10.12.2009

Kurt Tucholsky – ein Sozialist?

Kann man von Kurt Tucholsky behaupten, dass er sich selbst als Sozialist verstanden hat? Über diese Frage gibt es seit einiger Zeit eine umfängliche Diskussion in der Wikipedia. Zu recht?

Unstrittig ist auf jeden Fall, dass man über diese Behauptung diskutieren kann. Denn wer oder was ist eigentlich ein Sozialist? Und hat sich Tucholsky zu der laut Wikipedia »politischen Ideologie« des Sozialismus überhaupt einmal bekannt?

Während die erste Frage nicht so leicht zu beantworten sein wird, genügt zur Klärung der zweiten einfach ein Blick in Tucholskys Werk. Wie auch in der Wikipedia argumentiert wird, schrieb er unter anderem:

»Für uns Sozialisten kann es nur eine einzige Lehre dieses Krieges geben.«
»Nie wieder in Krieg«, in: Die Freiheit, 1.8.1922

»Wer schützt unsre Gefühle? unsern Glauben an den Sozialismus?«
»Von den Kränzen, der Abtreibung und dem Sakrament der Ehe», in: Die Weltbühne, 17.2.1931

Das erstmalige Erscheinen der Wiener Weltbühne kündigte er unter der Überschrift an:

»Berliner in Österreich? Nein: Sozialisten bei Sozialisten!«
in: Die Weltbühne, 29.9.1932

Auch schien Tucholsky klar gewesen zu sein, was Sozialismus bedeutet. So schrieb er 1928 auf die Frage »Was würden Sie tun, wenn Sie die Macht hätten?«:

»Hätte ich die Macht mit den kommunistischen Arbeitern und für sie, so scheinen mir dies die Hauptarbeiten einer solchen Regierung zu sein: Sozialisierung der Bergwerke; Sozialisierung der Schwerindustrie; Aufteilung des Großgrundbesitzes; …?«
In: Literarische Welt, 9.11.1928

Und in einer Analyse der Novemberrevolution kam er zu dem Schluss:

»Folgende Möglichkeiten sind damals ausgelassen worden: Zerschlagung der Bundesstaaten; Aufteilung des Großgrundbesitzes; Revolutionäre Sozialisierung der Industrie …«
»November-Umsturz« in: Die Schwarze Fahne, 1928, Nr. 44

Bis zum Ende seines Lebens verfolgte er aufmerksam die Entwicklung der sozialistischen Bewegung. Am 10. Februar 1935 schrieb er an seinen Freund Walter Hasenclever:

Der Sozialismus, der den Arbeitern viel Gutes gebracht hat, hat in dieser Form seine Rolle ausgespielt. […] Je eher das, was man heute Sozialismus nennt, untergeht, desto besser – sein Grundsatz ist sowieso falsch, das haben gerade wir immer gewußt.

Daraus spricht deutlich der enttäuschte Liebhaber, der seine Ideale verraten sieht und vom Sozialismus in dieser Form beziehungsweise von dem, was man heute so nennt, nichts mehr hält.

Warum sollte man trotz dieses eindeutigen Befundes Probleme damit haben, Tucholsky als Sozialisten zu bezeichnen? Dies muss wohl mit dem heutigen Verständnis des Begriffs zusammenhängen, beziehungsweise mit dem Personal, das damit in Verbindung gebracht wird. Wen würde man heutzutage so titulieren? In Deutschland in erster Linie Vertreter der Linkspartei, schon deswegen, weil diese sich in alter Tradition selbst als Sozialisten bezeichnen. Bei SPD-Politikern hat man schon seine Probleme damit, auch wenn sich die Genossen in ihrem Hamburger Programm von 2007 noch »der stolzen Tradition des demokratischen Sozialismus« verpflichtet sehen.

Vielleicht liegt da das Problem. Möchte man sich Tucholsky in intimer geistiger Nähe zu Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht vorstellen? Als Autor des Neuen Deutschland? Als Kolumnist der jungen welt. Wohl lieber nicht. Auch wenn sich die Vertreter der Linkspartei bei passender oder unpassender Gelegenheit gerne auf Tucholsky berufen.

Wer aber ist denn ein Sozialist – damals wie heute? Gilt das nur für

  • a) Funktionäre einer explizit sozialistischen Partei?
  • b) Schon für deren Mitglieder und Wähler? Oder gar
  • c) für alle Menschen, die die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse mit dem Ziel sozialer Gleichheit und Gerechtigkeit verändern wollen, und eine nach diesen Prinzipien organisierte Gesellschaftsordnung anstreben? (Sozialismus-Definition laut Zeit-Lexikon 2005)

Im Falle von c) wäre Tucholsky auf jeden Fall als Sozialist zu bezeichnen. Und er hätte sich auch so verstanden. Das machen die obigen Zitate mehr als deutlich. Aber auch im Falle von b) trifft dies zu, denn schließlich machte er schon 1911/12 für die SPD Wahlkampf, trat 1920 gar der USPD bei und schrieb regelmäßig für sozialistische Blätter wie Die Freiheit. Fritz J. Raddatz schreibt daher im Vorwort zu den Gesammelten Werken lapidar:

Tucholsky wurde Sozialist. Er trat der USPD bei und war nach deren Verschmelzung mit der Sozialdemokratischen Partei im Jahre 1922 Mitglied der SPD.
Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in 20 Bänden, Reinbek 1975, Bd. 1, S. 21

Bliebe nur noch Fall a), der offenbar nicht zutrifft. Dass Tucholsky trotz seiner politischen Überzeugungen kein Parteiführer sein wollte, hat er oft genug betont:

»Ich bin kein großer Führer, ich weiß das. Ich bin ausgezeichnet, wenn ich einer noch dumpfen Masseneinsicht Ausdruck geben kann.«
Brief an Arnold Zweig vom 15.12.1935

»Wir haben niemals beansprucht, die Führer der Arbeiterklasse zu sein.«
»Die Rolle des Intellektuellen in der Partei«, in: Die Front, 1929, Nr. 9

Aber die Tatsache, dass Tucholsky sich nach Auflösung der USPD nicht mehr parteipolitisch engagierte, könnte genau damit zusammenhängen, dass weder die SPD noch die KPD eine sozialistische Politik in seinem Verständnis propagierten. Die SPD war ihm zu zahm und kapitalismusfreundlich, die KPD zu dogmatisch-marxistisch und zu moskauhörig. Er war politisch heimatlos geworden und verließ Deutschland dann auch bald in Richtung Paris.

Ein weiterer wichtiger Beleg für Tucholskys sozialistische Überzeugungen ist die Mitgliedschaft in Kurt Hillers Gruppe Revolutionärer Pazifisten. Nach Ansicht Hillers sollte der Weltfrieden über den Umweg des weltweit siegreichen Sozialismus eingeführt werden. Wobei der Sozialismus mit revolutionären Mitteln erzwungen werden sollte. Kaum vorstellbar, als Nichtsozialist Mitglied in dieser Hiller-Gruppierung sein zu können. In diesem Zusammenhang zeigt sich auch die eminent pazifistische Überzeugung, die zur damaligen Zeit mit dem Sozialismus verknüpft war. Schließlich wurde der Ausbruch des Ersten Weltkrieges auch als Folge des kapitalistischen Wirtschaftssystems gesehen. Aus diesem Grund gab es bei Tucholsky eine enge Verbindung von Demokratie, Sozialismus und Pazifismus.

Vor diesem Hintergrund scheint es nur konsequent, wenn Riccardo Bavaj in seiner Studie Von links gegen Weimar. Linkes antiparlamentarisches Denken in der Weimarer Republik die Weltbühne und ihre Repräsentanten Tucholsky, Ossietzky und Hiller unter dem Kapitel »Linkssozialismus« zusammenfasst.

Zu guter Letzt sei darauf verwiesen, dass es in früheren Jahrzehnten gang und gäbe war, Tucholsky den Sozialisten zuzurechnen, wie ein Blick in den Spiegel zeigt:

»Entschiedener, als er es schon früher getan hatte, verurteilte der pazifistische Sozialist Tucholsky nach 1933 den Stalin-Kommunismus, der die von Hitler verfolgten deutschen Genossen im Stich gelassen habe.«
»Adofs Doitsche«, in: Der Spiegel, 6.2.1963

Und 20 Jahre später:

Der Sozialist Tucholsky, gleichzeitig auch Mitarbeiter linker und linksradikaler Blätter, […]
» Tucholsky ein Deutschnationaler?« in: Der Spiegel, 21.10.1985

Bevor es in der Wikipedia wieder zu Missverständnissen und Diskussionen kommt, sei hier schon mal klargestellt: Tucholsky verstand sich definitiv nicht als Deutschnationaler.

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