31.12.2003

Angebliche Tucholsky-Zitate

Im Internet kursieren Dutzende Zitate, die angeblich von Kurt Tucholsky stammen, jedoch nicht in dessen Werk belegt sind. Hier eine sicherlich unvollständige, aber vermutlich ständig zu erweiternde Zusammenstellung mit den häufigsten Falschzitaten:

Als deutscher Tourist im Ausland steht man vor der Frage, ob man sich anständig benehmen muss oder ob schon deutsche Touristen dagewesen sind.

Chanson ist Welttheater in drei Minuten.

Das Ärgerliche am Ärger ist, dass man sich schadet, ohne anderen zu nützen.

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.

Der Horizont des Berliners ist längst nicht so groß wie seine Stadt.

Der Tod eines Menschen: das ist eine Katastrophe. Hunderttausend Tote: das ist eine Statistik! (findet sich zwar in einem Tucholsky-Text (»Französischer Witz«), aber als angebliches Zitat eines französischen Diplomaten)

Der Vorteil der Klugheit liegt darin, dass man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwieriger.
(Oder auf Spanisch: La ventaja de ser inteligente es que así resulta más fácil pasar por tonto. Lo contrario es mucho más difícil.)

Deutsche – kauft deutsche Bananen! – Das Original lautet: Deutsche, kauft deutsche Zitronen! Erschienen in dem Text »Europa«, in: Die Weltbühne, 12. Januar 1932, S. 73

Die SPD ist und bleibt die Vorhaut der Arbeiterklasse. Immer wenn es ernst wird, zieht sie sich zurück. (Wohl ein Spontispruch aus den 1970er Jahren.)

Erfahrung heißt gar nichts. Man kann seine Sache auch 35 Jahre schlecht machen. (Das Zitat lautet korrekt: Laß dir von keinem Fachmann imponieren, der dir erzählt: «Lieber Freund, das mache ich schon seit zwanzig Jahren so!» – Man kann eine Sache auch zwanzig Jahre lang falsch machen.)

Freiheit stirbt mit Sicherheit.

Gestze sind Jungfrauen im Parlament, aber Huren vor Gericht.

Ich kann nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte. (von Max Liebermann)

Ich glaube jedem, der die Wahrheit sucht. Ich glaube keinem, der sie gefunden hat.

Lasst uns das Leben genießen, solange wir es nicht begreifen.

Reisen ist die Sehnsucht nach dem Leben.

Sie dachten, sie seien an der Macht, dabei waren sie nur an der Regierung.

Toleranz ist der Verdacht, der andere könnte Recht haben.

Unterschätze nie die Macht dummer Leute, die einer Meinung sind.

Was unterscheidet Geschwister von wilden Indianerstämmen? Wilde Indianer sind entweder auf Kriegspfad oder rauchen Friedenspfeife – Geschwister jedoch können gleichzeitig beides. (Die korrekte Version lautet: Die Familie weiß alles, mißbilligt es aber grundsätzlich. Andere wilde Indianerstämme leben entweder auf den Kriegsfüßen oder rauchen eine Friedenszigarre: die Familie kann gleichzeitig beides.)

Wenn Wahlen etwas änderten, wären sie längst verboten.
(Wird auch Emmy Goldman zugeschrieben: „If voting changed anything they would make it illegal.“)

Wer die Sprache beherrscht, beherrscht auch das Denken der Menschen.

Wer nach allen Seiten offen ist, der kann nicht ganz dicht sein.

Sollte jemand eines dieser Zitate in Tucholskys Werk entdecken, bekommt er zur Belohnung ein Weltbühne-Lesebuch zugeschickt!

Citas atribuidas falsamente a Kurt Tucholsky

En internet se encuentran muchas citas que se atribuyen falsamente al periodista y escritor alemán Kurt Tucholsky.

Usarios de habla española citan frequentemente el aforismo consiguiente:

La ventaja de ser inteligente es que así resulta más fácil pasar por tonto. Lo contrario es mucho más difícil.

o:

La gente inteligente puede hacerse la tonta, lo contrario es más difícil.

Eses dichos no se encuentran en toda la obra de Tucholsky.

Por favor, no los distribuyan en los medios sociales como Twitter o Facebook.

¡Muchas gracias!

(Deutsche Version des Artikels)

Link-Archiv

mit Anmeldung, kostenpflichtig

Die „Rheinische Post“ über eine „schräge Tucholsky-Mischung“.

Marcel Reich-Ranicki lobt den „niemals langweiligen“ Literaturkritiker Tucholsky (Teil 1, Teil 2)

Die dpa besucht das Tucholsky-Museum in Rheinsberg

„Der Westen“ ist enttäuscht von einem Gripsholm-Abend

Die „Neue OZ“ freut sich über einen zeitgemäßen Tucholsky

Die „Westfälischen Nachrichten“ besuchen einen Lottchen-Abend

Das österreichische Online-Magazin fm5 präsentiert eine Artikelserie zu Tucholsky

Die „Westfälischen Nachrichten“ haben einen Tucholsky-Abend besucht

Die „Süddeutsche Zeitung“ bekommt falsche Tucholsky-Post vom BE

Die „Berliner Morgenpost“ sorgt sich um Tucholskys prophetische Gaben

Der „Gießener Anzeiger“ klärt über den falschen Tucholsky auf

Die „Presse“ sieht einen großen Tucholsky-Schwindel

Die „FTD“ geht dem falschen Tucholsky-Gedicht nach

„Die Welt“ forscht nach dem Stand der Gesamtausgabe

Die „Märkische Allgemeine“ über eine Lesung mit Richard von Soldenhoff

Die „Süddeutsche Zeitung“ schwärmt für die „Weltbühne“

Die „taz“ lobt Tucholsky

Die Nachrichtenagentur ddp über das restaurierte Grab von Tucholskys Eltern
„jetzt.de“ überträgt „Augen in der Großstadt“ in Prosa

Die „Neue Osnabrücker Zeitung“ besucht einen Lottchen-Abend

Das Deutschlandradio Kultur über Band 16 der Gesamtausgabe

Der „Tagesspiegel“ über die Schließung einer Tucholsky-Bibliothek

Die „Junge Welt“ über die Tucholsky-Tagung 2007

Die „Junge Welt“ über die Verleihung des Tucholsky-Preises

Die „taz“ über einen Tucholsky-Abend mit Hannelore Hoger

Der „Tagesspiegel“ über Kunst in Tucholskys Geburtshaus

Das „Neue Deutschland“ über die Tucholsky-Gesamtausgabe

Die „Märkische Allgemeine“ über einen Leseabend mit Tucholsky

Die „Berliner Zeitung“ über eine Tucholsky-Lesung mit Jan Josef Liefers

Die „WAZ“ über einen Tucholsky-Abend im Waltroper Hebewerk

Die „Netzeitung“ zum Satireverständnis Kurt Tucholskys

Die „Märkische Allgemeine“ schickt Tucholsky auf ein Nauener Gymnasium

Die „taz“ erinnert an den Wegfall des Urheberrechtes

Die „Berliner Zeitung“ über die Tucholsky-Zensur in der DDR

Die „Mitteldeutsche Zeitung“ befragt den Leiter des Tucholsky-Museums

Die „Berliner Zeitung“ zum 70. Todestag Tucholskys

Das „Neue Deutschland“ zum 70. Todestag Tucholskys

Die „taz“ erzählt einen Tucholsky-Text über Hamburg nach

Der „Tagesspiegel“ findet Tucholskys Spuren in Rheinsberg

Die „Potsdamer Neuesten Nachrichten“ über eine Tucholsky-Ausstellung

Die „FAZ“ über den Medienmenschen Tucholsky

Die „Süddeutsche“ zur Inszenierung von „Schloß Gripsholm“

Die „FAZ“ über 100 Jahre „Weltbühne“

13.1.1970

Abbau der Kunst

Von Alfred Behne

Es scheint, daß der liebe Gott Marxist geworden ist. Wenigstens demonstriert er uns die enge Verbundenheit aller geistigen Vorgänge mit den oekonomischen neuerdings auf eine äußerst nachdrückliche und einprägsame Weise – bis es Jeder kapiert hat.

In der Schule hörten wir den Lehrer berichten von Zeiten der „Reaktion“. Er mißbilligte ernst (damals!) die Polizei-Schikanen, die nach den „Freiheits“-Kriegen einsetzten, und die Verfolgungen, die nach 48 kamen. Wir mißbilligten sie mit ihm, aber konnten uns dabei nicht recht was vorstellen. „Reaktion“ war ein Begriff mehr zu „Cosinus alpha“ und „Augsburger Konfession“ und „Stickstoff“. Wir dachten nicht im entferntesten daran, daß wir eine solche unschöne Periode selbst würden erleben müssen.

Heute sind wir mitten drin. Benutzen wir die Gelegenheit, um die außerordentlich wichtige und interessante innere Struktur solcher „Reaktion“ zu studieren.

Auffallend ist, daß so Wenige das Ganze des Vorganges sehen, oder daß sie im günstigsten Falle, wenn sie Verbindungen zwischen Politik, Oekonomie und geistigem Schaffen ahnen, nur an den allgemeinen Einfluß der niederdrückenden „Stimmung“ glauben, während es sich um ganz exakte und konkrete Wechselwirkungen handelt.

Nehmen wir den Fall des Weimarer Bauhauses.

Gropius hat von vorn herein und mit ängstlicher Sorgfalt jede Politik vom Bauhaus ferngehalten, wie er sie auch vom „Arbeitsrat für Kunst“ ferngehalten hat. Freilich hat der Architekt Walter Gropius das Weimarer Denkmal für die Opfer des Kapp-Putsches im Auftrag der Gewerkschaften ausgeführt. Das war vielleicht inkonsequent. Aber dieses Denkmal ist wiederum so ängstlich unpolitisch, daß es, als sehr allgemein gehaltenes Symbol der „Erhebung“, ebenso gut hätte für Kappisten gesetzt werden können.

Alle politische Enthaltsamkeit hat dem Bauhaus nichts genützt. Und wie könnte es auch anders sein? Es ist Utopie, in einer politisierten Umwelt apolitisch sein zu wollen. Wer nicht aktiv politisch sein will, muß es passiv sein. Und wenn Politik ein Übel sein sollte, so ist passive Politik das größere. Das Schicksal des Bauhauses ist dafür Beweis. Es war schließlich nur noch ein Spielball zwischen den politischen Parteien, und es findet sein Ende nicht in einem offenen Kampf um künstlerische Prinzipien, wie es das als ein ehrenhaftes Ende gewiß für möglich gehalten hat, sondern Politiker treiben es aus politischen Gründen zur Selbst-Auflösung.

Gropius mag sagen, daß er dank seiner unpolitischen Haltung fünf Jahre habe arbeiten können, und daß er im andern Falle höchstens vier Jahre Zeit gehabt hätte. Er wird immerhin zugeben, daß dieses letzte Jahr mehr mit diplomatischer Arbeit als mit pädagogischer ausgefüllt war.

Aber die wichtigste Frage ist diese: Weshalb eigentlich will die thüringische Rechtsregierung das rein-künstlerische Bauhaus abbauen?

Ich lasse alle sekundären Momente (Verdacht gegen Ausländer; bürgerliche Verhetzung; akademische Eifersucht; provinziale Beschränktheit) beiseite, weil sie das Wesentliche nur verhüllen: Warum ist eine bestimmte politische Richtung gegen bestimmte künstlerische Gestaltungen?

Die allgemeine Vorstellung ist: Die künstlerische Form ist frei. Sie kann Gefallen finden oder auf Ablehnung stoßen – doch ist das ganz individuell. Die Leute, deren Geschmack zu eckigen Formen neigt, werden politisch von der allerverschiedensten Couleur sein, und ebenso Jene, die für weiche, runde Formen leichter zu haben sind.

Das ist allerdings wahr. Aber solange wir noch bei der Form sind, stehen wir noch nicht im Zentrum der Kunst, sondern nur beim Geschmack,

Das im Kunstwerk Entscheidende ist nicht die Wahl der Form – um Formen würde sich der Bürger ganz bestimmt nicht aufregen -, sondern die Ordnung seiner Elemente. Hier ist die Sphäre, wo sich Bildwerk und Gesellschaft, also Politik berühren. Jedes Kunstwerk spiegelt in der Ordnung seiner Elemente die allgemeinen Ordnungsprinzipien seiner Zeit.

Deshalb steht heute mit Notwendigkeit das abstrakte Bild und jede elementare künstlerische Gestaltung im Mittelpunkt eines erbitterten Kampfes, denn sie sind Prototypen einer allgemeingültigen Ordnung von betont sozialem Charakter. Deshalb gilt der abstrakten Kunst, dem Neo-Plastizismus, wie ihn Mondrian unerschüttert vertritt, der erbitterte Kampf aller am Kapitalismus Interessierten. Deshalb sieht das abstrakte Kunstwerk gegen sich in gemeinsamer Front Fascisten, Nationalisten und Demokraten.

Kunstgewerbe und guter Geschmack sind unpolitisch und individuell. Kunst ist im Tiefsten Politik und kollektiv.

Das Bauhaus glaubte ehrlich, unpolitisch sein zu können. Und hätte es sich auf die Verbreitung von Kunstgewerbe, wenn auch modernster Form, beschränkt, so hätte es mit der Zeit den Bürger beruhigt. Aber da es das Unglück hatte, von Künstlern geleitet zu werden, so stieß es zwangsmäßig auf Gestaltungsprobleme, das heißt: es vertrat bestimmte allgemeingültige Ordnungsprinzipien. Und obwohl die neuen Machthaber den Zusammenhang nicht verstehen, so haben sie doch einen geschärften Instinkt für die Gefährdung jener Ordnung, der sie ihre Macht verdanken. Ihre besondere Erbitterung gilt – und das ist bezeichnend – Kandinsky: nicht dem Russen, sondern dem Initiator der abstrakten Kunst.

Die Politiker der Linken sehen im Allgemeinen leider nicht weiter als die Reaktionäre. Auch sie halten die abstrakte Kunst für „überlebt“, weil sie zwar Marxisten sind, aber den bürgerlichen Trennungsstrich zwischen „Politik“ und „Feuilleton“ wie alles Gutbürgerliche fromm respektieren. Dort, wo sie eine Ahnung von der Funktion der Kunst haben, neigen sie dazu, den Satz:,, Kunst ist Politik“ zu verwechseln mit dem Satz: „Kunst habe Politik“. Das aber heißt: an einen Flugapparat ein Automobil anhängen, um schneller zum Ziel zu kommen.

Erschienen in: Die Weltbühne, 21/I, Nr. 02, 13.1.1925, S. 57

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