preußischen Militärpiloten, der den Höhenrekord eines französischen Fluglehrers hatte brechen wollen und dabei abgestürzt war.

Kleines Gespräch mit unerwartetem Ausgang

Der Herrgott saß auf Wolkenkissen
und sah sich seine Erde an.
Was braust herauf? – Sieh da, das is ’n
Wolkenkahn!

Ein Offizier grüßt freundlich lächelnd:
»Jestatten! Schwaben Nr. 4!«
(und die Propeller surren fächelnd) –
»Wir sind nu hier!«

»Was sagen Sie zu unserm Siege?
Wir brachen spielend den Rekord.
Wozu? – Wir brauchen das zum Kriege.« –
»Zum Krieg? – Zum Mord!«

»Erlauben Sie, Sie sind zu schwächlich …»
»Und wer gab Euch das viele Geld –?»
»Das Volk! das Volk war es hauptsächlich
vom Rhein zum Belt!« –

»Das Volk? – Habt ihr so krumme Nacken?
Ist denn bei euch das Volk so dumm?«
Hier lachte Gott aus vollen Backen.
Man kippte um.

Das heißt jedoch nicht, dass Tucholsky als Pazifist und Antimilitarist auf die Welt gekommen und zeitlebens diese Position beibehalten hätte. Gegen Ende des Ersten Weltkrieges spielte er sogar mit dem Gedanken, als Offizier bei der Feldpolizei Karriere zu machen. In einer Abhandlung über Tucholskys pazifistische Positionen zwischen 1912 und 1919 kommt Ian King daher zu dem Fazit:

Ein junger Mann sucht seinen Weg. Als Schriftsteller, als zum Kriegsdienst Eingezogener, als Journalist und als Friedenskämpfer. Tucholsky macht nicht auf Anhieb alles richtig, prüft verschiedene Facetten seines Talents, überlebt den Krieg in Kurland und Rumänien, verspricht sich, nachher die Wahrheit über seine Militärerfahrungen zu erzählen, hält trotz aller Anfechtungen und Gefahren Wort.

Ian King: »Der verhinderte Offizier. Der junge Tucholsky über Militär und Pazifismus«, in: Friedhelm Greis, Ian King (Hg.): Der Antimilitarist und Pazifist Tucholsky. Dokumentation der Tagung 2007 »Der Krieg ist aber unter allen Umständen tief unsittlich«. St. Ingbert 2008, S. 39-56, hier S. 53

9.11.2008

Erinnerung an eine Unvollendete

Um die Ursachen zu finden, an denen die Weimarer Republik schließlich scheiterte, muss man nach Ansicht Tucholskys in ihrer Entstehungszeit suchen. Auch wenn die Revolution im November 1918 in wenigen Tagen jahrhundertealte Herrscherhäuser vom Thron fegte, hatte sie den Titel offenbar nicht wirklich verdient. Über die Ereignisse vor 90 Jahren schrieb Tucholsky wenige Monate später, im März 1919, in seinem programmatischen Artikel »Wir Negativen«:

Wenn Revolution nur Zusammenbruch bedeutet, dann war es eine; aber man darf nicht erwarten, daß die Trümmer anders aussehen als das alte Gebäude.

Der große Fehler der ersten republikanischen Regierung habe darin bestanden, den neuen Staat auf eben diesen Trümmern des alten Kaiserreiches zu errichten: Justiz, Verwaltung, Militär. Vor allem den ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert machte Tucholsky für diese verhängnisvolle Entscheidung verantwortlich. Noch nach dessen Tod wetterte er:

Wer so wenig politisches Gefühl hat, um nicht zu sehen, daß es in diesem Moment das Äußerste an verbrecherischem Wahnsinn war, einen Staat, der grade an seinen Lastern zusammengebrochen war, mit eben diesen Lastern wiederaufzubauen, dem ist nicht zu helfen. Hinter Ebert standen wenige Tage lang Millionen von Arbeitern – er holte sich entlaufene Offiziere und baute mit denen etwas auf, was er die Ordnung nannte, und was die Arbeiter bald als Gefängnis erkannten. Hinter ihm standen wochenlang zahllose Studenten, Rechtsanwälte, selbst Beamte – er beließ die Richter und Landräte in ihren Stellungen und baute auf. Was dann begann, ist frisch in aller Erinnerung.

»Die Ebert-Legende«. in: Die Weltbühne, 12.1.1926, S. 52

Typische Formulierungen, mit denen Tucholsky auf die Revolution zurückblickte, lauteten:

Das war eine deutsche Revolution:
Eine mit Organisation,
eine mit Stempeln und Kompetenzen –
beileibe nicht mit wilden Tänzen
(1920)

Kriege sind über uns hereingebrochen, Volksbelustigungen, denen man in Deutschland den Namen »Revolution« anhängte, … (1925)

Aber es ist doch traurig zu sehen, wie wenig diese sogenannte Revolution eigentlich bewirkt hat. (1925)

Es ist ja dieser »Revolution« genannten deutschen Volkssehnsucht, Weihnachten 1918 wieder bei Muttern zu feiern, vorbehalten gewesen, einen staatsrechtlichen Umschwung mit »wohlerworbenen Rechten« einzuleiten. (1927)

Diese Revolution war keine. (1927)

Die deutsche Revolution hat im Jahre 1918 im Saale stattgefunden. (1928)

Die deutsche Revolution steht noch aus. (1928)

Wegen ungünstiger Witterung fand die deutsche Revolution in der Musik statt. (1930)

Tucholsky selbst verhielt sich in dieser umwälzenden Epoche um den Jahreswechsel 1919 alles andere als revolutionär. Als er um den 20. November 1918 aus dem Kriegseinsatz in Rumänien nach Berlin zurückkehrte, war die Republik bereits ausgerufen. Im Dezember wurde er Chefredakteur des Ulk, der Satirebeilage des Berliner Tageblatts. Anders als in der Weltbühne, wo er beispielsweise noch Sympathie für die Spartakisten aufbrachte, die »die Geschichte beim Schopfe« packten, kritisierte er im Ulk:

Der Spartakus, der Spartakus,
der möcht uns gern regieren;
er will bei diesem Friedensschluß
die Leut noch kujonieren.
Im ganzen Kriege schoß er nicht
so viel um sich herum
wie hier, nut, nut, an einem Tag

»Berliner Drehorgellied«, in: Ulk, 17.1.1919

Erst, als es schon zu spät und Revolutionäre wie Kurt Eisner, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ermordet waren, verspottete Tucholsky die halbherzigen Aktionen der Regierung:

Seit November tanzt man Menuettchen,
wo man schlagen, brennen, stürzen sollt.
Heiter liegt der Bürger in dem Bettchen,
die Regierung säuselt gar zu hold.
Sind die alten Herrn auch rot bebändert,
deshalb hat sich nichts bei uns geändert.
Kommts, daß Ebert hin nach Holland geht,
spricht er dort zu einer Majestät:
»Schließen wir ’nen kleinen Kompromiß!
Davon hat man keine Kümmernis.
Einerseits – und andrerseits –
So ein Ding hat manchen Reiz …«
Und durch Deutschland geht ein tiefer Riß.
Dafür gibt es keinen Kompromiß!

»Das Lied vom Kompromiß«, in: Die Weltbühne, 13.3.1919, S. 297

Rückblickend räumte Tucholsky 1935 in einem Brief ein, in der damaligen Situation selbst die Lage nicht richtig erfasst und zu sehr auf den Tageblatt-Chefredakteur Theodor Wolff gehört zu haben:

1918/1919 habe ich überhaupt nichts verstanden – aus dieser Zeit datieren meine dümmsten Arbeiten, die ich teils selbst auf dem Gewissen habe, zum Teil ließ ich sie publicieren, verleitet durch den etwas dümmlichen Mann, den Du neulich kennen gelernt hast, und der nicht weiß, wo Gott wohnt.

In den zahlreichen Rückblicken der Medien auf den 90. Jahrestag der Novemberrevolution finden sich auch mehrere mit Bezug zu Tucholsky:

18.9.2008

Mondkalb Adof

Um heutzutage einen kleinen Aufschrei auszulösen, reicht es noch immer, irgendjemanden mit Hitler oder Goebbels zu vergleichen. Das passierte neulich auch Altkanzler Helmut Schmidt, als er in einem Interview mit der Bild am Sonntag die Redekünste Oskar Lafontaines mit denen von »Adolf Nazi« gleichsetzte.

Der Berliner Tagesspiegel näherte sich dem Vergleich nun von der geschichtlichen Seite und fragte den Historiker und Journalisten Rudolf Rietzler:

Woher stammt dann die Bezeichnung »Adolf Nazi«?

Der Name stammt wohl aus den mit harten Bandagen geführten politischen Auseinandersetzungen in der Weimarer Republik. Tucholsky hat schon 1922 von den »Nazis« geschrieben. Es gab die »Sozis« (Sozialdemokraten), es gab die »Kozis« (Kommunisten) und es gab die von den Linken gehassten »Nazis«.

Diese Antwort ist in mehrfacher Hinsicht verwirrend. Zum einen müsste ein Historiker doch in der Lage sein, die Verwendung des Begriffs »Adolf Nazi« in der Weimarer Republik zu belegen. Zum anderen meinte Tucholsky, als er im Juni 1922 einen Text mit dem Titel »Die ›Nazis‹« veröffentlichte, damit mitnichten die Nationalsozialisten, von denen er zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch nie etwas gehört hatte. Mit »Nazis« bezeichnet man damals abfällig die Deutsch-Österreicher und Deutsch-Böhmen, was aus dem Text auch eindeutig hervorgeht.

Mach keine Kulleraugen, Leser. Wir wollen uns schnell darüber einigen, daß ich mit den »Nazis« jene gewisse Gattung des österreichischen, mährischen und speziell wienerischen Künstlervölkchens meine, die anfängt, obgemeldetes Berlin auf das Heftigste zu verpesten. Wir wollen das aber gar nicht mehr.

Der Begriff »Nazi« leitete sich offenbar vom Kosenamen für Ignaz ab. Auch in seinem satirischen »Requiem« von 1923 erwähnte Tucholsky an seinem Grab »eine Abordnung von Nazis, die der Tote so geschätzt hatte …«. Drei Jahre später, im Juni 1926, tauchte der Begriff ein weiteres Mal in der ursprünglichen Bedeutung auf. Tucholsky schrieb in einer Besprechung des Schwejk:

Könnte der deutsch-nationale Student lesen und läse er dieses Buch, so wäre er schnell bei der Hand, etwa zu sagen: »Solch einen Feldkuraten hats sicherlich nicht einmal bei den Nazis gegeben.«

Vier Jahre später, nach den ersten größeren Wahlerfolgen der NSDAP, hatte sich die Bedeutung des Begriffes dagegen gewandelt:

Die tiefe Blutsverwandtschaft zwischen diesen Richtern und allem, was Militär heißt, ist evident; man hat das ja wieder aus den letzten Prozessen gegen die Nazis gesehen.

Womit Tucholsky im Februar 1930 auf den Prozess von Schweidnitz anspielte, in dem Nationalsozialisten trotz Anzettelung einer schweren Schlägerei meist freigesprochen worden waren.

Wenn sich Tucholsky später über Hitler lustig machte, hat er ihn nie »Adolf Nazi« genannt. Nach der »Machtübergreifung« (Tucholsky) verspottete er ihn als »Adof (dem wir das L nun endgültig wegnehmen wollen, wir brauchen es ja für Eckner, Hei Adof!)«. Anders als Schmidt schätzte er Hitler auch nicht als »charismatischen Redner« ein. Nachdem er ihn zum ersten Mal im Radio gehört hatte, schrieb er:

Die Stimme ist nicht gar so unsympathisch wie man denken sollte – sie riecht nur etwas nach Hosenboden, nach Mann, unappetitlich, aber sonst gehts. Manchmal überbrüllt er sich, dann kotzt er. Aber sonst: nichts, nichts, nichts. Keine Spannung, keine Höhepunkte, er packt mich nicht, ich bin doch schließlich viel zu sehr Artist, um nicht noch selbst in solchem Burschen das Künstlerische zu bewundern, wenn es da wäre. Nichts. Kein Humor, keine Wärme, kein Feuer, – nichts. Er sagt auch nichts als die dümmsten Banalitäten, Konklusionen, die gar keine sind – nichts. Ceterum censeo: ich habe damit nichts zu tun.

In der Weltbühne gab man sich ebenfalls Mühe, für den Hitler kreativere Namen als »Adolf Nazi« zu finden:

»Sadistischer Oberkonfusionsrat«, »deutscher Duce«, »Wechselbalg des Teufels«, »halbverrückter Schlawiner«, »Narr in Folio«, »übergeklappter leopoldstädter Heringsbändiger«, »alberner Poltron«, »großformatiger Dummkopf« und »pathetisches Mondkalb« lauteten die Bezeichnungen.
Aus Teutschland Deutschland machen. Ein politisches Lesebuch zur Weltbühne, S. 444

Zum Glück gab es bis dato in der Geschichte noch niemanden, mit dem man Hitler hätte vergleichen können.

14.9.2008

Mediale Waschmaschine

„Zunächst soll man seinen Gegner nicht im Bett aufsuchen“, schrieb Tucholsky 1932, als die Linkspresse die Homosexualität des SA-Führers Ernst Röhm publik machte. Gilt diese Einschätzung auch dann, wenn es sich nicht um den politischen Gegner, sondern um einen Parteifreund handelt? (Was ja häufig genug identisch ist.)

In einem aktuellen Fall sollen Parteifreunde das Gerücht befördert haben, wonach ihr Regierungschef eine nicht folgenlos gebliebene Affäre mit einer Sekretärin hatte. Die Schwierigkeit bei solchen Bettgeschichten besteht jedoch darin, sie an die Öffentlichkeit zu bringen, ohne als Urheber bekannt zu werden. Das sollen dann bitte die Medien übernehmen. In diesem Fall setzte die Bild-Zeitung das Gerücht auf die erste Seite ihrer Regionalausgabe. Das Besondere an der Aktion: Der Betroffene lieferte das Dementi gleich mit. Dem gingen offenbar interne Diskussionen voraus, wie die ansässige Lokalzeitung berichtet:

In der Opposition hält man es dagegen für einen Fehler, einem bis dato nicht publizierten Gerücht dadurch den Boden entziehen zu wollen, indem man es in einer bundesweit erscheinenden Zeitung dementiert. In der Staatskanzlei wurde dem Interview-Wunsch von Bild dem Vernehmen nach erst nach intensivem Abwägen stattgegeben.

Offen bleibt, ob und was gedruckt worden wäre, wenn die Staatskanzlei das Interview abgelehnt hätte. Im Fall Seehofer war die Bild-Zeitung nicht gerade zimperlich vorgegangen.

Das Blatt hatte damals argumentiert:

Wer sein Privatleben groß plakatiert, wer es politisch einsetzt, muss sich daran messen lassen. Und genau das tun wir.

Im vorliegenden Fall könnte es darum gegangen sein, dem Politiker mit den bloßen Gerüchten zu schaden. Was auch dann funktioniert, wenn er sie prominent dementiert.

Für die Seriosität der bundesdeutschen Medien spricht, dass bis auf besagte Lokalzeitung, eine weiteres Springer-Organ sowie ein Internet-Boulevardmagazin niemand das Gerücht nebst Dementi aufgegriffen hat. Die eigentliche Geschichte lautet ohnehin: Wollen die „Parteifreunde“ ihren politisch angeschlagenen Chef möglicherweise weiter diskreditieren? Und falls ja, welche Rolle sollte die Presse bei solchen Intrigenspielen übernehmen?

Was Letzteres betrifft, so hat Paul Krugman in seiner jüngsten New York Times-Kolumne das unkritische Verhalten der Medien mit dafür verantwortlich gemacht, dass politische Lügenkampagnen erfolgreich sein können:

Warum glauben die Leute von McCain, dass sie mit diesem Kram davonkommen? Sie rechnen offenbar mit der üblichen Praxis der Nachrichtenmedien, um jeden Preis „ausgewogen“ zu sein. Wir wissen, wie es läuft: Wenn ein Politiker sagt, dass Schwarz Weiß ist, heißt es in der Nachrichtenmeldung nicht, dass er unrecht hat, sondern dass „irgendwelche Demokraten sagen“, dass er sich irrt. Oder einer grotesken Lüge der einen Seite wird eine unbedeutende Falschbehauptung der anderen an die Seite gestellt, wodurch der Eindruck befördert wird, dass beide Seiten gleichermaßen schmutzig sind.

Hauptsache, die Medien bleiben dabei sauber.

13.9.2008

Ein Staatsbürger in Uniform

Oberstleutnant Jürgen Rose ist sicher einer der ungewöhnlichsten Offiziere in der Geschichte der Bundeswehr. Es gibt wohl nicht viele unter seinen Kameraden, die gegen die Stationierung von Atomwaffen auf deutschem Boden demonstrieren und dabei Sätze sagen würden wie:

Für all jene Soldaten, die sich an der nuklearen Massenvernichtung beteiligen, gilt das bekannte Verdikt des scharfzüngigen Publizisten und leidenschaftlichen Pazifisten Kurt Tucholsky: Diese Soldaten sind Mörder.

Nur zur Erinnerung: 1932 verklagte das Reichswehrministerium wegen dieses Satzes den Weltbühne-Herausgeber Carl von Ossietzky, noch Ende der 90er Jahre strebte die schwarz-gelbe Koalition deswegen einen Ehrenschutzparagrafen für die Bundeswehr an. Zwei Jahre zuvor hatte das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass das Zitieren von Tucholskys Diktum durch die Meinungsfreiheit gedeckt sei.

Die Verbindung von Rose zu Tucholsky kommt nicht von ungefähr. So vertrat Rose im Oktober vergangenen Jahres die Soldatengruppierung Darmstädter Signal, die Zielen der Friedensbewegung nahe steht, auf einer Podiumsdiskussion zur Aktualität Tucholskys pazifistischer Positionen. Das vollständige Transkript der Diskussion wurde vor kurzem veröffentlicht. Regelmäßige Leser des Freitag oder des Ossietzky werden darin bekannte Positionen Roses wiederfinden. Interessant ist die Lektüre vor allem, um die rhetorischen Leistungen der beiden auf dem Podium vertretenen Offiziere zu vergleichen. Allerdings sprach natürlich nicht Rose, sondern Oberstleutnant Uwe Ziesak für die Bundeswehr.

Was sagt die Tatsache, dass ein Offizier wie Rose weiterhin der Bundeswehr angehört, über die Bundeswehr selbst? Tucholsky hatte für Einschätzungen gesellschaftlicher Gruppen eine Regel aufgestellt:

Kollektivurteile sind immer ungerecht, und sie sollen und dürfen ungerecht sein. Denn wir haben das Recht, bei einer Gesellschaftskritik den niedersten Typus einer Gruppe als deren Vertreter anzusehen, den, den die Gruppe grade noch duldet, den sie nicht ausstößt, den sie also im Gruppengeist bejahend umfaßt.
Ignaz Wrobel: „Deutsche Richter“, in: Die Weltbühne, 12.4.1927, S. 581

Im Sinne Tucholskys taugt Rose somit nicht als Maßstab für ein solches Kollektivurteil, da ein friedensliebender Offizier als höchster Vertreter seiner Gruppe angesehen werden müsste.

Aber mit seinen Positionen hat sich Rose in der Bundeswehr alles andere als Freunde gemacht, von einem Bußgeld wegen Kritik am KSK abgesehen. Der Spiegel zitierte im März 2008 aus einer „politischen Hass-Mail“ an Rose:

„Ich beurteile Sie als Feind im Inneren und werde mein Handeln danach ausrichten, diesen Feind im Schwerpunkt zu zerschlagen“, schreibt Daniel K. Er distanziere sich von „diesem linken Zeitgeistkonglomerat uniformierter Verpflegungsempfänger“, Rose solle zurückkehren in „die Sümpfe des Steinzeitmarxismus“.

Dass es in einer rund 250 000 Soldaten starken Armee Menschen gibt mit höchst divergierenden politischen Ansichten, kann weder erstaunen noch die Wehrkraft gefährden. Was Daniel K. jedoch im Folgenden in seiner E-Mail schreibt, legt den Verdacht nahe, dass er sich als Teil einer Gruppe sieht, die linksdenkende Kameraden mehr als verachtet: „Sie werden beobachtet, nein nicht von impotenten instrumentalisierten Diensten, sondern von Offizieren einer neuen Generation, die handeln werden, wenn es die Zeit erforderlich macht.“ In einem Postskriptum schließt er seine Tiraden mit dem Satz: „Es lebe das heilige Deutschland.“

Es ist bislang nicht bekannt, dass die Bundeswehr diese „Offiziere einer neuen Generation“ nicht dulden würde.

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