Zyniker

Auf meinem Nachttisch haben viele Bücher gelegen, in denen waren Schilderungen von Zeitungsredaktionen zu finden. Da ging es hoch her. Dideldumdei, bin nicht dabei, aber dies wäre zu sagen:

   Die geschilderten zigarettenrauchenden und schnapstrinkenden Redakteure sind gar große Zyniker. Sie scheinen ihren Beruf nicht ernst zu nehmen. Sie hauen ihren Umbruch hin; sie streichen und sie schmieren, und was sie zu vermelden haben, ist ihnen, wie unser Feldwebel zu sagen pflegte, reißpipeneengal.

   Ja, sollen denn Redakteure eine Zeitung wie einen Gottesdienst zelebrieren? Sind wir nicht, wenn wir klug sind, im Beruf allesamt Zyniker? Kann man einen Alltagsberuf, der in den meisten Fällen keine Berufung ist, anders ausüben als: aus dem Handgelenk, mit der Zigarette im Mundwinkel, routiniert, halb gleichgültig, halb interessiert … ist das nicht überall so? Es ist überall so.

   Wie wird denn operiert? Wie wird denn eingekauft? Wie werden denn Fahrpläne gemacht? Feierlich? Nur Dummköpfe sind im Beruf feierlich. Wer auch nur ein wenig Verstand hat, weiß, daß die Welt nicht von Heiligen bevölkert ist, und daß, wie Ludwig Marcuse in seiner Heine-Biographie so gut sagt, nur Heilige oder pekuniär unabhängige Menschen ganz kompromißlos leben können. Wodurch es sich denn vielleicht erklärt, daß sich mancher wohlhabende Literat als Heiliger aufspielt.

   Daß Redakteure Zyniker sind, unterscheidet sie nicht von andern Leuten. Ach, wenn sie nur Zyniker wären … ! Im Grunde zeigt diese Kritik, daß der Kritiker die Zeitung überschätzt: er sieht in ihr die vom Himmel geflatterte Botschaft, die ihm Befehl und Gesetz ist – und nun ist er enttäuscht. Wie! Die himmlischen Heerscharen glauben nicht ganz und gar an das, was sie durch die Posaune blasen? Diese Zyniker!

   Ganz abgesehen davon, daß der zynische Journalist immer noch angenehmer ist als der feierliche Zeitungsfachmann, der sich für das Zentrum der Welt hält, scheint mir eine solche Kritik nicht etwa unerlaubt – Berufsreligionen habe ich nie mitgemacht. Aber schief ist sie, diese Kritik.

   Was ist denn der Redakteur? Ein Angestellter. Traurig genug, daß ers immer nur zu fühlen bekommt, es aber nicht recht wahr haben will. Wer macht die Zeitung? Der Herr Zyniker? Ach, du lieber Gott. Er macht nur den Umbruch.

   Die Zeitung wird vom Verleger gemacht. Den sollte man kritisieren – nicht durchaus und durchum mit Betonklötzern bewerfen, aber einmal schildern, wie er ist. In seiner ewig schielenden Angst, die er für Witterung hält; in seiner Beeinflußbarkeit; in der Verflechtung seiner geschäftlichen Interessen mit denen andrer Leute … ich höre immer: Korruption. In Deutschland wird nicht bestochen. In Deutschland wird beeinflußt. Und was in der Zeitung steht, ist nicht halb so wichtig wie das, was nicht drin steht.

   Daß aber die Abfassung der Nachrichten über Feuersbrünste und Erdbeben von fettigen Witzen begleitet wird, ist noch lange nicht das schlimmste an der Zeitung. Diese Redaktionsschilderungen sind so alt wie die Zolaschen Romane; wir kennen das. Ich vermisse etwas andres. Nämlich ein Postulat.

   Die Zeitung sollte geistigen Leuten gehören, die sich geschäftliche Mitarbeiter halten. Das Umgekehrte dürfte nicht ganz das richtige


Autorenangabe: Peter Panter

Ersterscheinung: Die Weltbühne, 19.1.1932, Nr. 3, S. 100.

Editionen: Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker. 22 Bände, Rowohlt Verlag, Reinbek 1996ff., 1932

Ders.: Gesammelte Werke in 10 Bänden. Hrsg. von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Rowohlt Verlag, Reinbek 1975. Band 10, S. 17 ff.

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1.1.2004

Zyniker

Auf meinem Nachttisch haben viele Bücher gelegen, in denen waren Schilderungen von Zeitungsredaktionen zu finden. Da ging es hoch her. Dideldumdei, bin nicht dabei, aber dies wäre zu sagen:

   Die geschilderten zigarettenrauchenden und schnapstrinkenden Redakteure sind gar große Zyniker. Sie scheinen ihren Beruf nicht ernst zu nehmen. Sie hauen ihren Umbruch hin; sie streichen und sie schmieren, und was sie zu vermelden haben, ist ihnen, wie unser Feldwebel zu sagen pflegte, reißpipeneengal.

   Ja, sollen denn Redakteure eine Zeitung wie einen Gottesdienst zelebrieren? Sind wir nicht, wenn wir klug sind, im Beruf allesamt Zyniker? Kann man einen Alltagsberuf, der in den meisten Fällen keine Berufung ist, anders ausüben als: aus dem Handgelenk, mit der Zigarette im Mundwinkel, routiniert, halb gleichgültig, halb interessiert … ist das nicht überall so? Es ist überall so.

   Wie wird denn operiert? Wie wird denn eingekauft? Wie werden denn Fahrpläne gemacht? Feierlich? Nur Dummköpfe sind im Beruf feierlich. Wer auch nur ein wenig Verstand hat, weiß, daß die Welt nicht von Heiligen bevölkert ist, und daß, wie Ludwig Marcuse in seiner Heine-Biographie so gut sagt, nur Heilige oder pekuniär unabhängige Menschen ganz kompromißlos leben können. Wodurch es sich denn vielleicht erklärt, daß sich mancher wohlhabende Literat als Heiliger aufspielt.

   Daß Redakteure Zyniker sind, unterscheidet sie nicht von andern Leuten. Ach, wenn sie nur Zyniker wären … ! Im Grunde zeigt diese Kritik, daß der Kritiker die Zeitung überschätzt: er sieht in ihr die vom Himmel geflatterte Botschaft, die ihm Befehl und Gesetz ist – und nun ist er enttäuscht. Wie! Die himmlischen Heerscharen glauben nicht ganz und gar an das, was sie durch die Posaune blasen? Diese Zyniker!

   Ganz abgesehen davon, daß der zynische Journalist immer noch angenehmer ist als der feierliche Zeitungsfachmann, der sich für das Zentrum der Welt hält, scheint mir eine solche Kritik nicht etwa unerlaubt – Berufsreligionen habe ich nie mitgemacht. Aber schief ist sie, diese Kritik.

   Was ist denn der Redakteur? Ein Angestellter. Traurig genug, daß ers immer nur zu fühlen bekommt, es aber nicht recht wahr haben will. Wer macht die Zeitung? Der Herr Zyniker? Ach, du lieber Gott. Er macht nur den Umbruch.

   Die Zeitung wird vom Verleger gemacht. Den sollte man kritisieren – nicht durchaus und durchum mit Betonklötzern bewerfen, aber einmal schildern, wie er ist. In seiner ewig schielenden Angst, die er für Witterung hält; in seiner Beeinflußbarkeit; in der Verflechtung seiner geschäftlichen Interessen mit denen andrer Leute … ich höre immer: Korruption. In Deutschland wird nicht bestochen. In Deutschland wird beeinflußt. Und was in der Zeitung steht, ist nicht halb so wichtig wie das, was nicht drin steht.

   Daß aber die Abfassung der Nachrichten über Feuersbrünste und Erdbeben von fettigen Witzen begleitet wird, ist noch lange nicht das schlimmste an der Zeitung. Diese Redaktionsschilderungen sind so alt wie die Zolaschen Romane; wir kennen das. Ich vermisse etwas andres. Nämlich ein Postulat.

   Die Zeitung sollte geistigen Leuten gehören, die sich geschäftliche Mitarbeiter halten. Das Umgekehrte dürfte nicht ganz das richtige


Autorenangabe: Peter Panter

Ersterscheinung: Die Weltbühne, 19.1.1932, Nr. 3, S. 100.

Editionen: Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker. 22 Bände, Rowohlt Verlag, Reinbek 1996ff., 1932

Ders.: Gesammelte Werke in 10 Bänden. Hrsg. von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Rowohlt Verlag, Reinbek 1975. Band 10, S. 17 ff.

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