Erklärung

Am neunundzwanzigsten Juni dieses Jahres erschien in der Nummer 26 der „Weltbühne“ ein Artikel von Ignaz Wrobel: „Die Schupo“. Er befaßte sich mit der allzu militärischen Dienstauffassung ihres Offiziercorps.

Am achtundzwanzigsten Juli druckte die pariser Zeitung „L’Eclair“ diesen Artikel ab – der in der Hauptsache den Polizeimajor Fendel-Sartorius als Verfasser des Heftchens: „Die Schutzpolizei und ihre Gefechtsgrundsätze“ zu Worte kommen ließ. Übersetzung und Nachdruck des „Eclair“ waren nicht autorisiert, aber unter den heutigen Umständen natürlich nicht zu verhindern gewesen. Dem Artikel war eine redaktionelle Notiz – M.H. gezeichnet – vorangeschickt, die mit den Worten begann: „Wir erhalten von einem berliner Publizisten folgende überzeugenden Enthüllungen über die Schupo …“

Der „Eclair“ hat niemals etwas von mir bekommen – weder direkt noch indirekt. Auch dieser Artikel war ihm niemals übersandt worden.

Am Erscheinungstag dieser französischen Übersetzung meines Artikels aus der „Weltbühne“ veröffentlichte das berliner Acht-Uhr-Abendblatt ein Telegramm seines pariser Korrespondenten unter der Überschrift: „Ein ‚Deutscher'“. Darin wurde ich beschuldigt, dem Ausland deutschfeindliches Material übergeben zu haben. Ich berichtigte diese Verleumdung – die Berichtigung erschien am neunundzwanzigsten Juli.

Seit diesem Tage tobt die reaktionäre Provinzpresse aller Kaliber um jene Lüge, deren Berichtigung für sie nicht existiert. Gesinnungsgenossen des Zuhälters Ankermann beschimpfen mich telephonisch, die Drohbriefe sind entsprechend – und das Ganze ist unendlich feige.

Ich stelle hier fest:

Ich habe niemals von einer Entente-Zeitung Geld oder sonst eine Vergünstigung bekommen – weder direkt noch indirekt. Ich habe niemals an das Ausland irgend welches Material gegeben. Was ich gegen eine militärisch eingestellte Nebenregierung habe sagen wollen, habe ich in der Heimat gesagt. Und nirgends anderswo.

Eine Presse, die Herrn Erich Ludendorff niemals verübelt hat, daß er in den Northcliffe-Zeitungen für ein Valuta-Honorar gegen die deutsche Republik hetzt, während die noch um ihr Leben kämpft, wird nicht so viel journalistischen oder politischen Anstand aufbringen, von dieser Erklärung Notiz zu nehmen.

Ich habe sie für meine Freunde aufgeschrieben, an deren guter Meinung mir liegt.


Autorenangabe: Kurt Tucholsky

Ersterscheinung: Die Weltbühne, 17.08.1922, S. 176

Editionen: Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker. 22 Bände, Rowohlt Verlag, Reinbek 1996ff., 1922

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1.1.2004

Erklärung

Am neunundzwanzigsten Juni dieses Jahres erschien in der Nummer 26 der „Weltbühne“ ein Artikel von Ignaz Wrobel: „Die Schupo“. Er befaßte sich mit der allzu militärischen Dienstauffassung ihres Offiziercorps.

Am achtundzwanzigsten Juli druckte die pariser Zeitung „L’Eclair“ diesen Artikel ab – der in der Hauptsache den Polizeimajor Fendel-Sartorius als Verfasser des Heftchens: „Die Schutzpolizei und ihre Gefechtsgrundsätze“ zu Worte kommen ließ. Übersetzung und Nachdruck des „Eclair“ waren nicht autorisiert, aber unter den heutigen Umständen natürlich nicht zu verhindern gewesen. Dem Artikel war eine redaktionelle Notiz – M.H. gezeichnet – vorangeschickt, die mit den Worten begann: „Wir erhalten von einem berliner Publizisten folgende überzeugenden Enthüllungen über die Schupo …“

Der „Eclair“ hat niemals etwas von mir bekommen – weder direkt noch indirekt. Auch dieser Artikel war ihm niemals übersandt worden.

Am Erscheinungstag dieser französischen Übersetzung meines Artikels aus der „Weltbühne“ veröffentlichte das berliner Acht-Uhr-Abendblatt ein Telegramm seines pariser Korrespondenten unter der Überschrift: „Ein ‚Deutscher'“. Darin wurde ich beschuldigt, dem Ausland deutschfeindliches Material übergeben zu haben. Ich berichtigte diese Verleumdung – die Berichtigung erschien am neunundzwanzigsten Juli.

Seit diesem Tage tobt die reaktionäre Provinzpresse aller Kaliber um jene Lüge, deren Berichtigung für sie nicht existiert. Gesinnungsgenossen des Zuhälters Ankermann beschimpfen mich telephonisch, die Drohbriefe sind entsprechend – und das Ganze ist unendlich feige.

Ich stelle hier fest:

Ich habe niemals von einer Entente-Zeitung Geld oder sonst eine Vergünstigung bekommen – weder direkt noch indirekt. Ich habe niemals an das Ausland irgend welches Material gegeben. Was ich gegen eine militärisch eingestellte Nebenregierung habe sagen wollen, habe ich in der Heimat gesagt. Und nirgends anderswo.

Eine Presse, die Herrn Erich Ludendorff niemals verübelt hat, daß er in den Northcliffe-Zeitungen für ein Valuta-Honorar gegen die deutsche Republik hetzt, während die noch um ihr Leben kämpft, wird nicht so viel journalistischen oder politischen Anstand aufbringen, von dieser Erklärung Notiz zu nehmen.

Ich habe sie für meine Freunde aufgeschrieben, an deren guter Meinung mir liegt.


Autorenangabe: Kurt Tucholsky

Ersterscheinung: Die Weltbühne, 17.08.1922, S. 176

Editionen: Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker. 22 Bände, Rowohlt Verlag, Reinbek 1996ff., 1922

2 Kommentare
  1. […] Erklärung […]

    Pingback von Sudelblog.de – Das Weblog zu Kurt Tucholsky » Originaltexte — 5.1.2020 @ 20:18

  2. […] Tucholsky als Verräter zu hetzen. Daher sah er sich am 17. August 1922 in der Weltbühne zu einer „Erklärung“ gezwungen, in der es unter anderem […]

    Pingback von Sudelblog.de – Das Weblog zu Kurt Tucholsky » Was Kurt Tucholsky schmutzig fand — 26.1.2020 @ 19:07

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