Die »Nazis«

Knüppel-Kunze, der unbegabte Ahlwardt unsrer Tage, beruft von Zeit zu Zeit, wenn er nicht grade Herrn Stinnes um Geld anschnorrt, Protestversammlungen »gegen die Einwanderung der Ostjuden«. Gott segne ihn. Ich bin mit dem Angeklagten weder verwandt noch verschwägert (wir würden uns das auch Beide heftig verbitten) – aber was die Einwanderung landfremder Elemente angeht, so gibt es einen Fall, wo ich doch gern auf das berliner Rathaus kletterte und, tränenumflorten Blickes die mir zu Füßen liegende Kapitale ansehend, spräche: »Sie sollen es nicht haben!« Nämlich die »Nazis« nicht Berlin.

Mach keine Kulleraugen, Leser. Wir wollen uns schnell darüber einigen, daß ich mit den »Nazis« jene gewisse Gattung des österreichischen, mährischen und speziell wienerischen Künstlervölkchens meine, die anfängt, obgemeldetes Berlin auf das Heftigste zu verpesten. Wir wollen das aber gar nicht mehr.

Ich weiß ganz genau, welche betrübliche Rolle der aus Posen gebürtige Berliner auf Reisen spielt (»Det is der Kölner Dom! Haben Se keenen größern?«). Aber so frech und lokalchauvinistisch ist wohl noch nie ein Berliner gewesen wie diese Sorte »Nazis« (die ich absichtlich nicht Österreicher benenne, weil Otto Weininger einer ist und Peter Altenberg und Karl Kraus und Alfred Polgar – aber wir sind uns ja einig, wen wir meinen).

Die »Nazis« kommen nach Berlin, liebenswürdig wie die früheren Oberkellner, treuherzig und schmuserig und a bisserl a Lieb‘ und a bisserl a Treu und a bisserl a Falschheit ist alleweil dabei – halten den Wurstlprater für den Mittelpunkt der Welt und wollen nun dem Berliner zeigen, was eine richtige Harke ist. Aber bitte sähr, wir danken ergebenst.

Diese Aufdringlichkeit, diese aalglatte Gewandtheit, dieses treue Plüschauge, diese gradezu diabolische Geschicklichkeit, »überall hineinzukommen« – all das verfälscht nicht nur unser Stadtbild, sondern fängt gemach an, uns eine Plage zu werden. Die Österreicher fallen einem nie unangenehm auf. Die »Nazis« immer.

Sie nisten im Film (dahin gehören sie noch allenfalls), sie hocken in der Presse, sie überschwemmen das Theater mit einer Zungenfertigkeit, daß einem himmelangst und ganz und gar unberlinisch zu Mute wird – sie kritisieren, lamentieren, intrigieren und strafen die literarhistorische Behauptung Lüge, daß Nestroy veraltet sei. Seine Figuren leben alle noch. Und leider, in größter Anzahl, bei uns. Und gar so weich san’s … Und stammen alle, alle aus Wien.

Das redet, wie geschmiert. (Ists auch in manchen Fällen.) Das hat eine unheimliche Fähigkeit, alle Dinge – sofort druckfertig, ein für alle Mal formuliert, paradox und aphoristisch – am Caféhaustisch so darzustellen, daß der Fremde betroffen schweigt. Kommst du nach Haus und überlegst, so stimmt kein Wort. In einer Bearbeitung des Figaro für Kainz standen einmal die Worte: »Reden kann er -!« Reden können sie. Fürs Handeln bleibt dann nicht mehr viel übrig.

Die Herren, die auf der Reise von Prag nach Wien ihren Doktor gemacht haben und hier einen Umgangston, eine Moral, eine Anschauung über persönliche Integrität einzuführen im Begriffe sind, würdig der zappligen Schmierigkeit ihrer Damen, entlocken dem Mann an der Spree mitunter nicht zu Unrecht den verzeihlichen Ausruf: »Und an das soll ich mich anschließen -?«

Es wäre wirklich zu wünschen, sie blieben dort, wo sie der Rechen eines bösen Schicksals heruntergekratzt hat. Unsre Schieber stellen wir uns alleine her, und wir haben deren grade genug. Daß Jene Zyniker sind, wäre an sich kein Schade – aber es sind kleine, niedrige Zyniker: zynische Commis. Die Unverfrorenheit dieser Brüder, den etwas schwerfälligern Mann aus dem Norden hinten und vorne zu betrügen und ihm unter gefälligem Grinsen und unter Aufwand einer schwer literarischen Terminologie (man beachte nur ihre Adjektiva!) Portemonnaie, Uhr und guten Ruf aus der Tasche zu stehlen, verdient, daß ihnen einmal auf die Finger geklopft wird.

»Ah – schau her! Ja, was treibens denn heuer, mein Liaber?« Schieb bloß ab! Es wird Zeit, daß man sie etwas in den Hintergrund tritt.


Autorenangabe: Peter Panter

Ersterscheinung: Die Weltbühne, 8. Juni 1922, Nr. 23, S. 586-588.

Editionen: Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker. 22 Bände, Rowohlt Verlag, Reinbek 1996ff., Bd. 5, Texte 1921-1922

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