30.4.2006

48 Stunden Urlaub

Das Städtchen Rheinsberg macht derzeit eher schlechte Schlagzeilen. Da dürften sich die Märker gefreut haben, dass die hauptstädtische Berliner Zeitung die Reklametrommel für einen Urlaub à la Tucholsky rührte. „48 Stunden Urlaub“ heißt die Serie, die die Leser in diesem Falle ans Paradebett von Prinz Heinrich führte.

Die Fahrt mit dem Zug von Berlin nach Rheinsberg dauert übrigens zwei Stunden. Zeit genug, um Tucholskys „Bilderbuch für Verliebte“ zweimal zu lesen. Autorin Daniela Zinser scheint sogar die Rückfahrt zur Lektüre genutzt zu haben, so ausgiebig werden die Erlebnisse von Claire und Wölfchen zitiert.

Vielleicht hat sich Daniela Zinser nur an den Rat von Wolfgang Fuhrmann gehalten, der im Feuilleton der Berliner am selben Tag mit einem Text über eine Aufführung im Schlosstheater Rheinsberg vertreten war und darin schrieb:

Für einen Wochenendausflug nach Rheinsberg gibt es viele Gründe. Die meisten stehen bei Tucholsky.

Die Gegengründe stehen bald im Verfassungsschutzbericht.

16.4.2006

Die freie Misswirtschaft

Wie fühlen sich Verleger, wenn sie einen Fauxpas begangen haben? Grund dazu hätten die 32 Buchexperten, die die Osterausgabe der taz verantworteten. Denn im Wirtschaftsressort veröffentlichten sie einen Text, der hier und da schon als Gedichtsfälschung gebrandmarkt wurde. Der korrekte Wortlaut von „Die freie Wirtschaft“ findet sich dagegen dort.

Und eines scheint nach dem österlichen taz-Experiment klar: Verleger sind auch nicht die besseren Journalisten.

63 Minuten Glück

Nach dem Wegfall der Urheberrechte haben sich gleich mehrere Verlage auf Tucholskys „Bilderbuch für Verliebte“ gestürzt. In diesem Jahr erscheinen bei Diogenes, dtv, Husum und Reclam Neuausgaben von „Rheinsberg“. Eine neue Hörbuch-Edition von Diogenes hat sich dagegen die Berliner Zeitung angeschaut, beziehungsweise -gehört. „Schokoladenkind“ Abini Zöllner war davon recht angetan:

Helene Grass liest dieses „Hörbuch für Verliebte“ erfrischend, macht die Charaktere sympathisch und aus einer Stunde einen Gewinn. Das Glück dauert genau 63 Minuten, ist wunderschön verpackt, hat ein ausführliches Booklet, anmutige Illustrationen und erscheint, natürlich, im Wonnemai. Und – das ist versprochen – es huscht nicht an einem vorüber.

Wozu eigentlich noch selber lesen?

Hilferuf aus Rheinsberg

Wer weiß, ob man heute noch von dem Städtchen Rheinsberg besondere Notiz nähme, wenn der Jude Kurt Tucholsky mit seiner jüdischen Freundin Else Weil im Sommer 1911 dort nicht hätte unbehelligt Urlaub machen können. Die Nachrichten, die in jüngster Zeit aus dem Norden Brandenburgs an die Öffentlichkeit dringen, sind dagegen nicht dazu angetan, Touristen in den Ort zu locken. Es sei denn, es handelt sind um als Urlauber getarnte Verfassungsschützer.

In verschiedenen Medien fand ein Hilferuf Resonanz, den die Stadtverordneten Anfang April an ihren Ministerpräsidenten Matthias Platzeck schickten. Über den „Braunen Sumpf am Schloss“ (Tagesspiegel), „Rechts in Rheinsberg“ (taz) und „Braunen Nachwuchs im Touristenstädtchen“ (Spiegel Online) wurde anschließend eifrig berichtet.

Nach der Lektüre bleibt leider nur die Erkenntnis: Von den Vorfällen in Rheinsberg wird vor allem deshalb prominent geschrieben, weil der Ort, – nicht nur wegen Tucholsky -, sehr viele Touristen anlockt. „In den benachbarten Städten Wittstock und Neuruppin sei die Situation doch viel schlimmer, heißt es hinter vorgehaltener Hand“, und bei Spiegel Online. Über solche Entwicklungen ist selten etwas in den Medien zu lesen. Ausnahmen bestätigen die Regel.

9.4.2006

Fritze Griinbaum

Wenn es darum geht, Originalaufnahmen aus der kabarettistischen Frühzeit zu präsentieren, ist der Berliner Regisseur und Produzent Volker Kühn nicht weit. Die bereits vor einem Jahre von Kühn herausgegebene Doppel-CD „Das Cabaret ist mein Ruin“, die dem österreichischen Kabarettisten Fritz Grünbaum gewidmet ist, hat die FAZ nun in ihrer Ausgabe vom Samstag besprochen. Autor Uwe Ebbinghaus kommt in seinem Text „Mit Heineschem Zug“ gleich zur Sache:

Am Anfang hieß das Kabarett überall noch Cabaret, war körperbetont, erotisch aufgeladen, und eines seiner Hauptverdienste bestand darin, die Uneingeweihten von der „Existenz des außerehelichen Geschlechtsverkehrs“ in Kenntnis zu setzen, wie Kurt Tucholsky einmal witzelte.

Dieser Witz stammt mehr oder weniger sinngemäß aus Tucholskys Text „Berliner Cabarets“ vom März 1913. In diesem Artikel wird Grünbaum nicht eigens erwähnt. Dass Tucholsky den Wiener Künstler durchaus kannte, zeigt eine Passage aus einem Text über Gussy Holl, der nur wenige Monate später erschien:

Sie ist der Spiegel. Sie kann Fritze Griinbaum nachmachen und Schneider-Dunker und die Waldoff’n.
Peter Panter: „Gussy Holl“, in: Die Schaubühne, 3.7.1913, S. 688

Nach dem Ersten Weltkrieg arbeiteten Tucholsky und Grünbaum für Rudolf Nelsons Revue „Total Manoli“ zusammen. Grünbaum steuerte die Texte, Tucholsky den Titelsong bei.

In dem Artikel „Des deutschen Volkes Liederschatz“ bezog sich Tucholsky wenige Jahre später auf Grünbaums populäre Schlagertexte:

Was aber sind alle diese schönen Lieder, wie:
    Am Hügel, wo der Flieder blüht,
    und eine Rosenhecke glüht und:
(…)
Da mögen Welsche und Polen, Tschechen und blatternasige Kosaken dräun: solange wir solche Lieder haben, kann Deutschland nicht untergehn. Der Text stammt von zwei wiener Juden.

Wen Tucholsky mit den „zwei wiener Juden“ tatsächliche gemeint hat, ist unklar. Fest steht nur: Den Schlager „Dort unterm Baum“ , aus dem die obigen Verse entnommen sind, hat der im tschechischen Brünn geborene Jude Grünbaum geschrieben.

Kleine CD-Hörprobe gefällig?

Notizen über die Provinz

Die Zeit kommentiert in ihrer Online-Ausgabe eine Reihe von Kommentaren, die andere Zeitungen zur geplanten Reform des Unterhaltsrechts verfasst haben. In seiner Presseschau „Vorrang für Kinder“ geht Karsten Polke-Majewski äußerst hart mit den Kollegen der Regionalzeitungen ins Gericht. Zum Abschluss gibt er den Kommentatoren aus Kleinstädten wie Hannover noch ordentlich eins hinter die Löffel:

Alles in allem ist der Vorschlag der Justizministerin also wohl nicht der schlechteste. Nur sollte man ihn nicht scheinmoralisch überfrachten. Oder mit Kurt Tucholsky: „Die sittlichen Begriffe, die besonders in der deutschen Provinz aufgestellt werden, sind nicht maßgebend und nicht jene, nach denen sich das Volk richtet.“

Aber hat Tucholsky sich wirklich so pauschal über „die deutsche Provinz“ geäußert? Oder war er nicht doch zu einer gewissen Differenzierung fähig?

Die sittlichen Begriffe, die besonders in der deutschen Provinz von ältern Ehefrauen, Pastören und – last and least – von den Richtern aufgestellt werden, sind nicht maßgebend und nicht jene, nach denen sich das Volk richtet.
Ignaz Wrobel: „Bettschnüffler“, in: Die Weltbühne, 11.3.1930, S. 388

Das Mindeste, was man von einer Presseschau erwarten sollte, ist eine richtige Wiedergabe von Zitaten.

31.3.2006

Deutschland reloaded

Seit einigen Wochen ist der Bochumer Verleger und Autor Timo Rieg auf Lesereise durch die Republik. Anlass dafür ist die Neuauflage des Tucholsky/Heartfield-Klassikers „Deutschland, Deutschland über alles“. Am vergangenen Mittwoch gastierte Rieg mit seinem Leseprogramm in Gießen, wie der ortsansässige Gießener Anzeiger berichtete. In dem Artikel heißt es:

Das reich bebilderte Buch lässt keinen gesellschaftlichen Bereich unkommentiert. So las Rieg unter anderem Tucholskys Betrachtungen über die Verordnungen zur Regelung des Straßenverkehrs, denen er eigene Betrachtungen gegenüber stellte. Obwohl damals nur etwa 600.000 Kraftfahrzeuge in Deutschland fuhren – heute sind es etwa hundert Mal mehr -, bleibt sich die abstruse Regelwut der Behörden erstaunlich gleich.

Und da das neue Deutschland-Buch, das im Verlag Berliner Konsortium erscheint, leider noch nicht erhältlich ist, sei der besagte Tucholsky-Text „Der Verkehr“ hier dokumentiert.

28.3.2006

Wo gekalauert wird

Also, was die taz heute auf ihrer Wahrheit-Seite an Dichter-Anekdoten präsentiert, das ist ja ungeheuerlich. Da berichtet Thomas Schäfer über eine geradezu unglaubliche Begebenheit in der Weltbühne-Redaktion:

Wieder einmal hatte Kurt Tucholsky dem Schriftleiter der Weltbühne, Siegfried Jacobsohn, ein, diesmal unter dem Pseudonym „Ignaz Wrobel“ verfasstes, die Spitzen der Weimarer-Republik-Gesellschaft böse aufs Korn nehmendes politisches Feuilleton auf den Redaktionstisch gelegt, das so heikel war, dass Jacobsohn erhebliche Schwierigkeiten mit Zensur-, Polizei- und sonstigen Behörden befürchtete und Tucholsky bat, den Artikel ein wenig abzumildern. Tucholsky jedoch winkte ab, bezichtigte seinen Auftraggeber der Feigheit und verließ dessen Büro mit dem Hinweis: „Wo gewrobelt wird, da fallen eben Späne.“

Also, wenn man der apokryphen Kalauer-Forschung Glauben schenken darf, kann es sich bei diesem Manuskript nur um den Text „Ludendorffs Luderleben“ gehandelt haben, wobei Jacobsohn jedoch weniger Schwierigkeiten mit Zensur und Polizei befürchtete, sondern…

15.3.2006

Neues Chanson

Die FAZ wartet in ihrer heutigen Literaturbeilage mit einer literarischen Rarität auf. In einem Artikel, der sich mit Ruth Berlaus Erzählungen über das kärgliche Liebesleben der Frauen befasst, schreibt Autor Dieter Bartetzko:

„Im alten Stile leben wir geregelt. Und nur am Sonnabend, da wird ,gekegelt‘ – das ist die älteste Gymnastikart.“ Dieses Chanson, 1926 von Kurt Tucholsky verfaßt, tönt noch heute von jeder Kleinkunstbühne.

Das Lied mag zwar tatsächlich in einigen Kabaretts gesungen werden. Aber von Tucholsky ist es deswegen trotzdem noch nicht.

13.3.2006

Rätselhafte Tucholsky-Abende

Man kann es nie allen rechtmachen. Veranstaltet das Berliner Ensemble einmal einen Tucholsy-Abend, der der Kritik gut gefällt, beschwert sich gleich die letzte Überlebende aus der Tucholsky-Familie (unter der Überschrift: „Naturgemäß zusammengesetzt“). Vermittelt ein solcher Abend viel Hintergrundwissen über den Mann mit den vielen Pseudonymen, heißt es in der Zeitung sofort:

Das Besondere daran stellt die gelungene Mischung aus Lesung und Schauspiel dar, die auch viele Details aus dem Leben Tucholskys aufarbeitet. Allerdings setzt das Stück entsprechendes Vorwissen voraus.

Was könnte die WAZ mit dem „entsprechenden Vorwissen“ meinen? Reicht dazu die Lektüre des Wikipedia-Artikels über Tucholsky aus? Oder sollte es zumindest die knapp 200 Seiten umfassende rororo-Biographie von Michael Hepp sein? Mit dieser haben sich offenbar die Schauspieler Dario Weberg und Indra Janorschke vom Dortmunder LiteraTourTheater vorbereitet. So heißt es in der Rezension:

1890 in Berlin geboren, erlebte er als junger Mann den ersten Weltkrieg. „Vielleicht resultiert mein Hass auf den Offiziersgeist aus der Erfahrung der eigenen Verfügbarkeit“, lässt Janorschke den humanistischen Schriftsteller sinnen.

Dieser sinnige Satz findet sich fast gleichlautend in der Tucholsky-Biographie von Hepp (Seite 45). Aber nur fast:

Die radikale Ablehnung des Offiziersgeistes beruht unter anderem auf der Erfahrung der eigenen Verführbarkeit.

Nun denn, verführ- oder verfügbar ist doch fast dasselbe. Hauptsache, man hat an dem Abend einiges gelernt.

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