Festprogramm zur berliner Season

  1. »Haus der Nationen«, Weinabteilung, allabendlich 21 und 23 Uhr: Auf- und Abziehen eines Reichstagsgewitters; an der Windmaschine: Georg Bernhard. Lachabteilung: Schuhplattler zu Ehren des 60. Geburtstags seiner königlichen Hoheit des Prinzen Rupprecht von Bayern, Damen: Bäumer, v. Oheimb; Herren: Breitscheid, Bronnen; Arizona-Bar, 22 Uhr: Reichsbankpräsident Schacht kreiert das französische Champagnerlied Extra dry, anschließend internationaler Beifall.
  2. Straßenkampfmanöver der Schutzpolizei zwischen Wittenplatz und Halensee unter Mitwirkung des Schupo-Sinfonie-Orchesters (Beethoven: »Lied an die Freude«), Dachschützen: Paul Morgan und Kurt Robitschek; Führer der Hundertschaft: Fritz Kortner und Hans Albers. Gleichzeitig besichtigen die Mitglieder der mailänder Scala die berliner Scala und äußern sich höchst befriedigt darüber; Hin- und Rücktransport der Künstler im geschlossenen Auto, um anlässlich der Kurfürstendamm-Manöver unliebsame Verwechslungen mit einheimischen Fremdstämmigen zu vermeiden.
  3. Prof. Einstein legt auf dem Bauplatz am Bahnhof Friedrichstraße eigenhändig den Grundstein zu dem ihm vom Magistrat als Ehrengeschenk überwiesenen Hochhaus, anschließend Lustfahrt zum berliner Wohnungsamt zwecks Überreichung eines weißen Scheins.
  4. Vorfeier zum siebzigsten Geburtstag von Gerhart Hauptmann. Ansprache Leopold Jessner auf der erstmalig rollenden, kontraktlich neumontierten Freitreppe des Staatstheaters: »Hat Doktor Gerhart Hauptmann gelebt?«
  5. Eröffnung der Großen berliner Kunstausstellung im Funkturmrestaurant; im Fahrstuhl: Max Liebermann mit seinem Originalgemälde: Der Reichspräsident in Stahlhelmuniform vor schwarzrotgoldnem Grunde, von 21.30 bis 24.15 Scheinwerferbeleuchtung; anschließend Besichtigung der Rundfunkzensur unter sachverständiger Führung. Jeder Teilnehmer zahlt 5000 Mark Konventionalstrafe.
  6. Vortrag des Herrn Oberbürgermeisters Böß: »Warum ich noch immer Bürgermeister bin.« Mit Lichtbildern.
  7. Feierliche Aufstellung der Berolina in der Redaktion des Acht-Uhr-Abendblatts, vierte Etage, erste Tür links.
  8. Auf den vereinigten rotweiß-blauweißen Tennisplätzen des Klubs Lilaweiß, mittags 3–4: Schauohrfeigen zwischen Frau von Reznicek und Frau Außem.
  9. Fremde, die kein Hotelzimmer gefunden haben, erhalten Freischlafplätze in der Volksbühne am Bülowplatz. Polizeiliches Geleit.
  10. Käses Rundfahrten durch die Stadt für angelsächsische Festspielbesucher. Am Megaphon: Arnold Zweig und Lion Feuchtwanger.
  11. Überführung des Karl-May-Museums aus Radebeul in die Galerie Flechtheim.
  12. Propagandatag für das pommersche Frischei.
  13. Allabendlich 22 Uhr, Fernbahnhof Friedrichstraße: Flucht eines Berliner Notars mit oder ohne Familie. Im Falle einer Behinderung springt ein Bankier ein.
  14. Abschließend: Dankgottesdienst der Reichswehr am Pergamonaltar.

Old Shatterhand

In: Die Weltbühne, 21. Mai 1929

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1.1.2004

Festprogramm zur berliner Season

  1. »Haus der Nationen«, Weinabteilung, allabendlich 21 und 23 Uhr: Auf- und Abziehen eines Reichstagsgewitters; an der Windmaschine: Georg Bernhard. Lachabteilung: Schuhplattler zu Ehren des 60. Geburtstags seiner königlichen Hoheit des Prinzen Rupprecht von Bayern, Damen: Bäumer, v. Oheimb; Herren: Breitscheid, Bronnen; Arizona-Bar, 22 Uhr: Reichsbankpräsident Schacht kreiert das französische Champagnerlied Extra dry, anschließend internationaler Beifall.
  2. Straßenkampfmanöver der Schutzpolizei zwischen Wittenplatz und Halensee unter Mitwirkung des Schupo-Sinfonie-Orchesters (Beethoven: »Lied an die Freude«), Dachschützen: Paul Morgan und Kurt Robitschek; Führer der Hundertschaft: Fritz Kortner und Hans Albers. Gleichzeitig besichtigen die Mitglieder der mailänder Scala die berliner Scala und äußern sich höchst befriedigt darüber; Hin- und Rücktransport der Künstler im geschlossenen Auto, um anlässlich der Kurfürstendamm-Manöver unliebsame Verwechslungen mit einheimischen Fremdstämmigen zu vermeiden.
  3. Prof. Einstein legt auf dem Bauplatz am Bahnhof Friedrichstraße eigenhändig den Grundstein zu dem ihm vom Magistrat als Ehrengeschenk überwiesenen Hochhaus, anschließend Lustfahrt zum berliner Wohnungsamt zwecks Überreichung eines weißen Scheins.
  4. Vorfeier zum siebzigsten Geburtstag von Gerhart Hauptmann. Ansprache Leopold Jessner auf der erstmalig rollenden, kontraktlich neumontierten Freitreppe des Staatstheaters: »Hat Doktor Gerhart Hauptmann gelebt?«
  5. Eröffnung der Großen berliner Kunstausstellung im Funkturmrestaurant; im Fahrstuhl: Max Liebermann mit seinem Originalgemälde: Der Reichspräsident in Stahlhelmuniform vor schwarzrotgoldnem Grunde, von 21.30 bis 24.15 Scheinwerferbeleuchtung; anschließend Besichtigung der Rundfunkzensur unter sachverständiger Führung. Jeder Teilnehmer zahlt 5000 Mark Konventionalstrafe.
  6. Vortrag des Herrn Oberbürgermeisters Böß: »Warum ich noch immer Bürgermeister bin.« Mit Lichtbildern.
  7. Feierliche Aufstellung der Berolina in der Redaktion des Acht-Uhr-Abendblatts, vierte Etage, erste Tür links.
  8. Auf den vereinigten rotweiß-blauweißen Tennisplätzen des Klubs Lilaweiß, mittags 3–4: Schauohrfeigen zwischen Frau von Reznicek und Frau Außem.
  9. Fremde, die kein Hotelzimmer gefunden haben, erhalten Freischlafplätze in der Volksbühne am Bülowplatz. Polizeiliches Geleit.
  10. Käses Rundfahrten durch die Stadt für angelsächsische Festspielbesucher. Am Megaphon: Arnold Zweig und Lion Feuchtwanger.
  11. Überführung des Karl-May-Museums aus Radebeul in die Galerie Flechtheim.
  12. Propagandatag für das pommersche Frischei.
  13. Allabendlich 22 Uhr, Fernbahnhof Friedrichstraße: Flucht eines Berliner Notars mit oder ohne Familie. Im Falle einer Behinderung springt ein Bankier ein.
  14. Abschließend: Dankgottesdienst der Reichswehr am Pergamonaltar.

Old Shatterhand

In: Die Weltbühne, 21. Mai 1929

1 Kommentar »
  1. […] es sich nun mit dem zweiten »Old Shatterhand«? Dabei handelt es sich um den Text »Festprogramm zur berliner Season«, erschienen am 21. Mai 1929 in der Weltbühne. Auch in diesem Fall könnte es sich von Stil […]

    Pingback by Sudelblog.de - Das Weblog zu Kurt Tucholsky » Old Shatterhand – ein Pseudonym Tucholskys? — 1.6.2010 @ 11:14

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