Beilage zum Brief an Hedwig Müller vom 16.3.1935

Q – Tagebuch

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für Nuna qbinke

Über den Fall Labour Party ist gar nicht zu reden. Lieschen hat ganz, aber auch ganz und gar unrecht. Nichts als Pacifist zu sein – das ist ungefähr so, wie wenn ein Hautarzt sagt: »Ich bin gegen Pickel.« Damit heilt man nicht. Ich weiß Bescheid, denn ich habe diese Irrtümer hinter mir. Die kapitalistische Gesellschaftsordnung läßt scharf und genau einen Teil der Kriegsgründe begreifen, die immer da sind, wenn Absatzgebiete geschaffen werden sollen. Das ist – gegen die rosenroten Idealisten – eine sehr gute Lehre. Aber sie ist nicht vollständig. Ein Teil liegt im Wesen der Menschen. »Es wird immer Kriege geben.« Es wird auch immer Morde geben. Es fragt sich nur, wie die Staatsordnung Krieg und Mord bewertet. Den Mord bewertet man als Rechtsbruch – den Krieg als Naturereignis, mehr: als eine heroische Sache. Er ist, oft und in vielem, eine Schweinerei. Also –?

Nun ist es durchaus das Recht Lieschens, wie auch das Recht der englischen Arbeiterfrauen, zu sagen: »Also vor allem mal nicht mein Mann!« Das ist elementar – und es gibt leider so viele Weiber, bei denen das Weibchen stärker ist als die Mutter. (Hier kann man einwenden, das sei falsch: bei den Tieren sehen die Weibchen zu, wenn sich die Männer hauen. Ja, aber um sie – oder um das Fressen für die Brut – oder auch nur, um zu zeigen, wer der stärkere ist? Bei den Hirschen? Das weiß ich nicht.) Will man aber den Krieg verhindern, dann muß man etwas tun, was alle diese nicht tun wollen: Man muß bezahlen.

Ein Ideal, für das man nicht bezahlt, kriegt man nicht.

Ein Ideal, für das ein Mann oder eine Frau nicht kämpfen wollen, stirbt – das ist ein Naturgesetz. Der Rest ist Familiäre Faschingsfeier im Odeon.

Ich kann das nur Dir schreiben – ich habe es schon Lieschen gegenüber schwer. Ganz hinten, wo man kaum noch hinleuchtet, steckt ja doch: »Also vielleicht soll Roby dem seinen Krieg führen, den er verloren hat!« – Mitnichten. Roby soll überhaupt keinen Krieg führen.

Ich habe einen Interventionskrieg stets für wahnsinnig gehalten, das wäre so, wie wenn man meine Mama, um sie zu ändern, ins Gefängnis sperren wollte. Was sollte dieser Krieg? Die boches sind boches – was nützt der Krieg? Aber:

Zwischen diesem Krieg und einer energischen und klaren Haltung aller Mächte Europas ist noch ein großer Unterschied. Die vollendete Instinktlosigkeit der englischen Weiber und der alten Weiber in der Labour fördert den Krieg – und Baldwin hatte ganz recht, ihnen zu entgegnen: Ihr boykottiert ja Deutschland, also was wollt ihr von uns, wenn wir uns vorsehn?

Ich halte im übrigen dieses Wettrüsten für Wahnwitz – es muß zum Kriege führen, und es ist gar kein Mittel, wie das Weißbuch sagt, ihn zu verhindern. Aber das nur deshalb, weil die Regierungen, vollgesogen – von Minger bis zu Lloyd George – von der blödsinnigen Idee der absoluten Souveränität – in Anarchie leben und keine Rechtsordnung über sich anerkennen wollen. Also muß der Friedenstörer, der ja Deutschland ist, den Ton angeben, wie ja immer der niedrigste den Ton angibt. Hier war der Kern – seit 1919 nur hier. Jetzt ist es viel zu spät, und das Unheil nimmt seinen Lauf. Die Schrift Ferreros habe ich Dir damals gezeigt – seitdem haben die Mächte Fehler auf Fehler gehäuft, die schlimmsten seit 1933. Zu machen war:

Boykott. Blockade. Innere Einmischung in diese Barbarei, ohne Krieg zu führen. Vor allem aber, und das halte ich für das schrecklichste: die geistige Haltung hätte eben anders sein müssen, aber sie konnte nicht anders sein, denn da ist nichts. Man siegt nicht mit negativen Ideen, die ja stets das Verneinte als Maß aller Dinge anerkennen – man siegt nur mit positiven Gedanken. Europa hat keine. Beharren ist nichts. Es geht zurück. Es verliert.

Zu haben war, bei der Gemütsart der boches: Sturz des Regimes, äußerste Vorsicht der Reichswehr, Zurückdämmung der Rüstungen, Verzicht auf einen Überfall im Osten, wenigstens für lange Jahre.
Es gibt keine geistige Position, von der aus ich das sagen könnte. Es hat so etwas verfehlt savonarolahaftes: der verlangt Opfer! Und die tiefe Beschämung, daß da doch etwas nicht stimmt, verwandelt sich in Ablehnung und Wut, »man will das nicht mehr hören«, und »Auf einmal so kriegerisch?« – es gibt keine geistige Position. Daher mein Schweigen.

//

Der couillon wird sich also nach Osten ergießen. Wie wenig diese lächerlichen Emigranten recht haben, sieht man zum Beispiel an Lagarde. So nannte sich (nach dem Familiennamen seiner Mutter) ein Gymnasialprofessor, der aber ein großes Lumen war, Paul Bötticher, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der schrieb schon, »Rußland solle die Gewogenheit haben, sich bis nach Mittelasien zurückzuziehen«, und das war durchaus kein verschrullter Esel, wie der Mann Lieschen Förster-Nietzsches – er war eine geistige Erscheinung. Christian Morgenstern hat diesen Lagarde verehrt, wie deutsch muß das also sein! Und sie werden siegen. Und dann –?

Was mich an diesem Sieg so anekelt, ist nicht, daß jemand siegt, den ich nicht mag. Das wäre doch recht eng. Aber wer siegt denn hier? Der deutsche Bauer –?

Hier siegt der deutsche Drogist. Der Zigarrenhändler. Der pensionsberechtigte kleine Mann. Und das wird furchtbar.

Zu denken, daß in Minsk oder Neo-Georgjewsk eine Krankenkasse aufgebaut wird, »also wissen Sie, die Panjes werden staunen, sonwas haben sie noch nie gesehn« – erstklassig, mit Wasserspülung hinten und vorn – und richtige Fahrdämme und alles klappt, und herrlich – das ist das Ideal des Vorstadtdrogisten.

Je mehr es die Seele herausbrüllt – um so seelenloser ist es in Wahrheit. In einem kleinen französischen Kaninchenzüchter steckt mehr Seele als in dem Getue da. Und das hat Europa gefördert, und hier trägt jeder einzelne Staat ein gerüttelt Maß an Schuld: die Schweden, die ums Verrecken nicht boykottieren; Frankreich, das schläft und viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist; England, das die Sache – the too white nations – fördert; die Schweiz, die sich in der Saar-Abstimmung entsprechend benommen hat und die, wie die Katholiken, nur einen Feind kennt: Rußland – sie alle fördern das. Und ein Teil von ihnen weiß es auch. Der Papst ist nicht gutgläubig, Minger vielleicht, aber der zählt ja nicht – und der einzelne Pfahlbürger in der Schweiz weiß nichts. Woher auch? Aus seinen Zeitungen?

Ich habe den Eindruck, hier zu stören.

//

Das soll uns nicht hindern, der Zukunft Hasis (der ja nicht Peter heißt, also ich will mich darüber nicht verbreitern, ich ja nicht) mutig ins Auge zu blicken

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1.1.2004

Beilage zum Brief an Hedwig Müller vom 16.3.1935

Q – Tagebuch

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für Nuna qbinke

Über den Fall Labour Party ist gar nicht zu reden. Lieschen hat ganz, aber auch ganz und gar unrecht. Nichts als Pacifist zu sein – das ist ungefähr so, wie wenn ein Hautarzt sagt: »Ich bin gegen Pickel.« Damit heilt man nicht. Ich weiß Bescheid, denn ich habe diese Irrtümer hinter mir. Die kapitalistische Gesellschaftsordnung läßt scharf und genau einen Teil der Kriegsgründe begreifen, die immer da sind, wenn Absatzgebiete geschaffen werden sollen. Das ist – gegen die rosenroten Idealisten – eine sehr gute Lehre. Aber sie ist nicht vollständig. Ein Teil liegt im Wesen der Menschen. »Es wird immer Kriege geben.« Es wird auch immer Morde geben. Es fragt sich nur, wie die Staatsordnung Krieg und Mord bewertet. Den Mord bewertet man als Rechtsbruch – den Krieg als Naturereignis, mehr: als eine heroische Sache. Er ist, oft und in vielem, eine Schweinerei. Also –?

Nun ist es durchaus das Recht Lieschens, wie auch das Recht der englischen Arbeiterfrauen, zu sagen: »Also vor allem mal nicht mein Mann!« Das ist elementar – und es gibt leider so viele Weiber, bei denen das Weibchen stärker ist als die Mutter. (Hier kann man einwenden, das sei falsch: bei den Tieren sehen die Weibchen zu, wenn sich die Männer hauen. Ja, aber um sie – oder um das Fressen für die Brut – oder auch nur, um zu zeigen, wer der stärkere ist? Bei den Hirschen? Das weiß ich nicht.) Will man aber den Krieg verhindern, dann muß man etwas tun, was alle diese nicht tun wollen: Man muß bezahlen.

Ein Ideal, für das man nicht bezahlt, kriegt man nicht.

Ein Ideal, für das ein Mann oder eine Frau nicht kämpfen wollen, stirbt – das ist ein Naturgesetz. Der Rest ist Familiäre Faschingsfeier im Odeon.

Ich kann das nur Dir schreiben – ich habe es schon Lieschen gegenüber schwer. Ganz hinten, wo man kaum noch hinleuchtet, steckt ja doch: »Also vielleicht soll Roby dem seinen Krieg führen, den er verloren hat!« – Mitnichten. Roby soll überhaupt keinen Krieg führen.

Ich habe einen Interventionskrieg stets für wahnsinnig gehalten, das wäre so, wie wenn man meine Mama, um sie zu ändern, ins Gefängnis sperren wollte. Was sollte dieser Krieg? Die boches sind boches – was nützt der Krieg? Aber:

Zwischen diesem Krieg und einer energischen und klaren Haltung aller Mächte Europas ist noch ein großer Unterschied. Die vollendete Instinktlosigkeit der englischen Weiber und der alten Weiber in der Labour fördert den Krieg – und Baldwin hatte ganz recht, ihnen zu entgegnen: Ihr boykottiert ja Deutschland, also was wollt ihr von uns, wenn wir uns vorsehn?

Ich halte im übrigen dieses Wettrüsten für Wahnwitz – es muß zum Kriege führen, und es ist gar kein Mittel, wie das Weißbuch sagt, ihn zu verhindern. Aber das nur deshalb, weil die Regierungen, vollgesogen – von Minger bis zu Lloyd George – von der blödsinnigen Idee der absoluten Souveränität – in Anarchie leben und keine Rechtsordnung über sich anerkennen wollen. Also muß der Friedenstörer, der ja Deutschland ist, den Ton angeben, wie ja immer der niedrigste den Ton angibt. Hier war der Kern – seit 1919 nur hier. Jetzt ist es viel zu spät, und das Unheil nimmt seinen Lauf. Die Schrift Ferreros habe ich Dir damals gezeigt – seitdem haben die Mächte Fehler auf Fehler gehäuft, die schlimmsten seit 1933. Zu machen war:

Boykott. Blockade. Innere Einmischung in diese Barbarei, ohne Krieg zu führen. Vor allem aber, und das halte ich für das schrecklichste: die geistige Haltung hätte eben anders sein müssen, aber sie konnte nicht anders sein, denn da ist nichts. Man siegt nicht mit negativen Ideen, die ja stets das Verneinte als Maß aller Dinge anerkennen – man siegt nur mit positiven Gedanken. Europa hat keine. Beharren ist nichts. Es geht zurück. Es verliert.

Zu haben war, bei der Gemütsart der boches: Sturz des Regimes, äußerste Vorsicht der Reichswehr, Zurückdämmung der Rüstungen, Verzicht auf einen Überfall im Osten, wenigstens für lange Jahre.
Es gibt keine geistige Position, von der aus ich das sagen könnte. Es hat so etwas verfehlt savonarolahaftes: der verlangt Opfer! Und die tiefe Beschämung, daß da doch etwas nicht stimmt, verwandelt sich in Ablehnung und Wut, »man will das nicht mehr hören«, und »Auf einmal so kriegerisch?« – es gibt keine geistige Position. Daher mein Schweigen.

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Der couillon wird sich also nach Osten ergießen. Wie wenig diese lächerlichen Emigranten recht haben, sieht man zum Beispiel an Lagarde. So nannte sich (nach dem Familiennamen seiner Mutter) ein Gymnasialprofessor, der aber ein großes Lumen war, Paul Bötticher, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der schrieb schon, »Rußland solle die Gewogenheit haben, sich bis nach Mittelasien zurückzuziehen«, und das war durchaus kein verschrullter Esel, wie der Mann Lieschen Förster-Nietzsches – er war eine geistige Erscheinung. Christian Morgenstern hat diesen Lagarde verehrt, wie deutsch muß das also sein! Und sie werden siegen. Und dann –?

Was mich an diesem Sieg so anekelt, ist nicht, daß jemand siegt, den ich nicht mag. Das wäre doch recht eng. Aber wer siegt denn hier? Der deutsche Bauer –?

Hier siegt der deutsche Drogist. Der Zigarrenhändler. Der pensionsberechtigte kleine Mann. Und das wird furchtbar.

Zu denken, daß in Minsk oder Neo-Georgjewsk eine Krankenkasse aufgebaut wird, »also wissen Sie, die Panjes werden staunen, sonwas haben sie noch nie gesehn« – erstklassig, mit Wasserspülung hinten und vorn – und richtige Fahrdämme und alles klappt, und herrlich – das ist das Ideal des Vorstadtdrogisten.

Je mehr es die Seele herausbrüllt – um so seelenloser ist es in Wahrheit. In einem kleinen französischen Kaninchenzüchter steckt mehr Seele als in dem Getue da. Und das hat Europa gefördert, und hier trägt jeder einzelne Staat ein gerüttelt Maß an Schuld: die Schweden, die ums Verrecken nicht boykottieren; Frankreich, das schläft und viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist; England, das die Sache – the too white nations – fördert; die Schweiz, die sich in der Saar-Abstimmung entsprechend benommen hat und die, wie die Katholiken, nur einen Feind kennt: Rußland – sie alle fördern das. Und ein Teil von ihnen weiß es auch. Der Papst ist nicht gutgläubig, Minger vielleicht, aber der zählt ja nicht – und der einzelne Pfahlbürger in der Schweiz weiß nichts. Woher auch? Aus seinen Zeitungen?

Ich habe den Eindruck, hier zu stören.

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Das soll uns nicht hindern, der Zukunft Hasis (der ja nicht Peter heißt, also ich will mich darüber nicht verbreitern, ich ja nicht) mutig ins Auge zu blicken

2 Kommentare »
  1. […] seines Lebens von seinen pazifistischen Positionen abgerückt. Dem war jedoch nicht so. In einer Beilage zu einem Brief vom 13. März 1935 an seine Freundin Hedwig Müller schrieb er: Nichts als Pacifist zu sein – das ist ungefähr so, […]

    Pingback by Sudelblog.de - Das Weblog zu Kurt Tucholsky » Nichts als Zitate — 26.4.2010 @ 17:19

  2. […] Q-Tagebuch (16.3.1935) […]

    Pingback by Sudelblog.de - Das Weblog zu Kurt Tucholsky » Originaltexte — 26.4.2010 @ 17:22

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