Gesang der englischen Chorknaben

Ehre sei Gott in der Hö-hö-he!

Wer hat die Wanzen und Flö-hö-he?
      Die Armen,
      die Armen - Oh, habet Erbarmen!
      Die Reichen
      die Reichen
    die brauchen das nicht;
    sie liegen auf weichen,
    weichen Kissen im Licht
    oder bei ihren Damen –
      Amen.

Ehre sei Gott in der ersten Etage!
      Courage! Courage!
    Macht eure Fabrik auch mal Plei-hei-te,
    die Kirche, die steht euch zur Sei-hei-te
    und gibt euch stets das Geleite:
      sie beugt dem Proleten den Rücken krumm
      und hält ihn sein ganzes Leben lang dumm,
      und segnet den Staat und seine Soldaten,
      die Unternehmer und Potentaten
      und segnet überhaupt jede Schweinerei
      und ist allemal dabei.
    Jeder lebe in seinem Rahmen:
    unten die Arbeitsamen
    und oben die mit den Börseneinnahmen –
      Amen.

Ehre den Gott der herrschenden Klassen!
    Wir zähmen die Massen!
    Wir lassen sie beten,
    wenn sie getreten;
    wir lassen sie singen,
    wenn sie vor Hunger zerspringen;
    wir lassen sie knien:
    Wir wollen den Proletarier erziehn
      zu einem geduldigen
      unschuldigen
      Arbeitstier -          I-A! I-A!
      Hallelujah! Oh, tut doch nimmer im Beten erlahmen! und höret auf der Kirche Reklamen - jedes Ding, das ihr schiebt, schiebt ihr in IHREM
                            Namen
                    Amen!


Autorenangabe: Theobald Tiger
Ersterscheinung: Arbeiter Illustrierte Zeitung, 1928, Nr. 35, S. 11.

Editionen: Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker. 22 Bände, Rowohlt Verlag, Reinbek 1996ff., 1928, S. 476 ff.

Ders.: Gesammelte Werke in 10 Bänden. Hrsg. von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Rowohlt Verlag, Reinbek 1975. Band 6, S. 214 ff.

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1.1.2004

Gesang der englischen Chorknaben

Ehre sei Gott in der Hö-hö-he!

Wer hat die Wanzen und Flö-hö-he?
      Die Armen,
      die Armen - Oh, habet Erbarmen!
      Die Reichen
      die Reichen
    die brauchen das nicht;
    sie liegen auf weichen,
    weichen Kissen im Licht
    oder bei ihren Damen –
      Amen.

Ehre sei Gott in der ersten Etage!
      Courage! Courage!
    Macht eure Fabrik auch mal Plei-hei-te,
    die Kirche, die steht euch zur Sei-hei-te
    und gibt euch stets das Geleite:
      sie beugt dem Proleten den Rücken krumm
      und hält ihn sein ganzes Leben lang dumm,
      und segnet den Staat und seine Soldaten,
      die Unternehmer und Potentaten
      und segnet überhaupt jede Schweinerei
      und ist allemal dabei.
    Jeder lebe in seinem Rahmen:
    unten die Arbeitsamen
    und oben die mit den Börseneinnahmen –
      Amen.

Ehre den Gott der herrschenden Klassen!
    Wir zähmen die Massen!
    Wir lassen sie beten,
    wenn sie getreten;
    wir lassen sie singen,
    wenn sie vor Hunger zerspringen;
    wir lassen sie knien:
    Wir wollen den Proletarier erziehn
      zu einem geduldigen
      unschuldigen
      Arbeitstier -          I-A! I-A!
      Hallelujah! Oh, tut doch nimmer im Beten erlahmen! und höret auf der Kirche Reklamen - jedes Ding, das ihr schiebt, schiebt ihr in IHREM
                            Namen
                    Amen!


Autorenangabe: Theobald Tiger
Ersterscheinung: Arbeiter Illustrierte Zeitung, 1928, Nr. 35, S. 11.

Editionen: Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker. 22 Bände, Rowohlt Verlag, Reinbek 1996ff., 1928, S. 476 ff.

Ders.: Gesammelte Werke in 10 Bänden. Hrsg. von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Rowohlt Verlag, Reinbek 1975. Band 6, S. 214 ff.

2 Kommentare »
  1. […] Gesang der englischen Chorknaben […]

    Pingback by Sudelblog.de - Das Weblog zu Kurt Tucholsky » Originaltexte — 5.2.2006 @ 20:32

  2. […] Was Tucholsky betrifft, so bezieht sich Wittstock sich auf dessen Gedicht "Gesang der englischen Chorknaben", das im August 1928 in der kommunistischen Arbeiter Illustrierte Zeitung erschien. Ein Ingolstädter Journalist stellte damals Strafantrag gegen Tucholsky sowie den Drucker wegen Gotteslästerung nach Paragraph 166 Strafgesetzbuch. Da Tucholsky zu diesem Zeitpunkt meist im Ausland lebte, wurde er erst im März 1929 in Berlin vernommen. Anschließend wurde das Verfahren eingestellt. Tucholsky hatte bei der Vernehmung erklärt, dass das Gedicht aus Anlass eines englischen Bergarbeiterstreiks enstanden sei und sich daher ausschließlich auf die anglikanische Kirche beziehe. Außerdem habe er auf die in England übliche Praxis anspielen wollen, die Glauben "wie eine Zahnpasta anzupreisen". […]

    Pingback by Sudelblog.de - Das Weblog zu Kurt Tucholsky » Blasphemische Verse — 5.2.2006 @ 20:50

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