3.8.2008

Nicht ganz mit der Wahrheit übereinstimmend

Die Berliner Morgenpost widmet sich derzeit in einer Serie verschiedenen „Liebesgeschichten aus Berlin“. In Folge 11 erklärt Anna Mertens das „Bilderbuch für Verliebte“, wie Tucholskys kurze Geschichte Rheinsberg im Untertitel heißt. Gegen Mertens‘ Interpretationen ist im Großen und Ganzen nichts einzuwenden, wobei eine Behauptung jedoch rätselhaft wirkt:

1912 erschien seine erste Liebesgeschichte unter dem Titel „Rheinsberg – ein Bilderbuch für Verliebte“ mit einem erstaunlich fortschrittlichen Frauenbild, dass der beziehungsunfähige Tucholsky im wahren Leben kaum unterstützte.

Was will die Autorin damit wohl sagen? Zunächst kann man festhalten, dass die „Claire“ in Rheinsberg durchaus eine „fortschrittliche“ Frau war, „daß sie Medizinerin war, wie sie zu sein vorgab, war kaum glaubhaft, jedoch mit der Wahrheit übereinstimmend“, heißt es da. Auch die Beziehungsunfähigkeit, die Tucholsky unterstellt wird, trifft nach Ansicht seiner Biographen ebenfalls zu. Wenn Tucholsky also selbständige und emanzipierte Frauen nicht gut gefunden hätte, warum hat er 1920 ausgerechnet Else Weil, das reale Vorbild der „Claire“, geheiratet? Gerade weil um die Unzulänglichkeiten menschlicher Beziehungen wusste, lag ihm daran, dass auch Frauen in der Lage sein sollten, für sich selbst zu sorgen und nicht von einem verdienenden Ehemann abhängig zu sein. Sämtliche Frauen, mit denen Tucholsky länger liiert war, waren alles andere als „Heimchen am Herd“. Mary Gerold arbeitete vor und nach ihrer Ehe als Sekretärin in Verlagen, Lisa Matthias war Journalistin und Hedwig Müller praktizierte ebenso wie Else Weil als Ärztin. Was Tucholsky allerdings nicht verwinden konnte: am Ende seines Lebens finanziell nicht mehr unabhängig und selbst auf die Unterstützung einer Frau (Hedwig Müller) angewiesen zu sein. So progressiv war er im wahren Leben dann doch nicht.

20.7.2008

Schirmherr Tucholsky

Eines der amüsantesten Pressefotos zum Thema Bundeswehr und Kriegsgegner wurde am 20. Juli 1999 in Berlin geschossen, oder pazifistischer ausgedrückt: geknipst. Man findet es im Ullstein-Archiv hier.

Die Geschichte dazu stand am Samstag noch mal bei der taz, unter der passenden Überschrift: „Tucholsky hat Recht“.

17.7.2008

Soldenhoff-Festspiele in Rheinsberg

Wer sich auf anschauliche und einfühlsame Weise dem Leben Tucholskys nähern möchte, greift noch immer am besten zu Richard von Soldenhoffs Lebensbild, einem schönen Bildband, der 1985 erschienen und nur noch antiquarisch erhältlich ist. Viele Materialien zu Tucholsky hatte Soldenhoff selbst zusammengetragen und sie Anfang der neunziger Jahre in einer Ausstellung gezeigt. Diese Schau bildete später den Grundstock für das Tucholsky-Literaturmuseum in Rheinsberg.

Was aus den Anfängen des Museums inzwischen geworden ist, war Soldenhoff bislang offenbar selbst nicht bekannt. So folgte er gerne einer Einladung der Stadt Rheinsberg, die aus Anlass des Besuchs eine Reihe von Veranstaltungen auf die Beine stellte. Die Lokalpresse in Gestalt der Märkischen Allgemeinen Zeitung dokumentierte die Visite ausführlich mit:

Am interessantesten davon dürfte sicherlich der Text über die Lesung sein, auf der Soldenhoff berichtete, wie er einst zu seiner Tucholsky-Leidenschaft gefunden hatte und warum ihm bei einigen Briefen Tucholskys noch immer die Tränen kommen.

Noch interessanter ist aber vielleicht eine Posse, die sich in den Anfangsjahren des wiedervereinigten Deutschland ereignete und in der Tucholsky, Soldenhoff und ein entzürnter Bundeswehr-General die Hauptrolle spielten. Der Spiegel hatte die Ereignisse um die erste Tucholsky-Ausstellung in Rheinsberg damals ausführlich aufgeschrieben.

15.7.2008

Auf der Suche nach den verlorenen Jahren

In den 1996 erschienenen Marginalien, die der Tucholsky-Gesamtausgabe vorausgeschickt wurden, ist auf Seite 17 ein Editionsplan abgedruckt, der sich im Nachhinein als ziemlich ehrgeizig erwiesen hat: Demnach sollte im Jahr 2003 der letzte der 22 Bände erscheinen, zwei bis drei Bände hätten jedes Jahr gedruckt werden müssen. Daher wäre vor fünf Jahren wohl ein guter Zeitpunkt gewesen, nach den Verzögerungen bei der Edition zu fragen. Schließlich fehlten damals noch 9 der 22 Bände. Aber warum hetzen, mag sich Welt-Autor Lutz G. Wetzel gedacht haben, als er sich dieser Tage auf die Spur der Gesamtausgabe gemacht und dies für seine Zeitung aufgeschrieben hat.

Im Text lässt er seine Leser ausführlich an seiner Recherche teilhaben, die ihn zunächst in entlegene Gefilde wie eine Buchhandlung und auch ins Internet führt.

Die Nachfrage bei den Herausgebern gestaltet sich schwierig. Sehr schwierig sogar. Denn offensichtlich hat ein hartes Schicksal ihre Reihen inzwischen gelichtet. Bedrückende Nachrichten: „Plötzlich und unerwartet“ starb einer von ihnen. „Nach langer, schwerer Krankheit“ der Zweite. Und auf der Homepage des Dritten lese ich „Krankheitsbedingt bis auf weiteres keine Sprechstunden“. […] Doch geduldige Recherche führt mich in die Ebene 3, Raum B 308 des Bibliotheksgebäudes der Uni Oldenburg: die Kurt-Tucholsky-Forschungsstelle.

Erstaunlich, dass die Forschungsstelle genau da sitzt, wo es auf ihrer Homepage angegeben ist. Und wo man auch sonst alle Angaben findet, um unverzüglich mit den Mitarbeitern in Kontakt zu treten und nachzufragen. Aber da Herr Wetzel nun schon mal an der Uni Oldenburg ist, nutzt er ausführlich die Gelegenheit, mit der übrig gebliebenen Herausgeberin Antje Bonitz zu reden. Dann endlich erfährt der Leser auch, dass die Gesamtausgabe eigentlich schon komplett erschienen ist und der letzte Inhaltsband in diesem Jahr fertiggestellt werden soll. Zum Abschluss fehlen nur noch die Register, deren Veröffentlichung bis 2010 geplant ist. Womit der Rowohlt-Verlag die aktuelle Publikationsgeschwindigkeit von einem Band pro Jahr beibehalten würde.

Auf den Verlag und dessen Tucholsky-Lektor ist der Autor aber dennoch nicht gut zu sprechen.

Schmallippig spricht er von den „verlagsseitig eingeschränkten Möglichkeiten der Finanzierung“, lobt die teuren Bände als ausgesprochen preiswert und erweist sich darüber hinaus als nicht sehr auskunftsfreudig.

Es ist offensichtlich, dass die 22 Bände mit einem Gesamtpreis von fast 1100 Euro kein Verkaufsschlager sind. Daher muss man dem Verlag zumindest zugute halten, das Projekt bis zum Ende fortzuführen. Noch lobenswerter wäre es natürlich, wenn die Gesamtausgabe anschließend auf DVD erschiene und man sie dann noch besser dafür nutzen könnte, wofür sie vor allem geeignet ist: zum wissenschaftlichen Recherchieren. „Vielleicht liest das keine Sau“, glaubt Bonitz sogar selbst und womöglich liegt sie damit gar nicht so falsch, wenn man die Lektüre der Gesamtausgabe mit dem Lesen eines Romans vergleicht.

Was Wetzel mit seinem merkwürdig intendierten Text bei seinen Lesern hervorgerufen hat, kann man in den Kommentaren der Welt-Online wie immer gleich nachlesen. So schreibt „Heidi Bazin“:

Liest man heute die Artikel die Tucholsky in den 30er Jahren geschrieben hat, so meint man, tagesaktuelle Kommentare zu lesen. Kommt die Gesamtausgabe vielleicht deshalb nicht auf den Tisch?

Richtig, Frau Bazin, und vermutlich stecken auch in diesem Fall die CIA und der Mossad dahinter.

4.7.2008

Kaffka trifft Tucholski

Am 3. Juli war es 125 Jahre her, dass Franz Kafka in Prag geboren wurde. Klaus Bellin hat zu diesem Anlass im Neuen Deutschland mit Recht darauf hingewiesen, dass Tucholsky zu den ersten Literaturkritikern gehörte, die Kafkas Schriften würdigten, darunter die 1919 erschienene Erzählung In der Strafkolonie:

Ganz anders Kurt Tucholsky. Als die Erzählung, leicht gekürzt, im Mai 1919 bei Kurt Wolff erschien, nannte er sie in der „Weltbühne“ eine „Meisterleistung“ und sprach von einer „grenzenlosen und sklavischen Verneigung“ des folternden Offiziers „vor der Maschine dessen, was er Gerechtigkeit nennt, in Wahrheit: vor der Macht. Und diese Macht hat hier keine Schranken.“ Tucholsky gehörte zu den wenigen, die den Rang Kafkas gleich erkannten. Schon 1913 hatte er sich voller Anerkennung über die „Betrachtung“ geäußert.

Kafka war für Tucholsky jedoch schon einige Jahre vorher ein Begriff. Im jüngst erschienenen Band 16 der Gesamtausgabe taucht der Prager Versicherungsbeamte in einem der ersten Briefe auf, die von Tucholsky überhaupt überliefert sind. So hieß es einem Schreiben vom 5. November 1911 an Kafkas Freund Max Brod:

Ich bitte Sie, mich Herrn Dr. Kaffka und Herrn Baum zu empfehlen.

Tucholsky hatte Kafka (die ungewöhnliche Schreibweise von Kafkas Namen tauchte auch 1920 in der Besprechung der „Strafkolonie“ wieder auf) und den blinden Schriftsteller Oskar Baum wenige Wochen zuvor in Prag kennengelernt, als er zusammen mit seinem Freund Kurt Szafranski Max Brod besucht hatte. Nach der Begegnung am 30. September 1911 hatte Kafka in seinem Tagebuch über Tucholsky notiert:

…ein ganz einheitlicher Mensch von 21 Jahren. Vom gemäßigten und starken Schwingen des Spazierstocks, das die Schulter jugendlich hebt, angefangen bis zum überlegten Vergnügen und Mißachten seiner eigenen schriftstellerischen Arbeiten. Will Verteidiger werden, sieht nur wenige Hindernisse – gleichzeitig mit der Möglichkeit ihrer Beseitigung: seine helle Stimme die nach dem männlichen Klang der ersten durchredeten halben Stunde angeblich mädchenhaft wird – Zweifel an der eigenen Fähigkeit zur Pose, die er sich aber von größerer Welterfahrung erhofft – endlich Angst vor einer Verwandlung ins Weltschmerzlerische, wie er es an ältern Berliner Juden seiner Richtung bemerkt hat, allerdings spürt er vorläufig gar nichts davon. Er wird bald heiraten.

Um sich im nächsten Absatz für die falsche Schreibweise zu revanchieren:

Gestern abend auf dem Nachhauseweg hätte ich mich als Zuschauer mit Tucholski verwechseln können. Das fremde Wesen muß dann in mir so deutlich und unsichtbar sein, wie das Versteckte in einem Vexierbild, in dem man auch niemals etwas finden würde, wenn man nicht wüßte, daß es drin steckt.

Eine der letzten Reverenzen Tucholskys an Kafka stammt aus dem Jahre 1930:

Kafka. Ganz großer Mann. Ich habe ihn noch gekannt – aus Berlin und Prag. Willy Haas hat schön über ihn geschrieben. Ein großer Dichter.

schrieb er orthografisch korrekt an die „Katholikin“ Marierose Fuchs. Dem zu diesem Jahrestag wohl nichts hinzuzufügen ist.

27.6.2008

Was macht eigentlich … die taz?

Tucholsky loben

Aus diesem Anlass und weil es „ungefähr siebenhundertfünfunddreißigtausendzweihundertundneun gute Gründe“ gibt,

den Publizisten Kurt Tucholsky auch heute noch großartig zu finden. Der Mann hat die Weimarer Republik vollgeschrieben, hat sich für alles zuständig gefühlt und gegen alles angetextet, was auch nur entfernt nach Missstand aussah. Er beschimpfte, wenn es sein musste, Kaiser, Präsidenten, das Deutsche Rote Kreuz, Patrioten und Kollegen. Meistens musste es sein, wenn es nach Tucholsky ging. Die Welt gibt einem ja zu jeder Zeit genügend Gründe für ein Ärgernis.

Und doch sind seine Texte kein Stück griesgrämig. Im Gegenteil: Tucholsky hatte Humor. Wie hätte er die ganze Scheiße sonst auch ertragen können? Einmal hackt er zum Beispiel seitenlang auf einem dummbatzigen Zensurgesetz herum und endet mit dem brillanten Satz: „Dieses Gesetz gegen Schmutz und Schande fällt unter sich selbst.“

Der Anlass selbst, die Übergabe der restaurierten Grabstätte von Tucholskys Eltern Alex und Doris, erinnerte einen an manch schlechten oder auch guten Film, wie beispielsweise Wolfgang Staudtes „Untertan“, in dem es bei einer Denkmalseinweihung ein bisschen anfängt zu regnen.

Das Ganze sah am Freitagnachmittag, 16.30 Uhr, auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee ungefähr so aus:



Kulturstaatssekretär André Schmitz beschirmt Tucholskys Großcousine Brigitte Rothert



Etwa 100 Gäste nahmen an der Übergabe teil, darunter auch Claus Peymann und Gisela May (vordere Schirme Mitte)



Die restaurierte Grabanlage

26.6.2008

In Weißensee, in Weißensee

Der Familie Tucholsky erging es nicht viel anders als den anderen jüdischen Familien in Deutschland. Ihre Mitglieder flüchteten entweder vor den Nazis ins Ausland oder sie kamen im KZ ums Leben. Zurück blieben als einzige Erinnerung oft nur die Grabstellen auf den Friedhöfen. Alleine auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee sind es 115.000. Ohne die Pflege durch Angehörige verfallen diese Grabmäler zusehends.

Das galt bis vor kurzem auch für die Grabstätte von Tucholskys Eltern Alex und Doris. Inzwischen wurde die Anlage jedoch saniert. Am Freitag, dem 27. Juni, soll sie im Beisein des Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz und des Rabbiner Andreas Nachama feierlich übergeben werden. Tucholsky Großcousine Brigitte Rothert berichtet dabei über das Schicksal der einst weit verzweigten Familie. Dabei will sie auch enthüllen, dass ein naher Verwandter Tucholskys – obwohl er im Exil in den USA starb – nicht unweit seiner Familie begraben liegt.

2.6.2008

Verlage in treuen Händen

Die Parallelen sind schon frappierend. „Zu diesem bösem Spiel fällt uns nichts mehr ein!“, schrieben die Mitarbeiter eines Verlages, denen der Verleger Bernd F. Lunkewitz gerade den Boden unter den Füßen weggezogen hatte. Wegen gerichtlicher Streitigkeiten hatte er entschieden, das angeschlagene Unternehmen nicht mehr weiterzuführen. Die letzten Sätze seiner Erklärung dazu lauteten:

Da auch die Treuhandanstalt (…) den Verlag nicht an sich zog, wird er „abgewickelt“ wie so vieles in diesem Lande, was durchaus noch hätte weiterleben können. So kann die konsequente Umsetzung der Gerechtigkeit zu Ungerechtigkeit führen.

Nein, es handelt sich dabei nicht um das Schicksal des Aufbau-Verlages, der in diesen Tagen seine eigenen Erfahrungen mit Lunkewitz machen musste. Es ging um das Ende der „Weltbühne“, das durch einen Rechtsstreit zwischen Peter Jacobsohn, dem Sohn Siegfried Jacobsohns, und dem Verlag der Weltbühne im Juli 1993 besiegelt wurde. Wie dieses Ende sich genau zugetragen hat, ist an dieser Stelle ausführlich nachzulesen. Aber schon damals schien den Mitarbeitern nicht ganz klar, was ihr Verleger eigentlich vorhatte. Nach Ansicht inzwischen gestorbener Prozessbeteiligter trug er seinen Spitznamen nicht zu Unrecht. Besonders perfide empfanden die betroffenen Mitarbeiter, dass Lunkewitz durch sein Verhalten vor Gericht dem Verlag auch unter einem anderen Besitzer jede Zukunft verbaut hatte. Denn dem Verlag war künftig untersagt, den Titel der „Weltbühne“ weiter zu nutzen. Und seitdem ist die Zeitschrift auch nie wiederbelebt worden.

Wie es mit dem Aufbau weitergeht, ist derzeit alles andere als klar. Gut möglich, dass Gerechtigkeit wieder zu Ungerechtigkeit führen wird. Dieses Mal will Lunkewitz die Gerechtigkeit offenbar auf seiner Seite wissen.

30.5.2008

Barock around the clock

Tucholsky hat in seinem Leben etliche Texte zusammengeklappert oder geschmiert, wie er es bisweilen ausdrückte. Neben journalistischen Arbeiten gehörten dazu Erzählungen, Gedichte, Chansons, aber auch eine nie aufgeführte Revue, ein selten gespieltes Theaterstück („Christoph Kolumbus“) sowie ein unverfilmtes Drehbuch („Seifenblasen“). Nicht überliefert ist dagegen, dass er sich einmal an einem Opernlibretto versuchte. Was auch daran gelegen haben mag, dass er nicht als besonderer Freund des klassischen Musiktheaters bekannt war: „Ich bin unmusikalisch. (…) Musik läßt mich aufhorchen; wenn ich sie höre, habe ich ein Bündel blödsinniger Assoziationen – und dann verliere ich mich im Gewirr der Töne, finde mich nicht mehr heraus … Und um rat- und hilflos zu sein, dazu brauche ich schließlich nicht erst in eine Oper zu gehen“, bemerkte er einmal einem spöttischen Text über „Die Musikalischen“.

Tucholsky-Fans horchen daher auf, wenn eine Opernsängerin ankündigt, Tucholsky-Texte als barocke Arien zu singen. Am 23. Mai präsentierte die Sopranistin Kirstin Hasselmann ein solches Programm in Berlin. Begleitet wurde sie von dem Jazzgitarristen Takashi Peterson auf einer E-Gitarre, was eine gewisse Brechung des Operngenres versprach.

Bei solchen Experimenten stellt sich natürlich immer die Frage, ob es „funktioniert“. Ob es möglich und sinnvoll ist, die Texte einmal anders als in der üblichen Holländer-, Nelson- oder Eisler-Vertonung oder in moderneren Fassungen zu hören. Wobei die Tatsache an sich, diese Konventionen einmal zu brechen und sich auf neues Terrain zu wagen, schon zu begrüßen ist.

Tucholsky selbst war generell durchaus kritisch, was den Bühnenvortrag von Texten betrifft, die ursprünglich nicht für Hörer, sondern für Leser gedacht waren:

Die meisten Verse, die ich geschrieben habe, sind für das Auge geschrieben – sie klingen nur so, als wirkten sie auch gesprochen. Das tun aber manche mitnichten, ich weiß es. Die für das Ohr geschrieben sind, veröffentliche ich selten, denn sie erschienen wieder dem Auge leer. Lesend verstehn wir sehr rasch – hörend viel, viel langsamer. In einer zu singenden Strophe ist nur für einen einzigen Gedanken Platz – in einer gedruckten darf, ja, sollte jede Zeile etwas Neues enthalten.
Peter Panter: „Otto Reutter“, in: Die Weltbühne, 16.2.1932, S. 254ff.

Was dieses Problem betrifft, so kann sich Tucholsky in vorliegenden Fall nicht postum beschweren. Im Gegenteil. Die Arien geben den Texten sehr viel Raum. Hasselmann beschränkt sich darauf, einzelne Sätze eines Textes oder Strophen eines Gedichtes vorzutragen. Was diesen von Natur aus eine gewisse Schwere und Bedeutung verleiht, die sie innerhalb des gesamten Textes sonst nicht hätten. Ergänzt werden die Arien durch Vorträge einzelner Texte wie „Zur soziologischen Psychologie der Löcher“ oder „Der Mann im Spiegel“. Der rote Faden, der sich durch das einstündige Programm zieht, ist Tucholskys Leben. Wobei man in diesem Fall besser von einem schwarzen Faden sprechen sollte, denn Hasselmann beginnt mit dessen vorweggenommenen Ende, dem satirischen „Requiem“ von 1923, das Tucholsky für sein Pseudonym Ignaz Wrobel geschrieben hatte. In der ersten Hälfte des Abends kommt der politische und satirische Tucholsky zu Wort beziehungsweise zu Gesang. Nach einer Zäsur, die von Peterson in einer großartigen Improvisation über ein Bach-Menuett markiert wird, schildern die Arien dann eher den melancholischen und selbstbezüglichen Schriftsteller, der sich über die Grenzen seines Schaffens klar zu werden versucht. Ebenso wie Tucholsky am Ende nur noch „Schnipsel“ veröffentlichte, fallen auch aus den Requisiten die Papierschnipsel, als löse sich das Werk des Autors in seine Bestandteile auf.

Hat der Abend also „funktioniert“? An der musikalischen Leistung von Hasselmann und Peterson, sofern dies ein unmusikalischer Menschen beurteilen darf, gibt es nichts auszusetzen. Das gilt auch für die Inszenierung, die im Robert Stolz Verein mit wenigen Mitteln auskommen musste. Aber die Kombination von Musik und Text, die laut Programm durch „wechselseitige Spiegelungen“ neue Wahrnehmungen öffnen soll? Im Journalismus ist von Text-Bild-Scheren die Rede, wenn die Bildunterschrift sich mit dem Foto beißt. Vielleicht gibt es in der Musik analog Text-Musik-Scheren. Es ist für das Ohr schon sehr ungewohnt, Musik von Bach, Telemann, Händel und Gluck mit modernen Gedanken und Begriffen in Verbindung zu bringen. Vor allem, wenn es sich dabei nicht um eine Parodie handelt. Es ist aber auch gut möglich, dass gerade dieser Gegensatz einiges vom Wesen Tucholskys einfängt. Denn Tucholsky war ein eher barocker, sinnenfroher Mensch, der sich in der schnelllebigen Moderne und in der politisch aufgeheizten Epoche der Weimarer Republik im Grunde unwohl fühlte. „Mich haben sie falsch geboren“, lautete ein häufiges Lamento seit 1924. Wenn er in der richtigen Zeit gelebt hätte, hätte er bestimmt auch mal ein Libretto geschrieben.

Weitere Vorstellungen am 6.6., 4.7., 25.7. um 20 Uhr im Robert Stolz Verein, Langenscheidtstr. 11 in Schöneberg (U 7 Kleistpark)

10.5.2008

Auf Ochsenkarren zum Scheiterhaufen

Der 75. Jahrestag der Bücherverbrennung ist von Politik, Gesellschaft und Medien seit Wochen gebührend gewürdigt worden. Vor dem Brandenburger Tor in Berlin fand am Freitag eine zentrale Veranstaltung statt, auf der Bundespräsident Horst Köhler laut „Süddeutscher Zeitung“ „eine beeindruckende Rede“ hielt. Köhler betonte darin, dass es vor allem Akademiker waren, die die Bücher verbrannten:

Die Geschichte der geistigen Vorbereitung der Bücherverbrennung führt uns die beschämende Tatsache vor Augen, dass die ersten Institutionen in Deutschland, in denen der Nationalsozialismus die Meinungsführerschaft und dann auch, etwa in Studentenausschüssen, die Mehrheit erobert hatte, die deutschen Universitäten waren. Hier, an den Stätten, die doch der geistigen Freiheit, der Kritik, der argumentativen Auseinandersetzungen hätten dienen sollen, wurde der Geist der Unfreiheit, der Intoleranz, der Ausgrenzung erzeugt.

In einem weiteren von insgesamt vier Artikeln zu dem Thema weist die SZ darauf hin, dass die wissenschaftliche Aufarbeitung des Themas seit dem 50. und 70. Jahrestag nicht viel Neues ergeben habe. Neu ist dagegen die „Bibliothek der verbrannten Bücher“, die das Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrum herausgibt. Unter den ersten zehn Bänden der auf 120 Bücher konzipierten Reihe ist auch Kurt Tucholskys 1931 erschienener Sammelband Lerne Lachen ohne zu weinen. Neu im Internet ist außerdem die „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“, die der Berliner Senat online gestellt hat. Tucholsky ist mit „sämtlichen Schriften“ ebenfalls in der Liste enthalten. Man findet den Eintrag aber nur, wenn man die Schreibweise seines Namens (Tucholski) eingibt, die die Nazis offiziell gebrauchten.

Zum 70. Jahrestag gab es ebenfalls noch nicht den ausführlichen Wikipedia-Artikel zu den Bücherverbrennungen von 1933 . Dort finden sich viele Hintergrundangaben, Originaldokumente und Links zu weiterführenden Seiten. Und auch Tucholskys Reaktion auf die Bücherverbrennung in einem Brief vom 17. Mai 1933 an Walter Hasenclever:

Unsere Bücher sind also verbrannt. Im Buchhändlerbörsenblatt ist eine große Proskriptionsliste für in vierzehn Tagen angekündigt. Dieser Tage stand an der Spitze des Blattes im Fettdruck: „Folgende Schriftsteller sind dem deutschen Interesse abträglich. Der Vorstand des Börsenvereins erwartet, daß kein deutscher Buchhändler ihre Werke verkauft. Nämlich: Feuchtwanger – Glaeser – Holitscher – Kerr – Kisch – Ludwig – Heinrich Mann – Ottwalt – Plivier – Remarque – Ihr getreuer Edgar [= Kurt Tucholsky] – und Arnold Zweig.“ In Frankfurt haben sie unsere Bücher auf einem Ochsenkarren zum Richtplatz geschleift. Wie ein Trachtenverein von Oberlehrern. […]
Da kommen sie nun aus allen Löchern gekrochen, die kleinen Provinznutten der Literatur, nun endlich, endlich ist die jüdische Konkurrenz weg – jetzt aber! Will Vesper in seiner Neuen Literatur: immer feste! (Ich werde nun langsam größenwahnsinnig – wenn ich zu lesen bekomme, wie ich Deutschland ruiniert habe. Seit zwanzig Jahren aber hat mich immer dasselbe geschmerzt: daß ich auch nicht einen Schutzmann von seinem Posten habe wegbekommen können.) Binding ist ein großer Mann. Dann: Lebensgeschichten der neuen Heroen. Und dann: Alpenrausch und Edelweiß. Mattengrün und Ackerfurche. Schollenkranz und Maienblut – also Sie machen sich keinen Begriff, Niveau null.

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