Q-Tagebuch (Beilage zum Brief vom 21.9.1934 an Hedwig Müller)

QUATSCHE-TAGEBUCH

gefiehrt für Nuuna von Peter

/ / / Sehr hipsch war im Blättchen ›Kurhotels‹, wo anlege, weil Du es vielleicht übergesehn hast. Es ist leider genau so geschrieben wie die Hotellen, aber sonst ganz richtig. Ein bißchen spät kommt dem Herrn diese Erkenntnis. Ausgezeichnet war die Rede mit „Vohlksgenossen!“ aber da fehlt das j, das da drin ist, man kann das aber nicht schreiben. Sie war wirklich schön. Sonsten …

Die russischen Berichte sind erstens einmal alle ganz oberflächlich. Begeisterung ist schön – Fleisch auf dem Teller wäre besser. Die Auszüge der Reden, die da gehalten worden sind, enthalten entweder direkt Falsches oder schreiende Banalitäten. Am besten noch Gorki, am inhaltleersten Radek, der nur frech und großmäulig ist. Rührend solche Sachen, wie: „Ein Pilot der Luftmarine versprach eine ganz neue Literatur!“ Der Gute. Und da irrt er sich. Es erinnert das alles ein bißchen an die kleinen Leute, die sagen: „Wenn ich Ihnen mein Leben erzählen würde, das ist Sie nämlich wie ein Roman!“ oder: „Die Erlebnisse eines Bergmannes“. Nun ist natürlich möglich, daß sich drei Kilometer von Dir in einem Krankenhaus ein Streit zwischen zwei Oberschwestern abspielt, der geradezu nach einer Schilderung brüllt. Aber man muß es eben schildern können und vor allem: man muß einen Schemel haben, von dem aus man schildert. Es gibt Beispiele (Kirchenkunst), wo der vorgesetzte „höhere Zweck“ große Kunstwerke, wenn auch nicht hervorgerufen, so doch sehr begünstigt hat – immer aber überschreitet die Weite des Kunstwerkes den Zweck. Der Zweck gibt die Bahn an – mehr nicht. Das erkennen sicherlich manche Russen, man hört das durch. Ich weiß aber nicht, ob das nur die Alten erkennen, wie Bucharin, die immerhin noch von andern Dingen wissen, oder ob das auch die Jungen wissen. Das Gebrüll der Boches-Kommunisten ist nicht kommunistisch, sondern boche.

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Nuunchen, wenn Du vielleicht glaubst, daß man herausbekommen kann, warum daß es mir schlecht geht. Gestern waren die Wolken hoch, die Sonne hat beinah gestochen, ich habe gebadet, die Luft war mehr als frisch. Das war gut und schön, aber wie es mir gegangen ist, will ich lieber nicht aufschreiben. Dabei nichts geraucht, Spaziergang nach L – und es war grauslich. Heute ist ein Sturm, wie er selbst während Deiner Anwesenheit nicht war – zum Bäumeausreißen. Und es geht mir nicht gut, das geht es nie – aber nicht so schlimm. Geschmack und Geruch völlig dahin, der ganze Schlund wie aus trocknem Papier. Und Kopfdruck. Es ist fast eine Lust, zu leben.

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Schon Dein engerer Berufskollege Hippokrates, der bekannte Versicherungsarzt, sagt, daß Geräuschempfindlichkeit bei Kopfleidenden oft vorkommt. Aber was dagegen zu tun, wußte schon er nicht. GOtt segne Eure Zunft.

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Übrigens vermisse ich bei allen Blicken in die werte Zukunft immer eine Sache. Was nun, wenn zum Beispiel, mit Verlaub zu sagen, die Russen den Hintern vollgehauen bekommen? Sie werden sich sicherlich sehr brav schlagen. Aber sie machen einen Ungeheuern Fehler: nämlich den, die sankrosankte Idee ihres neuen Staates auch auf diese dünn besiedelten Gebiete im fernen Osten auszudehnen. Da haben sie einen Generol hingesetzt, der unter dem militärischen Pseudonym „Blücher“ läuft, heißt aber anders, und ich, Magenzeller, sage Dir: die Japaner hauen ihnen das Fell aus. Dazu brauchen sie gar nicht Herrn Deterding und die Hilfe irgendwelcher weißer Russen. Das besorgen sie ganz allein. Das kann eine Rückwirkung in Europa haben. Wie weit das hohl ist, können wir alle nicht wissen. Napoléon, 1917 – schließlich haben wir ja Beispiele gehabt. Und mit Flugzeugen geht das noch schneller. „Das kann nicht … “ Na jewiß doch. Das hat man im Jahr 1912 vom Zarentum auch gesagt. Es kann. Es wäre übrigens schade. Denn schließlich: was für schöpferische Ideen sind schon im Bundesrat oder gar hier oben? Weiter als die „Ordnung“ des Monopolkapitals wissen sie auch nichts.

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In diesem Film, dessen vertrackter englischer Name nicht in mein Gehirn geht, duck soap oder so oder dück saop oder was weiß ich, ist das eine Reiß-Sprache! – da kommt, wie beschrieben, der Diktator zu spät. Die Garde hat schon angeblasen, eine riesige Freitreppe, und weil er nicht kommt, bläst sie alles nochmal, im Spalier.

Durch die Wiederholung wird alles zum Theater. Dann kommt er also seine Feuerwehrleiter heruntergerutscht, denn das tun wir Diktatoren immer. Und da sieht er, daß da irgendetwas los ist. Er stellt sich also, klein und jüdisch, neben den riesigen Flügelmann, und weil der seinen Pallasch ausgestreckt hält, hält er seine Zigarre ausgestreckt.
Eine ganze Weile. Dann zupft er den Großen am Lederkoller und fragt:
– „Erwarten Sie jemand -?“

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„Il eut de la véhémence dans ses discours, une éloquence vive et impétueuse, qui entraînait les peuples et les ravissait: une hardiesse extraordinaire quand il se vit soutenu et applaudi, avec un air d’autorité qui faisait trembler devant lui ses disciples: de sorte qu’ils n’osaient le contredire ni dans les grandes choses ni dans les petites.“127 Wie bitte -? O, nicht doch. Das steht bei Bossuet.
Über Luther.

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Es geht hier ein bißchen durcheinander, und ich schreibe heute grau und morgen blau. Du mußt das nicht falsch verstehen, denn es ist ja nicht für den Druck. Ich möchte auch nicht, daß diese Blätter irgend jemand sieht – es ist alles so unkontrolliert, nur eben für Dich hingemalt, als de l’ersatz für eine Gach – Unterhaltung. Item:

In einem andern Blatt standen nun also bloß die andern Kandidaten und nicht sein Name. Die andern sind der Bürgermeister von Stockholm, das wird wohl nichts werden, ich kenne den Mann, brav und anständig, auch pazifistisch, aber ganz offiziell. Der zweite ist Norman Angell, ein Engländer, der vor dem Kriege ein ausgezeichnetes Buch geschrieben hat. ›Die große Illusion‹, das ich schon als Student begeistert gelesen habe. Er wies darin fast prophetisch nach, daß Kriege weder für den Sieger noch für den Besiegten heute ein Geschäft seien. Nun, also … Dann stand wieder im Blättchen, das Comité habe gesagt, der Kandidat müsse vor dem 1. Februar des Verteilungsjahres nominiert sein, und das trifft hier wohl nicht zu. Wenn es wirklich wahr ist, daß er es weiß und wenn sie es ihm dann nicht geben, so liegt hier eine Qual vor, die nur mit Sacco und Vanzetri ihre Parallele hat. Es ist wirklich ein bißchen viel für einen einzelnen Herrn, was der Mann durchmachen muß.

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Ein Blick ins Blättchen und Lu bestärkt mich wieder und macht mir Mut. Nie wieder das, nie wieder. Das ist ja alles ganz trostlos. Das kann nicht durchdringen.

Mot aus Couillonien128 –: „Es ist alles viel schlimmer, als man denkt, aber man sieht es nicht. Die Frauen sind elegant … “ Kunststück, wenn man seine Schulden nicht bezahlt! Ja, so ist das. Nur ehmt: knallt es zusammen, dann erfolgt eine so miese Rückkehr zu den übelsten und blödesten Methoden des veralteten Kapitalismus, daß man da nicht mitmachen kann. Man will sie nicht, man will sie nicht, man will sie nicht. Amen.

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1.1.2004

Q-Tagebuch (Beilage zum Brief vom 21.9.1934 an Hedwig Müller)

QUATSCHE-TAGEBUCH

gefiehrt für Nuuna von Peter

/ / / Sehr hipsch war im Blättchen ›Kurhotels‹, wo anlege, weil Du es vielleicht übergesehn hast. Es ist leider genau so geschrieben wie die Hotellen, aber sonst ganz richtig. Ein bißchen spät kommt dem Herrn diese Erkenntnis. Ausgezeichnet war die Rede mit „Vohlksgenossen!“ aber da fehlt das j, das da drin ist, man kann das aber nicht schreiben. Sie war wirklich schön. Sonsten …

Die russischen Berichte sind erstens einmal alle ganz oberflächlich. Begeisterung ist schön – Fleisch auf dem Teller wäre besser. Die Auszüge der Reden, die da gehalten worden sind, enthalten entweder direkt Falsches oder schreiende Banalitäten. Am besten noch Gorki, am inhaltleersten Radek, der nur frech und großmäulig ist. Rührend solche Sachen, wie: „Ein Pilot der Luftmarine versprach eine ganz neue Literatur!“ Der Gute. Und da irrt er sich. Es erinnert das alles ein bißchen an die kleinen Leute, die sagen: „Wenn ich Ihnen mein Leben erzählen würde, das ist Sie nämlich wie ein Roman!“ oder: „Die Erlebnisse eines Bergmannes“. Nun ist natürlich möglich, daß sich drei Kilometer von Dir in einem Krankenhaus ein Streit zwischen zwei Oberschwestern abspielt, der geradezu nach einer Schilderung brüllt. Aber man muß es eben schildern können und vor allem: man muß einen Schemel haben, von dem aus man schildert. Es gibt Beispiele (Kirchenkunst), wo der vorgesetzte „höhere Zweck“ große Kunstwerke, wenn auch nicht hervorgerufen, so doch sehr begünstigt hat – immer aber überschreitet die Weite des Kunstwerkes den Zweck. Der Zweck gibt die Bahn an – mehr nicht. Das erkennen sicherlich manche Russen, man hört das durch. Ich weiß aber nicht, ob das nur die Alten erkennen, wie Bucharin, die immerhin noch von andern Dingen wissen, oder ob das auch die Jungen wissen. Das Gebrüll der Boches-Kommunisten ist nicht kommunistisch, sondern boche.

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Nuunchen, wenn Du vielleicht glaubst, daß man herausbekommen kann, warum daß es mir schlecht geht. Gestern waren die Wolken hoch, die Sonne hat beinah gestochen, ich habe gebadet, die Luft war mehr als frisch. Das war gut und schön, aber wie es mir gegangen ist, will ich lieber nicht aufschreiben. Dabei nichts geraucht, Spaziergang nach L – und es war grauslich. Heute ist ein Sturm, wie er selbst während Deiner Anwesenheit nicht war – zum Bäumeausreißen. Und es geht mir nicht gut, das geht es nie – aber nicht so schlimm. Geschmack und Geruch völlig dahin, der ganze Schlund wie aus trocknem Papier. Und Kopfdruck. Es ist fast eine Lust, zu leben.

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Schon Dein engerer Berufskollege Hippokrates, der bekannte Versicherungsarzt, sagt, daß Geräuschempfindlichkeit bei Kopfleidenden oft vorkommt. Aber was dagegen zu tun, wußte schon er nicht. GOtt segne Eure Zunft.

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Übrigens vermisse ich bei allen Blicken in die werte Zukunft immer eine Sache. Was nun, wenn zum Beispiel, mit Verlaub zu sagen, die Russen den Hintern vollgehauen bekommen? Sie werden sich sicherlich sehr brav schlagen. Aber sie machen einen Ungeheuern Fehler: nämlich den, die sankrosankte Idee ihres neuen Staates auch auf diese dünn besiedelten Gebiete im fernen Osten auszudehnen. Da haben sie einen Generol hingesetzt, der unter dem militärischen Pseudonym „Blücher“ läuft, heißt aber anders, und ich, Magenzeller, sage Dir: die Japaner hauen ihnen das Fell aus. Dazu brauchen sie gar nicht Herrn Deterding und die Hilfe irgendwelcher weißer Russen. Das besorgen sie ganz allein. Das kann eine Rückwirkung in Europa haben. Wie weit das hohl ist, können wir alle nicht wissen. Napoléon, 1917 – schließlich haben wir ja Beispiele gehabt. Und mit Flugzeugen geht das noch schneller. „Das kann nicht … “ Na jewiß doch. Das hat man im Jahr 1912 vom Zarentum auch gesagt. Es kann. Es wäre übrigens schade. Denn schließlich: was für schöpferische Ideen sind schon im Bundesrat oder gar hier oben? Weiter als die „Ordnung“ des Monopolkapitals wissen sie auch nichts.

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In diesem Film, dessen vertrackter englischer Name nicht in mein Gehirn geht, duck soap oder so oder dück saop oder was weiß ich, ist das eine Reiß-Sprache! – da kommt, wie beschrieben, der Diktator zu spät. Die Garde hat schon angeblasen, eine riesige Freitreppe, und weil er nicht kommt, bläst sie alles nochmal, im Spalier.

Durch die Wiederholung wird alles zum Theater. Dann kommt er also seine Feuerwehrleiter heruntergerutscht, denn das tun wir Diktatoren immer. Und da sieht er, daß da irgendetwas los ist. Er stellt sich also, klein und jüdisch, neben den riesigen Flügelmann, und weil der seinen Pallasch ausgestreckt hält, hält er seine Zigarre ausgestreckt.
Eine ganze Weile. Dann zupft er den Großen am Lederkoller und fragt:
– „Erwarten Sie jemand -?“

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„Il eut de la véhémence dans ses discours, une éloquence vive et impétueuse, qui entraînait les peuples et les ravissait: une hardiesse extraordinaire quand il se vit soutenu et applaudi, avec un air d’autorité qui faisait trembler devant lui ses disciples: de sorte qu’ils n’osaient le contredire ni dans les grandes choses ni dans les petites.“127 Wie bitte -? O, nicht doch. Das steht bei Bossuet.
Über Luther.

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Es geht hier ein bißchen durcheinander, und ich schreibe heute grau und morgen blau. Du mußt das nicht falsch verstehen, denn es ist ja nicht für den Druck. Ich möchte auch nicht, daß diese Blätter irgend jemand sieht – es ist alles so unkontrolliert, nur eben für Dich hingemalt, als de l’ersatz für eine Gach – Unterhaltung. Item:

In einem andern Blatt standen nun also bloß die andern Kandidaten und nicht sein Name. Die andern sind der Bürgermeister von Stockholm, das wird wohl nichts werden, ich kenne den Mann, brav und anständig, auch pazifistisch, aber ganz offiziell. Der zweite ist Norman Angell, ein Engländer, der vor dem Kriege ein ausgezeichnetes Buch geschrieben hat. ›Die große Illusion‹, das ich schon als Student begeistert gelesen habe. Er wies darin fast prophetisch nach, daß Kriege weder für den Sieger noch für den Besiegten heute ein Geschäft seien. Nun, also … Dann stand wieder im Blättchen, das Comité habe gesagt, der Kandidat müsse vor dem 1. Februar des Verteilungsjahres nominiert sein, und das trifft hier wohl nicht zu. Wenn es wirklich wahr ist, daß er es weiß und wenn sie es ihm dann nicht geben, so liegt hier eine Qual vor, die nur mit Sacco und Vanzetri ihre Parallele hat. Es ist wirklich ein bißchen viel für einen einzelnen Herrn, was der Mann durchmachen muß.

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Ein Blick ins Blättchen und Lu bestärkt mich wieder und macht mir Mut. Nie wieder das, nie wieder. Das ist ja alles ganz trostlos. Das kann nicht durchdringen.

Mot aus Couillonien128 –: „Es ist alles viel schlimmer, als man denkt, aber man sieht es nicht. Die Frauen sind elegant … “ Kunststück, wenn man seine Schulden nicht bezahlt! Ja, so ist das. Nur ehmt: knallt es zusammen, dann erfolgt eine so miese Rückkehr zu den übelsten und blödesten Methoden des veralteten Kapitalismus, daß man da nicht mitmachen kann. Man will sie nicht, man will sie nicht, man will sie nicht. Amen.

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2 Kommentare »
  1. […] Q-Tagebuch (21.9.1934) […]

    Pingback by Sudelblog.de - Das Weblog zu Kurt Tucholsky » Originaltexte — 22.12.2007 @ 11:01

  2. […] Für den Gebrauch von Schwachsinnigen Kurt Tucholsky, 1890-1935, war einer der ersten Blogger. In seinem schwedischen Exil kommentierte der "aufgehörte Schriftsteller" mit kurzen Bemerkungen und Zitaten das Weltgeschehen. Sein Blog nannte er "Q-Tagebücher" (Q von: "Quatsche"). Da das Internet damals noch sehr langsam war, schickte er die Texte der Einfachheit halber per Post an seine Zürcher Freundin Hedwig Müller. Zuvor hatte er als Journalist von 1913 bis 1932 in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften die Medien beobachtet. Es scheint sich seitdem in vielerlei Hinsicht wenig verändert zu haben. […]

    Pingback by Sudelblog.de - Das Weblog zu Kurt Tucholsky » Für den Gebrauch von Schwachsinnigen — 22.12.2007 @ 11:28

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