3.2.2006

Was dürfen Gegner religiöser Satire?

Karikaturenstreit und kein Ende. Tucholskys Diktum, wonach Satire „alles“ dürfe, wird von vielen Kommentatoren zum Aufhänger genommen, sich mit den möglichen Auswirkungen der Debatte auf Kunst- und Pressefreiheit auseinanderzusetzen. Die Nachrichtenagentur dpa verbreitete einen historischen Abriss über Streitfälle zwischen Meinungsfreiheit und Persönlichkeitsrechten vor deutschen Gerichten. Darin heißt es:

Was Kurt Tucholsky 1919 über die Satire geschrieben hat, gilt auch für die Karikatur: «Die Satire muss übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht.» Die Schlussfolgerung des Schriftstellers und promovierten Juristen – Satire dürfe alles – würden deutsche Richter allerdings nicht unterschreiben.

Auch Gerhard Mumme von der Frankfurter Neuen Presse bezieht sich in einem engagierten Kommentar auf den Text von 1919:

Was darf Satire?, fragte sich einst Kurt Tucholsky. Und er antwortete kurz und bündig: Alles! Auch wenn es, wie Syriens staatliche Nachrichtenagentur Sana im akuten Fall konstatiert, «die heiligen Prinzipien hunderter Millionen Araber und Moslems verletzt»? Man kann sich kaum vorstellen, dass der Schriftsteller, dessen Werke von den Nazis verbrannt und der schon 1933 aus Deutschland ausgebürgert wurde, darauf mit Nein geantwortet hätte. Und jetzt erst recht nicht mehr!

Sein etwas pessimistisches Resümee am Schluss lautet:

Was darf Satire? Wohl bald nicht mehr viel, wenn sie auf die Toleranz des Islam und die Prinzipienfestigkeit der westlichen Eliten vertrauen muss.

Der lustigste Philosoph der Welt

Aus Anlass einer Chaplin-Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen wird hier und da darauf hingewiesen, dass Tucholsky ein glühender Verehrer des englischen Komikers war. In dem Text „Der berühmteste Mann der Welt“ empfahl er seinen Lesern von 1922:

Er ist, wie alle großen Komiker, ein Philosoph. Versäumen Sie nicht, ihn sich anzusehen. Sie lachen sich kaputt und werden ihm für dieses Lachen dankbar sein, solange Sie leben.

2.2.2006

Der Mann mit den drei Gymnasien

„Über Kurt Tucholskys Berliner Schulzeit von Ostern 1899 bis zumSeptember 1909 wabert immer noch erhebliches Dunkel“, heißt es lapidar in einem Aufsatz, in dem sich der Historiker Kurt Wernicke mit der Schullaufbahn Tucholskys auseinandersetzt (siehe hier). Dieses Dunkel hat die Märkische Allgemeine ein wenig aufzuhellen versucht. Aber es könnte sein, dass sie damit mehr Verwirrung gestiftet als Aufklärung gebracht hat. „Drückte der junge Kurt Tucholsky in Nauen die Schulbank?“ heißt es ein wenig reißerisch in der Überschrift, die selbst in ihrer Fragestellung als gewagt erscheint. Denn die Beweise für die These sind äußerst dürftig:

Im Nauener Museum befindet sich ein kleiner Zettel, wohl eine Zuarbeit für eine frühere Festschrift, darin ist von Kurt Tucholsky die Rede. Der Nauener Bürger Fritz Herold berichtet darin, dass Kurt Tucholsky um 1907 bei Paul Last, Lehrer und Organist, gewohnt haben soll. Er bezieht sich darin auf einen Artikel, den der einstige Museumsleiter Wilhelm Koch Anfang der 40er Jahre geschrieben haben soll. Weiter verfolgt wurde die Spur nicht.

Kein Wunder, dass diese Spekulationen bei Tucholsky-Experten auf große Skepsis stießen:

In der Rheinsberger Kurt-Tucholsky-Gedenkstätte hält man es für sehr unwahrscheinlich, dass die Nauener Episode der Wahrheit entspricht. „Kurt Tucholskys Leben ist gut erforscht, es gibt viele Biografien. Mir ist kein Hinweis auf Nauen bekannt“, sagt Peter Böthig, Leiter der Gedenkstätte, „ich kann das also weder bestätigen, noch ganz ausschließen.“

Ganz auszuschließen ist der Nauener Schulbesuch auch deswegen nicht, weil die dortige Schule ebenso wie das zuletzt von Tucholsky besuchte Berliner Wilhelms-Gymnasium ein Realgymnasium war. Falls die Begebenheit zutrifft, wäre Tucholsky nicht nur der „Mann mit den zwei Einjährigen“, sondern auch das Kind mit den drei Oberschulen gewesen. Denn vor dem Wilhelms-Gymnasium hatte er bereits erfolglos das Französische Gymnasium besucht.

1.2.2006

Beim Barte der Satire

In der Debatte um die umstrittenen Mohammed-Karikaturen der dänischen Zeitung Jyllands-Posten ist es wirklich nicht mehr so einfach, den Überblick zu bewahren. Die einen drucken die Karikaturen nach, um für die Pressefreiheit einzutreten, die anderen kritisieren den Abdruck als Missbrauch eben dieser Freiheit und als reine Marketing-Aktion. Kein Wunder natürlich, dass hier und da der Hinweis auf das Diktum Tucholskys auftaucht, wonach Satire „alles“ darf. Da sich nach der Lektüre von „Was darf die Satire?“ die Frage stellt, was die Mohammed-Karikaturen mit derselben zu haben, soll hier der Blick auf einen Text Tucholsky gerichtet werden, der sich stärker mit der Verwendung religiöser Symbole in der Kunst beschäftigt.

Dieser Text zeigt, dass man im Deutschland des Jahres 1929 nicht besonders tolerant war, was die Meinungsfreiheit in religiösen Dingen betraf. In „Die Begründung“ kritisierte Tucholsky ein Urteil gegen George Grosz, der aufgrund einer Christus-Darstellung wegen Gotteslästerung verurteilt worden war. Das Gericht hatte seine Entscheidung damit begründet, dass Grosz eine Einrichtung der christlichen Kirche, die Christusverehrung, angegriffen habe:

Denn richtete sich in den beiden vorgenannten Zeichnungen die Satire des Künstlers gegen einzelne Diener der christlichen Kirche und gegen den Gottesbegriff des ›heiligen Geistes‹, so ist hier in Bild 10 unverkennbar Christus selbst als Träger und Symbol jenes christlichen Glaubens, der bereits in den Zeichnungen 2 und 9 ironisiert wurde, das Angriffsobjekt.

Tucholsky lehnt den Versuch der Kirche, religiöse Gefühle mit Hilfe staatlicher Justiz schützen zu lassen, entscheiden ab. Sein Resümee:

Gegen eine solche unzureichende Begründung aber ist zu sagen, daß die Kirche unsre Gefühle verletzt; daß die aggressive Politik der Katholiken in Bayern und anderswo geeignet ist, unser Empfinden zu verletzen. Dieser Schutz der Kirche ist ein Angriff auf uns.

Grosz wurde nach einem mehrjährigen Berufungsverfahren schließlich vom Vorwurf der Gotteslästerung freigesprochen.

Nachtrag 4.2.2006: Heribert Prantl nimmt in der Süddeutschen den Fall George Grosz als Beispiel dafür, wie in der Geschichte um das gerungen wird, „was Kunst darf und was nicht“.

30.1.2006

Ätsch, so wird man Journalist

Ein höchst interessantes Interview findet sich heute auf den Telepolis-Seiten. Darin äußert sich Gundolf Freyermuth, Netz-Autor und Dozent an der Internationalen Filmschule Köln, so ziemlich über alles, was man zu Internet und Journalismus einmal loswerden möchte. Über einige Umwege kommt er in „Ritter von der strahlenden Gestalt“ auch auf das Thema Journalistenausbildung zu sprechen. Der Antwort merkt man jedoch an, dass Freyermuth eine solche Ausbildung offenbar nie genossen hat:

Der Beruf des Journalisten war einer derjenigen, die sich am spätesten professionalisiert haben. Die journalistische Ausbildung gab es erst nach dem zweiten Weltkrieg. Ich betrachte diese Professionalisierung durchaus mit ambivalenten Gefühlen. Solange eine gewisse Offenheit besteht, hat eine Vielzahl interessanter Charaktere die Möglichkeit, sich zu entfalten. Verhärten sich die Verhältnisse, gibt es klare Ausbildungen, schließt man eine Vielzahl aus. Hätte Karl Kraus je eine Journalistenschule überstanden? Wäre Tucholsky durch einen Publizistikstudiengang gekommen?

Hm –, wahrlich provozierende Fragen. Denn: welche Vorstellungen hat Freyermuth von den Zuständen an Journalistenschulen? Wie genial muss man seiner Meinung nach sein, um Publizistik zu studieren? Und wer studiert überhaupt Publizistik, um Journalist werden zu wollen?

Zum Glück ist es eher so, dass die Journalistenschulen eine sehr praxisnahe Ausbildung bieten wollen. Erfahrene Journalisten versuchen als Dozenten das umzusetzen, was Tucholsky schon 1928 von den Redakteurskollegen forderte, – zum Beispiel in dem Text „Journalistischer Nachwuchs“. Darin kritisierte er eine geplante Akademisierung der journalistischen Ausbildung und schlug vor, den Nachwuchs besser in der Praxis zu betreuen:

Das Gros der Redakteure liest Arbeiten wie Schulaufsätze; und zensiert sie. Ja – oder Nein: darüber hinaus gehts selten. Daß sich der Redakteur, der immer überlastet ist, mit seinen Leuten wirklich beschäftigt, ihnen die Unarten austreibt, ihnen nicht nur sagt, wie man es nicht machen darf, sondern anschaulich erzählt, wie man es machen solle. So züchtet man Nachwuchs.

Die Absurdität der Debatte, ob nur examinierte Akademiker Journalisten werden sollen, wird auch an der Frage deutlich, ob Carl von Ossietzky „durch einen Publizistikstudiengang gekommen“ wäre. Mit Sicherheit nicht, denn er schaffte nicht einmal den Realschulabschluss. Noch schärfer als Dr. iur. Kurt Tucholsky reagierte er daher auf Vorschläge, die journalistische Ausbildung zu akademisieren:

Zeitungsschreiber und Professoren, zwischen ihnen liegt, wenn nicht eine Welt, so doch eine Kenntnis von dieser Welt. Eine Kenntnis, die nicht aus Büchern zu holen ist. Der Journalismus ist der einzige loser oder enger mit dem Geiste zusammenhängende Beruf auf Gottes Erde, der nicht in das Prokrustesbett des Examens zu spannen ist. Die Tüchtigkeit, die Eignung entscheidet. Man kann ein fürchterlich viel wissender Jurist sein und doch ein untauglicher Richter oder Advokat. Man kann als Doktor der Medizin durch alle Prüfungen gerutscht sein, mit Auszeichnung sogar, und wird später doch nur die Friedhöfe bevölkern. Der Journalist beginnt ohne die trügerischen Vorschußlorbeeren des Examens. Er muß sich bewähren oder…
Grund genug für die Herren Professoren, einem Beruf von so abgründig verruchten Möglichkeiten zu mißtrauen. Die Zeitung von heute ist, darüber brauchen wir kein Wort zu verlieren, kaum eine moralische Anstalt zu nennen. Aber sie hat den Universitäten von gestern und heute noch immer ein gewisses Maß Intelligenz voraus. Und wenn eines Nachts in unser Redaktionszimmer – die Metteure schreien nach Manuskript, am andern Ende der Strippe rasen Timbuktu und Samarkand, dazwischen werden Schauspielerinnen gelobt und Minister beschimpft – wenn also plötzlich der Herr Magister eintreten würde und uns mit hochgeschwundenem Pädagogenfinger auf das Unzulässige unseres Tuns hinweisen wollte, wir hätten nur eine Antwort:
„Ätsch…!“
Carl von Ossietzky: „Professoren, Zeitungsschreiber und verkrachte Existenzen“, in: Das Tagebuch, 31. Januar 1925

28.1.2006

Schlürfende Zitate

Die „Neue Zürcher“ widmet sich in ihrem Artikel „Übersetzerhonorare als Existenzbedrohung“ dem Streit zwischen deutschen Verlagen und Buch-Übersetzern. Autor Joachim Güntner hat wohl einmal davon gehört, dass Tucholsky früher gegen die Verleger polemisierte. Das sollte aber dennoch kein Grund sein, ihm folgendes Zitat zuzuschreiben.

Da sie nicht erst seit Kurt Tucholsky als Ausbeuter karikiert werden, die «aus den Hirnschalen» der kreativen Urheber «Champagner trinken», ist ihnen klar, dass sie in der Öffentlichkeit mit strikt wirtschaftlichen Argumenten nicht durchdringen werden.

Dieser Satz stammt von einem anderen Journalisten, der jüngst häufiger mit Tucholsky in Verbindung gebracht wurde. Und zwar von dem im vergangenen September verstorbenen Erich Kuby, der im November 2005 postum den Tucholsky-Preis erhielt. Korrekt lautet das Kuby-Zitat übrigens: Verleger schlürfen ihren Champagner aus den Gehirnschalen der Journalisten. Tucholskys Formulierung lautete dagegen: „So jagen Sie den sauern Schweiß Ihrer Autoren durch die Gurgel – kein Wunder, daß Sie auf Samt saufen, während unsereiner auf harten Bänken dünnes Bier schluckt. Aber so ist alles.“

Hunde in der Großstadt

Die Berlin-Korrespondentin des „Wiesbadener Kuriers“, Antje Schmelcher, hat sich auf recht humorvolle Weise mit dem Verhältnis der Hauptstädter zu ihren vierbeinigen Freunden auseinandergesetzt. „Wie heilige Kühe dürfen Berliner Hunde überall und jederzeit ihre Exkremente hinterlassen“, heißt es in „Warum die Hauptstadt auf den Hund gekommen ist“ zutreffend. Schmelcher schrieb nicht nur feinsinnige Beobachtungen aus jahrelanger Erfahrung auf („meine Tochter konnte zuerst bellen und dann erst sprechen“). Nein, sie beschäftigte sich auch mit Berlins hündischer Vergangenheit und deren literarischer Aufbereitung.

Aber was sagten eigentlich Berlins berühmte Flaneure über die Hunde? Von Kästner bis Tucholsky taucht in keiner Polemik ein Hund auf.

Was Tucholsky betrifft, ist diese Behauptung schlicht unzutreffend. Als bekennender Hundehasser ließ er kaum eine Gelegenheit aus, über „unsere gefiederten Lieblinge“ herzuziehen. Schrieb er 1922 zwar noch „Nein, ich hasse den Hund gar nicht“ und machte sich in „Der Hund als Untergebener“ eher über die „bestimmte Gattung Mensch, die ihn behandelt wie ein Brigadekommandeur die unterstellte Formation“ lustig, beschwerte er sich in späteren Texten heftig über das unablässige, sinnlose Gebelle. „Wenn einen nicht das Sinnloseste stört, das es auf Gottes Erdboden gibt: Hundegebell“, heißt es in „Französische Provinz“ (1927). Kurz nach seinem Umzug in den Pariser Vorort Le Vesinet klagte er:

Die im Prospekt garantierte ff. Morgenstille ist nicht geliefert worden. (…) Es hört sich an, als ob sich die Rotte Korah meilenweit mit einemmal übergäbe – wenn morgens die Lieferanten an den Häusern klingeln, steht der ganze Horizont in Flammen. Sie reißen an den Stricken, sie springen gegen die Gitter, sie flöhen sich, belfern, quietschen, jaulen, in den Triefaugen Treue zum Futternapf und zum angestammten Herrscherhause, durchaus konservativ und gegen die landfremden Elemente.

Zu Klassikern für Hundehasser gerieten die Feuilletons „Zwei Lärme“ und der berühmte „Traktat über den Hund, sowie über Lerm und Geräusch“ mit seinen Abschnitten 1. Scherz, 2. Satire und 3. Ironie und tiefere Bedeutung. Deren Quintessenz lautet in einem Satz zusammengefasst:

Hundebesitzer sind die rücksichtslosesten Menschen auf der Welt.

22.1.2006

Warum

müssen die Kinder eigentlich morgens so früh in die Schule gehen, fragte der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger neulich ganz unbedarft und erntete dafür reichlich Applaus. „Warum müssen eigentlich fast alle Leute, die in einer Anstalt untergebracht sind, früh aufstehen?“, fragte Tucholsky einst in der „Weltbühne“, und seine Antwort dürfte den Kindern immer noch gefallen:

Gebt den Leuten mehr Schlaf – und sie werden wacher sein, wenn sie wach sind.
Ignaz Wrobel: „Warum“, in: Die Weltbühne, 21. Januar 1930, S. 150

21.1.2006

Gesunde Terminologie

Wie das „Hamburger Abendblatt“ berichtet, kränkelt das Norderstädter Kabarett „Die Thespisnarren“ derzeit „Zwischen Muskelzittern und Herzflattern“.

Mit Hilfe von Kurt Tucholsky, Erich Kästner und anderen brillanten Kabarett-Schreibern wird das Publikum im wahrsten Wortsinn herzhaft untersucht, durchgewalkt, für zu leicht oder zu schwer befunden.

Aufgrund seiner jahrelangen Nasenbeschwerden und diverser anderer Krankheiten machte Tucholsky, zweifellos ein Hypochonder, reichlich Erfahrungen mit der damaligen Medizin. Eher humorvoll schilderte er diese Erlebnisse in dem Text „Der kranke Zeisig“, wobei er mit kräftigen Seitenhieben gegen „die Herrn Professoren“ nicht sparte:

Der Professor: Der Laie überschätzt naturgemäß diese Symptome, die – verstehen Sie mich recht – eigentlich gar keine Symptome sind. Für mich sind diese Dinge, von denen Sie mir da erzählen, Folgeerscheinungen; es ist wichtig, daß Sie sich das immer vor Augen halten: Folgeerscheinungen. Sie bleiben in Berlin? Ich werde Sie behandeln; schlagen Sie sich den Gedanken aus dem Kopf, mit aller Gewalt gesund zu werden – das ist nicht der Zweck der Medizin. Die Medizin ist eine Wissenschaft, also der Mißbrauch einer zu diesem Zweck erfundenen Terminologie. Laien verspüren leicht Schmerzen: das ist völlig irrelevant. Es handelt sich nicht darum, den Schmerz zu beseitigen – es handelt sich darum, ihn in eine Kategorie zu bringen!

20.1.2006

Radikale Fragen

Nach den vielen positiven Würdigungen zu Tucholskys 70. Todestag ist fast schon wieder beruhigend, einmal eine eher kritische Auseinandersetzung mit der linken Publizistik der Weimarer Republik zu finden. Problematisch wird eine solche Kritik jedoch dann, wenn sie dazu herhalten muss, aktuelle politische Auseinandersetzungen um unfundierte Argumente zu bereichern. Dann kann es leicht vorkommen, so wie es Marko Martin vom „Rheinischen Merkur“ passiert ist, dass Ursache und Wirkung, Absicht und Folgen durcheinander geraten.

In seinem Kommentar „Böse Mär vom Schnüffelstaat“ setzt sich Martin engagiert dafür ein, dass die deutschen Behörden die politische Gesinnung von Immigranten überprüfen dürfen, – so wie das Land Baden-Württemberg dies mit einem Gesinnungstest plant. Martin sieht sich bemüßigt, die wegen des Vorschlags angegriffenen Politiker und Beamte in Schutz zu nehmen. Um seine These zu stützen, greift er tief in die rhetorische Trickkiste. Denn, wie wir spätestens seit Hans-Ulrich Wehler wissen, ist die Weimarer Republik auch an der Kritik eines Carl von Ossietzky zugrunde gegangen. So schreibt Martin zur früheren Debatte um den Radikalenerlass:

Stattdessen gab es bis weit hinein in den linksliberalen Mainstream jenen wohlfeilen Spott über den so genannten „FDGO-Staat“ – ähnlich wie ein nie kritisch hinterfragter Kurt Tucholsky Jahrzehnte zuvor in der „Weltbühne“ die fragile Weimarer Republik und deren „Systemparteien“ mit Hohn nur so übergoss, bis…

Nun, bis es zu spät war und jene teilweise vielleicht tatsächlich inkompetenten Politiker durch wahre Massenmörder abgelöst worden waren, bis sich der vermeintlich „kleine Unterschied“ plötzlich als riesige Zivilisationskluft entpuppte – und all die einst so wortmächtigen Sophisten mit offenem Mund dastanden.

Wer so wenig historische Kenntnisse besitzt, sollte mit seinen Urteilen vorsichtiger umgehen. Schließlich hat Tucholsky die „Systemparteien“ der Weimarer Republik genau deswegen angegriffen, weil sie den republikfeindlichen Kräften in Militär, Justiz und Verwaltung keinen Einhalt geboten haben. Wenn sich Personen erwiesenermaßen als Gegner von Demokratie und Republik bekannten, war Tucholsky wohl der letzte, der dies klaglos hingenommen hat. Nicht ohne Grund beteiligte sich Tucholsky an der Gründung eines Schutzbundes für die Republik (Deutscher Republikanischer Reichsbund) und erklärte: „Wir alle, ohne Unterschied der Parteifärbung, stehen [der Republik] zur Verfügung. Warum ruft sie uns nicht?“ (siehe entsprechende Wikipedia-Diskussion). Wenn Martin wirklich die freiheitlich demokratische Grundordnung verteidigen wollte, täte er sich leichter, Tucholsky zum Fürsprecher in eigener Sache zu machen.

Was dieser aber von der Idee hielt, die staatsbürgerliche Gesinnung mit einem einfachen Fragebogen zu ermitteln, wird aus der folgenden Bemerkung sehr schön deutlich:

Amerika ist bei uns viel zu hoch im Kurs notiert; warum kriechen wir eigentlich vor diesen Brüdern? Kennt ihr den unverschämten Fragebogen, den die amerikanischen Konsulate den Auswanderern und Reisenden vorlegen? Laßt euch so einen geben – ihr werdet eure Freude haben.
Peter Panter: „Auf dem Nachttisch“, in: Die Weltbühne, 15.10.1929, S. 593f.

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