15.10.2009

Mit Tucholsky nach Jamaika

Kurt Tucholsky war nie auf Jamaika. Das hat den saarländischen Grünen-Vorsitzenden Hubert Ulrich am vergangenen Wochenende aber nicht davon abgehalten, die Bildung einer »Jamaika«-Koalition mit CDU und FDP gewissermaßen mit Tucholsky zu begründen. Einem Bericht der Welt zufolge sagte Ulrich auf dem Parteitag in Saarlouis:

Vor zwei Jahren lief eine der damals drei grünen Abgeordneten, Barbara Spaniol, zu den Linken über und nahm ihr Mandat einfach mit. Das hat Ulrich nicht verziehen, ebenso wenig wie Lafontaines Lieblingsspruch im Wahlkampf: “Wer grün wählt, wird sich schwarzärgern.” Jetzt hielt Ulrich mit einem Tucholsky-Zitat dagegen: Niemand solle sich so erniedrigen, dass er den Kakao, durch den er gezogen wurde, auch noch austrinkt.

Nun gibt es in Deutschland normale und sogenannte Qualitätsmedien. Von letzteren ist natürlich zu erwarten, dass sie Behauptungen von Politikern nicht einfach übernehmen, sondern deren Wahrheitsgehalt auch überprüfen.

Da darf es nicht verwundern, dass in der Süddeutschen Zeitung über dieselbe Äußerung Ulrichs zu lesen war:

Dann kam in diesem Sommer der Landtagswahlkampf, in dem Lafontaine verkündete, er wolle die Grünen aus dem Landtag kegeln. »Er hat versucht, uns ganz tief durch den Kakao zu ziehen«, sagt Ulrich, und man hört an seiner Stimme, wie frisch die Wunde noch ist. Dann zitiert er angeblich Kurt Tucholsky: Man solle nie so tief sinken und den Kakao, durch den man gezogen wurde, auch noch trinken. Dabei ist das Zitat in Wirklichkeit von Erich Kästner.

Nun gibt es in Deutschland neben normalen Blogs auch richtige Qualitätsblogs. Von letzteren wäre natürlich zu erwarten, dass sie die Behauptungen von Medien nicht einfach übernehmen, sondern deren Wahrheitsgehalt auch überprüfen. Schließlich finden sich im Internet auch viele Seiten, auf denen behauptet wird, das angebliche Tucholsky- und mögliche Kästner-Zitat stamme von Heinz Erhard.

Doch in diesem Fall kann man sich mal wieder auf die SZ verlassen. Kästner veröffentlichte den Vers am 5. August 1930 in der Weltbühne. Als Beginn des folgenden Gedichts:

Aktuelle Albumverse

I
Was auch immer geschieht:
Nie dürft ihr so tief sinken,
von dem Kakao, durch den man euch zieht,
auch noch zu trinken!

9.9.2009

Mit fremden Edelfedern

Oberstleutnant Jürgen Rose kennt seinen Tucholsky ganz gut, wie er schon des öfteren bewiesen hat. In einem Beitrag für den Freitag, der von anderen Medien übernommen wurde, hat er dem Militärkritiker aber zu viel der Ehre getan. So schrieb Rose:

Was wohl angesichts dieser Bilder in den Köpfen jener, wie Kurt Tucholsky sie nennen würde, »Schlachtendirektoren«, vorgehen mag, die in der »Chain of Command« ihre Befehlsgewalt ausübten?

Das ist nicht ganz richtig. In der Tat findet sich der Begriff in dem Werk Tucholskys. Doch dieser wollte sich nicht ungenannt mit fremden Federn schmücken. In dem Text »Krieg gleich Mord« heißt es:

Eben das hat Herbers getan: er hat das Nichts aufgezeigt, und er hat die militärische Religion gelästert,
indem er dartat, daß ein General eigentlich kein Soldat mehr sei. (Das Tagebuch nannte diesen Stand einmal sehr gut Schlachtendirektoren. Groener muß glatt vergessen haben, zu klagen.)

Tucholsky nannte die Schlachtendirektoren meist Telefongenerale, und das trifft es im aktuellen Fall ja recht genau.

4.9.2009

Titelgeschichten

Das einzige an der Doktorarbeit, was von mir ist, ist die ehrenwörtliche Versicherung, daß sie von mir ist.

Notiz Kurt Tucholskys in seinem Sudelbuch

Es kommt einem Treppenwitz der Geschichte gleich, dass der Spiegel in einem Artikel über die Titelschwemme an deutschen Universitäten ausgerechnet Tucholsky als Kronzeugen bemüht. »Der Titel erspart dem Titelträger jede Tüchtigkeit«, zitierte das Blatt – der Dokumentation sei dank – fast korrekt den Dr. iur. in dem Artikel »Die Doktor-Macher«.

In der Tat schrieb Tucholsky bereits im Mai 1920:

Die Titelsucht ist heute in Deutschland genau so groß und so gefährlich, wie sie es im Mittelalter gewesen ist. Der Titel erstickt jeden Widerspruch und erspart dem Titelträger jede Tüchtigkeit. Er steckt sich hinter den Titel, und das Übrige besorgt dann schon die Dummheit derer, die den Titel anstaunen und ihn um des Titels willen, den sie nicht haben, aber gern hätten, beneiden.
»Titel«, in: Die Weltbühne, 17.5.1920, S. 637

Damit bezog sich Tucholsky jedoch weniger auf akademische Grade, sondern eher auf antiquierte Berufsbezeichnungen, die er mit »Bergwerkassessorensubstitute« und »Generalsupernumerarpraktikanten« persiflierte.

Hingegen könnte er geradezu als Musterbeispiel für den Spiegel-Artikel dienen, in dem beklagt wird, dass es vielen Promovenden weniger um die wissenschaftliche Leistung, als um die zwei Buchstaben vor dem Nachnamen geht.

Denn dass Tucholsky überhaupt promovierte, war eher eine Notlösung. Anstatt nach dem Ende seines sechssemestrigen Studiums fleißig für das juristische Staatsexamen zu büffeln, trieb er lieber seine schriftstellerische und journalistische Karriere voran. Obwohl er am 15. März 1913 zum Examen zugelassen worden war, entschied er sich wenig später dazu, auf dieses Eintrittsbillet für eine juristische Laufbahn als Anwalt oder Richter zu verzichten. Um dennoch einen formellen Abschluss seines Studiums zu besitzen, beantragte er stattdessen eine direkte Promotion, – was je nach Promotionsordnung ohne größere Umstände möglich war. Doch die Anforderungen seiner Alma Mater, der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität (heute Humboldt-Universität), waren durchaus streng und zielten darauf ab, möglichst wenigen Studenten den Titel zu verleihen. So wich Tucholsky an die Universität Jena aus. Am 2. August 1913 reichte er dort seinen Antrag auf Zulassung zur Promotion ein. Die fertige Arbeit fügte er gleich bei, denn mit dem Thema aus dem Hypothekenrecht hatte er sich bereits bei der Vorbereitung auf die Referendarsarbeit beschäftigt.

In der Begründung für die Promotionsabsicht hielt er es mit der Wahrheit offenbar nicht so genau:

Gleichzeitig möchte ich noch bemerken, daß ich nach Vollendung meines Studiums ursprünglich beabsichtigte, die juristische Laufbahn einzuschlagen; ich meldete mich zur Ablegung der ersten juristischen Prüfung in Berlin und wurde am 15. März 1913 zugelassen.

Während ich mit der Abfassung der schriftlichen Arbeit beschäftigt war, wurde mir ein Angebot gemacht, in ein hiesiges Unternehmen – einen Zeitschriftenverlag – einzutreten. Ich glaubte, von diesem Anerbieten Gebrauch machen zu sollen und trat freiwillig, noch vor der Abgabe der schriftlichen Arbeit, von der Prüfung zurück.

Ich möchte meinen Studien nun einen Abschluß geben und bitte daher, mich zur Promotion zuzulassen.

Damit kann nur gemeint sein, dass Tucholsky seit Anfang 1913 als regelmäßiger Mitarbeiter der damaligen Schaubühne arbeiten konnte. Von einem Eintritt in den Verlag, wie er 1924 erfolgte, war damals aber noch nicht die Rede.

Tucholsky erhielt dennoch die Zulassung, musste sich aber einige Monate gedulden, bis die recht dünne Arbeit mit dem Titel »Die Vormerkung aus § 1179 BGB. und ihre Wirkungen« begutachtet wurde. Das Resultat war ernüchternd. Die Arbeit wurde am 21. Januar 1914 vom Dekan der juristischen Fakultät, Professor Heinrich Lehmann, zurückgewiesen. In der Begründung hieß es unter anderem:

Der Verfasser stellt die Lehre von der Vormerkung kurz in nicht immer einfacher und einwandfreier Sprache dar. Die Referate über die Literaturmeinungen entbehren zum Teil der Klarheit. Die Disposition ist nicht überall glücklich [...]

Lehmann empfahl Tucholsky offenbar, zur Verbesserung seiner Chancen ein einsemestriges Studium in Jena zu absolvieren. Woraufhin Tucholsky ein weiteres Mal flunkerte und im Juni 1914 argumentierte:

Wie das beiliegende Zeugnis beweist, bin ich bei der Firma Haude & Spenersche Buchhandlung Max Paschke beschäftigt. Es ist mir nur mit Mühe gelungen, bei der Firma, die sich hauptsächlich mit juristischen und nationalökonomischen Verlagswerken befaßt, eine Stellung zu erlangen, und es ist mir daher nicht möglich, ein ganzes Semester von Berlin fortzubleiben. Ich würde mir dadurch meine Beziehungen sowie das Interesse meines Chefs zerstören.

In der Tucholsky-Gesamtausgabe (Band 2) heißt es dazu lapidar: »Über diese (angebliche) Stellung ist nichts bekannt.« Helga Bemmann bemerkt in ihrer Biographie Kurt Tucholsky dazu:

Ob er wirklich jemals in diesem Verlagsunternehmen tätig war, oder ob eine freie nur gelegentliche Mitarbeit bestand, muß offenbleiben.

Immerhin gelang es Tucholsky, mit einer überarbeiteten Fassung seiner Arbeit die Prüfer in Jena zufriedenzustellen. Wenngleich weitere Nachbesserungen verlangt wurden. In einem Gutachten vom Oktober 1914 hieß es dazu:

Der Verfasser hält jetzt bei seiner Darstellung ein gewisses Niveau und beurteilt die Gestaltung der Löschungsvormerkung von einem freieren, über den bloßen Konstruktionen stehenden Standpunkt aus. Das verleiht seiner Abhandlung Wert, wenn sie auch positive neue Ergebnisse nicht bringt.

Nachdem er seine mündliche Prüfung am 19. November 1914 bestanden hatte, wurde er im Februar 1915 mit cum laude zum Dr. iur. promoviert – und wenige Zeit später zum Kriegsdienst eingezogen.

Was mag Tucholsky aber dazu bewogen haben, offensichtlich recht lustlos über Hypothekenrecht zu promovieren? Als Jusitzkritiker hat er sich später völlig anderen Themen gewidmet. Im Kommentar der Gesamtausgabe heißt es dazu:

Einen Anstoß zur Bearbeitung eines sachenrechtlichen Themas könnte Kurt Tucholsky auch sein Studium bei Martin Wolff gegeben haben, der seit 1903 als Extraordinarius an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin lehrte (bis 1916) und der zu den hervorragendsten Kennern des Sachenrechts im 20. Jahrhundert zählt. Sein mit Theodor Kipp (auch er Lehrer Kurt Tucholskys in Berlin) und Ludwig Enneccerus verfasstes dreibändiges BGB-Lehrbuch gilt bis heute als Meilenstein.

Möglicherweise steckte hinter der Themenwahl auch sein juristischer Repetitor, der Wirtschaftsjurist und Steuerrechtler Martin F. Friedlaender. Dieser veröffentlichte beispielsweise 1915 die Abhandlung Das Kriegsnotrecht der Hausbesitzer. Handbuch der Schutzgesetze gegen säumige Mieter und für bedrängte Hypothekenschuldner. 1929 schrieb er zusammen mit einem anderen Autor ein ABC des Hypothekenrechts.

Über die Frage, ob Tucholsky bei der Abfassung der Arbeit die Hilfe eines Dritten in Anspruch genommen haben könnte, wird in seinen Biographien aber nur am Rande spekuliert. Bei Helga Bemmann heißt es dazu:

Onkel Max [Tucholski] mit seinen guten Beziehungen zu den Berliner Universitätsdozenten dürfte dabei dem Neffen durch Vermittlung nötiger Konsultationen hilfreich unter die Arme gegriffen haben.

Zumindest erfüllte Tucholsky damals bereits eine Forderung, die angesichts der aktuellen Diskussion wieder erhoben wird. Er gab eine eidesstattliche Versicherung ab, dass die Promotion »selbständig von mir ohne unerlaubte Hilfsmittel verfaßt worden ist«.

Ein »echter Tucholsky« ist der Text dennoch nicht geworden. Nach Ansicht des Literaturwissenschaftlers Ian King ist die Doktorarbeit Tucholskys »einziges langweiliges Werk«.

21.8.2009

Verstecktes Gedenken

Berlin ist zweifellos nicht arm an Orten, die an berühmte Personen erinnern. Den alten Fritz oder die Gebrüder Humboldt findet jeder Tourist leicht am Boulevard Unter den Linden. Auf andere Denkmäler stößt man eher per Zufall in abseits gelegenen Straßen, so wie auf die Ossietzky-Statue in Pankow. Dann gibt es auch noch die Kategorie von Denkmälern, die die Berliner vor der Öffentlichkeit geradezu verstecken. Oder kann allen Ernstes etwa jemand glauben, hinter diesem Busch sei etwas Sehenswertes verborgen?



Das Grünzeug steht an der Neumann-Straße im Stadtteil Pankow. Und dahinter steckt tatsächlich ein metallenes Gebilde, das aus der Entfernung wie eine verunglückte Nachbildung des Berliner Fernsehturms aussieht.


Bei näherer Betrachtung entpuppt sich die Skulptur, man glaubt es kaum, als das wohl einzige Tucholsky-Denkmal in Deutschland.


Dass es an dieser Stelle steht, ist kein Zufall. Befindet sich daneben doch die Kurt-Tucholsky-Oberschule, die seit 16 Jahren diesen Namen trägt. In dieser Zeit ist wohl einmal das Denkmal aufgestellt worden. Und irgendwann wurde offenbar vergessen, die umliegenden Bäume zu stutzen.

Aber auch in diesem Fall kann das Motto nur lauten: Wenn schon Denkmal, dann sollte man es auch sehen können. Schließlich ist es – anders als das Denkmal am Deutschen Eck – offensichtlich kein »gefrorener Mist«.

22.7.2009

Verdichtete Zitate

Eine Reportage wie aus dem Lehrbuch hat der Tagesspiegel zur Berliner S-Bahn-Krise abgeliefert. Denn ein altbekannter Trick, um lange Texte aufzulockern und zu strukturieren, können literarische Zitate sein, die regelmäßig eingeflochten werden. Für den Artikel »Aus dem Gleis geraten« hat Tucholsky diese Zitate geliefert. Zum Beispiel:

… Den Ärger der Fahrgäste steigern selbst kleine Details. »Was steht da«, buchstabiert eine Zwölfjährige das Hinweisschild. »In Alexanderplatz erreichen sie die verdichteten Regionalzüge …« Das Mädchen greift sich an den Kopf. »Wieso steht denn da ›in Alexanderplatz‹ und wieso ›verdichtete Züge‹? Die meinen doch bestimmt den Takt.«

Da sagen die Leute immer, der moderne Verkehr hebe alle Poesie auf. Das ist gar nicht wahr. Ich meine nicht die Romantik der Eisenbahnen, eines Bahnhofs bei Nacht und all der Dinge, in denen Gott Maschine eine beängstigende Rolle spielt. Nein, auch die Idylle ist noch nicht ausgestorben. (Kurt Tucholsky im Vorwärts am 10. Oktober 1913

Auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld besteht die Welt am Montagmorgen aus Glückspilzen und Pechvögeln. …

Welchen Bezug dieses und weitere Zitate zur aktuellen Verkehrssituation in Berlin haben, wird nicht ganz klar. Wer aus einer Stadt mit wirklich viel Verkehr nach Berlin kommt, wird eher aus einem ganz anderen Tucholsky-Text zitieren wollen: »Das flüsternde Sanatorium«.

20.6.2009

Die Welt der Berichtigungen

Aus nicht ganz ersichtlichem Anlass (obwohl es derzeit einen gäbe) hat die Nachrichtenagentur dpa das Tucholsky-Museum in Rheinsberg besucht. Gleich zu Beginn ihres Textes »Die Welt der Pseudonyme« verheddert sich Autorin Imke Hendrich allerdings ein wenig in Tucholskys vielgestaltigem Werk:

Der sensible Künstler hasste Rosenkohl, Lärm, das Militär und die Nazis, schön gespitzte Bleistifte mochte er dagegen sehr. Ebenso die Haarfarbe der Frau, die er gerade liebte. Es ist eine kurze satirische Todesanzeige, die Kurt Tucholsky einst über sich selbst verfasste.

Nicht ganz ernstgemeinte Nachrufe hat Tucholsky mehrfach veröffentlicht. So unter anderem »Requiem» und »Mein Nachruf«. Die obige Aufzählung stammt jedoch aus der Tabelle »Kurt Tucholsky haßt – liebt«, die am 1. Januar 1928 in der Vossischen Zeitung erschien. Auf die Anfrage der Zeitung »Deutsche Satiriker sagen über sich selbst aus« antworteten neben Tucholsky auch Egon Friedell, Walter Mehring, A. R. Meyer, Mynona, Alfred Polgar, Peter Scher, Hans Reimann, Alexander Roda Roda, Marcellus Schiffer und Carl Sternheim.

Auch »Mein Nachruf« war übrigens eine Antwort auf eine Rundfrage, diesmal in der Literarischen Welt zum Thema »Wie soll Ihr Nekrolog aussehen? Eine kleine Anleitung für künftige Biographen zur richtigen Gestaltung des Nachruhmes«. Außer von Tucholsky erschienen Antworten von Egon Friedell, Hans Siemsen, Egon Erwin Kisch, Anton Kuh, Walter Mehring, Carl Zuckmayer und Alfred Polgar.

In einem weiteren Punkt hat sich die Autorin ebenfalls etwas vertan:

Nur zehn Bücher hat Tucholsky geschrieben, das Museum hat alle in Erstausgaben, außerdem verfasste er mehr als 3000 Texte zwischen 1912 und 1932. Dann hörte er abrupt auf: »Das Spiel ist aus, die Nazis sind nicht mehr aufzuhalten«, notierte Tucholsky.

Tucholsky hat im Grunde nur drei Bücher geschrieben: Rheinsberg, Das Pyrenäenbuch sowie Schloß Gripsholm. Die übrigen sieben sind Sammelbände der mehr als 3000 Texte, die er in seiner Karriere verfasst hat. »Das Spiel ist aus« schrieb er in der Tat häufiger im Leben, so 1911, 1919 und zuletzt kurz vor seinem Tod im Dezember 1935, in seinem langen Brief an Arnold Zweig. Aber wo die Notiz steht, dass die Nazis nicht mehr aufzuhalten seien, hätte die dpa den Lesern und der Forschung gerne verraten dürfen.

17.5.2009

Eine Widmung für die Teuerste

Es manchmal schon erstaunlich, welche bibliophilen Schätze bei privaten Sammlern im Verborgenen schlummern. Tucholsky hatte 1921 bereits verraten, dass es von der Erstausgabe seines Rheinsberg-Büchleins eine limitierte Sonderausgabe von 30 Exemplaren gegeben hatte, und »weil wir es unsern Damen schenken mußten, die im Verhältnis 29:1 unter uns aufgeteilt waren, malten wir in alle Exemplare eine schöne 1, damit es keinen Ärger gäbe«. Der Tucholsky-Forschung waren bislang nur die Nummern 4, 14 und 28 bekannt (womit auch bewiesen wäre, dass Tucholsky etwas geflunkert hat). Doch nun ist überraschenderweise eine tatsächliche Nummer eins aufgetaucht: Gewidmet dem realen Vorbild der Claire, der Medizinerin Else Weil, Tucholskys erster Ehefrau. Dazu ist das Büchlein noch mit einem Widmungsgedicht versehen.

Kein Wunder, dass der Besitzer, der das Exemplar nun verkaufen will, dafür den stolzen Preis von 10.000 Euro verlangt. Ebenfalls kein Wunder, dass das Rheinsberger Tucholsky-Museum dieses Buch unbedingt haben möchte. »Das ist quasi die ideelle Gründungsurkunde unseres Museums«, sagte Museumsleiter Peter Böthig zur Begründung. Das Problem für Böthig: Sein Museum hat nur einen jährlichen Ankaufetat von 1300 Euro. Daher bittet er nun um finanzielle Unterstützung, um das Buch dennoch erwerben zu können. Die Märkische Allgemeine berichtete ausführlich über den Spendenaufruf. Und wies dabei darauf hin:

Das Buch wäre nicht nur wegen seiner Seltenheit wertvoll für das Museum. Böthig erarbeitet derzeit eine Ausstellung über Else Weil. »Frauen in Preußen und Brandenburg« ist das Thema des Kulturland-Jahres 2010, dazu passt das Schicksal der promovierten Ärztin und zeitweiligen Ehefrau von Tucholsky. [...] 50 Dokumente und 20 Fotos hat Peter Böthig bereist zusammengetragen – und das Buch wäre das Highlight der Ausstellung.

Und anschließend des Tucholsky-Museums.

Mögliche Spender können sich beim Tucholsky-Museum melden: Telefon: 033931/3 90 07, E-Mail: mail@tucholsky-museum.de. Das Museum vergibt selbstverständlich Spendenquittungen.

9.5.2009

Der kleine Peter Pan(ter)

Für ein Spiegel-Sonderheft Wissen hat sich Renate Nimtz-Koester mit der schwierigen Kindheit von Literaten beziehungsweise Künstlerkindern beschäftigt. In ihrem Artikel »Wie das Ich entsteht« nimmt die familiäre Situation Tucholskys einen breiten Raum ein:

Kurt, das Kind aus gutbürgerlich-jüdischer Familie wurde, wie seine Geschwister, von der unerbittlichen Mutter malträtiert. »Ich könnte wie ein Gott in Frankreich leben, hätte ich die verfluchten Bälger nicht.« Als schreiende, übellaunige Tyrannin beherrschte die Frau ihre beiden Söhne und Tochter Ellen. Anerkennung oder gar Liebe gab es niemals: »Wir waren ein Nichts«, schrieb später Ellen.

Der geliebte, vielbeschäftigte Vater hatte auf das häusliche Leben wenig Einfluss, der 15-jährige Kurt musste dessen qualvollen Syphilistod miterleben und auch, wie die Mutter dem Sterbenden das Morphium verweigerte.

Das trifft alles durchaus zu und ist hinreichend bekannt. Es ist zu vermuten, dass Tucholsky-Biograf Michael Hepp dies das der Autorin sagte. Sagte? Ist Hepp nicht im September 2003 bereits gestorben? Dann kommt einem diesem Passage aber merkwürdig vor:

»Da betrieb einer öffentlich Psychoanalyse«, sagt Tucholsky-Biograf Michael Hepp, »sezierte seine eigenen Leiden und Empfindungen.«

Aber »sagt Tucholsky-Biograf Michael Hepp« klingt eben viel aktueller und persönlicher als »urteilt Michael Hepp in seiner 1998 erschienenen Tucholsky-Biografie«, wo sich das Zitat auf Seite 110 und der Hinweis auf das Peter-Pan-Syndrom an anderer Stelle findet.

29.4.2009

Google fürs Herz

Wenn es noch eines Beispiels bedurft hätte, um den Erfolg von Google-Anzeigen zu erklären, dann liefert ihn folgende Tucholsky-Seite.


Dass es im Zusammenhang mit Arnolt Bronnens Oberschlesien-Roman O.S. gar nicht so abwegig ist, den geneigten Leser auf nicht-literarische Gedanken zu bringen, zeigt eine Passage aus Tucholskys Rezension:

Ich muß gestehn, seit langem nichts so Unappetitliches gelesen zu haben wie dies Kapitel, das in gar keiner Beziehung zum sonstigen Inhalt steht – man fühlt förmlich, wie sich der Dichter gesagt hat: Ja, und nun mußt du den Freikorpslesern doch noch was fürs Herz bieten. Fürs Herz …? so hoch gehen seine Aspirationen gar nicht. Es wird da ein trübes Feuerwerk der Schmutzerei abgebrannt, aber was dieser von allen guten Geistern verlassene Patriotenclown nicht weiß: es gehört Kraft dazu, so etwas zu schreiben. Um eine erotische Situation bis in die medizinischen Einzelheiten zu gestalten, muß man die Stärke etwa von James Joyce besitzen, was aber Bronnen gemacht hat, ist blanke Pornographie. Wenn dies Literatur ist, dann ist das Tagebuch der Josefine Mutzenbacher ganz ausgezeichnete Literatur.

Da stehen Google ja noch einige Werbemöglichkeiten offen.

Vielen Dank an Jutta P. für den Hinweis.

8.3.2009

Sudelblog-Spezial: T.U.

In den vergangenen Wochen hat es eine medieninterne Debatte über die Zukunft des Agenturjournalismus gegeben. Meist geht es dabei um die Frage, ob der Agenturriese dpa sein Konzept gegen die Konkurrenz der kleineren Wettbewerber in Deutschland wie ddp, AFP oder AP durchhalten kann. Nur wenig bekannt ist dagegen, wie sehr sich die Arbeitsweise der heutigen Agenturen von denen der Vorkriegszeit unterscheidet. Einen Eindruck über den alles andere als unabhängigen Agenturjournalismus der Weimarer Zeit vermittelt der folgende Text, der in der Weltbühne vom 5. Juni 1928 erstmals erschien.

T.U.
Von Konrad Bolz

Unsre Kontrakte geben uns das Recht, die Zeitung ganz nach unserm Ermessen zu redigieren und sowohl die Haltung als die Parteistellung des Blattes selbständig zu handhaben …
Gustav Freytag, Die Journalisten

Lieber Zeitungleser, kennst du die Telegraphen-Union?

Du kennst sie nicht. Denn, mittlerer Bürger, der du bist, Abonnent einer mittelparteilichen Zeitung, die Kunst und Wissenschaft pflegend berücksichtigt, auch im Unterhaltungsteil laut Prospekt »auf Niveau« hält, bist du zufrieden, daß dein Blatt für Locarno ist, ohne die nationale Ertüchtigung zu vernachlässigen, für den gesunden Fortschritt, ohne das gesunde Alte darüber zu vergessen. Beim Überfliegen der politischen Depeschen wirst du dir kaum jemals Gedanken gemacht haben, was die mysteriösen Buchstaben in der Klammer hinter dem Datum wohl bedeuten. Das ist nämlich der Name des Nachrichtenbureaus, das die Meldung geliefert hat. Denn ich muß dir die optimistische Vorstellung rauben, als würde die Zeitung auch wirklich in der Zeitung gemacht. Das war so zu Zeiten meines seligen Großvaters. Heute fliegt der Inhalt buchstäblich ins Haus. Artikel, Informationen, politische und unpolitische Entrefilets, alles wird in Spezialbureaus fabriziert und geht von dort dann an die abonnierenden Blätter. Ganz besonders trifft das auf die Nachrichten zu. Denn ein Netz von eignen Korrespondenten über Nah und Fern zu breiten, ist nur einigen wenigen großen Blättern vorbehalten. Da das Publikum aber vom Zeitungswesen Begriffe hat, die schon der selige Gustav Freytag als veraltet abgelehnt hätte, so überwiegt noch immer die Meinung, daß Tatsache Tatsache bleibt, daß das Ereignis: »Zaglul Pascha in Kairo gestorben« oder »Demission eines belgischen Ministers« eindeutig ist und bleibt, einerlei, ob der Draht, der es übermittelt, zum »Vorwärts« oder zur »Kölnischen Zeitung« führt. Dem ist nicht so. Jede Nachricht von einiger Bedeutung unterliegt einer Appretur. Nicht erst die Glossierung in der Redaktion macht die Färbung, gewöhnlich wird sie schon in einer Form gedrahtet, die die redaktionelle Glossierung vorwegnimmt oder maßgebend bestimmt. Der Redakteur ist der Sklave der Nachrichten. Nicht allzuviele sind es, die wissen: Aha, an dieser Stelle ist falsch abgetönt worden, hier ist in die Tatsache gleich ein Werturteil hineingewirkt worden. Wenige Außenstehende nur ahnen, mit welcher Geschwindigkeit die Arbeit eines Redakteurs abrollt, wie wenig Zeit bleibt, um zu prüfen oder Nuancen gebührend herauszuholen.

Was wird nun, wenn ein paar hundert Zeitungen verschiedenster politischer Richtungen, die sich an grundverschiedene Leserkreise wenden, alle aus einem kolossalen Nachrichtentrog gespeist werden, der die Etikette trägt: Überparteilich …? Die größte unsrer Nachrichtenagenturen ist das Wolffsche Telegraphen-Bureau (W.T.B.). Es ist offiziös, also der jeweiligen Regierung zur Treue verpflichtet. Diese Treue dauert, wenn es sich um eine Rechtsregierung handelt, oft übers Grab. W.T.B. durch flotteres Tempo und Schlankheit der Form überlegen und deshalb von Blättern aller Richtungen gleich begehrt, ist die T.U. (Telegraphen-Union, Internationaler Nachrichtendienst, G. m. b. H., mit einer Anzahl von Zweigabteilungen). Die T.U. hat im Laufe der Jahre viele Herren kommen und gehen sehen. Ihre Existenz war nicht ohne Zwischenfälle. Ihre Qualität aber immer sehr hoch. Ihr heutiger Machthaber ist Herr Alfred Hugenberg.

Zur Zeit tobt zwischen W.T.B. und T.U. ein kleiner Pressekrieg, dem nachzugehen lehrreich ist. Beide Bureaus bombardieren ihre Kundschaft mit Erklärungen. Die T.U. ist furchtbar wütend, weil W.T.B. wieder auf ihre Geschäftsmethoden und ihre Propaganda hingewiesen hat. Die T.U. hat nun einen längern Schreibebrief an ihre Kundschaft losgelassen, der in seiner Selbstgefälligkeit für sich selbst spricht. Aber in diesem T.U.-Brief findet sich ein höchst interessanter Satz, den man doch nicht vorenthalten darf. Es heißt da nämlich: »Jeder Nachrichtenfachmann weiß, daß auch eine Nachrichtenagentur es bei Wahrung strengster Objektivität niemals allen Leuten recht machen kann…« Wie interessant! »Auch bei Wahrung strengster Objektivität?« Und diese interessante Feststellung wird von den Geschäftsführern der Firma getroffen, deren Aufsichtsratsvorsitzender Herr Geheimer Finanzrat Alfred Hugenberg und deren Aufsichtsratsdelegierter Herr Generaldirektor Ludwig Klitzsch vom Scherlverlag ist! Schulbeispiel für die Methoden des Hugenbergschen Propagandaapparates! Unter der Flagge der Neutralität wurde ein Nachrichtendienst mit großer Resonanz geschaffen, der sich nach außen als »unabhängige und neutrale nationale Agentur« anpreist, in Wirklichkeit aber nur ein Glied, oder besser nur eine Abteilung der von Hugenberg vollkommen abhängigen deutschnationalen Firmenkonstruktion Telegraphen-Union ist; zu der auch der seinerzeit aufgekaufte Dammertverlag und der harmlos klingende Patriaverlag gehören, wo ein paar Korrespondenzen mit mehr oder minder deutschnationaler oder besser Hugenbergscher Richtung erscheinen. Über allem schwebt als Geist Gottes Herr Hugenberg über den Wassern respektive die von ihm abhängige Geschäftsführung, die sich nicht nur juristische oder verlegerische, sondern auch direktoriale Befugnisse beilegt und auch ausübt.

Das alles wurde sehr hübsch durch einen Prozeß erhärtet, den der von Herrn Hugenberg gemaßregelte Chefredakteur der T.U., oder wie in der Gerichtsverhandlung so schön formuliert wurde: des Nachrichtendienstes der T.U. gegen die Telegraphen-Union angestrengt hat. Dieser Prozeß hat eine eigenartige Vorgeschichte. Der Chefredakteur soll vor mehr als zwei Jahren abfällige Bemerkungen über die Geschäftsführung der T.U. gemacht haben.. Wie der Kläger ausführte, sind diese angeblichen, von ihm übrigens energisch bestrittenen Äußerungen jetzt plötzlich ausgegraben worden, um ihn abzuhalftern, weil er politisch unbequem geworden war und man sonst keine Möglichkeit sah, den noch anderthalb Jahre laufenden Vertrag mit 2400 M. Monatsgehalt abzubiegen. Der Chefredakteur selbst hatte vor bald zwei Jahren, als ihm Andeutungen zu Ohren kamen, diese Dinge der Geschäftsführung gemeldet und eine Untersuchung gefordert, die ihm damals abgelehnt wurde, »weil es sich ja doch nur um Klatsch und Rachegelüste ihm feindlich gesinnter Leute handle«. Doch jetzt, da es grade vor den Wahlen war, brauchte man einen Grund und entließ den Chefredakteur fristlos. Dieser Chefredakteur hat eine ebenso energischen wie aussichtslosen Kampf gegen die redaktionelle Bevormundung durch Herrn Hugenberg und seine Beauftragten geführt. Vor Jahresfrist, kurz nach Erwerb der Ufa durch Hugenberg wurde dem Chefredakteur die Verbreitung einer reinen Interessentenmeldung (zu Gunsten der Hugenbergschen Ufa) zugemutet, obwohl ihm, wie im Prozeß ausgeführt wurde, vertraglich seine redaktionelle Unabhängigkeit von jeder parteipolitischen oder sonstigen Bindung ausdrücklich garantiert war und obwohl die T.U. doch bekanntlich sich selbst immer wieder als »unabhängige neutrale Telegraphenagentur« bezeichnet. Die Weigerung des Chefredakteurs, diese Nachricht zu verbreiten, trug ihm eine »Rüge wegen eigenmächtiger Durchkreuzung einer von der Direktion gegebenen Anordnung« ein. Auf seinen Widerspruch wurde ihm schriftlich von der »Direktion« eröffnet, daß »diese mit Befremden feststelle, daß er immer noch nicht zur Einsicht gelangt sei; die Tatsache der mit dem Vorstand abgeschlossenen Verträge ergäbe automatisch die Unterordnung der Chefredaktion unter diesen; es sei aber ungehörig, daß der Chefredakteur die Rüge, die ihm die Direktion leider nach Lage der Dinge habe erteilen müssen, zurückweise«. Im übrigen wurde ihm angekündigt, daß »die Direktion sich nicht in der Lage sehe, derartige Ansichten und sich daraus ergebende Handlungen weiter zu dulden!«

Aber nicht nur diese interessante Tatsache wurde im Prozeß erwiesen, sondern auch noch die eigenartigen Propagandamethoden der Telegraphen-Union, die sich doch jetzt wieder in dem Rundschreiben gegen das W.T.B. als unabhängige Nachrichtenagentur aufspielt. Der gemaßregelte Chefredakteur hatte nämlich nicht nur gegen die Verquickung seines vertraglich neutral zu haltenden T.U.-Dienstes mit der deutschnationalen Firma gekämpft, sondern ebenso gegen die Aspirationen der zu der Firma gehörenden deutschnationalen Korrespondenzen der vorher genannten Verlage Dämmert und Patria. Deren Herren machten sich die Namensübereinstimmumg zwischen Firma und T.U.-Dienst zu Nutzen und gerierten sich so, daß man sie als Chefredakteure (dort gibt es nämlich nur Chefredakteure!) der T.U. behandelte. Die Folge war, daß der Nachrichtendienst nur parteipolitisch gefärbtes Material dieser »Fachredaktionen« erhielt, ohne sich dagegen wehren zu können. Wer erinnert sich nicht des Vorfalls vor vier Jahren, als einige Redakteure aus der T.U. austraten, nur weil sie sich keinem Gewissenszwange aussetzen wollten! Damals verbreitete die T.U. die Erklärung, daß sie niemals eine parteipolitische Pression bemerkt habe. Ja, so dumm sind Hugenbergs natürlich nicht. Wozu braucht man eine Redaktion zu drücken, wenn sie das »Material, auf das es ankommt«, auf die viel harmlosere redaktionelle Methode durch »zuverlässige«, also deutschnationale Informatoren angedreht bekommen kann. Das Wichtigste ist eben, daß man die Kanäle kontrolliert, die das Material heranschaffen, das dann als »neutral« — sicherlich in gutem Glauben — von der Nachrichtenredaktion verbreitet wird. Dieses System hatte der gemaßregelte Chefredakteur durchschaut und abgeändert, indem er eine eigne Organisation für den Nachrichtendienst der T.U. aufgebaut hatte.

Der Chefredakteur Doktor Belian gab sich begreiflicherweise mit seinem Hinauswurf nicht zufrieden, sondern strengte Klage an. Beim Landesarbeitsgericht stieß er auf einen Richter, Herrn Landgerichtsdirektor Samuel, der für Hugenbergs Interessen großes Verständnis zeigte, alle Beweisanträge des Klägers ablehnte und ihn schließlich abwies. Der Öffentlichkeit den Fall klar zu machen ist außerordentlich schwierig. Wir haben es hier mit einer maßlos verschachtelten Konstruktion zu tun, die zu übersehen fast unmöglich ist. Die Firma »Telegraphen-Union« ist das Dach für den »T.U.-Dienst«, der »neutral« die Zeitungen beliefert, aber er läuft neben einer Reihe andrer Bureaus, die ausgesprochen im Sinne der deutschnationalen Partei wirken, und diejenigen Stellen, die den Rohstoff liefern, sind ebenso gerichtet. So kommt ein Nachrichtendienst zustande, der unbedenklich auch von Linksblättern verwendet wird, weil er gut gemacht und seit Jahren eingeführt ist. Hugenberg getarnt, Hugenberg überparteilich maskiert, sichert sich so ein Monopol auch im Nachrichtenwesen. Die Einzelpersönlichkeit verschwindet in einem System, das neben seinem Riesenkörper auch noch seine unsichtbaren Ausläufer hat. Wer, wie jener Chefredakteur, den Mut findet, auf seine kontraktlich zugesicherte Unabhängigkeit zu pochen, wird auf trockenem Wege erledigt.

Die Kölner Pressa zeigt nur die Dynamik des modernen Zeitungsbetriebes, nicht, zu welchem Ende; die Maschinerie gewiß, nicht das Schmieröl. Und vor allem fehlt ein schmaler Raum, bereit, endlich die arme kleine, verschrumpfte und vergilbte Mumie aufzunehmen, die heute noch bei Pressetees und Kongressen festlich aufgeputzt herumgereicht wird: — die journalistische Freiheit.

Powered by WordPress