Die freie Wirtschaft

Ihr sollt die verfluchten Tarife abbauen.
Ihr sollt auf euern Direktor vertrauen.
Ihr sollt die Schlichtungsausschüsse verlassen.
Ihr sollt alles Weitere dem Chef überlassen.
Kein Betriebsrat quatsche uns mehr herein,
wir wollen freie Wirtschaftler sein!
Fort die Gruppen – sei unser Panier!
Na, ihr nicht.
Aber wir.
Ihr braucht keine Heime für eure Lungen,
keine Renten und keine Versicherungen.
Ihr solltet euch allesamt was schämen,
von dem armen Staat noch Geld zu nehmen!
Ihr sollt nicht mehr zusammenstehn -
wollt ihr wohl auseinandergehn!
Keine Kartelle in unserm Revier!
Ihr nicht.
Aber wir.
Wir bilden bis in die weiteste Ferne
Trusts, Kartelle, Verbände, Konzerne.
Wir stehen neben den Hochofenflammen
in Interessengemeinschaften fest zusammen.
Wir diktieren die Preise und die Verträge -
kein Schutzgesetz sei uns im Wege.
Gut organisiert sitzen wir hier …
Ihr nicht.
Aber wir.
Was ihr macht, ist Marxismus.
Nieder damit!
Wir erobern die Macht, Schritt für Schritt.
Niemand stört uns. In guter Ruh
sehn Regierungssozialisten zu.
Wir wollen euch einzeln. An die Gewehre!
Das ist die neuste Wirtschaftslehre.
Die Forderung ist noch nicht verkündet,
die ein deutscher Professor uns nicht begründet.
In Betrieben wirken für unsere Idee
die Offiziere der alten Armee,
die Stahlhelmleute, Hitlergarden …

Ihr, in Kellern und in Mansarden,
merkt ihr nicht, was mit euch gespielt wird?
mit wessen Schweiß der Gewinn erzielt wird?
Komme, was da kommen mag.
Es kommt der Tag,
da ruft der Arbeitspionier:
“Ihr nicht.
Aber Wir. Wir. Wir.”

Autorenangabe: Theobald Tiger

Ersterscheinung: Die Weltbühne, 4. März 1930, Nr. 10, S. 351.

Editionen: Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker. 22 Bände, Rowohlt Verlag, Reinbek 1996ff., 1930, S. 125 ff.

Ders.: Gesammelte Werke in 10 Bänden. Hrsg. von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Rowohlt Verlag, Reinbek 1975. Band 8, S. 60 ff.

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1.1.2004

Die freie Wirtschaft

Ihr sollt die verfluchten Tarife abbauen.
Ihr sollt auf euern Direktor vertrauen.
Ihr sollt die Schlichtungsausschüsse verlassen.
Ihr sollt alles Weitere dem Chef überlassen.
Kein Betriebsrat quatsche uns mehr herein,
wir wollen freie Wirtschaftler sein!
Fort die Gruppen – sei unser Panier!
Na, ihr nicht.
Aber wir.
Ihr braucht keine Heime für eure Lungen,
keine Renten und keine Versicherungen.
Ihr solltet euch allesamt was schämen,
von dem armen Staat noch Geld zu nehmen!
Ihr sollt nicht mehr zusammenstehn -
wollt ihr wohl auseinandergehn!
Keine Kartelle in unserm Revier!
Ihr nicht.
Aber wir.
Wir bilden bis in die weiteste Ferne
Trusts, Kartelle, Verbände, Konzerne.
Wir stehen neben den Hochofenflammen
in Interessengemeinschaften fest zusammen.
Wir diktieren die Preise und die Verträge -
kein Schutzgesetz sei uns im Wege.
Gut organisiert sitzen wir hier …
Ihr nicht.
Aber wir.
Was ihr macht, ist Marxismus.
Nieder damit!
Wir erobern die Macht, Schritt für Schritt.
Niemand stört uns. In guter Ruh
sehn Regierungssozialisten zu.
Wir wollen euch einzeln. An die Gewehre!
Das ist die neuste Wirtschaftslehre.
Die Forderung ist noch nicht verkündet,
die ein deutscher Professor uns nicht begründet.
In Betrieben wirken für unsere Idee
die Offiziere der alten Armee,
die Stahlhelmleute, Hitlergarden …

Ihr, in Kellern und in Mansarden,
merkt ihr nicht, was mit euch gespielt wird?
mit wessen Schweiß der Gewinn erzielt wird?
Komme, was da kommen mag.
Es kommt der Tag,
da ruft der Arbeitspionier:
“Ihr nicht.
Aber Wir. Wir. Wir.”

Autorenangabe: Theobald Tiger

Ersterscheinung: Die Weltbühne, 4. März 1930, Nr. 10, S. 351.

Editionen: Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker. 22 Bände, Rowohlt Verlag, Reinbek 1996ff., 1930, S. 125 ff.

Ders.: Gesammelte Werke in 10 Bänden. Hrsg. von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Rowohlt Verlag, Reinbek 1975. Band 8, S. 60 ff.

9 Kommentare »
  1. Danke für diesen spannenden Text – ich war dem fälschlichweise Tucholsky zugeschriebenen Gedicht über die Finanzkrise auf den Leim gekrochen

    Hans

    Comment by Hans Wiesner — 4.12.2008 @ 7:57

  2. Danke für die Aufklärung. Habe mich auch etwas über die Derivate gewundert, aber da ich mich mit der Finanbzszene von 1929 nicht so gut auskenne habe ich das Gedicht von Freunden einfach weitergeleitet, weil ich es gut fand, denn es bringt alles wirklich auf den Punkt und könnte auch schon 1929 geschrieben worden sein. Schluss mit dem Betrug der Menschen durch pekunären Größenwahn.

    Bernhard Schwanzar

    Comment by Bernhard Schwanzar — 1.1.2009 @ 14:20

  3. Wer meint mit “pekuniärem Grössenwahn” oder Leerverkäufen sei die Ursache der Finanzkrise in etwa umschrieben, der, mit allem gebotenen Respekt, hat keine Ahnung vom Finanzgeschäft und sollte mal lernen was ein fiktives Kapital, bzw. ein Kreditderivat ist. Da lob ich mir Tucholsky, der mit seinem Hohnlied auf die freie Wirtschaft wenigstens noch ein Bisschen etwas davon anvisierte, was diese unsere Wirtschaftsform ausmacht.

    Comment by Nemo — 5.1.2009 @ 14:41

  4. auch ich bin prompt drauf reingefallen. klang halt zu schön. tröste mich mit dem italienischen Spruch: se non è vero è ben trovato!

    Comment by k. bender — 3.3.2009 @ 18:06

  5. im Wesentlichen ist das Plagiat eine gelungene moderne “Übersetzung” in die Gegenwart.
    Der Erfolg desselben zeigt das große Volks-Unbehagen darüber, dass Wirtschaftsethik für viele Manager und deren Lobbyisten zum Fremdwort geworden ist.
    Wie lange wird bei diesem unverfrorenen Treiben der “Arbeitspionier” aus dem Original noch tatenlos bleiben?

    Ich danke dennoch für die literarische Aufklärung!

    Comment by Schrom Peter — 20.3.2009 @ 10:21

  6. Ich bin Redakteur einer linken Kleinzeitung – Der Vogtlandbote – und bekam das Gedicht von einem Leser zugesandt mit der Bitte, es ob der scheinbaren Aktualität zu veröffentlichen. Unser Redaktionskollektiv beschied diesen Wunsch positiv. Nun steht es also in unserer Zeitung. Hätten wir nur früher nach der Authentizität gefragt. Zur Finanzkrise gibt es auch genug andere Polemiken und Argumente.

    Comment by Peter Giersich — 2.6.2009 @ 22:42

  7. Einer meiner Lieblingsschriftsteller und Dichter ist Kurt Tucholsky. Ich habe mir gleich gedacht, das das Gedicht nicht von Tucholsky stammt, da es zu langweilig in Versform verfasst ist. So hat Tucholsky nie ein Gedicht geschrieben. Sicherheitshalber bin ich nun ins Internett, um mich zu vergewissern – und tasächlich, dies ist kein Tucholsky Gedicht.

    Comment by Edel — 7.3.2010 @ 17:45

  8. Auch im Haffmanns-Kalender 2010 von Samstag, 17 April wird dieses ja durchaus treffende Gedicht gekürzt wiedergegeben und Tucholsky zugeschrieben!

    Comment by D.Riemer — 18.4.2010 @ 14:56

  9. Wir schreiben 2012 – das “Tucholsky-Gedicht” zieht immer noch seine Bahn durch die unendlichen Weiten des Internets.
    Ach wäre die Aufklärung nur halb so verbreitet wie ds Gedicht – man könnte sich das Staunen und Nachrecherchieren ersparen.
    Danke.

    Comment by riederliest — 12.2.2012 @ 9:52

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