27.6.2008

Was macht eigentlich … die taz?

Tucholsky loben

Aus diesem Anlass und weil es „ungefähr siebenhundertfünfunddreißigtausendzweihundertundneun gute Gründe“ gibt,

den Publizisten Kurt Tucholsky auch heute noch großartig zu finden. Der Mann hat die Weimarer Republik vollgeschrieben, hat sich für alles zuständig gefühlt und gegen alles angetextet, was auch nur entfernt nach Missstand aussah. Er beschimpfte, wenn es sein musste, Kaiser, Präsidenten, das Deutsche Rote Kreuz, Patrioten und Kollegen. Meistens musste es sein, wenn es nach Tucholsky ging. Die Welt gibt einem ja zu jeder Zeit genügend Gründe für ein Ärgernis.

Und doch sind seine Texte kein Stück griesgrämig. Im Gegenteil: Tucholsky hatte Humor. Wie hätte er die ganze Scheiße sonst auch ertragen können? Einmal hackt er zum Beispiel seitenlang auf einem dummbatzigen Zensurgesetz herum und endet mit dem brillanten Satz: „Dieses Gesetz gegen Schmutz und Schande fällt unter sich selbst.“

Der Anlass selbst, die Übergabe der restaurierten Grabstätte von Tucholskys Eltern Alex und Doris, erinnerte einen an manch schlechten oder auch guten Film, wie beispielsweise Wolfgang Staudtes „Untertan“, in dem es bei einer Denkmalseinweihung ein bisschen anfängt zu regnen.

Das Ganze sah am Freitagnachmittag, 16.30 Uhr, auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee ungefähr so aus:



Kulturstaatssekretär André Schmitz beschirmt Tucholskys Großcousine Brigitte Rothert



Etwa 100 Gäste nahmen an der Übergabe teil, darunter auch Claus Peymann und Gisela May (vordere Schirme Mitte)



Die restaurierte Grabanlage

26.6.2008

In Weißensee, in Weißensee

Der Familie Tucholsky erging es nicht viel anders als den anderen jüdischen Familien in Deutschland. Ihre Mitglieder flüchteten entweder vor den Nazis ins Ausland oder sie kamen im KZ ums Leben. Zurück blieben als einzige Erinnerung oft nur die Grabstellen auf den Friedhöfen. Alleine auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee sind es 115.000. Ohne die Pflege durch Angehörige verfallen diese Grabmäler zusehends.

Das galt bis vor kurzem auch für die Grabstätte von Tucholskys Eltern Alex und Doris. Inzwischen wurde die Anlage jedoch saniert. Am Freitag, dem 27. Juni, soll sie im Beisein des Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz und des Rabbiner Andreas Nachama feierlich übergeben werden. Tucholsky Großcousine Brigitte Rothert berichtet dabei über das Schicksal der einst weit verzweigten Familie. Dabei will sie auch enthüllen, dass ein naher Verwandter Tucholskys – obwohl er im Exil in den USA starb – nicht unweit seiner Familie begraben liegt.

2.6.2008

Verlage in treuen Händen

Die Parallelen sind schon frappierend. „Zu diesem bösem Spiel fällt uns nichts mehr ein!“, schrieben die Mitarbeiter eines Verlages, denen der Verleger Bernd F. Lunkewitz gerade den Boden unter den Füßen weggezogen hatte. Wegen gerichtlicher Streitigkeiten hatte er entschieden, das angeschlagene Unternehmen nicht mehr weiterzuführen. Die letzten Sätze seiner Erklärung dazu lauteten:

Da auch die Treuhandanstalt (…) den Verlag nicht an sich zog, wird er „abgewickelt“ wie so vieles in diesem Lande, was durchaus noch hätte weiterleben können. So kann die konsequente Umsetzung der Gerechtigkeit zu Ungerechtigkeit führen.

Nein, es handelt sich dabei nicht um das Schicksal des Aufbau-Verlages, der in diesen Tagen seine eigenen Erfahrungen mit Lunkewitz machen musste. Es ging um das Ende der „Weltbühne“, das durch einen Rechtsstreit zwischen Peter Jacobsohn, dem Sohn Siegfried Jacobsohns, und dem Verlag der Weltbühne im Juli 1993 besiegelt wurde. Wie dieses Ende sich genau zugetragen hat, ist an dieser Stelle ausführlich nachzulesen. Aber schon damals schien den Mitarbeitern nicht ganz klar, was ihr Verleger eigentlich vorhatte. Nach Ansicht inzwischen gestorbener Prozessbeteiligter trug er seinen Spitznamen nicht zu Unrecht. Besonders perfide empfanden die betroffenen Mitarbeiter, dass Lunkewitz durch sein Verhalten vor Gericht dem Verlag auch unter einem anderen Besitzer jede Zukunft verbaut hatte. Denn dem Verlag war künftig untersagt, den Titel der „Weltbühne“ weiter zu nutzen. Und seitdem ist die Zeitschrift auch nie wiederbelebt worden.

Wie es mit dem Aufbau weitergeht, ist derzeit alles andere als klar. Gut möglich, dass Gerechtigkeit wieder zu Ungerechtigkeit führen wird. Dieses Mal will Lunkewitz die Gerechtigkeit offenbar auf seiner Seite wissen.

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