17.5.2009

Eine Widmung für die Teuerste

Es manchmal schon erstaunlich, welche bibliophilen Schätze bei privaten Sammlern im Verborgenen schlummern. Tucholsky hatte 1921 bereits verraten, dass es von der Erstausgabe seines Rheinsberg-Büchleins eine limitierte Sonderausgabe von 30 Exemplaren gegeben hatte, und »weil wir es unsern Damen schenken mußten, die im Verhältnis 29:1 unter uns aufgeteilt waren, malten wir in alle Exemplare eine schöne 1, damit es keinen Ärger gäbe«. Der Tucholsky-Forschung waren bislang nur die Nummern 4, 14 und 28 bekannt (womit auch bewiesen wäre, dass Tucholsky etwas geflunkert hat). Doch nun ist überraschenderweise eine tatsächliche Nummer eins aufgetaucht: Gewidmet dem realen Vorbild der Claire, der Medizinerin Else Weil, Tucholskys erster Ehefrau. Dazu ist das Büchlein noch mit einem Widmungsgedicht versehen.

Kein Wunder, dass der Besitzer, der das Exemplar nun verkaufen will, dafür den stolzen Preis von 10.000 Euro verlangt. Ebenfalls kein Wunder, dass das Rheinsberger Tucholsky-Museum dieses Buch unbedingt haben möchte. »Das ist quasi die ideelle Gründungsurkunde unseres Museums«, sagte Museumsleiter Peter Böthig zur Begründung. Das Problem für Böthig: Sein Museum hat nur einen jährlichen Ankaufetat von 1300 Euro. Daher bittet er nun um finanzielle Unterstützung, um das Buch dennoch erwerben zu können. Die Märkische Allgemeine berichtete ausführlich über den Spendenaufruf. Und wies dabei darauf hin:

Das Buch wäre nicht nur wegen seiner Seltenheit wertvoll für das Museum. Böthig erarbeitet derzeit eine Ausstellung über Else Weil. »Frauen in Preußen und Brandenburg« ist das Thema des Kulturland-Jahres 2010, dazu passt das Schicksal der promovierten Ärztin und zeitweiligen Ehefrau von Tucholsky. […] 50 Dokumente und 20 Fotos hat Peter Böthig bereist zusammengetragen – und das Buch wäre das Highlight der Ausstellung.

Und anschließend des Tucholsky-Museums.

Mögliche Spender können sich beim Tucholsky-Museum melden: Telefon: 033931/3 90 07, E-Mail: mail@tucholsky-museum.de. Das Museum vergibt selbstverständlich Spendenquittungen.

9.5.2009

Der kleine Peter Pan(ter)

Für ein Spiegel-Sonderheft Wissen hat sich Renate Nimtz-Koester mit der schwierigen Kindheit von Literaten beziehungsweise Künstlerkindern beschäftigt. In ihrem Artikel »Wie das Ich entsteht« nimmt die familiäre Situation Tucholskys einen breiten Raum ein:

Kurt, das Kind aus gutbürgerlich-jüdischer Familie wurde, wie seine Geschwister, von der unerbittlichen Mutter malträtiert. »Ich könnte wie ein Gott in Frankreich leben, hätte ich die verfluchten Bälger nicht.« Als schreiende, übellaunige Tyrannin beherrschte die Frau ihre beiden Söhne und Tochter Ellen. Anerkennung oder gar Liebe gab es niemals: »Wir waren ein Nichts«, schrieb später Ellen.

Der geliebte, vielbeschäftigte Vater hatte auf das häusliche Leben wenig Einfluss, der 15-jährige Kurt musste dessen qualvollen Syphilistod miterleben und auch, wie die Mutter dem Sterbenden das Morphium verweigerte.

Das trifft alles durchaus zu und ist hinreichend bekannt. Es ist zu vermuten, dass Tucholsky-Biograf Michael Hepp dies das der Autorin sagte. Sagte? Ist Hepp nicht im September 2003 bereits gestorben? Dann kommt einem diesem Passage aber merkwürdig vor:

»Da betrieb einer öffentlich Psychoanalyse«, sagt Tucholsky-Biograf Michael Hepp, »sezierte seine eigenen Leiden und Empfindungen.«

Aber »sagt Tucholsky-Biograf Michael Hepp« klingt eben viel aktueller und persönlicher als »urteilt Michael Hepp in seiner 1998 erschienenen Tucholsky-Biografie«, wo sich das Zitat auf Seite 110 und der Hinweis auf das Peter-Pan-Syndrom an anderer Stelle findet.

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