14.9.2008

Mediale Waschmaschine

„Zunächst soll man seinen Gegner nicht im Bett aufsuchen“, schrieb Tucholsky 1932, als die Linkspresse die Homosexualität des SA-Führers Ernst Röhm publik machte. Gilt diese Einschätzung auch dann, wenn es sich nicht um den politischen Gegner, sondern um einen Parteifreund handelt? (Was ja häufig genug identisch ist.)

In einem aktuellen Fall sollen Parteifreunde das Gerücht befördert haben, wonach ihr Regierungschef eine nicht folgenlos gebliebene Affäre mit einer Sekretärin hatte. Die Schwierigkeit bei solchen Bettgeschichten besteht jedoch darin, sie an die Öffentlichkeit zu bringen, ohne als Urheber bekannt zu werden. Das sollen dann bitte die Medien übernehmen. In diesem Fall setzte die Bild-Zeitung das Gerücht auf die erste Seite ihrer Regionalausgabe. Das Besondere an der Aktion: Der Betroffene lieferte das Dementi gleich mit. Dem gingen offenbar interne Diskussionen voraus, wie die ansässige Lokalzeitung berichtet:

In der Opposition hält man es dagegen für einen Fehler, einem bis dato nicht publizierten Gerücht dadurch den Boden entziehen zu wollen, indem man es in einer bundesweit erscheinenden Zeitung dementiert. In der Staatskanzlei wurde dem Interview-Wunsch von Bild dem Vernehmen nach erst nach intensivem Abwägen stattgegeben.

Offen bleibt, ob und was gedruckt worden wäre, wenn die Staatskanzlei das Interview abgelehnt hätte. Im Fall Seehofer war die Bild-Zeitung nicht gerade zimperlich vorgegangen.

Das Blatt hatte damals argumentiert:

Wer sein Privatleben groß plakatiert, wer es politisch einsetzt, muss sich daran messen lassen. Und genau das tun wir.

Im vorliegenden Fall könnte es darum gegangen sein, dem Politiker mit den bloßen Gerüchten zu schaden. Was auch dann funktioniert, wenn er sie prominent dementiert.

Für die Seriosität der bundesdeutschen Medien spricht, dass bis auf besagte Lokalzeitung, eine weiteres Springer-Organ sowie ein Internet-Boulevardmagazin niemand das Gerücht nebst Dementi aufgegriffen hat. Die eigentliche Geschichte lautet ohnehin: Wollen die „Parteifreunde“ ihren politisch angeschlagenen Chef möglicherweise weiter diskreditieren? Und falls ja, welche Rolle sollte die Presse bei solchen Intrigenspielen übernehmen?

Was Letzteres betrifft, so hat Paul Krugman in seiner jüngsten New York Times-Kolumne das unkritische Verhalten der Medien mit dafür verantwortlich gemacht, dass politische Lügenkampagnen erfolgreich sein können:

Warum glauben die Leute von McCain, dass sie mit diesem Kram davonkommen? Sie rechnen offenbar mit der üblichen Praxis der Nachrichtenmedien, um jeden Preis „ausgewogen“ zu sein. Wir wissen, wie es läuft: Wenn ein Politiker sagt, dass Schwarz Weiß ist, heißt es in der Nachrichtenmeldung nicht, dass er unrecht hat, sondern dass „irgendwelche Demokraten sagen“, dass er sich irrt. Oder einer grotesken Lüge der einen Seite wird eine unbedeutende Falschbehauptung der anderen an die Seite gestellt, wodurch der Eindruck befördert wird, dass beide Seiten gleichermaßen schmutzig sind.

Hauptsache, die Medien bleiben dabei sauber.

13.9.2008

Ein Staatsbürger in Uniform

Oberstleutnant Jürgen Rose ist sicher einer der ungewöhnlichsten Offiziere in der Geschichte der Bundeswehr. Es gibt wohl nicht viele unter seinen Kameraden, die gegen die Stationierung von Atomwaffen auf deutschem Boden demonstrieren und dabei Sätze sagen würden wie:

Für all jene Soldaten, die sich an der nuklearen Massenvernichtung beteiligen, gilt das bekannte Verdikt des scharfzüngigen Publizisten und leidenschaftlichen Pazifisten Kurt Tucholsky: Diese Soldaten sind Mörder.

Nur zur Erinnerung: 1932 verklagte das Reichswehrministerium wegen dieses Satzes den Weltbühne-Herausgeber Carl von Ossietzky, noch Ende der 90er Jahre strebte die schwarz-gelbe Koalition deswegen einen Ehrenschutzparagrafen für die Bundeswehr an. Zwei Jahre zuvor hatte das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass das Zitieren von Tucholskys Diktum durch die Meinungsfreiheit gedeckt sei.

Die Verbindung von Rose zu Tucholsky kommt nicht von ungefähr. So vertrat Rose im Oktober vergangenen Jahres die Soldatengruppierung Darmstädter Signal, die Zielen der Friedensbewegung nahe steht, auf einer Podiumsdiskussion zur Aktualität Tucholskys pazifistischer Positionen. Das vollständige Transkript der Diskussion wurde vor kurzem veröffentlicht. Regelmäßige Leser des Freitag oder des Ossietzky werden darin bekannte Positionen Roses wiederfinden. Interessant ist die Lektüre vor allem, um die rhetorischen Leistungen der beiden auf dem Podium vertretenen Offiziere zu vergleichen. Allerdings sprach natürlich nicht Rose, sondern Oberstleutnant Uwe Ziesak für die Bundeswehr.

Was sagt die Tatsache, dass ein Offizier wie Rose weiterhin der Bundeswehr angehört, über die Bundeswehr selbst? Tucholsky hatte für Einschätzungen gesellschaftlicher Gruppen eine Regel aufgestellt:

Kollektivurteile sind immer ungerecht, und sie sollen und dürfen ungerecht sein. Denn wir haben das Recht, bei einer Gesellschaftskritik den niedersten Typus einer Gruppe als deren Vertreter anzusehen, den, den die Gruppe grade noch duldet, den sie nicht ausstößt, den sie also im Gruppengeist bejahend umfaßt.
Ignaz Wrobel: „Deutsche Richter“, in: Die Weltbühne, 12.4.1927, S. 581

Im Sinne Tucholskys taugt Rose somit nicht als Maßstab für ein solches Kollektivurteil, da ein friedensliebender Offizier als höchster Vertreter seiner Gruppe angesehen werden müsste.

Aber mit seinen Positionen hat sich Rose in der Bundeswehr alles andere als Freunde gemacht, von einem Bußgeld wegen Kritik am KSK abgesehen. Der Spiegel zitierte im März 2008 aus einer „politischen Hass-Mail“ an Rose:

„Ich beurteile Sie als Feind im Inneren und werde mein Handeln danach ausrichten, diesen Feind im Schwerpunkt zu zerschlagen“, schreibt Daniel K. Er distanziere sich von „diesem linken Zeitgeistkonglomerat uniformierter Verpflegungsempfänger“, Rose solle zurückkehren in „die Sümpfe des Steinzeitmarxismus“.

Dass es in einer rund 250 000 Soldaten starken Armee Menschen gibt mit höchst divergierenden politischen Ansichten, kann weder erstaunen noch die Wehrkraft gefährden. Was Daniel K. jedoch im Folgenden in seiner E-Mail schreibt, legt den Verdacht nahe, dass er sich als Teil einer Gruppe sieht, die linksdenkende Kameraden mehr als verachtet: „Sie werden beobachtet, nein nicht von impotenten instrumentalisierten Diensten, sondern von Offizieren einer neuen Generation, die handeln werden, wenn es die Zeit erforderlich macht.“ In einem Postskriptum schließt er seine Tiraden mit dem Satz: „Es lebe das heilige Deutschland.“

Es ist bislang nicht bekannt, dass die Bundeswehr diese „Offiziere einer neuen Generation“ nicht dulden würde.

20.7.2008

Schirmherr Tucholsky

Eines der amüsantesten Pressefotos zum Thema Bundeswehr und Kriegsgegner wurde am 20. Juli 1999 in Berlin geschossen, oder pazifistischer ausgedrückt: geknipst. Man findet es im Ullstein-Archiv hier.

Die Geschichte dazu stand am Samstag noch mal bei der taz, unter der passenden Überschrift: „Tucholsky hat Recht“.

31.1.2008

Wiedersehen vor Gericht

Der Deutschlandfunk hat sich eine Studie zu Justizberichten in den 20er Jahren angeschaut und steigt in seine Rezension mit folgender Behauptung ein:

Wer an Gerichtsreportagen der 20er Jahre denkt, wenigstens was Deutschland angeht, dem wird zu allererst Kurt Tucholsky einfallen. Doch der sarkastische und wütende Kritiker von Gesinnungs- und Klassenjustiz kommt im Buch von Daniel Siemens nur ein einziges Mal namentlich vor, nämlich als einer jener Prominenten der Weimarer Republik, die sich erfolglos für die Abschaffung der Todesstrafe einsetzten.

Doch dieser Vorwurf trifft Daniel Siemens zu Unrecht. Wer an Gerichtsreportagen der 20er Jahre denkt, dem sollten zunächst einmal Journalisten wie Paul Schlesinger alias Sling oder Gabriele Tergit in den Sinn kommen. Dagegen weniger Dr. iur. Tucholsky. Zwar finden sich in der Tat ungezählte Justizkritiken in seinem Werk, allen voran die dreiteilige Serie „Deutsche Richter“ von 1927. Aber eigentliche Reportagen hat er nur über ausgesuchte politische Prozesse geschrieben, wie beispielsweise nach dem Attentat auf Maximilian Harden. Außerdem lebte Tucholsky während der 20er Jahre nun einmal die meiste Zeit nicht in Deutschland. Deshalb konnte er am 5. April 1927 sein freudiges „Wiedersehen mit der Justiz“ feiern:

Es ist noch alles da.
Wenn man das drei Jahre lang nicht genossen hat: die moabiter Justizfabrik und die unhöflichen Gerichtsdiener und diese Richterköpfe und die kleinen verschreckten Schöffen, Mikrozephalen oder Kolonialwarenhändler, und die artigen Verteidiger, die immer ein bißchen etwas vom Komplicen an sich haben, und die Angeklagten, die nicht wissen, wie ihnen geschieht – wenn man das drei Jahre lang nicht genossen hat, so darf man erfreut feststellen, daß noch alles da ist. Justitia . . . Ein Vormittag, und die Binde sitzt hinten.

30.1.2008

Gekotze aus dem Radio

Heute vor 75 ist Adolf Hitler von Reichspräsident Paul von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt worden. Das ist auch der Nachrichtenagentur dpa nicht entgangen, und sie hat ihre Kunden vor einigen Tagen mit einem Hintergrundtext zur „Machtergreifung“ beliefert. Der Artikel wurde von einigen Medien übernommen – mitsamt der folgenden, in mehrfacher Hinsicht unzutreffenden Passage:

Am Abend ziehen in Berlin gut 20 000 SA-Leute und Stahlhelm-Angehörige in einem stundenlangen Fackelzug durch das Brandenburger Tor und die Wilhelmstraße hinunter. Tausende beobachten den Aufmarsch, an einem Fenster der Reichskanzlei auch Hitler. Beim Rundfunk haben die Nazis eine Live-Berichterstattung durchgesetzt. Der Satiriker Kurt Tucholsky hört am Radio mit und prägt seinen Spruch: «Man kann gar nicht so viel fressen, wie man kotzen möchte.»

Nun gibt es bei den Tucholsky-Zitaten von Wikiquote aus gutem Grund einen Abschnitt mit der Überschrift „Fälschlich zugeschrieben“. In diese Kategorie gehört auch der laut dpa von Tucholsky geprägte Spruch. Als sein eigentlicher Urheber gilt der Maler Max Liebermann. Dieser brauchte nicht einmal ein Radio, um den Aufmarsch live mitzuverfolgen. Er musste nur aus dem Fenster schauen, – denn sein Haus lag direkt am Brandenburger Tor.

Bis Tucholsky die Gelegenheit hatte, „Adofn“ zum ersten Mal im Radio zu hören, sollte es noch einen Monat dauern. Am 4. März 1933 schrieb er von Zürich aus an seinen Freund Walter Hasenclever:

Vorgestern haben wir hier einen Radio installiert und Adof gehört. Lieber Max, das war sehr merkwürdig. Also erst Göring, ein böses, altes blutrünstiges Weib, das kreischte und die Leute richtig zum Mord aufstachelte. Sehr erschreckend und ekelhaft. Dann Göbbeles mit den loichtenden Augen, der zum Vollik sprach, dann Heil und Gebrüll, Kommandos und Musik, riesige Pause, der Führer hat das Wort. Immerhin, da sollte nun also der sprechen, welcher … ich ging ein paar Meter vom Apparat weg und ich gestehe, ich hörte mit dem ganzen Körper hin. Und dann geschah etwas sehr Merkwürdiges.

Dann war nämlich gar nichts. Die Stimme ist nicht gar so unsympathisch wie man denken sollte – sie riecht nur etwas nach Hosenboden, nach Mann, unappetitlich, aber sonst gehts. Manchmal überbrüllt er sich, dann kotzt er.

Und nicht Tucholsky. Dessen Resümee lautete: „Ceterum censeo: ich habe damit nichts zu tun.“

16.12.2007

Kegelbruder Kauder

Volker Kauder schätzt sich glücklich, seit 31 Jahren mit ein und derselben Frau verheiratet zu sein. Das sagte der CDU-Fraktionschef in einem Interview der Bild am Sonntag. Und nutzte die Gelegenheit, von seinen scheidungswütigen Parteikollegen zu verlangen, dass sie bestimmte Maßstäbe einhalten. Auf die Frage: „Was darf ein CDU-Spitzenpolitiker privat – und was nicht?“, antwortete er:

Er muss sich immer seiner öffentlichen Verantwortung bewusst sein und damit rechnen, für das, was er tut, Rechenschaft ablegen zu müssen. Gemäß Tucholsky: Wer öffentlich kegelt, der muss sich auch öffentlich nachzählen lassen, wie viel er getroffen hat.

Nun mag Kauder etwas vom Kegeln und Eheleben verstehen, aber Tucholsky in diesem Zusammenhang zu zitieren, ist schon grob fahrlässig. Es sei an den preußischen Innenminister Albert Grzesinski (SPD) erinnert, der 1930 wegen einer außerehelichen Affäre zurücktreten musste. Damals schrieb Tucholsky:

Der Minister war verheiratet und darf sich beim Zentrum bedanken, daß eine Scheidung, wie sie unter sauber und anständig denkenden Menschen mitunter nötig und nützlich ist, nicht durchzuführen war. Die Katholiken terrorisieren das Land mit einer Auffassung vom Wesen der Ehe, die die ihre ist und die uns nichts angeht. Die Frau des Ministers verhinderte die Scheidung. Der Minister lebt mit einer Frau, der er nicht angetraut ist. Gezischel. Klatsch. Hämische Blicke. Briefe. Radau. Krach. Sturz.

Es ist eine gute Gelegenheit, einmal auf die maßlose Verlogenheit des deutschen öffentlichen Lebens hinzuweisen. Bei uns verlangen die Leute von ihren politischen Gegnern, die im öffentlichen Leben stehen – und nur von ihren Gegnern – eine Lebensführung aus dem Bilderbuch. Der Politiker hat ein braver Ehemann zu sein, er hat ein ‚vorbildliches Familienleben‘ zu führen, er hat um keinen Deut anders zu essen, zu trinken, zu lieben und zu arbeiten als ein Buchbinder aus Eberswalde. Weicht er von dieser Linie ab, dann geht es los. […]

Warum hat kein bedeutender Politiker den Mut, einmal gegen diesen Muff aufzustehen? Das geht nicht? Das geht schon; es gehört Mut dazu. Warum sagt keiner, wie es wirklich ist?

„Ich habe keine Zeit, mich jeden Abend zu besaufen, weil das meine Gesundheit schädigt und weil ich das nicht mag. Aber alle zwei, drei Monate bin ich bei mir mit Freunden zusammen, und da kann es denn vorkommen, daß ich ein Glas zu viel trinke und einen kleinen sitzen habe. Und ihr -?

Ich bin verheiratet, und ich bin meiner Frau natürlich nicht treu. Ihr seids auch nicht. Fast niemand von euch, der ein bewegtes Leben führt, ist es. Ich treibe keine übeln Schweinereien, ich halte mir keinen Stall von Mätressen, und ich beschäftige keine Kupplerin. Aber denkt nur: es ist vorgekommen, daß ich auf Reisen oder nach einem Ball mit einer Frau geschlafen habe, die nicht die meine war. Und das geht euch einen Schmarren an. Und wenns euch nicht paßt, dann seht nicht hin. Und kümmert euch um eure eignen Angelegenheiten.

Ich führe ein Leben, das von Besprechungen, Vorträgen, Aktenbearbeitung, Reden, Versammlungen, Repräsentation bis an den Rand gefüllt ist – ich bin kein Fresser, aber ich verachte keinen guten Happenpappen. Und ihr -?

Ich bin wie ihr, wie die Mehrzahl von euch – nicht besser, nicht schlechter. Lügt nicht, Pharisäer, lügt nicht.“

Warum sagt das keiner -?
Ignaz Wrobel: „Bettschnüffler“, in: Die Weltbühne, 11.3.1930, S. 388ff

Immerhin muss man Kauder zugute halten, dass er die moralischen Maßstäbe nicht beim politischen Gegner anlegt. Die man auch dann nicht „im Bett aufsuchen“ sollte, wenn es sich dabei um Nazis handle, schrieb Tucholsky, als 1932 in der Presse die Homosexualität des SA-Führers Ernst Röhm publik gemacht wurde.

Das von Kauder gebrauchte Zitat lautet übrigens im Original:

Wer in der Öffentlichkeit kegelt, muß sich vom Kegeljungen sagen lassen, wieviel er getrudelt hat.
Kurt Tucholsky: „Hoppe – hoppe – Reiter!“, in: Arbeiterstimme (Dresden), 21.9.1929

Damit räumte Tucholsky ein, sich für sein Buch Deutschland, Deutschland über alles auch öffentliche Kritik gefallen lassen zu müssen.

22.7.2007

Kleine Rundschau I

Kurt-Kurt
Der Berliner „Tagesspiegel“ berichtet über ein Kunstprojekt, das in Kurt Tucholskys Geburtshaus in Berlin-Moabit gestartet ist. Worin der Bezug zu Tucholsky besteht, geht aus dem Artikel nicht ganz hervor, auch wenn sich die Autorin eifrig darum bemüht, Verbindungen herzustellen. Aber das war auch schon bei der Ankündigung von „Kurt Kurt“ nicht anders zu erwarten gewesen.


Beleidigter Jurist
Mit einer kuriosen Klage wegen Beleidigung musste sich das Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg in Stuttgart beschäftigen. Ein Gewerkschaftssekretär der IG Metall soll einem Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes vorgehalten haben, er „halte es mit Tucholsky der bereits gesagt habe: ‚Er war Jurist und auch sonst von mäßigem Verstand'“, wie aus dem Gerichtsbeschluss vom 25. Juli hervorgeht. In dem Prozess hat der Richter herausgefunden, dass das Zitat „Er war ein guter Jurist und auch sonst von mäßigem Verstand“ gar nicht von Tucholsky, sondern von Ludwig Thoma stammt. Und zieht den Schluss:

Einen Grund beleidigt zu sein, hätte vor allem Dr. jur. Kurt Tucholsky, dem ein Zitat von Ludwig Thoma in den Mund bzw. den literarischen Nachlass geschoben wurde.

Demnächst soll sich das Amtsgericht Oberndorf am Neckar mit dem schwierigen Fall befassen, heißt es auf den Seiten von „personal-magazin.de“.

Das ND mag die Gesamtausgabe
Klaus Bellin hat sich für das Neue Deutschland Band 19 der Tucholsky-Gesamtausgabe angeschaut. Seine Rezension nutzt Bellin auch stark dazu, sich mit der Gesamtausgabe als solcher auseinanderzusetzen.

22.5.2007

Was nicht drin steht

Der „Spiegel“ mokiert sich darüber, dass der Bundestag nicht die Bestechung von Abgeordneten unter Strafe stellen möchte. Anders als bei Beamten, heißt es in dem Artikel „Beeinflusst, nicht bestochen“ (Heft 21, Seite 38), greife der einschlägige Paragraph 108e StGB1 bisher nur in ganz seltenen Fällen bei Parlamentariern. Am Endes des Textes heißt es spiegelhaft süffisant:

Die Abgeordenten stellen sich taub. Es scheint, als glaube das Berliner Parlament fest, was der Satiriker Kurt Tucholsky 1932 schrieb: „Ich höre immer: Korruption. In Deutschland wird nicht bestochen. In Deutschland wird beeinflusst.“

Da sieh einer an. Da waren die Politiker 1932 schon genau so ehrlich wie heute und hatten es auch damals gar nicht nötig, ihr dickes Diätenkonto aufbessern zu müssen.

Aber Moment. Tucholskys Artikel „Zyniker“, aus dem das Zitat entnommen ist, befasst sich ja gar nicht mit Politikern. Sondern – mit der Presse. Und warum erwähnt der „Spiegel“ das nicht? Auch das hat sich seit 1932 nicht geändert. Tucholskys nächster Satz nach dem Zitat lautet:

Und was in der Zeitung steht, ist nicht halb so wichtig wie das, was nicht drin steht.

P.S.: Der frühere Bundestagsabgeordnete Oswald Metzger (Grüne) hat die „Spiegel“-Geschichte in seinem Blog bei „Focus“ (!) umgehend aufgegriffen und bewiesen, dass er Tucholsky-Zitate fehlerfrei abschreiben kann. Passend zu Thema Beeinflussung ein Kommentar des Nutzers Bernhard Meier:

Herr Metzger – sie schreiben den Blog hier doch auch nicht für lau. Die Inhalte erinnern mich irgendwie immer stark an ihre Mitgliedschaft bei der INSM. Die scheinen auch gut zu zahlen.
Mit Korruption möchte ich das nicht vergleichen wohl eher Beeinflussung.

PPS: „Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust lässt sich von solch kleinen Aufmerksamkeiten deutscher Unternehmen sicherlich nicht beeinflussen.


1(1) Wer es unternimmt, für eine Wahl oder Abstimmung im Europäischen Parlament oder in einer Volksvertretung des Bundes, der Länder, Gemeinden oder Gemeindeverbände eine Stimme zu kaufen oder zu verkaufen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Neben einer Freiheitsstrafe von mindestens sechs Monaten wegen einer Straftat nach Absatz 1 kann das Gericht die Fähigkeit, Rechte aus öffentlichen Wahlen zu erlangen, und das Recht, in öffentlichen Angelegenheiten zu wählen oder zu stimmen, aberkennen.

4.2.2007

Falsch zitieren ist eine Schande

In Brandenburg wogt zurzeit eine heftige Debatte darüber, ob ein Sexualstraftäter nach dem Verbüßen seiner Haftstrafe wieder frei gelassen werden darf. Wobei das Problem im Falle Ostdeutschlands auch darin besteht, dass für Vergehen, die vor dem 1. August 1995 begangen wurden, keine nachträgliche Sicherungsverwahrung verhängt werden darf. Im Berliner Tagesspiegel beschäftigte sich Steffen Hudemann mit dem Thema und analysierte ausführlich die Problematik. Dabei kam auch Tucholsky kurz zu Wort:

„Sicherungsverwahrung ist eine Schande“, schrieb Kurt Tucholsky 1928 in der „Weltbühne“. „Sie darf in keiner Form Gesetz werden – in keiner.“

Auch Tucholsky hatte sich damals recht ausführlich mit dem Thema auseinandergesetzt. In dem dreieinhalbseitigen Artikel „Die Sicherungsverwahrung“ vom 4. Dezember 1928 wandte er sich vor allem gegen Überlegungen, die Todesstrafe durch eine Sicherungsverwahrung zu ersetzen und somit eine echte lebenslange Haftstrafe einzuführen. Daher auch sein Einwurf:

Der Kuhhandel: hie Todesstrafe – hie Sicherungsverwahrung ist eine Schande.

Dass Hudemann das Zitat „Der Kuhhandel (…) ist eine Schande“ nicht in seinem Text stehen haben wollte, ist durchaus verständlich, schließlich geht es darin nicht einmal peripher um Landwirtschaft. Aber so ist er ein guter Kandidat für das Satrire-Ressort von Spiegel-Online unter der Rubkrik „Aus dem Zusammenhang gerissen und falsch zitiert“. Hinzu kommt, dass die „Sicherungsverwahrung“, die Tucholsky nie Gesetz werden lassen wollte, eher an die willkürliche „Schutzhaft“ der Nationalsozialisten erinnerte.

Denn warum Tucholsky sich damals so vehement gegen die Sicherungsverwahrung einsetzte, machen folgende Stellen deutlich:

Die Delikte ›Hochverrat‹, ›Landesverrat‹, ›Störungen der Beziehungen zum Ausland‹ und ›Angriffe gegen die Wehrmacht oder die Volkskraft‹ haben nicht nur den von den Franzosen erfundenen Begriff ›potentiel de guerre‹ in das neue Strafgesetz eingeschmuggelt, sondern sind derartig formuliert, daß ihre zu befürchtende Anwendung zu einer völligen Knebelung der freien politischen Meinung führen wird, soweit die noch frei ist. Es ist für jeden Reichsgerichtsrat eine Spielerei, aus einem konsequenten Politiker einen ›Gewohnheitsverbrecher‹ zu machen und damit einen, den man – hei! – lebenslänglich einsperren kann. Er kann froh sein, wenn man ihn nicht, wie Herr Böters das neulich im ›Berliner Tageblatt‹ vorgeschlagen hat, kastriert.

   Auf diese Richter ist nicht der leiseste Verlaß. Eine solche unerhörte Erweiterung ihrer Ermächtigung ist unangebracht, gefährlich und ein Verbrechen an der politischen Entwicklung Deutschlands, die, wenn es mit diesem Gesetz ernst wird, damit aufgehört haben wird, zu existieren. Dann ist es aus.

   Über die ›Begründung‹ dieses Anschlags ist, wie über die gesamte Begründung des Entwurfs, kein ernsthaftes Wort zu verlieren. Seine Begründung begründet gar nichts – in traurigem Deutsch wird dort der Gesetzestext wiederholt, breitgewalzt, kommentiert –: von einer echten Begründung ist auch nicht ein Hauch zu spüren. Die ›Sicherungsverwahrung‹ darf in keiner Form Gesetz werden – in keiner.

Was diese Debatte noch mit der heutigen zu tun, „weiß“ wohl nur Herr Hudemann.

8.1.2007

Gut geküsst, Levy

Wenige Tage vor seinem Kino-Start beschäftigt der „Führer“-Film Dani Levys weiterhin das Feuilleton. Die Frankfurter Rundschau, bekanntlich nicht sonderlich Tucholsky-fest, wollte dem rätselhaften Filmeinstieg auf den Grund gehen. Und fragte den Regisseur:

Herr Levy, sie haben ihrem Film ein Zitat von Kurt Tucholsky vorangestellt: „Man muss die Nationalsozialisten küssen, wo man sie trifft.“ Tucholsky ist 1933 ins Exil gegangen, hat 1935 Selbstmord begangen. Warum dieses Zitat?

Abgesehen davon, dass das Zitat natürlich „Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft!“ lautet und Tucholsky Deutschland schon 1924 in Richtung Paris verlassen und sich 1929 seine abgeschiedene Villa in Schweden gesucht hatte, kann auch Levy die Frage nicht wirklich erschöpfend beantworten:

Weil es natürlich die ganze Widersprüchlichkeit unserer Aufarbeitung des Nationalsozialismus vorwegnimmt. Küsst die Faschisten, wo ihr sie trefft: Was heißt das? (Lacht) Heißt das, wir sollen den Faschisten in uns umarmen? Heißt das, wir sollen sie an uns ranlassen und sie küssen? Was heißt küssen? Heißt das verzeihen, heißt das versöhnen? Natürlich nicht. Heißt küssen, sie mit den Waffen bekämpfen, die sie auf keinen Fall abwehren können? Da ist soviel Widersprüchlichkeit allein schon in diesem einen Satz drin, die ich als programmatisch empfand für die Spannung, die auch in dem Film drin ist.

Levy hätte natürlich auch antworten können: „Tucholskys Aufforderung ist einfach nur ironisch gemeint und bedeutet nichts anderes, als dass man die Gewalt der Nazis auf keinen Fall widerstandslos hinnehmen sollte. Insofern hat das Zitat gar nichts mit meinem Film zu tun.“

Aber wie sagte Franz Beckenbauer alias Olli Dittrich zum Thema Widerspruch schon neulich in der „Harald-Schmidt-Show“: „Es kann kein Widerspruch sein, wenn man sich widerspricht!“

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