24.5.2005

Verrissene Femme Fatale

Das, was die Mainzer „Allgemeine Zeitung“ über einen Chansonabend in der Mainzer „Alten Patrone“ schreibt, kann nicht anders als ein gnadenloser Verriss bezeichnet werden. Die Interpretin von Brecht- und Tucholsky-Stücken kann einem fast leid tun, wenn sie solche Sätze über sich in der Presse lesen muss:

Begleitet am Klavier von der begabten Andrea Wittgen, windet sich die Schleife von Lust und Leid menschlichen Seins zäh wie die Unzulänglichkeit desselben träge ins Unspektakuläre. Nichts zieht den Zuschauer in den Bann, nichts ist beschwörerisch und faszinierend genug, um Glaubwürdigkeit zu vermitteln. Von Saufliedern, über melodramatische Liebeslieder zieht sich das Repertoire fad über anderthalb Stunden, denen auch angedeutete laszive Bewegungen der seufzenden Dame und versuchte Femme Fatale Allüren nicht die Würze zu geben vermögen.

19.5.2005

In der Abstellkammer

Die „Berliner Zeitung“ widmet sich auf ihrer wöchentlichen Service-Seite Kultur dieses Mal dem literarischen Berlin. Genauer gesagt den Spuren, die die Literaten an den Häuserwänden hinterlassen haben. Nein, dabei handelt es sich nicht um Graffiti, sondern um Gedenktafeln, die von den Nachgeborenen in Erinnerung an die Wohnorte der Berliner Berühmtheiten angebracht wurden. Zwar hängt zum Glück nicht an jedem Haus, in dem Tucholsky einmal gewohnt hat, eine solche Tafel. Aber an einigen schon, wie in dem Text „Unruhe und Ungeduld“ aufgelistet wird. Interessant auch die folgende, eher unbekannte Tatsache:

Das Literaturhaus Fasanenstraße beherbergt sogar einige seiner Hinterlassenschaften – Möbel und Utensilien Tucholskys aus dem schwedischen Exil – untergebracht in einem Raum von dem Kritiker behaupten, er erinnere eher an eine Abstellkammer als an ein Ausstellungskonzept.

Never too late

Dass man anscheinend nie zu alt sein kann, um Tucholsky zu lesen, zeigt ein Porträt von „Deutschlands berühmtesten Stummfilmpianisten“ in der „Frankfurter Rundschau“. Ob besagter Willy Sommerfeld zu diesem Zweck noch auf eigene, in den zwanziger Jahren gekaufte Orginalausgaben zurückgreifen kann, bleibt leider unerwähnt.

17.5.2005

Bittere Liebe

Von Fritz J. Raddatz, Vorsitzender der Tucholsky-Stiftung, ist hinreichend bekannt, dass er seinen Tucholsky gut kennt und ihn auch ausgiebig zitiert. So auch in einem Text in der „Welt“, in dem er Dieter Fortes Roman „Auf der anderen Seite der Welt“ rezensiert. Darin heißt es an einer Stelle:

Nun wußte schon der kluge Tucholsky „Keine Liebe ohne bitter“. Will sagen: Der Roman hat einen Makel; gelungen bedeutet eben nicht vollendet.

Und weil allgemein bekannt ist, dass Raddatz in Sachen Tucholsky nicht unbedarft ist, sei hier nur kurz festgestellt: „Keine Liebe ohne bitter“ stammt nicht von Tucholsky und sollte daher in Zukunft bitte nicht als Tucholsky-Zitat in Umlauf gebracht werden. Was nicht heißen soll, dass sich dieser Satz nicht in einem Text von Tucholsky findet. Und zwar in der Glosse „Taschen-Notizkalender“, in dem sich über eine merkwürdig ins Deutsche übertragene Sammlung von Sprüchen ausgelassen wird:

Das Ding ist in deutscher Sprache verfaßt, unzweifelhaft – aber irgend etwas in der Druckerei muß feucht geworden sein: der Verfasser, das Papier oder der Setzer … es ist eine Art Privatdeutsch. So:
Über „Angaben und Rezepten über einfache Tierarzneikunde“, wobei zu bemerken: „Zur Vernichtung der Lause“ und „Zur Entfernung der Fliegen“ treten wir in den Jahreskalender, der durch allgemein belehrende Angaben und fromme Sprüche geziert ist
Peter Panter: „Taschen-Notizkalender“, in: Vossische Zeitung, 30.6.1928

Einer dieser frommen Sprüche lautet: „Liebe ist nicht ohne bitter“, – was Tucholsky mit dem Satz kommentiert: „Wem sagt der Kalender das!“ Er war eben nicht nur klug, sondern auch leidgeprüft.

14.5.2005

Gesammelte Sex-Erwähnungen

Zum 70. Todestag von Magnus Hirschfeld findet sich ein ausführliches Porträt des Sexualwissenschaftlers in der „taz“. Ralf Dose und Jan Feddersen weisen in ihrem Text „Der Sex-Sammler“ darauf hin, dass Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft auch von „freisinnigen Intellektuellen“ anerkannt worden sei.

Berlin war auch durch diesen Mediziner die Hauptstadt der World Queer Nation. Walter Benjamin, Kurt Tucholsky und Thea Sternheim erwähnten ihn in ihren Schriften gern.

In der Tat stießen Hirschfelds Bemühungen um sexuelle Aufklärung bei Tucholsky im Prinzip auf Sympathien. Aber im Detail äußerte er auch starke Kritik:

Die Persönlichkeit des Doktor Hirschfeld ist vielen von uns nicht allzu angenehm. Sein allzu hitziges und nicht immer geschmackvolles Eintreten für die Homosexuellen hat es jahrelang fast unmöglich gemacht, die Aufhebung des § 175 zu betreiben, weil sich die Materie unter seinen Händen langsam in ein Moorbad verwandelt hatte. Eine ziemlich üble Mischung von kitschiger Sentimentalität, falscher Romantik und einer Schein-Wissenschaftlichkeit, die mancher männlichen Jungfer einen Ersatz für das Leben bot, zeichneten Werke und Wirken des Mannes aus. Seine Aufklärungsfilme waren entsprechend.
Ignaz Wrobel: „Hepp hepp Hurra!“, in: Freiheit, 15.10.1920

Und selbst in den Fällen, in denen er Hirschfeld vor reaktionären Bestrebungen in Schutz nahm, brachte er seine Distanz zu dessen Vorgehensweise zum Ausdruck:

Es ist eine Dreistigkeit sondergleichen, einen Wissenschaftler wie Hirschfeld auf eine Schmutzliste zu setzen. Ich stimme mit dem Mann in vielen Punkten nicht überein; über die Art seiner Propaganda läßt sich manches sagen – aber doch immer mit dem Hut in der Hand, doch immer mit der Anerkennung: Hier hat sich einer für eine vernünftige Sache gegen seine Zeit und die Schande des Strafgesetzentwurfs gestemmt.
Ignaz Wrobel: „Nr. 1“, in: Die Weltbühne, 10.9.1929, S. 381

Wenn Tucholsky in seinen Schriften Hirschfeld „gern“ erwähnte, dann zum Teil wohl auch als abschreckendes Beispiel.

Vom „dicken Bären“

Nicht bei Ebay, sondern bei einem ganz gewöhnlichen Auktionshaus sind in der kommenden Woche zwei von Tucholsky signierte Bücher zu ersteigern. Wie die „FAZ“ in dem Artikel „You cannot escape Nietzsche“ berichtet, befinden sich die Exemplare vom „Pyrenäenbuch“ und von „Rheinsberg“ dabei in illustrer Gesellschaft:

In der umfangreichen Sammlung eines, wie der Katalog formuliert, „Hamburger Kosmopoliten“ finden sich Bücher der Weltliteratur in Widmungsexemplaren, unter anderen von Hans Christian Andersen, Gabriele d’Annunzio, Hugo Ball, Wolfgang Borchert, George Cruikshank, John Dos Passos, Max Ernst, Ernest Hemingway, Ferdinand Lassalle, Johann Caspar Lavater, Oskar Panizza, Kurt Schwitters, Gertrude Stein, Kurt Tucholsky, Walt Whitman – darunter eine besondere Rarität: Franz Kafkas „Der Heizer“, mit einer der höchst raren eigenhändigen Widmung Kafkas aus dem Jahr 1913.

Versteigert werden die Buchraritäten von dem Auktionshaus Hauswedell & Nolte. Detaillierte Angaben zu den beiden Tucholsky-Exemplaren finden sich hier.

Nachtrag: Das mit einer persönlichen Widmung versehene „Pyrenäenbuch“ erzielte einen Preis von 600 Euro, die signierte „Rheinsberg“-Ausgabe wurde für 500 Euro versteigert.




„Der Schlittschuhläuferin E.H.“ widmete der „dicke Bär“ Tucholsky eine Ausgabe seines „Pyrenäenbuchs“.

11.5.2005

Vergilbte Kritik

Ist das nun eine offene Kritik oder ein verstecktes Lob? In einem Porträt des „Pop-Poeten“ Sebastian Krämer schreibt Annedore Beelte in der „taz“:

Krämer holt die Poesie und das Gruselpotenzial der U-Bahnhöfe ans Licht. Nur von der Liebe berichtet er nichts Neues. Mau-Mau-Spielen im fremden Ehebett und Kuscheln im Altpapier – das lebt noch vom vergilbten Charme eines Tucholsky-Chansons.

Muss sich Tucholsky nun darüber grämen, dass seine charmanten Liebes-Chansons nicht mehr aktuell sind? Oder darf sich Krämer darüber freuen, immerhin mit dem vergilbten Tucholsky verglichen zu werden? Oder sollte sich die Liebe einmal ernsthaft fragen, warum es von ihr nichts Neues mehr zu berichten gibt? Viele letzte Fragen, die wohl nur die „taz“-Leser beantworten können.

7.5.2005

Das jüngste Gerücht

Ein sehr merkwürdiger Satz findet sich im aktuellen Dossier des „taz“-Magazins, das homosexuellen Opfern des Nationalsozialismus gewidmet ist. Unter dem Stichwort „Kriegsende mit begrenzter Freiheit“ hat Jan Feddersen einige Fakten über die Situation Homosexueller in den zwölf Jahren der Nazi-Diktatur zusammengefasst. Darunter auch diese Feststellung:

Schwule hatten im linken Widerstand so wenig Freunde wie im liberalen Bürgertum, mit Ausnahme von Kurt Tucholsky oder Klaus Mann: Maxim Gorkis Diktum, wer sich Schwuler erwehre, schlage auch den Faschismus, galt bis in linke Milieus hinein.

Was soll nun damit gemeint sein? Dass Kurt Tucholsky und Klaus Mann die einzigen bürgerlichen Freunde der Schwulen waren? Oder dass Tucholsky und Mann die einzigen Schwulen waren, die im linken Widerstand akzeptiert wurden? Gegen letztere Version, die vermutlich von Feddersen gemeint ist, spricht allerdings die Tatsache, dass Tucholsky im Gegensatz zu Klaus Mann gar nicht homosexuell war. Manchmal stehen wirklich merkwürdige Dinge in der „taz“.

4.5.2005

Null-Toleranz bei Zitaten

In der „Gästeliste“ des „Focus“ scheint es zur Gewohnheit zu werden, mit einem Tucholsky-Zitat glänzen zu müssen. In dieser Woche war Jessica Wahls damit an der Reihe. Wer Jessica Wahls ist? Laut „Focus“ eine „Ex-No-Angels-Sängerin und jetzt auch Moderatorin bei Neun Live“. Einer ihrer „7 Gründe, warum Toleranz wichtig ist“, besteht in dem angeblichen Tucholsky-Zitat, wonach Toleranz der Verdacht sei, dass der andere recht haben könne.

In diesem Fall ist der Verdacht aber recht groß, dass das Zitat nicht von Tucholsky stammt. In den „Gesammelten Werken“ nebst Ergänzungsbänden und diversen Briefsammlungen findet es sich zumindest nicht. Im „Schrotthaufen Internet“ (Joseph Weizenbaum) gibt es außerdem einige Zitatsammlungen, die andere Urheber nennen. Manche Seiten kennen Erweiterungen des Spruches (Kompromiss ist die Einsicht, der andere hat recht; Intoleranz ist die Angst, dass der andere recht hat) und bezeichnen ihn einfach als Lebensweisheit. Genügend Gründe, den Spruch nicht als Tucholsky-Zitat durchgehen zu lassen. „Furcht vor dem Kulturkampf ist noch keine Toleranz“, heißt es zu recht im „Pyrenäenbuch“.

3.5.2005

Zügellose Berliner

Wer die Kritik eines Kurt-Tucholsky-Rio-Reiser-Abends in der „Frankfurter Neuen Presse“ liest, muss einen merkwürdigen Eindruck vom Leben und Sterben der beiden Berliner bekommen. In der Rezension „Nichts für Grießbreifresser“ schreibt Maren Bonacker:

Sie liebten leidenschaftlich und waren nur selten mit einem Lebenspartner zufrieden. Sie verachteten Krieg und Gewalt und verliehen ihrer Forderung nach Frieden mit zum Teil drastischen Mitteln Ausdruck. Sie hassten Mittelmäßigkeit, wollten alles – und starben früh, Opfer ihres zügellosen Lebenswandels.

Nun ja. Was Tucholsky betrifft, so ist dieser bekanntlich nicht an den Folgen seines exzessiven Drogenkonsums gestorben. Zu irgendwelchen Geschlechtskrankheiten führten seine doppelten Lebenspartnerschaften ebenfalls nicht. Und die drastischen Mittel seiner Friedensforderungen bestanden nicht, wie man glauben könnte, in Bombenanschlägen auf preußische Kasernen, sondern lediglich in polemischen Texten.

Aber egal. Maren Bonacker war auf jeden Fall von dem Kabarett-Abend im hessischen Bad Nauheim sehr angetan.

Philipp Höck, Thomas Leichtweiß und Viola Muscolo fühlen sich in die Sprecher Tucholskys und Reisers ein, tragen die lyrischen Texte mit einer Intensität vor, die den Zuschauern eine Gänsehaut über den Rücken laufen lässt.

Eine Übersicht über die kommenden Vorstellungstermine findet sich hier.

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