6.5.2013

Heimat, deine Zeitschriften

Einer der am meisten rezipierten Tucholsky-Texte ist eine Liebeserklärung an Deutschland. »Der Staat schere sich fort, wenn wir unsere Heimat lieben«, heißt am Ende des »Deutschland«-Buches, dieser an sich harten Abrechnung mit seinem Land.

Trotz dieser Heimatliebe hatte Tucholsky Deutschland schon 1924 verlassen. Seine geistige Heimat blieb ihm hingegen erhalten: die Weltbühne. Mit der Geschichte und dem Mythos der linksintellektuellen Wochenschrift beschäftigt sich der Historiker Alexander Gallus in einer ausführlichen Studie. In seinem Buch »Weltbühne. Eine Intellektuellengeschichte im 20. Jahrhundert« beleuchtet er das »Staats- und Demokratiedenken ausgewählter Autoren und Redakteure der Weimarer Weltbühne«. Da es Gallus jedoch darum geht, dieses Denken angesichts der Wechselfälle der deutschen Geschichte bis in die Gegenwart darzustellen, stehen die prominentesten Weltbühne-Journalisten – Siegfried Jacobsohn, Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky – nicht im Mittelpunkt. Gallus untersucht die Lebenswege von Kurt Hiller, Axel Eggebrecht, William S. Schlamm und Peter Alfons Steiniger. Sie alle verband – so behauptet Gallus – »ein politisch-publizistisches Erweckungserlebnis durch die alte Weltbühne, die sie als eine geistige Heimat begriffen, deren Verlust sie melancholisch stimmte und die sie mitunter kämpferisch wiederbeleben wollten«.

Diese Grundthese des Buches sollte man sich als Leser am besten aus dem Kopf schlagen. Denn sie stimmt einfach nicht und lässt sich auf den folgenden 400 Seiten lediglich im Fall Eggebrecht belegen. Im Fall Steinigers räumt Gallus selbst sein, dass dieser inhaltlich nicht begründen konnte, warum er zu Weltbühne geneigt habe. Auch bei Schlamm bleibt offen, was erweckt wurde, als er 1932 die Wiener Weltbühne übernahm, obwohl er zuvor nur einmal für die Berliner Weltbühne geschrieben hatte. Und Hiller lag offenbar permanent im Clinch mit Herausgeber Jacobsohn, der sich 1926 bei Tucholsky beklagte: »Ich fürchte, dass es mit mir und Kurtchen Hiller nicht mehr lange währen wird. Es ist nicht zu sagen, was dieser arme Homosaxone sich an Hysterie, Verfolgungswahn, Eitelkeit, Empfindlichkeit, Anmaßung und Geschmacklosigkeit brieflich leistet.« Klar ist jedoch: Wer häufiger und länger für eine radikaldemokratische, pazifistische und antimilitaritische Zeitschrift schreibt, wird diesen Positionen nicht ganz fern stehen.

Die Lektüre von Gallus‘ Studie lohnt sich dennoch, denn sie bietet einen fundierten Abriss der wissenschaftlichen Forschung und der publizistischen Debatte über das Blättchen, wie S.J. seine Zeitschrift nannte. Zudem präsentiert Gallus wichtige Stationen und Positionen in der Karriere der vier Protagonisten, womit er im Falle von Schlamm und Steiniger eine klaffende Forschungslücke füllt. Allerdings sind die Porträts nicht als eigentliche Biografien zu lesen. Zu sehr steht das politische Denken im Mittelpunkt.

Alle vier Autoren schrieben schon vor 1933 für die Zeitschrift und setzten nach der Machtübernahme der Nazis beziehungsweise nach dem Zweiten Weltkrieg ihre publizistische Tätigkeit fort. Auf höchst unterschiedliche Weise. Während sich Hiller (1885-1972) als »Ego-Dogmatiker« treu und auch im neuen deutschen (West-)Staat ein Außenseiter blieb, machte Eggebrecht (1899-1991) Karriere beim Nordwestdeutschen Rundfunk als Radio-Journalist. Schlamm (1904-1978) wandelte sich hingegen vom Sozialisten zum extremen Rechtsausleger, der nach seiner Rückkehr nach Europa sogar dem Axel-Springer-Verlag zu konservativ wurde. Gänzlich los vom Journalismus machte sich Steiniger (1904-1980), der in der DDR als linientreuer Parteisoldat zum hochdekorierten Verfassungsrechtler aufstieg.

Der überzeugteste Weltbühnerianer von den vier dürfte Eggebrecht gewesen sein. Für ihn war die Zeit mit den roten Heften »die besten Jahre«, war Siegfried Jacobsohn sein Lehrmeister. S.J. habe ihn gelehrt, »Menschen, Bücher, Literatur, das ganze Leben unbefangen zu betrachten«. Eggebrecht wurde durch dieses Denken geprägt, weniger im politischen als im journalistischen und persönlichen Sinne.

Ganz anders Kurt Hiller. Für ihn war die Weltbühne vor allem ein Publikationsorgan, sein wichtigstes und renommiertestes. Seine pointierten Positionen – er schwärmte für den Kraftkerl Mussolini und wetterte gegen die Diktatur der demokratischen Mittelmäßigkeit – waren auch innerhalb des Blattes nicht unumstritten. Nach seiner Flucht aus Deutschland im Herbst 1934 publizierte er wieder häufig in der Neuen Weltbühne, jedoch kam es 1936 zum Zerwürfnis mit dem Herausgeber Hermann Budzislawski. Nach dem Krieg hoffte Hiller auf eine herausgehobene Position in der westdeutschen Medienlandschaft. Doch eine solche Anerkennung blieb ihm verwehrt.

Dies galt nicht für Schlamm. Nach seiner Abberufung als erster Herausgeber der Neuen Weltbühne ging er ins Exil in die USA, wo er »frühzeitig Erfolge im amerikanischen Mediensystem verzeichnete«, wie Gallus schreibt. Noch in Europa soll er sich zum Antikommunisten gewandelt haben, der die USA dann zum harten Widerstand gegen die totalitären Feinde der Demokratie, Hitler und Stalin, aufforderte. Zurück in Europa sorgte Schlamm 1959 mit dem Buch »Die Grenzen des Wunders« für Aufsehen. Darin forderte er ein starkes deutsch-amerikanisches Bündnis gegen die Sowjetunion, das auch zum Atomkrieg entschlossen sein sollte. War er in den sechziger Jahren noch gefragter Kolumnist beim Stern und bei der Welt am Sonntag, wurde er Anfang der siebziger Jahre selbst für den Springer-Verlag untragbar. So gründete er 1972 schließlich eine eigene Zeitschrift: die Zeitbühne. Ein konservatives Kampfblatt gegen den »linken Zeitgeist«.

Einen gänzlich anderen Lebensweg schlug Peter Alfons Steiniger ein. Schon als 19-Jähriger schrieb er Leitartikel für die Weltbühne. Sehr ungewöhnlich für einen jungen Studenten, der sich in seinen Texten mit dem demokratischen System der Weimarer Republik befasste und unter anderem vorschlug, die vielen Splitterparteien zu drei Blockparteien zu bündeln. Gallus‘ Behauptung, Steiniger sei über Hillers Gruppe Revolutionärer Pazifisten zur Weltbühne gestoßen, ist jedoch nicht plausibel. Denn 1926, als Hiller seine Gruppe gründete, hatte Steiniger fast alle seiner 32 Weltbühne-Artikel schon geschrieben und dieses Lebenskapitel im Alter von 23 Jahren bereits abgeschlossen. Gegen Ende der Weimarer Republik promovierte er als Jurist und arbeitete anschließend als Gerichtsreferendar in Berlin. Als Sohn einer deutsch-jüdischen Familie blieb ihm die juristische Karriere verwehrt. Aus der Not heraus biederte er sich beim NS-Regime an, um als Schriftsteller publizieren zu können. Nach dem Krieg legte Steiniger »eine linientreue Musterkarriere im sozialistischen deutschen Staat hin«. Zwar holte ihn seine Vergangenheit 1950 kurz ein, als seine kommunismuskritischen Texte in der WB und seine Bittbriefe an Goebbels ausgeschlachtet wurden. Doch anschließend vertrat er – unter den Argusaugen der Stasi – als Verfassungs- und Völkerrechtler an der Berliner Humboldt-Universität umso vehementer die Positionen der Partei. Die »Einheit von Parteilichkeit und Wissenschaft« war laut Gallus klar gegeben. Von einem unabhängigen Denken wie bei der Weltbühne war keine Spur mehr zu sehen.

Nach den vier Biografien der Autoren folgen noch 30 Seiten, auf den Gallus Bilanz zieht. Doch dahinter steckt nicht mehr als ein Nacherzählen der vier Lebensläufe, die er zuvor präsentiert hat. Festzuhalten bleibt dabei die Skepsis, die Eggebrecht seiner gewachsenen Anerkennung als Intellektueller in der Bundesrepublik entgegenbrachte. Die geschmähten Außenseiter der Weimarer Republik hätten nun einen »festen Platz im politischen System« erhalten. Es habe sich eine »Aussöhnung oder wenigstens Anerkenntnis zwischen Staat und Kritiker« vollzogen, schreibt Gallus.

Die Tatsache, dass ein Autor in einer bestimmten Phase seines Lebens für ein bestimmtes Medium geschrieben hat, muss offenbar kein prägendes Wesensmerkmal sein. Vielleicht wäre es daher besser gewesen, anstelle von Steiniger und Schlamm engagierte Weltbühnerianer wie Heinz Pol und Walther Karsch in die Auswahl zu nehmen. Beide stießen als junge Journalisten zu dem Blatt und hatten über viele Jahre persönlichen Kontakt zu den Herausgebern. Auch der Ökonom Fritz Sternberg hätte ein Kandidat für die Auswahl sein können. Gallus nennt jedoch sechs Gesichtspunkte, die für die Auswahl aus den aberhundert Weltbühne-Autoren entscheidend gewesen seien. Dazu gehört unter anderem, dass sich die Autoren »während ihrer gesamten Schaffensperiode als genuin politische Publizisten oder Akteure verstanden«. Aus diesem Grund sei Karsch durchs Raster gefallen, weil er nach dem Krieg als Feuilletonist gearbeitet habe. Aber Eggebrecht hat in der Weltbühne ebenfalls hauptsächlich Filmkritiken geschrieben.

Und Tucholsky? Hätte er noch mal eine geistige Heimat gefunden, wenn er den Krieg überlebt hätte? Diese Frage hat sich der Journalist und Tucholsky-Preisträger Erich Kuby schon 1965 gestellt und nicht gerade positiv beantwortet:

1945 Rückkehr aus Schweden, Mitarbeiter am 3. Programm des Norddeutschen Rundfunks unter englischen Majoren und Axel Eggebrecht, 1959 Feuilletonredakteur am L’Express in Paris, 1960 Herausgeber einer Taschenbuchreihe rororo-aktuell, 1964 Rückkehr nach Schweden, 1965, wer weiß, Selbstmord am Mälarsee.

Ein Außenseiter wäre Tucholsky nach Ansicht Kubys aber nicht mehr gewesen: »Unsere herrschende Klasse findet Tucholsky einen äußerst liebenswerten Sohn ihres liebenswerten Volkes.«

Alexander Gallus: Heimat Weltbühne. Eine Intellektuellengeschichte im 20. Jahrhundert. Wallstein Verlag, Göttingen 2012, ISBN 978-3-8353-1117-6.421 Seiten, 34,90 Euro.

23.4.2013

Tucholsky und das böse N-Wort

Der taz-Autor Deniz Yücel hat mal wieder Ärger. Diesmal geht es um eine Diskussion über Diskriminierung, Ästhetik und Sprache. Unter dem Titel »Meine Damen und Herren, liebe N-Wörter und Innen« moderierte Yücel auf einem taz-Kongress ein Gespräch mit der Publizistin Mely Kiyak, dem Titanic-Chefredakteur Leo Fischer und der Autorin Sharon Otoo. Dabei provozierte Yücel einige Zuhörer, nach seinen Angaben »vornehmlich studentische Aktivisten«, mit der Lektüre von Texten, die das inkriminierte N-Wort enthielten. Was kann schlimm daran sein, Sätze von Adorno, Martin Luther King oder Oswald Preußler vorzulesen?, dachte sich Yücel.

Damit er das nächste Mal seinen Fundus variieren kann, seien dem Tucholsky-Preisträger von 2011 hier einige Passagen aus dem Werk seines Preisnamensgebers genannt. Tucholsky benutzte die Begriffe Nigger und Neger damals ganz selbstverständlich, dutzendfach finden sie sich in seinem Werk. Typisch für seine Zeit sicher auch, dass die Begriffe meist als Chiffre für das Exotische, Primitive und Animalische des Menschen dienen. Muss man deswegen nun Tucholskys Texte schwärzen, ihn als Rassisten anprangern? Wie absurd die Debatte über die Begrifflichkeiten ist, zeigt eines der Beispiele aus dem Jahr 1921. Darin beklagt sich Tucholsky, dass man in Deutschland nicht mehr das Wort Neger verwenden dürfe, um nicht an die »Schwarze Schmach« zu erinnern. Was sollte man stattdessen sagen, um nicht die Rassisten und Nationalisten gegen sich aufzubringen? Tucholsky weicht auf Nigger aus.

Hier nun eine fast wahllose Zusammenstellung von Zitaten aus Texten und Briefen Tucholsky, in denen sich die N-Wörter befinden.

(CW (Content Warning): schlimme Witze und Klischees)

Der Papagei, tu., Vorwärts, 1.6.1913:

Aber dafür glotzen ihn die biedern Deutschen auf der Straße an, und worüber sie bei einem Negerhäuptling grinsen, darüber strahlen sie bei dem General: die Ausstattung ist es, die den Mann macht.

Das Organ der Variétéwelt. Jubiläumsschrift, Peter Panter, Oktober 1918:

Einem guten Varietéprogramm fehlt nicht nur die Würze ohne die Engländer und Nigger und Romanen – es fehlt ihm sein eigentlicher Inhalt. (…) Aber daß der lange Nigger, der mit seinen riesigen Beinen ein paar Male den Wintergarten zierte, das Infernalischste an geschlechtlicher Gier war – wie bleckte er die Zähne! – das weiß ich wohl.

Die neuen Troubadoure, Peter Panter, Weltbühne, 24.3.1921:

Caruso ist alt und fett, und inzwischen ist den Leuten ins Blut gegangen, was der Nigger sang. (Es ist sehr schwer, heute in Deutschland das Wort Neger in den Mund zu nehmen, ohne daß einem die Leute mit dem Ausruf »Schwarze Schmach« über den Mund fahren. Aber die schwarze Schmach scheint mir, soweit sie besteht, viel mehr eine französische zu sein, und vergewaltigende Abessinier desavouieren nicht den Rhythmus von Nigger-Songs.)

Brief an Mary Gerold vom 8.6.1924:

Beispiel: sehr sinnliche Frauen, die keinen Erfolg haben, begehren fast nie plump Männer, sondern sammeln mit einer impetuosen Wut: Teetassen – oder bekehren Negerkinder – oder sind rabiate Okkultistinnen und so fort. Haben sie einen Mann, der sie befriedigt, fällt das alles fort. Die sexuelle Gier hat sich auf andere Gebiete geworfen, weil sie sich ihrer schämen – sie haben sie verdrängt, ohne sie je auslöschen zu können. (»Ist alles nicht wahr.« Doch.)

Affenkäfig, Peter Panter, Weltbühne, 16.10.1924:

In dem Riesenkäfig wohnten früher die Menschenaffen aus Gibraltar. Große, dunkle und haarige Burschen, größer als Menschen – mit riesigen alten Negergesichtern.

Spaziergang, Peter Panter, Weltbühne, 28.4.1925

Jetzt will ich mich wieder nach Hause schleichen. Hoffentlich ist der Besuch inzwischen eingegangen, so Gott will. So etwas ist nicht sehr lustig. Die Leute marschieren immer wieder zu Prunier und immer wieder in die Revuen, und wenns die Frau nicht hört, fragt mich der Mann nach einigen Adressen. Und ich weiß doch keine. Aber ich kann mich nicht länger blamieren, und daher folge hier eine
Liste:
32 rue Blondel: Nackte Mädchenbedienung.
186 rue Rondelet: Erzbischöfe, Neger und Minderjährige.
4 Boulevard Marbeau: Frau mit Lama (»Tier oder Tibetaner?« Stelle anheim).
Und, etwas völlig Perverses:
18 rue Donizetti: Ein revolutionärer Sozialdemokrat.
Aber dies Unternehmen sollen sie ausgehoben haben.

Am Telephon, Ignaz Wrobel, Weltbühne, 22.9.1931:

Und wie verständigen sich die Direktoren der Staatsverbände, die ja trotz allen Geschreis nur einen großen Klub bilden? Sie verständigen sich untereinander in einer Art, gegen die die Trommelpost der Neger eine höchst moderne und hervorragende Sache ist.

Sudelbuch, Eintrag Nr. 457

Neger treibt einen Kult, wenn er vögelt. Er trompetete dabei wie ein Elefant. Er kommt von weit her. Es war wie ein Gewitter.

Brief an Rudolf Leonhard vom 27.12.1929:

Das ist aber nichts gegen den Neger, der aus dem Bade stieg – durch die Badehose sah man so ein Ding. »He!« sagte ein evangelischer Pastor, der dieses sah, »schämen Sie sich nicht!« – »Na, na …«, brummte der Neger. »Immer mit der Ruhe. Wenn Sie zwei Stunden im kalten Wasser schwimmen, schrumpft er Ihnen auch ein -!«

«He!«, sagte eine Feminist_in, die trotz der CW weitergelesen hatte, »schämen Sie sich nicht!« – »Na, na …«, brummte Tucholsky. »Ist doch nur ein Witz. Wer schwimmt schon zwei Stunden im kalten Wasser.«

3.2.2013

»Sprache ist eine Waffe« – Neuer Tucholsky-Tagungsband erschienen

Kurt Tucholsky war sich der Bedeutung der Sprache für seinen Erfolg wohl bewusst: »Ich bin ein Schriftsteller und wie ich meins sage, ist oft besser als das, was ich sage«, schrieb er im November 1935 an seine Schweizer Freundin Hedwig Müller. Er war ein leidenschaftlicher Sprachkritiker und -beobachter. Denn die Sprache war Tucholskys wichtigstes Werkzeug, ja seine Waffe. So lautet denn auch der Titel einer Tagung der Kurt Tucholsky-Gesellschaft, die in einem soeben erschienenen Band dokumentiert ist.

Darin untersucht der Krimi-Autor Jan Eik unter anderem, wann und wie Tucholsky Gebrauch vom berüchtigten Berliner Dialekt machte. Der Journalist Paul-Josef Raue beschreibt, wie sich die Sprache der Presse von der Weimarer Republik bis heute entwickelte. In welcher Situation sich die Lyrik zu Beginn des 20. Jahrhunderts befand, wird von dem Literaturwissenschaftler Dieter Mayer analysiert. Der Germanistik Walter Fähnders beleuchtet, wie Tucholsky auf die neuen Formen der Lyrik einging. Zudem betrachtet der Germanist Sven Hanuschek gemeinsame literarische Vorgänger zwischen Tucholsky und dem Dramatiker Heinar Kipphardt sowie ähnliche Techniken beider Schriftsteller. Neben einem Forschungsbericht von Alexandra Bracht dokumentiert der Band zudem noch die Verleihung des Tucholsky-Preises 2011 an den taz-Journalisten Deniz Yücel für dessen WM-2010-Kolumne Vuvuzela.

Aus dem Inhalt:
Vorwort
Kurt Tucholsky: Mir fehlt ein Wort

Analysen
Sven Hanuschek: Der Schnitt durch den Käse – Literarische Sprache und politische Wirklichkeit
Dieter Mayer: Tod der Lyrik? Anmerkungen zur Lyrik-Diskussion in der Weimarer Republik
Walter Fähnders: Tucholskys Lyrik – Ästhetisches Programm und politische Rhetorik
Jan Eik: Tucholskys Gebrauch von Berliner Dialekt
Paul-Josef Raue: Wandel der deutschen Journalistensprache von Tucholskys Zeiten bis heute

Forschungsbericht
Alexandra Brach: Kurt Tucholskys Sprache im Diskurs seines Werkes – Ausführung und erste Ergebnisse des Dissertationsvorhabens

Verleihung des Kurt Tucholsky-Preises 2011
Ian King: Begrüßung
Jan Feddersen: Laudatio auf Tucholsky-Preisträger Deniz Yücel
Deniz Yücel: Dankesrede, Ausgewählte Vuvuzela-Kolumnen

Titel und Bestellung:
Greis, Friedhelm; King, Ian (Hg.): Tucholsky und die Sprache – Dokumentation der Tagung 2011 »Sprache ist eine Waffe«. Schriftenreihe der Kurt Tucholsky-Gesellschaft, Band 6. St. Ingbert 2012, Röhrig-Universitätsverlag. St. Ingbert 2010, 187 S., 24 Euro, ISBN 978-3-86110-502-2

Hier zur Bestellseite.

21.12.2012

Tucholsky und der Hindukusch

Der SPD-Politiker und frühere Verteidigungsminister Peter Struck ist am Mittwoch überraschend in Berlin gestorben. Politiker und Medien würdigten Struck zu Recht als einen Mann der klaren Worte. Wie zum Beweis stellte Spiegel Online eine Übersicht der prägnantesten Zitate ins Netz, Belege für »eine unverfälschte Persönlichkeit« und für einen Politiker, »der offene Worte fand – die nicht jedem gefielen«.

Nicht gefallen hat den meisten Tucholsky-Fans eine Äußerung, die Struck bei einem öffentlichen Bundeswehr-Gelöbnis im Juni 2003 in Hamburg machte. Als Demonstranten in Anspielung auf das Tucholsky-Diktum »Soldaten sind Mörder« ein Transparent mit der Aufschrift »Tucholsky hat recht« entrollten, bemerkte der damalige Verteidigungsminister:

Wenn Tucholsky heute leben würde, hielte er die Auslandseinsätze der Bundeswehr für richtig.

Ob Tucholsky ihm jetzt dafür auf den Wellen die Leviten liest?
Zum damaligen Anlass hat das schon die Titanic in einem »Brief an die Leser« gebührend übernommen. Dem muss man nun nichts mehr hinzufügen. Angesichts vieler weichgespülter Politiker-Statements werden wir Typen wie Struck dennoch vermissen.

17.9.2012

Extrakt der Gesamtausgabe

Eine neue Biografie über Kurt Tucholsky? Was könnte darin stehen, was nicht schon bei Michael Hepp oder Helga Bemmann über den Mann mit den 5 PS erwähnt wurde? Seit dem Erscheinen der beiden Biografien Anfang der 90er Jahre sind kaum nennenswerte Texte und Fakten aufgetaucht, die ein neues Licht auf Tucholskys Leben und Werk werfen könnten. Der Publizist und frühere Kulturchef der Wochenzeitung Die Woche, Rolf Hosfeld, hat sich dennoch getraut, das Leben Tucholskys neu zu beschreiben.

Um es vorweg zu sagen: Hosfelds im März im Siedler-Verlag erschienene Biografie ist kein schlechtes Buch. Kenntnisreich und unterhaltsam werden darin die wichtigsten Stationen in Tucholskys Leben präsentiert, ausführlich kommt der Journalist, Schriftsteller und Briefe-Schreiber selbst zu Wort. Daneben versucht Hosfeld, Tucholskys Denken und Handeln in die gesellschaftliche und politische Situation seiner Zeit einzuordnen. Laut Verlagsprospekt erzählt Hosfeld »atmosphärisch dicht« das »kurze, intensive Leben Tucholskys und entwirft dabei ein anschauliches Panorama seiner Zeit und seines Werks«. Was durchaus zutrifft.

Hilfreich war für diese Aufgabe sicher ein Instrument, über das Hepp und Bemmann noch nicht verfügten: die kommentierte Gesamtausgabe von Tucholskys Texten und Briefen, die seit Mitte 2011 vollständig vorliegt. Stellenweise liest sich die Biografie wie ein Exzerpt dieser 22 Bände mit ihren 21.000 Seiten, verwoben mit biografischen Details und zeitgeschichtlichen Erläuterungen. Zugegeben, das ist eine hohe Kunst, aus der Fülle von Tucholskys Texten und Briefen auf rund 275 Seiten dessen Leben zu destillieren und ein Zeitpanorama zu schildern. Aber wird daraus auch eine Biografie?

»Geldgierig? Opportunist? Drückeberger? Antisemit?«: Diesen Fragen, die Hepp noch in seiner Tucholsky-Biografie zu klären versuchte, stellt sich Hosfeld leider nicht. Was Tucholsky letztlich antrieb, warum der »Erotomane« trotz ungezählter Liebschaften keine wirkliche Nähe ertragen konnte, warum es für ihn bis zuletzt so wichtig war, zu den bestbezahlten Journalisten der Weimarer Republik gehört zu haben und seinen aufwendigen Lebensstil zu finanzieren, – das alles bleibt bei Hosfeld im Ungefähren. Man vergleiche einmal Carl Zuckmayers autobiografischen Schilderungen aus Krieg, Weimarer Zeit und Exil: Welch große Differenzen zu Charakter und Lebensumständen treten da zu Tucholsky auf, auch wenn sich beide in einem ähnlichen Umfeld bewegten, beide großen Erfolg hatten und im Exil alles verloren. »Der Grund, zu kämpfen, die Brücke, das innere Glied, die raison d’être fehlt«, schrieb Tucholsky in seinem Abschiedsbrief an Mary. Worin dieser Grund vorher gelegen haben könnte, fragt sich Hosfeld nicht. Er kennt den Intellektuellen Tucholsky hervorragend, an den Menschen wagt er sich hingegen kaum heran. Natürlich bleibt viel Raum für Spekulation, wenn man im Nachhinein dem Charakter eines Menschen psychologisch auf den Grund gehen will. Aber dieser Raum sollte in einer Biografie dennoch nicht gänzlich leer gelassen werden. Hosfelds Buch liest sich gut, das Leben Tucholskys schnurrt an einem vorüber. Aber wichtige Themen werden leider nicht vertieft. Selbst die rätselhaften Umstände seines Todes werden nur knapp gestreift.

So erfährt der Leser statt dessen, dass der Begriff D-Zug ursprünglich einen neuen Waggontypus bezeichnete, »der die Vorteile des amerikanischen Großraumwagens mit der gewohnten europäischen Abteilordnung zu verbinden wusste« (S. 1). Oder dass der deutsche General August von Mackensen nach Ende des Ersten Weltkrieges »von marokkanischen Reitern der Franzosen festgesetzt und unter komfortablen Bedingungen auf Schloss Futak interniert« wurde (S. 83). Ähnlich verhält es sich mit manch biografischem Detail. »Er [Tucholsky] besucht in Berlin natürlich seine Lieblingsbuchhandlung«, erwähnt er auf Seite 233. Warum das wichtig sein soll, bleibt allerdings unklar. Ebenfalls scheint Hosfeld sich mit Tucholskys wichtigsten Lebensorten vertraut gemacht und sie auch besucht zu haben. So heißt es über die erste Station von Tucholskys Kriegseinsatz im Jahr 1915: »Zielort ist Suwalki in Nordostpolen, der rote Ziegelbau eines Provinzbahnhofs, der heute noch genauso aussieht wie damals.« Durch diesen Hinweis erfährt der Leser aber nicht mehr, als dass sich da einer wirklich Mühe gemacht hat.

Was stellenweise jedoch stört, ist Hosfelds Umgang mit Tucholskys Aussagen. Um eine Person indirekt zu zitieren, kennt die deutsche Sprache den Konjunktiv. Hosfeld leider nicht. Natürlich ist es nicht schön, das halbe Buch im Konjunktiv schreiben zu müssen, wenn so viele Aussagen der dargestellten Personen darin wiedergegeben werden. Aber leider bleibt dadurch unklar, was Hosfelds eigener Auffassung entspricht und was er von Tucholsky übernommen hat. Beispielsweise auf S. 185:

Wenige Monate später kommt er noch einmal auf Joyce zurück. Ja, der innere Monolog von über hundert Seiten ist schon beeindruckend. Auch und vor allem tiefenpsychologisch. Joyce hat eine Tür aufgestoßen, die allerdings nach Freud nur noch angelehnt war. Ein außergewöhnliches und merkwürdiges Buch. Doch literarisch? »Liebigs Fleischextrakt. Man kann es nicht essen. Aber es werden noch viele Suppen damit zubereitet werden.«

Auch wenn es grammatisch anders erscheint: Nicht nur das Zitat, die gesamte Passage gibt Tucholskys Auffassung über Joyce wieder. Als Faustregel gilt: Wenn eine Fußnote folgt, stammen die Äußerungen von Tucholsky. Und es gibt in dem Buch knapp 1000 davon: ein Extrakt der Gesamtausgabe.

Hosfelds Tucholsky-Biografie füllt damit leider nicht die Lücken, die es in einer biografischen Darstellung Tucholskys noch geben könnte. Vermutlich müsste es dazu wesentlich dicker sein. Es steht zwar nichts Falsches drin – von zwei Bildbeschreibungen abgesehen (Otto Reutter wird als Düsseldorfer und Rheinländer beschrieben und ein Foto Ossietzkys vom »Soldaten sind Mörder«-Prozess soll den Weltbühne-Prozess illustrieren). Aber einen Grund, sich das Buch anstelle von Hepps Standardwerk anzuschaffen, liefert er auch nicht. Ohne eine »topographisch-biografische Empathie hinterlässt Hosfelds Buch mehr Fragen als Antworten«, urteilte die Süddeutsche Zeitung über das Werk und schlug vor, »sich wieder einmal ausführlich dem Original zu widmen«. Dem kann man sich nur anschließen.

Rolf Hosfeld: Tucholsky. Ein deutsches Leben, München, Siedler-Verlag 2012, 320 Seiten, ISBN: 978-3-88680-974-5, 21,99 Euro

17.4.2012

Vom Sockel geholt

Im August 2009 wurde hier auf das wohl am besten versteckte Denkmal Berlins hingewiesen: die Tucholsky-Büste und -Stele in der Pankower Neumannstraße. Damals fand sich das Ensemble kaum sichtbar hinter einem dichten Gebüsch verborgen, unmittelbar neben der dortigen Kurt-Tucholsky-Oberschule. Diese war dann sehr froh, ihrem Namensgeber im April 2011 einen angemessenen Standort zuweisen zu können: Das Denkmal wanderte per Kran auf das Schulgelände – direkt unter den Namenszug der Schule. Doch die Freude war nur von recht kurzer Dauer. Seit Ende Februar ist die Büste weg.



Es geschah am Freitag, den 24. Februar. Ramona Klinge vom Sekretariat und Förderverein der Schule ist empört über die Dreistigkeit der Diebe. Am helllichten Tage hätten sie zugeschlagen, sagte sie auf Anfrage. Im Fahndungsaufruf der Polizei heißt es:

Zwei unbekannte Täter, welche mit einem weißen Transporter unterwegs waren, entwendeten am 24. Februar 2012 in der Zeit zwischen 12.45 bis 13.00 Uhr in Berlin-Pankow, Neumannstr. 11 eine Bronzestele mit Büste des Namensgebers der Schule.

Dass es ihnen nicht um das Kunstwerk oder gar Tucholsky ging, ist für Klinge klar. Die Diebe hatten es wohl auf den Materialwert der Bronzestatue abgesehen, der bei 2.400 Euro liegen soll. Das ungleich massivere Bronzerelief blieb jedoch stehen. Dieses lässt sich nicht so einfach abmontieren und mitnehmen. Am selben Tag sollen in Berlin noch zwei weitere Denkmäler gestohlen worden sein.



Das noch komplette Denkmal an der Tucholsky-Oberschule.

Nicht nur die Schulleitung, auch viele Schüler seien traurig gewesen, dass »ihr« Tucholsky geklaut worden sei, sagte Klinge. Dies findet seinen Ausdruck auch in einer Kunstaktion, die sich mit dem Diebstahl beschäftigt. Die Schüler entwarfen mehrere Installationen, die nun anstelle der gestohlenen Büste aufgestellt werden. Vor den Osterferien stand ein schwarzer Stuhl – natürlich festgeschraubt – neben dem leeren Sockel.



Die erste Installation am Sockel der gestohlenen Büste.

Auf dem Stuhl lag ein aufgeschlagenes Buch mit einem Porträtfoto Tucholskys. Daneben ein umgekipptes Fässchen mit roter Tinte sowie ein Stift. Tintenspritzer beflecken wie Blut die Buchseiten.



Auch die Frage nach einem Ersatz der Büste wird gestellt. Vielleicht hat der Künstler Ulrich Skoddow noch ein Modell der Büste aufbewahrt. Damit ließe sich dann eine Replik herstellen, die jedoch nicht mehr aus Bronze bestehen soll. Schließlich will man den kulturlosen Metalldieben keinen neuen Anreiz bieten.

22.2.2012

»Wo Tucholsky unrecht hatte«

… schrieb die Süddeutsche Zeitung heute provokant als Titel über einen ihrer Artikel. Worum geht’s? Sind Soldaten doch keine Mörder? Die Sozialdemokraten doch eine Arbeiterpartei? Die Deutschen doch zu einer richtigen Revolution fähig? Weit gefehlt. In dem Text würdigt Wolfgang Koydl den im Alter von 81 Jahren gestorbenen SZ-Auslandskorrespondenten Carl E. Buchalla. Darin heißt es:

Kurt Tucholsky unterstellte Auslandskorrespondenten einmal, dass sie fremde Nationen »nicht erkennen, sondern durchschauen«, sie gleichsam auf frischer Tat ertappen wollten. Doch Tucholsky hatte nie eine Reportage von buc. gelesen. Carl Buchalla erkannte seine Pappenheimer und er kannte sie gut – die Serben und die Saudis, die Albaner und die Ägypter.

Nun hat Tucholsky sich in der Tat mehrfach kritisch über die Arbeit deutscher Auslandskorrespondenten geäußert. Am ausführlichsten in den Texten »Auslandskorrespondenten« oder »Auslandsberichte«. Koydls Zitat bezieht sich aber wohl auf Tucholskys kurze Bemerkung in der Aphorismensammlung »So verschieden ist es im menschlichen Leben!« von 1931:

Es gibt Auslandskorrespondenten, die wollen die fremden Völker, zu denen man sie geschickt hat, nicht erkennen. Sie wollen sie durchschauen.

Hm. Was sich bei Koydl wie nach einer pauschalen Korrespondentenschelte anhört, klingt im Original längst nicht so verallgemeinernd. Im Gegenteil. Insofern hätte Tucholsky in Buchalla, wenn er ihn je hätte lesen können, vermutlich nicht die rühmliche Ausnahme unter seinen Journalisten-Kollegen gesehen. Womit er am Ende natürlich doch nicht unrecht hatte.

25.1.2012

Hitlers »komisches Buch«

Der britische Verleger Peter McGee hat mit seinen Plänen für Wirbel gesorgt, Auszüge aus Adolf Hitlers Manifest Mein Kampf in kommentierter Form auf den deutschen Zeitungsmarkt zu bringen. Die bayerische Landesregierung hat dem nun einen Riegel vorgeschoben, weil sie weiter die Urheberrechte an dem Werk geltend macht. Doch was spricht dagegen, die »NS-Bibel« (Focus) vor dem Wegfall des Urheberschutzes im Jahr 2015 schon den deutschen Lesern zugänglich zu machen? Eigentlich nichts, außer der Tatsache, dass Hitlers Werk ein unlesbarer Schmarrn ist.

Dieses Urteil haben zumindest die Autoren der Weltbühne gefällt, die in der Zeit der Weimarer Republik den zweifelhaften Vorteil hatten, das Buch ungehindert lesen zu können. Auf welche Weise haben sich nun Journalisten wie Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky mit Hitlers Ergüssen aus seiner Landsberger Festungshaft auseinandergesetzt? Genau so, wie das Buch es verdiente: nämlich gar nicht. Es ist schon bemerkenswert, dass Mein Kampf erst im Februar in der Weltbühne 1931 überhaupt erwähnt wurde. Damals saßen die Nazis schon mit mehr als 100 Abgeordneten im Reichstag. In einer »Antwort« an den ehemaligen Reichskanzler Joseph Wirth hieß es lapidar:

Wie Sie selbst dazu stehen, haben Sie verraten, als sie bemerkten, dass in Adolf Hitlers komischem Buch manche Stellen Sie an Nietzsche erinnert hätten.

Einen Seitenhieb auf Hitler und sein Manifest machte dann der Pazifist Hellmut von Gerlach im Oktober 1932, als er in einem Artikel vor möglichen Pogromen nach einer Machtübernahme der Nazis warnte:

Für klug hat ihn wohl noch nie jemand gehalten, der sein Buch Mein Kampf gelesen hat.

Immerhin schien Gerlach das Buch gelesen zu haben.

Ebenfalls im Oktober 1932 widmete sich die Zeitschrift schließlich in einem eigenen Text Hitlers Buch, »dieser reichhaltigsten Kathederblüten-Sammlung der Welt«. Der Titel des Artikels von Heinz Horn, »Hitlers Deutsch«, war bezeichnend: Ein Buch, das solch hanebüchenen Thesen vertrat und in so schlechtem Deutsch geschrieben war, hatte auch angesichts der drohenden Machtübernahme keine ernsthafte Betrachtung verdient. Horn machte dabei nichts anderes, als einige der schrägsten Formulierungen aneinanderzureihen. Das sah dann so aus:

Adolf Hitlers grundlegendes Buch Mein Kampf ist in der deutschen Literatur vollkommen einmalig. Durchaus angebracht, daß uns andre Völker ob dieser reichhaltigsten Kathederblüten-Sammlung der Welt beneiden. Mögen andre Leute derartige Dinge mühsam aus Hunderten von Büchern und Schriften zusammenklauben, was hier vorliegt, ist von der ersten bis zur letzten Zeile Originalarbeit, tierisch ernst gemeint und mit wundervollem Pathos vorgetragen — in einer Sprache, die in ihrer orientalischen Üppigkeit und in ihrem östlichen Bilderreichtum noch die Tiraden des kleinen Hadschi Halef Omar in Karl Mays Reisebeschreibungen übertrifft. Wer nicht weiß, wo Braunau liegt, muß aus der Sprache, die der größte Sohn dieser kleinen Stadt spricht, schließen, es läge im verdächtigsten Morgenland.

Die Bilder und Vergleiche, mit denen Hitler seine tiefsinnigen Aussprüche ziert, sind mit Vorliebe dem Gebiet der Naturwissenschaften entnommen, wobei vor allem unappetitliches Kleinvieh wie Maden, Bazillen und Quallen eine prominente Rolle spielt.

So wie man nur vorsichtig in eine solche Geschwulst hineinschnitt, fand man, wie die Made im faulenden Leibe, oft ganz geblendet vom plötzlichen Lichte, ein Jüdlein (S. 61).

So schön an sich diese reiche Bildersprache ist, läßt sie einen doch nicht recht erkennen, wer da eigentlich vom plötzlichen Lichte geblendet ist: die Made, das Jüdlein oder der kühne Chirurg höchstpersönlich. Außerdem ist dem Dichter bei diesem Vergleich leider entgangen, daß die Made im Leibe ist, weil er faulig ist, und nicht etwa der Leib deshalb fault, weil die Made darin ist. Weiter:

Man bedenke, daß auf einen Goethe die Natur immer noch leicht zehntausend solcher Schmierer der Mitwelt in den Pelz setzt, die nun als Bazillenträger schlimmster Art die Seelen vergiften (S. 62). (…)

Aber auch wo sie die Tierwelt in Ruhe läßt, zeichnet sich Hitlers Prosa durch eine Farbenpracht der Diktion aus, für die hier noch einige Beispiele gegeben seien:

Dieses Pack aber fabriziert zu mehr als zwei Dritteln die sogenannte »öffentliche Meinung«, deren Schaum dann die parlamentarische Aphrodite entsteigt (S. 94). (…)

Was wirklich über das Normalmaß des breiten Durchschnitts hinausragt, pflegt sich in der Weltgeschichte meistens persönlich anzumelden (S. 96).

Man hatte keine blasse Ahnung, daß die Begeisterung, erst einmal geknickt, nicht mehr nach Bedarf zu erwecken ist (S. 183).

Ebenbilder Gottes dürfte man nur mehr wenige finden, ohne des Allerhöchsten freveln zu wollen (S. 281).

Ohne des Allerhöchsten freveln zu wollen: wer solches mit ungeknickter und nach Bedarf zu weckender Begeisterung zu lesen vermag, dem ist wohl nicht zu helfen.

Warum die Deutschen dieses Buch nun endlich wieder zur Kenntnis nehmen sollen? Eine Antwort gibt ein Geschichtslehrer in einem Gastbeitrag für die Rhein-Zeitung:

Hitler geht immer und sorgt für Auflage. Das ist bekannt. Das weiß auch der Verleger Peter McGee.

Dennoch befürwortet der Lehrer Daniel Bernsen eine Veröffentlichung auch in Deutschland und verweist auf die Lesereise des deutsch-türkischen Kabarettisten Serdar Somuncu, der dem Publikum Passagen aus Mein Kampf vorgetragen hatte:

So absurd und unfreiwillig komisch Hitlers Argumentation bisweilen ist, so schrecklich waren die Folgen dieser Gedanken. Die Balance dazwischen gelingt Somuncu ausgesprochen gut.

Die Auseinandersetzung mit dem Text, seiner Entstehungs- und Wirkungsgeschichte ist wichtig. Das bisherige Verbot hat in Deutschland offensichtlich das Gegenteil erreicht. Das Lachen über den Text zeigt das Erkennen der Absurdität der vorgetragenen Argumentation. Es ist genau dieses Lachen, das den Text von seiner mystischen Aura befreit.

Es wirkt wie eine Ironie der Geschichte, dass McGee die Passagen aus Mein Kampf nun »unleserlich« machen will. Das waren sie nach Ansicht der Weltbühne schon immer.

6.9.2011

Joachim Bergmann †

Er war im positiven Sinne ein Besessener, wenn es um die Weltbühne ging. Dem Erbe Jacobsohns, Tucholskys und Ossietzkys galt sein Leben. Es ist vielleicht nicht übertrieben, zu behaupten, dass er mit seinem Leben dafür bezahlt hat. Joachim Bergmann ist am 22. August im Alter von 62 Jahren gestorben. Seine ganze Energie hat er in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten dem Versuch gewidmet, die Geschichte und Texte der Schau- und Weltbühne aufzuarbeiten und für die Nachwelt zu erhalten. Es bleibt zu hoffen, dass dieser Wunsch noch in seinem Sinne erfüllt wird.

Das Interesse für die kleinen roten Hefte aus der Kaiserzeit und der Weimarer Republik wurde schon zu DDR-Zeiten bei ihm geweckt. Damals begann er damit, jeden der 22.600 Artikel und mehr als 2.000 Autoren auf Karteikarten zu katalogisieren. Das erste Ergebnis dieser Sammelwut war der Registerband, den er nach der Wende, 1991, im Saur-Verlag veröffentlichte. Unentbehrlich ist diese Hilfe, wenn man nach Beiträgen von einzelnen Autoren in den 29 Jahrgängen der Zeitschrift sucht.

Doch damit wollte sich Bergmann nicht begnügen. Sein Traum war zuletzt, alle Artikel auch elektronisch zu erfassen und zugänglich zu machen. Mit beachtlichen Fördermitteln stellte er ein Digitalisierungsprojekt auf die Beine. In seinem Büro in der Eichendorffstraße in Berlin-Mitte hatte der Verein »Das Blättchen« seinen Sitz. Auf der Internetseite erläuterte er das Ziel des 2002 gegründeten Vereins:

  • Den hohen zeitgeschichtlichen Wert der Zeitschrift Die Schaubühne/Die Weltbühne in Form von Registern oder anderen medialen Möglichkeiten transparent zu machen.
  • Die publizistische Kompetenz und die Persönlichkeit Siegfried Jacobsohns in das Bewußtsein der deutschen und internationalen Öffentlichkeit zurückzubringen.
  • Den großen Stellenwert der jüdischen, deutschen Publizistik darzustellen.
  • Wichtige Aufarbeitungen zur Antisemitismusforschung vorzunehmen.
  • Vergessene Namen in unser Bewußtsein zurückzuholen.

Das sind fürwahr hehre Ziele. Aber es ist gut möglich, dass Bergmann die Komplexität dieses Vorhabens unterschätzte. Es mussten nicht nur gut 45.000 Seiten, davon viele in Frakturschrift, digitalisiert werden. Auch galt es, die Urheberrechte zu klären, was bei mehreren tausend Autoren einer Sysiphos-Arbeit glich. Aber selbst damit gab sich Bergmann nicht zufrieden. Zu allen erwähnten Personen, Büchern, Theaterstücken wollte er Hintergrundmaterial liefern. Und alles sollte in einer Datenbank miteinander verknüpft werden.

Das fertige Ergebnis dieser unermüdlichen Anstrengungen hat er nicht mehr erleben dürfen. Immerhin ist der Reprint der Weltbühne von 1978 nun auf 3 DVDs verteilt digital zu erwerben. Der zweite Teil des Projektes, der Texterkennung und umfangreiche Register umfasst, harrt noch der Fertigstellung. Nicht nur im Sinne Bergmanns sollte es noch realisiert werden, sondern zum Nutzen aller, die an dem Erbe Jacobsohns, Tucholskys und Ossietzkys interessiert sind.

Am 23. September wird die Asche Joachim Bergmanns auf dem Südwestfriedhof in Stahnsdorf beigesetzt. Selbstverständlich in der Nähe von Jacobsohns Grab. Ein Leben für die Weltbühne, lautet der Titel einer Biographie über S.J. Das lässt mit gleichem Recht auch von Bergmann behaupten.

15.8.2011

Was sind Soldaten eigentlich?

Wie schwer es war, mit der Generation der Wehrmachtssoldaten über deren Kriegserlebnisse zu reden, hat der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil schon als kleiner Junge erfahren. In seinem schönen Büchlein Die Moselreise, das er als Kind geschrieben hat, bemerkt er:

Ich fragte Papa danach nichts Weiteres über die furchtbare Unruhe und den Krieg, weil ich weiß, dass Papa nicht gern über den Krieg spricht. Papa ist damals für einige Jahre Soldat gewesen, und ich weiß, dass er während dieser Zeit als Soldat viele, viele Fotos gemacht hat. Papa hat mir jedoch noch nie eines dieser Fotos gezeigt. (Als ich ihn später in Köln einmal gefragt habe, warum er mir seine Fotos aus dem Krieg nicht zeigt und warum wir diesen Krieg nicht auch nacherleben, hat Papa gesagt, dass er den Krieg um keinen Preis nacherleben wolle und dass er sich nichts Furchtbareres vorstellen könne als den Krieg nachzuerleben. Ich habe dann nicht weiter nach den Fotos und nach dem Krieg gefragt, weil Papa sehr ernst geworden ist, als ich ihn nach den Fotos und nach dem Krieg gefragt habe.)

So wie Ortheils Vater dürfte es den meisten deutschen Soldaten gegangen sein. Um so überraschender kam für Publikum und Historiker eine Studie, die im Frühjahr dieses Jahres publiziert wurde. Einfache Soldaten und auch Offiziere schilderten ihre Kriegserlebnisse ungewöhnlich offen und freimütig. Die Alliierten hatten Gespräche von deutschen Kriegsgefangenen heimlich mitgeschnitten und aufbewahrt. Zwei kurze Beispiele:

Bäumer: »Da haben wir vorne eine Zwei-Zentimeter-Kanone einbauen lassen. Dann sind wir im Tiefflug über die Straßen, und wenn uns Autos entgegenkamen, haben wir den Scheinwerfer angemacht, die dachten, es käme ein Auto ihnen entgegen. Dann haben wir mit der Kanone reingehalten. Damit hatten wir viele Erfolge. Das war sehr schön, das machte riesigen Spaß. Auch Eisenbahnzüge und so Zeug.«

Greim: »Wir haben einmal einen Tiefangriff bei Eastbourne gemacht. Da kommen wir an und sahen ein großes Schloss, da war anscheinend ein Ball oder was, auf alle Fälle viele Damen in Kostümen und eine Kapelle. Das erste Mal sind wir vorbeigeflogen, dann haben wir noch einen Angriff gemacht und haben reingehalten. Mein lieber Freund, das hat Spaß gemacht.«

Es wundert einen daher nicht, dass der Mitautor der Studie, Harald Welzer, im Magazin Stern gefragt wurde: »Sind, mit Tucholsky, Soldaten Mörder?« Welzer antwortete:

Natürlich sind sie das, das schreiben wir am Ende des Buches auch ganz deutlich: Töten ist ihr Job. Alles andere ist Romantik. In Tucholskys Äußerung schwingt ja mit, dass er nicht versteht, warum es Soldaten überhaupt gibt. Seine Aussage ist moralisch grundiert. Empirisch betrachtet: Soldaten sollen töten, das lernen sie, das ist ihr Handwer.k

Die 512 Seiten lange Untersuchung ist aber alles andere als eine Materialsammlung, die nur Gesprächsprotokolle wiedergibt. Vielmehr versuchen Welzer und sein Co-Autor Sönke Neitzel, die Aussagen der Soldaten sehr genau in ihren damaligen Kontext einzuordnen. Sie wollen den »Referenzrahmen des Krieges« analysieren. Erläutern, warum die Armee des nationalsozialistischen Deutschen Reiches solche Verbrechen begehen konnten. Und verstehen, ob es tatsächlich an der Erziehung und Propaganda im Dritten Reich lag, dass die Soldaten so schnell »Spaß« am Töten bekamen. Ein eindeutiges Mordmerkmal. Der Spiegel bezeichnete die Abhörprotokolle als »Sensationsfund« und urteilte:

Die Wissenschaft hat schon immer die Frage interessiert, wie schnell aus ganz normalen Menschen Tötungsmaschinen werden können. Nach den vorliegenden Berichten muss man sagen: sehr schnell.

Es ist allerdings nicht so, dass die Autoren in ihrer Untersuchung explizit auf die Frage eingehen, ob Soldaten Mörder sind. Obwohl das Buch auf die Entwicklung des Wehrgedankens in der Weimarer Republik eingeht, wird Tucholskys Position nicht erwähnt. Am Ende heißt es nur: »Menschen töten aus den verschiedensten Gründen. Soldaten töten, weil das ihre Aufgabe ist.« Erstaunlicherweise wird diese noch recht sachliche Position von den Protokollen selbst überholt:

Zotlöterer: »Ich habe einen Franzosen von hinten erschossen. Der fuhr mit dem Fahrrad.«
Weber: »Von ganz nahe?«
Zotlöterer: »Ja.«
Heuser: »Wollte der dich gefangen nehmen?«
Zotlöterer: »Quatsch. Ich wollte das Fahrrad haben.«

Sicherlich haben nicht alle Soldaten so gewissenlos gehandelt. Aber die Tatsache, dass Zotlöterer seinen Mord so freimütig dem Kameraden mitteilte, macht deutlich, dass dieser sich keiner besonderen Schuld bewusst war. Er glaubte offenbar, völlig im Recht so gehandelt zu haben. Im damaligen Prozess um das »Soldaten sind Mörder«-Zitat hatten die Anwälte Carl von Ossietzkys viele antimilitaristische Zitate aus der Geistesgeschichte bemüht. In ähnlichen Prozessen könnte man in Zukunft dieses Buch als Beleg für die These vor Gericht präsentieren. Und auch das Fazit des Spiegel erwähnen:

Nicht im Menschen ist die Moral begründet, die sein Handeln bestimmt, sie liegt in den Strukturen, die ihn umgeben. Ändern sich diese, ist grundsätzlich alles möglich, auch das absolute Grauen.

Die Struktur, die das absolute Grauen hervorbringt, hatte für Tucholsky einen Namen: Krieg. Die Schilderungen der Wehrmachtsoldaten hätten aber wohl jenseits seiner Vorstellungskraft gelegen.

Sönke Neitzel und Harald Welzer: Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011. 521 S., geb., 22,95 Euro.

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