11.5.2005

Vergilbte Kritik

Ist das nun eine offene Kritik oder ein verstecktes Lob? In einem Porträt des „Pop-Poeten“ Sebastian Krämer schreibt Annedore Beelte in der „taz“:

Krämer holt die Poesie und das Gruselpotenzial der U-Bahnhöfe ans Licht. Nur von der Liebe berichtet er nichts Neues. Mau-Mau-Spielen im fremden Ehebett und Kuscheln im Altpapier – das lebt noch vom vergilbten Charme eines Tucholsky-Chansons.

Muss sich Tucholsky nun darüber grämen, dass seine charmanten Liebes-Chansons nicht mehr aktuell sind? Oder darf sich Krämer darüber freuen, immerhin mit dem vergilbten Tucholsky verglichen zu werden? Oder sollte sich die Liebe einmal ernsthaft fragen, warum es von ihr nichts Neues mehr zu berichten gibt? Viele letzte Fragen, die wohl nur die „taz“-Leser beantworten können.

7.5.2005

Das jüngste Gerücht

Ein sehr merkwürdiger Satz findet sich im aktuellen Dossier des „taz“-Magazins, das homosexuellen Opfern des Nationalsozialismus gewidmet ist. Unter dem Stichwort „Kriegsende mit begrenzter Freiheit“ hat Jan Feddersen einige Fakten über die Situation Homosexueller in den zwölf Jahren der Nazi-Diktatur zusammengefasst. Darunter auch diese Feststellung:

Schwule hatten im linken Widerstand so wenig Freunde wie im liberalen Bürgertum, mit Ausnahme von Kurt Tucholsky oder Klaus Mann: Maxim Gorkis Diktum, wer sich Schwuler erwehre, schlage auch den Faschismus, galt bis in linke Milieus hinein.

Was soll nun damit gemeint sein? Dass Kurt Tucholsky und Klaus Mann die einzigen bürgerlichen Freunde der Schwulen waren? Oder dass Tucholsky und Mann die einzigen Schwulen waren, die im linken Widerstand akzeptiert wurden? Gegen letztere Version, die vermutlich von Feddersen gemeint ist, spricht allerdings die Tatsache, dass Tucholsky im Gegensatz zu Klaus Mann gar nicht homosexuell war. Manchmal stehen wirklich merkwürdige Dinge in der „taz“.

3.5.2005

Zügellose Berliner

Wer die Kritik eines Kurt-Tucholsky-Rio-Reiser-Abends in der „Frankfurter Neuen Presse“ liest, muss einen merkwürdigen Eindruck vom Leben und Sterben der beiden Berliner bekommen. In der Rezension „Nichts für Grießbreifresser“ schreibt Maren Bonacker:

Sie liebten leidenschaftlich und waren nur selten mit einem Lebenspartner zufrieden. Sie verachteten Krieg und Gewalt und verliehen ihrer Forderung nach Frieden mit zum Teil drastischen Mitteln Ausdruck. Sie hassten Mittelmäßigkeit, wollten alles – und starben früh, Opfer ihres zügellosen Lebenswandels.

Nun ja. Was Tucholsky betrifft, so ist dieser bekanntlich nicht an den Folgen seines exzessiven Drogenkonsums gestorben. Zu irgendwelchen Geschlechtskrankheiten führten seine doppelten Lebenspartnerschaften ebenfalls nicht. Und die drastischen Mittel seiner Friedensforderungen bestanden nicht, wie man glauben könnte, in Bombenanschlägen auf preußische Kasernen, sondern lediglich in polemischen Texten.

Aber egal. Maren Bonacker war auf jeden Fall von dem Kabarett-Abend im hessischen Bad Nauheim sehr angetan.

Philipp Höck, Thomas Leichtweiß und Viola Muscolo fühlen sich in die Sprecher Tucholskys und Reisers ein, tragen die lyrischen Texte mit einer Intensität vor, die den Zuschauern eine Gänsehaut über den Rücken laufen lässt.

Eine Übersicht über die kommenden Vorstellungstermine findet sich hier.

2.5.2005

Musiktheater für Verliebte

Nach den Kinofilmen aus den sechziger (BRD) und achtziger (DDR) Jahren, versucht sich in diesem Jahr einmal ein Musiktheater an Tucholskys „Rheinsberg“, seinem Bilderbuch für Verliebte. Und zwar am Originalschauplatz in Rheinsberg und im Berliner Carrousel-Theater (siehe Termine). Im monatlichen Bühnenplan der „Berliner Zeitung“ war eine ausführliche Ankündigung des Stückes zu finden. Anders als dort erwähnt, war die Premiere des Stückes nicht bereits am 15. März, sondern findet am 14. Mai im Schlosstheater Rheinsberg statt. Außerdem sei darauf hingewiesen, dass über der gedruckten Ausgabe des Planes in der „Berliner Zeitung“ deutlich das Wort „Anzeige“ zu lesen ist. Was auch die sprachliche Nähe zur der Ankündigung auf der Theater-Website erklärt.

25.4.2005

Die „Welt“ der Konservativen

In der „Welt“, wo sonst, hat Elmar Krekeler eine Lanze für den Konservatismus gebrochen. Zumindest für das, was er darunter versteht. Im Editorial der Literarischen Welt heißt es unter dem Titel „Konservativ ist in“:

Konservativ sein, hat nichts mit Herrenreitertum zu tun, nichts mit rechts oder links (die Kategorien gelten eh nichts mehr). Konservativ sein ist eine Frage der Konsistenz.

Als schlechtes Beispiel für ein nicht-konservatives, weil inkonsistentes Verhalten wählt Krekeler die SPD. Was sonst. Dabei muss er nicht einmal auf die aktuelle Situation der SPD zurückgreifen. Er bedient sich eines recht prägnanten Tucholsky-Zitates:

„Es ist ein Unglück, daß die SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands heißt. Hieße sie seit dem August 1914 Reformistische Partei oder Partei des kleinern Übels oder Hier können Familien Kaffee kochen oder so etwas -: vielen Arbeitern hätte der neue Name die Augen geöffnet, und sie wären dahingegangen, wohin sie gehören: zu einer Arbeiterpartei. So aber macht der Laden seine schlechten Geschäfte unter einem ehemals guten Namen.“ (Kurt Tucholsky 1920)

Davon abgesehen, dass das Zitat aus dem Jahre 1932 und nicht aus 1920 stammt, macht seine Verwendung einen jähen Wandel im Denken der „Welt“ deutlich. Ist es doch noch gar nicht so lange her, dass sich die Redaktion heftig dagegen wehrte, genau diesen (oder irgendeinen anderen) Tucholsky-„Schnipsel“ wieder hervorzukramen:

Nein, mit diesen „Schnipseln“ des Kurt Tucholsky lässt sich nun wirklich nichts mehr anfangen. Aber die Bettszenen aus seinem „Schloss Gripsholm“, die sollte man natürlich lesen (…)

lautete das Urteil damals. Ist das etwa konsistent? Sicher nicht. Und, in Abwandlung von Krekelers letztem Editorial-Satz, ließe sich somit behaupten: Dass die „Welt“ ihrem eigenen Verständnis nach nicht mehr konservativ ist, hätte sie wohl auch nicht gedacht.

19.4.2005

Strom und Wasser

Es ist schon erstaunlich, zu welchen Themen bisweilen Anthologien veröffentlicht werden. Die Oberhessischen Versorgungsbetriebe AG (Ovag) mit Sitz in Friedberg kümmern sich nicht nur um die Strom- und Wasserversorgung in Oberhessen, sondern sorgen sich auch um das literarische Wohl ihrer Kunden. Zu diesem Zweck geben sie bereits die zweite Sammlung von Texten heraus, die sich mit den von ihnen vertriebenen Produkten beschäftigt: „Der Strom und das Wasser“.

Von den Fluten des Gilgamesch-Epos zum aktuellen Bestseller-Autoren Frank Schätzing („Der Schwarm“), von den Geistern des Meeres und der Flüsse des Philosophen Tschuang-Tse über Schillers „Taucher“, Moby Dick, Mark Twain, Kurt Tucholsky, Hermann Hesse und Ingeborg Bachmann bis hin zu Henning Mankell – über 60 Autoren sind mit ihren Texten in dem neuen OVAG-Buch „Der Strom und das Wasser“ vertreten – ein Buch, das auf 310 Seiten Funken und Strudel aus der Weltliteratur versammelt.

heißt es auf den Internetseiten der Ovag und in der „Frankfurter Neuen Presse“, die die gesamte Pressemitteilung fast wortgleich übernommen hat.

Welchen Text des Strom- und Wasserexperten Tucholsky die Ovag wohl für übernahmewürdig befand? Vielleicht denjenigen über das Wasser-Sanatorium aus den „Nachher“-Stücken:

Weit, äonenweit: Wasser, eine stille Fläche. Sie lag in der Luft wie eine hauchige Scheibe, glasdünn, glasklar, wie mir schien. Ich sagte ihm das. „Es ist nicht klar“, sagte er. „Das ist es eben. Es ist hier zur Erholung, das Wasser. Es ist abgeguckt.“ – „Was ist es -?“ sagte ich. „Es ist abgeguckt“, sagte er. „Sie haben da alle hineingesehn – setzen wir uns. Ich werde Ihnen das erklären.“
(…)
„Sie haben so viel hineingetan, das Wasser ist voll davon, und jetzt ruht es sich aus. Mein Lieber, wer hat da alles Bröckchen des Lebens hineingeworfen! Bröselchen von Schmerz, Erinnerung, Wehleidigkeit, Faulheit, Tobsucht, zerbissene Wut, heruntergeschlucktes Begehren –! Das strengt an. Das arme Wasser liegt hier und ruht. Es muß wieder sauber werden. Es ist vermenscht.“
Kaspar Hauser: „Nachher“, in: Die Weltbühne, 28.12.1926, S. 1019

Nachtrag 20.4.: Auch der „Gießener Anzeiger“ versteht sich bestens darauf, Pressemitteilungen nahezu unverändert abzudrucken.

16.4.2005

Der ganze Hesse

Weil der Suhrkamp-Verlag dieser Tage die Edition von Hermann Hesses Gesamtausgabe fertiggestellt hat, beleuchtet die „FAZ“ aus diesem Anlass die verschiedenen Aspekte von Hesses Werk. So habe es neben dem Schriftsteller Hesse auch den Literatur- und Zeitkritiker gegeben, dessen Betrachtungen durch die Gesamtausgabe nun vollständig zugänglich gemacht worden seien, schreibt Michael Hierholzer in dem Text „Der ganze Hesse“. Und um die Qualitäten Hesses auf den weniger bekannten Gebieten zu betonen, heißt es:

Tucholsky immerhin befand 1931: „Hesses Buchkritiken haben zur Zeit in Deutschland kein Gegenstück. Aus jeder Buchkritik Hesses kann man etwas lernen, sehr viel sogar.“

Das Tucholsky-Zitat ist dabei fast richtig wiedergegeben. Aber nur fast. Denn im Originaltext steht ein „dagegen“ hinter dem Wort „Buchkritiken“. Der positiven Einschränkung geht folgende, eher kritische Passage voran:

Ich halte Hesse für einen Schriftsteller, dessen Qualitäten als Essayist weitaus größer sind als seine dichterischen Eigenschaften. In seinen Dichtungen ist er entweder weitschweifig, zokkersüß, wenn es auch wirklicher, guter Kristallzucker ist und keine Melasse, manchmal wäich und dann wieder säuerlich.
Peter Panter: „Auf dem Nachttisch“, in: Die Weltbühne“, 3.3.1931, S. 321

Den „ganzen Hesse“ besprach Tucholsky aber zu dessen 50. Geburtstag. In einer umfangreichen Würdigung versuchte er, die Kritik an Hesse als einem exemplarischen „deutschen Menschen“ an einem bestimmten Defizit festzumachen:

Was fehlt aber Hesse, was fehlt dem ‚deutschen Menschen‘, das ihn so unleidlich macht, das seine Vorzüge aufhebt, seine Fehler verdoppelt? Was fehlt ihnen -?
(…)
Hesse hat keinen Humor. Der ‚deutsche Mensch‘, der da, den ich meine: er hat keinen Humor. Hätte er ihn, er wäre so nicht.
Ignaz Wrobel: „Der deutsche Mensch“, in: Die Weltbühne, 30.8.1927, S. 332

Ob diese Humorlosigkeit die folgende Feststellung von Hesse-Herausgeber Volker Michels erklären hilft?

Wie Volker Michels berichtete, kommen zu seinen Vorträgen vorwiegend junge Menschen zwischen 18 und 35 Jahren sowie solche im Rentenalter, die offensichtlich in ihrer Jugend Hesse-Lektüre betrieben haben. Die arbeitende Bevölkerung fehle, sagt der Herausgeber lächelnd: Offenbar vertrage es sich nicht, berufstätig zu sein und Hermann Hesse zu lesen.

14.4.2005

„Amerika“ nicht verstehen

Die „Berliner Morgenpost“ weist auf eine Inszenierung nach Motiven von Kafkas Roman „Amerika“ im Theater „Zerbrochene Fenster“ hin. In dem Artikel wird die Feststellung Tucholskys zitiert, wonach Kafkas Protagonist Karl Rossmann „das Leben nicht verstehe“. Nicht erwähnt wird allerdings Tucholskys Nachsatz, wonach Karl damit „recht hat“. Statt dessen heißt es einschränkend:

Man könnte auch sagen, er versteht das amerikanische Leben nicht. Da ist er nicht der Einzige.

Das klingt ein wenig resigniert für eine Zeitung, deren Verlag sich

die Unterstützung des transatlantischen Bündnisses und die Solidarität in der freiheitlichen Wertegemeinschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika

als einen seiner Unternehmensgrundsätze festgeschrieben hat.

8.4.2005

Nachher

Im Postdamer Filmmuseum haben sich am Mittwoch Freunde und Weggefährten des Filmproduzenten Thomas Wilkening getroffen, der Anfang März bei einem Unfall auf der Insel Hiddensee ums Leben gekommen war. In den „Potsdamer Neuesten Nachrichten“ erinnert Autor Matthias Hassenpflug daran, dass Wilkenings teuerstes Filmprojekt die Adaption von Tucholskys Roman „Schloss Gripsholm“ gewesen sei. In dem Text „Stratege und Spieler“ heißt es:

Lydia, gespielt von Heike Makatsch, scheint mit dem Fahrrad einen Abhang direkt in einen See gefallen zu sein. Kurt (Ulrich Noethen) stürzt voller Angst ins Wasser. Doch Lydia steht wohlbehalten am Ufer: „Wir werden doch alle sterben – früher oder später“, verlacht sie ihren Liebhaber.
Thomas Wilkening ist früher gestorben.

Ob der Dialog in dem Film tatsächlich so lautet oder Hassenpflug sich nur leicht verhört hat, sei dahin gestellt. Im Original heißt es ein klein wenig anders, – und das darin enthaltene Wortspiel ließe Wilkenings unerwarteten Tod noch tragischer erscheinen:

Der, der einen Schlafenden beobachtet, fühlt sich ihm überlegen – das ist wohl ein Überbleibsel aus alter Zeit, vielleicht schlummert da noch der Gedanke: er kann mir nichts tun, aber ich ihm. Dieser Frau gab der Schlaf wenigstens kein dümmliches Aussehen; sie atmete fest und ruhig, mit geschlossenem Mund. So wird sie aussehen, wenn sie tot sein wird. Dann liegt der Kopf auf einem Brett – immer, wenn ich an den Tod denke, sehe ich ein ungehobeltes Brett mit kleinen Holzfäserchen; dann liegt sie da und ist wachsgelb und wie uns andern scheint, sehr ehrfurchtgebietend. Einmal, als wir über den Tod sprachen, hatte sie gesagt: „Wir müssen alle sterben – du früher, ich später“ – in diesem Kopf war so viel Mann.

Hallo Kollege!

Eine seltene Form von Tucholsky-Koinzidenz scheint an diesem Freitag in der „Süddeutschen Zeitung“ gegeben zu haben. Im Feuilleton (S. 16) bespricht ein gewisser lmue eine neu erschienene Anthologie, die sich mit dem vielseitigen Phänomen des Nachbarn beschäftigt. In der kurzen Rezension von „Hallo Nachbarn!“ (nicht wie in der SZ: Hallo Nachbar!“) wird erwähnt, dass neben vielen anderen Autoren auch Tucholsky mit einem Text in dem Buch vertreten sei. In der Kürze kann natürlich nicht bei jedem Autor ein Hinweis auf den ausgewählten Text gegeben werden. Aber es wäre keine Überraschung, wenn Herausgeberin Petra Reinfelder das Peter-Panter-Stück „Was machen die Leute da oben eigentlich?“ ausgesucht hätte. Dieser Text beginnt wie folgt:

Motto: Der eigene Hund macht
keinen Lärm – er bellt nur.
(Alte Weisheit)

Womit wir bei dem nächsten SZ-Artikel wären. Dieser steht im Bayernteil (S. 39) und befasst sich mit den LKW-Kolonnen, die sich seit der Einführung der Autobahnmaut über bayerische Bundesstraßen quälen. Autor Martin Zips schreibt:

Roland Heinisch wohnt direkt im Ort. Der kräftige Mann mit dem Knopf im Ohr fährt selber Lastwagen, sagt aber auch, dass er ziemlich froh sei, jetzt endlich schalldichte Fenster zu haben. „Ist ja klar, dass die Lkw hierher fahren. So sparen die sich bis zu 60 Kilometer Mautgebühr. Das würde ich als Spediteur genauso anordnen.“ Lärm ist eben auch immer eine Frage des Gesichtspunkts: „Der eigene Hund macht keinen Lärm, er bellt nur“, sagt Kurt Tucholsky.

Womit wiederum dank der indirekten Mithilfe aus der Feuilletonredaktion schon die Frage geklärt wäre, ob dieses Zitat tatsächlich von Tucholsky stammt.

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