10.6.2007

Die Stimme von der Galerie ist verstummt

Am 9. Juni ist mit Rudolf Arnheim der letzte noch lebende Autor der „Weltbühne“ gestorben. Tucholsky hat sich in seinen Texten des öfteren auf den jungen Kulturkritiker bezogen. In der „Vossischen Zeitung“ rezensierte er 1928 das erste Buch Arnheims:

Stimme von der Galerie
So heißt ein kleines Buch von Rudolf Arnheim, das im Verlag Dr. Wilhelm Benary, Berlin-Schlachtensee, erschienen ist. Eine Stimme von der Galerie? Im Parkett drehen sich die Leute herum, wer denn da gerufen habe – und sie sehen hinauf. Da steht ein noch sehr junger Herr und ruft.
Er schreit gar nicht sehr laut – aber weil die Stimme der Vernunft stets vom allgemeinen Getöse absticht, so hört man ihn doch. Die goldenen Worte, die Pastor Hans Reimann dem Buch vorangeschickt hat, charakterisieren den jungen Rufer recht gut: er weiß etwas, er ist helle, und er hat Humor. Und, möchte ich hinzufügen: er gibt uns mit leichter Hand das, was wir so selten bekommen – die «Fröhliche Wissenschaft». Das hört man gerne.
Er ruft seine Meinung über das Kino hinunter und über die Erziehung; über Boxkämpfe und über die Polizeiausstellung; über Psychoanalyse und über Malerei – und allemal hat er zuvor gearbeitet, und dann erst hat er gerufen. Das ist schon viel. (…)
Peter Panter, 8. Dezember 1928

PS: Die Nachrichtenagentur dpa hat in ihrer Meldung über Arnheims Tod die formelhafte Wendung gebraucht:

er stand in regem Austausch mit Kurt Tucholsky, Erich Kästner und Carl von Ossietzky.

Das verwundert im Falle Ossietzkys nicht, schließlich war Arnheim sein angestellter Redakteur. Was Tucholsky betrifft, so sind hingegen keine Zeugnisse dieses „regen Austauschs“ überliefert, weder Briefe noch andere biografische Hinweise. Daher hätte im Grunde nur Arnheim selbst diese These belegen können. Eine mögliche Quelle dafür findet sich in einer Publikation der Berliner Humboldt-Universität (nur Google-Cache), in der verschiedene Biographien von Studenten in der Weimarer Republik vorgestellt werden. Darin heißt es:

Nach dem Studium arbeitet Rudolf Arnheim als Redakteur für die Theaterzeitschrift „Weltbühne“. Hier trifft er Carl von Ossietzky, Kurt Tucholsky und Erich Kästner. Mit den letzten beiden pflegt er jahrelange Freundschaften, während ihn mit Ossietzky eine eher kollegiale Beziehung verbindet.

Der kleine Hinweis „nach Angaben von …“ hätte auch in diesem Falle die Behauptung ein wenig stützen können.

PPS: Berücksichtigt man eine Aussage Arnheims aus folgender Korrespondenz:

Ich redigierte den kulturellen Teil der Weltbühne wohl seit dem Herbst 1928. Nach Jacobsohns Tod übernahm Ossietzky die Redaktion und ließ mich fast ganz selbständig alles Unpolitische redigieren. Tucholsky war im Ausland und steuerte Rat, Kritik und Beiträge per Post bei.

dann bezog sich der „rege Austausch“ wohl ebenso wie im Falle Ossietzkys auf die redaktionelle Arbeit für die Weltbühne.

2.6.2007

Zwecks Valentin

Da es schon in allen Zeitungen gestanden hat, sei es auch hier nicht unerwähnt. Ja, Tucholsky hat den Müncher Komiker Karl Valentin, der am 4. Juni dieses Jahres 125 Jahre alt geworden wäre, wohl ziemlich lustig gefunden. Zu recht natürlich.

Erwiesenermaßen hat Tucholsky Valentin zwei Mal auf der Bühne gesehen. Einmal im September 1924 bei einem Gastspiel Valentins in der Operettenbühne am Schiffbauerdamm in Berlin. Aus seiner begeisterten Kritik „Der Linksdenker“ wird häufig und gern die folgende Passage zitiert:

weil er ein seltener, trauriger, unirdischer, maßlos lustiger Komiker ist, der links denkt.

Das zweite Mal sah Tucholsky eine Valentin-Vorstellung bei einem Abstecher im Juli 1926 nach München. Schon in den Tagen zuvor erwähnte er diesen Abend in jedem seiner Briefe an seine Frau Mary. Verbunden mit einer kleinen Valentin-Anekdote:

Valentin lebt mit der Lisl Karlstadt (dem dicken Kapellmeister) zusammen, ist aber verheiratet und hat Kinder. Eines Tages geht er mit der Karlstadt, da kommt die richtige Frau Valentin und hält die Karlstadt an und beginnt, maßlos auf offner Straße zu schimpfen. «Sie Schlampen! Sie leben mit mein Mann! I wer Eahna …» und so. Es laufen schon Leute zusammen, und dem Valentin fängt die Geschichte an, sehr unangenehm zu werden. Darauf, er zu den Leuten:

«Gehns weiter. Das is a Kinoaufnahmen!» –

Da könnte selbst die „Christlich-Sexuelle Union (CSU)“ noch etwas lernen.

Der Theaterbesuch selbst fand seinen Niederschlag in dem Text „Abstecher nach München“, der längst nicht so enthusiastisch ausfiel wie die Kritik zwei Jahre zuvor:

Das Stück ist dumm, auch redet er diesesmal nicht so viel, wie man das gern hat, und was drum herum steht, ist bis auf die Karlstadt bitter.

Sechs Jahre später schien Tucholsky wieder milder gestimmt, als er ein Buch Valentins in dem Text „Zwecks Lachung“ rezensierte.

Und wenn man dieser Trostlosigkeit der deutschen Politik entfliehen möchte, nur für ein Viertelstündchen -: da wäre ein Buch erschienen, das, wie es in der Vorrede heißt, »zum Umblättern geeignet ist«, und darum handelt es auch von Karl Valentin (…).

Auch im Exil erinnerte sich Tucholsky häufig an Valentin und kolportierte seinen Briefadressaten mehrfach einige Anekdoten, die Valentins Distanz zum Nationalsozialismus deutlich machten. So 1935 an seinen Freund Walter Hasenclever:

Na, und so laßt uns denn vernehmen, was unser aller Karl Valentin gesagt hat. Erstens; recht donnernd: «Heil …» und dann, mit verzweifelt gesenktem Arm, verlegen: «Wie heißt er doch gleich?» Und dann:
«Wir haben schweres durchgemacht. Erst war da der Kaiser und die Monarchie. Na, und was hatten wir dann? Den Krieg. Und dann war da die Revolution. Und was hatten wir danach? Die Inflation. Und dann war da die Republik. Und was hatten wir dann? Die Arbeitslosigkeit. Und dann der Nationalsozialismus. Und was haben wir heute?
Donnerstag.»

Von Valentins NS-Akte war Tucholsky natürlich nichts bekannt. Laut „Spiegel“ (Nr. 23, S. 173) unterschrieb der Komiker seine Briefe an die Reichskulturkammer durchaus mit „Heil Hitler!“. Außerdem soll er den Filmemacher Walter Jerven unzutreffend als „Samuel Wucherpfennig“ und damit indirekt als Juden denunziert haben. In einem Streit mit dem Regisseur Erich Engels soll er sich direkt an Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß gewandt haben. Mit Erfolg. Die Reichsfachschaft Film habe angewiesen, auf die „besonders sensible Natur“ Valentins Rücksicht zu nehmen.

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