5.3.2006

Sammeln für Salzmann

Für die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 durch die deutschen Studenten hatte Kurt Tucholsky kaum mehr als ein Achselzucken übrig:

In Frankfurt haben sie unsere Bücher auf einem Ochsenkarren zum Richtplatz geschleift. Wie ein Trachtenverein von Oberlehrern.
Nun aber zu Ernsthafterem.

… schrieb er am 17. Mai 1933 in einem Brief an Walter Hasenclever.

Sehr viel ernsthafter hat sich Georg P. Salzmann mit diesem Thema beschäftigt. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges sammelt er an seiner
„Bibliothek der verbrannten Bücher“. Rund 10.000 Exemplare hat er inzwischen beisammen. Doch es ist gar nicht so einfach, wie das Neue Deutschland berichtet, irgendwo im Lande einen dauerhaften Aufbewahrungsort für die „Salzmann-Sammlung“ zu finden. Nun besteht laut ND Hoffnung, dass sich in der Stadt Greifswald ein Platz für die Bücher auftut. Allerdings sei es noch nicht gelungen, die 800.000 Euro aufzutreiben, die Salzmann für seine Sammlung haben möchte.

Auch Tucholskys zu Lebzeiten erschienene Bücher sind Bestandteil der Bibliothek. Die Tucholsky-Gesellschaft hat die Patenschaft für das Buch „Deutschland, Deutschland über alles“ übernommen. Dies mit gutem Grund. Denn von diesem Werk fühlten sich die Studenten 1933 besonders angegriffen, wie das ND berichtet:

Auch in Greifswald haben 1933 Studenten auf dem Marktplatz die Bücher angezündet. Sie schrieben u. a. in einem Aufruf an die Bevölkerung: „Ein Tucholsky beispielsweise hat sich … unsere Feindschaft durch die Tatsache geschaffen, dass er in seinem Buch ‚Deutschland über alles‘ unsere Feldherren als Tiere bezeichnete (…)“

Wobei sich die Studenten irrten. Denn die Montage der Generalsköpfe mit der Bildunterschrift „Tiere sehen dich an“ stammte von John Heartfield. Aber Tucholsky wollte in der Öffentlichkeit die Verantwortung für das komplette Buch übernehmen, wie am 1. März 1931 an Jakob Wassermann schrieb:

Das Blatt ‚Tiere sehen dich an‘ ist nicht von mir. Es stammt von dem Bildermann John Heartfield, der das Buch ausgestattet hat.
Herr Heartfield hatte, was vereinbart war, auch selbständig einige Bilder mit Unterschriften montiert, wie man sagt – und als ich die Druckbogen bekam, war noch nicht alles fertig. Dann hielt ich das fertige Buch in der Hand, sah jene Seite und bekam einen Klaps vor den Magen.
Mein erster Gedanke war: „Schade, daß dir das nicht eingefallen ist“ – mein zweiter war: „Hm …“ und dabei ist es denn bis jetzt geblieben.
Das ist nicht meine Satire. Es ist mir zu klobig; ich habe mit Ihnen nicht das leiseste Mitgefühl für die dargestellten Typen, die mir in ihrer Wirksamkeit hassenswert erscheinen. – aber ich hätte das nie so formuliert. Die Beleidigung der Tiere schmeckt mir nicht, und das trifft es auch nicht: unter „tierisch“ verstehe ich in solchem Zusammenhang etwas Dumpfes, Animalisches – also etwa einen brutalen Henker … nicht diese da.
Ich habe den Sturm, den dieses Bild seit Jahren erregt, ruhig über mich ergehen lassen, und ich gedenke auch weiterhin die Sache zu decken, und nicht mit einem Protest an die Öffentlichkeit zu gehen. Daher bitte ich auch Sie, diesen Brief durchaus als eine private Meinungsäußerung aufzufassen. Ich habe Ihnen das geschrieben, weil ich vor Ihnen gern richtig dastehen möchte: also nur mit den Fehlern, die ich wirklich begangen habe.

23.2.2006

Diktatorische Requisiten

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung beschäftigt sich in ihrer heutigen Ausgabe mit dem besonderen Verhältnis von Diktatoren zum Medium Film. Enno Patalas stellt in seinem Text „Die manipulierten Manipulatoren“ die folgende, etwas gewagte These auf:

Nirgends sonst und nie zuvor oder danach sind Kino und Macht so intime Verbindungen eingegangen wie im Italien, Deutschland und Rußland Mussolinis, Hitlers und Stalins, und kein anderes Medium hat sich bei den Diktatoren eines so intensiven Interesses erfreut.

Nun gut, damals gab es eben noch kein Fernsehen. Aber ob die Nationalsozialisten nicht viel stärker auf das Radio setzten, wäre sicherlich ebenfalls eine Überlegung wert gewesen.

Dass man Adolf Hitler vom Äußeren her recht früh mit einem prominenten Filmstar assoziierte, ist auch Patalas aufgefallen:

Früh schon mußte Hitlers Erscheinungsbild sich den Vergleich mit einer Filmfigur gefallen lassen. „Und da ist plötzlich der Führer gekommen. Er hat einen Bart wie Chaplin, aber lange nicht so komisch“ (Kurt Tucholsky in einem „Schulaufsatz“). Soziales Schicksal und Charakterzüge des Mannes Hitler und der Filmfigur Charlie ähneln sich.

Auf die Ähnlichkeit des englischen Komikers mit dem deutschen Politiker spielte Tucholsky noch ein weiteres Mal an:

Chaplin hat Hitler um die Leihweise Hergabe seines Schnurrbarts gebeten. Die Verhandlungen dauern an.
Kaspar Hauser: „Kleine Nachrichten“, in: Die Weltbühne, 15.3.1932, S. 411

Vermutlich hat Charly Chaplin in dem Film „Der große Diktator“ aber nicht das Original benutzt.

15.2.2006

„Dem Satiriker gab ein Gott zu sagen, was sie treiben“

Nachdem der erste Rauch brennender Botschaften sich verzogen hat und viele Positionen im Streit um die Mohammed-Karikaturen ausgetauscht wurden, sollte sich einmal Zeit genommen werden, Tucholskys Satireverständnis und -praxis genauer zu betrachten. Dass die Satire „alles“ dürfe, ist in jüngster wohl häufig genug wiedergekäut worden. In zahlreichen Artikeln und Briefen hat sich Tucholsky aber sehr differenziert mit der Satire, ihren Grenzen und ihren Kritikern auseinandergesetzt. Vor allem die „Briefe an eine Katholikin“ geben Auskunft über Tucholskys Verhältnis zur Religion im politischen Kampf.
Grenzen der Satire
In dem vielzitierten Text „Was darf die Satire?“ wird Anfangsfrage erst ganz zum Schluss mit einem kategorischen „Alles“ beantwortet. Ganz zum Schluss deshalb, weil Tucholsky zunächst definiert, was er unter einer angemessenen Satire zu verstehen glaubt. Dazu zählen für ihn Angriffe, die die Wahrheit aufblasen, damit sie umso deutlicher hervortritt. Die die Welt gut haben wollen und gegen das Schlechte anrennen. Die boshaft sein können, wenn sie nur ehrlich sind. In diesem Sinne darf die Satire „alles“, – auch Kollektivitäten angreifen, wenn nicht jeder in dem Kollektiv den Angriff verdient hat.
Weniger bekannt als der berühmte Satire-Text ist eine Analyse aus dem Jahre 1912, in der Tucholsky sich über „Die moderne politische Satire in der Literatur“ ausbreitet. Darin heißt es lapidar: „Der Satiriker darf keine, aber auch gar keine Autorität anerkennen.“ Der gesamte Abschnitt, in den dieser Satz eingebettet ist, ist ebenfalls sehr aufschlussreich:

Aus diesen klaren und richtigen Worten folgt zweierlei: erstens, daß man verstanden haben muß, bevor man karikiert, daß man überhaupt nur das satirisch behandeln kann, was man in seinem tiefsten Kern begriffen hat, und zweitens, daß notwendigerweise die rechtsstehenden Parteien keine gute Satire haben können, weil das restlose Kapieren der Dinge Objektivität und oft genug Respektlosigkeit erfordert. Der Satiriker darf keine, aber auch gar keine Autorität anerkennen. Das widerstrebt den Priestern der Autorität und den Halben, Lauen, und niemals werden sie eine künstlerisch gute Satire hervorbringen können (…)

Ähnlich äußerte sich auch Titanic-Mitbegründer Robert Gernhardt in der jüngsten Debatte, als er in einem Interview erklärte: „Eine einzige Grenze [der Satire] gibt es da, wo ich mich nicht auskenne.“ Tucholskys Aussagen zu politischen Satiren lassen sich aber nicht uneingeschränkt auf religiöse Themen übertragen, wie die im Folgenden zitierten Passagen zeigen.

Satire und Religion
In der Karikaturen-Debatte wurde häufig die Frage aufgeworfen, ob Satire nicht stärker Rücksicht auf religiöse Gefühle nehmen müsse. Auch diese Frage lässt sich mit Bezug auf Tucholsky nicht mit einem pauschalen Ja oder Nein beantworten. Für Tucholsky hatten die christlichen Kirchen durch ihr Verhalten im Ersten Weltkrieg zu viel von ihrer Glaubwürdigkeit verloren, um sich von Staats wegen weiter vor Kritik schützen zu lassen. Er griff sie daher scharf an, wenn sie seiner Meinung nach aus dogmatischen Überzeugungen die weltliche Not der Gläubigen nicht zu lindern halfen, sondern sie durch strikte Forderungen noch vergrößerten. Dies galt in Fragen der Sexualmoral und der allgemeinen Lebensführung.
Tucholskys Vorteil bestand natürlich darin, dass er mit der Amtskirche oder der katholischen Zentrumspartei eine deutliche Zielscheibe für seine Kritik besaß. Ihm ging es jedoch nicht darum, das Christentum oder religiöse Überzeugungen im allgemeinen verächtlich zu machen. Dies geht auch aus der Feststellung hervor:

Die Satire hat eine Grenze nach oben: Buddha entzieht sich ihr.
»Schnipsel«, in: Die Weltbühne, 8.3.1932

Tucholsky beklagte sich aber darüber, dass von katholischer Seite diese Selbstbeschränkung nicht ausreichend wahrgenommen wurde. So wehrte er sich gegen entsprechende Vorwürfe, die ihm im Zentrumsblatt Germania von der Journalistin Marierose Fuchs gemacht wurden. Seine Entgegnung lautete:

Ist nicht überall sauber unterschieden zwischen der Kirche als Hort des Glaubens, über den ich mich niemals lustig gemacht habe – und der Kirche als politische Institution im Staat?
Brief an Marierose Fuchs vom 14.8.1929

Scharf attackierte er aber die Position des Zentrums, sich im politischen Kampf auf religiöse Überzeugungen zurückziehen zu wollen:

Also darf man sich nicht auf das „Heilige“, auf das „religiöse Empfinden“ zurückziehen, wenns einem grade paßt. Das ist nicht ehrlich.
Brief an Marierose Fuchs vom 17.12.1929

Und weiter:

In dem Augenblick aber, wo die Kirche sich erdreistet, uns andern ihre Sittenanschauungen aufzwingen zu wollen –
unter gleichzeitiger Beschimpfung der Andersdenkenden
als „Sünder“ –
in dem Augenblick halte ich jede politische Waffe für erlaubt – auch den Hohn, grade den Hohn. Und zwar nicht den dummen, abgestandenen gegen die Pfarrersköchin – grade den lehne ich aus tiefstem Herzen ab.

Ebenso verwahrte er sich gegen den überkommenen Anspruch der Religionen, die Gesellschaft vor einer Verwahrlosung der Sitten zu schützen:

Es gibt kein religiöses Monopol der Ethik, Millionen von anständigen und sittlich gefestigten Menschen schmähen die Kirche nicht, leben aber bewußt und ganz und gar an ihren Lehren vorbei, und sie tun recht daran. Es ist unrichtig, daß der, der die Lehren der Kirche überwunden hat, ein sittlich minderwertiges Individuum ist.
In: „Auch eine Urteilsbegründung“

An zahlreichen Stellen betonte er aber, sich aus rein religiösen Fragen herauszuhalten:

Wenn ernste und große katholische Männer über ihre Religion sprechen und nur über diese, so schweige ich.
Brief an Marierose Fuchs vom 28.7.1930

Was Tucholsky jedoch nicht als Freibrief für theologische Spekulationen galt, wonach letztlich doch jeder Mensch eine verborgene religiöse Ader besäße:

Ihr müßt euch schon daran gewöhnen, daß es sehr vergnügte Heiden gibt – die geht das gar nichts an. Feuerländer sind keine Widerlegung gegen die französische Grammatik – sie beweisen aber, daß es auch ohne diese Grammatik geht.
Brief an Marierose Fuchs vom 27.12.1930

Satire und ihre Kritiker
Schon der Text „Was darf die Satire?“ war ein einziger Appell an die politischen Kontrahenten, satirische Angriffe nicht bierernst, sondern mit einem gewissen Humor zu nehmen.

Wir sollten nicht so kleinlich sein. (…) Das ist kein rechter Mann und kein rechter Stand, der nicht einen ordentlichen Puff vertragen kann. Er mag sich mit denselben Mitteln dagegen wehren, er mag widerschlagen – aber er wende nicht verletzt, empört, gekränkt das Haupt.

Diese Aufforderung verhallte im politisch aufgeheizten Klima der Weimarer Republik ungehört. Tucholsky selbst musste Anfang der zwanziger Jahre damit rechnen, als Jude und politisch links stehender Journalist ebenso wie Maximilian Harden das Opfer eines Attentats zu werden. Allerdings lässt sich nicht belegen, inwieweit dieses Bedrohungsgefühl sein Schreiben beeinflusste. Der Wechsel nach Paris wurde jedoch von der aggressiven, ihm unangenehmen Stimmung in der deutschen Gesellschaft und Politik mitbestimmt. Als Rechtfertigung für diese Flucht könnte der Artikel „Wie mache ich mich unbeliebt“ vom Oktober 1924 dienen:

Wenn man ganz sichergehen will, gleich eine ganze Kompanie auf Jahre hinaus zu verärgern, dann braucht man nur Witze über einen Stand zu reißen. Man tue es – gehe aber unmittelbar nach Begehung des Delikts außer Landes. (…) Wenn du aber auf alle Grafen, auf die Postschaffner und auf den Kaufmannsstand etwas sagst – und nun gar etwas Lustiges –: dann verteile die Güter dieser Erde – Anzüge, Blumentöpfe und Zeitschriftenabonnements – an deine Kinder; ordne deine Schulden – Miete, Effekten und Zeitschriftenabonnements – und entwetze. Dein Leben ist verwirkt.

Beinahe verzweifelt wirkt der Appell, mit dem er den Artikel beschließt:

Dem Satiriker gab ein Gott zu sagen, was sie treiben. Man kann ja nun nicht gerade verlangen, daß der Großpapa, dem der Enkel einen kleinen Flitzbogenpfeil in die hintere, untere Schlafrockseite bohrt, dem guten Kind auch noch einen Bonbon gibt. Aber nicht gleich aufspringen und mit harten Gegenständen werfen. Die Würde muß es sich gefallen lassen, daß sie manchmal am Bart gezupft wird. (Auch Bartlose haben einen Bart, mitunter.)
Denn die moderne Sorte Humorist muß heute noch mit einem Schutzpanzer umhergehen:
Gute Leute! Nicht schießen!

Anfang 1932, als die Machtbeteiligung der Nationalsozialisten nur noch eine Frage der Zeit zu sein schien, stellten die Weltbühne-Herausgeber Tucholsky und Carl von Ossietzky jedoch Überlegungen an, bestimmte Artikel aus Furcht vor Übergriffen nicht zu drucken. Zwar hatte Tucholsky noch im März 1932 geschrieben:

Satire hat auch eine Grenze nach unten. In Deutschland etwa die herrschenden faschistischen Mächte. Es lohnt nicht – so tief kann man nicht schießen.

Gleichzeitig verfasste er aber den satirischen Schulaufsatz „Hitler und Goethe“, in dem er die Rhetorik der Nazi-Bewegung verspottete. Jedoch warnte er Ossietzky davor, diesen Artikel bei einem möglichen Erfolg Adolf Hitlers bei der Wahl zum Reichspräsidenten abzudrucken:

Mein Aufsatz über Hitler. Ich habe mich nicht klar ausgedrückt. „Stichwahl“ gibts ja gar nicht. Ich schlage also vor, daß ich nach der zweiten Wahl schreibe – wenn er geschlagen wird. Man kann, wenn der morgige Tag besondere Überraschungen bringt, vielleicht zwischen den beiden Wahlen schreiben – aber das ist so unsicher … ich mag nicht gegen Hitler das gröbste Geschütz auffahren, dann wird er gewählt, ich bin nicht da … aber Sie sind da.
Brief an Carl von Ossietzky, 12.3.1932

Der Artikel erschien schließlich am 17. Mai 1932. Tucholsky hielt sich damals in Schweden auf, Ossietzky war hinter preußischen Gefängnismauern sicher verwahrt.
Resümee
Aus den zitierten Text- und Briefstellen geht hervor, dass Tucholskys Position in Sachen Satire nicht auf die Position „sie darf alles“ reduziert werden sollte. Vor allen in religiösen Fragen unterschied er klar zwischen den geistigen Inhalten und den daraus entspringenden gesellschaftlichen Ansprüchen. Dass diese Trennung den Glaubensvertretern selbst schwerer fällt, liegt in der Natur der religiösen Überzeugungen.
Die Positionen Tucholskys lassen sich zum Teil uneingeschränkt auf die heutigen Verhältnisse übertragen. Zum anderen lässt sich die von ihm gepflegte Trennung zwischen Glaubensinhalten und Politik teilweise nur schwer aufrechterhalten. Dies zeigt sich beispielsweise an der Debatte über die Evolutionstheorie in den USA. Ein Anhänger des Schöpfungsglaubens kann sich nicht darauf berufen, dass die Lehren Charles Darwins seine religiösen Gefühle verletzten und dadurch verboten werden müssten. Ein Beispiel für eine gelungene religiöse Satire ist in diesem Sinne die Persiflage der amerikanischen Satire-Zeitung The Onion auf die Vertreter des „intelligenten Designs“: „Evangelikale Wissenschaftler ersetzen Schwerkraft durch neue Theorie des „Intelligenten Fallens“.
Von den Onion-Redakteuren ist bislang nicht bekannt geworden, dass sie außer Landes gegangen sind. Aber um es noch einmal zu wiederholen: „Gute Leute! Nicht schießen!“

14.2.2006

Selten so vermutet

Was dem einen sein Witz, ist dem anderen seine Beleidigung, lässt sich nicht nur anhand dieses aktuellen Beispiels belegen. Daher ist auch die Frage müßig, ob die eine Nation mehr oder weniger Humor als die andere hat. Bei Literaturen sind diese Vergleiche nicht viel sinnvoller, wie uns niemand Geringeres als Marcel Reich-Ranicki zu beweisen versucht. Wenn Sie diesen fragten, – was ein Mr. John Grey aus Brighton getan hat -, warum Schiller nicht so witzig wie Shakespeare dichtete, antwortete er, unter vielem anderen:

Dennoch wage ich zu vermuten, daß, von der englischen abgesehen, kaum eine Literatur der Welt so viel Humor habe wie die deutsche. Und daß also die gegenteilige Behauptung bloß ein Klischee sei, das von Generation zu Generation ungeprüft weitergereicht werde.

Erstaunlicherweise hat Tucholsky, für Reich-Ranicki ein Autor mit „Pfiff und Humor“, zu diesem Klischee sein Scherflein beigetragen. Allerdings versuchte er zwischen dem deutschen Humor an sich und seinem literarischen Niederschlag zu unterscheiden. So heißt es in „Etwas vom Humor“, einem der wenigen Tucholsky-Texte, die in der Frankfurter Zeitung erschienen:

Wir Deutschen haben Humor – ja, man kann fast versucht sein, zu sagen, deutscher Humor, das sei fast ein Pleonasmus, so wie deutsche Musik. Und beinahe ist es in der Tat auch so.
Doch haben wir nicht viele Humoristen.

Letzterem würde Reich-Ranicki widersprechen, aber Tucholsky bezog sich vermutlich auf die Gegenwart des Jahres 1918, das in dieser Hinsicht nicht viel zu bieten hatte. Denn wer erinnert sich noch an Stefan von Kotze, den Tucholsky in seinem Text als Naturbursche des Humors anpreist.

Wenn jemand wie Reich-Ranicki aber nur zu „vermuten“ und nicht zu „behaupten“ wagt, scheint er seiner Sache wirklich nicht sehr sicher zu sein. Wie lässt es sich sonst erklären, dass ausgerechnet Deutschlands prominentester Literaturkritiker in diesem Satz in einen falschen Konjunktiv verfällt. Vielleicht ist die deutsche Sprache einfach zu schwer, um gute Witze zu machen. Auch nur so ’ne Vermutung.

11.2.2006

Der Jahrhundertkerl

Am 17. Februar 2006 ist es 150 Jahre her, dass der deutsche Dichter und Journalist Heinrich Heine seine Pariser Matratzengruft für immer verlassen musste. Nach dem 250. Geburtstag Wolfgang Amadeus Mozarts schon der zweite Jubiliäumsevent in diesem noch jungen Jahr.

Kein Wunder, dass sich die Zeitungen schon mal in Würdigungen warm laufen. In der aktuellen Literaturbeilage der Welt finden sich gleich zwei Texte, in denen die naheliegende Verbindung zwischen Heine und Tucholsky geschlagen wird. So antwortet Robert Gernhardt in einem Interview auf die Frage, ob die deutsche Literatur tatsächlich so humorfern wie ihr Ruf sei:

Nein, es trifft nicht zu. Heine steht ja keineswegs allein. Er bezog sich auf Lessing, der keinem Streit aus dem Weg ging und dabei auch seinen Witz einsetzte. Aber er hätte auch Lichtenberg nennen können, dessen Witz noch heute zündet. Auch Gellert und selbst Goethe haben komische Gedichte geschrieben, die heute noch zum Lachen sind. Und nach Heine hört die Reihe der deutschen Dichter nicht mehr auf, die komische Wirkung anstreben und auch erzielen: Auf Heine folgt Wilhelm Busch, dann Morgenstern, dann Ringelnatz, dann Tucholsky, dann Brecht, dann Kästner, dann Jandl. Nein, die komische Lyrik zieht sich wie ein roter Faden durch die deutsche Literaturgeschichte der letzten 250 Jahre.

In einem weiteren Text stellt Heine-Biograph und Tucholsky-Herausgeber Fritz J. Raddatz seine Alliterationsfähigkeiten unter Beweis: „Derlei Pirouetten eines unzuverlässigen Elegant verabscheute der biedere Barde Börne“, heißt es in „Die Moderne beginnt – hier“. Dem Artikel zufolge hat sich Heine bei seinen letzten Worten leicht versprochen: „Dieu me pradonnera, c’est son métier“, soll er gesagt haben, aber das rare Tucholsky-Zitat ist korrekt wiedergegeben:

Die Moderne hat das Individuum eingesetzt als einzig zuverlässige Größe, vom Aufkünden jeglicher Gefolgschaft, die ein Tucholsky in die Zeilen goß „was ist der Unterschied zwischen Mussolini, Stalin und Hitler? Ja, wer das wüßte“ (..)

schrieb, Verzeihung, goss er im Frühjahr 1932 in ein Buch, das er dem Schriftsteller Walter Mehring widmete.

Und in welches Verhältnis zu Heine setzte sich Tucholsky selbst? Darüber gibt beispielsweise der Text „Bänkelbuch“ Auskunft, in dem es heißt:

Herr Kästner und Herr Tiger sind Talente: Heinrich Heine aber ist ein Jahrhundertkerl gewesen. Einer, dessen Liebes-Lyrik – mit Ausnahme der letzten Lieder – dahin ist; aber einer, der das Schwert und die Flamme gewesen ist, eine Flamme, die bis zu Nietzsche hinaufloderte.

… und der mit der berühmten Feststellung endet:

Die Zahl der deutschen Kriegerdenkmäler zur Zahl der deutschen Heine-Denkmäler verhält sich hierzulande wie die Macht zum Geist.

Woran sich die Preisfrage anschließen lässt: Wo steht das Heine-Denkmal, das sich durch das folgende, leicht verspielte Detail auszeichnet:

Foto: © www.sudelblog.de

Nachtrag 17.2.: Die Antwort findet sich hier.

10.2.2006

Eine kurze Geschichte der Blasphemie

Je länger der Karikaturenstreit andauert, desto merkwürdigere Details kommen ans Tageslicht. Ein positiver Effekt der Debatte dürfte aber darin bestehen, dass sich die Öffentlichkeit noch einmal darüber klar wird, was es eigentlich zu verteidigen gilt und was in der europäischen Geistesgeschichte schon alles überwunden wurde. Einen umfassenden Versuch in diese Richtung unternahm Martin Halter, dessen entsprechender Text in der Badischen Zeitung und der Hannoverschen Allgemeinen erschien. Darin kommen auch zeitgenössische Karikaturisten zu Wort, die selbstredend wenig Verständnis dafür aufbringen, sich ausgerechnet in religiösen Dingen eine Zensur aufzuerlegen:

„Bei Karikaturen werden immer Menschen verletzt“, sagt Heribert Lenz; „ein positiver Witz ist kein Witz“. Selbst eher unpolitische Cartoonisten wie Hans Traxler oder Ralf König springen ihren Kollegen von „Jyllands-Posten“ jetzt mit Solidaritätskarikaturen bei: „Wenn der Westen nicht dagegen hält“, warnt König, „ist’s bald vorbei mit Presse- und Meinungsfreiheit.“

In seinem historischen Abriss kommt Halter an Tucholsky natürlich nicht vorbei:

Tucholskys berühmtes „Was darf Satire? Alles“ war 1919 mehr Manifest als Zustandsbeschreibung (und allenfalls die halbe Wahrheit); aber Kabarettisten, Karikaturisten und Schriftsteller glaubten sich damals noch in der historischen Offensive: Eine Religion, die das Schlachten des Weltkriegs segnete, schrieb Tucholsky 1929 zum Grosz-Prozess, habe das Recht verloren, sich über Schändung und Kränkung zu beklagen. Wenn jemand „Gefühle verletzt“ habe, dann eine Kirche, deren Autorität „rechtens in die Binsen gegangen“ sei.

Mit einem wahrhaft dialektischen Ausspruch von Meister Eckhart wartet Halter gegen Ende seines Textes auf: „Wer Gott selbst lästert, lobt Gott“, habe der Mystiker damals geraunt. Nur zur Erinnerung: In dem Karikaturenstreit geht es um alles mögliche, nur nicht um den lieben Gott.

3.2.2006

Der lustigste Philosoph der Welt

Aus Anlass einer Chaplin-Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen wird hier und da darauf hingewiesen, dass Tucholsky ein glühender Verehrer des englischen Komikers war. In dem Text „Der berühmteste Mann der Welt“ empfahl er seinen Lesern von 1922:

Er ist, wie alle großen Komiker, ein Philosoph. Versäumen Sie nicht, ihn sich anzusehen. Sie lachen sich kaputt und werden ihm für dieses Lachen dankbar sein, solange Sie leben.

28.1.2006

Schlürfende Zitate

Die „Neue Zürcher“ widmet sich in ihrem Artikel „Übersetzerhonorare als Existenzbedrohung“ dem Streit zwischen deutschen Verlagen und Buch-Übersetzern. Autor Joachim Güntner hat wohl einmal davon gehört, dass Tucholsky früher gegen die Verleger polemisierte. Das sollte aber dennoch kein Grund sein, ihm folgendes Zitat zuzuschreiben.

Da sie nicht erst seit Kurt Tucholsky als Ausbeuter karikiert werden, die «aus den Hirnschalen» der kreativen Urheber «Champagner trinken», ist ihnen klar, dass sie in der Öffentlichkeit mit strikt wirtschaftlichen Argumenten nicht durchdringen werden.

Dieser Satz stammt von einem anderen Journalisten, der jüngst häufiger mit Tucholsky in Verbindung gebracht wurde. Und zwar von dem im vergangenen September verstorbenen Erich Kuby, der im November 2005 postum den Tucholsky-Preis erhielt. Korrekt lautet das Kuby-Zitat übrigens: Verleger schlürfen ihren Champagner aus den Gehirnschalen der Journalisten. Tucholskys Formulierung lautete dagegen: „So jagen Sie den sauern Schweiß Ihrer Autoren durch die Gurgel – kein Wunder, daß Sie auf Samt saufen, während unsereiner auf harten Bänken dünnes Bier schluckt. Aber so ist alles.“

Hunde in der Großstadt

Die Berlin-Korrespondentin des „Wiesbadener Kuriers“, Antje Schmelcher, hat sich auf recht humorvolle Weise mit dem Verhältnis der Hauptstädter zu ihren vierbeinigen Freunden auseinandergesetzt. „Wie heilige Kühe dürfen Berliner Hunde überall und jederzeit ihre Exkremente hinterlassen“, heißt es in „Warum die Hauptstadt auf den Hund gekommen ist“ zutreffend. Schmelcher schrieb nicht nur feinsinnige Beobachtungen aus jahrelanger Erfahrung auf („meine Tochter konnte zuerst bellen und dann erst sprechen“). Nein, sie beschäftigte sich auch mit Berlins hündischer Vergangenheit und deren literarischer Aufbereitung.

Aber was sagten eigentlich Berlins berühmte Flaneure über die Hunde? Von Kästner bis Tucholsky taucht in keiner Polemik ein Hund auf.

Was Tucholsky betrifft, ist diese Behauptung schlicht unzutreffend. Als bekennender Hundehasser ließ er kaum eine Gelegenheit aus, über „unsere gefiederten Lieblinge“ herzuziehen. Schrieb er 1922 zwar noch „Nein, ich hasse den Hund gar nicht“ und machte sich in „Der Hund als Untergebener“ eher über die „bestimmte Gattung Mensch, die ihn behandelt wie ein Brigadekommandeur die unterstellte Formation“ lustig, beschwerte er sich in späteren Texten heftig über das unablässige, sinnlose Gebelle. „Wenn einen nicht das Sinnloseste stört, das es auf Gottes Erdboden gibt: Hundegebell“, heißt es in „Französische Provinz“ (1927). Kurz nach seinem Umzug in den Pariser Vorort Le Vesinet klagte er:

Die im Prospekt garantierte ff. Morgenstille ist nicht geliefert worden. (…) Es hört sich an, als ob sich die Rotte Korah meilenweit mit einemmal übergäbe – wenn morgens die Lieferanten an den Häusern klingeln, steht der ganze Horizont in Flammen. Sie reißen an den Stricken, sie springen gegen die Gitter, sie flöhen sich, belfern, quietschen, jaulen, in den Triefaugen Treue zum Futternapf und zum angestammten Herrscherhause, durchaus konservativ und gegen die landfremden Elemente.

Zu Klassikern für Hundehasser gerieten die Feuilletons „Zwei Lärme“ und der berühmte „Traktat über den Hund, sowie über Lerm und Geräusch“ mit seinen Abschnitten 1. Scherz, 2. Satire und 3. Ironie und tiefere Bedeutung. Deren Quintessenz lautet in einem Satz zusammengefasst:

Hundebesitzer sind die rücksichtslosesten Menschen auf der Welt.

17.1.2006

Antworten

Nach den nicht enden wollenden Lobreden auf Siegfried Jacobsohns „Gesammelte Schriften“ versuchte die FAZ am Wochenende, die Verhältnisse noch einmal zurechtzurücken. In seinem Text „Kollege Jacobsohn oder Ist man Theaterkritiker für die Ewigkeit?“ beantwortet Gerhard Stadelmaier die Frage, die sich sein Kollege von der „Süddeutschen“ vergeblich gestellt hatte: Warum das Werk von Siegfried Jacobsohn nicht annähernd dieselbe Aufmerksamkeit der Nachwelt erhalten hat wie die Schriften seiner Starautoren Kurt Tucholsky und Alfred Polgar.

Aber man durchliest die Tausende von Jacobsohn-Seiten, diese überlangen, oft ohne jeden Absatz, ohne Pausen und Luftholen auskommenden Abhandlungen, ohne auch nur einmal von irgendeinem Hauch, geschweige denn von einem Luftzug angeweht zu werden. Kann sein, daß Jacobsohn für seine Zeit eine republikanische Berühmtheit, ein kritisches Wunderkind war. Aber nichts von ihm ragt zu uns herüber. Kein Stil, keine Haltung, kein Argument, keine Formulierung, kein Witz. Er bleibt ein Zeitverhafteter. Er schrieb wackere, schöne, ausführliche Rezensionen.

Stadelmeier irrt sich jedoch, wenn er schreibt:

Wie er die „Antworten an die Leser“ erfand. Wie er diese „Antworten“ nutzte, um Politisches, Grundsätzliches, den Kritikerberuf Reflektierendes auch dergestalt unterzubringen, daß er schamlos log: „Als Kritiker freut mich das Leben nur, wenn ich loben kann.“

Die „Antworten“ gehen vermutlich auf eine Anregung Tucholskys zurück, was schon dadurch naheliegt, dass die Rubrik wenige Monate nach dessen Eintritt in die Redaktion der „Schaubühne“ eingeführt wurde. In einem späteren Brief ermahnte Jacobsohn seinen Mitarbeiter dazu, nach außen nicht damit zu prahlen, die „Antworten“ erfunden zu haben. Dies solle ein Redaktionsgeheimnis bleiben. Ebenfalls war Tucholsky zeitweise vertraglich dazu verpflichtet, eine bestimmte Anzahl an „Antworten“ beizutragen, wobei Jacobsohn und später Ossietzky sicherlich einen Großteil dieser „Briefe an die Leser“ beisteuerten. Aber eine endgültige Antwort auf die Frage, wer welchen Beitrag verfasste, wird sich wohl nicht mehr finden lassen.

Nachtrag 24.2.2006: Für die Zeitschrift Ossietzky versuchte Otto Köhler mit ziemlich viel Schaum vor dem Mund eine Replik gegen Stadelmaier zu verfassen. Aus Köhlers Text „‚Kollege Jacobsohn‘ – nein danke!“ geht aber nicht so recht hervor, worauf er eigentlich hinaus will. Aber da der Artikel mit dem Satz: „Es sollte ein Geburtstagsartikel werden: Siegfried Jacobsohn, unser Gründervater, wäre am 28. Januar 125 Jahre alt geworden.“ beginnt, sollte man ihn am besten nicht weiterlesen. Gerhard Stadelmaier hat derzeit ohnehin andere Sorgen.

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