Brief an Annette Kolb

Hindås, 29.2.1932
Liebe Kolbanette,

Du hast mir mal im Sommer geschrieben, was es denn nur mit dem ‹Simplicissimus› wäre, und es wäre doch ganz erschröcklich. Ich habe mir also das Blatt genau angesehen und schließlich an den Herrn Redakteur geschrieben. Von dieser Korrespondenz gebe ich Dir Kenntnis – bitte schicke sie mir nach Lesung zurück.

Damit wir uns recht verstehn:
Ich bin kein Aufsichtswart deutscher Zeitschriften. Der Simpel kann schreiben, was er lustig ist. Aber ich halte im übrigen diesen Briefwechsel für sehr bezeichnend. Wie reden wir doch lieblich aneinander vorbei –!
Daß kluge und anständige Menschen nicht fühlen, wie zeitabhängig sie sind! Wie wir es alle sind. Ich halte mich nicht [für] den lieben Gott – der Schönberger glaubt aber, seine Haltung und die Th. T. Heines, Schillings pp. sei «der gesunde Menschenverstand». Dabei sind diese Leute nicht einmal gut informiert, was ja die erste Bedingung für eine gute Satire ist. Das ist im großen ganzen ‹Münchner Neuste Nachrichten› – vor allem in außenpolitischer Hinsicht. Das arme gute Deutschland, das unschuldige Kind! Keiner Maus tut es etwas zu leide! Und das böse Frankreich! Und der blöde Völkerbund – natürlich ist er blöde und machtlos – aber:
Wer hat ihm denn Macht übertragen –?
Kurz: es ist ein Jammer. Die Sache liegt hier so verzweifelt, weil hier bestimmt nicht irgend eine Aktiengesellschaft dahinterliegt. Die großen Verleger, die heute umfallen –: das ist einfach. Es ist ein Geschäft. Sie werden entweder von der Regierung direkt bezahlt oder von ihrer Angst mittelbar getrieben, das ist in Frankfurt und in Berlin so. («So übel ist doch der Hitler eigentlich gar nicht …») Aber hier hast Du das deutsche Bürgertum: ahnungslos, genau wieder so ins Unglück taumelnd … der Mann da in München wäre höchsterstaunt, wenn man ihm sagte, daß er mithilft, den nächsten Krieg vorzubereiten.
Meine Liebe, es ist ziemlich aussichtslos.
Wenn ich an Deutschland denke, bin ich zwar nicht um den Schlaf gebracht, aber es freut einen nicht mehr. Wenn es nicht in die Hölle kommt, so nur, weil es ein paar bezaubernde Schriftsteller gehabt hat. Darunter meine allerbeste und geliebte und gute und ewigjunge
Anette Kolb

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1.1.2004

Brief an Annette Kolb

Hindås, 29.2.1932
Liebe Kolbanette,

Du hast mir mal im Sommer geschrieben, was es denn nur mit dem ‹Simplicissimus› wäre, und es wäre doch ganz erschröcklich. Ich habe mir also das Blatt genau angesehen und schließlich an den Herrn Redakteur geschrieben. Von dieser Korrespondenz gebe ich Dir Kenntnis – bitte schicke sie mir nach Lesung zurück.

Damit wir uns recht verstehn:
Ich bin kein Aufsichtswart deutscher Zeitschriften. Der Simpel kann schreiben, was er lustig ist. Aber ich halte im übrigen diesen Briefwechsel für sehr bezeichnend. Wie reden wir doch lieblich aneinander vorbei –!
Daß kluge und anständige Menschen nicht fühlen, wie zeitabhängig sie sind! Wie wir es alle sind. Ich halte mich nicht [für] den lieben Gott – der Schönberger glaubt aber, seine Haltung und die Th. T. Heines, Schillings pp. sei «der gesunde Menschenverstand». Dabei sind diese Leute nicht einmal gut informiert, was ja die erste Bedingung für eine gute Satire ist. Das ist im großen ganzen ‹Münchner Neuste Nachrichten› – vor allem in außenpolitischer Hinsicht. Das arme gute Deutschland, das unschuldige Kind! Keiner Maus tut es etwas zu leide! Und das böse Frankreich! Und der blöde Völkerbund – natürlich ist er blöde und machtlos – aber:
Wer hat ihm denn Macht übertragen –?
Kurz: es ist ein Jammer. Die Sache liegt hier so verzweifelt, weil hier bestimmt nicht irgend eine Aktiengesellschaft dahinterliegt. Die großen Verleger, die heute umfallen –: das ist einfach. Es ist ein Geschäft. Sie werden entweder von der Regierung direkt bezahlt oder von ihrer Angst mittelbar getrieben, das ist in Frankfurt und in Berlin so. («So übel ist doch der Hitler eigentlich gar nicht …») Aber hier hast Du das deutsche Bürgertum: ahnungslos, genau wieder so ins Unglück taumelnd … der Mann da in München wäre höchsterstaunt, wenn man ihm sagte, daß er mithilft, den nächsten Krieg vorzubereiten.
Meine Liebe, es ist ziemlich aussichtslos.
Wenn ich an Deutschland denke, bin ich zwar nicht um den Schlaf gebracht, aber es freut einen nicht mehr. Wenn es nicht in die Hölle kommt, so nur, weil es ein paar bezaubernde Schriftsteller gehabt hat. Darunter meine allerbeste und geliebte und gute und ewigjunge
Anette Kolb
1 Kommentar »
  1. […] Brief an Annette Kolb […]

    Pingback by Sudelblog.de - Das Weblog zu Kurt Tucholsky » Originaltexte — 20.2.2006 @ 17:52

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