1.1.2004

Zyniker

Auf meinem Nachttisch haben viele Bücher gelegen, in denen waren Schilderungen von Zeitungsredaktionen zu finden. Da ging es hoch her. Dideldumdei, bin nicht dabei, aber dies wäre zu sagen:

   Die geschilderten zigarettenrauchenden und schnapstrinkenden Redakteure sind gar große Zyniker. Sie scheinen ihren Beruf nicht ernst zu nehmen. Sie hauen ihren Umbruch hin; sie streichen und sie schmieren, und was sie zu vermelden haben, ist ihnen, wie unser Feldwebel zu sagen pflegte, reißpipeneengal.

   Ja, sollen denn Redakteure eine Zeitung wie einen Gottesdienst zelebrieren? Sind wir nicht, wenn wir klug sind, im Beruf allesamt Zyniker? Kann man einen Alltagsberuf, der in den meisten Fällen keine Berufung ist, anders ausüben als: aus dem Handgelenk, mit der Zigarette im Mundwinkel, routiniert, halb gleichgültig, halb interessiert … ist das nicht überall so? Es ist überall so.

   Wie wird denn operiert? Wie wird denn eingekauft? Wie werden denn Fahrpläne gemacht? Feierlich? Nur Dummköpfe sind im Beruf feierlich. Wer auch nur ein wenig Verstand hat, weiß, daß die Welt nicht von Heiligen bevölkert ist, und daß, wie Ludwig Marcuse in seiner Heine-Biographie so gut sagt, nur Heilige oder pekuniär unabhängige Menschen ganz kompromißlos leben können. Wodurch es sich denn vielleicht erklärt, daß sich mancher wohlhabende Literat als Heiliger aufspielt.

   Daß Redakteure Zyniker sind, unterscheidet sie nicht von andern Leuten. Ach, wenn sie nur Zyniker wären … ! Im Grunde zeigt diese Kritik, daß der Kritiker die Zeitung überschätzt: er sieht in ihr die vom Himmel geflatterte Botschaft, die ihm Befehl und Gesetz ist – und nun ist er enttäuscht. Wie! Die himmlischen Heerscharen glauben nicht ganz und gar an das, was sie durch die Posaune blasen? Diese Zyniker!

   Ganz abgesehen davon, daß der zynische Journalist immer noch angenehmer ist als der feierliche Zeitungsfachmann, der sich für das Zentrum der Welt hält, scheint mir eine solche Kritik nicht etwa unerlaubt – Berufsreligionen habe ich nie mitgemacht. Aber schief ist sie, diese Kritik.

   Was ist denn der Redakteur? Ein Angestellter. Traurig genug, daß ers immer nur zu fühlen bekommt, es aber nicht recht wahr haben will. Wer macht die Zeitung? Der Herr Zyniker? Ach, du lieber Gott. Er macht nur den Umbruch.

   Die Zeitung wird vom Verleger gemacht. Den sollte man kritisieren – nicht durchaus und durchum mit Betonklötzern bewerfen, aber einmal schildern, wie er ist. In seiner ewig schielenden Angst, die er für Witterung hält; in seiner Beeinflußbarkeit; in der Verflechtung seiner geschäftlichen Interessen mit denen andrer Leute … ich höre immer: Korruption. In Deutschland wird nicht bestochen. In Deutschland wird beeinflußt. Und was in der Zeitung steht, ist nicht halb so wichtig wie das, was nicht drin steht.

   Daß aber die Abfassung der Nachrichten über Feuersbrünste und Erdbeben von fettigen Witzen begleitet wird, ist noch lange nicht das schlimmste an der Zeitung. Diese Redaktionsschilderungen sind so alt wie die Zolaschen Romane; wir kennen das. Ich vermisse etwas andres. Nämlich ein Postulat.

   Die Zeitung sollte geistigen Leuten gehören, die sich geschäftliche Mitarbeiter halten. Das Umgekehrte dürfte nicht ganz das richtige


Autorenangabe: Peter Panter

Ersterscheinung: Die Weltbühne, 19.1.1932, Nr. 3, S. 100.

Editionen: Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker. 22 Bände, Rowohlt Verlag, Reinbek 1996ff., 1932

Ders.: Gesammelte Werke in 10 Bänden. Hrsg. von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Rowohlt Verlag, Reinbek 1975. Band 10, S. 17 ff.

Die Leibesfrucht

Du bist so schwer, du bist so blaß –
was hast du, Mutter?
Du willst etwas und weißt nicht was –
was hast du, Mutter?
Ich trag in meinem Leibe ein Kind;
ich weiß, wie seine Geschwister sind:
ohne Stiefel, ohne Wolle, ohne Milch, ohne Butter –
ich bin eine Mutter! Ich will keine Mutter mehr sein!
Laß mich schrein –!
Laß mich schrein –!“

Es darf und darf mir nicht zur Welt!
„Frau, was wollen Sie?“
Mein Mann ohne Stellung – wir haben kein Geld!
„Frau, was wollen Sie?“
Ich will nicht, daß man für eine Nacht
mich und die Kinder unglücklich macht!
Dieselben Rechte will ich wie die Reichen,
die ungestraft zum Abtreiber schleichen –
Warum will mich denn keiner befrein?
Laßt mich schrein –!
Laßt mich schrein –!

Mit Schreien ist da nichts getan –
Wacht auf, ihr Frauen!
Nieder mit kirchlichem Größenwahn!
Wacht auf, ihr Frauen!
Ihr krümmt euch vor Schmerzen, und in euer Ohr
tönt heulend der Untemehmerchor:
„Trag es aus! Trag es aus!
Trag es aus im Sturmgebraus!
Wenn der Staat bleibt bestehn,
könnt ihr alle zugrunde gehn!
Ihr habt nichts zu fressen?
Wir brauchen die Kinder für Dortmund und Essen,
für die Reichswehr und für die Büros –
und wenn ihr krepiert, dann sind wir euch los!“

Aus Jodoform und blutigem Leinen
kommt winselnd eines Kindes Weinen.
Es wartet an dem kleinen Bett
bereits ein mächtiges Quartett:
Fabrik. Finanzamt. Schwindsucht. Kirchenzucht.

Das ist das Schicksal einer deutschen Leibesfrucht.


Autorenangabe: Theobald Tiger

Ersterscheinung: AIZ Jg. 7 (13.6.1928), Nr. 24, S. 10.

Wieder in: Das Lächeln der Mona Lisa, Berlin 1929, S. 376–378.

Editionen: Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker. 22 Bände, Rowohlt Verlag, Reinbek 1996ff., 1928.

Marinetti in Paris

In einer ganz kleinen Stampe auf dem Boulevard Raspail, ein paar Minuten von den pariser Romanischen Cafés, wo die zweiundzwanzig sich ewig wiederholenden Spielarten langweiliger Psychopathen sich Bedeutung von der Legende borgen, Lenin habe hier eines Tages gesessen … Unordentliche Bürger — vorüber.

   In dem kleinen Gastzimmer der Kneipe hängen Stilleben: »Dalles im Mondschein« und Aquarelle in Öl; auf den Holzstühlen — die zu fünf Francs haben Popokissen — sind die Zuhörer angebracht: gepuderte, aber hysterische Damen, in ihren Naslöchern schlummert das Grauen; polnische Knaben, die einer Badewanne gegenübergestellt zu werden verdienen; amerikanische Maler; ein ganz dünner Kunstkritiker, völlig ausgelaugt vom Theoretisieren, als habe er jahrelang in Essig gelegen; und wieder Frauen, die einem die ganze Freude am heterosexuellen Umgang nehmen können … Marinetti ist da.

   Ein Mann Mitte der Vierziger, mit so hoher Stirn, daß sie schon Glatze genannt werden darf, kleinem dunkeln Schnurrbart, schwarzen Augen, die später glühen werden. Er hat starke Augenbrauen: solche Leute sind für gewöhnlich witzig; kennte man ihn nicht, könnte man ihn ganz gut für den Hausdichter eines großen Revue-Theaters halten. Weil er nicht die Spur Ähnlichkeit mit Sternheim hat, traue ich mich nicht, dafür zu halten, daß er sie hat. Die Leute werden ungeduldig, applaudieren, er setzt sich hinter den Tisch auf das Podiumchen und beginnt.

   Aber kaum hat er mit den ersten Worten seine Stimme probiert, so unterbricht ihn wüstes Geschrei. Von einer Ecke des Sälchens stößts vor: »Eja! Eja! Alalaaa —!« Und vier waagerecht vorgestreckte Arme. Junge Faschisten — er dankt liebenswürdig und eilig. Und beginnt nun endgültig.

   Er fängt sofort an, über die pariser Kunstgewerbeausstellung zu sprechen. Und sagt: Diese Ausstellung ist ein großer Fortschritt — hier sieht man zum erstenmal, wie die Prinzipien des Futurismus ihre Wirkung auf die Welt ausüben, hier ists wahrhaft modern, und das will etwas heißen, denn die Ausstellung steht in Frankreich. Frankreich hat stets die plane Gleichmäßigkeit, die Vernunft, »le bon goût« als sein Charakteristikum ausgegeben. Er, Marinetti, sehe aber Frankreich denn doch anders, Rabelais sei, zum Beispiel, auch nicht de bon goût, und so begrüße er den Fortschritt, der in der Ausstellung stecke. Heftige Kritik des italienischen Pavillons; die Futuristen hätten hier nicht zeigen können, was sie eigentlich könnten; dagegen sei der russische Pavillon sehr gut. An den wichtigen Stellen der Rede läuft er rot an, er spricht hastig, kein ganz reines Französisch; um besser zu dozieren, hebt er mitunter beide Zeigefinger, auch wiederholt er — wie ein Zimmerecho — manchmal die Schlußworte der Sätze leise vor sich hin.

   Nun hat dieser Mann zweifellos als erster die Museumsreligion der bildenden Künste über den Haufen geworfen — er hat als erster in der neuen Welt das neue Lebensgefühl geprägt, für dieses Gefühl eine neue Kunst verlangt und lange vor dem Krieg mit Recht gesagt: Eine häßliche Maschine ist schön (nicht die von Peter Behrens — eine häßliche). Das, was uns heute bei einem Abschied bewegt, kann nicht mit den Mitteln der Postkutschenzeit ausgedrückt werden, auch nicht mit denen des Naturalismus (um zu wiederholen wie er: auch nicht mit denen des Naturalismus) — das turbulente Durcheinander von Schmerz, Komödie, Farben der Bahnhofsbuchhandlung, Angst vor dem Abschied, Nummer der Lokomotive, Neugier, Tagtraum, Rauchgeruch … so müßt ihr malen. Und sie haben so gemalt. Ich besinne mich, wie ich den ersten Schwinger in den Magen bekam: Gino Severinis »Pan-Pan-Tanz« hing in Berlin, und mir wurde rot und grün vor den Augen, das Bild drehte sich, ich tanzte. Und das wollte es ja auch. Von da an begann es — hier fing es an. Dieser Großpapa Marinetti hat Kinder gezeugt, einen ganzen Stall voll — aber es sind viele Wasserköpfe dabei. Weil es so bequem ist. Weil die Kontrolle so schwer ist. Weil man so herrlich leicht dabei schwindeln kann. Aber — eja, eja, alala! — seine Leute haben eine Tür nicht nur aufgemacht, sondern glücklicherweise eingestoßen.

   Und nun steht er noch immer da und stößt noch immer dieselbe Tür ein! Welch eine Enttäuschung! Denn was die französische Kunstgewerbeausstellung angeht, so muß schließlich gesagt werden!

   Diese Ausstellung ist — mit einer Ausnahme — belanglos. Die Ausnahme bilden die Russen, mit denen sich die Futuristen überhaupt nicht messen können. Sie nehmen sich daneben wie mattes Kunstgewerbe aus und sind es wahrscheinlich auch mit der Zeit geworden.

   Das, was in der Ausstellung gut ist, ist eine mäßige Kopie Deutschlands. (Nur die schwedische Glasabteilung ist mehr.)

   Durch die Ungeschicklichkeit und den bösen Willen der Stresemann-Regierung ist die deutsche Beteiligung sabotiert worden — sie wäre möglich gewesen. Nun siegen hier mühelos die, die sich an Deutschland auf durchaus legalem Wege befruchtet haben, und mit Ausnahme Schwedens ist diese Befruchtung nicht immer sehr heiter ausgefallen. Sie ernten, was das deutsche Kunstgewerbe gesät hat. Noch die dünnsten Epigonen des deutschen Kunstgewerbes aber stehen turmhoch über diesen kümmerlichen Versuchen, modern zu sein — und modern ist diesen Herren allemal: willkürlich. Frankreich zählt hierbei nicht. Dieses Land hat so große Werte, so unendliche Reize im Leben und in den Künsten, daß es eine sachliche Konstatierung wohl vertragen kann. Und die ist: Seine modernen Innenarchitekten stehen ungefähr auf der Stufe des seligen Jugendstils und haben in ihrer Mehrheit — und besonders in der offiziellen Mehrheit — überhaupt nicht begriffen, worauf es ankommt. Es ist nicht diskutierbar, was da ausgestellt ist. Der äußere Rahmen ist allerdings besser.

   Die fremden Länder protzen meist mit Waren, die etwa für den Geschmack reicher Farmer aus Südamerika bestimmt sind, ausschweifende Bourgeois, so: Was tätest du, wenn du mal reich wärest? Am besten sind noch die traditionellen Arbeiten, die gar nichts von der Moderne wissen wollen — da ist man wenigstens auf sicherm Boden.

   Um nicht mißverstanden zu werden: Die reinen, edeln Formen des deutschen Kunstgewerbes, seine Experimente, seine mühenden Versuche, weiterzukommen, haben mit dem Deutschland, das grinsend und fauchend jede »Überlegenheit deutschen Fleißes und deutscher Tüchtigkeit« feiert, nicht das geringste zu tun. Dieses Kunstgewerbe hat sich gegen den kaiserlichen Ungeschmack, gegen die von der Regierung geförderten Künstler, gegen die kommunale Kunstpolitik vieler deutscher Städte durchgesetzt und ist heute noch den meisten Gutsbesitzern und nationalen Kleinbürgern ein Scheul und ein Greul. Die haben also nicht die leiseste Veranlassung, solche Feststellungen zu mißbrauchen. Außerdem ist eine internationale Ausstellung kein Pferderennen — es kommt gar nicht darauf an, wer »gesiegt« hat, sondern es kommt darauf an, daß durch gemeinsames Zusammenwirken und durch Vergleiche etwas Gedeihliches erreicht wird. Das ist hier aber nicht geschehn.

   Sind Sie so bescheiden geworden, Herr Marinetti? Ach, er ist nicht nur bescheiden geworden. Als er sagt: »Le pavillon des Sowjets est bien!«, es so ästhetisch sagt, so oberlehrerhaft ein Zeugnis ausstellend — da fange ich an, mich zu wundern. Und als er dann nichts weiter zu sagen weiß, als seine drei Freunde Balla, Depero und Prampolini zu empfehlen, da wundere ich mich noch mehr. Aber als er dann so ganz nebenbei und gelassen ausspricht, die Kunst habe mit der Politik nichts zu tun — da wundere ich mich nicht mehr. Fahre wohl.

   Ein Provinziale. Ein Mann, der schäumt und tobt, wenn er vom Rhythmus der Maschine spricht, und der nicht ahnt, daß dies das sicherste Zeichen dafür ist, wie sie ihm nicht im Blut sitzt. Aber die Amerikaner müßten ja die ersten sein, die den Gott Maschine anbeteten — und sie sind entweder kindisch sentimental oder, zu ihrem bessern kleinsten Teil, schwer pessimistisch, durchaus tempoverachtend, gleichgültig gegen diese Wolkenkratzersteigerung und das höllische Treiben um sich mit der stummen Frage abfertigend: »Na — und?«

   Ein Provinziale, der von der Weltstadt träumt, wie ein Aktuar in Klein-Hainichen vom Café Keck, wie Sternheim von Paris. Die Pariser sehen die Sache viel ruhiger an. Die Amerikaner ihre Maschinen auch. Ein Provinziale.

   Kein Wunder, daß die Silbe »ismus« an dem Stamm »futur« hängt — sie hat ihn getötet. Provinziell der laut tönende Optimismus, konsequent sein Imperialismus, provinziell seine Stellung zur Kritik, die er wie der Schüler den Lehrer (den er nicht sieht) schmäht. Es ist nicht wahr, daß Kritik nur von zurückgebliebenen Individuen ausgeübt wird — und wäre sie es: wie muß er sie fürchten! Er warnt noch mit Recht vor dem Atelierpartikularismus der Pariser, empfiehlt seine drei Leute, betont die Gesundheit des Futurismus und tritt ab. Nicht, ohne daß die giovinezza ihn noch einmal herzhaft anschreit.

   Man soll den Leuten nicht zu nah an den Hals rücken. Himmel, welche Enttäuschung! Grüßen Sie den Duce, Marinetti. Ob er lauter solche Leute hätte. Und ob das alles wäre. Und es wäre nicht viel.

   Marinetti, im Kriege verwundet, hat dessen Folgen verschlafen. Marinetti sollte nach Moskau fahren und nach New York. Er beginnt, eine schwache Kopie seiner selbst zu werden. Heiliger Herwarth Walden, bete für ihn, wenn du Zeit hast! Und setze ihm ein Holzmarterl mit zwei gekreuzten Lokomotiven und einer Sardinenbüchse oben drauf:

HIER RUHT MARINETTI.

   ER HAT EIN GROSSES FUTURUM HINTER SICH.


Autorenangabe: Peter Panter

Ersterscheinung: Die Weltbühne, 21. Juli 1925, Nr. 29, S. 97.

Editionen: Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker. 22 Bände, Rowohlt Verlag, Reinbek 1996ff., 1925

Zwecks Lachung

Und wenn man dieser Trostlosigkeit der deutschen Politik entfliehen möchte, nur für ein Viertelstündchen –: da wäre ein Buch erschienen, das, wie es in der Vorrede heißt, „zum Umblättern geeignet ist“, und darum handelt es auch von Karl Valentin und heißt „Das Karl Valentin-Buch“ (erschienen bei Knorr & Hirth in München. Der Preis ist mir nicht bekannt, aber er ist zu hoch). Es ist ein Bilderbuch, mit sanft irrsinnigen Texten, die von Valentin stammen, sowie mit zwei Aufsätzen über ihn.

   Man soll sich seiner Albernheit nicht schämen – die Bilder auf Seite 40 und 41 kann ich nie ansehen, ohne immer wieder so zu lachen, als ob ich sie noch nie gesehn hätte. Das ist aber wirklich erschütternd. Er hat sich als Schwalangschehr fotografieren lassen, er steht da wie ein Apfelbaum im Herbst, gänzlich verblüht, kahl, jedoch in einer Uniform, die ihm etwa zwei Weltkriege zu eng ist, das Gestak der langen Beine wächst aus zwei riesigen Blumentopfstiefeln, es ist ganz ungeheuerlich. Und Valentin als Loreley … das müßt ihr euch selber ansehn. Worte sagen es nicht, göttlich ist dies Gebild.

   Die Bildunterschriften stammen von ihm selber. Zum Beispiel: „Karl Valentin in mimischen Darstellungen.“ Erstens: „Schreinermeister.“ Zweitens: „Konditormeister“ – nicht der leiseste Unterschied, doch der eine hat helle Haare, und der andre hat dunkle sowie einen Kuchen beziehungsweise einen Hobel. In der Mitte: „Feuerwehrhauptmann in Zivil, der in einem Glückshafen einen Blumenstock gewonnen hat“, und wenn man das sieht, dann fühlt man: nur so oder ganz anders kann ein Feuerwehrhauptmann aussehn.

   Und die Liesl Karlstadt ist fotografiert, seine treue Helferin, von links und von rechts; auch jener herrliche Augenblick findet sich da bebildert, wo sie als Kapellenmeister den Musiker, dem Verstand und Chemisett vorn herausrutschen, zur Rede stellt: „Ja, was seh ich denn da? Sie haben ja gar keine Gläser in Ihrer Brille, Valentin!“ – „Seit fünf Jahr schon!“ – „Warum setzens denn dann dös leere Gstell auf?“ – „Besser is doch wie gar nix.“ Und er macht auf dem Bild grade das Gesicht, mit dem er sagt: „Seit fünf Jahr schon!“ Ganz dumpf, wie von unter der Erde. Und das von der christkatholischen Kirche verfemte Bild: die Karlstadt als Firmling und er als Vater – lieber Gott, was sie alles mit dir machen! Und manche Bilder sehen aus, als seien sie bei einer Dilettantenvorstellung aufgenommen, und dann steht da plötzlich so ein Satz, wie die arme Reisende den Bahnhofsportier fragt: „Wissens, Herr Eisenbahnbesitzer …“ – Und auf einem Bild sieht man ihn ankommen, mit zwei riesigen Holzlatten, die die Zimmerlampe herunterhauen, es ist vor Weihnachten, und der treusorgende Vater hat für die nächsten zwanzig Jahr „Christbaumbrettln“ eingekauft, Holz für die kleinen Hutschen, auf denen der Baum steht, nein, Ordnung muß sein. Einen Baum hat Vater allerdings noch nicht.

   Eingeleitet ist das Buch, welches zum Umblättern geeignet ist, von zwein. Der eine, Tim Klein, sagt, es gebe für Aufsätze über Valentin zwei Gefahren: „das Gestrüpp der Metaphysik und das Sichverlieren in Einzelheiten.“ Der Berliner habe da ein Wort: „Erzählen Sie keine Opern.“ Wir sagen sogar: „Quatschen Sie keine Opern.“ Wilhelm Hausenstein, der andre Einleiter, quatscht hier keine Opern; diesmal nur Operetten. Alles hätte so sein sollen wie der erste Absatz, in dem beschrieben steht, wie Valentin das „Meer von Schuckert“ auf der Geige vorspielen will, und woran dieses Unterfangen scheitert. Die Herausgeber hatten es so leicht: Alfred Polgar hat diesen Mann (wie so vieles andre) zu Ende beschrieben. Das hätte man nur abdrucken sollen.

   Viel schöner als alle gebildeten Texte sind die Bildunterschriften. Unter einem: „Es ist kein Beweis dafür vorhanden, daß nur ein dummer Mensch saublöd ausschaut …“, und wenn man sich kaputt und wieder gesund gelacht hat, dann bleibt noch die Unterschrift zum allerletzten Bild haften, auf dem Valentin hinter einem Tisch steht und den Gegner wild bedroht:

   „Sie san net auf uns a’gewiesn, aber mir auf Eahna! Dös müssens Eahna merka!“

   Es ist eine völlig närrische Welt, in der dieser da Kaiser, König, Edelmann, Bauer, Sieben, Achte, Neune und Zehne ist – und aus dem Meer dieses Unfugs taucht der Leser auf und blickt auf ein Land, dessen – – grade so närrisch sind, aber lange nicht so amüsant wie Karl Valentin.


Autorenangabe: Peter Panter

Ersterscheinung: Die Weltbühne, 03.05.1932, Nr. 18, S. 683.

Editionen: Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker. 22 Bände, Rowohlt Verlag, Reinbek 1996ff., 1932

Deutsche Tempo, S. 835 ff.

Abstecher nach München

Wen das rauhe Geschick von Paris nach Bayern verschlägt, der soll sich das Deutsche Museum ansehen. Dasselbe ist zweiundzwanzig Meter hoch, von noch höherem kulturellem Wert, und somit war ich bei Karl Valentin.

   Valentin, der Vertreter des Schauspielers Johann Nestroy auf Erden, spielt in einem Saal, in dem Leute an Tischen Bier trinken – man könnte sich ganz gut ein Tanzvergnügen in diesem Stall denken. Er tritt in einem Stück auf, das unerlaubt dumm ist und noch unerlaubter gespielt wird: „Raubritter vor München“ – und er verkörpert daselbst einen Wachtposten. Dieser Wachtposten bewacht sein Schilderhaus, das für ihn – der Wache wegen – gebaut ist.

   Als der Vorhang aufgeht, hat ihn gerade Liesl Karlstadt, als Trommler angetan, aufgeweckt, und das ist schade. Denn Valentin hat etwas geträumt. Er holt die Vision langsam aus seinem langen Leib heraus. „Mir hat g’träumt, daß i a Enten bin und an Wurm verschluck …“ Aber gerade, als die Wachtpostenente den Wurm anbeißen wollte, da wurde sie eben geweckt. „Und ich konnte dir doch nicht sagen: weck mich nicht auf, weil ich schlief …“ Der Trommler ist mit dem Traum nicht durchaus einverstanden. „Wenn du noch geträumt hättest, daß du einen Gänsebraten ißt -“ Darauf Valentin: „Enten essen keinen Gänsebraten!“ – Daran schließt sich eine lange Diskussion, in der der Posten folgendes sagt: „Man kann ja nicht einmal wissen, ob Enten überhaupt träumen. Das wird nie erforscht werden. Denn die Ente kanns einem ja nicht sagen. Beim Papagei ist das was anders …“ Dann aber wirds kriegerisch auf der Bühne, die Wache zieht auf, allemal, wenn der Wachtposten an der Klingel zieht, und er zieht oft an der Klingel. Sogar, als der alarmierende Bote, ein Fuhrknecht, kommt und die wilden Raubritter ankündigt, da vermeint er, nichts anderes tun zu können, als an der Klingel zu ziehen. Was zur Folge hat, daß die Wache kommt, bläst und wieder abgeht. Mehr könne er nicht tun, sagt er. Er solle wenigstens das Stadttor schließen, ruft der Bote – Gefahr im Anzug! – Das Stadttor? Das wird um neun Uhr abends zugemacht, nicht früher – und nun käme es eben darauf an, wer früher da wäre: die Raubritter oder der Wachtposten. Aber wenn die Stadt nun in ein Blutbad verwandelt wird? „Es tut uns ja selber furchtbar leid!“ sagt Valentin … Witziger ist militärische Bürokratie noch nicht verspottet worden.

   Auch hält der Soldat dem Herrn Hauptmann seinen Säbel zum Gruß hin – und der ergreift ihn und schneidet sich in die Hand – eine geradezu völkerbundliche Geste. Und der Dialog schwappt über alle Ränder („Ob er schwindelfrei ist? Selten, daß er vom Kirchturm fällt!“), und manchmal bleibt die Unterhaltung an einem hervorstehenden Nagel hängen, etwa so: „Soll ich die Trommel hierlassen oder mitnehmen?“ Valentin: „Du kannst sie mitnehmen. Du kannst sie auch hierlassen. Aber einen Mittelweg gibt es nicht!“ – Und dann findet er den Mittelweg: „Du kannst sie erst hierlassen und dann mitnehmen!“ Bis sich dann der Herr Posten mit einer Ziehharmonika hinsetzt und in die kühle Abendluft das schöne Lied vom Morgenrot singt … Manchmal geht der Harmonika die Luft aus, dann holt sie tief Atem, und Valentin schweigt derweilen erschüttert. Auch klappt es mit dem Text nicht ganz …

         Heute noch auf stolzen Rohossen –
         Morgen durch die Brust geschohossen –
         Übermorgen in das kühle.

   Hier hat die offizielle Melodie Rechtens ein Ende. Aber Valentin läßt die Harmonika noch einmal tief Atem holen und singt die Zugabe:

         Grab.

   Dann erst hat er seine Ruh‘.

   Das Stück ist dumm, auch redet er diesesmal nicht so viel, wie man das gern hat, und was drum herum steht, ist bis auf die Karlstadt bitter. Aber ihn kann man nicht vergessen. Wie er dasteht, die Äuglein auf den Boden geheftet, dorther die schwierigen Gedanken herausziehend, wie er mit der äußeren Anspannung zuhört, wenn ihm jemand etwas erzählt, wie nur ein Körnchen haften bleibt, und das an der verkehrten Stelle – wie die lange Hand militärisch an der Hose festgeklebt scheint –: das alles verdichtet sich in der Geste, wie er mit einem Teelöffel aus einer schief gehaltenen Kaffeekanne den herausfließenden Kaffee auffängt und oben wieder hineintut. Die Kanne bleibt schief.

   Er auch.

   Es gibt Komiker des Tages und solche der Nacht und solche der Sonne und solche der Sterne. Dieser ist vor Tagesanbruch geboren. Die Dinge haben noch keine Farben, man weiß noch nicht genau, was das da vor uns ist: ein Segelschiff oder ein Nachttopf, es ist nicht mehr Nacht, noch nicht Tag, und eine lange Gestalt wandelt im Radieschenhain … Es ist Karl Valentin, der Münchner mit dem doppelten Boden.


Autorenangabe: Peter Panter

Ersterscheinung: Vossische Zeitung, 08.08.1926.

Editionen: Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker. 22 Bände, Rowohlt Verlag, Reinbek 1996ff., 1926

Deutsches Tempo, S. 534 ff.

Redakteur und freier Schriftsteller

Das Verhältnis des Redakteurs zum freien Schriftsteller ist nicht so, wie es sein sollte.

   Der Redakteur, dem freien Schriftsteller in mehr als einer Hinsicht nahe verwandt, mit ihm aus demselben Boden entsprossen, betrachtet den freien Schriftsteller nicht so als Berufskollegen, wie das wohl wünschenswert wäre, sondern sieht ihn vielmehr leider mit Verlegeraugen an.

   Der vom Unternehmer angestellte geistige Arbeiter wertet sehr häufig schon nach kurzer Praxis den ökonomisch unsicheren, frei arbeitenden Berufsgenossen so wie sein Brotherr: von oben herunter.

   Diese Sätze beruhen auf meinen Erfahrungen als Mitglied einer berliner Redaktion, und ich muß hinzufügen, daß ich als freier Schriftsteller im allgemeinen über die Kollegen in den Redaktionsstuben in keiner Weise zu klagen habe. Ich spreche also nicht pro domo. (Obgleich das kein Schade wäre.) Es sind mir aber sehr wohl die Klagen vieler freier geistiger Arbeiter bekannt, die sich – meiner Meinung nach mit Recht – über die Haltung der Redakteure beklagen.

   Neben der unangenehmen Wertschätzung der sogenannten „großen Namen“ läuft eine Mißachtung der weniger großen parallel. Da ist zunächst die Frage der überlangen Fristen bei Offertenbeantwortungen. Der aktuelle Artikel, der aus irgendwelchen Gründen vom Redakteur zu lange in der Schublade behalten wird, ist nach vierzehn Tagen bei seiner Rückgabe für den Schreiber unbrauchbar geworden, er kann ihn nirgends mehr anbieten, und so haben wir das seltsame Schauspiel, daß ein geistiger Arbeiter (der Redakteur) das Werk seines Kollegen (des freien Schriftstellers) fahrlässig vernichtet.

   In der Frage der durchaus unzulänglichen Honorare, die von den Zeitungen an die Mitarbeiter gezahlt werden, ist der Redakteur doch nicht ganz so einflußlos, als es den Anschein hat. Es ist mir in meiner Praxis soundso oft gelungen, den Widerstand des sparenden Verlages zu brechen und für die freien Schriftsteller (und Zeichner) wenigstens einigermaßen zureichende Bezüge durchzusetzen. Es kann auf keinen verständigen Unternehmer ohne Einfluß bleiben, wenn ihm sein Redakteur, der Geschäftsführer seiner Ressorts für geistige Arbeit, auseinandersetzt, daß er für schlechte Honorare nur mittelmäßige Schriftsteller zu Mitarbeitern bekommt, und daß er mit der dauernden Unterbietung der Preise Qualität und Niveau der geistigen Arbeiter drückt und sich so letzten Endes selber schadet. Demgegenüber habe ich leider feststellen müssen, daß es eine Reihe Redakteure gibt, die sich durch Überbetonung des Unternehmerstandpunktes ihren Kollegen gegenüber beim Verleger lieb Kind machen und sich lediglich als Angestellte des Unternehmers und nicht auch als Angehörige einer weiteren geistigen Gruppe betrachten. Das Angestelltenverhältnis dem Verleger gegenüber ist nicht zu leugnen, und es involviert sicherlich die Pflicht, die Interessen des Verlages nach außen hin wahrzunehmen. Das geschieht aber häufig mit einer Rücksichtslosigkeit, die jede geistige Artverwandtschaft mit dem freien Schriftsteller leugnet und ein vorhandenes Vertragsverhältnis über das Kollegialitätsgefühl triumphieren läßt.

   Es ist mir sehr wohl bekannt, mit wieviel faulen Elementen, die sich als „Schriftsteller“ ausgeben, der Redakteur zu tun bekommt; ich weiß auch, wie groß die Menge der taktischen Rücksichten und Hemmungen ist, denen der Redakteur nun einmal unterworfen ist. Ich glaube aber doch, daß es anders und besser sein könnte, als es augenblicklich ist. Der Redakteur, der heute seine Stellung verläßt, kann morgen freier Schriftsteller sein, und der freie Schriftsteller, der heute beim Redakteur antichambriert, kann morgen auf seinem Platz sitzen. Sie sind beide geistige Arbeiter. Sie sollten mehr zusammenhalten, und besonders der Redakteur sollte mehr zum freien Schriftsteller halten, damit sich manifestierte, was latent vorhanden ist: ihre Kollegenschaft.


Autorenangabe: Kurt Tucholsky

Ersterscheinung: Deutsche Presse, 31.03.1922, S. 3.

Editionen: Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker. 22 Bände, Rowohlt Verlag, Reinbek 1996ff., 1922

Kurt Tucholsky: Deutsches Tempo. Gesammelte Werke. Ergänzungsband 1. Hrsg. von Mary Gerold-Tucholsky und J. Raddatz. Rowohlt-Verlag, Reinbek 1985. S. 286 ff.

Der Linksdenker

      Er ist ein Gespenst und doch
      ein Münchner.
            Alfred Polgar

Das war ein heiterer Abschied von Berlin: sechs Wochen Panke und ein Abend Karl Valentin – die Rechnung ging ohne Rest auf.

   Ich kam zu spät ins Theater, der Saal war bereits warm und voller Lachen. Es mochte grade begonnen haben, aber die Leute waren animiert und vergnügt wie sonst erst nach einem guten zweiten Akt. Am Podium der Bühne auf der Bühne, mitten in der Vorstadtkapelle, saß ein Mann mit einer aufgeklebten Perücke, er sah aus, wie man sich sonst wohl einen Provinzkomiker vorstellt: ich blickte angestrengt auf die Szene und wußte beim besten Willen nicht, was es da wohl zu lachen gäbe … Aber die Leute lachten wieder, und der Mann hatte doch gar nichts gesagt … Und plötzlich schweifte mein Auge ab, vorn in der ersten Reihe saß noch einer, den hatte ich bisher nicht bemerkt, und das war: ER.

   Ein zaundürrer, langer Geselle, mit stakigen, spitzen Don-Quichote-Beinen, mit winkligen, spitzigen Knien, einem Löchlein in der Hose, mit blankem, abgeschabtem Anzug. Sein Löchlein in der Hose – er reibt eifrig daran herum. „Das wird Ihnen nichts nützen!“ sagt der gestrenge Orchesterchef. Er, leise vor sich hin: „Mit Benzin wärs scho fort!“ Leise sagt er das, leise, wie es seine schauspielerischen Mittel sind. Er ist sanft und zerbrechlich, schillert in allen Farben wie eine Seifenblase; wenn er plötzlich zerplatzte, hätte sich niemand zu wundern.

   „Fertig!“ klopft der Kapellmeister. Eins, zwei, drei – da, einen Sechzehnteltakt zuvor, setzte der dürre Bläser ab und bedeutete dem Kapellmeister mit ernstem Zeigefinger: „’s Krawattl rutscht Eahna heraus!“ Ärgerlich stopft sich der das Ding hinein.

   „Fertig!“ Eins, zwei, drei … So viel, wie ein Auge Zeit braucht, die Wimper zu heben und zu senken, trennte die Kapelle noch von dem schmetternden Tusch – da setzte der Lange ab und sah um sich. Der Kapellmeister klopfte ab. Was es nun wieder gäbe -? „Ich muß mal husten!“ sagte der Lange. Pause. Das Orchester wartet. Aber nun kann er nicht. Eins, zwei, drei – tätärätä! Es geht los.

   Und es beginnt die seltsamste Komik, die wir seit langem auf der Bühne gesehen haben: ein Höllentanz der Vernunft um beide Pole des Irrsinns. Er ist eine kleine Seele, dieser Bläser, mit Verbandsorgan, Tarif, Stammtisch und Kollegenklatsch. Er ist ängstlich auf seinen vereinbarten Verdienst und ein bißchen darüber hinaus auf seinen Vorteil bedacht. „Spielen Sie genau, was da steht“, sagt der Kapellmeister, „nicht zu viel und nicht zu wenig!“ – „Zu viel schon gar nicht!“ sagt das Verbandsmitglied.

   Oben auf der Bühne will der Vorhang nicht auseinander. „Geh mal sofort einer zum Tapezierer“, sagt der Kapellmeister, „aber sofort, und sag ihm, er soll gelegentlich, wenn er Zeit hat, vorbeikommen.“ Geschieht. Der Tapezierer scheint sofort Zeit zu haben, denn er kommt gelegentlich in die Sängerin hineingeplatzt. Steigt mit der Leiter auf die Bühne – „Zu jener Zeit, wie liebt ich dich, mein Leben“, heult die Sängerin – und packt seine Instrumente aus, klopft, hämmert, macht … Seht doch Valentin! Er ist nicht zu halten. Was gibt es da? Was mag da sein? Er hat die Neugier der kleinen Leute. Immer geigend, denn das ist seine bezahlte Pflicht, richtet er sich hoch, steigt auf den Stuhl, reckt zwei Hälse, den seinen und den der Geige, klettert wieder herunter, schreitet durch das Orchester, nach oben auf die Bühne, steigt dort dem Tapezierer auf seiner Leiter nach, geigt und sieht, arbeitet und guckt, was es da Interessantes gibt … Ich muß lange zurückdenken, um mich zu erinnern, wann in einem Theater so gelacht worden ist.

   Er denkt links. Vor Jahren hat er einmal in München in einem Bierkeller gepredigt: „Vorgestern bin ich mit meiner Großmutter in der Oper ›Lohengrin‹ gewesen. Gestern nacht hat sie die ganze Oper nochmal geträumt; das wann i gwußt hätt, hätten wir gar nicht erst hingehen brauchen!“

   Aber dieser Schreiber, der sich abends sein Brot durch einen kleinen Nebenverdienst aufbessert, wird plötzlich transparent, durchsichtig, über- und unterirdisch und beginnt zu leuchten. Berühren diese langen Beine noch die Erde?

   Es erhebt sich das schwere Problem, eine Pauke von einem Ende der Bühne nach dem andern zu schaffen. Der Auftrag fällt auf Valentin. „I bin eigentlich a Bläser!“ sagt er. Bläser schaffen keine Pauken fort. Aber, na … latscht hin. Allein geht es nicht. Sein Kollege soll helfen. Und hier wird die Sache durchaus mondsüchtig. „Schafft die Pauke her!“ ruft der Kapellmeister ungeduldig. Der Kollege kneetscht in seinen Bart: „Muß das gleich sein?“ Der Kapellmeister: „Bringt die Pauke her!“ Valentin: „Der Anderl laßt fragen, wann.“ – „Gleich!“ Sie drehen sich eine Weile um die Pauke, schließlich sagt der Anderl, er müsse dort stehen, denn er sei Linkshänder. Linkshänder? Vergessen sind Pauke, Kapellmeister und Theateraufführung … Linkshänder! und nun, ganz shakespearisch: „Linkshänder bist? Alles links? Beim Schreiben auch? Beim Essen auch? Beim Schlucken auch? Beim Denken auch?“ Und dann triumphierend: „Der Anderl sagt, er ist links!“ Wie diesseits ist man selbst, wie jenseits der andre, wie verschieden, wie getrennt, wie weitab! Mitmensch? Nebenmensch.

   Sicherlich legen wir hier das Philosophische hinein. Sicherlich hat Valentin theoretisch diese Gedankengänge nicht gehabt. Aber man zeige uns doch erst einmal einen Komiker als Gefäß, in das man so etwas hineinlegen kann. Bei Herrn Westermeier käme man nicht auf solche Gedanken. Hier aber erhebt sich zum Schluß eine Unterhaltung über den Zufall, ein Hin und Her, kleine magische Funken, die aus einem merkwürdig konstruierten Gehirn sprühen. Er sei unter den Linden spaziert, mit dem Nebenmann, da hätten sie von einem Radfahrer gesprochen – und da sei gerade einer des Wegs gekommen. Dies zum Kapitel: Zufall. Der Kapellmeister tobt. Das sei kein Zufall – das sei Unsinn. Da kämen tausend Radfahrer täglich vorbei. „Na ja“, sagt Valentin, „aber es ist grad einer kumma!“ Unvorstellbar, wie so etwas ausgedacht, geschrieben, probiert wird. Die Komik der irrealen Potentialsätze, die monströse Zerlegung des Satzes: „Ich sehe, daß er nicht da ist!“ (was sich da erhebt, ist überhaupt nicht zu sagen!) – die stille Dummheit dieses Witzes, der irrational ist und die leise Komponente des korrigierenden Menschenverstandes nicht aufweist, zwischendurch trinkt er aus einem Seidel Bier, kaut etwas, das er in der Tasche aufbewahrt hatte, denkt mit dem Zeigefinger und hat seine kleine Privatfreude, wenn sich der Kapellmeister geirrt hat. Eine kleine Seele. Als Hans Reimann einmal eine Rundfrage stellte, was sich wohl jedermann wünschte, wenn ihm eine Fee drei Wünsche freistellte, hat Karl Valentin geantwortet: „1. Ewige Gesundheit. 2. Einen Leibarzt.“ Eine kleine Seele.

   Und ein großer Künstler. Wenn ihn nur nicht einmal die berliner Unternehmer einfangen! Das Geheimnis dieses primitiven Ensembles ist seine kräftige Naivität. Das ist nun eben so, und wems nicht paßt, der soll nicht zuschauen. Gott behüte, wenn man den zu Duetten und komischen Couplets abrichtete! Mit diesen verdrossenen, verquälten, nervösen Regisseuren und Direktoren auf der Probe, die nicht zuhören und zunächst einmal zu allem nein sagen. Mit diesem Drum und. Dran von unangenehmen berliner Typen, die vorgeben zu wissen, was das Publikum will, mit dem sie ihren nicht sehr heitern Kreis identifizieren, mit diesen überarbeiteten und unfrohen Gesellen, die nicht mehr fähig sind, von Herzen über das Einfache zu lachen, „weil es schon dagewesen ist“. Sie jedenfalls sind immer schon dagewesen. Karl Valentin aber nur einmal, weil er ein seltener, trauriger, unirdischer, maßlos lustiger Komiker ist, der links denkt.


Autorenangabe: Peter Panter

Ersterscheinung: Die Weltbühne, 09.10.1924, Nr. 41, S. 550

Editionen: Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker. 22 Bände, Rowohlt Verlag, Reinbek 1996ff., 1924

Ders.: Gesammelte Werke in 10 Bänden. Hrsg. von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Rowohlt Verlag, Reinbek 1975. Band 3, S. 474 ff.

Redakteure (2)

Vor acht Tagen habe ich gefragt, wie sich der schmähliche Zustand, daß der Zeitungsverleger unumschränkt über seine Redakteure herrscht, auswirkt. Das läßt sich leicht beantworten:

   Die Folge ist ein linder Größenwahn des Redakteurs auf allen Gebieten, wo es ungefährlich ist.

   Das Verhältnis des angestellten Schriftstellers zum nicht angestellten Schriftsteller ist ein einziger Skandal – das äußerste an Unkollegialität und an Schmierigkeit, an äußerstem Mangel von Solidarität, der nur denkbar ist. Ich habe in zwanzig Jahren Literatur etwa fünf Redakteure kennen gelernt, die sich nicht einbildeten, deshalb, weil man sie angestellt hatte, etwas Besseres zu sein als ihre Mitarbeiter.

   Daß der Redakteur die Spreu vom Weizen sondert, kann ihm niemand verdenken. In unserm Beruf steht das Angebot in einem grotesken Gegensatz zur Nachfrage – zu schreiben vermeint jeder und jede zu können, und den Kram, der da verlangt wird, kann ja auch jeder Mensch herstellen. Das hebt die Stellung des Redakteurs; er sieht die wirtschaftlichen Ursachen nicht und hält sich für geistig überlegen, wo er nur als Verwalter der kümmerlichen Honorare und als Billettknipser an der Schranke der Öffentlichkeit in Anspruch genommen wird. Und was er sich vor seinem Verleger niemals getraute, das wagt er dem Mitarbeiter gegenüber alle Tage: da trumpft er auf, da ist er der große Mann, dem zeigt er aber, was eine Harke ist. Leider zeigt er ihm nicht, was eine gute Zeitung ist.

   Kein Schriftsteller-Schutzverband, keine Presse-Organisation hat das je zu ändern vermocht. Wieviel Redakteure mag es in Deutschland geben, die von ihrem Verlag über die Höhe des Honoraretats maßgeblich gehört werden? Mir sagte einst einer der besten Bildredakteure der deutschen Presse: „Wissen Sie, auf die Honorare käme es eigentlich nicht an“ (das war in den guten Jahren), „wir könnten ruhig das Doppelte zahlen, der Verlag merkte das gar nicht!“ Sie zahlen aber die Hälfte, und die Honorare der Provinzzeitungen sind ein Hohn, eine Unverschämtheit, aber keine Entlohnung. Der Redakteur, der sich vor seinen Mitarbeitern so gern als kleiner Kaiser aufspielt, ist der allerletzte, der hier auch ein Quentchen hineinzureden hat. Die Honorare werden von der geschäftlichen Leitung festgesetzt, und damit basta. Ausnahmen zugegeben; die Regel ist so.

   Die Folgen sind klar. An Zeitungen arbeiten so viel Außenseiter mit, daß ihr Niveau tiefer ist als es unbedingt notwendig wäre: Professoren; Damen der ersten besten Gesellschaft; Fachleute, die etwas wollen, und Interessenten, die etwas nicht wollen – manchmal auch Schriftsteller. Nun verspüre ich keine Berufsreligion in mir – warum soll ein Professor nicht gut schreiben? Aber erstens schreibt er meistens schlecht, und zweitens bestimmen nun diese Leute, die sich etwas nebenbei verdienen wollen, die Höhe oder vielmehr die Tiefe der Honorare – und so ist aus unserm Beruf eine schlechtbezahlte Beschäftigung geworden.

   Kurz: der Redakteur gleicht seine Machtlosigkeit vor dem Verleger durch Machtprotzerei vor dem Mitarbeiter aus. Und nicht nur dem Mitarbeiter gegenüber. Auch sich selbst gegenüber.

   Ich habe einmal in Dijon einen ganzen Korb voller Journalisten auf einem internationalen Journalisten-Kongreß gesehen; das war wohl das jammervollste an Saturnalien, das man sich vorstellen konnte. Lauter Leute, von denen keiner auch nur eine Zeile schreiben dürfte, wenns ihm der Verleger verboten hätte; kleine Angestellte, mit einem ungeheuren Geltungsbedürfnis; Berichterstatter, deren höchster Ehrgeiz dahin ging, Weltgeschichte zu machen, was ja übrigens der größte Fehler der meisten Auslandskorrespondenten ist: den Diplomaten, die sie bewundernd verachten, ins Handwerk pfuschen zu wollen, es sind verhinderte Attachés – und dieser Haufe inkohärenter und nicht homogener Menschen war nur in zwei Punkten völlig einig: in der Machtlosigkeit vor ihren Verlegern und in dem wütenden Ehrgeiz, nach außen hin repräsentieren zu wollen. Es war traurig mitanzusehn.

   Das, was die meisten Redakteure zu sein vorgeben, sind sie gar nicht: unabhängige Inhaber von Machtpositionen. Das können sie nur einem unkundigen Außenseiter erzählen. Sie sind bis ins letzte Komma abhängig wie die Landarbeiter, und die Stellung, die sie innehaben, nutzen sie niemals aus, weil sie das nicht dürfen, wie ja nicht einmal ihre Verlage die ihre ausnutzen, es sei denn in den allerbescheidensten Grenzen kleiner oder hier und da größerer Geschäftemacherei (Subventionen).

   Das gestehn sich die wenigsten Redakteure ein.

   Beide, Verleger und Redakteure, unterschätzen ihre Positionen. Sie überschätzen sie zu gleicher Zeit auf einem Gebiet, wo ihre Machtlosigkeit zum Himmel schreit: nämlich auf dem Gebiet der großen Politik. Außenpolitisch ist das nur komisch. Mir sagte einmal ein ehemaliger Redakteur der ›Frankfurter Zeitung‹: „Als wir jung waren, haben wir immer geglaubt, die Weltpolitik werde in der Großen Eschenheimer Straße gemacht.“ Das glauben viele Leute von ihren Redaktionen heute noch, und wer einmal im Ausland gelebt hat, der weiß, daß deutsche Zeitungen zwar oft zitiert, aber selten gehört werden. Innenpolitisch richten die Zeitungen um so weniger aus, je größer sie sind; tatsächlich ist ja die Entwicklung der letzten Jahre gegen die Leitartikel der größten Zeitungen, und nicht nur der sogenannten demokratischen, vor sich gegangen. Sie können schreiben, was sie wollen, und die Politiker tun, was sie wollen.

   Die Klugen unter den Redakteuren wissen zwar genau, was los ist; doch beherrscht die Redaktionen jener Spruch, den sich die Herren auf goldene Teller malen lassen sollten: „Das kann man natürlich nicht schreiben!“ Aber warum, warum können sie es nicht schreiben?

   Weil sie keine Macht haben. Weil ihre allzu willfährigen Organisationen, mit dummen Eitelkeitsund Prestige-Fragen befaßt, von den Unternehmern rechtens niemals so beachtet werden wie etwa in frühem Zeiten die Gewerkschaften der Buchdrucker, und weil der Redakteur von seinem Eitelkeitswahn unheilbar besessen ist. Der Verleger zahlt ihn schlecht; so macht er sich durch das bezahlt, was er selber von sich hält. Und er hält sehr viel von sich.

   Ich habe sie kommen und gehen sehn. Ich weiß, wie das ist, wenn sie an einem großen Blatt angestellt sind: die Buchverlage hofieren sie; alle Welt kraucht um sie herum; man nimmt sie für voll, man ladet sie ein, und was die Theaterleute mit ihnen treiben, ist bekannt. In dem Augenblick aber, wo der Verleger sich über sie geärgert hat und wo sie entlassen sind, gelten sie so gut wie gar nichts mehr. Dann wundern sie sich.

   Wolfgang Petzet hat neulich in der Deutschen Republik geschildert, wie die Kaufleute, denen die münchner Jugend gehört, ihn tyrannisiert haben, und wie es dann nicht mehr möglich gewesen ist, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Immer wieder frage ich mich: mit welchem Recht, aus welcher Kompetenz heraus regieren diese Brüder? Weil das Unternehmen ihnen gehört? Wir machen ja auch keine Bilanzen. Verstehn denn diese Kaufleute so viel von dem, was sie vertreiben? Sie verstehn es oft mitnichten, sie handeln nur damit, und das ist nicht immer dasselbe.

   Der treue Abonnent wird im Laufe der Jahre gemerkt haben, daß ich mich nie sehr viel mit Redakteuren herumgezankt habe; ich halte das für sinnlos. Man soll an das Mark der Presse heran: an die Dienstherrschaft, nicht an die Köche. Und diese Dienstherrschaft ist in den meisten Fällen anonym; unfaßbar; bar jeder Legitimation, überhaupt mitreden zu dürfen – und das regiert! Die Redakteure finden es ganz in der Ordnung.

   Es scheint wenigstens so. Denn so gut wie nie liest man in ihren Fachblättern von diesen delikaten Dingen – keiner rührt das heiße Eisen auch nur an. Auf ihren Kongressen geht es gar hoch her: da wird gesprochen von der Pflicht der Kulturbildung und der Wichtigkeit der Presse – aber von der kläglichen Rolle, die der Redakteur vor dem Verleger spielt, ist nicht die Rede. Mit gutem Grund.

   Ich habe nichts zu enthüllen – ich weiß von keinen Skandalgeschichten. Mich interessieren die einzelnen Verleger nicht, und ich kann hier keinen ›Sumpf‹ aufzeigen. Doch erschien es mir richtig, einmal zu sagen, welche bejammernswerte Position der Redakteur dem Verleger gegenüber einnimmt, und wie er sich aus dieser Lage herauslügt: durch Überkompensation seiner selbstverschuldeten Defekte und durch eine trübe Wichtigmacherei sich und seinen Mitarbeitern gegenüber.


Autorenangabe: Ignaz Wrobel

Ersterscheinung: Die Weltbühne, 07.06.1932, Nr. 23, S. 856.

Editionen: Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker. 22 Bände, Rowohlt Verlag, Reinbek 1996ff., Band 15.

Ders.: Gesammelte Werke in 10 Bänden. Hrsg. von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Rowohlt Verlag, Reinbek 1975. Band 10, S. 87 ff.

Die Musikalischen

Ich bin unmusikalisch. Wenn ich es sage, antworten die Leute mit einem frohen Gefühl der Überlegenheit: „Aber nein – das ist ja nicht möglich! Sie verstehen gewiß sehr viel von Musik … “ und freuen sich. Es ist aber doch so. Musik läßt mich aufhorchen; wenn ich sie höre, habe ich ein Bündel blödsinniger Assoziationen – und dann verliere ich mich im Gewirr der Töne, finde mich nicht mehr heraus … Und um rat und hilflos zu sein, dazu brauche ich schließlich nicht erst in eine Oper zu gehen. Gut.

   Was aber die Musikalischen sind, so ist das eine eigenartige Sache mit ihnen.

   Ganz vernünftige Menschen, solche mit einer Stellung oder einem Mann oder einer oder mehreren Überzeugungen – diese also fallen plötzlich in das Musikfeld ein. Gurgelnd jagen sie durch die Notenstoppeln. Was gibts -?

   Plötzlich sind sie drin, und ich bin draußen. Auf einmal sind sie alle verwandt, und ich bin eine Waise. Der Name eines Dirigenten fällt: und Haß leuchtet aus ihren Augen, ihre Zähne zermalmen ein Gekeif, sie ereifern sich, Hitze bricht aus den Kühlsten – was gibts, um Gottes willen? Sie sind eine große Familie, wenn sie über Musik sprechen, ja, sie zanken sich, wie man sich nur in Familie zankt, mit jenem kundigen Haß der Nähe, jeder Hieb sitzt, weil man weiß, wo es weh tut, sie schnattern, wirtschaften im Irrgarten ihrer Musik – was gibts? Ich weiß es nicht.

   Auch ist viel Stolz in ihnen und schöne Gesinnung, weil daß sie so musikalisch sind, was sie oft mit musisch verwechseln – besonders die Frauen hassen das Gemeine, sind unentwegt edel und schweben hörbar eine Handbreit über dem Erdboden. So: „Ich bin eine Hohepriesterin der Musik, und das will ich mir auch ausgebeten haben.“

   Auch zeichnen sich Musiker durch einen fühlbaren Mangel an Humor aus – das ist grauslich. Sie verständigen sich schon von weitem durch kabbalistische Terminologie; kaum haben sie sich berochen, so bricht es aus ihnen hervor, jeder hat ein Klavier im Stall oder einen schwarzen Steinway-Rappen und erzählt von seinen Feldzügen auf diesen geschundenen Tieren … Stehn Sie einmal so kulturlos draußen herum, vor der Tür, so durchum und durchaus nicht dazugehörig …

   Horch! Wie sie murmeln! „Furtwängler habe ich doch noch gehört, wie er … Also von Mahler versteht er nichts, davon soll er die Finger lassen … Die Baßlage bei der Kulp ist in der letzten Zeit nicht so … “ Beschämt, zerknirscht, ein Trällerliedchen aus ›Palestrina‹ auf den Lippen – so schleiche ich betrübt aufs Lavabo.

   P. S. Selbstverständlich habe ich die falschen Musiker kennengelernt, Karikaturen musikalischer Menschen – Ausnahmefälle. „Denn Sie werden doch nicht leugnen, daß die Musik … “ Gute Nacht.


Autorenangabe: Kaspar Hauser

Ersterscheinung: Die Weltbühne, 26.10.1926, Nr. 43, S. 676

Wieder in: Mit 5 PS.

Editionen: Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in 10 Bänden. Hrsg. von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Rowohlt Verlag, Reinbek 1975. Band 4, S. 529 ff.

Vorsätze

Ich will den Gänsekiel in die schwarze Flut tauchen. Ich will einen Roman schreiben. Schöne, wahre Menschen sollen auf den Höhen des Lebens wandeln, auf ihrem offenen Antlitz soll sich die Freiheit widerspiegeln …

   Nein. Ich will ein lyrisches Gedicht schreiben. Meine Seele werde ich auf sammetgrünem Flanell betten, und meine Sorgen werden kreischend von dannen ziehen …

   Nein. Ich will eine Ballade schreiben. Der Held soll auf blumiger Au mit den Riesen kämpfen, und wenn die Strahlen des Mondes auf seine schöne Prinzessin fallen, dann …

   Ich will den Gänsekiel in die schwarze Flut tauchen. Ich werde meinem Onkel schreiben, daß ich Geld brauche.


Autorenangabe: anonym

Ersterscheinung: Ulk, 22.11.1907.

Editionen: Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker. 22 Bände, Rowohlt Verlag, Reinbek 1996ff., Band 1, Texte 1907-1913.

Ders.: Gesammelte Werke in 10 Bänden. Hrsg. von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Rowohlt Verlag, Reinbek 1975. Band 1, S. 39 ff.

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