Dieses Bild

im Jahre 1982 betrachtet, wird recht merkwürdig anzusehen sein. Es stellt eine Modekönigin dar – ein Geschöpf, das die meisten von uns gar nicht als besonders schön oder hübsch empfinden … es ist das eine Reklamesache der Modehäuser … Soweit gut.
Aber so, wie wir uns heute mit einer Art böser Rührung verblichene Photos aus den Jahren 1911 und 1913, der kleinen Zeit vor dem großen Kriege, ansehen –: so sehen sich einmal unsere Enkel dieses Bild hier an und sprechen, nachdem sie sich über «die unmöglichen Moden» beruhigt haben:
«Ja, das war vor den Gaskriegen … Sieh doch diese leeren Gesichter, die von nichts wissen … Hattet Ihr sonst keine Sorgen? … Habt Ihr nicht gefälligst verhindern können, daß man uns vergiftet? … Ahntet Ihr denn nichts von der ungeheurn Gefahr, die über Europa hing? … Gab es denn irgend etwas andres zu tun als zusammenzulaufen und dafür zu sorgen, daß keine Gasgranaten zusammengesetzt werden konnten? daß der Staatenwahnsinn nicht hohe Wellen schlug? daß den Gewaltkerlen in allen Ländern klargemacht wurde, daß noch andre Mächte da waren, stärker als sie und die profithungrigen Großindustriellen, die in ihren Häusern voll feiner Kultur van Goghs sammelten? … Wußtet Ihr das nicht –? Tatet Ihr nichts für uns, nichts –? Saht Ihr es nicht?»
Doch, wir sahen es. Wir haben auch gegen das Gas gearbeitet, in unserer Art. Aber das kann man nicht photographieren. Und vergiß nicht, Mann von 1982:
Die Welt ist kein Zweckorganismus und der Vernunft nicht untertan. Die Welt will spielen. Immer ist ihr die Modekönigin näher gewesen als das Schicksal der nächsten Generation, die allein sehen mußte, wo sie blieb, – und die es dann gerade so gemacht hat. Glaubst du, diese feinen Herren im Smoking wüßten von ihrem wahren Schicksal? Sie sind ganz gefangen vom Alltag, um wieviel mehr vom Sonntag – sie wissen nichts. Und die es wissen, sind grau und unscheinbar und nicht recht repräsentabel für eine Photographie. Vergiß nie, Nachkomme: auch während der französischen Revolution haben sich die Frauen um Milch gestritten und um Kleiderfragen und um ihren Geliebten – niemals beherrscht eine Idee die ganze Welt.
Sei denen dankbar, die für dich vorgesorgt haben. Viele sinds nicht. Sorg du für dich. Wir hatten so viel zu tun: wir mußten leben.

Autorenangabe: Kurt Tucholsky

Ersterscheinung: Deutschland, Deutschland über alles. Berlin 1929, S. 182 f.

Editionen: Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker. 22 Bände, Rowohlt Verlag, Reinbek 1996ff., Band 12, S. 182 f.

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1.1.2004

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im Jahre 1982 betrachtet, wird recht merkwürdig anzusehen sein. Es stellt eine Modekönigin dar – ein Geschöpf, das die meisten von uns gar nicht als besonders schön oder hübsch empfinden … es ist das eine Reklamesache der Modehäuser … Soweit gut.
Aber so, wie wir uns heute mit einer Art böser Rührung verblichene Photos aus den Jahren 1911 und 1913, der kleinen Zeit vor dem großen Kriege, ansehen –: so sehen sich einmal unsere Enkel dieses Bild hier an und sprechen, nachdem sie sich über «die unmöglichen Moden» beruhigt haben:
«Ja, das war vor den Gaskriegen … Sieh doch diese leeren Gesichter, die von nichts wissen … Hattet Ihr sonst keine Sorgen? … Habt Ihr nicht gefälligst verhindern können, daß man uns vergiftet? … Ahntet Ihr denn nichts von der ungeheurn Gefahr, die über Europa hing? … Gab es denn irgend etwas andres zu tun als zusammenzulaufen und dafür zu sorgen, daß keine Gasgranaten zusammengesetzt werden konnten? daß der Staatenwahnsinn nicht hohe Wellen schlug? daß den Gewaltkerlen in allen Ländern klargemacht wurde, daß noch andre Mächte da waren, stärker als sie und die profithungrigen Großindustriellen, die in ihren Häusern voll feiner Kultur van Goghs sammelten? … Wußtet Ihr das nicht –? Tatet Ihr nichts für uns, nichts –? Saht Ihr es nicht?»
Doch, wir sahen es. Wir haben auch gegen das Gas gearbeitet, in unserer Art. Aber das kann man nicht photographieren. Und vergiß nicht, Mann von 1982:
Die Welt ist kein Zweckorganismus und der Vernunft nicht untertan. Die Welt will spielen. Immer ist ihr die Modekönigin näher gewesen als das Schicksal der nächsten Generation, die allein sehen mußte, wo sie blieb, – und die es dann gerade so gemacht hat. Glaubst du, diese feinen Herren im Smoking wüßten von ihrem wahren Schicksal? Sie sind ganz gefangen vom Alltag, um wieviel mehr vom Sonntag – sie wissen nichts. Und die es wissen, sind grau und unscheinbar und nicht recht repräsentabel für eine Photographie. Vergiß nie, Nachkomme: auch während der französischen Revolution haben sich die Frauen um Milch gestritten und um Kleiderfragen und um ihren Geliebten – niemals beherrscht eine Idee die ganze Welt.
Sei denen dankbar, die für dich vorgesorgt haben. Viele sinds nicht. Sorg du für dich. Wir hatten so viel zu tun: wir mußten leben.

Autorenangabe: Kurt Tucholsky

Ersterscheinung: Deutschland, Deutschland über alles. Berlin 1929, S. 182 f.

Editionen: Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker. 22 Bände, Rowohlt Verlag, Reinbek 1996ff., Band 12, S. 182 f.

1 Kommentar »
  1. […] Dieses Bild […]

    Pingback by Sudelblog.de - Das Weblog zu Kurt Tucholsky » Originaltexte — 24.2.2006 @ 10:26

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