1.1.2004

Brief an Marierose Fuchs (28.7.1930)

An Marierose Fuchs

Post: Weltbühne

28.7.1930
Verehrteste,
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – … – – – – – – – – – – – – – – – – – … – – – – – und aus diesen Gründen konnte ich nicht eher schreiben.
Ernsthaft: Ich hoffe, daß es Ihnen wesentlich besser geht als mir. Damit mag ich Sie nicht langweilen; Männer, die sich um ihre Gesundheit haben, sind ein restlos komischer Anblick. Es ist auch schon besser. Ich bin – viel zu spät – in einen Salatkasten gegangen, und hier haben sie mich – bei Luzern – ein wenig aufgemöbelt. Nun aber zu Ihren Briefen:
Dank vor allem für alle Ihre guten Wünsche! Ich hoffe vor allem, daß es Ihrer Frau Mutter besser geht. Und wie ist es denn mit dem Garten geworden?
Ich picke, wie die Hühner im Salatgarten, in Ihren Briefen. «Marosie» dürfen leider nur Sie zu sich sagen – also, geehrtes Frollein: wenn ein Mann «immer» sagt, ist das «immer» faul. Ich sags nicht mehr. Bei Sachen manchmal und sehr vorsichtig; bei Menschen kaum noch. Und ohne alle Bitterkeit nicht. Wodurch einem mitunter sehr wohlschmeckende Dinge entgehen. Aber mitnichten: «Sie ist» steht irgendwo, «vielen Männern nacheinander treu.» Das gibts.
Um zu Ernsthafterem überzugehen: Was Sie da von dem Stadion schreiben, war sehr hübsch – noch hübscher und ganz reizend die kleine Scene auf dem Wohltätigkeitstee in der Wilhelmstraße. So sollten Sie schreiben! Schade, daß ich das nicht gesehen habe; ich hätte da gern ein klein Blümlein an den Rand gesetzt. Zu herzig, diese Wohltätigkeit!
Wobei ich denn gleich anmerke: Sie schießen manchmal, aber nur manchmal, in Ihren Briefen an mich zu tief. Ich freue mich natürlich sehr, wenn Sie so viel gute Laune aufbringen, wenn Sie von dem katholischen Kitsch sprechen – aber nie, nie fiele es mir ein, solche Bonbonbilder mit der Idee dieser Religion zu identificieren. Es ist ein bißchen reichlich davon da, was ich den «Vulgärkatholicismus» nennen möchte – aber das hat doch mit den Visionen des Loyola und den großen Päpsten kaum noch etwas gemein. So simpel wollen wir uns das nicht machen. Ob diese Bilder einmal besser werden oder nicht …
Das ist es nicht. Es ist etwas andres.
Es ist immer wieder das Politische. Wenn ernste und große katholische Männer über ihre Religion sprechen und nur über diese, so schweige ich. Ich bin nicht einverstanden – insbesondere finde ich, daß zum Beispiel Nietzsche bei Euch gradezu gotteslästerlich flach abgetan worden ist, nein, nicht abgetan – kaum begriffen … ich kann auch nicht mitspielen, wenn ich in einer Arbeit über den Hinduismus lesen muß, daß jede Religion auf der Welt naturaliter catholica sein soll – aber das ist ein geistiger Kampf.
Hingegen zu sehen, wie in den kleinen Ortsparlamenten das Mulmigste, Muffigste, Dämlichste und Dummdreisteste sehr oft aus dem Zentrum kommt, von einem stramm katholischen Bäckermeister und diesen fürchterlichen Bürgerweibern, die durch die Aufhebung der segensreichen Familienbäder die Sittlichkeit retten … also das spiele ich nicht mit. Sie vielleicht –?
Da sitzt es. Von der Haltung der Partei den Hitlerleuten gegenüber will ich gar nicht reden. Wären die nicht so gottverlassen dumm, ein «Rom» zu bekämpfen, das sie gar nicht kennen – es sähe anders aus. Denn liest man schon mal was in den Zentrumsblättern gegen den Kaiser und die Zeit vor dem Kriege, dann steht da bestimmt an irgend einer Stelle das kleine Wörtlein «protestantisch» – es ist böseste Vereinsmeierei. Und wenn ich das sage, dann kriege ich ein Kreuz um die Ohren – also: nein.
Ja, also so sollten Sie schreiben wie in diesen Briefen – das über den katholischen Kitsch ist beinah druckreif. (Keine Sorge. Ich werde niemals irgend etwas, was Sie mir schreiben, drucken lassen.) Was Sie in die Zeitung setzen lassen – ja – hm – schlecht ist es nicht. Aber es ist viel verschwommener, als die Briefe. Wäre ich Redakteur, so erlaubte ich nicht, daß eine bei mir «Menschlicher Ausklang» schreibt. «Menschlich» ist ein Modewort und heißt alles und nichts. Nun – ich bin nicht Ihr Schulmeister.
Über vieles andere kann ich nicht schreiben; darüber müßte man sprechen. Das ist nun nicht ganz leicht. Ich gehe von hier entweder in die hohen und allerhöchsten Berge, zwecks Nachkur – oder nach Frankreich oder direkt zurück nach Schweden. Sollte ich über Berlin kommen, was ich nur tue, wenn ich muß, und sollte ich mich da aufhalten, dann melde ich mich bei Ihnen. Händedruck für die «Angst» – nein, Angst sollen Sie gewiß nicht um mich haben; die Ärzte haben sich hier sehr verständig benommen und etwas von Drüsentätigkeit gemurmelt, aber jedenfalls etwas gebessert.
Ich habe dieser Tage das Buch von Hoeber über Sonnenschein gelesen. Ich werde es besprechen. Sie werden damit nicht zufrieden sein. Das Buch hat Pech gehabt: daneben lag eines von Barbusse über Georgien. Liebe Fuchs – «Wohltaten in einem wohlgeordneten Staate sind nicht angebracht» spricht Multatuli. Und es erscheint mir größer, die Ausbeutung zu verhindern als dann, wenn sie geschehen ist, betteln zu gehen und – in allerreinster, in allerbester, in alleredelster Absicht – zu helfen. Wenn es meist zu spät ist. Besser als nichts ists schon. Aber den Arbeitern wird nicht mit Wohltätigkeitstees geholfen. Das hat Sonnenschein gewußt. Wie ich überhaupt immer den Eindruck habe: wenn der kein Priester gewesen wäre, hätte er die socialen Zusammenhänge zu Ende gedacht. Dies bricht immer in der Mitte ab. Hunger – Not lindern – keine Seelen fangen – Güte – Milde – keine Weichlichkeit – … alles gut und schön. Aber nie, nie ein Wort gegen den Hüttenbesitzer und die tausend untätiger Erben, die den Grund und Boden besitzen, nur, weil sie ihn besitzen. Das war wohl nicht seine Aufgabe …
Ich wünsche Ihnen einen guten Sommer. Und gute Erholung. Und gutes Wetter. Und Stille innen und draußen.
Und denken Sie auch mal
an Ihren Sie herzlichst grüßenden
Tucholsky.

Brief an Marierose Fuchs (17.12.1929)

An Marierose Fuchs

Post: Weltbühne

17.12.29
Sehr verehrtes Fräulein Fuchs, da liegen nun alle Ihre freundlichen Briefe vor mir – aber ich möchte mich gar nicht so sehr entschuldigen: es ist sicherlich für diesen Briefwechsel besser, wenn ich erst heute antworte: still, gesammelt und ruhig – und nicht hopphopp aus dem Hotelzimmer. Item:
Zunächst danke ich Ihnen recht herzlich: einmal für das große und kameradschaftliche Interesse, daß Sie „über den Graben“ an unserer und meiner Arbeit nehmen – und dann für Ihre Freundlichkeit, mich in Berlin noch einmal empfangen zu wollen. Die Leute haben mir aber bis zur letzten Stunde die Haare vom Kopf gerissen, eine Armee von Beleidigten habe ich zurückgelassen („Für mich haben Sie keine Zeit … !“) – und so ist es denn leider nichts mehr geworden. Das will ich aber, wenn Sie es später noch erlauben, nachholen.
Bevor ich Ihre Briefe Punkt für Punkt beantworte:
Das, was Sie in diesem Brief nicht finden werden, beantworte ich Ihnen in der ›Weltbühne‹. Es wird ›Brief an eine Katholikin‹ heißen und wird zweierlei nicht enthalten: a) wird ihre eigene Schwester nicht merken, daß Sie die Adressatin sind und b) werde ich mir an keiner Stelle den unritterlichen Vorteil verschaffen, der darin liegt, daß Sie kein dialektisch geschulter Priester sind. (Einem solchen unterläge ich glatt.) Ich halte es für kindlich, so etwas auszunutzen; als ob damit etwas bewiesen ist, daß bei einer Disputation: Fahsel – Bauarbeiter Klamottke Fahsel siegt und bei einer Disputation:Kaplan Hintermoser aus Niedertupfingen – H. G. Wells der Engländer siegt – dergleichen besagt für und gegen den Katholizismus gar nichts. Also so wollen wir das nicht machen.
Ich werde Ihnen also einige grundsätzliche Dinge im Blättchen entwickeln; daher fehlen sie hier oder sind nur andeutungsweise skizziert.
1.) Das Blättchen bekommen Sie von jetzt ab, natürlich nicht gegen Vorzugspreis, sondern gratis – wenn Sie es nicht mehr mögen, sagen Sie es bitte. Ich mag mich keinem Menschen aufdrängen. (Ich nähme Ihnen das auch niemals übel, wenn Sie das Blatt nicht im Haus haben wollen – meine Empfindlichkeiten sitzen anderswo.)
2.) Den Artikel von Ossietzky habe ich noch einmal ganz genau durchgesehen – denn als ich Ihren Brief las, dachte ich, ich hätte irgend eine seiner Arbeiten übersprungen; die, an die ich dachte, konnte es doch nicht gewesen sein … Aber sie war es. Und nun verstehe ich Ihren Brief gar nicht.
Wir kennen uns nicht (wie wenig, werden Sie weiter unten sehen) – aber ich möchte doch, daß wir uns geistig etwas näher kommen. Also: es kann keine Rede davon sein, daß ich etwa „beleidigt“ wäre – Sie können, solange es nichts Ehrenrühriges ist, von Ossietzky, von mir, von unsern Mitarbeitern das Schärfste schreiben, was Sie wollen – ich nehme dergleichen immer als Echo – wir haben in den Wald hineingerufen, und nun ruft es eben wieder heraus. Also das ist in Ordnung.
Aber zur Sache:
Ist ›Lädiertes Sakrament‹ wirklich so unverschämt? Mir ist der Titel gar nicht aufgefallen – ich habe empfunden: Das, was jene als Sakrament betrachten, hat in Wahrheit längst ein Loch. Beleidigung? Schändung? Ich habe nicht einmal empfunden, daß es so gemeint war – ich glaube das keinesfalls. Auch würde Ossietzky nie, niemals so etwas von der „katholischen Jungfrau“ sagen – Sie glauben gar nicht, wie weit dieser Pfeil vom Ziel abgegangen ist. Ossietzky ist ein sehr zurückhaltender, sehr scheuer Mensch – ich habe ihn in all den Jahren unserer Zusammenarbeit nicht einmal gefragt, ob er katholisch ist, ich weiß es nicht, weil es mich nicht interessiert. Nie würde er solche spöttischen Bemerkungen machen – nie.
In der Sache aber sehe ich dies:
Die katholische Anschauung sieht in der Ehe ein unlösbares, heiliges Band, keinen Zweckvertrag. Das ist Sache der Kirche. Ich diskutiere das Dogma nicht. Es ist auch das Recht der Kirche, gegen Andersmeinende alle parlamentarischen Waffen in Anwendung zu bringen; mit allen Kräften dafür zu kämpfen, daß Ehen nicht oder nur sehr schwer gelöst werden sollen; daß Ehebruch strafbar bleiben soll – das ist ein politischer Kampf. Aber gegen eines wehre ich mich und werde mich wehren, solange ich noch eine Schreibmaschine habe:
Daß die Partei des Zentrums sich eine Ausnahmestellung anmaßt, die ihr nicht zukommt. Das gibt es nicht. Hier ist keine Satire zu scharf.
Wie! Die Partei steigt in die Arena des politischen Kampfes hinunter, ein Feld, auf dem – wie männiglich bekannt – auch mit Pferdeäpfeln geworfen wird. Die Kämpfer schreien sich heiser, sie brüllen, sie führen auch saubere und leise Kämpfe – und es geht im ganzen recht hitzig zu. Wir wehren uns. Gerät aber die Kirche in die Bredouille, dann höre ich da ein Gequietsch wie von einer Katze, der man auf den Schwanz getreten hat: „Das Heiligste ist in Gefahr!“ – Das Heiligste ist in Gefahr? Dann müßt ihr das nicht auf den Kampfplatz schleppen – es fällt ja auch keinem Priester ein, mit dem Allerheiligsten, unbedeckt, in eine Elektrische zu steigen – weil es nämlich nur ein transportabler Gegenstand wäre, auf den Rücksicht zu nehmen unmöglich wäre. Also?
Also darf man sich nicht auf das „Heilige“, auf das „religiöse Empfinden“ zurückziehen, wenns einem grade paßt. Das ist nicht ehrlich. Die politische Partei des Zentrums muß sich gefallen lassen – genau wie alle andern Parteien auch – politisch bekämpft zu werden. Und das hat Ossietzky getan.
Zieht die Partei die Kirche in den Streit, so geht der Kampf auch um das Dogma – wir haben nicht angefangen.
Solange sich die Kirche damit begnügt, zu sagen: „Wir beerdigen keinen geschiedenen Mann kirchlich. Wir erkennen eine zweite Ehe nicht an – wir exkommunizieren. Wir halten den Ehebruch für eine schwere Sünde.“ – solange haben wir andern zu schweigen. Weil man nämlich aus der Kirche austreten kann – und wer darin bleibt, der hat sich zu unterwerfen. Das ist eine innerkatholische Angelegenheit, die keinen andern berührt.
In dem Augenblick aber, wo die Kirche sich erdreistet, uns andern ihre Sittenanschauungen aufzwingen zu wollen –
unter gleichzeitiger Beschimpfung der Andersdenkenden
als „Sünder“ –
in dem Augenblick halte ich jede politische Waffe für erlaubt – auch den Hohn, grade den Hohn. Und zwar nicht den dummen, abgestandenen gegen die Pfarrersköchin – grade den lehne ich aus tiefstem Herzen ab. Bei euch wird gar nicht geheuchelt – nicht mehr jedenfalls als bei uns. Aber blind sind diese Leute, die das ungeheure Elend nicht sehen, das sie da heraufbeschwören. Kennen Sie das nicht? Gehen Sie einmal auf das Landgericht am Alexanderplatz und hören Sie sich da die fast stets öffentlichen Ehescheidungsverhandlungen an: wie da der Schmutz haushoch spritzt, wie da auf Lügen hin geschieden wird, alle wissen es: die Richter zuallererst, die Anwälte, die Parteien – aber unter dem geltenden Eheunrecht kann man sich nicht anders helfen. Das Soziale ist nämlich stärker. Das haben sogar die reichlich puritanischen Amerikaner begriffen. Was an und in der Kirche „ewig und unwandelbar“ ist steht dahin – die sozialen Anschauungen gehören nicht dazu. – Der Ehebruch wird in weiten Kreisen nicht als außergewöhnlich und nicht als „unmoralisch“ empfunden – womit eben nicht gesagt ist, daß wir ihn propagieren oder gar als schön empfinden. Aber zwischen nicht „schön“ und einem Vergehen ist ein weites Feld. Das mag man kirchlich beackern – das Strafrecht hat hier nichts zu suchen. Und das sollte man nicht sagen dürfen –?
Es ist auch nicht richtig, solchen politischen Kämpfern wie Ossietzky Ignoranz vorzuwerfen. Wir sind keine Theologen. Wir haben nicht die Pflicht, uns mit den Finessen des kirchlichen Rechts zu befassen – wir befassen uns nur mit dem, was parteipolitisch dabei herauskommt. Die zugrunde liegende Philosophie mag gut sein – ich diskutiere das nicht. Wie sie sich sozial und politisch auswirkt –: das dürfte keiner Kritik unterliegen? Nein –? Ja.
Und mit Dreck werfen? Haben wir uns schon einmal beklagt, wenn ein Geistlicher unsere Ideale mit Dreck bewirft? Das tut er nicht? Ich danke. Haben wir „Sakrileg!“ gerufen, wenn kostümierte Herren im Kriege zum Mord gehetzt haben? Meine Gefühle werden dadurch verletzt. Ich quietsche allerdings nicht. Ich schlage zurück. Trifft das einmal auf ein Kreuz –: das ist nicht meine Schuld. Ich habe es nicht in den Streit geholt.
3.) Immer, immer freut es mich, wenn Sie mir Ihre Einwände – auch die allerschärfsten – schreiben. Dazu habe ich immer Zeit. Eine kleine Anmerkung: wir sind ein bißchen weit voneinander. Wenn Sie manchmal schreiben „Bei euch da drüben muß man wahrscheinlich hinzufügen …“, dann muß ich in meinen stattlichen Bart lächeln. Sie haben mitunter von den Heiden eine Anschauung wie ein Monist von einem katholischen Pfarrer: der ist für ihn eine Schießbudenfigur, der immerzu mit seiner Köchin liebäugelt, säuft, in seinem tiefsten Herzen das Wort Gottes für Unfug hält und sich einen Bauch anmästet. Nun, und „die da drüben“ glauben gar nicht von jeder Frau, die sich in geistiger Absicht nähert, daß nunmehr ein gewaltiger Flirt beginnen müsse – ich möchte einmal getroffen werden, und nicht immerzu sehen, wie die Pfeile um mich herumsausen – und wenn sie dann so in der Wand neben mir zitternd stecken bleiben, dann muß ich mich furchtbar wundern.
4.) Also sollte bei Ihnen kein Mißtrauen da sein. Ich sagte Ihnen schon, daß ich niemals daran dächte. Ihre Formulierungen zu benutzen oder gar spöttisch zu veröffentlichen. Wenn ich mir einen hernehme, dann nehme ich mir einen Bischof oder einen Kardinal – also einen, der unwiderleglich die offizielle Meinung der Kirche wiedergibt. Nur das ist ehrlich.
5.) Wenn Sie mich einmal später mit einem Priester zusammenbrächten, so wäre mein letzter, aber mein allerletzter Gedanke: „Der will mich fangen.“ Gibt es denn wirklich so viel Kirchengegner, die das glauben? Dummes Zeug. Der Kampf, den zum Beispiel Schreiber in Berlin führt, geht doch um anderes – der der „Katholischen Aktion“ auch. Fangen? Ja, aber doch nicht so. Daran habe ich nie gedacht. Schon deshalb nicht, weil ich zu alt und noch nicht alt genug dazu bin.
6.) Wieso wissen Sie, daß „wir“ etwas gegen das Zölibat haben? Vielleicht gibt es Männer unter uns, die nur arbeiten können, wenn keine Frau dabei ist. Vielleicht gibt es welche, die wissen, was Keuschheit für ein Kräftereservoir ist – von den politischen Momenten ganz zu schweigen.
7.) In Düsseldorf bin ich nicht gewesen. Ich hätte mich sehr gefreut, mit Herrn Schöllgen einmal zusammenzutreffen – ich habe große Sympathien für solche Naturen, und ich glaube, ich hätte manches dabei gelernt.
8.) (Ich antworte immer nach je einem Blick in Ihre Briefe – daher dieses Nebeneinander.): Sie verletzen mich nicht, wegen dick – dicke Leute sind nicht so leicht verletzt. Und langweilen? Nie.
9.) Dank für die Hefte Sonnenscheins. Ich werde mir wohl alle nachkommen lassen. Darüber schreibe ich im Blättchen. Das ist blitzehrlich, sauber, richtig, in Ordnung bis in die letzte Falte. Aber: Wanzenpülverchen, statt Ausräuchern. Dazu eine Verachtung Berlins, die mir nicht gefällt. Eine Stadt „geht nicht unter“ – sie ist kein Kriegsschiff. Hier stimmt in der Rechnung etwas nicht. Sie geht vielleicht für die Kirche unter – aber das ist ein himmelweiter Unterschied. Darüber öffentlich.
10.) Der Gotteslästerungsprozeß des ›Eulenspiegels‹ war mir bekannt. Ich habe mich mäuschenstill dazu verhalten. Ich halte diese Art Kampf für nicht richtig und habe mich auch niemals an solchen Aktionen beteiligt. So geht das nicht.
11.) Den Chesterton werde ich mir besorgen. Ich kenne alles, was er geschrieben hat (deutsch) – ich finde es herrlich – als Feuerwerk. Was nicht ausschließt, daß er ehrlich ist, ein ehrlicher Feuerwerker. Aber er setzt den Glauben voraus, zu dem er – vielleicht – bekehren will.
12.) Ludendorff und die katholische Kirche – unmöglich, darüber ernst zu schreiben. Ein Geisteskranker. Verschaffen Sie sich vielleicht einmal die Aufsätze, die Willy Haas in der ›Literarischen Welt‹ darüber geschrieben hat – er zeigt das unterirdisch Theologische auf, das in diesem Wahnkranken zu finden ist. Das ist sehr interessant.
13.) Dank für Ihre Arbeiten, die Sie beigelegt haben. Es ist in der Gesinnung und im Grundgefühl sauber und rein – das Technische ist noch etwas wacklig – jetzt werden Sie mich furchtbar auslachen. Lesen Sie Wustmann ›Allerhand Sprachdummheiten‹ – womit aber nicht gesagt sein soll, daß Sie welche gemacht haben. (Doch, eine: „ich entschließe mich zu letzterem“ sollte mit einem Jahr Verbannung bestraft werden.) Wustmann ist eine sehr gute deutsche Grammatik.
14.) Nun habe ich alles gesagt – beinah alles.
Den Rest – beinah den ganzen Rest – werde ich also öffentlich sagen; das wird noch ein Weilchen dauern. Und dann bleibt ein winziger Rest ungesagt, was die Beziehungen zwischen den Menschen mehr als reizvoll, nämlich wertvoll macht.
Ihnen alles Gute wünschend,
bin ich Ihr ergebener Tucholsky

Traktat über den Hund, sowie über Lerm und Geräusch: 3. Ironie und tiefere Bedeutung

Der Schlaf kommt nicht, will nicht
kommen. Unweit im Hundezwinger
fangen die Jüngsten von ihnen ihr oh-
renbetäubendes Jaulen und Winseln
an. O Schrecken, das geht die ganze
Nacht hindurch. Aus den Zellen brüllt
es – brüllt Ruhe und flucht – und es
geschieht nichts – es bringt nur wie-
der die schlaflose Nacht, dieses Be-
wußtsein der Gefangenschaft.
Schilderung eines Gefangenen

Hätte Goethe die Hunde geliebt, so wäre der Spektakel, den ich da heraufbeschworen habe, noch größer geworden, wenn er hätte größer sein können.
Goethe aber liebte die Hunde nicht. Warten Sie …
Johannes Falk: Goethe aus näherem persönlichem Umgange dargestellt. Kapitel IV. Goethes wissenschaftliche Ansichten, Gespräch über Monaden.
„An eine Vernichtung ist gar nicht zu denken; aber von irgendeiner mächtigen und dabei gemeinen Monas unterwegs angehalten und ihr untergeordnet zu werden, diese Gefahr hat allerdings etwas Bedenkliches, und die Furcht davor wüßte ich auf dem Wege einer bloßen Naturbetrachtung meinesteils nicht ganz zu beseitigen.“
Indem ließ sich ein Hund auf der Straße mit seinem Gebell zu wiederholten Malen vernehmen. Goethe, der von Natur eine Antipathie wider alle Hunde besitzt, fuhr mit Heftigkeit ans Fenster und rief ihm entgegen:
„Stelle dich wie du willst, Larve, mich sollst du doch nicht unterkriegen!“ Höchst befremdend für den, der den Zusammenhang Goethescher Ideen nicht kennt; für den aber, der damit bekannt ist, ein humoristischer Einfall, der eben am rechten Orte war!
„Dies niedrige Weltgesindel“, nahm er nach einer Pause und etwas beruhigter wieder das Wort, „pflegt sich über die Maßen breitzumachen; es ist ein wahres Monadenpack, womit wir in diesem Planetenwinkel zusammengeraten sind, und möchte wenig Ehre von dieser Gesellschaft, wenn sie auf andern Planeten davon hörten, für uns zu erwarten sein.“
Und:
Riemer: Mitteilungen.
„Einem anderen Befremden ist auch noch zu begegnen: wie Goethe die Hunde nicht habe leiden können.
Da der Hund eine solche allgemeine Protektion des Menschen genießt, daß gegen die Verwendung und das Halten desselben von Zeit zu Zeit sogar polizeiliche Verordnungen erlassen werden müssen, so will es vielen nicht eingehen, daß ein Naturforscher wie Goethe, der über komparierte Anatomie gedacht und geschrieben, eine solche Aversion vor den Hunden könne gehabt haben, wie andere kaum vor Spinnen und Kröten, wogegen die Natur selbst dem Menschen einen Abscheu eingeflößt zu haben scheine; daß er also einen gleichsam aristokratischen Haß auf sie, als auf die mit Recht so genannte Kanaille, geworfen, und darüber fast mit einem mächtigeren zerfallen.
Zuvörderst ist der soupçonnierte und zur Tradition, besonders durch Falks fabelhafte Anekdote, gewordene Hundeabscheu nicht von der Ausdehnung, die man annimmt, noch irgendeiner anderen Bedeutung, als daß Goethe eben kein besonderes Vergnügen an dieser Tiergattung finden konnte.
Zwar spricht er seine Abneigung im allgemeinen gegen sie in seinem Gedichte aus; doch ist es besonders nur ihr Gebell, das kläffend sein Ohr zerreißt.“
Und:
„Wundern kann es mich nicht, daß Menschen Hunde so lieben. Denn ein erbärmlicher Schuft ist wie der Mensch so der Hund.“
Soweit Goethe.
Mit dem Lärm und Geräusch aber ist es so:
Geräusch anhören ist: an fremdem Leben teilnehmen. Ein guter Diagnostiker hat ‚empfindliche’ Hände – sie fühlten sonst nämlich nichts. Ein Gehirnmensch hat ein ‚empfindliches’ Gehirn – es könnte sonst nicht denken und nicht produzieren.
Nun stören Kollektivgeräusche kaum; mit Recht gewöhnt man sich daran, daß die Straße wie ein Meer erbraust, daß die Bahnen fahren, daß die Stadt jenes brodelnde Geräusch von sich gibt, das da ihr Leben anzeigt. Aber das freche Einzelgeräusch nadelt das Ohr, weil Teilnahme des fremden Lebensrhythmus erzwungen wird. Ein Übermütiger hupt fünfzehn Minuten vor einem Haus – ich warte mit ihm. Fräulein Lieschen Wendriner ‚übt’ etwas, was sie nie lernen wird: nämlich Klavier spielen – ich übe mit. Ein Hund bellt, er schlägt einmal an – das Ohr hört es nicht. Aber wenn der angebundene, eingesperrte, unzufriedene Hund stundenund stundenlang bellt …
Der Hund setzt an. Irgend etwas hat seine Aufmerksamkeit erregt. Er teilt das mit. Und schweigt nun nicht mehr; für ihn freilich hat das Gebell einen Sinn, für den zu bewachenden Herrn hat es kaum einen, für uns gar keinen. Er bellt und bellt. Alles, was nun geschieht, spielt sich vor dem Hintergrund dieses unablässig bohrenden Lautes ab, er bellt Primen, das Aas, von dem einmal angeschlagenen Ton geht er nicht mehr herunter; schließlich kann niemand verlangen, daß er wie eine Nachtigall singt. Er bellt und bellt. Nun hört er auf – wie dankbar bist du für diese Stille, sei gesegnet, Stille! Wie nach einem Schiffbruch sinkst du zerschlagen am Strand der Stille nieder, so klein, so glücklich, so unendlich dankbar … Und dann zerreißt er sie wieder und wieder, nun ist es doppelt schmerzlich, gedemütigt ist man durch so viel Krach, ein Spielball dieser albernen Laune, dieser falschen Wachsamkeit, dieser Angst, diesem Anzeiger des übersteigerten Eigentumbegriffes. Gute Nacht, stille Stunde –!
„Ausschlaggebend ist aber das Bellen des Hundes: die absolut verneinende Ausdrucksbewegung. Sie beweist, daß der Hund ein Symbol des Verbrechers ist. Goethe hat dies, wenn es ihm vielleicht auch nicht ganz klar geworden ist, doch sehr deutlich empfunden. Der Teufel wählt bei ihm den Leib eines Hundes. Während Faust im Evangelium laut liest, bellt der Hund immer heftiger: der Haß gegen Christus, gegen das Gute und Wahre.“ Und: „Interessant ist es, wen der Hund anbellt: es sind im allgemeinen gute Menschen, die er anbellt, gemeine, hündische Naturen nicht.“ Aber das hat einer gesagt, der schon mit zweiundzwanzig Jahren nicht mehr wollte, so nicht mehr wollte: Otto Weininger.
Ein Kettenhund oder ein Hund im Zwinger ist etwas so Naturwidriges wie ein Ziehhund oder eine dressierte Varietékatze. Aber das stundenlange, nicht ablassende, immer auf einen Ton gestellte Gebell – das ist bitter. Es zerhackt die Zeit. Es ist wie eine unablässig schlagende Uhr: wieder ist eine Sekunde herum, du mußt sterben, erhebe dich ja nicht in irgendwelche Höhen, bleibe mit den Sohlen auf der Erde, sterben mußt du, du bist aus demselben Staub wie ich Hund, du gehörst zu uns, zu mir, zur Erde, bau-wau-hau!
Und dann sieh hinaus und betrachte dir den da. Wen er anbellt. Was ihm nicht paßt. Wie ers nicht will. Der Wagen soll nicht fahren. Das Pferd soll nicht laufen. Das Kind soll nicht rufen. Er hat Angst, und darum ist er frech. Er ist auch noch da, will er dir mitteilen. Du willst es gar nicht wissen? Dann teilt er dirs nochmal mit. Er schaltet sich in alle Vorgänge ein; er spektakelt, wenn er allein ist, weil er allein ist, und wenn Leute da sind, weil Leute da sind; er muß sich bellen hören, um an sich zu glauben. Er bewacht, was gestohlen ist, verteidigt den, der gemordet hat, er ist treu um der Treue willen und weil er Futter bekommt. Sie sind so simpel und machen so viel Lärm. Im Grunde um nichts.
Was wächst nicht alles in der Ruhe! Was kommt nicht alles zur Blüte in der Ruhe! Alexander von Villers sagts in den Briefen eines Unbekannten: „Ich liege im Bett und spüre die zitternde Sukzession der Sekunden …“ Stille. Ich sehne mich nach Stille. Schweigen heißt ja nicht: stumm sein.
Schriebe ich aber dasselbe von einem Motorzweirad, wenn es so pufft und knallt und rattert – da wären sie alle einer Meinung (die keins besitzen). Was dem einen sein Motor, ist dem andern sein Hund – aber mir will es widersinnig erscheinen, in der ohnehin lärmenden Stadt Wagen herumzufahren, von Hunden bewacht, die stundenund stundenlang die Leute, die andern Wagen und sich selbst ankläffen; es will mir hündisch erscheinen, die Vororte der großen Städte, die Stadtwohnungen selbst und das stille Land durch einen Lärm zu verpesten, der unnötig ist.
Denn in Wahrheit ist es der Hundebesitzer, der allen Tadel verdient, nicht das Tier, das ja nicht zu seinem Vergnügen bellt, sondern das so oft gequält wird. Niemand hat das Recht, aus Gedankenfaulheit Tier und Mensch so zu peinigen, wie der es tut, der nicht mit Hunden umzugehen versteht, also die Mehrzahl derer, die einen Hund besitzen.
Man muß das erstaunte Gesicht eines Hundebesitzers sehen, wenn ihm einer sagt, er könne des Gebells wegen nicht schlafen. Wie? Nicht schlafen? Ja, was geht denn das den Hund an? Meinen Hund? Mein Hund sollte nicht bellen dürfen … na, das wollen wir ja mal … so ein schönes, gutes, ordentliches Gebell, das die Einbrecher abschreckt … ! Schlafen will der –! Hö. Und das Erstaunen wird sehr bald zur Feindschaft; sie fassen es einfach nicht, daß ihnen der Luftraum eben nicht gehört, und daß wir zu eng aneinanderwohnen, als daß wir uns durch überflüssige Liebhabereien belästigen dürften. Niemand hat ein solches Recht, und gegen Rücksichtslosigkeit dieser Gattung ist jede Gegenwehr erlaubt. Denn sie sind auch moralisch im Unrecht.
Wer hat das Tier lieber: der es zu stark egoistischen Zwecken hält, nämlich um sich als Herr zu fühlen, ohne der Eigenart des Tieres entgegenzukommen, die darin besteht, daß es laufen, jagen, springen, sich schnell bewegen will; der Schuft, der es anbindet und der die erschütternden Sätze Schopenhauers über diese gemeine Tierquälerei lesen sollte, sie aber nicht begreifen wird; warum soll er auch ein lebendiges Wesen nicht zu lebenslänglicher Hundehütte verdonnern?
Oder hat der das Tier lieber, der ihm die größtmögliche Freiheit wünscht, ohne im übrigen von ihm belästigt werden zu wollen?
Was aber ein regelmäßiges, stumpfes, sinnloses und sich stundenlang wiederholendes Geräusch angeht, so müssen die Gehirne wohl verschieden gebaut sein. Ich denke mir die Hölle so, daß ich unter der Aufsicht eines preußischen Landgerichtsdirektors, der nachts von einem Reichswehrhauptmann abgelöst wird, in einem Kessel koche – vor dem sitzt einer und liest mir alte Leitartikel vor. Neben dieser Vorrichtung aber steht ein Hundezwinger, darin stehen, liegen, jaulen, brüllen, bellen und heulen zweiundvierzig Hunde. Ab und zu kommt Besuch aus dem Himmel und sieht mitleidig nach, ob ich noch da bin – das stärkt des frommen Besuchers Verdauung. Und die Hunde bellen … !
Lieber Gott, gib mir den Himmel der Geräuschlosigkeit. Unruhe produziere ich allein. Gib mir die Ruhe, die Lautlosigkeit und die Stille. Amen.


Autorenangabe: Kurt Tucholsky
Ersterscheinung: Das Lächeln der Mona Lisa. Berlin 1929

Editionen: Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker. 22 Bände, Rowohlt Verlag, Reinbek 1996ff., 1927, S. 731 ff.

Ders.: Gesammelte Werke in 10 Bänden. Hrsg. von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Rowohlt Verlag, Reinbek 1975. Band 5, S. 334 ff.

Brief an Marierose Fuchs

DIE WELTBÜHNE
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Geleitet von Carl v. Ossietzky

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14.8.29

Frau Marierose Fuchs
Redaktion der Germania
Berlin

Sehr verehrte gnädige Frau, Sie hatten die Freundlichkeit, in einer Buchbesprechung Journalistik im Buch in der Germania vom 14.7. d. J. auch etwas über meine Arbeiten zu schreiben. Erlauben Sie mir bitte dazu ein Wort.

Wer in der Öffentlichkeit Kegel schiebt, muß sich von jedem sagen lassen, wieviel Punkte er geworfen hat – darüber ist nicht zu reden. Wenn aber zwei Elemente zusammenstoßen, so ist der Klang, den das gibt, ein Produkt beider; man kann nicht sagen, daß nur eines daran schuld sei. Was mich bewegt, von einem Grundsatz: nämlich zu schweigen, eine Ausnahme zu machen, ist ein Satz, den Sie geschrieben haben: „Aber da ist, wesentlicher, ein anderes: Ein erschreckender Mangel an Ehrfurcht vor fremder Überzeugung.“
Wenn das in der Germania steht, so kann sich dieser Vorwurf in erster Linie nur auf die Religion beziehen. Und das halte ich nicht für gerechtfertigt.
Bin ich ein so schlechter Schriftsteller, daß […] Spürt man nicht hinter der Frechheit […] Mentalität? Ist nicht überall sauber unterschieden zwischen der Kirche als Hort des Glaubens, über den ich mich niemals lustig gemacht habe – und der Kirche als politische Institution im Staat?
Über die letztere allerdings … da gibt es wohl keinen guten Witz, den ich jemals ausließe. Wie! „Herumreiterei auf der Rolle der Kirchen im Weltkrieg, ohne tiefer zu schauen“ – gnädige Frau, haben Sie einmal tiefer geschaut, zum Beispiel in ein Massengrab? Ich aber. Was sollen mir spitzfindige Erklärungen; was die unbestreitbar saubere Haltung vieler Geistlicher, besonders der katholischen, die ihre protestantischen Kollegen – hier wie auch sonst – um ein vielfaches überragt haben – was soll mir alles das, wenn im entscheidenden Augenblick die Kirche in Paris und die Kirche in Berlin die Leute zum Mord antreibt? Gegen ihre eigene Lehre? (Was man da herumtiftelt, verfälscht Christus, die einzig wahre Gotteslästerung, die mir bekannt ist.) Nein, was mich betrübt und schmerzt, weil ich die Suchenden in allen Lagern spüre und selber zu ihnen gehöre -: was mich schmerzt, ist die Tatsache, daß die katholische Kirche fatal protestantisch geworden ist. Wäre sie nur so, wie Sie glauben, ich sähe sie – aber so ist sie nicht. Fragen Sie ein wenig in der Jugend Ihrer Partei und Ihrer Religion – die werden das verstehen.
Ich antworte Ihnen nicht öffentlich; denn Sie haben das Recht, alles, was Sie für richtig halten, über mich zu schreiben. Ich gebe Ihnen privat zu bedenken: nicht alle Wege führen über Rom. Wir andern – auch wir suchen. Und lachen nur über die, die versuchen, die Lehre eines [großen Revolutionärs] und reinen Menschen mit den Bedürfnissen spießiger [Kleinbürger] in Einklang zu bringen.
Mit den besten Empfehlungen Ihr sehr ergebener
Dr. Tucholsky

Traktat über den Hund, sowie über Lerm und Geräusch: 2. Satire

Die Wahrheiten müssen Akrobaten
werden, damit wir sie erkennen.
O. W.

„Über Lerm und Geräusch.“ So schrieb Schopenhauer: ‚Lerm’ – mit einem E; plattköpfig und stumpf kroch das um ihn herum, was er, außer Hegeln, am meisten haßte. Den Lärmempfindlichen hat er Komplimente gemacht, die wir bescheiden ablehnen …
Da habe ich über die Hunde traktiert, eigentlich mehr über das nervenabtötende Gebell dieser Tiere, und man muß schon das Vaterland, das teure, und was an Generalen, Zeitungen und deutschen Männern drum und dran hängt, beleidigen, um einen solchen Lerm zu erleben. Die Aufregung, die aus Prag herüberkam, kann ich mir nur so erklären, daß Schwejk dort mit herrlich gefälschten Hunden gehandelt hat; was ich daselbst gedruckt zu hören bekommen habe, war allerdings freundlich und ging noch an. Aber die Briefe, die die Hundefreunde geschrieben haben, die kann man nicht erfinden. „Ich bin noch nie von einem Hund verbellt worden – der Hund bellt nur schlechtgekleidete Sujets an“ und: „Wollte mal fragen, ob Sie keine Würstchen unter sich lassen – erfinden Sie doch mal einen Nachttopf für Hunde!“, und ein ‚Reichsbund zur Wahrung der Hundebelange’ schloß seinen Brief: „Wir zeichnen, weil es so üblich ist, mit Hochachtung“ – da haben wir Glück gehabt, und so in infinitum zur Morgenund zur Abendsuppe. Wenn ich ein Hund wäre: solche Freunde möchte ich nicht haben.
Abgesehen von der triefäugigen Sentimentalität, die alle Vorwürfe akkordiert, wenn sie gegen menschliche Säuglinge gerichtet sind, die ohne Grund brüllten, sich einmachten und überhaupt, im Gegensatz zu den süßen Hündlein, abscheulich seien – abgesehen von der göttlichen Liebe, die sich da verklemmt hat: ich habe keine leichte Zeit hinter mir. Wilhelm Speyer, der etwas von Tieren versteht, hat mir in mein hochfein möbliertes Haus geschrieben, ich sei wohl vom wilden Strindberg gebissen – ein Mann in meinen Jahren! Kurz: keiner der obbezeichneten Hunde möchte hinfürder noch ein Stück Brot von mir nehmen, wenn er eins bekäme. Lasset uns beten. Und ernsthaft untersuchen, was es denn da gegeben hat.
Durch nichts, aber auch durch nichts kann man Menschen so aus dem Häuschen bringen als dadurch, daß man ihnen verbietet, gewohnten Lärm zu machen. Du kannst eine Monarchie durch eine gleich minderwertige Republik ablösen – darüber läßt sich reden. Aber der Lärm ist geheiligt.
Der Städter ist ein armes Luder.
Zu essen bekommt er, was ihm die Händler geben, es wird nicht sauberer durch die Hände, die es passiert; vom Grund und Boden weiß er nur, daß er den andern, immer den andern gehört, und widerstandslos erduldet er die satanische Komik von Grundstücksspekulanten, die mit der Haut der Erde handeln, unter die man sie – sechs Fuß tief – herunterläßt, wenn alles vorbei ist, und in deren wahre Tiefen niemand dringt; unfrei ist der Städter, gebunden an Händen, Füßen, Valuta, Schullesebuch und Vaterland. Aber eine Freiheit hat er, nimmt er sich, mißbraucht er – einmal besauft sich der Sklave und spielt torkelnd den Herrn. Er macht Radau.
Daß einer eng am andern wohnt, weiß der eine; daß man nicht Feuer im Hof anzünden, nicht nachts in einer Wohnung, dem überzahlten castle, Pferde zureiten darf; daß man nicht aus dem Fenster schießt: das hat sich allmählich herumgesprochen. Belästigungen durch Rauch, durch Geschosse, durch Rohrund Drahtleitungen, ja, durch Aufstellung von Reklametafeln sind Gegenstand braver bürgerlicher Prozesse.
Lärm aber darf gemacht werden.
Die Hundefreunde, denen man untersagt, ihren Köter zu quälen, ihn einzusperren, ihn stundenlang bellen zu lassen, fühlen sich im Heiligsten getroffen; in ihrer, verzeihen Sie das harte Wort, Freiheit.
Hat der Parzellenmensch eine Prärie um sich? Er ist in Schubladen wohnend untergebracht und richtet sich auch in allem danach – nur das Ohr des Schubladennachbarn ist Freigut; die Gehörsphäre braucht nicht geschont zu werden. Alles, was an Einfluß auf Krieg und Frieden, auf Verwendung der Steuern nicht vorhanden ist, tobt sich im Hause aus. Darin nähern sich besonders Frauen dem Urzustand der Primitiven.
Als ich das letzte Mal in Berlin wohnte, da rollte jeden Morgen eine Stunde lang eine reitende Artillerie-Brigade über die Decke dahin: eine deutsche Hausfrau (e. V.) ackerte dort ihr Schlafzimmer, anders war der Lärm nicht zu erklären.
Nun sind aber die Lebensgewohnheiten im bürgerlichen Haushalt keinem Wechsel der Geschichte unterworfen; „der bürgerliche Haushalt wird nur deshalb betrieben, damit der archäologische Forscher dort noch heute die Arbeitsmethoden der Steinzeit studieren kann“ (Sir Galahad). Hier eingreifen stößt auf Mord. Keine Zeitung, die es wagen könnte, in diesen Muff eine wettersichere Grubenlampe hinunterzulassen – das Geschrei von Hausfrauen, klavierübenden und gesangsheulenden Damen beiderlei Geschlechts, von organisierten Tierfreunden und reinmachewahnsinnigen Besessenen dampfte ihr entgegen. In meiner Wohnung kann ich machen, was ich will – das wäre ja gelacht.
Es ist zum Weinen.
Denn da und nur da sind die Wurzeln ihrer Kraft. Das ändere du mal. Da zeig mal, was du kannst. Sie machen sich das Leben schwer, den andern zur Hölle – und sie sind so stolz darauf! Die Reinmachenden machen nicht rein: sie unterliegen gewissen Zwangsvorstellungen einen Hausgott ehrend, der unerhörte Opfer verlangt – mit Sauberkeit hat das wenig zu tun. Es ist Recht, Pflicht und göttliches Gebot, dem Nachbarn den Teppichstaub in den Suppentopf zu schlagen; wie Kanonenschläge hallt das durch die steilen Steinhöfe. Ordnung muß sein. Der schwarze Hals des Lautsprechers gurgelt im schweren Übelsein heraus, was er zuviel an Lärm gefressen hat – dazu öffnet man füglich die Fenster, damit der Nachbar auch etwas davon habe, und wenn Ihnen det nich paßt, denn missen Se ehm inne Wieste ziehn.
Aber das wird nicht gut auslaufen. Denn in der Wüste steht das Zelt des Forschungsreisenden Karbumke, und der hat einen Hund. Und der Hund steht, am Zeltpflock angebunden, und bellt alles an, was sich ringsum bewegt. Es soll sich, außer seinen Flöhen, nichts bewegen.
Bleiben wir im Lande und nähren wir uns redlich, die Ohren mit Wachs verklebt wie die Gefährten des Odysseus, die die Musik-Etüden des Sirenen-Konservatoriums nicht hören sollten. Schrei: „Ruhe!“ Eine Flut von Schimpfworten, Geheul, Rufen, eine Wolke von geschwungenen Federbesen, eine Welle von Papierfetzen, alten Pappdeckeln, Holzstücken und Müllwasser rauscht auf. Ich weiß, wo sie verletztlich sind. Es juckt, sie da anzufassen. Da, in der Abwehr, auch da, wo sie recht haben, zum Beispiel in der Beurteilung ihrer Hunde, sind sie ganz sie selbst. Die Haut reißen sie sich herunter, so nackt sind sie da. Und keine Zeitung, keine Broschüre, kein Buch kann sie in diesem Punkt ändern. In der Stickluft dieser ungelüfteten Treibhäuser gedeihen die Mikroben der Religion, des Berufskostüms und des Vaterlandes.
Und zu wissen, daß man dazu gehört und einer von ihnen, und daß da kein Grund ist zu überheblichem Mitleid, daß das Spiel mitzuspielen ist, Gleicher unter Gleichen, und daß man helfen soll und lieben. Denn manchmal weinen sie und paaren sich seufzend und lallen mit ihren Kindern und sind selber welche und machen mancherlei Lerm und Geräusch.


Autorenangabe: Peter Panter
Ersterscheinung: Die Weltbühne, 4. Oktober 1927, Nr. 40, S. 522

Wieder in: Das Lächeln der Mona Lisa. Berlin 1929.

Editionen: Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker. 22 Bände, Rowohlt Verlag, Reinbek 1996ff., 1927, S. 717 ff.

Ders.: Gesammelte Werke in 10 Bänden. Hrsg. von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Rowohlt Verlag, Reinbek 1975. Band 5, S. 328 ff.

Traktat über den Hund, sowie über Lerm und Geräusch: 1. Scherz

a) Das Tier

Wie dem Hund, dem auf dem Wege
vom Herzen zum Maule alles zum
Gebell wird.
Alfred Polgar

Der Hund ist ein von Flöhen bewohnter Organismus, der bellt (Leibniz). Dieser Definition wäre einiges hinzuzufügen.
Im Hund hat sich der bäuerische Eigentumstrieb des Menschen selbständig gemacht; der Hund ist ein monomaner Kapitalist. Er bewacht das Eigentum, das er nicht verwerten kann, um des Eigentums willen und behandelt das seines Herrn, als gebe es daneben nichts auf der Welt. Er ist auch treu um der Treue willen, ohne viel zu fragen, wem er eigentlich die Treue hält: eine Eigenschaft, die in manchen Ländern hoch geschätzt wird. Sie ist für den Betreuten recht bequem.
Einem Hund, der etwas bewacht, zuzusehen, kommt dem Erlebnis gleich, einen Urmenschen zu beobachten. Er ist stets unsicher, unruhig und macht sich mit Lärm Mut – er greift an, weil ihn seine Angst nach vorn treibt.
Der Hund ist ein anachronistisches Wesen.
Der Hund lebt ständig im Dreißigjährigen Krieg. In jedem Briefträger wittert er den fahrenden Landsknecht, im Milchmann die schwedische Vorhut, im Freund, der uns besucht, den Gottseibeiuns. Er bewacht nicht nur den Hof seines Herrn, sondern auch den Weg, der daran vorbeiführt, und versteht niemals, daß die Leute, die dort gehen, neutral sind – diesen Begriff kennt er nicht. Seine Welt zerfällt in Freunde (seines Futternapfes) und in gefährliche Feinde. Undressierte Hunde leben noch im Urzustand der Erde.
Der Hund bellt immer.
Er bellt, wenn jemand kommt, sowie auch, wenn jemand geht – er bellt zwischendurch, und wenn er keinen Anlaß hat, erbellt er sich einen. Er hört auch so bald nicht wieder auf, ja, es scheint, als besäßen die Hunde eine Bellblase, die man nur anzustechen braucht, damit sie sich entleere. Ein besserer Hund bellt seine vier, fünf Stunden täglich. (Weltrekord: Hund Peschke aus Königswusterhausen; bellte am 4. Oktober 1927 zweiundfünfzigtausendvierhundertachtundsiebzigmal in sechzehn Stunden. Als das vorbei war, sprach sein Herr: „Ich weiß gar nicht, was der Hund hat – er ist so still?“)
Wenn ein Hund sehr lange bellt, hört es sich an, als übergebe sich einer.
Ein Hund bellt, wenn er mit den Sinnen etwas wahrgenommen hat; daraufhin, weil ihn sein Bellen erschreckt und aufregt, und des weiteren, weil sich das wahrgenommene Objekt um ihn kümmert, nicht um ihn kümmert oder davonläuft. Dieses Geschrei wird von vielen Leuten als Wachsamkeit ausgelegt; schon der französische Kynologe Hispa sagt: „Der Hund ist ein wachsames Tier, das mit seinem Gebell den Herrn nachts aufweckt, damit der aufsteht und ruft: ‚Halt die Schnauze!’“ Da Hunde immer bellen, so dient ihr Gebrüll lediglich dazu, daß sich die Einbrecher vor ihrem Geschäft Gift besorgen und es dem Hundchen streuen.
Niemanden haßt der Hund so wie den Wolf; er erinnert ihn an seinen Verrat, sich dem Menschen verkauft zu haben – daher er dem Wolf seine Freiheit neidet, ihn hassend fürchtet und sich durch doppelten Verrat beim Menschen lieb Hund zu machen sucht.
Hunde blaffen mit Vorliebe schlecht gekleidete Menschen an, wie sie überhaupt die mindern Eigenschaften des Besitzers personifizieren. Nachts, wenn kein Fremder da ist, machen sie eine alte Familienfehde mit dem Mond aus. Der Mond, den das nächtliche Gebell auf der Erde stört, kehrt ihr darum seit Jahr und Tag sein blankes Hinterteil zu. Wir kommen nunmehr zu dem Tierhalter.

b) Der Tierhalter

Hundebesitzer sind die rücksichtslosesten Menschen auf der Welt.
Hier soll nicht einmal von jenen gesprochen werden, die ihrem Mistbatzen das Fressen aus Restaurationsschüsseln reichen; der Hund, frisch aus dem Popo einer Hundedame entronnen, steckt seine feuchte Nase in deinen Teller … Aber auch sonst können Hundebesitzer zum Beispiel nicht begreifen, daß der Lärm, den ihr Liebling macht, andern Leuten nicht angenehm ist. Kein grünes Rasenstück, das er nicht verbellt.
Die Ausdehnung einer Lärmglocke, die ein bellender Hund seinen Nachbarn über den Kopf stülpt, beträgt etwa achtzehnhundert Kubikfuß; auf diese Entfernung hin hat alles an den Entzückungen, Anfällen und Aufregungen eines mittleren Hundes teilzunehmen. Es ist also unsre Pflicht, uns mit ihm zu erheben, sein Vormittagsgeschrei sowie sein Nachmittagsgebell mit ihm zu teilen, und nachts zu lauschen, wie er, wenn Nachtigallen fehlen, das Mondgesäß beschimpft.
Auf diese Weise sind Villen-Vororte großer Städte fast unbewohnbar geworden, weil sich jeder gegen jeden mit einer Bellmaschine gesichert hat, die angeblich gegen Einbrecher gut ist. Es muß danach angenommen werden, daß in Vororten niemals mehr eingebrochen werden kann. Wird aber.
Ich habe mich schon so an das Gebell gewöhnt, daß ich es hier, am Kap der Roten Grütze, sehr entbehre. Kunstschriftsteller Hasenclever hat sich jedoch erboten, jeden Morgen zum Frühstück zu kommen und ein Stündchen zu bellen.
Es ist nunmehr die Stelle des Aufsatzes gekommen, wo der Hundebesitzer seinem Flohtier über die Nase streicht, mit der jener die kleinen Hundewürstchen und den Urin der Verwandten aufriecht, und spricht: „Was schreiben sie denn da alles von dir! Jaa! Nicht wahr, du bellst nicht? – nein!“ Und zu mir, fortfahrend: „Sie sind aber nerfeehs!“
Hätte einer im Zeitalter Ludwigs des Quecksilbernen bemerkt: „Nun wollen wir uns einmal alle jeden Morgen die Füße waschen!“ – so hätte er sich mit einem hohen katholischen Heiligen entschuldigen müssen, sonst hätten sie ihn verbrannt. Hätte er für frische Luft plädiert, für Hygiene der Säuglinge – er wäre genau so ausgelacht worden wie einer, der heute für Stille plädiert. Was Stille bedeutet, wissen sie noch nicht.
„Ich höre das gar nicht!“ sagen sie. Es ist nicht wahr; sie hören es doch. Davon wissen ihre Untergebenen zu sagen, die Lärm, Geratter, Wagenstöße, Klavierspiel und Hundegebell ausbaden müssen. „Was der Alte nur hat?“ sagen sie dann. Es ist der Lärm. Seine schlechte Laune ist der Lärm, der aus ihm herausbrodelt und der wieder ans Licht will; er hat ihn von den Ohren her nach innen gesogen; es hilft ihm aber nichts, er kommt wieder hochgegurgelt. Um es ‚nicht zu hören’, verbrauchen sie so viel unnötig vertane Kraft, die man besser anwenden könnte. Der Beweis dafür ist die Steigerung aller Lebenskräfte, wenn es einem gelingt, in das Reich der ungebrochenen Stille einzudringen; in den Bergen, im Luftballon über dem Meer, auf dem Segelboot, am windstillen Tag im Wald. Da lassen die Nervenstränge nach, da entspannt sich der Wille, da ruht der Mensch. In der vollkommenen Stille hört man die ganze Welt. Nur so ist wahre Erholung möglich; sie ist aber fast unerreichbar. Gegen diese wohltuende Wirkung der Stille auf den Intellekt gibt es nur ein einziges Gegenargument: das sind die Regierungsgebäude, die gewöhnlich in stillen Parks liegen.
Menschen, die sich lebende Hunde in Mietwohnungen halten, sollten mitsamt ihrem Köter aus der Wohnung gejagt werden.
Menschen, die einen Hund anbinden oder einsperren, verdienen, ihrerseits angebunden zu werden. Es ist das äußerste an Quälerei, ein jagendes, laufendes und unruhiges Tier zu fesseln und in seiner Freiheit zu beschränken. Diese Leute haben gar keinen Hund – sie haben nur ein Stückchen Hund; der Rest ist unterdrückt und rächt sich mit flammendem Gebell.
Ich habe noch nie gesehen, daß Hundebesitzer mit Erfolg ihren Hunden, wenn sie unnütz kläffen, zu schweigen befehlen. Weil jene stumpfohrig sind, hören sie das Gebelfer nicht und bürden nun andern die Plage auf.
Dafür haben Hundebesitzer den Tick, als ‚bessere Menschen’ durchs Leben zu gehen. Sie haben erfunden, daß es ein Zeichen von Seele sei, Hunde zu lieben, ihren schmutzigen Geruch zu ertragen, ihr lästiges Geschrei mitanzuhören. Ihre Persönlichkeit kriecht in den Hund, wo sie den Kampf ums Dasein noch einmal mitkämpft: „Mein Hund läuft aber schneller als Ihrer!“ Das ist ein großer Sieg.
Etwas gegen den Hund zu sagen, heißt für viele, am Heiligsten rühren, wo der Mensch hat. Die Hundenarren sind häufig ganz erbarmungslose Menschen; Leute, die einen Kommunisten vor ihrer Tür verbluten ließen, nicht eine Mark für entlassene Gefangene geben, überhaupt nichts Gutes tun – ihren Hund lieben sie mit jener stummen Aggressivität, die das beste Zeichen eines hohlen Affekts ist. Der Hund ist ihnen nicht nur Schutz, sondern auch Selbstbetätigung.
Nie legt ein Hundebesitzer in das Tun der Menschen a priori so viel Gutes wie in den Blick seines Hundes. Wenn ihn der ansieht, zerschmilzt er vor Lyrik. Ein Bettler wird ihn vergebens so ansehen. Der sentimentalitätstriefende Blick jenes aber heischt mit Erfolg verschmiertes Mitleid.
So ist der treue Hund so recht ein Ausdruck für die menschliche Seele. Allerseits geschätzt; nur selten in der Jugend ersäuft; gehalten, weil sich der Nachbar einen hält, von feineren Herrschaften auch als Schimpfwort benutzt – so bellt er sich durchs Leben. Und ich will nicht länger murren, wenn es kaum noch einen Fleck gibt, den er nicht verunreinigt: mit Unrat, nassem Geruch und mit nimmer endendem Lärm. Seiner Gnade ist unsre Ruhe ausgeliefert.
Eine fortgeschrittene Zivilisation wird ihn als barbarisch abschaffen.


Autorenangabe: Peter Panter
Ersterscheinung: Die Weltbühne, 2. August 1927, Nr. 31, S. 181
Wieder in: Das Lächeln der Mona Lisa. Berlin 1929

Editionen: Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker. 22 Bände, Rowohlt Verlag, Reinbek 1996ff., 1927, S. 709 ff.

Ders.: Gesammelte Werke in 10 Bänden. Hrsg. von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Rowohlt Verlag, Reinbek 1975. Band 5, S. 324 ff.

Brief an Arnold Zweig

Zürich, 15.12.35

Lieber Arnold Zweig, ich danke Ihnen herzlichst für Ihren Brief vom 13.11. Dank für alle freundlichen Worte – und wenn Sie mir neben ‚Verdun‘ auch die ‚Bilanz der Judenheit‘ schicken lassen wollten, so wäre ich Ihnen sehr dankbar. Daß ich erst heute antworte, liegt an meinem Gesundheitszustand: es geht mir nicht gut.

Ja, da wäre also einiges zu sagen.

Sie sind, lieber Zweig, einer der so seltenen Schriftsteller, die eine Kritik (damals über Grischan) so aufgenommen haben, wie sie gemeint gewesen ist: nämlich freundschaftlich. Das habe ich Ihnen nicht vergessen. Deshalb möchte ich Ihnen etwas schreiben, das wenig mit Ihrem Werk, viel mit Ihrer Anschauung zu tun hat – es richtet sich gar nicht an Sie, aber ich spreche zu Ihnen.

Ich bin im Jahre 1911 „aus dem Judentum ausgetreten“, und ich weiß, daß man das gar nicht kann. Die Formel vor dem Amtsgericht lautete so. Sie wissen, daß damit keine Konjunkturriecherei verbunden gewesen ist, ein Jude hatte es im Kaiserreich erträglich, ein Konfessionsloser nicht. (Militär, vadächtiger Hund, vadächtiga.) Warum also tat ich das -? Ich habe es getan, weil ich noch aus der frühsten Jugendzeit her einen unauslöschlichen Abscheu vor dem gesalbten Rabbiner hatte – weil ich die Feigheit dieser Gesellschaft mehr fühlte als begriff … Wendriner war damals noch nicht geboren. Doch – aber er hatte noch keinen Namen. Also heraus.

Antisemitismus habe ich nur in den Zeitungen zu spüren bekommen, im Leben nie. Mit dem feinen Instinkt der die Boches auszeichnet, haben mich viele Leute nicht für einen Juden gehalten, was ich nicht geschmeichelt anmerke, sondern belustigt. In dreieinhalb Jahren Militär: nichts. Zuletzt war ich Polizeikommissar – auch nicht die Spur eines Hauches einer Idee. Ich habe mit den Kerlen im Kasino gesoffen, was mir eine gute Kenntnis des Milieus für später ermöglicht hat – nichts war zu spüren. Ich spreche also nicht aus Ressentiment.

Auch gehöre ich nicht zu den bekannten jüdischen Antisemiten.

Über Palästina erlaube ich mir keinerlei Bemerkung –: ich kenne die Verhältnisse nicht. Zweierlei fällt mir auf:

Das ist kein jüdischer Staat, sondern eine englische Kolonie, in der die Juden – wie unter Pontius Pilatus – eine Rolle spielen, die mir nicht schmeckt und wohl manchen Juden dort unten auch nicht. Zweitens: die deutschen Juden, die Geld hatten, durften nur heraus, wenn sie statt ihres Geldes eine Abmachung mit herausnahmen, bei der Palästina mit deutschen Waren überschwemmt wird.

Doch ist das Sache der Zionisten, und da ich nicht mittue, nehme ich mir wenig Recht, zu kritisieren. Wohl aber darf ich Ihnen sagen:

Was sind Sie -? Angehöriger eines geschlagenen, aber nicht besiegten Heeres? Nein, Arnold Zweig, das ist nicht wahr. Das Judentum ist besiegt, so besiegt, wie es das verdient – und es ist auch nicht wahr, daß es seit Jahrtausenden kämpft. Es kämpft eben nicht.

Die Emanzipation der Juden ist nicht das Werk von Juden. Diese Befreiung ist den Juden durch die Französische Revolution, also von Nicht-Juden, geschenkt worden – sie haben nicht dafür gekämpft. Das hat sich gerächt.

Sie sagen: Ja, es gibt Wendriners, ich nehme sie aus, sie sind mir fatal – aber … Ich sage: Es gibt auch anständige Juden, ein paar, wie die Emigrationsziffer zeigt, noch nicht 10% – ich nehme sie aus – ich habe die größte Achtung vor ihnen, vor ihrem stillen Leiden – aber … Aber -? Der Rest taugt nichts.

Es ist nicht wahr, daß die Deutschen verjudet sind. Die deutschen Juden sind verbocht.

Mir hat schon diese faule und flaue Erklärung nie gefallen, mit der man mir erzählt hat: Die Gettojuden im 16. Jahrhundert konnten nicht anders, sie waren bedrückt, man ließ sie ja nichts andres tun als schachern. Nein, lieben Freunde. Getto ist keine Folge – Getto ist Schicksal. Eine Herrenrasse wäre zerbrochen – diese da „müssen doch leben“. Nein, so muß man nicht leben, so nicht.

Aber lassen wir die mittelalterlichen Juden – nehmen wir die von heute, die von Deutschland. Da sehen Sie, daß dieselben Leute, die auf vielen Gebieten die erste Geige gespielt haben, das Getto akzeptieren – die Idee des Gettos und ihre Ausführung. Ich sehe diese Schweinekerle bis hierher – ohne mich um sie zu kümmern, ich lese keine deutschen Zeitungen und so gut wie gar keine Emigrationslitertur – ich sehe sie. Man sperrt sie ein; man pfercht sie in Judentheater mit vier gelben Flecken vorn und hinten, und sie haben (wie ich das höre!) nur einen Ehrgeiz: „Nun werden wir ihnen mal zeigen, daß wir das bessere Theater haben!“ – Pfui Deibel. Und sie spüren es nicht. Sie sehen es nicht. Sie merken es nicht.

Ich füge Ihnen einen Ausschnitt aus einem londoner Brief bei, der nur in halb spaßiger Form das Äußerliche und doch auch das Innerliche gibt. Es ist noch viel schlimmer – das ist nur eine Illustration. Es ist so:

Der Jude ist feige. Er ist selig, wenn ein Fußtritt nicht kommt – ihn so als primär annehmend, als das, was ihm zukommt. Er duckt sich. „Nur Geschäfte!“ – aber das ist es nicht allein. Es ist noch ganz etwas andres – es ist das absolute Unvermögen, zu begreifen, was Heroismus überhaupt ist. Ich kenne die Einwände alle, ich kann sie im Schlaf – nur im Schlaf – aufzählen: „Was haben Sie denn für heroische Taten vollbracht – haben Sie vielleicht … “ Das ist der Refrain, den ich heute zu hören bekäme, wäre ich schamlos genug, vor einem Parterre voll Dreck aufzutreten – so wie ich früher zu hören bekommen habe: „Was haben Sie davon? Haben Sie das nötig?“

Aber der große Moment fand ein kleines Geschlecht.

Wie! Nicht zu begreifen, daß im März 33 der Augenblick gekommen war, in umgekehrter Proportion auszuziehen – also nicht wie heute einer auf zehn, sondern einer hätte da bleiben müssen, und neun hätten gehen müssen, sollen, müssen. Hat sich auch nur ein Rabbiner gefunden, der der Führer seines Volkes gewesen ist? Auch nur ein Mann? Keiner. In Nürnberg wohnte eine so reiche und einflußreiche Judengemeinde – dort ist der Herr Streicher groß geworden. „Lassen Sie doch den Mann! Nur ka Risches!“ Und habe ich nicht mit eigenen Augen gelesen, daß die Gemeinde in Frankfurt, als die ersten Pogrome, ich glaube 1931, einsetzten, den Gläubigen empfahl, nach dem Gottesdienst gleich nach Hause zu gehn und Ansammlungen auf der Straße – auf ihrer Straße – lieber Zweig – zu vermeiden? So war es.

Wohin unsere Warnungen gefallen sind, wissen Sie. Und dann war es zu spät – es war vielleicht noch eine Sekunde Zeit – und was war dann?

Dann taten die Leute etwas, das mir immer das Wort Beer-Hofmanns, das er einmal zu mir gesagt hat, ins Gedächtnis zurückruft: „Der Jude ist gar nicht klug. Die andern sind, in manchen Gegenden, nur dümmer.“ So ist es.

Hätten Sie dem Durchschnitts-Juden im Jahre 1933 gesagt, er würde Deutschland unter Bedingungen verlassen, wie sie ihm das Jahr 1935 ff. bieten, er hätte Sie ausgelacht. „Ich kann doch nicht weggehn! (und nun, wie ein Spieler) Ich bin doch im Verlust! Was meinen Sie – mein Geschäft … “ Und jetzt schleichen sie heraus, trübe, verprügelt, beschissen bis über die Ohren, pleite, des Geldes beraubt – und ohne Würde. (Sich aber besser dünkend.)

Heroismus war hier nun auch noch das bessere Geschäft. Also warum haben sie diesen Weg nicht gewählt? Weil sie nicht heroisch sein können; weil sie gar nicht wissen, was das ist.

Es steht bei dem großen Péguy, den ich Ihnen gar nicht genug empfehlen kann, eine Stelle, in der es ungefähr heißt: Die Juden hören nicht gern auf ihre Propheten, denn sie wissen, was das kostet. Ihre jahrhundertelange Erfahrung … und so fort, recht philosemitisch. Das ist wacker und brav – aber es ist nicht wahr.

Wer die Freiheit nicht im Blut hat, wer nicht fühlt, was das ist: Freiheit – der wird sie nie erringen. Wer das Getto als etwas von vornherein gegebenes akzeptiert, der wird ewig darin verbleiben. Und hier und nur hier steckt das Versagen der gesamten deutschen Emigration, aus der ich keine Judenfrage machen möchte – hier ist ihre Schuld, ihre Erbärmlichkeit, ihre Jämmerlichkeit. Das ist nichts.

Das klingt nun so, wie wenn das gegen den gerichtet wäre, an den ich diesen Brief richte – aber mit Ihnen hat das nur sehr mittelbar zu tun. Ich kann Ihnen zwar nicht folgen, wenn Sie die Jüdin loben, weil sie Eigenschaften hat, die ich bei andern genauso sehe („Sie weiß auf Gartenfesten schön zu sein“ – aber das kann Minchen Müller auch) – aber ich weiß, daß Sie nie einen Daumenbreit nachgäben. Ich klage vor Ihnen – ich belle Sie nicht an. Ich klage die Gesinnung der Juden an, und viel weiter gehend, die Gesinnung der sog. „deutschen Linken“, und hier darf das Wort nebbich angewandt werden.

Man hat eine Niederlage erlitten. Man ist so verprügelt worden, wie seit langer Zeit keine Partei, die alle Trümpfe in der Hand hatte. Was ist nun zu tun -?

Nun ist mit eiserner Energie Selbsteinkehr am Platze. Nun muß, auf die lächerliche Gefahr hin, daß das ausgebeutet wird, eine Selbstkritik vorgenommen werden, gegen die Schwefellauge Seifenwasser ist. Nun muß – ich auch! ich auch! – gesagt werden: Das haben wir falsch gemacht, und das und das – und hier haben wir versagt. Und nicht nur: die andern haben … sondern: wir alle haben.

Was geschieht statt dessen? Statt dessen bekommen wir Lobhudeleien zu lesen, die ich nicht mag – Lob der Juden und Lob der Sozis und der Kommunisten – „sie sitzen da und hochachten einander“ heißt es einmal im Schwedischen. Und das ist keine Sache der Partei. Eine Geißlung so einer Schießbudenfigur wie Breitscheids vorzunehmen oder Hilferdings oder sonst eines – das ist ja Leichenschändung. Doch haben weder die noch irgendein andrer, wenigstens ist mir kein Beispiel bekannt, überhaupt begriffen, was ihnen geschehen ist. „Ohne Hören, ohne Sehen, stand der Gute sinnend da, und er fragt, wie das geschehen und warum ihm das geschah.“

Statt einer Selbstkritik und einer Selbsteinkehr sehe ich da etwas von „Wir sind das bessere Deutschland“ und „Das da ist gar nicht Deutschland“ und solchen Unsinn. Aber ein Land ist nicht nur das, was es tut – es ist auch das, was es verträgt, was es duldet. Es ist gespenstisch, zu sehen, was die pariser Leute treiben – wie sie mit etwas spielen, was es gar nicht mehr gibt. Wie sie noch schielen – wie sie sich als Deutsche fühlen – aber zum Donner, die Deutschen wollen euch nicht! Sie merken es nicht.

Das ist Deutschland. Die Uniform paßt ihnen – nur der Kragen ist ihnen zu hoch. Etwas unbequem – etwas störend – so viel Pathos und so wenig Butter – aber im übrigen? Wie sagt Alfred Polgar: „Der Umfall beginnt damit, daß man hört: Eines muß man den Leuten lassen … “ Und sie lassen ihnen das eine und das andere und dann alles.

Das ist bitter, zu erkennen. Ich weiß es seit 1929 – da habe ich eine Vortragsreise gemacht und „unsere Leute“ von Angesicht zu Angesicht gesehen, vor dem Podium, Gegner und Anhänger, und da habe ich es begriffen, und von da ab bin ich immer stiller geworden. Mein Leben ist mir zu kostbar, mich unter einen Apfelbaum zu stellen und ihn zu bitten, Birnen zu produzieren. Ich nicht mehr. Ich habe mit diesem Land, dessen Sprache ich so wenig wie möglich spreche, nichts mehr zu schaffen. Möge es verrecken – möge es Rußland erorbern – ich bin damit fertig.

Ich glaube Sie als Schriftsteller zu kennen – es ist möglich, daß Sie sich hiermit auseinandersetzen. (Es wäre mir in einem solchen Falle lieb, sehr lieb, wenn Sie meinen Namen fortließen; ich will nicht einmal als Diskussionsbasis über deutsche Dinge dastehn – vorbei, vorbei.) Aber ich kann nicht unrecht haben –: die Tatsachen sprechen für mich. Die Tatsache, daß es ein Volk gibt (Juden und die schwächliche deutsche Bourgeoisie, die sich als links ausgab oder es zum kleineren Teil auch gewesen ist), ein Volk, das Demütigungen einsteckt, ohne sie zu fühlen. Sie haben eine Frau – Sie haben Kinder, glaube ich. Nun …

– „Dabei sensible Naturen, die es vielleicht nicht so schroff empfanden, wenn ein Knote ganz bieder am Versöhnungstage einem Herrn mit Gebetbuch ‚Verfluchtes Judenaas!‘ nachrief; oder wenn ein Major von den ‚Elfern‘ vorn auf der Straßenbahn offen erklärte: ‚Wieviel schwangere Judenweiber man sieht – ’s ist zum Kotzen!‘ Nicht das war verletzend. Sondern wenn aufgeklärte Freunde, Wohlwollende, schonend sagten ‚Die jüdischen Herrschaften‘ – das traf.“

Das ist von Kerr. Wie soll das also erst bei einem mindern Menschen aussehen.

Nein, mein Lieber – das ist nichts und das wird nichts. Diese Frage sehe ich weit über das Jüdische hinaus – ich sehe eine Sozialdemokratie, die erst siegen wird, wenn es sie nicht mehr gibt – und zwar nicht nur, weil sie charakterlos und feil und feige gewesen ist (und wer war denn das anders als eben wieder Deutsche) – sondern die die Schlacht verloren hat, weil die Doktrin nichts taugt – sie ist falsch. Glauben Sie bitte nicht, ich sei inzwischen zu Blut und Boden oder sonst etwas übergelaufen – ich empfehle Ihnen von Dandieu et Aron ‚La révolution nécessaire‘, ich empfehle Ihnen die Hefte des ‚Ordre Nouveau‘, eine der belangreichsten Sachen, die mir je untergekommen ist, ich empfehle Ihnen à la rigueur auch den ‚Esprit‘ (Paris) – und Sie werden sofort begreifen, was ich meine.

Man muß vorn anfangen.

Man muß ganz von vorn anfangen – „Ford, c’est Descartes descendu dans la rue“ heißt eine der Formeln Dandieus – (Er ist leider, viel zu jung, mit 36 Jahren gestorben.) Man muß von vorn anfangen – nicht auf diesen lächerlichen Stalin hören, der seine Leute verrät, so schön, wie es sonst nur der Papst vermag – nichts davon wird die Freiheit bringen. Von vorn, ganz von vorn.

Wir werden das nicht erleben. Es gehört dazu, was die meisten Emigranten übersehen, eine Jugendkraft, die wir nicht mehr haben. Es werden neue, nach uns, kommen. – So aber gehts nicht. Das Spiel ist aus.

Nihilismus -? Lieber Zweig, ich habe in den letzten fünf Jahren viel gelernt – und wäre mein schlechter Gesundheitszustand nicht, so hätte ich dem öffentlich Ausdruck gegeben. Ich habe gelernt, daß es besser ist, zu sagen, hier sei nichts – als sich und andern etwas vorzuspielen. (Was Sie nie getan haben.) Aber das Theater der Verzweiflung, die noch in so einem Burschen wie Thomas Mann einen Mann sieht, der, Nobelpreisträger, sich nicht heraustraut und seine „harmlosen“ Bücher in Deutschland weiter verkaufen läßt – die Verzweiflung, die dieselben Fehler weiter begeht, an denen wir zugrunde gegangen sind –: es nämlich nicht so genau mit den Bundesgenossen zu nehmen – dieses Theater kann ich nicht mitmachen. Und hier ist das, was mich an der deutschen Emigration so abstößt –: es geht alles weiter, wie wenn gar nichts geschehen wäre. Immer weiter, immer weiter – sie schreiben dieselben Bücher, sie halten dieselben Reden, sie machen dieselben Gesten. Aber das ist ja schon nicht gegangen, als wir noch drin die Möglichkeit und ein bißchen Macht hatten – wie soll das von draußen gehn! Sehn Sie sich Lenin in der Emigration an: Stahl und die äußerste Gedankenreinheit. Und die da -? Schmuddelei. Doitsche Kultur. Das Weltgewissen … Gute Nacht.

Ich enthalte mich jedes öffentlichen Schrittes, weil ich nicht der Mann bin, der eine neue Doktrin bauen kann – ich bin kein großer Führer, ich weiß das. Ich bin ausgezeichnet, wenn ich einer noch dumpfen Masseneinsicht Ausdruck geben kann – aber hier ist keine. Entmutige ich -? Das ist schon viel, wenn man falsche und trügerische Hoffnungen abbaut. Ich glaube übrigens an die Stabilität des deutschen Regimes – es wird von der ganzen Welt unterstützt, denn es geht gegen die Arbeiter. Aber stürzte das selbst zusammen –: die deutsche Emigration ist daran unschuldig. Ich sehe den Referenten im Propagandaministerium: er muß sich grinsend langweilen, wenn er das Zeug liest. Es ist ungefährlich.

Das ist ein langer Brief geworden – halten zu Gnaden.

Ja, wenn Sie herkommen und ich bin grade in der Schweiz, wirds mich freuen, mit Ihnen zu plaudern. Ich bin ein aufgehörter Schriftsteller – aber mit Ihnen sprechen, das wird immer ein kleines Fest sein.

Alles Gute für Sie. Und vor allem für Ihre Augen!

Herzlichst Ihr getreuer Tucholsky

Editionen: Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker. 22 Bände, Rowohlt Verlag, Reinbek 1996ff., 1935, S. 300 ff.

Zwei Lärme

Ich möchte einmal da leben, wo es kein Hundegebell und kein Klavierspiel gibt.
Auf jedem Quadratmeter menschlicher Niederlassung schlägt ein Achtel menschliches Wesen auf ein Klavier, macht: ein Stück auf acht Quadratmeter. Sie kennen Laforgues Complainte des Pianos qu’on entend dans les quartiers aisés? Hören Sie.

Ces entfants, à quoi rêvent-elles
Dans les ennuis des ritournelles?
„Préaux des soirs,
Christs des dortoirs!
Tu t’en vas et tu nous laisses,
Tu nous laiss’s et tu t’en vas,
Défaire et refaire ses tresses,
Broder d’éternels canevas.“

Max Brod und Franz Blei haben das so übersetzt:

Die Mädchen, wovon träumen sie
Zu ihrer faden Melodie?
„Mein Heiland ach
Im Schlafgemach!
Du gehst weg und läßt uns da,
Läßt uns da und gehst vom Haus,
Und wir flechten unser Haar,
Sticken ewig Deckchen aus.“

So singt das Klavier, das Pianino, der Flügel. Es singt aber auch:
„Humtarumtatumta – das habe ich gestern im Varieté gehört, mit Max, und es macht mir Spaß, das noch einmal aufzuwärmen, den holden Rotkohl der Erinnerung! Humtarumta – da hat die Schulreiterin Maxn angelacht, und ich habe ihn geneckt und ihn gefragt: Willst du die? Da hat er mich gekniffen – mich mochte er, aber nicht sie! Humtarumtatumta – nachher waren wir in einer Bar, wir sind vor Schluß des Programms weggegangen, damit Mama nichts merkt, und dann war ich bei ihm. Und niemand weiß es. Humtarumtatumta …“ So singt der Flügel, so spielt das Mädchen.
Und der brennende Ehrgeiz rast auf den Tasten, dreihundertmal dasselbe, und es wird nicht besser und wird nicht besser, es soll aber besser werden. Ich bin versucht, der Dame ein Pfefferkuchenverschen durch das stets geöffnete Fenster zu schleudern:

Zwei Mädchen spielten am Klavier.
Da sagt die eine: „Denke dir,
was ich nicht alles spielen kann.“
Die andre nahm sich einen Mann.

Diese nahm sich keinen Mann. „Ich will im Salon eine Rolle spielen und diese Sonate; sie ist so modern, daß ich mir alles und nichts dabei denken kann, und das ist grade das schöne dabei. So gut wie die Grigorjewa spiele ich schon alle Tage, und wenn sie das eben mit dem Geld und mit den Beziehungen – von vorn die Passage! – macht, dann mache ich das mit der Begabung. Ich bin sehr begabt. Der Professor hat es mir noch gestern gesagt. Ich darf die Stunden bei ihm fortsetzen, und wenn ich mir das Geld dazu absparen sollte – ich bin sehr begabt. Jetzt noch ein paar Tonleitern! Das Armband stört mich, ich wills ablegen. Die Grigorjewa legt nie ihre Armbänder ab, die Protzin. Das Cis klingt nicht mehr, die Taste ist entzwei – wovon mag das kommen?“
Ich weiß es. Und bin nur froh, daß sie nicht auch noch heult. Singende Frauen sind um eine Oktave selbstbewußter, dümmer und anmaßender als Tenöre. Und singen dasselbe.
Kinder üben und trainieren sich auf Beethoven. Weiber, die der Himmel ernährt, oder die gar für die Kunst hungern – ein ganz besonderer Fall von Derwischismus -, hacken Musik. Und ich habe die Musik bei mir, über mir, unter mir, bei mir. Darf jemand zu mir hereinkommen und mir Schuberts Sang an Ägir und Schrekers Hakenkreuz am Stahlhelm vorsingen? Nein. Aber durch Rabitz, Stein und Luftraum klingt es und singt es. Das darf er.
Duette sind hübscher. Und darum bellen die Hunde.
„Ausschlaggebend ist aber das Bellen des Hundes: die absolut verneinende Ausdrucksbewegung. Sie beweist, daß der Hund ein Symbol des Verbrechers ist. Goethe hat dies, wenn es ihm vielleicht auch nicht ganz klar geworden ist, doch sehr deutlich empfunden. Der Teufel wählt bei ihm den Leib eines Hundes. Während Faust im Evangelium laut liest, bellt der Hund immer heftiger: der Haß gegen Christus, gegen das Gute und Wahre.“ Und: „Interessant ist es, wen der Hund anbellt: es sind im allgemeinen gute Menschen, die er anbellt, gemeine, hündische Naturen nicht.“ Aber das hat einer gesagt, der schon mit zweiundzwanzig Jahren nicht mehr wollte, so nicht mehr wollte.
Was am dauernden Hundegebell aufreizt, ist das völlig Sinnlose. Wenn die armen Luder, die der Mensch anbindet, bellen, so ist das Hilferuf und Aufschrei eines gequälten Tiers. Ein Kettenhund ist etwas beinah so Naturwidriges wie ein Ziehhund oder ein dressierter Varieté-Affe. Aber das stundenlange, nicht ablassende, immer auf einen Ton gestellte Gebell – das ist bitter. Es zerhackt die Zeit. Es ist wie eine unablässig schlagende Uhr: wieder eine Sekunde ist herum, du mußt sterben, erhebe dich ja nicht in irgendwelche Höhen, bleibe mit den Sohlen auf der Erde, sterben mußt du, du bist aus demselben Staub wie ich Hund, du gehörst zu uns, zu mir, zur Erde, bau-wau-hau!
Und dann sieh hinaus und betrachte dir den da. Wen er anbellt. Was ihm nicht paßt. Wie ers nicht will. Der Wagen soll nicht fahren. Das Pferd soll nicht laufen. Das Kind soll nicht rufen. Er hat Angst, und darum ist er frech. Er ist auch noch da, will er dir mitteilen. Du willst es gar nicht wissen? Dann teilt er dirs noch mal mit. Er schaltet sich in alle Vorgänge ein; er spektakelt, wenn er allein ist, weil er allein ist, und wenn Leute da sind, weil Leute da sind; er muß sich bellen hören, um an sich zu glauben. Er bewacht, was gestohlen ist, verteidigt den, der gemordet hat, er ist treu um der Treue willen und weil er Futter bekommt. Hat nicht ein Philosoph die Empfindungen eines Wachhundes bei Nacht zerlegt? Sie sind so simpel und machen so viel Lärm. Im Grunde um nichts. Und so habe ich auch die Hunde bei mir.
Das Ohr transponiert. Allmorgendlich versammeln sich zwei singende Klavierspielerinnen und sechs Hunde in meinem Zimmer, treffen dort zusammen, die Hunde heulen Symphonien, die Klaviere bellen, die Sängerinnen jaulen. Sie zerstören das Beste: die Ruhe.
Was wächst nicht alles in der Ruhe! Was kommt nicht alles zur Blüte in der Ruhe! Alexander von Villers sagts in den Briefen eines Unbekannten. „Ich liege im Bett und spüre die zitternde Succession der Sekunden …“ Stille. Ich sehne mich nach Stille. Schweigen heißt ja nicht: stumm sein. Wenn man Pflanzen spazieren fährt, wachsen sie wohl nicht recht. Sechs Stunden tiefe Ruhe machen satt und schwer, der Atem geht gleichmäßig, die Pulse bewegen sich ganz leise. Der Tribut an das körperliche Leben ist gering. In Stille kann man hineinhorchen, sie durchzieht dich, du verlierst dich an sie und kommst gekräftigt zurück.
Horch! Hektor brüllt, und Fräulein Wegemann macht Musik, nach Noten.
Es gibt vielerlei Lärme. Aber es gibt nur eine Stille.
Wo es kein Hundegebell und kein Klavierspiel gibt – da möchte ich leben.


Autorenangabe: Peter Panter
Ersterscheinung: Die Weltbühne, 28.07.1925, Nr. 30, S. 139.

Editionen: Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker. 22 Bände, Rowohlt Verlag, Reinbek 1996ff., 1925, S. 393 ff.

Ders.: Gesammelte Werke in 10 Bänden. Hrsg. von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Rowohlt Verlag, Reinbek 1975. Band 4, S. 167 ff.

Der berühmteste Mann der Welt

All der Unsinn, den Mister Chaplin
macht, kommt nicht aus dem vergebli-
chen Versuch, klug zu sein, sondern aus
den mißlingenden Versuchen, so zu sein
wie andere Leute auch.
St. John Ervine

Kein Parlamentarier ist der berühmteste Mann der Welt und kein Politiker, weder Wilson noch Poincaré – kein Erfinder ist es, kein Tenor, kein Flugzeugführer. Der berühmteste Mensch ist zweifellos Herr Charlie Chaplin, über den alle einmal gelacht haben: die Pariser und die Londoner, alle Amerikaner und die australischen Matrosen, die Besucher der chinesischen Kinos und neuerdings auch die Deutschen, der alte Kontinent und der neue – und daß der Mars noch nicht über ihn gelacht hat, liegt nur an der mangelhaften Verbindung zu diesem kinolosen Möbel.
Mister Chaplin ist so:
Die Gegend betritt ein kleinerer Mann mit einem kleinen schwarzen Hütchen, einem Stöckchen, einem Schnurrbärtchen. Er geht, wie noch nie ein Mensch auf dieser Welt gegangen ist: er watschelt rasch und eilfertig auf zwei Füßen, deren Spitzen ganz nach auswärts gedreht sind. Er hat schwarze, fast traurige Augen, und er sieht bekümmert in die Welt, weil es nun doch gleich einen Kummer geben wird. Richtig, da ist er.
Der Kummer ist ein dicker Mann, ein roher Bursche von ungeheurem Format, mit dem Herr Chaplin sofort aneinandergerät. Weshalb, ist nicht ganz klar. Diese Filme sind überhaupt nicht ganz klar. Aber es kommt ja nicht auf ihre Handlungslosigkeit an und auf das Gewirr von Prügeln, Feuerwehrschläuchen, jungen Mädchen, auslaufenden Milchflaschen und herunterfallenden Gipsbüsten. Es kommt auf ihn an, auf Mister Chaplin.
Aus den acht oder zehn Filmen, die bis jetzt nach Deutschland gekommen sind, bleibt eine Fülle von Einzelheiten haften, deren jede vollendet gespielt ist.
Mister Chaplin lädt dreizehn Stühle auf seinen Rücken, sieht aus wie ein Morgensternsches Stuhlschwein und starrt vor lauter Stuhlbeinstacheln: Mister Chaplin ist aus dem Gefängnis entflohen, wo die amerikanischen Sträflinge bekanntlich gestreifte Kleidung zu tragen haben, und erwacht morgens im Bett: verwundert und deprimiert gleiten seine schwarzen, klugen Augen über den gestreiften Pyjama und über die Gitterstäbe seines Bettes – also doch? Wieder Gefängnis? – Nein, der Diener bringt den Kaffee. Und wie Herr Chaplin dann sofort aus dem geduckten Flüchtling ein feiner Herr wird, mit einer Zuckung der Schulter, einem ganz unmerklichen Zusammenreißen in den Augen: das ist schlechthin meisterhaft.
Herr Chaplin muß hungrig zusehen, wie ein dicker Mann von vierundzwanzig Tellern sein Frühstück ißt; dann soll er die leeren Teller abräumen. Ein Blick, zwei Löffel, und Herr Chaplin beginnt mit sieghafter Geste auf den Tellern Xylophon zu spielen.
All diese Einfälle dauern nur einen Augenblick, das geht alles ganz rasch vorüber, wird mit den sparsamsten Mitteln exekutiert. Er hat sich hinter einem umgestürzten Küchentisch verbarrikadiert und bewirft seine Partner mit gebratenen Kartoffelklößen: blitzschnell taucht die Assoziation ›Schützengraben‹ in ihm auf: er ergreift zwei leere Weinflaschen, steckt den Kopf über den Tisch und beäugt unendlich strategisch den Feind durch dieses neue Scherenfernrohr – und blitzschnell taucht er wieder unter.
Er hat eine Komik des Nichttuns entwickelt, die ganz ungeheuerlich ist. Der Mann, der sich nicht traut, durch eine Tür zu gehen, dreimal ansetzt und viermal umkehrt, ist noch niemals so gespielt worden wie von ihm. Er sitzt in der Heilsarmee und muß über irgend etwas lachen, das neben ihm vorgeht – der strafende Blick des Predigers fällt auf ihn – Großaufnahme: man sieht ihn fröhlich grinsen, und dann ist das Lachen wie mit einer Zange abgekniffen. Unruhig ruckelt ein gerüffelter Schuljunge auf seinem Platz, und ganze Völkerschaften liegen unter dem Tisch.
Womit er das alles erreicht, ist völlig unbegreiflich. Manchmal nur mit einer kleinen Bewegung – er kann mit den Schultern weinen. Einmal wird er massiert – Chaplin sieht den riesigen Bademeister und sein beklatschtes und malträtiertes Opfer. Er wird der Nächste sein … Und in den unergründlichen Augen liegt eine solche Angst, eine solche tiefe und fast tierische Furcht und dazu ein Gran Ironie, daß es so etwas gibt … Und er bewegt sich nicht, und man hört ihn jeden Gedanken denken.
Er ist so gütig und so freundlich zu aller Welt! Neben ihm steht ein kleiner Spielhund aus Tuch, ein Spielzeug, wie es die Kinder haben. Eine Flasche läuft aus und bekleckert ihm die Hosen. Ingrimmig und schockiert sieht er den Hund an. Dann stellt es sich heraus, daß es doch die Flasche war. Und leise streichelnd, mit einer unendlich zarten Bewegung bittet er das Hündchen um Verzeihung …
Der Mensch muß eine unerhörte Beobachtungsgabe haben, ein stehlendes Auge. Er kann die Bewegungen aller Handwerke nachmachen. Einmal frisiert er den Kopf eines Bärenbettvorlegers: mit welch femininer Grazie und mit welch gelangweilter Selbstverständlichkeit er Kamm und Bürste handhabt und nach dem Schamponieren leicht und elegant und oberflächlich den nassen Kopf abtrocknet! Das zeigt die natürliche Komik dieses großen Künstlers. Wenn unsere Mimen auf der Bühne einen Handwerker nachmachen, dann sieht man, daß sie ihn niemals beobachtet haben: so klopft kein Schuster, so schreibt kein Schreiber, so bewegt sich kein Kutscher. Chaplin kennt sie alle.
Er bekommt es fertig, nur durch seine Erscheinung andere Leute lächerlich zu machen. Er braucht nur aufzutreten, mit dem kleinen Hütchen, mit dem kleinen Stöckchen, mit dem kleinen Schnurrbärtchen, watscheln auf seinen unmöglichen Beinen – und alles drum herum hat plötzlich unrecht, und er hat recht, und die ganze Welt ist lächerlich geworden. Es gibt ein Bild von ihm aus dem Kriege, auf dem der Zeichner den deutschen Kaiser abgebildet hat und seine Generale – mit starrenden Schnurrbärten und furchteinflößenden Helmen. Ihre Augen kullern ihnen fast aus dem Kopf, sie sehen alle auf eine Sache. Denn vor ihnen latscht Chaplin durch den Saal, sich leise einen pfeifend und unbeschreiblich frech sein Stöckchen schwingend. Und der ganze Militarismus ist hinten heruntergefallen.
»All der Unsinn, den Mister Chaplin macht, kommt aus den mißlingenden Versuchen, so zu sein, wie andere Leute auch.« Er hat einmal gesehen, wie der Mixer mixt und wie er in dem Affentanz von Eisstückchen, Cherrycoblern, Silberbechern und Herumhantieren an jedem Ei kurz riecht, bevor er es in den Topf schlägt … Aha, das macht man so. Und wenn er, Chaplin, mixt, riecht er auch an dem Ei. Aber bevor er es aufschlägt. Das kommt in der Fixigkeit nicht so genau darauf an …
Man sagt, daß er alle seine Filme probeweise Kindern vorspiele. Wenn das nicht wahr ist, ist es brillant erfunden. Denn diese Filme mit der nachdenklichen Komik, mit der lustigen Tragik wenden sich an das Kind im Menschen, an das, was wohl bei allen Völkern gleich geblieben ist: an die unverwüstliche Jugendkraft. Er stellt das primitivste dar, aber das genial. Und er zeigt, wie lächerlich es ist, ein erwachsener Mensch zu sein, der sich ernst nimmt.
Als er einmal von Europa zurück nach Los Angeles fuhr, begrüßten ihn auf einer kleinen amerikanischen Station zweihundert kleine Jungen, alle als Mister Chaplin verkleidet: mit dem kleinen Hütchen, mit dem kleinen Bärtchen und mit dem kleinen Stöckchen. So watschelten sie auf ihn zu … Und weil er sehr kinderlieb ist, hat er ihnen allen guten Tag gesagt.
Er ist, wie alle großen Komiker, ein Philosoph. Versäumen Sie nicht, ihn sich anzusehen. Sie lachen sich kaputt und werden ihm für dieses Lachen dankbar sein, solange Sie leben.
Da geht er hin und ruckt nach all dem Kummer an einem kleinen Hut und watschelt ab und sagt mit den Beinen: »Auf Wiedersehn –!«

Autorenangabe: Kurt Tucholsky

Ersterscheinung: Prager Tageblatt, 22. Juli 1922.

Editionen: Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker. 22 Bände, Rowohlt Verlag, Reinbek 1996ff., 1922, S. 279 ff.

Ders.: Gesammelte Werke in 10 Bänden. Hrsg. von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Rowohlt Verlag, Reinbek 1975. Band 3, S. 230 ff.

Brief an das Nobelkomitee

Hindås Schweden
27-9-34

Nobel-Comité
Oslo

Sehr geehrte Herren,

wie ich in schwedischen Zeitungen lese, steht mein Freund Carl von Ossietzky in engerer Wahl bei der Verleihung des Friedenspreises.

Ich habe mit Carl von Ossietzky gemeinsam die ‹Weltbühne› in Berlin herausgegeben und kenne ihn seit 10 Jahren. Ich habe ihn dem Begründer der Wochenschrift als Mitarbeiter vorgeschlagen und ihn nach dem Tode des Gründers gebeten, an meiner Stelle die Herausgabe zu übernehmen – wir haben beide gemeinschaftlich redigiert. Ich kenne den Mann also genau, und es ist mir ein Bedürfnis und eine Pflicht, Ihnen zu sagen:

Die Arbeit Ossietzkys für den Weltfrieden ist immer uneigennützig und tapfer gewesen, und, wie ich meine, nicht ohne Erfolg.

Uneigennützig: Ossietzky hat keiner Partei angehört, er hat nicht für irgend eine begrenzte Doktrin gefochten, sondern für die Idee der Humanität. Er hat, wie man zu sagen pflegt, «nichts davon gehabt» – es ist keine dankbare Aufgabe gewesen, in Deutschland für den Pacifismus einzutreten.

Tapfer: Ossietzky ist nach seiner Verurteilung im Jahre 1931 nicht aus Deutschland geflohen, was er hätte tun können und was der Regierung sicherlich angenehm gewesen wäre. Er hat in einem großen Artikel ‹Rechenschaft›, einer klassischen Leistung, dargelegt, daß er für die Sache des Friedens das Opfer bringen will. Er hat es gebracht. Was er aber dann, nach seiner Freilassung im Jahre 1932, getan hat, verdient die allerhöchste Anerkennung:

Dieser Mann, dessen prophetische Arbeiten dartun, wie sehr er seine Zeit und sein Land erkannt hat, hat noch im Dezember 32 gewagt, das heraufziehende Hitlerregime wegen seiner Kriegsfreundlichkeit anzugreifen, und zwar in derart scharfen Formen, daß die Rache denn auch nach dem Reichstagsbrand prompt über ihn hereingebrochen ist. Er leidet noch heute, während Sie dies lesen.

Sie wissen, sehr geehrte Herren, besser als ich, daß es überall einen sozusagen officiellen Pacifismus gibt, eine sanft geölte Denkungsart, die für den Frieden eintritt, solange kein Krieg ist. Diese Gesinnung kostet nichts, sie ist bequem. Ossietzky hat sich seine Friedensgesinnung etwas kosten lassen – wir wissen alle nicht, ob er mit dem Leben davonkommt. Wenn ich, als sein langjähriger Kampfgenosse, Sie bitte, den Idealismus, die Sauberkeit und die so seltene Zivilcourage dieses Friedenssoldaten anzuerkennen, so tue ich das in voller Kenntnis der Person und der Sache. Dieser Mann ist für den Frieden ans Kreuz geschlagen worden.

Ich habe bisher geschwiegen, um nicht durch meinen Namen, der auf die deutsche Regierung wie das rote Tuch wirkt, zu bewirken, daß Ossietzky geschlagen wird. Man hat mir die Staatsangehörigkeit aberkannt – alles, was ich öffentlich für ihn täte, hätte er zu büßen. Ihnen aber darf ich sagen: Sie geben Ihren Preis dem Würdigsten. Ich gehöre nicht zu denen, die in der Verleihung des Preises an Ossietzky in erster Linie eine Demonstration gegen die deutsche Regierung erblicken, denn das ist nicht der Sinn des Preises. Ich erblicke in der Verleihung an ihn eine Erfüllung der Nobelschen Ideen.

Mir sind Ihre Statuten bekannt – ich übe hier keinerlei Vorschlagsrecht aus. Ich genüge einer Freundespflicht.

Ich bin Ihr sehr ergebener

Kurt Tucholsky.

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