Brief an Marierose Fuchs (18.2.1930)

An Marierose Fuchs

Post: Weltbühne

Hindås, 18.2.1930
Sehr verehrtes Fräulein Fuchs,
ganz oder gar nicht … daher die verspätete Beantwortung. Ich hatte ein bißchen viel um die Ohren, Arbeit, Reisen pp – und ich mag grade an Sie nicht so schreiben, mit «schönen Dank für Ihre Briefe, die mich sehr interessiert haben …» daher habe ich mir diesen Brief aufgespart. Ich bitte Sie ausdrücklich, mir das nicht krumm zu nehmen – es sind keinerlei Hintergedanken dabei. Ich wäre ehrlich genug, Ihnen das zu sagen. Jetzt gehts los.
Also da liegen alle Ihre Briefe vor mir … und ich habe sie zweimal sorgfältig gelesen, einmal mit Bleistift, einmal ohne. Bevor ich im einzelnen antworte, wollen wir erst mal das Katholische besingen.
Ich unterscheide strictissime zwischen:
dem Katholicismus und der katholischen politischen Zentrumspartei.
Über die Religion kann ich nur sehr vorsichtig mitreden. Meine Kenntnisse sind nicht die eines Theologen; ich bin nicht in diesem Glauben aufgezogen … ich darf also nur tastend sprechen. Resultat: Ablehnung des Grundgehalts, mit dem ich nichts anfangen kann, dem ich nur verstandesmäßig nahe (oder weit) komme – große Bewunderung vor dem Denkgebäude, der Architektonik dieser Gehirne und des Aufbaus … Beziehungslosigkeit zum Kern.
Was die Partei angeht: Dank für ihre Haltung in den Jahren 1918–1923, 24 … vor allem in der Außenpolitik, wo die Leute sehr viel für Deutschland (und dabei legitim immer für sich) getan haben. Schärfste, unbedingte, frechste Ablehnung ihrer innerpolitischen Haltung. Wieweit die von der Religion beeinflußt ist, kann ich nicht sagen. (Tant pis pour elle.) Das geht nicht. Diese Haltung in: Ehescheidung, Prostitution, Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten; Strafvollzug, Militär … also nein, nein und nochmals nein. Es ist einfach nicht wahr, daß das dem «praktischen Leben verbunden» ist. Das ist, halten zu Gnaden, ein einziges Malheur (ich drücke mich so fein aus, mir wird noch der Mund abbrechen). Ich bin weder ein Pornograph noch ein Anhänger jener flachen «freien Liebe», die mir in ihren Grundzügen selbstverständlich ist, und deren Ausposaunung für unbefriedigte Damen beiderlei Geschlechts höchst fatal ist … Sie sehen auch aus meinem Geschreibe, daß ich noch andere Sorgen habe als diese – aber das, was die Partei treibt, ist scheußlich. Reinhaltung? Das ist so verlogen, so durch und durch unwahr und vor allem – und nur darauf kommts an:
im Effekt derart verderblich, daß ich jeden Kampf auch im Verein mit solchen, die mir nicht immer sehr sympathisch sind, mitmache. Man muß diese Mittelstandsreden geschwollener Kleinbürger lesen: «Vom religiösen Standpunkt aus …» und auf diese Weise wird dann so viel Gutes verhindert – denn es ist gut, wenn Leute über das Wesen der Syphilis aufgeklärt werden; wenn eine reinlich gebürstete Badestubenatmosphäre herrscht … ich habe schon tausendmal geschrieben: Es ist zweierlei nötig: die ökonomische Grundbedingung des Lebens zu verbessern, also ein Minimum für den Arbeitenden herauszuholen, das menschenwürdig ist – und ihm eine gewisse Gelassenheit beizubringen. («Unsittlichkeit» wird nur überwunden, wenn sie ausgelacht wird. Ich sehe mir keine unanständigen Bilder an, weil sie mich langweilen. Ich bin fertig mit ihnen. Aber ich fange nicht an, zu kollern, wenn welche da sind.)
Das und nur das ist der Grund meines Kampfes. Das Gute, das die Partei daneben leistet, verschwindet vor dem Bösen. So sehe ich das.
Dies von der Seele getippt habend, zu Ihren Briefen.
Natürlich bemühe ich mich, «Euch» zu verstehen. Das ist glaubensmäßig sehr schwer – politisch schon eher möglich. Ich glaube nicht, daß ich in achtzehn Jahren Literatur jemals den Fehler begangen hätte, das Zentrum und nun gar die Kirche mit Clichéphrasen zu bekämpfen. Ich lehne das ab. Es gibt selbstverständlich unwürdige Priester, Scheinheilige, Dummköpfe … alles, was man will. Die gibts unter den Kommunisten (zu denen ich nicht gehöre) auch; die gibts überall. Maßgebend ist der unterste, der, den die Gruppe noch grade duldet – und maßgebend ist das Durchschnittsniveau. Das scheint mir im deutschen Katholicismus nicht gar so übermäßig hoch zu liegen … aber wo täte es das!
Sie schreiben von dem Jammer, den Sie in der Caritas zu sehen bekommen. Seine Linderung ist gut – bravo. Aber wie nun, wenn einer weiter denkt? Wenn einer sich überlegt: Woran liegts, daß es soweit kommen kann und immer wieder so kommen muß? Natur? Dummes Zeug. Es ist auch «natürlich», daß die Cholera im Mittelalter gewütet hat – und heute tut sie das nicht mehr, weil man civilisatorisch gegen sie vorgegangen ist. Das ist, wie Sie richtig schreiben, nicht der Weisheit letzter Schluß; aber es ist schon sehr viel. Mit der Seele allein ist es nicht zu machen; niemals. (Mit der Badewanne allein auch nicht. Aber ein gebadeter Arbeiter ist die Grundbedingung alles andern. Badewanne als Allegorie gesetzt.) Vom Diesseitigen her kann man gar nichts lösen – Sie haben ganz recht. Aber es soll zunächst nichts «gelöst» werden – es soll nicht gehungert, nicht krepiert, nicht unnütz geblutet werden; die Leute sollen, wenn sie arbeiten, arbeiten können, sie sollen eine menschenwürdige Wohnung haben … eben jenes Minimum. Das können sie nicht haben, wenn man Güter so verteilt. Wem dient die Kirche?
Daß mit solchem Kampf für die primitiven Dinge des Lebens nichts für eine gute und hohe Sterbestunde getan ist, weiß ich selber. Aber man stirbt eine Sekunde und lebt sechzig Jahre. Diese Qual der Arbeitenden ist niedrig; wer sie deckt, ist mitschuldig. Die Lehren der Kirche in diesem Punkt sind zum mindesten höchst zweideutig; das Verhalten der Partei eindeutig.
//
Sie fragen: «Wie ist das, wenn man kein Weihnachten hat?» Na, danke es geht. Es geht wirklich sehr gut. Ein schöner Vers eines Freundes besagt:
Frei – das heißt doch wohl: befreit.
Ich will mich gern auslachen lassen – aber ich vermisse nichts.
Sicherlich sind diese Unterhaltungen von Ihnen zu mir und umgekehrt voll von Mißverständnissen. Man müßte über das zu verwendende Vokabular ein Jahr diskutieren und jeden Begriff festlegen; auf den Flaschen stehen manchmal gleiche Etiketts, bei verschiedenem Inhalt. Man kann also nur mit gutem Willen sich nähern.
Und der Kernpunkt Ihrer Briefe scheint mir jene Stelle zu sein, wo Sie sagen: «In dem Augenblick, wo der Katholik nicht mehr glaubt, daß er das richtige Glas hat, durch das man die Dinge sieht …» Voilà. Eben das weiß ich seit Jahren: Stärke aus Borniertheit. «Mein Glas ist das Richtige – sonst bricht alles zusammen. Nur meines. Kein andres.» Du lieber Gott … Ich weiß, wieviel Schwäche in den Leuten ist, die alles «relativ» sehen – so ists nicht gemeint. Aber Sie müssen mir schon erlauben, an der Stabilität dieser Eselsbrücke zu zweifeln. Sie ist eine Hilfskonstruktion für den Glauben; man darf aber nicht von andern verlangen, daß sie das ernst nehmen. So ist die menschliche Seele konstruiert; so braucht sie es – anders kann sie nicht leben: als unbedingt zu glauben. Aber ich doch nicht! Aber wir andern doch nicht! Glaubt, aber legt diese schreckliche Attitüde der Überheblichkeit, der bescheiden tuenden Superiorität ab – es hilft ja doch nichts.
Daß man sich – über die Köpfe hinweg, Bruder, reich mir die Hand – dennoch verstehen kann, scheint mir ein Beweis für die Nichtausschließlichkeit des Dogmas. Es gibt eben noch etwas darüber – Eros, was weiß ich … und das bestimmt die Beziehungen zwischen den Menschen endgültig, weil eben dies – im Gegensatz zum Dogma – nicht von Menschen gemacht ist. Das ist da.
//
Ich werde mich immer sehr freuen, wenn Sie mir etwas zum Lesen schicken. Bitte vermerken Sie stets, ob Sie es zurückhaben wollen; selbstverständlich schicke ich es sofort zurück. Ich habe hier noch den Sonnenschein – soll der zurückgehen? (Ich brauche ihn nicht.)
Die Schilderung des mißglückten Weihnachtsfestes für die Armen hat mich nicht überrascht; sie hat mir nur gezeigt, was Sie für eine anständige Gesinnung haben. Seien Sie überzeugt: wenn ich dabei gewesen wäre, hätte ich nicht gesagt: «Aha. Da sieht mans.» Solche Dinge sind doch nur regional und temporär, nicht grundsätzlich bedeutsam. Es gibt auch andere Priester, die einen höheren Begriff von ihrem Amt haben und vor allem mehr Herzenstakt.
Richtig: Die Evangelienerklärungen Sonnenscheins. Ja, also die haben mir nun gar nicht gefallen. Es liegt das daran, daß der Ungläubige die Religion gern sehr mystisch hat – dies ist bewußt klar photographiert – es erscheint dem, der das Mysterium nicht bereits in sich aufgesogen hat, als, verzeihen Sie, sehr platt. Es ist so im Zeitungsstil gehalten … daraus kann ich mir gar nichts nehmen. Für den Tod, aus dem ja alles dieses kommt, nun schon gar nichts.
‹Hochland› läse ich gern von Zeit zu Zeit. Ich kenne das Blatt.
//
Was das Persönliche angeht: ich bin gar nicht über Berlin gefahren, sondern über die einzige deutsche Stadt, in der ich leben könnte: über Hamburg. Das ist bezaubernd. Und nun sitze ich hier im blauen Schnee und denke nach, warum mir wohl so wenig einfällt …
Und Sie –? Alles, was Sie über sich geschrieben haben, hat mich sehr ergriffen. In einem der ersten Briefe stand: «Ich muß einmal zu einer Ärztin gehen, wegen der Erschöpfung … sie hat gesagt: viel Wärme und Freude.» Ich bin einmal mit einer Ärztin verheiratet gewesen (einer ganz besonders hochstehenden Frau), und ich habe daher die Gewohnheit erworben, über diese Dinge klar, kalt und ohne Herzklopfen zu reden. Als ich diese Stelle las, übersetzte ich mir das Rezept. Dann las ich in einem der andern Briefe Ihre Geschichte.
Ja … Also zunächst: mein Herr Berufskollege hat da aber schrecklich versagt. Wie kann man so empfindlich sein? Was ist das für eine Torheit, die Beziehung zu einem Menschen von einer Buchkritik abhängig zu machen? Nun, er kann sich nicht mehr wehren …
Ich glaube nicht, daß Sie genügend von Frauen wissen, um selber zu empfinden, ein wie starker Zauber von Ihrer fraulichen Persönlichkeit ausgeht. Ich lebe nicht in Berlin; ich komme vorläufig nicht nach Deutschland – dies ist kein Liebesbrief. Ich sage das, wie es ist. Also Sie wissen das nicht – gut. Ich bin aber nicht jung genug, um Ihnen nun den üblichen Rat zu geben. Das wäre nicht richtig gehandelt. Sie zerbrächen daran. Wie ich aus Ihrem Schweigen in der Kantstraße gehört habe (es war wie Musik) – geben Sie sich dann ganz; Sie können, wie Sie einmal sind, kaum verstehen, daß ein Mann, daß der Mann im Januar wirklich echt und herzlich liebt und im Juni gelangweilt am Telephon sagt: «Ich habe keine Zeit …» die Natur hat Sie nun einmal so gemacht. Ich weiß bis in die letzte Fingerspitze, was Sie meinen: Zusammensein und Zusammenerleben am Tage ist viel, viel wichtiger für Sie als der Rest. Das ist klar. Aber wie Ihnen aus der Einsamkeit helfen? Sie fliehen oft in die Arbeit, und – verzeihen Sie mir – vielleicht auch manchmal in die Religion. Man hat Ihnen gesagt, wie einmalig, wie unwiderruflich das alles ist – Sie sind davon überzeugt, ich will Sie nicht mit einer andern Meinung beunruhigen. Ich wünsche Ihnen nur, daß Sie einmal auf einen Mann stoßen, der Ihnen das gibt, was Sie so bitternötig brauchen: Zweisamkeit auf die Dauer. Denn es gibt ja so etwas wie Glück wohl nur auf den äußersten Polen: in einer völligen gläubigen Ruhe im Religiösen oder, auf der andern Seite: in einer fest gegründeten Gelassenheit, die ein Nachterlebnis ästhetisch und sauber gestaltet und im übrigen es für das nimmt, was es dort ist. (Nicht cynisch.)
Geht einer aus einem Lager in das andere, pflegt das ein Malheur zu geben. Tun Sies nicht.
Resumé: quälen Sie sich nicht zu sehr. Es gibt doch, wie Sie mir immer wieder richtig geschrieben haben, einen fröhlichen Katholicismus – einen lebensbejahenden, einen rheinischen, zum Beispiel – da sollten Sie sich etwas holen: Leben, Arbeit, einen Mann, einen Freund, eine Freundin … da ist es.
//
Ja, das wärs. Dank für das Anerbieten des Briefwechsels mit Claudel. Mit Rivière habe ich in Paris korrespondiert; ich habe ihn nie gesehen. Mir ist das sehr fremd, was da gemacht wird – mit den Plackereien der französischen Katholiken kann ich gar nichts anfangen. Und da es bei einem großen Amerikaner einmal heißt:
Allem Meinigen sollst du ein Deiniges gegenübersetzen –
so gehe ich aus meinem Bau nicht gern heraus: Wie ich überhaupt jeder Religion gegenüber empfinde: Mit genau derselben Stärke, mit genau derselben Berechtigung, mit der Ihr lebt – lebe ich auch. Ich habe mit Euch zu rechnen? Ihr habt mit mir zu rechnen.
Ich freue mich immer sehr, von Ihnen zu hören. Eine Rücksicht, die ich nicht erklären kann, doch: nicht erklären möchte – hat mich abgehalten, unsere Begegnung in Berlin in Verse zu setzen – man hätte das gekonnt. Aber es hätte Sie an einer entscheidenden Stelle verletzt, obgleich es gar nicht gegen Sie ging; es wäre ein Vulkanausbruch geworden … man soll das nicht, wenn die Objekte es kontrollieren können.
Man sollte Sie streicheln.
Mit den herzlichsten Grüßen
wie immer Ihr
Tucholsky.
Ihre Briefe sind literarisch viel besser als Ihre gedruckten Arbeiten. (Das können Sie aber bewußt nicht nachahmen – dann würde es unwahr werden.) Der Ton der Artikel ist mir zu … bonbonrosa. Man soll empfindend sein, nicht empfindsam. Entschuldigen Sie das krasse Urteil – ich kann in der Literatur nicht lügen. Sie erreichten auch mit kalter, gebosselter Härte viel mehr.

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1.1.2004

Brief an Marierose Fuchs (18.2.1930)

An Marierose Fuchs

Post: Weltbühne

Hindås, 18.2.1930
Sehr verehrtes Fräulein Fuchs,
ganz oder gar nicht … daher die verspätete Beantwortung. Ich hatte ein bißchen viel um die Ohren, Arbeit, Reisen pp – und ich mag grade an Sie nicht so schreiben, mit «schönen Dank für Ihre Briefe, die mich sehr interessiert haben …» daher habe ich mir diesen Brief aufgespart. Ich bitte Sie ausdrücklich, mir das nicht krumm zu nehmen – es sind keinerlei Hintergedanken dabei. Ich wäre ehrlich genug, Ihnen das zu sagen. Jetzt gehts los.
Also da liegen alle Ihre Briefe vor mir … und ich habe sie zweimal sorgfältig gelesen, einmal mit Bleistift, einmal ohne. Bevor ich im einzelnen antworte, wollen wir erst mal das Katholische besingen.
Ich unterscheide strictissime zwischen:
dem Katholicismus und der katholischen politischen Zentrumspartei.
Über die Religion kann ich nur sehr vorsichtig mitreden. Meine Kenntnisse sind nicht die eines Theologen; ich bin nicht in diesem Glauben aufgezogen … ich darf also nur tastend sprechen. Resultat: Ablehnung des Grundgehalts, mit dem ich nichts anfangen kann, dem ich nur verstandesmäßig nahe (oder weit) komme – große Bewunderung vor dem Denkgebäude, der Architektonik dieser Gehirne und des Aufbaus … Beziehungslosigkeit zum Kern.
Was die Partei angeht: Dank für ihre Haltung in den Jahren 1918–1923, 24 … vor allem in der Außenpolitik, wo die Leute sehr viel für Deutschland (und dabei legitim immer für sich) getan haben. Schärfste, unbedingte, frechste Ablehnung ihrer innerpolitischen Haltung. Wieweit die von der Religion beeinflußt ist, kann ich nicht sagen. (Tant pis pour elle.) Das geht nicht. Diese Haltung in: Ehescheidung, Prostitution, Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten; Strafvollzug, Militär … also nein, nein und nochmals nein. Es ist einfach nicht wahr, daß das dem «praktischen Leben verbunden» ist. Das ist, halten zu Gnaden, ein einziges Malheur (ich drücke mich so fein aus, mir wird noch der Mund abbrechen). Ich bin weder ein Pornograph noch ein Anhänger jener flachen «freien Liebe», die mir in ihren Grundzügen selbstverständlich ist, und deren Ausposaunung für unbefriedigte Damen beiderlei Geschlechts höchst fatal ist … Sie sehen auch aus meinem Geschreibe, daß ich noch andere Sorgen habe als diese – aber das, was die Partei treibt, ist scheußlich. Reinhaltung? Das ist so verlogen, so durch und durch unwahr und vor allem – und nur darauf kommts an:
im Effekt derart verderblich, daß ich jeden Kampf auch im Verein mit solchen, die mir nicht immer sehr sympathisch sind, mitmache. Man muß diese Mittelstandsreden geschwollener Kleinbürger lesen: «Vom religiösen Standpunkt aus …» und auf diese Weise wird dann so viel Gutes verhindert – denn es ist gut, wenn Leute über das Wesen der Syphilis aufgeklärt werden; wenn eine reinlich gebürstete Badestubenatmosphäre herrscht … ich habe schon tausendmal geschrieben: Es ist zweierlei nötig: die ökonomische Grundbedingung des Lebens zu verbessern, also ein Minimum für den Arbeitenden herauszuholen, das menschenwürdig ist – und ihm eine gewisse Gelassenheit beizubringen. («Unsittlichkeit» wird nur überwunden, wenn sie ausgelacht wird. Ich sehe mir keine unanständigen Bilder an, weil sie mich langweilen. Ich bin fertig mit ihnen. Aber ich fange nicht an, zu kollern, wenn welche da sind.)
Das und nur das ist der Grund meines Kampfes. Das Gute, das die Partei daneben leistet, verschwindet vor dem Bösen. So sehe ich das.
Dies von der Seele getippt habend, zu Ihren Briefen.
Natürlich bemühe ich mich, «Euch» zu verstehen. Das ist glaubensmäßig sehr schwer – politisch schon eher möglich. Ich glaube nicht, daß ich in achtzehn Jahren Literatur jemals den Fehler begangen hätte, das Zentrum und nun gar die Kirche mit Clichéphrasen zu bekämpfen. Ich lehne das ab. Es gibt selbstverständlich unwürdige Priester, Scheinheilige, Dummköpfe … alles, was man will. Die gibts unter den Kommunisten (zu denen ich nicht gehöre) auch; die gibts überall. Maßgebend ist der unterste, der, den die Gruppe noch grade duldet – und maßgebend ist das Durchschnittsniveau. Das scheint mir im deutschen Katholicismus nicht gar so übermäßig hoch zu liegen … aber wo täte es das!
Sie schreiben von dem Jammer, den Sie in der Caritas zu sehen bekommen. Seine Linderung ist gut – bravo. Aber wie nun, wenn einer weiter denkt? Wenn einer sich überlegt: Woran liegts, daß es soweit kommen kann und immer wieder so kommen muß? Natur? Dummes Zeug. Es ist auch «natürlich», daß die Cholera im Mittelalter gewütet hat – und heute tut sie das nicht mehr, weil man civilisatorisch gegen sie vorgegangen ist. Das ist, wie Sie richtig schreiben, nicht der Weisheit letzter Schluß; aber es ist schon sehr viel. Mit der Seele allein ist es nicht zu machen; niemals. (Mit der Badewanne allein auch nicht. Aber ein gebadeter Arbeiter ist die Grundbedingung alles andern. Badewanne als Allegorie gesetzt.) Vom Diesseitigen her kann man gar nichts lösen – Sie haben ganz recht. Aber es soll zunächst nichts «gelöst» werden – es soll nicht gehungert, nicht krepiert, nicht unnütz geblutet werden; die Leute sollen, wenn sie arbeiten, arbeiten können, sie sollen eine menschenwürdige Wohnung haben … eben jenes Minimum. Das können sie nicht haben, wenn man Güter so verteilt. Wem dient die Kirche?
Daß mit solchem Kampf für die primitiven Dinge des Lebens nichts für eine gute und hohe Sterbestunde getan ist, weiß ich selber. Aber man stirbt eine Sekunde und lebt sechzig Jahre. Diese Qual der Arbeitenden ist niedrig; wer sie deckt, ist mitschuldig. Die Lehren der Kirche in diesem Punkt sind zum mindesten höchst zweideutig; das Verhalten der Partei eindeutig.
//
Sie fragen: «Wie ist das, wenn man kein Weihnachten hat?» Na, danke es geht. Es geht wirklich sehr gut. Ein schöner Vers eines Freundes besagt:
Frei – das heißt doch wohl: befreit.
Ich will mich gern auslachen lassen – aber ich vermisse nichts.
Sicherlich sind diese Unterhaltungen von Ihnen zu mir und umgekehrt voll von Mißverständnissen. Man müßte über das zu verwendende Vokabular ein Jahr diskutieren und jeden Begriff festlegen; auf den Flaschen stehen manchmal gleiche Etiketts, bei verschiedenem Inhalt. Man kann also nur mit gutem Willen sich nähern.
Und der Kernpunkt Ihrer Briefe scheint mir jene Stelle zu sein, wo Sie sagen: «In dem Augenblick, wo der Katholik nicht mehr glaubt, daß er das richtige Glas hat, durch das man die Dinge sieht …» Voilà. Eben das weiß ich seit Jahren: Stärke aus Borniertheit. «Mein Glas ist das Richtige – sonst bricht alles zusammen. Nur meines. Kein andres.» Du lieber Gott … Ich weiß, wieviel Schwäche in den Leuten ist, die alles «relativ» sehen – so ists nicht gemeint. Aber Sie müssen mir schon erlauben, an der Stabilität dieser Eselsbrücke zu zweifeln. Sie ist eine Hilfskonstruktion für den Glauben; man darf aber nicht von andern verlangen, daß sie das ernst nehmen. So ist die menschliche Seele konstruiert; so braucht sie es – anders kann sie nicht leben: als unbedingt zu glauben. Aber ich doch nicht! Aber wir andern doch nicht! Glaubt, aber legt diese schreckliche Attitüde der Überheblichkeit, der bescheiden tuenden Superiorität ab – es hilft ja doch nichts.
Daß man sich – über die Köpfe hinweg, Bruder, reich mir die Hand – dennoch verstehen kann, scheint mir ein Beweis für die Nichtausschließlichkeit des Dogmas. Es gibt eben noch etwas darüber – Eros, was weiß ich … und das bestimmt die Beziehungen zwischen den Menschen endgültig, weil eben dies – im Gegensatz zum Dogma – nicht von Menschen gemacht ist. Das ist da.
//
Ich werde mich immer sehr freuen, wenn Sie mir etwas zum Lesen schicken. Bitte vermerken Sie stets, ob Sie es zurückhaben wollen; selbstverständlich schicke ich es sofort zurück. Ich habe hier noch den Sonnenschein – soll der zurückgehen? (Ich brauche ihn nicht.)
Die Schilderung des mißglückten Weihnachtsfestes für die Armen hat mich nicht überrascht; sie hat mir nur gezeigt, was Sie für eine anständige Gesinnung haben. Seien Sie überzeugt: wenn ich dabei gewesen wäre, hätte ich nicht gesagt: «Aha. Da sieht mans.» Solche Dinge sind doch nur regional und temporär, nicht grundsätzlich bedeutsam. Es gibt auch andere Priester, die einen höheren Begriff von ihrem Amt haben und vor allem mehr Herzenstakt.
Richtig: Die Evangelienerklärungen Sonnenscheins. Ja, also die haben mir nun gar nicht gefallen. Es liegt das daran, daß der Ungläubige die Religion gern sehr mystisch hat – dies ist bewußt klar photographiert – es erscheint dem, der das Mysterium nicht bereits in sich aufgesogen hat, als, verzeihen Sie, sehr platt. Es ist so im Zeitungsstil gehalten … daraus kann ich mir gar nichts nehmen. Für den Tod, aus dem ja alles dieses kommt, nun schon gar nichts.
‹Hochland› läse ich gern von Zeit zu Zeit. Ich kenne das Blatt.
//
Was das Persönliche angeht: ich bin gar nicht über Berlin gefahren, sondern über die einzige deutsche Stadt, in der ich leben könnte: über Hamburg. Das ist bezaubernd. Und nun sitze ich hier im blauen Schnee und denke nach, warum mir wohl so wenig einfällt …
Und Sie –? Alles, was Sie über sich geschrieben haben, hat mich sehr ergriffen. In einem der ersten Briefe stand: «Ich muß einmal zu einer Ärztin gehen, wegen der Erschöpfung … sie hat gesagt: viel Wärme und Freude.» Ich bin einmal mit einer Ärztin verheiratet gewesen (einer ganz besonders hochstehenden Frau), und ich habe daher die Gewohnheit erworben, über diese Dinge klar, kalt und ohne Herzklopfen zu reden. Als ich diese Stelle las, übersetzte ich mir das Rezept. Dann las ich in einem der andern Briefe Ihre Geschichte.
Ja … Also zunächst: mein Herr Berufskollege hat da aber schrecklich versagt. Wie kann man so empfindlich sein? Was ist das für eine Torheit, die Beziehung zu einem Menschen von einer Buchkritik abhängig zu machen? Nun, er kann sich nicht mehr wehren …
Ich glaube nicht, daß Sie genügend von Frauen wissen, um selber zu empfinden, ein wie starker Zauber von Ihrer fraulichen Persönlichkeit ausgeht. Ich lebe nicht in Berlin; ich komme vorläufig nicht nach Deutschland – dies ist kein Liebesbrief. Ich sage das, wie es ist. Also Sie wissen das nicht – gut. Ich bin aber nicht jung genug, um Ihnen nun den üblichen Rat zu geben. Das wäre nicht richtig gehandelt. Sie zerbrächen daran. Wie ich aus Ihrem Schweigen in der Kantstraße gehört habe (es war wie Musik) – geben Sie sich dann ganz; Sie können, wie Sie einmal sind, kaum verstehen, daß ein Mann, daß der Mann im Januar wirklich echt und herzlich liebt und im Juni gelangweilt am Telephon sagt: «Ich habe keine Zeit …» die Natur hat Sie nun einmal so gemacht. Ich weiß bis in die letzte Fingerspitze, was Sie meinen: Zusammensein und Zusammenerleben am Tage ist viel, viel wichtiger für Sie als der Rest. Das ist klar. Aber wie Ihnen aus der Einsamkeit helfen? Sie fliehen oft in die Arbeit, und – verzeihen Sie mir – vielleicht auch manchmal in die Religion. Man hat Ihnen gesagt, wie einmalig, wie unwiderruflich das alles ist – Sie sind davon überzeugt, ich will Sie nicht mit einer andern Meinung beunruhigen. Ich wünsche Ihnen nur, daß Sie einmal auf einen Mann stoßen, der Ihnen das gibt, was Sie so bitternötig brauchen: Zweisamkeit auf die Dauer. Denn es gibt ja so etwas wie Glück wohl nur auf den äußersten Polen: in einer völligen gläubigen Ruhe im Religiösen oder, auf der andern Seite: in einer fest gegründeten Gelassenheit, die ein Nachterlebnis ästhetisch und sauber gestaltet und im übrigen es für das nimmt, was es dort ist. (Nicht cynisch.)
Geht einer aus einem Lager in das andere, pflegt das ein Malheur zu geben. Tun Sies nicht.
Resumé: quälen Sie sich nicht zu sehr. Es gibt doch, wie Sie mir immer wieder richtig geschrieben haben, einen fröhlichen Katholicismus – einen lebensbejahenden, einen rheinischen, zum Beispiel – da sollten Sie sich etwas holen: Leben, Arbeit, einen Mann, einen Freund, eine Freundin … da ist es.
//
Ja, das wärs. Dank für das Anerbieten des Briefwechsels mit Claudel. Mit Rivière habe ich in Paris korrespondiert; ich habe ihn nie gesehen. Mir ist das sehr fremd, was da gemacht wird – mit den Plackereien der französischen Katholiken kann ich gar nichts anfangen. Und da es bei einem großen Amerikaner einmal heißt:
Allem Meinigen sollst du ein Deiniges gegenübersetzen –
so gehe ich aus meinem Bau nicht gern heraus: Wie ich überhaupt jeder Religion gegenüber empfinde: Mit genau derselben Stärke, mit genau derselben Berechtigung, mit der Ihr lebt – lebe ich auch. Ich habe mit Euch zu rechnen? Ihr habt mit mir zu rechnen.
Ich freue mich immer sehr, von Ihnen zu hören. Eine Rücksicht, die ich nicht erklären kann, doch: nicht erklären möchte – hat mich abgehalten, unsere Begegnung in Berlin in Verse zu setzen – man hätte das gekonnt. Aber es hätte Sie an einer entscheidenden Stelle verletzt, obgleich es gar nicht gegen Sie ging; es wäre ein Vulkanausbruch geworden … man soll das nicht, wenn die Objekte es kontrollieren können.
Man sollte Sie streicheln.
Mit den herzlichsten Grüßen
wie immer Ihr
Tucholsky.
Ihre Briefe sind literarisch viel besser als Ihre gedruckten Arbeiten. (Das können Sie aber bewußt nicht nachahmen – dann würde es unwahr werden.) Der Ton der Artikel ist mir zu … bonbonrosa. Man soll empfindend sein, nicht empfindsam. Entschuldigen Sie das krasse Urteil – ich kann in der Literatur nicht lügen. Sie erreichten auch mit kalter, gebosselter Härte viel mehr.
2 Kommentare »
  1. […] Das schrieb Tucholsky in einem Brief vom 18. Februar 1930 an die Journalistin Marierose Fuchs. […]

    Pingback by Sudelblog.de - Das Weblog zu Kurt Tucholsky » Würdigungen II. — 21.2.2006 @ 21:09

  2. […] Brief an Marierose Fuchs (18.2.1930) […]

    Pingback by Sudelblog.de - Das Weblog zu Kurt Tucholsky » Originaltexte — 21.2.2006 @ 21:10

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