4.8.2005

Uwe Kolbe schreibt in Rheinsberg

Der Schriftsteller Uwe Kolbe ist der 22. Stadtschreiber von Rheinsberg. Wie das Kurt-Tucholsky- Literaturmuseumin Rheinsberg mitteilte, wird Kolbe bis Dezember mit einem Stipendium des Landes Brandenburg und des Landkreises Ostprignitz-Ruppin in der Rheinsberger Stadtschreiberwohnung arbeiten. Kolbe wurde 1957 in Ost-Berlin geboren und veröffentlichte von 1976 an erste Texte in der Zeitschrift „Sinn und Form“. Da er in den achtziger Jahren in der DDR nicht publizieren durfte, siedelte er 1986 dauerhaft in den Westen über. 1992 erhielt er den Berliner Literaturpreis und 1993 den Friedrich-Hölderlin-Preis.

1.8.2005

Juden in Rheinsberg

Vor einigen Monaten war das Städtchen Rheinsberg häufig in den Medien, weil eine Dönerbude zum vierten Male innerhalb von zwei Jahren angezündet worden war. Ob es solche Formen von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit schon früher gegeben hat, ist auch Gegenstand eines Buches, das der „Nordkurier“ heute seinen Lesern präsentierte. In ihrer Untersuchung „Juden in Rheinsberg. Eine Spurensuche“ kommen die Historikerin Stefanie Oswalt und der Literaturwissenschaftler Peter Böthig zu Ergebnissen, die auch den „Nordkurier“ etwas beunruhigen:

60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mag man fragen: Ist das noch nötig? Die Antwort ergibt sich allein schon aus diesem Wunsch: „Die heute noch in Neuruppin lebenden Nachfahren jüdischer Vorfahren möchten … aus Furcht vor der Verfolgung durch die heutigen Nazis nicht namentlich genannt werden.“

Ein schönes Lob erhält dagegen Tucholsky, der mit seinem „Bilderbuch für Verliebte“ die Stadt literarisch verewigte:

Heutige Tourismus-Manager am Südzipfel der Mecklenburgischen Seenplatte können dem jüdischen Schriftsteller, dessen 70. Todestag Ende 2005 begangen wird, gar nicht genug danken, mit einem derartigen poetischen Pfund wuchern zu dürfen. Denn nach dem Machtantritt der Nazis wäre ein solches Buch gar nicht mehr möglich gewesen, weil Juden „unter den Nationalsozialisten in den Ferienorten und Naherholungsgebieten nicht mehr willkommen“ waren, wie Stefanie Oswalt schreibt.

Ne Nummer anders

Wenn man seinen Leser vermitteln möchte, dass einem Ereignis in der Öffentlichkeit zu viel Bedeutung beigemessen wird, gibt es eine Reihe von Möglichkeiten. Auf eine ganz spezielle Variante greift Thomas Kröter von der „Frankfurter Rundschau“ gerne zurück. So schreibt er in seinem heutigen Kommentar zur möglichen Neuwahl:

Schicksalswahl? Na ja. Der – zugegeben – linke Publizist Kurt Tucholsky hätte da wohl seine berühmte Frage berlinert: Ham Se’s nich’ ne Numma kleena?

Vor ein paar Wochen schien Kröter diese Formulierung bereits geeignet, die Bedeutung des so genannten Visa-Ausschusses zu relativieren:

Will die Opposition sich beim nächsten Angriffsziel Otto Schily nicht abermals verheben, sollte sie Kurt Tucholskys Hinweis bedenken: Ham se’s nich ne numma kleena?

Und im Juni 2001, nachdem der Bundestag in aufsehenerregender Weise über die Chancen und Risiken der Gentechnik debattiert hatte, kommentierte die „Rundschau“:

Sternstunde? Ham Se’s nich ne Numma kleena?, hätte Kurt Tucholsky berlinert.

Nun wäre gegen die häufige Verwendung dieser rhetorischen Tucholsky-Frage nichts einzuwenden, wenn sie denn tatsächlich von Tucholsky stammte. Ganz sicher ist in diesem Zusammenhang aber nur der folgende Spruch dokumentiert:

Der Mann, der vor dem Kölner Dom schnell und gottesfürchtig sagt: „Ham Se keenen jrößeren -?“ kommt nicht nur aus Berlin; dieser Ausspruch entstammt einer Geistesverfassung, und die ist nicht nur in Berlin heimisch.
Peter Panter: „Die Verteidigung Berlins“, in: Vossische Zeitung, 4.3.1929

28.7.2005

Eine Marke für sich

Wenn Tucholsky geahnt hätte, dass sein Antlitz dereinst hochpostoffizielle deutsche Briefmarken zieren würde, wäre er mit Beamten und Verwaltung vielleicht sanfter umgesprungen. Aber seit 20 Jahren gehört er tatsächlich zu den zahlreichen Berliner Berühmtheiten, die mit ihm diese Ehre teilen. Und weil diese Briefmarken so toll seien, habe ein Sammler sie in einer Ausstellung versammelt, wie die „Welt“ zu berichten weiß. Allerdings nicht nur im Original:

Horst Zeisig aus Unterhaching bei München hat die Porträt-Galerie zusammengestellt. „Mein Anliegen ist es, das unscheinbare Medium Briefmarke mit seiner millionenfachen Verbreitung so zu präsentieren, daß auch Nicht-Briefmarkensammler, die aber kultur- und geschichtsinteressiert sind, auf ihre Kosten kommen.“ (…) Zeisig begeistert sich auch deshalb für die Marken, weil die Designer die Motive mit großer Akribie gestalten. „Durch die Vergrößerungen ist deren immenses Können erst richtig zu erkennen“, begeistert sich der pensionierte Feinoptiker und Elektronik-Ingenieur.

Was Tucholsky zu seiner eigenen Marke gesagt hätte? Vermutlich etwas Ähnliches wie das Folgende:

Also für die Lachlust in diesem Winter ist ausgesorgt: kein Artikel eines preußischen Kunstkonservators, keine deutsche Briefmarke, kein deutscher Juristentag ist vonnöten, um ungeheure Heiterkeit zu erregen (…)
Ignaz Wrobel: „Schwejk der Zweite“, in: Die Weltbühne, 21.12.1926



26.7.2005

Qual der Wahl

Am 16. Juli 1929 schrieb der Journalist Heinz Pol in der „Weltbühne“:

Bis auf weiteres bleiben parlamentarische Erfolge auch der antidemokratischsten Parteien der sichtbarste Beweis für das Anwachsen einer Bewegung. Die Nationalsozialisten, denen doch das parlamentarische System so verhaßt ist und die so emphatisch jede Mehrheit für Unsinn erklären, wissen augenblicklich des Jubelns kein Ende über ihre gewiß imponierenden Wahlerfolge in Mecklenburg, in Sachsen, in Koburg und auf den Universitäten.“

Anzunehmen, dass der Journalist Kurt Tucholsky die Meinung vertreten habe, der Ausgang politischer Wahlen sei völlig unerheblich, scheint daher wenig begründet.

Am heutigen Dienstag stand in der „taz“ in einem Bericht über die Nichtwähler-Initiative „www.ich-gehe-nicht-hin.de“aber zu lesen:

Dennoch wollen die Macher nicht versuchen, Besucher davon zu überzeugen, dass Wählen eine gute Sache ist. „Wahlen ändern nichts, sonst wären sie verboten!“ – das hat schon Kurt Tucholsky gesagt, und auch das ist eine der Provokationen auf der Seite, die offenbar die Diskussion in Gang bringen soll.

Bedauerlich ist in diesem Fall, dass „taz“-Autor Dieter Grönling mit seiner Formulierung den Eindruck erweckt, das von dem anonymen Forumsteilnehmer genannte Zitat stamme tatsächlich von Tucholsky. Dies ist nach Auskunft der Tucholsky-Forschungsstelle der Universität Oldenburg aber nicht der Fall. Dennoch ist ohne große hellseherischen Fähigkeiten vorherzusagen, dass das Zitat weiterhin in den Medien und im Internet unter der Autorenschaft Tucholskys verbreitet werden wird.

Dies gilt auch für das Bonmot, wonach die Wahl „der Rummelplatz des kleinen Mannes“ sei. Aber dieser Satz stammt in der Tat von Tucholsky, geäußert von einem „älteren, aber leicht besoffenen Herrn“ am 9. September 1930 in der „Weltbühne“. Fünf Tage später gab es übrigens Reichstagswahlen, die das politische Gefüge der Weimarer Republik grundlegend verändern sollten.

Nachtrag 21. Juni 2009: Die taz hat ihren Irrtum inzwischen erkannt:

Wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie verboten. Dieses Graffiti-Bonmot ist der größte Quatsch seit der Erfindung des politischen Witzes.

24.7.2005

Deutsch, deutscher, …

Axel Hacke regt sich in seiner wöchentlichen Kolumne im Berliner „Tagesspiegel“ über den unsachgemäßen Gebrauch des Adjektives deutsch und seiner Steigerungsformen auf. In seiner durchaus begründeten Kritik beruft er sich dabei auf Tucholsky, der 1924 schrieb:

Der Ursprungsort, der in den meisten Fällen selbstverständlich ist, wird in eine positive Bewertung umgelogen, und das ganze Land kriegt mit der Zeit den Größenwahn. Man kann keine Zeitschrift mehr aufschlagen, ohne daß einem auf jeder Seite dreimal versichert wird, dieses sei deutsch, jener habe deutsch gehandelt, und der dritte habe nach deutscher Art Konkurs oder sonstwas gemacht.
Ignaz Wrobel: „‚deutsch'“, in: Die Weltbühne, 24.7.1924, S. 155

Kein Wunder, dass Hacke an der Aufgabe verzweifelt, sich die Unions-Kanzlerkandidatin Angela Merkel ein wenig „ostdeutscher“ vorzustellen. Sein Fazit:

Sagen wir es so: „Deutsch“ ist in erster Linie eine Sprache, die von den Menschen in Deutschland gesprochen wird. Von manchen gut, von anderen besser.

Was vom Kolumnisten zu beweisen war.

23.7.2005

Am weiten Strand der Spree

Wenn es in einem Artikel um die gegensätzlichen Ansprüche an die Stadtplanung geht, darf die von Tuchosky formulierte ideale Lage nicht unerwähnt bleiben. „Vorne die Friedrichstraße, hinten die Ostsee“, zitiert daher auch die „taz“ die berühmte Passage aus dem Gedicht „Das Ideal“. Bei dem Gebrauch des Zitates in dem Text „Wo Staat und Stadt auf Distanz zueinander gehen“ stört dabei weniger die Tatsache, dass Autor Uwe Rada das Original komplett verdreht hat.

Schwerer wiegt dagegen, dass Rada den Eindruck erweckt, die Metapher Ostsee stehe bei Tucholsky für eine Pfütze Wasser mit einem bisschen Park drumherum. Daher ist reichlich übertrieben, zu schreiben:

Tucholskys Traum von der Friedrichstraße allerdings ist seiner Realisierung ein Stück näher gerückt, nur dass die Ostsee hier Spree heißt und der Sandstrand allenfalls per Lkw herangekarrt wurde.

Aber trotz dieser unidealen Lage ist die am Spreebogenpark liegende Immobilie Kanzleramt derzeit sehr begehrt.

Erledigte Besprechungen

Der Patmos-Verlag hat im Juni ein Hörbuch mit Tucholsky-Texten neu aufgelegt und sich damit eine Reihe recht wohlwollender Besprechungen eingehandelt. So auch von Wiglaf Droste, der sich in der „Frankfurter Rundschau“ schon das ein oder andere Mal einem Hörbuch mit Tucholsky-Bezug gewidmet hat. In diesem Fall ist Droste des Lobes voll für den Sprecher Dieter Mann, der auf der CD „Unerledigte Konten“ die Texte so „unabgelatscht“ präsentiere, wie sie es verdienten. Mann gelinge es sogar „Tucholsky-Klassiker lebendig werden zu lassen, die von Stumpf-ist-Trumpf-Gesellen wie Lutz Görner zu Tode rezitiert wurden“.

Ähnlich positiv äußerte sich auch Jürgen Balitzki vom Kulturradio des RBB über die Aufnahmen:

Schon das erste Stück dieser CD – Der Portier vom Reichskanzlerpalais – stellt uns Tucholsky als zupackenden Zeitkritiker vor, der Machtwechsel aus der Pförtnerloge betrachten lässt. Die Regierungen kommen und gehen – der Pförtner bleibt.

Und um zu überprüfen, ob Droste und Balitzki mit ihrem Lob richtig liegen, sollte man sich einfach den „Portier vom Reichskanzlerpalais“ als Probe selbst anhören.

13.6.2005

Also doch Mörder??

Während sich in Deutschland die Gesellschaft und die Gerichte jahrzehntelang darüber streiten, ob Soldaten ganz allgemein Mörder genannt werden dürfen, machen es sich Rekrutenausbilder in den USA zum Teil viel einfacher. Bob Herbert, Kolumnist der „New York Times“, erinnert sich in seinem heutigen Beitrag an seine Zeit bei der US-Armee:

A soldier’s job is to kill. I can still hear the drill sergeants in basic training screaming at us decades ago: „What are you? What are you?“ And we’d scream back: „Killers! Killers!“ And the sergeants would say, „What is your purpose?“ And we would shout: „To kill! To kill!“

Die Aufgabe des Soldaten besteht darin, zu töten. Ich kann immer noch die Feldwebel hören, die uns während der Grundausbildung vor Jahrzehnten anbrüllten: „Was seid Ihr? Was seid Ihr?“ Und wir schrien zurück: „Mörder! Mörder!“ Und die Feldwebel sagten: „Was ist Eure Aufgabe?“ Und wir brüllten: „Töten! Töten!“

10.6.2005

Hauptsache ein Beruf

Manchen Zitaten, die Tucholsky zugeschrieben werden, sieht man es schon an der Nasenspitze an, dass da einiges am Original gedreht wurde. So auch bei einem Bonmot, das am Donnerstag von der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ ausgegraben wurde:

„Wenn zwei Verfassungsjuristen zufällig einmal derselben Meinung sind, ist mindestens einer von ihnen kein Jurist.“ Mit diesem Zitat des promovierten Juristen Kurt Tucholsky hat der Verfassungsrechtler Isensee am 9. Dezember 1982 in einer Veranstaltung der Deutschen Vereinigung für Parlamentsfragen im Bonner Bundeshaus seine Stellungnahme zur Herbeiführung von Neuwahlen auf dem Weg einer „verlorenen“ Vertrauensabstimmung eingeleitet.
Georg Paul Hefty: „Wieder aktuell“, in: FAZ, 9.6.2005, S. 12

An dem Zitat erscheint einiges merkwürdig. Zwar hatte die Weimarer Republik immerhin eine Verfassung, aber kein Reichsverfassungsgericht, das strittige Fälle hätte klären können. Außerdem wurden die Juristen, die sich mit Fragen der Verfassung beschäftigten, damals meist Staatsrechtler genannt. Stilistisch wirkt das Zitat außerdem etwas überladen, die Wörter „zufällig“ und „mindestens“ kann man sich schenken. Der Verdacht liegt somit nahe, dass da jemand, natürlich ein Verfassungsrechtler, sich seinen Tucholsky ein wenig zurechtgebogen hat. Was im vorliegenden Fall besonders einfach ist, da der genannte Beruf durch einen beliebig anderen ersetzt werden kann. Allerdings lässt sich natürlich nur unter Juristen damit renommieren, dass der Dr. iur. Tucholsky diesen Satz geprägt hat.

Welche Berufsgruppe steht nun im Original?

Der Professor: An der Blase haben Sie nichts. Eine ganz leichte Leberschwellung ist allerdings vorhanden …
Der Zeisig: Das sagte mir Doktor Bullett auch …
Dem Professor macht auf einmal die ganze Diagnose keinen Spaß mehr. Auch! Was heißt: auch? Wenn zwei Ärzte derselben Meinung sind, dann ist einer davon überhaupt kein Arzt.
Kaspar Hauser: „Der kranke Zeisig“, in: Die Weltbühne, 21.10.1930, S. 617

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