Abstecher nach München

Wen das rauhe Geschick von Paris nach Bayern verschlägt, der soll sich das Deutsche Museum ansehen. Dasselbe ist zweiundzwanzig Meter hoch, von noch höherem kulturellem Wert, und somit war ich bei Karl Valentin.

   Valentin, der Vertreter des Schauspielers Johann Nestroy auf Erden, spielt in einem Saal, in dem Leute an Tischen Bier trinken – man könnte sich ganz gut ein Tanzvergnügen in diesem Stall denken. Er tritt in einem Stück auf, das unerlaubt dumm ist und noch unerlaubter gespielt wird: „Raubritter vor München“ – und er verkörpert daselbst einen Wachtposten. Dieser Wachtposten bewacht sein Schilderhaus, das für ihn – der Wache wegen – gebaut ist.

   Als der Vorhang aufgeht, hat ihn gerade Liesl Karlstadt, als Trommler angetan, aufgeweckt, und das ist schade. Denn Valentin hat etwas geträumt. Er holt die Vision langsam aus seinem langen Leib heraus. „Mir hat g’träumt, daß i a Enten bin und an Wurm verschluck …“ Aber gerade, als die Wachtpostenente den Wurm anbeißen wollte, da wurde sie eben geweckt. „Und ich konnte dir doch nicht sagen: weck mich nicht auf, weil ich schlief …“ Der Trommler ist mit dem Traum nicht durchaus einverstanden. „Wenn du noch geträumt hättest, daß du einen Gänsebraten ißt -“ Darauf Valentin: „Enten essen keinen Gänsebraten!“ – Daran schließt sich eine lange Diskussion, in der der Posten folgendes sagt: „Man kann ja nicht einmal wissen, ob Enten überhaupt träumen. Das wird nie erforscht werden. Denn die Ente kanns einem ja nicht sagen. Beim Papagei ist das was anders …“ Dann aber wirds kriegerisch auf der Bühne, die Wache zieht auf, allemal, wenn der Wachtposten an der Klingel zieht, und er zieht oft an der Klingel. Sogar, als der alarmierende Bote, ein Fuhrknecht, kommt und die wilden Raubritter ankündigt, da vermeint er, nichts anderes tun zu können, als an der Klingel zu ziehen. Was zur Folge hat, daß die Wache kommt, bläst und wieder abgeht. Mehr könne er nicht tun, sagt er. Er solle wenigstens das Stadttor schließen, ruft der Bote – Gefahr im Anzug! – Das Stadttor? Das wird um neun Uhr abends zugemacht, nicht früher – und nun käme es eben darauf an, wer früher da wäre: die Raubritter oder der Wachtposten. Aber wenn die Stadt nun in ein Blutbad verwandelt wird? „Es tut uns ja selber furchtbar leid!“ sagt Valentin … Witziger ist militärische Bürokratie noch nicht verspottet worden.

   Auch hält der Soldat dem Herrn Hauptmann seinen Säbel zum Gruß hin – und der ergreift ihn und schneidet sich in die Hand – eine geradezu völkerbundliche Geste. Und der Dialog schwappt über alle Ränder („Ob er schwindelfrei ist? Selten, daß er vom Kirchturm fällt!“), und manchmal bleibt die Unterhaltung an einem hervorstehenden Nagel hängen, etwa so: „Soll ich die Trommel hierlassen oder mitnehmen?“ Valentin: „Du kannst sie mitnehmen. Du kannst sie auch hierlassen. Aber einen Mittelweg gibt es nicht!“ – Und dann findet er den Mittelweg: „Du kannst sie erst hierlassen und dann mitnehmen!“ Bis sich dann der Herr Posten mit einer Ziehharmonika hinsetzt und in die kühle Abendluft das schöne Lied vom Morgenrot singt … Manchmal geht der Harmonika die Luft aus, dann holt sie tief Atem, und Valentin schweigt derweilen erschüttert. Auch klappt es mit dem Text nicht ganz …

         Heute noch auf stolzen Rohossen –
         Morgen durch die Brust geschohossen –
         Übermorgen in das kühle.

   Hier hat die offizielle Melodie Rechtens ein Ende. Aber Valentin läßt die Harmonika noch einmal tief Atem holen und singt die Zugabe:

         Grab.

   Dann erst hat er seine Ruh‘.

   Das Stück ist dumm, auch redet er diesesmal nicht so viel, wie man das gern hat, und was drum herum steht, ist bis auf die Karlstadt bitter. Aber ihn kann man nicht vergessen. Wie er dasteht, die Äuglein auf den Boden geheftet, dorther die schwierigen Gedanken herausziehend, wie er mit der äußeren Anspannung zuhört, wenn ihm jemand etwas erzählt, wie nur ein Körnchen haften bleibt, und das an der verkehrten Stelle – wie die lange Hand militärisch an der Hose festgeklebt scheint –: das alles verdichtet sich in der Geste, wie er mit einem Teelöffel aus einer schief gehaltenen Kaffeekanne den herausfließenden Kaffee auffängt und oben wieder hineintut. Die Kanne bleibt schief.

   Er auch.

   Es gibt Komiker des Tages und solche der Nacht und solche der Sonne und solche der Sterne. Dieser ist vor Tagesanbruch geboren. Die Dinge haben noch keine Farben, man weiß noch nicht genau, was das da vor uns ist: ein Segelschiff oder ein Nachttopf, es ist nicht mehr Nacht, noch nicht Tag, und eine lange Gestalt wandelt im Radieschenhain … Es ist Karl Valentin, der Münchner mit dem doppelten Boden.


Autorenangabe: Peter Panter

Ersterscheinung: Vossische Zeitung, 08.08.1926.

Editionen: Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker. 22 Bände, Rowohlt Verlag, Reinbek 1996ff., 1926

Deutsches Tempo, S. 534 ff.

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1.1.2004

Abstecher nach München

Wen das rauhe Geschick von Paris nach Bayern verschlägt, der soll sich das Deutsche Museum ansehen. Dasselbe ist zweiundzwanzig Meter hoch, von noch höherem kulturellem Wert, und somit war ich bei Karl Valentin.

   Valentin, der Vertreter des Schauspielers Johann Nestroy auf Erden, spielt in einem Saal, in dem Leute an Tischen Bier trinken – man könnte sich ganz gut ein Tanzvergnügen in diesem Stall denken. Er tritt in einem Stück auf, das unerlaubt dumm ist und noch unerlaubter gespielt wird: „Raubritter vor München“ – und er verkörpert daselbst einen Wachtposten. Dieser Wachtposten bewacht sein Schilderhaus, das für ihn – der Wache wegen – gebaut ist.

   Als der Vorhang aufgeht, hat ihn gerade Liesl Karlstadt, als Trommler angetan, aufgeweckt, und das ist schade. Denn Valentin hat etwas geträumt. Er holt die Vision langsam aus seinem langen Leib heraus. „Mir hat g’träumt, daß i a Enten bin und an Wurm verschluck …“ Aber gerade, als die Wachtpostenente den Wurm anbeißen wollte, da wurde sie eben geweckt. „Und ich konnte dir doch nicht sagen: weck mich nicht auf, weil ich schlief …“ Der Trommler ist mit dem Traum nicht durchaus einverstanden. „Wenn du noch geträumt hättest, daß du einen Gänsebraten ißt -“ Darauf Valentin: „Enten essen keinen Gänsebraten!“ – Daran schließt sich eine lange Diskussion, in der der Posten folgendes sagt: „Man kann ja nicht einmal wissen, ob Enten überhaupt träumen. Das wird nie erforscht werden. Denn die Ente kanns einem ja nicht sagen. Beim Papagei ist das was anders …“ Dann aber wirds kriegerisch auf der Bühne, die Wache zieht auf, allemal, wenn der Wachtposten an der Klingel zieht, und er zieht oft an der Klingel. Sogar, als der alarmierende Bote, ein Fuhrknecht, kommt und die wilden Raubritter ankündigt, da vermeint er, nichts anderes tun zu können, als an der Klingel zu ziehen. Was zur Folge hat, daß die Wache kommt, bläst und wieder abgeht. Mehr könne er nicht tun, sagt er. Er solle wenigstens das Stadttor schließen, ruft der Bote – Gefahr im Anzug! – Das Stadttor? Das wird um neun Uhr abends zugemacht, nicht früher – und nun käme es eben darauf an, wer früher da wäre: die Raubritter oder der Wachtposten. Aber wenn die Stadt nun in ein Blutbad verwandelt wird? „Es tut uns ja selber furchtbar leid!“ sagt Valentin … Witziger ist militärische Bürokratie noch nicht verspottet worden.

   Auch hält der Soldat dem Herrn Hauptmann seinen Säbel zum Gruß hin – und der ergreift ihn und schneidet sich in die Hand – eine geradezu völkerbundliche Geste. Und der Dialog schwappt über alle Ränder („Ob er schwindelfrei ist? Selten, daß er vom Kirchturm fällt!“), und manchmal bleibt die Unterhaltung an einem hervorstehenden Nagel hängen, etwa so: „Soll ich die Trommel hierlassen oder mitnehmen?“ Valentin: „Du kannst sie mitnehmen. Du kannst sie auch hierlassen. Aber einen Mittelweg gibt es nicht!“ – Und dann findet er den Mittelweg: „Du kannst sie erst hierlassen und dann mitnehmen!“ Bis sich dann der Herr Posten mit einer Ziehharmonika hinsetzt und in die kühle Abendluft das schöne Lied vom Morgenrot singt … Manchmal geht der Harmonika die Luft aus, dann holt sie tief Atem, und Valentin schweigt derweilen erschüttert. Auch klappt es mit dem Text nicht ganz …

         Heute noch auf stolzen Rohossen –
         Morgen durch die Brust geschohossen –
         Übermorgen in das kühle.

   Hier hat die offizielle Melodie Rechtens ein Ende. Aber Valentin läßt die Harmonika noch einmal tief Atem holen und singt die Zugabe:

         Grab.

   Dann erst hat er seine Ruh‘.

   Das Stück ist dumm, auch redet er diesesmal nicht so viel, wie man das gern hat, und was drum herum steht, ist bis auf die Karlstadt bitter. Aber ihn kann man nicht vergessen. Wie er dasteht, die Äuglein auf den Boden geheftet, dorther die schwierigen Gedanken herausziehend, wie er mit der äußeren Anspannung zuhört, wenn ihm jemand etwas erzählt, wie nur ein Körnchen haften bleibt, und das an der verkehrten Stelle – wie die lange Hand militärisch an der Hose festgeklebt scheint –: das alles verdichtet sich in der Geste, wie er mit einem Teelöffel aus einer schief gehaltenen Kaffeekanne den herausfließenden Kaffee auffängt und oben wieder hineintut. Die Kanne bleibt schief.

   Er auch.

   Es gibt Komiker des Tages und solche der Nacht und solche der Sonne und solche der Sterne. Dieser ist vor Tagesanbruch geboren. Die Dinge haben noch keine Farben, man weiß noch nicht genau, was das da vor uns ist: ein Segelschiff oder ein Nachttopf, es ist nicht mehr Nacht, noch nicht Tag, und eine lange Gestalt wandelt im Radieschenhain … Es ist Karl Valentin, der Münchner mit dem doppelten Boden.


Autorenangabe: Peter Panter

Ersterscheinung: Vossische Zeitung, 08.08.1926.

Editionen: Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker. 22 Bände, Rowohlt Verlag, Reinbek 1996ff., 1926

Deutsches Tempo, S. 534 ff.

1 Kommentar »
  1. […] Abstecher nach München […]

    Pingback by Sudelblog.de - Das Weblog zu Kurt Tucholsky » Originaltexte — 2.6.2007 @ 22:12

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