17.1.2006

Antworten

Nach den nicht enden wollenden Lobreden auf Siegfried Jacobsohns „Gesammelte Schriften“ versuchte die FAZ am Wochenende, die Verhältnisse noch einmal zurechtzurücken. In seinem Text „Kollege Jacobsohn oder Ist man Theaterkritiker für die Ewigkeit?“ beantwortet Gerhard Stadelmaier die Frage, die sich sein Kollege von der „Süddeutschen“ vergeblich gestellt hatte: Warum das Werk von Siegfried Jacobsohn nicht annähernd dieselbe Aufmerksamkeit der Nachwelt erhalten hat wie die Schriften seiner Starautoren Kurt Tucholsky und Alfred Polgar.

Aber man durchliest die Tausende von Jacobsohn-Seiten, diese überlangen, oft ohne jeden Absatz, ohne Pausen und Luftholen auskommenden Abhandlungen, ohne auch nur einmal von irgendeinem Hauch, geschweige denn von einem Luftzug angeweht zu werden. Kann sein, daß Jacobsohn für seine Zeit eine republikanische Berühmtheit, ein kritisches Wunderkind war. Aber nichts von ihm ragt zu uns herüber. Kein Stil, keine Haltung, kein Argument, keine Formulierung, kein Witz. Er bleibt ein Zeitverhafteter. Er schrieb wackere, schöne, ausführliche Rezensionen.

Stadelmeier irrt sich jedoch, wenn er schreibt:

Wie er die „Antworten an die Leser“ erfand. Wie er diese „Antworten“ nutzte, um Politisches, Grundsätzliches, den Kritikerberuf Reflektierendes auch dergestalt unterzubringen, daß er schamlos log: „Als Kritiker freut mich das Leben nur, wenn ich loben kann.“

Die „Antworten“ gehen vermutlich auf eine Anregung Tucholskys zurück, was schon dadurch naheliegt, dass die Rubrik wenige Monate nach dessen Eintritt in die Redaktion der „Schaubühne“ eingeführt wurde. In einem späteren Brief ermahnte Jacobsohn seinen Mitarbeiter dazu, nach außen nicht damit zu prahlen, die „Antworten“ erfunden zu haben. Dies solle ein Redaktionsgeheimnis bleiben. Ebenfalls war Tucholsky zeitweise vertraglich dazu verpflichtet, eine bestimmte Anzahl an „Antworten“ beizutragen, wobei Jacobsohn und später Ossietzky sicherlich einen Großteil dieser „Briefe an die Leser“ beisteuerten. Aber eine endgültige Antwort auf die Frage, wer welchen Beitrag verfasste, wird sich wohl nicht mehr finden lassen.

Nachtrag 24.2.2006: Für die Zeitschrift Ossietzky versuchte Otto Köhler mit ziemlich viel Schaum vor dem Mund eine Replik gegen Stadelmaier zu verfassen. Aus Köhlers Text „‚Kollege Jacobsohn‘ – nein danke!“ geht aber nicht so recht hervor, worauf er eigentlich hinaus will. Aber da der Artikel mit dem Satz: „Es sollte ein Geburtstagsartikel werden: Siegfried Jacobsohn, unser Gründervater, wäre am 28. Januar 125 Jahre alt geworden.“ beginnt, sollte man ihn am besten nicht weiterlesen. Gerhard Stadelmaier hat derzeit ohnehin andere Sorgen.

15.1.2006

Ein ganz evangelischer Jude

„Ein ganz gewöhnlicher Jude“ lautet der neue Film von Oliver Hirschbiegel, der am 19. Januar 2006 in den Kinos anläuft. Ben Becker stellt darin den Jude Emanuel Goldfarb dar, der schriftlich dazu eingeladen wird, vor einer Schulklasse über sein Leben als „jüdischer Mitbürger“ im heutigen Deutschland zu sprechen. Der Film zeigt nicht den Auftritt vor der Klasse, – den Goldfarb zunächst entrüstet ablehnt -, sondern seine monologisierende Auseinandersetzung mit dem Etikett des „normalen“ Juden in einem Land, das Jude-Sein alles andere als zu einer Normalität hat werden lassen.

Es kann natürlich kein Zufall sein, dass die Einladung an Goldfarb ausgerechnet von einem Kurt Tucholsky-Gymnasium ausgeht. Auch Tucholsky wollte als „ganz normaler“, assimilierter Jude in Deutschland leben, was so weit ging, dass er im Alter von 24 Jahren aus dem Judentum „austrat“ und sich während des Ersten Weltkrieges sogar evangelisch taufen ließ. Dennoch blieb er in den Augen seiner Gegner immer der „zersetzende Jude“, obwohl er selbst bekannte, dass ihn „die Frage des Judentums niemals sehr bewegt“ habe. Kein Zufall war es wohl dennoch, dass einer seiner letzten Briefe sich sehr eingehend mit dem Judentum befasste. Sein Brief an Arnold Zweig vom 15. Dezember 1935 war eine Bilanz seiner Erfahrungen als deutscher Jude und zugleich eine Abrechnung mit der jüdischen Gemeinde im Nazi-Deutschland.

Emanuel Goldfarb wird sich übrigens dazu durchringen, die Schüler des Tucholsky-Gymasiums zu besuchen.

5.1.2006

Tucholsky goes English

Mit der englischen Sprache stand Tucholsky bekanntlich auf Kriegsfuß:

Ich spreche zum Beispiel miserabel Englisch und verstehe es kaum, und es hat jahrelang gedauert, bis ich mit dem Verstande dieses dumpfe Wutgefühl aus mir herausbekommen habe. Lese oder höre ich heute Englisch, so schmerzt es mich, es nicht gut zu verstehen – aber ich bin auf den Schreibenden oder Sprechenden nicht mehr böse.

schrieb er dazu in einem Essay über „Die hochtrabenden Fremdwörter“ (1930). Mit dieser Abneigung korrespondiert die Tatsache, dass Tucholsky im englischsprachigen Raum ebenfalls kaum bekannt ist. Abhilfe will dem nun ein Weblog schaffen, das von einem in Europa lebenden US-Amerikaner herausgegeben wird.

Indie vom Indeterminacy-Blog hat ein Kurt Tucholsky-Weblog gegründet, auf dem er in Zukunft englische Übersetzungen von Tucholsky-Gedichten veröffentlichen möchte. Den Anfang macht das Gedicht „Das Lächeln der Mona Lisa“. David Raphael Israel vom Kirwani-Blog hat die Übersetzung noch etwas poetischer gestaltet. Über den Grund für seine Tucholsky-Begeisterung schreibt Indie:

Tucholsky was a brilliant and prescient satirist of the Weimar Republic era in Germany who saw exactly where the country was going politically and warned against it. He was so on target, to me it’s as if he could actually see the future. I’m not the first person to call his work visionary. I intend to translate some of his shorter pieces sometime soon, just to show how accurate they still are.

„I hope you have a little bit lucky“, würde wohl ein anderer Deutscher wünschen, der des Englischen ebenfalls nicht sehr mächtig war.

2.1.2006

Urheberrecht und Realität

Der „taz“ ist es an diesem Montag auf elegante Weise gelungen, die versäumte Würdigung von Tucholskys 70. Todestag nachzuholen. Mehr als eine Seite räumt sie in ihrem Feuilleton frei, um den Text „Presse und Realität“ abzudrucken, „dessen Gehalt uns auch heute noch – über 70 Jahre nach dem Tod des Autors – durchaus aktuell erscheinen will“.


Dem Artikel sind erläuternde Bemerkungen an die Seite gestellt, die einige zutreffende Behauptungen enthalten, aber auch etliche Fehler und Merkwürdigkeiten. Zum Beispiel:

„Macht die Bücher billiger“, lautete einer seiner bekanntesten Forderungen. „Druckt Tucholsky umsonst!“ ist so etwas wie ein verspätetes Echo darauf. Es ist unschwer abzusehen, dass sich einige Verlage darauf einrichten werden: Von diesem Jahr an wird es viele Ausgaben seiner Schriften geben.

Hallo!? Sind diese 681 Ausgaben von/über Tucholsky etwa wenige? Zu korrigieren bliebe ebenfalls, dass Tucholsky nicht am 23., sondern am 21. Dezember 1935 gestorben ist. Außerdem floh er nicht vor den Nazis nach Schweden, sondern bereits 1924 vor den Deutschen nach Paris. Dass Peter Panter ohne H geschrieben wird, kann aber jeder mal übersehen.

Etwas verwirrend ist auch die Behauptung, wonach nun jeder Tucholsky nachdrucken dürfe, – mit der Einschränkung: „zumindest in den ursprünglichen, nicht noch einmal nachträglich etwa von einem Herausgeber bearbeiteten Fassungen“. Damit meint die „taz“ vermutlich den Editionsschutz von 25 Jahren, der auf nicht vom Urheber erstellte Sammelwerke gilt. So dürfen die von Tucholsky editierten Sammelbände wie „Mit 5 PS“ nun nachgedruckt werden, während die Ergänzungsbände der „Gesammelten Werke“ noch rechtlich geschützt sind. Dass ein Herausgeber aber Tucholskys Originaltexte bearbeitet hat, dürfte sehr selten geschehen sein. Und wenn, dann möchte man dies eher ungern lesen.

Nachtrag 3.1.2006: Die „taz“ sieht sich bemüßigt, einen Fehler ihres Textes zu berichtigen. Doch keinen der genannten inhaltlichen. Nein, man bedauert lediglich, das Wort Pseudonym „mit dem männlichen Genus“ verknüpft zu haben. Dann hätte man auch so konsequent sein können und darauf hinweisen, dass „die Forderung“ weiblichen Geschlechts ist und es nicht „einer seiner bekanntesten Forderungen“ heißt.

1.1.2006

Der gemeinfreie Tucholsky

Mit dem 31. Dezember ist nicht nur das Jahr 2005, sondern auch der Urheberschutz für die Werke Tucholskys abgelaufen. Vom heutigen Tag an können seine Texte beliebig vervielfältigt und aufgeführt werden. Die bisherige Inhaberin der Rechte, die in Hamburg ansässige Tucholsky-Stiftung, muss in Zukunft auf ihre Lizenzeinnahmen verzichten. Ebenfalls wird der Rowohlt-Verlag nicht mehr exklusiv die Werke Tucholskys vermarkten können.

Verschiedene Verlage haben bereits eigene Tucholsky-Ausgaben angekündigt (DTV, Diogenes). Auch im „Projekt Gutenberg“, das digitalisierte Werke sammelt, sind bereits einige Texte nachzulesen, darunter auch die komplette Erzählung „Schloß Gripsholm“. Mit dieser kostenlosen Ausgabe werden sogar die Hoffnungen übererfüllt, die 1932 ein Oberrealschüler aus Nürnberg mit dem Tod Tucholskys verband:

„Lieber Herr Tucholsky!
Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen zu Ihren Werken meine vollste Anerkennung ausspreche. Das wird Ihnen zwar gleichgültig sein – aber ich möchte doch noch eine weitere Bemerkung hinzufügen. Hoffentlich sterben Sie recht bald, damit Ihre Bücher billiger werden (so wie Goethe zum Beispiel). Ihr letztes Buch ist wieder so teuer, daß man es sich nicht kaufen kann.
Kurt Tucholsky: „Avis an meinen Verleger“, in: Die Weltbühne, 1.3.1932

Dem Oberrealschüler waren die Werke Tucholskys offenbar besser vertraut als die Einzelheiten des deutschen Urheberrechtes, denn sonst hätte er sich ausrechnen können, dass er frühestens im hohen Alter von fast 90 Jahren in den Genuss einer billigeren Tucholsky-Ausgabe hätte kommen können. Vielleicht geht sein Jugendwunsch nun endlich in Erfüllung.

31.12.2005

Zensur à la Tucholsky

In ihrer Reihe über Auswüchse der DDR-Zensur hat sich die „Berliner Zeitung“ in dieser Woche mit den Werkausgaben Kurt Tucholskys befasst. Wie aus Siegfried Lokatis‘ Text „Dialektik“ hervorgeht, fiel es den Zensurbehörden der DDR naturgemäß nicht leicht, mit den marxismus-kritischen Passagen im Werk des bürgerlichen Antifaschisten Tucholsky umzugehen. Wie sah das konkret aus?

Arno Hausmann zensierte Tucholsky im Geist eines fürsorglichen Erbsachwalters, nicht etwa „nur wegen der uns obliegenden politischen Aufgaben“, sondern auch „aus der Achtung, die wir dem Andenken Tucholskys schulden.“ „Eine unkritische, womöglich vollständige Neuherausgabe all dessen, was Tucholsky schrieb“, sei, so Hausmann 1955, „nicht denkbar“: „Lebte er heute noch, so würde er gewiss vieles aus dieser 1919 zusammengestellten Auswahl herausstreichen, wie er damals schon vieles beiseite legte, was nicht mehr taugte. Wir sollten es wie Tucholsky machen.“

Kein Wunder, dass Tucholsky-Herausgeber Fritz J. Raddatz 1958 schließlich entnervt in den Westen verschwand. Dessen Nachfolger Roland Links bescheinigt Lokatis dagegen ein geschickteres Vorgehen bei der Publikation. So sei es Links gelungen, systemkritische Texte in der sechsbändigen Werkausgabe unterzubringen.

In der DDR konnte sich 1973 (im Band 6, Schloß Gripsholm, Auswahl 1930-1932) nur Tucholsky leisten, Trotzki positiv zu zitieren („Die Zeit“), die theoretischen Grundannahmen des Marxismus mit Freud zu kritisieren („Replik“) und der „kommunistischen Theologie“ den Gebrauch des Wortes „Dialektik“ zu verbieten („B.Traven“).

In einem Punkt irrt Lokatis jedoch. Zwar sind in den westdeutschen Ausgaben die Texte in der Tat chronologisch geordnet, dennoch hatte sich Raddatz entschieden, nicht die Originalfassungen, sondern die von Tucholsky selbst bearbeiteten Versionen der Sammelbände zu publizieren. Erst in der Gesamtausgabe wurde diese Praxis geändert.

24.12.2005

Blaue Pseudonyme

Die „Berliner Zeitung“ hat sich die „kleine Tucholsky-Revue“ angeschaut, die das Berliner Ensemble aus Anlass von Tucholskys 70. Todestag am 21. Dezember aufführte. In ihrem Text „„Ich bin mich endlich los“ hat Carmen Böker hier und da etwas an der Inszenierung auszusetzen, im Großen und Ganzen scheint ihr der Abend jedoch gefallen zu haben.

Ein interessantes Farbkonzept (Bühne/Kostüme: Meentje Nielsen) hält die Truppe optisch zusammen: Alle tragen Kleidung in abgestuften Blautönen – vom fast weißen Hellblau bei der kessen Naiven (Müller) bis zum marineblauen Zweireiher des seriösen Satirikers (Seifert). Bei allen sind die Lippen expressionistisch tintenblau getönt – ein Effekt aus der Stummfilmära, historisch naheliegender und tiefgründiger als die Idee, die älteste im Bunde, Ruth Glöss, für ihre „Schnipsel“-Einstreuungen in einen Rollstuhl zu verfrachten.

Der Tucholsky-Abend ist wieder am 27.12. (19 Uhr), 12.1. (20.15 Uhr), 17.1. (20.30 Uhr) zu sehen.

21.12.2005

Würdigungen III. – …

Die Art und Weise, wie der 70. Todestag Tucholskys in den Medien behandelt wurde, sagt hoffentlich wenig über den Zustand der deutschen Presse.

Da sind zum einen die sogenannten Qualitätszeitungen wie „FAZ“ und „Süddeutsche“. Findet sich in deren Feuilletons etwa ein Text zu diesem Anlass? Mitnichten. Dabei ist gerade der 70. Todestag eines Autors eine gute Gelegenheit, sich mit dessen Rezeptionsgeschichte zu befassen und einen Ausblick zu wagen, wie es nach dem Wegfall des Urheberschutzes weitergeht.

Da sind zum anderen die Regionalzeitungen. Viele von ihnen haben immerhin in ihren Online-Ausgaben eine Würdigung abgedruckt, die die Nachrichtenagentur dpa verbreitet hatte. Da die dpa-Texte meist ungeprüft auf den Seiten erscheinen, ist kaum zu erwarten, dass ein Redakteur die falsche Behauptung korrigiert, wonach Tucholskys Einbürgerungseintrag von den schwedischen Behörden abgelehnt worden sei. Den Druckfehler „Einbürgeung“ hat natürlich ebenfalls niemand gesehen . Eine löbliche Ausnahme bildet die „Mitteldeutsche Zeitung“, die den Leiter des Rheinsberger Tucholsky-Museums, Peter Böthig, zum Thema interviewte.

Da sind die Berliner Blätter. Das „Neue Deutschland“ nimmt das Erscheinen des 19. Bandes der Gesamtausgabe zum Anlass, sich über den Brief- und Vielschreiber Tucholsky zu äußern, die „Berliner Zeitung“ findet einen eher persönlichen Zugang zu dem Schriftsteller, der die lächerlichen Schwächen der Menschen so gnadenlos bloßstellte.

Und zu guter Letzt ist da noch die Nachrichtenagentur AP, die den wohl innovativsten Text über Tucholsky verfasste. Wer deren Artikel mit dem entsprechenden Tucholsky-Text in der Wikipedia vergleicht, kann sehr schön erkennen, wo die Zukunft des Journalismus liegt.

13.12.2005

Würdigungen, die I.

Noch sind es einige Tage hin, bis Tucholskys Todestag sich zum 70. Mal jährt. Die Reihe der zu erwartenden Würdigungen wurde am Sonntag bereits im Berliner „Tagesspiegel“ eröffnet. Stefan Berkholz hat sich zu diesem Zweck auf die Suche nach Tucholsky-Zeugnissen in dessen Heimtstadt Berlin gemacht. Leider Fehlanzeige, wie es in dem schönen Artikel „Die giftgrüne Tinte des Satirikers“ heißt:

Der Weizsäcker-Senat forderte damals, 1983, eine „Tucholsky-Gedenkstätte“ im Literaturhaus in der Fasanenstraße einzurichten, die gesamte Stadtvilla womöglich nach Tucholsky zu benennen. Verwirklicht wurde davon nichts. Die Benennung nach Tucholsky fiel gleich flach, ein nach ihm benannter Raum blieb übrig. Von einer Gedenkstätte redet heute längst keiner mehr. Hinter dem Plastikschild lärmt der erweiterte Kaffeehausbetrieb. Alle anderen Bemühungen in der Stadt, zum Beispiel in Tucholskys Geburtshaus in Moabit eine Dokumentationsstätte zu errichten, sind längst zu den Akten gelegt. Man hat also zu reisen.

Berkholz tat gut daran, nach Rheinsberg zu fahren. Denn im dortigen Tucholsky-Literaturmuseum fand er nicht nur eine Ausstellung zu dem Schriftsteller, sondern noch eine weitere zu dessen Publikationsorgan „Die Weltbühne“. Die schaute er sich gleich mit an und ergänzte den Bericht um einige Bemerkungen zur Rolle radikaldemokratischer Medien in der Weimarer Republik.

Und was hat es mit der giftgrünen Tinte aus der Überschrift auf sich, die bei dem Schreibmaschinenfetischisten Tucholsky sicherlich vertrocknet sein dürfte?

In Schaukästen ein paar Fundstücke: ein Leihzettel aus der Königlichen Bibliothek in Berlin, von Tucholsky handschriftlich ausgefüllt; etwas Kitsch aus Tucholskys schwedischem Nachlass, eine Keramikvase, ein Tintenfass, beides giftgrün.

Ein Satiriker war er aber ganz gewiss.

12.12.2005

Im Dichter-Olymp

Wer es in den Lyrikkanon von Marcel Reich-Ranicki geschafft hat, darf sich als Dichter selbst postum noch auf die Schulter klopfen. Tucholsky scheint es dem FAZ-Literaturkritiker ohnehin angetan zu haben. Jüngst hatte er noch Schloß Gripsholm als einen „der bedeutenderen Romane des vergangenen Jahrhunderts, die geprägt sind von Humor, Witz, Ironie, Komik“ hervorgehoben. Am Sonntag gehörte nun das Gedicht „Parc Monceau“ zu der exklusiven Auswahl von Stücken, die von der „FAS“ aus dem 1370 Texten des Lyrikkanons ausgewählt und präsentiert wurden. Jeder Redakteur erläuterte kurz die Gründe für seine Wahl. Peter Körte schrieb zu „Parc Monceau“:

Es klingt so einfach, so klar, als flögen die Reime vorbei und ließen sich kurz nieder wie der kleine Vogel. Das sogenannte lyrische Ich arbeitet wie eine Kamera, die ihren Blick durch den Raum schweifen läßt; sie streift das Beiläufige mit milder Ironie wie in einem frühen Film von Truffaut, und wenn man das heute liest, denkt man auch weniger an die zwanziger Jahre als an den Blick der Nouvelle Vague oder an einen Roman von Patrick Modiano, an ein sonniges Paris, und es wird einem ganz leicht dabei.

„Parc Monceau“ ist aber nicht das einzige Tucholsky-Gedicht, das in dem Kanon enthalten ist. Die anderen Texte lauten: „Letzte Fahrt“, „Luftveränderung“, „Das Ideal“, „Ideal und Wirklichkeit“, „Aus!“, „Danach“, „Augen in der Großstadt“ und „An das Baby“. Womit Reich-Ranicki bewiesen hat, dass er auch ein hervorragender Herausgeber von Schullesebüchern wäre.

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