14.9.2008

Mediale Waschmaschine

„Zunächst soll man seinen Gegner nicht im Bett aufsuchen“, schrieb Tucholsky 1932, als die Linkspresse die Homosexualität des SA-Führers Ernst Röhm publik machte. Gilt diese Einschätzung auch dann, wenn es sich nicht um den politischen Gegner, sondern um einen Parteifreund handelt? (Was ja häufig genug identisch ist.)

In einem aktuellen Fall sollen Parteifreunde das Gerücht befördert haben, wonach ihr Regierungschef eine nicht folgenlos gebliebene Affäre mit einer Sekretärin hatte. Die Schwierigkeit bei solchen Bettgeschichten besteht jedoch darin, sie an die Öffentlichkeit zu bringen, ohne als Urheber bekannt zu werden. Das sollen dann bitte die Medien übernehmen. In diesem Fall setzte die Bild-Zeitung das Gerücht auf die erste Seite ihrer Regionalausgabe. Das Besondere an der Aktion: Der Betroffene lieferte das Dementi gleich mit. Dem gingen offenbar interne Diskussionen voraus, wie die ansässige Lokalzeitung berichtet:

In der Opposition hält man es dagegen für einen Fehler, einem bis dato nicht publizierten Gerücht dadurch den Boden entziehen zu wollen, indem man es in einer bundesweit erscheinenden Zeitung dementiert. In der Staatskanzlei wurde dem Interview-Wunsch von Bild dem Vernehmen nach erst nach intensivem Abwägen stattgegeben.

Offen bleibt, ob und was gedruckt worden wäre, wenn die Staatskanzlei das Interview abgelehnt hätte. Im Fall Seehofer war die Bild-Zeitung nicht gerade zimperlich vorgegangen.

Das Blatt hatte damals argumentiert:

Wer sein Privatleben groß plakatiert, wer es politisch einsetzt, muss sich daran messen lassen. Und genau das tun wir.

Im vorliegenden Fall könnte es darum gegangen sein, dem Politiker mit den bloßen Gerüchten zu schaden. Was auch dann funktioniert, wenn er sie prominent dementiert.

Für die Seriosität der bundesdeutschen Medien spricht, dass bis auf besagte Lokalzeitung, eine weiteres Springer-Organ sowie ein Internet-Boulevardmagazin niemand das Gerücht nebst Dementi aufgegriffen hat. Die eigentliche Geschichte lautet ohnehin: Wollen die „Parteifreunde“ ihren politisch angeschlagenen Chef möglicherweise weiter diskreditieren? Und falls ja, welche Rolle sollte die Presse bei solchen Intrigenspielen übernehmen?

Was Letzteres betrifft, so hat Paul Krugman in seiner jüngsten New York Times-Kolumne das unkritische Verhalten der Medien mit dafür verantwortlich gemacht, dass politische Lügenkampagnen erfolgreich sein können:

Warum glauben die Leute von McCain, dass sie mit diesem Kram davonkommen? Sie rechnen offenbar mit der üblichen Praxis der Nachrichtenmedien, um jeden Preis „ausgewogen“ zu sein. Wir wissen, wie es läuft: Wenn ein Politiker sagt, dass Schwarz Weiß ist, heißt es in der Nachrichtenmeldung nicht, dass er unrecht hat, sondern dass „irgendwelche Demokraten sagen“, dass er sich irrt. Oder einer grotesken Lüge der einen Seite wird eine unbedeutende Falschbehauptung der anderen an die Seite gestellt, wodurch der Eindruck befördert wird, dass beide Seiten gleichermaßen schmutzig sind.

Hauptsache, die Medien bleiben dabei sauber.

13.9.2008

Ein Staatsbürger in Uniform

Oberstleutnant Jürgen Rose ist sicher einer der ungewöhnlichsten Offiziere in der Geschichte der Bundeswehr. Es gibt wohl nicht viele unter seinen Kameraden, die gegen die Stationierung von Atomwaffen auf deutschem Boden demonstrieren und dabei Sätze sagen würden wie:

Für all jene Soldaten, die sich an der nuklearen Massenvernichtung beteiligen, gilt das bekannte Verdikt des scharfzüngigen Publizisten und leidenschaftlichen Pazifisten Kurt Tucholsky: Diese Soldaten sind Mörder.

Nur zur Erinnerung: 1932 verklagte das Reichswehrministerium wegen dieses Satzes den Weltbühne-Herausgeber Carl von Ossietzky, noch Ende der 90er Jahre strebte die schwarz-gelbe Koalition deswegen einen Ehrenschutzparagrafen für die Bundeswehr an. Zwei Jahre zuvor hatte das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass das Zitieren von Tucholskys Diktum durch die Meinungsfreiheit gedeckt sei.

Die Verbindung von Rose zu Tucholsky kommt nicht von ungefähr. So vertrat Rose im Oktober vergangenen Jahres die Soldatengruppierung Darmstädter Signal, die Zielen der Friedensbewegung nahe steht, auf einer Podiumsdiskussion zur Aktualität Tucholskys pazifistischer Positionen. Das vollständige Transkript der Diskussion wurde vor kurzem veröffentlicht. Regelmäßige Leser des Freitag oder des Ossietzky werden darin bekannte Positionen Roses wiederfinden. Interessant ist die Lektüre vor allem, um die rhetorischen Leistungen der beiden auf dem Podium vertretenen Offiziere zu vergleichen. Allerdings sprach natürlich nicht Rose, sondern Oberstleutnant Uwe Ziesak für die Bundeswehr.

Was sagt die Tatsache, dass ein Offizier wie Rose weiterhin der Bundeswehr angehört, über die Bundeswehr selbst? Tucholsky hatte für Einschätzungen gesellschaftlicher Gruppen eine Regel aufgestellt:

Kollektivurteile sind immer ungerecht, und sie sollen und dürfen ungerecht sein. Denn wir haben das Recht, bei einer Gesellschaftskritik den niedersten Typus einer Gruppe als deren Vertreter anzusehen, den, den die Gruppe grade noch duldet, den sie nicht ausstößt, den sie also im Gruppengeist bejahend umfaßt.
Ignaz Wrobel: „Deutsche Richter“, in: Die Weltbühne, 12.4.1927, S. 581

Im Sinne Tucholskys taugt Rose somit nicht als Maßstab für ein solches Kollektivurteil, da ein friedensliebender Offizier als höchster Vertreter seiner Gruppe angesehen werden müsste.

Aber mit seinen Positionen hat sich Rose in der Bundeswehr alles andere als Freunde gemacht, von einem Bußgeld wegen Kritik am KSK abgesehen. Der Spiegel zitierte im März 2008 aus einer „politischen Hass-Mail“ an Rose:

„Ich beurteile Sie als Feind im Inneren und werde mein Handeln danach ausrichten, diesen Feind im Schwerpunkt zu zerschlagen“, schreibt Daniel K. Er distanziere sich von „diesem linken Zeitgeistkonglomerat uniformierter Verpflegungsempfänger“, Rose solle zurückkehren in „die Sümpfe des Steinzeitmarxismus“.

Dass es in einer rund 250 000 Soldaten starken Armee Menschen gibt mit höchst divergierenden politischen Ansichten, kann weder erstaunen noch die Wehrkraft gefährden. Was Daniel K. jedoch im Folgenden in seiner E-Mail schreibt, legt den Verdacht nahe, dass er sich als Teil einer Gruppe sieht, die linksdenkende Kameraden mehr als verachtet: „Sie werden beobachtet, nein nicht von impotenten instrumentalisierten Diensten, sondern von Offizieren einer neuen Generation, die handeln werden, wenn es die Zeit erforderlich macht.“ In einem Postskriptum schließt er seine Tiraden mit dem Satz: „Es lebe das heilige Deutschland.“

Es ist bislang nicht bekannt, dass die Bundeswehr diese „Offiziere einer neuen Generation“ nicht dulden würde.

1.9.2008

Ein Bilderbuch für Verpflichtete

Die Bibliophilie mancher Verleger treibt bisweilen bizarre Blüten. So hat der Berliner accurat verlag in der vergangenen Woche zu einer besonderen Buchpräsentation am 1. September eingeladen. Der Anfang des Schreibens sah ungefähr so aus:

1912 geschah:

1. Kurt Tucholskys Evergreen,
 
RHEINSBERG,
EIN BILDERBUCH
FÜR VERLIEBTE,

 
illustriert von Kurt Szfranski,
erscheint.

2008 geschieht:

1. Die reprintete Erstausgabe
von
Kurt Tucholskys
RHEINSBERG
placiert auf einem
SILBERTABLETT,
(noblesse oblige)
erscheint.

Als nächste Paralle wird dann die Eröffnung einer „Bücherbar“ auf dem Kurfürstendamm angekündigt, in der ebenso wie bei Tucholskys damaliger Werbeaktion die Neuausgabe des Rheinsberg-Büchleins festlich begangen werden soll. Hintergründe zu dem Neudruck sowie der Bücherbar wusste der Oranienburger Generalanzeiger schon zu berichten:

Darüber hinaus kultiviert der Berliner die einst von Kurt Tucholsky und Kurt Szafranski ins Leben gerufene „Bücherbar“ für einen Monat neu. In Berlin, Am Kurfürstendamm 41, können Interessierte über Gott, das Leben und die Welt sprechen, ganz wie zu Tucholskys Zeiten. Bis Ende September soll die „Bücherbar“ zum Politisieren anregen. Als Chef des Clubs auf Zeit konnte Heinicke Hans-Peter Marcuse gewinnen, welcher dem Clan um den Philosophen Ludwig Marcuse entstammt. Bardame wird übrigens Gerhart Hauptmanns Enkelin Birgit Hauptmann sein. Das Rheinsberg-Paket in seinen zwei Varianten kann auch im Berliner Club erworben werden.

In einem Zusatzzettel der Presseinladung bot sich Peter Marcuse an, „Ihnen weiß behandschuht, das auf dem Silbertablett befindliche Besprechungsexemplar in der BÜCHERBAR zu überreichen“. Wessen Adel zu diesem Brimborium verpflichtet, geht aus der Ankündigung nicht ganz hervor. Der erwiesenermaßen nicht blaublütige Tucholsky verwandte diesen Ausdruck ohnehin nur in Verballhornungen: Noblessoblisch, Snoblesse oblige oder Pleitesse oblige.
Der Verlag kann sich daraus das Passende aussuchen.

11.8.2008

Rücksichtsloses Gebell

Der Anlass ist nicht ganz ersichtlich, aber die taz hat sich ein bisschen mit dem Medienkritiker Tucholsky beschäftigt. Daraus wird in Sabrina Ebitschs Artikel „Salat für Zeitungsleser“ jedoch gleich ein kläffender, Verzeihung yapping „media watch dog der ersten Stunde“. Ein Leser weist in einem Kommentar zu Recht darauf hin, dass dieser Anglizismus doch für den Hundehasser Tucholsky kein passender Titel sei, was wiederum Detlef Gürtler zum gegebenen Anlass nimmt, in seinem „Wortistik-Blog“ über sinnvolle Übersetzungen des Begriffs zu sinnieren. Warum der Ausdruck Medienkritiker dem selbst ernannten „word watch dog“ der Nation nicht gefällt, ist nicht ganz ersichtlich.

Nun aber zum eigentlichen Thema: Dass Tucholsky überhaupt den Kollegen ihre „Unsauberkeiten“ laut taz „genüsslich unter die Nase“ reiben konnte, lag auch an dem Medium, das ihm diese Kritik ermöglichte. In diesem Fall war das die Schau- und Weltbühne, die sich zu Anfang des 20. Jahrhunderts darüber hinwegsetzte, dass die Presse nicht über sich selbst schrieb. Dazu heißt es in dem kürzlich erschienenen Lesebuch zur Weltbühne im Kapitel Medienkritik:

Während es heutzutage selbstverständlich scheint, dass die überregionalen Zeitungen jeden Tag eine ganze Seite den Entwicklungen innerhalb der Medien widmen, war dies zu Beginn des 20. Jahrhunderts völlig anders. Das lag nicht nur daran, dass es die elektronischen Medien wie Fernsehen, Radio und Internet noch nicht gab. Bezeichnend für den damaligen Zustand ist eine Klage [Siegfried] Jacobsohns in einer „Antwort“ vom 30. September 1915: „Immer wieder wird mir vorgehalten, daß ich dem Stand nicht nütze, indem ich seine eigenen Angelegenheiten erörtere. Aber dem Stand kann nur diese öffentliche Erörterung nützen, die rücksichtsloseste am meisten.“ Indem sie gegen presseinterne Widerstände solche Themen aufgriff, trug die „Weltbühne“ dazu bei, eine journalistische Medienkritik zu etablieren. Sie befasste sich dabei mit grundsätzlichen Fragen von Theorie und Praxis der Medienproduktion und -rezeption. Ihre frühen Analysen besitzen zum Teil zeitlose Gültigkeit.

Oder, mit den Worten der taz: „Manches, was er [Tucholsky] schreibt, würde sich allerdings selbst heute auf den Medienseiten der Zeitungen nicht anachronistisch lesen.“

7.8.2008

Augen in der Großstadt 2.0

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
          da zeigt die Stadt
          dir asphaltglatt
     im Menschentrichter
     Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? vielleicht dein Lebensglück . . .
War’s etwa der hier? Oder die da?

Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.
          Ein Auge winkt,
          die Seele klingt;
     du hasts gefunden,
     nur für Sekunden . . .
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider;
Was war das? kein Mensch dreht die Zeit zurück . . .
Schau besser nach hier, immer wieder.

Du mußt auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
          Es kann ein Feind sein,
          es kann ein Freund sein,
          es kann im Kampfe dein
          Genosse sein.
     Es sieht hinüber
     und zieht vorüber . . .
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider.
Was war das?
          Von der großen Menschheit ein Stück!
Man sagt nur C’est la vie da.


Wie erfolgreich solche Augenblicks-Anzeigen sind, steht in der Berliner Zeitung.

3.8.2008

Nicht sein Sylt II

Es ist schon interessant zu beobachten, wie sich manche Behauptungen über Tucholsky offensichtlich ungeprüft fortpflanzen. Bereits vor einem Jahr hatte in der Süddeutschen gestanden, dass Tucholsky der Insel Sylt „verfallen“ gewesen sei, was offenbar auf einer Verwechslung mit seinem Freund und Mentor Siegfried Jacobsohn beruhte, der dort regelmäßig den Sommer verbrachte. Dies greift nun auch die taz in dem Artikel „Amokprosa auf Sylt“ auf und schreibt:

Siegfried Jacobsohn, erstmals 1920 wegen der Bronchien angereist, wollte gar nicht mehr weg. Er lag halbe Jahre am Strand und redigierte seine Weltbühne. „Sylt“, schrieb er an Freund Tucholsky, ist „tausendmal schöner als Wangeroog“. Also fuhr auch Tucho hin und kam immer wieder […].

Nun sind seit dem vergangenen Jahr keine neuen Dokumente aufgetaucht, die einen oder gar mehrere Aufenthalte Tucholskys auf Sylt belegten. Da dies auch in absehbarer Zeit nicht zu erwarten ist, kann als ziemlich sicher gelten: Die nächste Fortsetzung von Tucholskys Sylt-Liebe kommt bestimmt.

Aber auch bei Siegfried Jacobsohn nimmt es der Autor nicht so genau. Der Weltbühne-Herausgeber hielt sich nicht erst 1920, sondern schon vor dem Ersten Weltkrieg regelmäßig auf Sylt auf. Zeugnis davon ist unter anderem sein Kriegstagebuch, das er im Herbst 1914 in der damaligen Schaubühne veröffentlichte. 1919 kaufte er sich von einem Bauern schließlich ein altes Reetdachhaus. Interessant auch die Behauptung, Jacobsohn sei „wegen der Bronchien“ angereist. Er war zwar Epileptiker, litt an einer Augenkrankheit, hörte auf dem rechten Ohr vermutlich nichts und besaß mit 1,57 Meter nicht gerade Gardemaß. Dass er wegen einer Lungenkrankheit an die See fuhr, war bislang noch nicht bekannt.

Nicht ganz mit der Wahrheit übereinstimmend

Die Berliner Morgenpost widmet sich derzeit in einer Serie verschiedenen „Liebesgeschichten aus Berlin“. In Folge 11 erklärt Anna Mertens das „Bilderbuch für Verliebte“, wie Tucholskys kurze Geschichte Rheinsberg im Untertitel heißt. Gegen Mertens‘ Interpretationen ist im Großen und Ganzen nichts einzuwenden, wobei eine Behauptung jedoch rätselhaft wirkt:

1912 erschien seine erste Liebesgeschichte unter dem Titel „Rheinsberg – ein Bilderbuch für Verliebte“ mit einem erstaunlich fortschrittlichen Frauenbild, dass der beziehungsunfähige Tucholsky im wahren Leben kaum unterstützte.

Was will die Autorin damit wohl sagen? Zunächst kann man festhalten, dass die „Claire“ in Rheinsberg durchaus eine „fortschrittliche“ Frau war, „daß sie Medizinerin war, wie sie zu sein vorgab, war kaum glaubhaft, jedoch mit der Wahrheit übereinstimmend“, heißt es da. Auch die Beziehungsunfähigkeit, die Tucholsky unterstellt wird, trifft nach Ansicht seiner Biographen ebenfalls zu. Wenn Tucholsky also selbständige und emanzipierte Frauen nicht gut gefunden hätte, warum hat er 1920 ausgerechnet Else Weil, das reale Vorbild der „Claire“, geheiratet? Gerade weil um die Unzulänglichkeiten menschlicher Beziehungen wusste, lag ihm daran, dass auch Frauen in der Lage sein sollten, für sich selbst zu sorgen und nicht von einem verdienenden Ehemann abhängig zu sein. Sämtliche Frauen, mit denen Tucholsky länger liiert war, waren alles andere als „Heimchen am Herd“. Mary Gerold arbeitete vor und nach ihrer Ehe als Sekretärin in Verlagen, Lisa Matthias war Journalistin und Hedwig Müller praktizierte ebenso wie Else Weil als Ärztin. Was Tucholsky allerdings nicht verwinden konnte: am Ende seines Lebens finanziell nicht mehr unabhängig und selbst auf die Unterstützung einer Frau (Hedwig Müller) angewiesen zu sein. So progressiv war er im wahren Leben dann doch nicht.

20.7.2008

Schirmherr Tucholsky

Eines der amüsantesten Pressefotos zum Thema Bundeswehr und Kriegsgegner wurde am 20. Juli 1999 in Berlin geschossen, oder pazifistischer ausgedrückt: geknipst. Man findet es im Ullstein-Archiv hier.

Die Geschichte dazu stand am Samstag noch mal bei der taz, unter der passenden Überschrift: „Tucholsky hat Recht“.

17.7.2008

Soldenhoff-Festspiele in Rheinsberg

Wer sich auf anschauliche und einfühlsame Weise dem Leben Tucholskys nähern möchte, greift noch immer am besten zu Richard von Soldenhoffs Lebensbild, einem schönen Bildband, der 1985 erschienen und nur noch antiquarisch erhältlich ist. Viele Materialien zu Tucholsky hatte Soldenhoff selbst zusammengetragen und sie Anfang der neunziger Jahre in einer Ausstellung gezeigt. Diese Schau bildete später den Grundstock für das Tucholsky-Literaturmuseum in Rheinsberg.

Was aus den Anfängen des Museums inzwischen geworden ist, war Soldenhoff bislang offenbar selbst nicht bekannt. So folgte er gerne einer Einladung der Stadt Rheinsberg, die aus Anlass des Besuchs eine Reihe von Veranstaltungen auf die Beine stellte. Die Lokalpresse in Gestalt der Märkischen Allgemeinen Zeitung dokumentierte die Visite ausführlich mit:

Am interessantesten davon dürfte sicherlich der Text über die Lesung sein, auf der Soldenhoff berichtete, wie er einst zu seiner Tucholsky-Leidenschaft gefunden hatte und warum ihm bei einigen Briefen Tucholskys noch immer die Tränen kommen.

Noch interessanter ist aber vielleicht eine Posse, die sich in den Anfangsjahren des wiedervereinigten Deutschland ereignete und in der Tucholsky, Soldenhoff und ein entzürnter Bundeswehr-General die Hauptrolle spielten. Der Spiegel hatte die Ereignisse um die erste Tucholsky-Ausstellung in Rheinsberg damals ausführlich aufgeschrieben.

15.7.2008

Auf der Suche nach den verlorenen Jahren

In den 1996 erschienenen Marginalien, die der Tucholsky-Gesamtausgabe vorausgeschickt wurden, ist auf Seite 17 ein Editionsplan abgedruckt, der sich im Nachhinein als ziemlich ehrgeizig erwiesen hat: Demnach sollte im Jahr 2003 der letzte der 22 Bände erscheinen, zwei bis drei Bände hätten jedes Jahr gedruckt werden müssen. Daher wäre vor fünf Jahren wohl ein guter Zeitpunkt gewesen, nach den Verzögerungen bei der Edition zu fragen. Schließlich fehlten damals noch 9 der 22 Bände. Aber warum hetzen, mag sich Welt-Autor Lutz G. Wetzel gedacht haben, als er sich dieser Tage auf die Spur der Gesamtausgabe gemacht und dies für seine Zeitung aufgeschrieben hat.

Im Text lässt er seine Leser ausführlich an seiner Recherche teilhaben, die ihn zunächst in entlegene Gefilde wie eine Buchhandlung und auch ins Internet führt.

Die Nachfrage bei den Herausgebern gestaltet sich schwierig. Sehr schwierig sogar. Denn offensichtlich hat ein hartes Schicksal ihre Reihen inzwischen gelichtet. Bedrückende Nachrichten: „Plötzlich und unerwartet“ starb einer von ihnen. „Nach langer, schwerer Krankheit“ der Zweite. Und auf der Homepage des Dritten lese ich „Krankheitsbedingt bis auf weiteres keine Sprechstunden“. […] Doch geduldige Recherche führt mich in die Ebene 3, Raum B 308 des Bibliotheksgebäudes der Uni Oldenburg: die Kurt-Tucholsky-Forschungsstelle.

Erstaunlich, dass die Forschungsstelle genau da sitzt, wo es auf ihrer Homepage angegeben ist. Und wo man auch sonst alle Angaben findet, um unverzüglich mit den Mitarbeitern in Kontakt zu treten und nachzufragen. Aber da Herr Wetzel nun schon mal an der Uni Oldenburg ist, nutzt er ausführlich die Gelegenheit, mit der übrig gebliebenen Herausgeberin Antje Bonitz zu reden. Dann endlich erfährt der Leser auch, dass die Gesamtausgabe eigentlich schon komplett erschienen ist und der letzte Inhaltsband in diesem Jahr fertiggestellt werden soll. Zum Abschluss fehlen nur noch die Register, deren Veröffentlichung bis 2010 geplant ist. Womit der Rowohlt-Verlag die aktuelle Publikationsgeschwindigkeit von einem Band pro Jahr beibehalten würde.

Auf den Verlag und dessen Tucholsky-Lektor ist der Autor aber dennoch nicht gut zu sprechen.

Schmallippig spricht er von den „verlagsseitig eingeschränkten Möglichkeiten der Finanzierung“, lobt die teuren Bände als ausgesprochen preiswert und erweist sich darüber hinaus als nicht sehr auskunftsfreudig.

Es ist offensichtlich, dass die 22 Bände mit einem Gesamtpreis von fast 1100 Euro kein Verkaufsschlager sind. Daher muss man dem Verlag zumindest zugute halten, das Projekt bis zum Ende fortzuführen. Noch lobenswerter wäre es natürlich, wenn die Gesamtausgabe anschließend auf DVD erschiene und man sie dann noch besser dafür nutzen könnte, wofür sie vor allem geeignet ist: zum wissenschaftlichen Recherchieren. „Vielleicht liest das keine Sau“, glaubt Bonitz sogar selbst und womöglich liegt sie damit gar nicht so falsch, wenn man die Lektüre der Gesamtausgabe mit dem Lesen eines Romans vergleicht.

Was Wetzel mit seinem merkwürdig intendierten Text bei seinen Lesern hervorgerufen hat, kann man in den Kommentaren der Welt-Online wie immer gleich nachlesen. So schreibt „Heidi Bazin“:

Liest man heute die Artikel die Tucholsky in den 30er Jahren geschrieben hat, so meint man, tagesaktuelle Kommentare zu lesen. Kommt die Gesamtausgabe vielleicht deshalb nicht auf den Tisch?

Richtig, Frau Bazin, und vermutlich stecken auch in diesem Fall die CIA und der Mossad dahinter.

Powered by WordPress