6.5.2013

Heimat, deine Zeitschriften

Einer der am meisten rezipierten Tucholsky-Texte ist eine Liebeserklärung an Deutschland. »Der Staat schere sich fort, wenn wir unsere Heimat lieben«, heißt am Ende des »Deutschland«-Buches, dieser an sich harten Abrechnung mit seinem Land.

Trotz dieser Heimatliebe hatte Tucholsky Deutschland schon 1924 verlassen. Seine geistige Heimat blieb ihm hingegen erhalten: die Weltbühne. Mit der Geschichte und dem Mythos der linksintellektuellen Wochenschrift beschäftigt sich der Historiker Alexander Gallus in einer ausführlichen Studie. In seinem Buch »Weltbühne. Eine Intellektuellengeschichte im 20. Jahrhundert« beleuchtet er das »Staats- und Demokratiedenken ausgewählter Autoren und Redakteure der Weimarer Weltbühne«. Da es Gallus jedoch darum geht, dieses Denken angesichts der Wechselfälle der deutschen Geschichte bis in die Gegenwart darzustellen, stehen die prominentesten Weltbühne-Journalisten – Siegfried Jacobsohn, Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky – nicht im Mittelpunkt. Gallus untersucht die Lebenswege von Kurt Hiller, Axel Eggebrecht, William S. Schlamm und Peter Alfons Steiniger. Sie alle verband – so behauptet Gallus – »ein politisch-publizistisches Erweckungserlebnis durch die alte Weltbühne, die sie als eine geistige Heimat begriffen, deren Verlust sie melancholisch stimmte und die sie mitunter kämpferisch wiederbeleben wollten«.

Diese Grundthese des Buches sollte man sich als Leser am besten aus dem Kopf schlagen. Denn sie stimmt einfach nicht und lässt sich auf den folgenden 400 Seiten lediglich im Fall Eggebrecht belegen. Im Fall Steinigers räumt Gallus selbst sein, dass dieser inhaltlich nicht begründen konnte, warum er zu Weltbühne geneigt habe. Auch bei Schlamm bleibt offen, was erweckt wurde, als er 1932 die Wiener Weltbühne übernahm, obwohl er zuvor nur einmal für die Berliner Weltbühne geschrieben hatte. Und Hiller lag offenbar permanent im Clinch mit Herausgeber Jacobsohn, der sich 1926 bei Tucholsky beklagte: »Ich fürchte, dass es mit mir und Kurtchen Hiller nicht mehr lange währen wird. Es ist nicht zu sagen, was dieser arme Homosaxone sich an Hysterie, Verfolgungswahn, Eitelkeit, Empfindlichkeit, Anmaßung und Geschmacklosigkeit brieflich leistet.« Klar ist jedoch: Wer häufiger und länger für eine radikaldemokratische, pazifistische und antimilitaritische Zeitschrift schreibt, wird diesen Positionen nicht ganz fern stehen.

Die Lektüre von Gallus’ Studie lohnt sich dennoch, denn sie bietet einen fundierten Abriss der wissenschaftlichen Forschung und der publizistischen Debatte über das Blättchen, wie S.J. seine Zeitschrift nannte. Zudem präsentiert Gallus wichtige Stationen und Positionen in der Karriere der vier Protagonisten, womit er im Falle von Schlamm und Steiniger eine klaffende Forschungslücke füllt. Allerdings sind die Porträts nicht als eigentliche Biografien zu lesen. Zu sehr steht das politische Denken im Mittelpunkt.

Alle vier Autoren schrieben schon vor 1933 für die Zeitschrift und setzten nach der Machtübernahme der Nazis beziehungsweise nach dem Zweiten Weltkrieg ihre publizistische Tätigkeit fort. Auf höchst unterschiedliche Weise. Während sich Hiller (1885-1972) als »Ego-Dogmatiker« treu und auch im neuen deutschen (West-)Staat ein Außenseiter blieb, machte Eggebrecht (1899-1991) Karriere beim Nordwestdeutschen Rundfunk als Radio-Journalist. Schlamm (1904-1978) wandelte sich hingegen vom Sozialisten zum extremen Rechtsausleger, der nach seiner Rückkehr nach Europa sogar dem Axel-Springer-Verlag zu konservativ wurde. Gänzlich los vom Journalismus machte sich Steiniger (1904-1980), der in der DDR als linientreuer Parteisoldat zum hochdekorierten Verfassungsrechtler aufstieg.

Der überzeugteste Weltbühnerianer von den vier dürfte Eggebrecht gewesen sein. Für ihn war die Zeit mit den roten Heften »die besten Jahre«, war Siegfried Jacobsohn sein Lehrmeister. S.J. habe ihn gelehrt, »Menschen, Bücher, Literatur, das ganze Leben unbefangen zu betrachten«. Eggebrecht wurde durch dieses Denken geprägt, weniger im politischen als im journalistischen und persönlichen Sinne.

Ganz anders Kurt Hiller. Für ihn war die Weltbühne vor allem ein Publikationsorgan, sein wichtigstes und renommiertestes. Seine pointierten Positionen – er schwärmte für den Kraftkerl Mussolini und wetterte gegen die Diktatur der demokratischen Mittelmäßigkeit – waren auch innerhalb des Blattes nicht unumstritten. Nach seiner Flucht aus Deutschland im Herbst 1934 publizierte er wieder häufig in der Neuen Weltbühne, jedoch kam es 1936 zum Zerwürfnis mit dem Herausgeber Hermann Budzislawski. Nach dem Krieg hoffte Hiller auf eine herausgehobene Position in der westdeutschen Medienlandschaft. Doch eine solche Anerkennung blieb ihm verwehrt.

Dies galt nicht für Schlamm. Nach seiner Abberufung als erster Herausgeber der Neuen Weltbühne ging er ins Exil in die USA, wo er »frühzeitig Erfolge im amerikanischen Mediensystem verzeichnete«, wie Gallus schreibt. Noch in Europa soll er sich zum Antikommunisten gewandelt haben, der die USA dann zum harten Widerstand gegen die totalitären Feinde der Demokratie, Hitler und Stalin, aufforderte. Zurück in Europa sorgte Schlamm 1959 mit dem Buch »Die Grenzen des Wunders« für Aufsehen. Darin forderte er ein starkes deutsch-amerikanisches Bündnis gegen die Sowjetunion, das auch zum Atomkrieg entschlossen sein sollte. War er in den sechziger Jahren noch gefragter Kolumnist beim Stern und bei der Welt am Sonntag, wurde er Anfang der siebziger Jahre selbst für den Springer-Verlag untragbar. So gründete er 1972 schließlich eine eigene Zeitschrift: die Zeitbühne. Ein konservatives Kampfblatt gegen den »linken Zeitgeist«.

Einen gänzlich anderen Lebensweg schlug Peter Alfons Steiniger ein. Schon als 19-Jähriger schrieb er Leitartikel für die Weltbühne. Sehr ungewöhnlich für einen jungen Studenten, der sich in seinen Texten mit dem demokratischen System der Weimarer Republik befasste und unter anderem vorschlug, die vielen Splitterparteien zu drei Blockparteien zu bündeln. Gallus’ Behauptung, Steiniger sei über Hillers Gruppe Revolutionärer Pazifisten zur Weltbühne gestoßen, ist jedoch nicht plausibel. Denn 1926, als Hiller seine Gruppe gründete, hatte Steiniger fast alle seiner 32 Weltbühne-Artikel schon geschrieben und dieses Lebenskapitel im Alter von 23 Jahren bereits abgeschlossen. Gegen Ende der Weimarer Republik promovierte er als Jurist und arbeitete anschließend als Gerichtsreferendar in Berlin. Als Sohn einer deutsch-jüdischen Familie blieb ihm die juristische Karriere verwehrt. Aus der Not heraus biederte er sich beim NS-Regime an, um als Schriftsteller publizieren zu können. Nach dem Krieg legte Steiniger »eine linientreue Musterkarriere im sozialistischen deutschen Staat hin«. Zwar holte ihn seine Vergangenheit 1950 kurz ein, als seine kommunismuskritischen Texte in der WB und seine Bittbriefe an Goebbels ausgeschlachtet wurden. Doch anschließend vertrat er – unter den Argusaugen der Stasi – als Verfassungs- und Völkerrechtler an der Berliner Humboldt-Universität umso vehementer die Positionen der Partei. Die »Einheit von Parteilichkeit und Wissenschaft« war laut Gallus klar gegeben. Von einem unabhängigen Denken wie bei der Weltbühne war keine Spur mehr zu sehen.

Nach den vier Biografien der Autoren folgen noch 30 Seiten, auf den Gallus Bilanz zieht. Doch dahinter steckt nicht mehr als ein Nacherzählen der vier Lebensläufe, die er zuvor präsentiert hat. Festzuhalten bleibt dabei die Skepsis, die Eggebrecht seiner gewachsenen Anerkennung als Intellektueller in der Bundesrepublik entgegenbrachte. Die geschmähten Außenseiter der Weimarer Republik hätten nun einen »festen Platz im politischen System« erhalten. Es habe sich eine »Aussöhnung oder wenigstens Anerkenntnis zwischen Staat und Kritiker« vollzogen, schreibt Gallus.

Die Tatsache, dass ein Autor in einer bestimmten Phase seines Lebens für ein bestimmtes Medium geschrieben hat, muss offenbar kein prägendes Wesensmerkmal sein. Vielleicht wäre es daher besser gewesen, anstelle von Steiniger und Schlamm engagierte Weltbühnerianer wie Heinz Pol und Walther Karsch in die Auswahl zu nehmen. Beide stießen als junge Journalisten zu dem Blatt und hatten über viele Jahre persönlichen Kontakt zu den Herausgebern. Auch der Ökonom Fritz Sternberg hätte ein Kandidat für die Auswahl sein können. Gallus nennt jedoch sechs Gesichtspunkte, die für die Auswahl aus den aberhundert Weltbühne-Autoren entscheidend gewesen seien. Dazu gehört unter anderem, dass sich die Autoren »während ihrer gesamten Schaffensperiode als genuin politische Publizisten oder Akteure verstanden«. Aus diesem Grund sei Karsch durchs Raster gefallen, weil er nach dem Krieg als Feuilletonist gearbeitet habe. Aber Eggebrecht hat in der Weltbühne ebenfalls hauptsächlich Filmkritiken geschrieben.

Und Tucholsky? Hätte er noch mal eine geistige Heimat gefunden, wenn er den Krieg überlebt hätte? Diese Frage hat sich der Journalist und Tucholsky-Preisträger Erich Kuby schon 1965 gestellt und nicht gerade positiv beantwortet:

1945 Rückkehr aus Schweden, Mitarbeiter am 3. Programm des Norddeutschen Rundfunks unter englischen Majoren und Axel Eggebrecht, 1959 Feuilletonredakteur am L’Express in Paris, 1960 Herausgeber einer Taschenbuchreihe rororo-aktuell, 1964 Rückkehr nach Schweden, 1965, wer weiß, Selbstmord am Mälarsee.

Ein Außenseiter wäre Tucholsky nach Ansicht Kubys aber nicht mehr gewesen: »Unsere herrschende Klasse findet Tucholsky einen äußerst liebenswerten Sohn ihres liebenswerten Volkes.«

Alexander Gallus: Heimat Weltbühne. Eine Intellektuellengeschichte im 20. Jahrhundert. Wallstein Verlag, Göttingen 2012, ISBN 978-3-8353-1117-6.421 Seiten, 34,90 Euro.

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