22.12.2017

Kästner, der kleine Dienstag und die vermisste Weltbühne

Wenn man abends durch die Fernsehkanäle zappt, passiert es eher selten, dass zwei Schauspieler sich gegenseitig Weltbühne-Gedichte vorlesen. Das besondere Ereignis war am 21. Dezember 2017 in der ARD zu erleben. In diesem Falle war es kein vorgezogenes Weihnachtswunder, sondern ein biografischer Film über den Schriftsteller und Journalisten Erich Kästner, „Kästner und der kleine Dienstag“.

An sich ist der Film gut gemacht. Unterhaltsam und pädagogisch fast so wertvoll wie „Emil und die Detektive“ oder „Das doppelte Lottchen“. Die FAZ lobte die „halbbiografische Annäherung“ als den „vielleicht schönsten Weihnachtsfilm dieses Jahres“. In der Tat hat der Film einige starke Szenen, wie beispielsweise die Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz, die Kästner im Gegensatz zu den anderen, meist schon exilierten oder inhaftierten Autoren der verbrannten Bücher mit eigenen Augen angesehen hat.

Was einem auf die Dauer jedoch unangenehm auffällt, ist der sehr freie Umgang mit dem literarischen Material und seiner Veröffentlichungspraxis. Das grenzt bisweilen an Geschichtsklitterung. Die Existenz von Zeitschriften wie der Weltbühne wird beharrlich verschwiegen, obwohl die darin veröffentlichten Texte in dem Film eine wichtige Rolle spielen. Mehrere pazifistische und anti-nationalistische Gedichte Kästners werden ausgiebig zitiert. Darunter „Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn“ (1928), „Die andere Möglichkeit“ (1929), „Ganz rechts zu singen“ (1930) und „Primaner in Uniform“ (1929).

Doch beim Zuschauer entsteht der Eindruck, die Gedichte seien wegen ihrer Brisanz damals gar nicht veröffentlicht worden. Als hätte sich kein Medium getraut, die kritischen Texte zu drucken. So zitiert Kästners Freund Erich Ohser (e.o.plauen) in einem Kaffeehaus aus dem Gedicht „Ganz rechts zu singen“, das nach den Reichstagswahlen vom September 1930 in der Weltbühne erschienen war. Im Film ist die Szene aber nach der Machtübernahme Adolf Hitlers im Januar 1933 angesiedelt. Ohser sagt nach der Lektüre: „Mir gefällt’s. Aber wenn Du es gedruckt sehen willst, musst Du Dich beeilen. Jacobsohn sagt, sie hat schon ihre Koffer gepackt. Sagt, sie geht nach Wien, wenn Hitler durchkommt.“

Eine merkwürdige Einschätzung. Zum einen war es kaum vorstellbar, zu diesem Zeitpunkt noch einen solchen Text in einer deutschen Zeitschrift zu drucken. Kästners letztes Gedicht in der Weltbühne, „Die scheintote Prinzessin“, war wenige Tage zuvor erschienen und noch sehr gewagt, obwohl darin nicht die Nazis, sondern nur Kaiser Wilhelm II. direkt angegriffen wurde. Zum anderen ist es eben so, dass Kästner zusammen mit Weltbühne-Autoren wie Kurt Tucholsky oder Carl von Ossietzky seit Jahren mit solchen Texten gegen die Nazis angeschrieben hatte. Nach der Machtübernahme war es mit den Warnungen und dem Spott längst zu spät. Von der Gefahr für Leib und Leben ganz abgesehen.



Erschien tatsächlich in der Weltbühne: Kästners Gedicht „Die andere Möglichkeit“
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Ebenfalls fragt sich der Zuschauer, warum Edith Jacobsohn so schnell vor den Nazis fliehen musste. Aber sie war nicht nur als Kinderbuchverlegerin und Jüdin gefährdet, sondern vor allem, weil sie als Witwe von Siegfried Jacobsohn nach dessen Tod im Dezember 1926 auch notgedrungen die Verlegerin der Weltbühne geworden war. Wenn man aber die Existenz der Zeitschrift beharrlich verschweigt, ist es schwierig, solche Details einzuflechten. Bei einem Film, der ansonsten viel Wert auf historische Ausstattung legt, hätte es nicht geschadet, wenn Kästner oder Jacobsohn einmal eines der kleinen roten Hefte aus der Tasche gezogen hätten. Davon abgesehen: Edith Jacobsohn emigrierte zunächst auch deswegen nach Wien, weil die Weltbühne dort schon im September 1932 eine Dependance eingerichtet hatte, um auf das Verbot der Zeitschrift in Deutschland vorbereitet zu sein. Später ging Jacobsohn in die Schweiz und nach England, wo sie Ende 1935 starb.

Ebenfalls merkwürdig in dem Film: Als sein kindlicher Fan Hans Löhr ihn um einen Text für die Schülerzeitung bittet, zieht Kästner unter seinem Schreibtisch eine Kladde mit dem Gedicht „Die andere Möglichkeit“ hervor. Auch in diesem Fall entsteht der Eindruck, als wäre die Veröffentlichung des Textes anschließend nicht nur von der Schülerzeitung, sondern auch von allen anderen Medien verweigert worden. Dabei erschien er ebenfalls schon 1929 in der Weltbühne. Diesen Text mit den prägnanten Schlussversen „Wenn wir den Krieg gewonnen hätten – zum Glück gewannen wir ihn nicht!“ hätten die Nationalisten Kästner nicht verziehen, notierte Tucholsky später. Und natürlich auch der Weltbühne, die ihn gedruckt hatte.

Beim unbedarften Zuschauer bleibt haften: Kästner hat in der Weimarer Republik viele pazifistische Gedichte geschrieben, aber veröffentlicht wurden nur die netten Kinderbücher, weil sich kein Medium für die kritischen Texte fand. Man fragt sich bisweilen, wie Hans überhaupt an die Gedichte wie „Primaner in Uniform“, die er später zitiert, herangekommen ist.

Der trotz allem sehenswerte Film ist noch bis zum 31. März 2018 in der ARD-Mediathek zu finden oder lässt sich über diesen Link direkt herunterladen.

Wie Tucholsky seinen Weltbühne-Kollegen literarisch bewertete, schrieb er 1930 in seiner Sammelrezension „Auf dem Nachttisch“ auf. Passend zum Film darin die Stelle:

Demgegenüber stehen nicht nur prachtvolle politische Satiren wie „Die andere Möglichkeit“, ein Gedicht, das ihm die deutschen Nationalisten heute noch nicht verziehen haben, weil es die Zeile enthält: „Wenn wir den Krieg gewonnen hätten“ mit dem Schluß: „Zum Glück gewannen wir ihn nicht“. Oder „Primaner in Uniform“, ein famoser Hieb gegen die chauvinistischen Pauker.

Sowie:

Was immer zu bejahen ist, ist seine völlige Ehrlichkeit. Wo er nicht weiß, da sagt er: Ich weiß nicht. Das Gedicht „Kurt Schmidt, statt einer Ballade“ haben ihm Proletarier übelgenommen, weil es mit einem Selbstmord endet – das Gedicht stand bei uns, und ich habe merkwürdige Briefe bekommen.

Es war für Kästner alles andere als egal, wo er seine Texte veröffentlichte. Und bei manchen konnte es wohl nur die Weltbühne sein.

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